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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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8. Kapitel
Mamsell Hagemeisters Kaffeegesellschaft

Warum Mamsell Turnau so spät zu Mamsell Hagemeisters Kaffeegesellschaft kommt und Mamsell Dibelius sagt: sie käme wie ein Geist daher. Der Rektor Hagemeister stört die Tafelrunde. Madame Dibelius setzt sich ihren Schutenhut auf, aber Madame Busse bleibt noch und ißt Fruchtspeise. Der Schwager bläst ein gefühlvolles Lied, und Peter Hagemeister tut das Herz weh.

 

Während sich Peter Hagemeisters Schicksal in Herrn Butzebachs Hause entschied, saßen hinter dem Rektorhause am wohlgedeckten runden Kaffeetisch Fräulein Aurelies Gäste. Der Tisch war so gestellt, daß der gut gepflegte Blumengarten gerade zu überschauen war, und der starke Duft der Lilien, die in üppiger Fülle blühten, umschmeichelte die Frauen. Drei waren darunter, die den Namen Dibelius führten, die Justizrätin, ihre Schwägerin Malve und Nettchens schöne heitere Mutter. Die war zufrieden, als sie hörte, Frau Langmann hätte mit ihrer Lotte nicht kommen können. Besuch vom Lande sei ihr ins Haus geschneit. Dafür war Madame Busse erschienen, und neben ihr gab's noch einen leeren Stuhl, da sollte Mamsell Turnau sitzen. Sie käme später, hatte sie sagen lassen, und Fräulein Aurelie Hagemeister war ein wenig verdrießlich über Frau Langmanns Nichtkommen und des alten Fräuleins Verspätung.

Die Gäste waren heiter, sie lobten den Kaffee, lobten den Kuchen und redeten von allerlei, vom schön gedeckten, festlichen Tisch, von der Obsternte, die in den Gärten heranreifte, von Dingen des Alltags, aber auch von Sonntagsfreuden. So war es immer, wenn eine Dibelius dabei war, da blieb das Gespräch sicher nicht in der Küche stecken oder im Waschtrog, denn die Frauen Dibelius hatten alle drei einen offenen Sinn für die Schönheit des Lebens, und sie wußten anmutig davon zu reden. Die Justizrätin war sanft und gelassen, Mamsell Malve redete schnell, klug und witzig, und Nettchens Mutter glich einem schönen Sommertag, sie war ruhig und lebendig, heiter und ernst zugleich, und immer strahlte warm die Sonne ihrer Güte.

»Mamsell Turnau bleibt heute aber gar zu lange aus,« sagte, als die Tassen schon zum zweitenmal gefüllt wurden, die Gastgeberin ungeduldig.

»Gut Ding will Weile haben,« scherzte Fräulein Malve, »und wer ist es, der Agathe Turnau nicht ein gutes Ding nennt?«

»Das ist sie,« sagte Nettchens Mutter. Sie war einst auch in Mamsell Turnaus lustige kleine Schule gegangen und verkündete nun froh der Abwesenden Lob.

»Eia, das heißt zwar, der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand, aber wenn die Nachrede so freundlich klingt, lasse ich sie mir schon gefallen.«

»Lieber Himmel, da ist sie, wie ein Geist kommt sie daher!«

»Ein recht fülliger Geist, sollt' ich meinen, liebe Malve!« Mamsell Turnau war unbemerkt um das Haus herumgekommen und hatte noch die letzten Reden gehört. Heiter begrüßten die Frauen sie, und sie lachte und sagte fröhliche Worte; aber Mamsell Malve Dibelius, die ihre Jugendfreundin war, fragte sie doch gleich: »Welches von deinen Schäflein hat dir heute Sorge gemacht, Agathe, welchem bist du auf die Weide nachgegangen?«

»Nettchen ist's.« Mamsell Turnau tat einen kellertiefen Seufzer. »Ja, Nettchen macht mir Sorge!«

»Nettchen, unser Nettchen, mein Nettchen,« riefen Großmutter, Großtante und Mutter zugleich.

