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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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7. Kapitel
Nanettes Pfand

Fritze Busse entrüstet sich über den Rektor, ein Ranzen fällt zu Boden und es werden ernste Worte gesprochen. Herr Butzebach verlangt ein Pfand. Peter Hagemeister sagt: »ich will«, und Friedhold Gottlieb Sünder bringt Nettchen heim, die plötzlich große Sehnsucht nach ihrer Mutter empfindet.

 

Peter Hagemeister war an diesem Morgen mit dem Frohgefühl aufgewacht, der Tag bringt mir Befreiung! Dies Frohgefühl hatte ihn in die Schule begleitet, und zum erstenmal wieder seit Wochen wurde es für Peter ein Vormittag, an dem er keinen Tadel erhielt. Ja, sein Klassenlehrer sagte sogar: »Na, Hagemeister, das geht heute ja merkwürdig gut, hoffentlich bleibt's so!«

Es sollte so bleiben. Peter hatte die allerbesten Vorsätze, und mit diesen guten Vorsätzen wanderte er wieder in die Nachmittagsschule, den geraubten Schillerband im Ranzen. Um fünf Uhr wurde die Schule geschlossen, dann wollte er gleich zu Herrn Butzebach laufen, und mit Nettchens Hilfe würde alles gut werden. In der Vieruhrpause tollte Peter höchst vergnügt mit seinen Kameraden im Schulhof herum, und wenn er nach des Nachbars Haus hinübersah, bedrückte ihn nicht einmal Angst, er hatte die feste Zuversicht, Herr Butzebach verzieh ihm.

»Heute biste mal wieder anständig!« Jochen Busse gab seinem Freund einen liebevollen Rippenstoß, und der fiel dabei gegen die Wand. Er nahm den Puff aber nicht übel, sondern puffte wieder und sagte ernsthaft: »Es muß jetzt anders werden mit mir!«

»Hört, der Rex ist in unserer Klasse gewesen und hat geschnüffelt!«

Ferdel Langmann tuschelte es den beiden zu, und Peter wurde plötzlich kreideweiß; der Oheim war oben gewesen, wenn – Himmel – wenn der in seinem Ranzen den Schillerband entdeckt hatte! Er stürzte hinauf, riß seinen Ranzen aus dem Pult, alles steckte drin, wie er es hineingetan hatte, auch der geraubte Schillerband. Und doch, schwer und heiß legte sich ihm die Angst auf sein Herz; hatte der Oheim wirklich nicht hineingesehen?

»Hört, bei mir hat der Rex alles durchgeschnüffelt!« schrie Fritze Busse, Jochen Busses Vetter. Entrüstet schlug er mit der Faust auf den Ranzen. »So was!«

Aber da trat der Lehrer in das Zimmer, die Stunde begann und die Buben mußten ihre Entrüstung über ihres Rektors Tat verschlucken.

Hatte er hineingesehen oder nicht? Wie ein Mühlrad kreiste die Frage in Peters Kopf herum, und die Stimme des Lehrers, seine Fragen verhallten ihm ungehört. Er rutschte auf seiner Bank hin und her, und zweimal wurde er ermahnt: »Sitz still, Hagemeister.«

Wie lang sich die Stunde dehnte, wie endlos lang!

Peter meinte, die Uhr sei draußen gewiß stehen geblieben, oder irgend etwas mußte mit der Zeitrechnung nicht stimmen, da endlich schrillte die Klingel auf. Schluß für heute, nun schnell zu Herrn Butzebach!

Jochen Busse wollte Peter noch etwas sagen, der hörte nicht darauf; da hielt ihn Fritze Busse am Jackenknopf fest und Peter riß sich so ungestüm los, daß der Knopf in des Kameraden Händen blieb. Nur fort, hinaus, erlöst werden von der Last der heimlichen Schuld. –

Mit ein paar hastigen Worten hatte Peter dies alles und seine neue Angst Nettchen Dibelius erzählt. Sie standen beide in dem Flur des Butzebachschen Hauses, denn sie waren leichter hineingekommen als sie gedacht hatten. Nun sahen sie sich in dem hellen freundlichen Treppenhaus um, rechts und links waren Türen und nach oben führte eine breite Treppe, in Nischen zur Seite standen weiße Göttergestalten.