»Liebste Mamsell Turnau, nehmen Sie doch von diesem Kuchen,« nötigte Fräulein Aurelie; sie fand, das Gespräch über Nettchen sei nicht so wichtig. Und Mamsell Turnau nahm wohl Kuchen, sie unterließ es aber, wie es eigentlich Sitte war, das Aussehen des Gebäcks zu preisen. Tief bekümmert erzählte sie, was sich am Morgen zugetragen hatte, sie tat es ein wenig breit und umständlich, und die Gastgeberin mahnte dreimal dazwischen: »Liebste, Ihr Kaffee wird kalt.«

Doch der Kaffee bekümmerte Mamsell Turnau wenig, auch die anderen Damen ließen das duftende Getränk unberührt stehen, und Nettchens Mutter sagte sogar: »Ich muß nach Hause gehen und nach meinem Kinde sehen.«

»Ei, das wäre noch schöner,« rief Fräulein Aurelie entrüstet. »Nein, Madame Dibelius, meine Fruchtspeise müssen Sie erst noch kosten.«

Fräulein Hagemeisters Fruchtspeisen waren berühmt in Neustadt, und Frau Busse, die gern etwas Gutes aß, es aber auch andern gönnte, mahnte: »Nur nicht so eilig, Madame Dibelius, eine Kinderei muß man nicht so schwer nehmen, und vielleicht hat sich ihr Nettchen mal wieder mit Peter Hagemeister gezankt.«

»Mit Peter, unserem Peter, dem faulen Schlingel? Zuzutrauen wäre es dem,« rief Peters Tante, und just wollte sie ihre Sorgen der Tafelrunde auskramen, als vom Garten her ihr Bruder kam.

»Josua, wo kommst denn du her?« rief ihm die Schwester entgegen, »ich wußte gar nicht, daß du im Garten bist!«

»Ich war drüben bei unserem Nachbar Butzebach.« Des Rektors Stimme rollte und grollte zornig. »Dort habe ich schöne Dinge von Peter, dem Taugenichts, gehört.«

Die Frauen sahen sich erschrocken an, nur Madame Busse, die nicht so leicht ihre behagliche Heiterkeit verlor, sagte begütigend: »Je, ja, so schlimm wird's nicht sein. Jungens und Dummheiten, das gehört zusammen wie Kaffee und Kuchen. Ich hab' drei Jungens großgezogen, ich kenne das!«

Der Rektor war ein heftiger Mann, seine Galle war am Überlaufen, und heftig schrie er: »Für mich ist der Junge abgetan, und Sie, Madame Dibelius, werden auch erstaunt sein, wenn Sie hören, was Peter mit Ihrem Nettchen zusammen angezettelt hat.«

»Mit Nettchen?« Vierfach klang der Ruf, und Mamsell Turnau rückte sich kampfbereit zurecht, sie lebte ohnehin immer ein wenig im Krieg mit dem Herrn Rektor, der ihre Mädchenschule sehr von oben herab ansah. »Nettchen Dibelius zettelt nichts an, Herr Rektor Hagemeister, das Wort paßt nicht,« erklärte sie scharf.

Das war nun das letzte Tröpflein zum Überlaufen gewesen; zisch, brrr, ging es los, und die sechs Frauen bekamen Peters schlimme Missetat statt Fräulein Aurelies köstlicher Fruchtspeise vorgesetzt, und sie erfuhren von Nettchens Besuch bei Herrn Butzebach.

»Das war ganz vernünftig von dem Mädchen,« lobte die Justizrätin, und Nettchens Mutter dachte, sie hat ihrem Freund helfen wollen, fing sie's verkehrt an, bös war es doch nicht gemeint.

»Und was sagt mein Freund Jukundus Butzebach dazu?« fragte Fräulein Malve mit einem spitzen Lächeln. »Grollt der auch so arg?«

»Der, der ist verschroben, ist ein Sonderling, ein verkehrter Idealist. Er hat sich von mir die Sorge für den Jungen übertragen lassen, nun, er wird –«

»Freude daran haben, ja!« Jetzt setzte sich auch Fräulein Malve kampfbereit zurecht, und ihre Stimme klang hell und scharf. »Ein Sonderling, nun ja, ein wenig ist das Freund Jukundus, aber verschroben und verkehrt, nein, mein Herr Rektor, das ist er nicht, und eine Sache, die er in die Hand nimmt, die wird gut.«

»Ich glaub's auch.« Frau Dibelius hatte sich eilig ihren großen Schutenhut aufgesetzt und band die resedagrünen Bänder eifrig zusammen. »Ich muß gehen. Was mein Nettchen getan hat, war vielleicht töricht, aber kein Unrecht, nur jetzt muß ich hin, und sie muß mir alles sagen, solche Dinge muß eine Mutter wissen.«

»Recht so, und ich gehe zu Jukundus Butzebach, ich muß doch hören, was er mit dem Peter anfangen will.« Fräulein Malve Dibelius band sich ebenso geschwind wie ihre Nichte, die dottergelben Hutbänder zu, und Mamsell Turnau stülpte sich nicht minder schnell ihr taubengraues Hutungetüm auf: »Ich geh mit.«

Madame Busse erhob sich langsam; es tat ihr leid um das gestörte Beisammensein; sie zupfte unschlüssig die seidenen Fransen ihres veilchenfarbenen Umschlagtuches zurecht und seufzte: »Ja, ja, es wird wohl besser sein, ich gehe auch.«

»Meine Fruchtspeise, der dumme Peter,« klagte Fräulein Aurelie.

»Ich bleibe noch, meine Werteste!« Die Justizrätin sagte es sanft und gelassen, und Madame Busse, die sich schon als Kind nach dieser Kameradin gerichtet hatte, setzte sich geschwind wieder hin: »Ich bleibe auch.«

»So ist's recht!« Die Justizrätin nickte Schwägerin, Schwiegertochter und der alten Freundin lächelnd zu. »Und ihr, ihr Eiligen, Jugendlichen, geht nur, Nettchen braucht gewiß die Mutter, und Herr Butzebach redet wohl gern mit der alten Freundin. Uns hier erzählt der Herr Rektor gewiß noch einmal das Geschehene, ich hab' es nur halb verstanden, nicht wahr, Trinchen Busse, dir geht es ebenso?«

Meine liebe Schwägerin ist und bleibt die weiseste Frau in Neustadt, dachte Fräulein Malve; sie bringt sicher den zornigen Herrn Rektor zur Sanftmut, und Trinchen Busse wird so viel Fruchtspeise essen, daß die gute Aurelie darüber heiter und vergnügt wird.

Es wurde ungefähr so, wie es das kluge Fräulein Dibelius ahnte. Nach einem kurzen eiligen Abschied sagte am runden Kaffeetisch die Justizrätin sanft: »Nun erzählen Sie, so im kleinen Kreise spricht es sich besser über die Dinge.« Dann wußte sie manches gute Wort dazwischen zu sagen, ohne doch zu widersprechen. Rektor Hagemeister war ein etwas heftiger, aufgeregter Mann, wenn der Sturm vorüber war, dann dachte er wieder zu gerecht, um nicht zu Nachsicht und Versöhnung geneigt zu sein. Peter Hagemeister konnte keinen besseren Anwalt finden, als die sanfte stille Frau; Rektor Hagemeister sagte wenigstens: »Nun, man kann ja überlegen – vielleicht spreche ich morgen mit ihm.«

Frau Dibelius, ihre Tante und Mamsell Turnau gingen unterdessen über den Liebfrauenplatz, und die Mutter fand den kurzen Weg lang, weil ihr die Sorge ins Herz gesunken war. Doch da, wo die Johannesstraße, in der Dibelius' Gartenhaus stand, begann, rannte Nettchen den drei Frauen in den Weg. Sie lief so schnell, daß Sünder ihr nur mit Mühe folgen konnte und über die allzu große Eile schalt. »Mutter,« schrie Nettchen, »Mutter, sie ist nicht entzwei gegangen und Herr Butzebach stellt sie in seinen Schrank.«

»Wer, sie? Meinst du den Peter, will den Herr Butzebach in seinen Schrank stellen?« fragte Fräulein Malve. Frau Dibelius aber faßte erschrocken nach des Kindes Hand: »Nettchen, was redest du da?«

»Sei nicht böse,« flehte Nettchen, »ich konnte es dir doch nicht sagen, und Peter gibt sie mir zurück, wenn er groß ist, und ich darf ihn oft besuchen.«

»Wen, was, aber Mädchen, was meinst du eigentlich?«

Von der Königstasse hatte Rektor Hagemeister nichts gesagt, und es war gut, daß Sünder herankam, der erzählte das Geschehene, erzählte von der verpfändeten Tasse, und Nettchen barg schluchzend ihren Kopf an der Mutter Brust: »Tut es dir leid?« fragte die.

»Nein, oh nein, sei du nur nicht böse.«

»Ich bin nicht böse, die Tasse war dein Eigentum, und wenn du mich auch vorher hättest fragen müssen, das verzeihe ich dir. Du hast ein Opfer gebracht, ein Opfer darf man aber auch nicht bereuen.«

»Nein, es tut mir nicht leid, kein bißchen!« Nettchens Augen strahlten schon wieder, und die Mutter wußte, ihr Kind würde wirklich nicht um das Opfer klagen.