Es war hell und heiter und doch wieder feierlich still in dem Hause, und Nettchen dachte daran, daß ihre Tante Malve gesagt hatte: »Bei Herrn Butzebach ist eine andere Welt.«

»Was wollt ihr denn?« Von oben her tönte die Frage, dort beugte sich ein älterer Mann verdrießlich über das Treppengeländer, »was habt ihr denn hier zu suchen?«

»Ich bin Nettchen Dibelius und will meine Königstasse zeigen.« Das Wort, das sich Nettchen so oft vorgesagt hatte, wollte ihr nicht so schnell und leicht aus dem Munde kommen, wie sie es gedacht hatte, sie stotterte und sprach ganz leise, aber der Diener verstand sie doch.

Verblüfft sah er drein. »Willst du die Tasse Herrn Butzebach schenken?«

»Nein, nur zeigen,« rief Nettchen erschrocken.

»Und der da?«

»Das ist Peter Hagemeister, der soll nur so – so – na, so mitkommen.«

»Ach so, Hagemeister, na, dann stimmt's schon. Da geht nur rechts hinein und immer geradeaus, da sind die Herren!«

Die beiden hörten nicht auf die letzten Worte, in der Freude, so leicht zu Herrn Butzebach zu kommen. Peter öffnete die Türe und beide gingen rasch, ohne sich viel umzusehen, durch zwei große helle Zimmer, zu einem dritten war die Tür nur angelehnt, und Peter stieß sie entschlossen auf. Da –

Peters Ranzen, den er in der Hand hielt, fiel mit schwerem Plumps zu Boden und Nettchen stieß einen hellen zitternden Angstschrei aus.

Mitten in dem großen Gemach, im vollen Licht der hineinstrahlenden Sonne, stand – der Rektor Hagemeister.

Nur diesen einen sahen Peter und Nettchen, und unwillkürlich faßte Nettchen des Freundes Hand. Dem drehte sich alles im Kreise, er wußte, der Oheim hatte seinen Ranzen gesehen, nun war alles vorbei, nun blieb ihm nur noch das Davonlaufen.

Aus der Tiefe des Zimmers mehr in das Licht trat ein schmächtiger älterer Herr, seine großen klaren Augen ruhten prüfend auf dem verwirrten Buben, ernst, aber nicht unfreundlich fragte er: »Hast du wirklich unter deinen Büchern eins, das mir gehört?«

»Ja!« Peter brachte kein Wort weiter heraus, er wußte ja, er war verloren.

»Woher hast du das Buch?« Die Stimme des Rektors grollte wie ein herannahendes Gewitter, und Peter ahnte dumpf, das Gewitter würde furchtbar werden. »Wie kommt ein fremdes Buch in deine Hand? Hast du es – entwendet?«

Der Knabe duckte sich unter dieser harten Frage, wie unter einem Peitschenhieb, doch da tönte Nettchens Rufen hell durch den Raum: »Nein, nein, er hat's nicht böse gemeint.«

»Lieber Himmel, unser Nettchen,« sagte da jemand gut und weich.

»Sünderchen!« schrie Nettchen und stürzte auf den alten Freund zu. »Liebstes, bestes Herzenssünderchen, hilf uns, ach, hilf uns doch!«

»Ist das Nanette Dibelius?« Nettchen hörte feierlich ihren Namen klingen, Herr Butzebach hatte ihn genannt, und sie wagte nun erst den Herrn des Hauses recht anzusehen. Der stand im grauen Rock, schmal und klein, in dem schön und prunkvoll eingerichteten Gemach, gleich einem Schatten. Aber seine Augen waren seltsam hell, wie zwei Sterne, und Nettchen wurde rot und blaß unter ihrem forschenden Blick; aber sie hielt stand, und je länger sie Herrn Butzebach in die Augen sah, je ruhiger, froher wurde sie.

»Sag', wie es mit dem Buch gekommen ist,« schrie der Rektor zornig seinen Neffen an.

»Ich hab's genommen,« murmelte Peter fast gleichgültig.

»Aber er wollt's gleich, gleich zurücktragen,« rief Nettchen. Und hastig, eilig, mit einer Stimme, die wie ein scheuer Vogel in Angst hin und her flatterte, begann sie zu erzählen; sie sagte alles, was Peter ihr anvertraut hatte, und sagte noch liebe entschuldigende Worte dazu.

Ein paarmal unterbrach ein zorniger Ruf des Rektors die Kleine, einmal dröhnte die Hand des Mannes schwer auf dem Tisch, »Schurke«, aber immer bat Herr Butzebach ruhig: »Lassen Sie das Kind erzählen«, und Sünder mahnte ängstlich: »Weiter, Nettchen, weiter.«

Nettchen sagte alles, auch von der Königstasse erzählte sie, die das Schlüßlein hatte sein sollen, ihr dieses Zauberhaus zu öffnen. Da kam und ging ein Lächeln über Herrn Butzebachs Gesicht: »Dachtest du, ich lasse niemand in mein Haus?« fragte er.

»Kinderei,« grollte der Rektor, »Narrenspossen zu unrechter Zeit. Deinen Eltern wird es keine Freude sein, daß du einen – Dieb zum Gefährten hast.«

»Onkel!« Peter schrie verzweifelt auf und dann brach er jäh neben seinem Ranzen zusammen wie zerschlagen.

Ein Dieb, Herrgott, ein Dieb wurde er genannt.

Er hörte nur dies eine Wort, hörte es tausendfach wie im wilden Tosen und er konnte nicht schreien, nicht schluchzen, seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

»Peter ist kein Dieb!« Nettchen umklammerte ihren Freund Sünder, »sag' du's auch, Peter ist kein Dieb,« flehte sie unter Tränen. »Nein, nein!«

»Ih wo, mein Nettchen, es war nur eine Dummheit, weiter nichts.«

»Eine Schurkerei,« schrie der Rektor auf, der ein heftiger Mann war.

»So geht das nicht, Herr Rektor!« Herr Jukundus Butzebach sagte es gelassen, aber seine Stimme bezwang doch den Wütenden, der mit erhobener Hand auf Peter zugegangen war. »wir beide wollen uns einmal aussprechen, ganz allein, es gibt da wohl allerlei zu überlegen. Freund Sünder bleibt hier bei den beiden.«

illustration: Arthur Scheiner

»Aber er wollt's gleich, gleich zurücktragen,« rief Nettchen

Peter warf einen scheuen Blick nach der Türe, da sagte Herr Butzebach mahnend: »Und du, Nanette Dibelius, hüte deinen Freund, versprich es mir, daß er hierbleibt!«

Nettchen nickte nur, aber sie hielt freimütig den klaren, hellen Blick des alten Herrn aus; da strich der ihr sacht über das Haar: »Ich vertraue dir!«

Die beiden Männer gingen aus dem Zimmer, die Tür fiel scharf ins Schloß und eine tiefe Stille breitete sich im Raume aus. Nur eine große Fliege summte von Fenster zu Fenster, immer wieder schlug sie dumpf an die geschlossenen Scheiben, und Peter dachte: sie will auch hinaus, wie ich. Er richtete sich jäh auf und sagte hastig: »Ich geh', ich muß fort.«

»Du mußt bleiben,« rief Nettchen erschrocken, »ich hab's versprochen. Nicht wahr, Sünderchen, er muß bleiben.«

»Freilich, freilich,« sagte der Alte, »Peter bleibt schon.«

»Nein, ich geh', es ist doch aus.« Peter schüttelte finster den Kopf und wiederholte störrisch: »Ich geh'!«

»Unsinn, du bleibst, mein Junge!« Der alte Friedhold Gottlieb legte seine Hände auf des Knaben Schulter, »davonlaufen ist leicht, aber nachher kommt das Schwere. Jetzt hat mein Freund Jukundus die Sache in der Hand, da wird's gut, verlaß dich drauf.«

Doch Peter Hagemeister war wenig geneigt, auf Herrn Butzebachs Hilfe zu trauen, und Nettchen und ihr alter Freund hatten viele Mühe, ihn zu halten, immer wieder sah er scheu und fluchtbereit nach der Türe hin. Er hatte nur die eine Sehnsucht, hinauszulaufen in die weite, weite Welt, immer weiter, was dann geschah, war ihm gleichgültig.