Sie gingen heim.

Nettchen hatte der Mutter noch unendlich viel zu erzählen, und Fräulein Malve sagte zu der Jugendfreundin: »Den Besuch bei Freund Butzebach gebe ich auf, der mag erst einmal Peter den Kopf zurechtrücken. Aber wir beide könnten es machen wie damals, als wir so alt wie Nettchen warm. Erst bringst du mich, dann bring ich dich, und wenn Sünder mit von der Bringerei ist, mir soll's recht sein!«

Aber Sünder behauptete, er habe noch viel zu tun. »Geheimniskrämer,« schalt Fräulein Malve, »man sieht ihm das Geheimnis schon an der Nase an. Was ist's denn?«

Da rannte Sünder spornstreichs davon, denn er wußte, begann seine alte Freundin erst einmal zu fragen, dann sagte er doch, was er nicht sagen wollte, und er hatte es Herrn Butzebach versprochen, ihm für morgen früh eine Extrapost zu bestellen und es niemand zu verraten.

Die Extrapost blieb wirklich ein Geheimnis, obgleich so etwas in Neustadt immerhin zu den Seltenheiten gehörte, wer so leichtsinnig war, zu reisen, mußte sich schon einige Neugier seiner lieben Mitbürger gefallen lassen. In aller Herrgottsfrühe, das Städtchen schlief noch, blies der Schwager vom Bock herab durch die stillen Straßen ein wehmütiges Lied:

»Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,
Wenn die Rosen nicht mehr blühn,
Wenn der Nachtigall Gesang
Mit der Nachtigall verklang,
Fragt das Herz in bangem Schmerz:
Ob ich dich wohl wiederseh?
Scheiden, ach Scheiden tut weh.«

Und obgleich in den Neustädter Gärten noch die Rosen blühten und die Schwalben noch zufrieden in ihren Nestern saßen, war es doch Peter Hagemeister gerade so zumute, als sei alle Sommerfreude vorbei. Manchmal hatte er in seinen trotzigen Gedanken gedacht, ach was, ich lauf' in die weite Welt hinein, und nun er sogar fahren konnte, tat ihm das Herz bitter weh.

Wohin ging die Reise? Er wußte es nicht, Herr Butzebach hatte gesagt, »Wir fahren!« und sie fuhren.

»Rutterumpumpum,« rasselte die Post durch die Straßen; nun kam der Liebfrauenplatz, da lag das Gymnasium, das Rektorhaus. Noch waren seine Fenster geschlossen wie müde Augen, und der Garten lag in tiefem Schweigen. Peter seufzte schwer und kämpfte nur mühsam die Tränen zurück. »Nach der ersten guten Zensur darfst du deinem Onkel schreiben, dann wird er dir schon verzeihen,« tröstete Herr Butzebach, der, wie immer im grauen Rock, neben ihm saß.

illustration: Arthur Scheiner

»Kopf hoch und nicht verzagt ...«

Vorbei, am Liebfrauenplatz vorbei. Da kam die Johannesstraße, das freundliche Dibeliushaus.

»Fragt das Herz in bangem Schmerz:
Ob ich dich wohl wiederseh?«

Der Schwager tutete gefühlvoll, und in ihrem Stübchen wurde Nettchen halb munter; eine Extrapost, das war ein Ereignis! Sie war aber noch sehr müde und schlief gleich wieder ein, draußen verhallte das Blasen:

»Scheiden, ach Scheiden tut weh.«

Peter Hagemeister kauerte im Wagenwinkel wie ein Häufchen Unglück. Hätte er doch Nettchen Lebewohl sagen und ihr versprechen können, er würde die Königstasse zurückerarbeiten.

Und nun das letzte Haus von Neustadt. Jetzt kam bald Reinshagen, Jochen Busses Ferienziel. Ein paar Tage noch, und die Ferienlust begann, und die Mutter würde ihn vergeblich erwarten.

Nun kamen die Tränen doch, die Peter so lange mühsam bekämpft hatte, er schluchzte verzweifelt auf, doch da sagte Herr Butzebach neben ihm: »Kopf hoch und nicht verzagt, frisch hinein ins neue Leben! Und wenn du es wissen willst, wohin die Reise geht, zuerst zu deiner – Mutter.«

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