Wenn er nur hätte heulen können, schreien, aber keine Träne kam ihm, und seine Augen blieben trocken.

Die Zeit verrann. Minute auf Minute verging, sie reihten sich zu Viertelstunden aneinander, doch den wartenden schienen es Stunden zu sein.

Manchmal drang durch die geschlossenen Türen lautes zorniges Sprechen, der Rektor war es, und jedesmal dachte Peter: »Ich muß fort, fort, fort.«

Eine Tür schlug irgendwo laut zu, Schritte dröhnten und dann tat sich sacht die Türe des Zimmers wieder auf, und Herr Butzebach trat ein – allein.

»Peter Hagemeister,« sagte der alte Herr ernst, »dein Oheim ist gegangen, er hat soeben deine Zukunft in meine Hand gelegt.«

Fragend starrte Peter Herrn Butzebach an, er verstand ihn nicht; sollte es bedeuten, daß der Oheim nichts mehr von ihm wissen wollte?

Herr Jukundus Butzebach verstand die stumme Frage und er gab auch Antwort. »Ich will es dir offen sagen, mein Junge, dein Oheim hat das Vertrauen zu dir verloren.«

Peter zuckte zusammen, nun war seine bange Ahnung doch zur Wahrheit geworden; aber da faßte auch schon Nettchen wieder tröstend nach seiner Hand: »Er wird dir schon verzeihen.«

»Nanette Dibelius hat Vertrauen zu dir, Peter Hagemeister,« fuhr Herr Butzebach fort, »und sie hat mich damit angesteckt, mich, und ich denke auch Freund Sünder, stimmt's?«

»Freilich, freilich,« rief der alte Friedhold Gottlieb, und er nickte dem armen Peter so gut und mild zu, daß dem die Tränen kamen, die er so lange nicht hatte weinen können, aufschluchzend warf er sich über seinen Ranzen, und er weinte so bitterlich, als müsse sein Herz vor Leid zerspringen.

»So ist's recht, Peter Hagemeister, weine dich aus,« sagte Herr Butzebach, »morgen reden wir über deine Zukunft.«

»Ich will fort," ächzte Peter verzweifelt.

»Heute nicht, morgen vielleicht.« Herr Butzebach ging mit leisen Schritten auf und ab im Zimmer, er ließ Peter weinen; endlich aber blieb er vor ihm stehen und sagte: »Steh auf, mein Junge, und höre mir zu. Ich habe gesagt, ich will Vertrauen zu dir haben, weil Nanette Dibelius dir vertraut, und ich will dir helfen, zurecht zu kommen im Leben und ein tüchtiger Mann zu werden, einer, an dem deine Mutter – deine gute Mutter ihre Freude hat.«

Die Mutter! Der Gedanke an ihren Kummer hatte Peter die ganze Zeit nicht verlassen, immer meinte er ihr blasses, trauriges Gesicht zu sehen, ihren sanften, wehen Blick; ach, ihr durfte er gewiß nie mehr unter die Augen kommen, und verzweifelt stöhnte er: »Ich möchte sterben.«

»Unsinn!« Herr Butzebach lächelte sacht, »so leicht stirbt ein gesunder Junge nicht, und meinst du, daß du damit deiner guten Mutter eine Freude machen würdest? Nun raff' dich mal auf, beiß die Zähne zusammen und sage mir: ich will. Ich will fleißig arbeiten, lernen und streben, will ein tüchtiger Mann werden.«

Ein paar Herzschläge lang war es ganz still im Zimmer, Peter rang mit sich, aber er hatte alles Zutrauen zu sich verloren, er konnte das verlangte »Ich will« nicht sagen, denn er meinte, nie mehr heraus kommen zu können aus der Schmach, die er auf sich geladen hatte.

»Nanette,« sagte Herr Butzebach da in die Stille hinein, »willst du mir für deinen Freund etwas schenken, mir durch ein Pfand zeigen, daß du Vertrauen zu ihm hast.«

»Etwas schenken,« stammelte Nettchen verwirrt, die Herrn Butzebach gar nicht begriff; was sollte sie ihm denn geben?

»Packe einmal deine Königstasse aus, mein Kind, du hast sie ja mitgebracht.«

Ihr Freund Sünder kam dem verlegenen Nettchen zu Hilfe, er nahm das Körbchen, enthüllte sorgsam die schöne Tasse und stellte sie vor Herrn Butzebach auf einen runden Tisch hin. »Da ist sie, die Tasse des Königs!«

Herr Butzebach nahm die schimmernde Tasse und betrachtete sie sinnend; er sah lange das feine Bildchen an, und vorsichtig strich er über den breiten goldenen Rand des Tellers. »Eine feine Arbeit,« lobte er und stellte sie vorsichtig wieder hin. Dann wandte er sich zu Nettchen: »Hast du wirklich Vertrauen, daß Peter es noch zu etwas Rechtem bringen wird?«

Nettchen wurde rot wie eine kleine Rose, sie spürte den tiefen Ernst der Frage, spürte, welche Verantwortung sie nun wirklich übernahm, aber sie sagte tapfer: »Ja.«

»Nun gut, du hast Vertrauen, du sollst mir aber auch ein Pfand geben zum Zeichen deines Vertrauens, Nanette. Du sollst mir deine Königstasse geben, so lange bis Peter Hagemeister hier vor mir steht und sagt: ›Ich habe mein Ziel erreicht, ich bin etwas Rechtes geworden.‹ Dann darf er dir selbst die Tasse zurückgeben, bis dahin mußt du dich von der Tasse trennen, Nanette. Es wird vielleicht lange dauern, willst du das auf dich nehmen? Überlege es wohl, auch bis morgen oder länger!«

Nettchen Dibelius sah auf ihre Königstasse, ihr schönes Besitztum, und dann sah sie auf Peter, der bleich mit fest geschlossenen Lippen dastand, mutlos, an sich selbst verzagend, und sie sagte rasch, mit einem Jauchzen in der Stimme: »Ich will.«

»Siehst du, Peter Hagemeister, wie groß Nanettes Vertrauen ist, welches Opfer sie dir bringen will, hast du da nicht auch den Mut, zu sagen: ›Ich will‹?«

Herr Butzebach streckte Peter seine Hand hin, da legte der rasch die seine hinein, und halb erstickt von Tränen und Leid stieß er hervor: »Ich will.« Und dann bückte er sich schnell, nahm seinen Ranzen und zerrte das Buch heraus, das unglückselige Buch, und gab es Herrn Butzebach.

Der nahm es und ein ganz feines Lächeln ging über sein Gesicht. »Ja, ja, der Schiller, er läßt einen nicht leicht los. Er soll dir aber auch bleiben, du sollst das Buch behalten, als Mahnung und – als Wegweiser.« Der alte Herr ging zu einem Schreibtisch, der am Fenster stand, und schrieb ein paar Worte in das Buch und reichte es dem Peter zurück: »Lies, was darin steht.«

Doch dem Buben gehorchte die Stimme noch nicht, und vor den Augen flimmerte es ihm; aber Sünder bog sich über ihn und las statt seiner, ernst und feierlich, ein Wort aus Schillers Piccolomini, über dem stand: Zum Gedächtnis an eine ernste Stunde:

»Woran erkennt man aber deinen Ernst,
Wenn auf das Wort die Tat nicht folgt?«

»Sie soll folgen, die tapfere Tat, Peter Hagemeister, nicht wahr?« Herr Butzebach zog den Knaben an sich, fest, als wollte er ihn schützen, und Peter fühlte, der fremde Mann war ihm in dieser schweren Stunde ein Freund geworden. Ein tiefes Aufatmen hob seine Brust und er sagte leise und fest: »Ja.«

Nettchen dachte, es ist wie in einer Kirche, und sie erschrak fast, als Sünder zu ihr redete: »Wir zwei gehen nun heim, Nettchen, ich bringe dich und sage deiner Mutter gleich, wie es mit der Königstasse ist.«

»Ja,« murmelte Nettchen, die kaum hingehört hatte, »ja, ja!«

»Deine Mutter wird warten.«

Ach ja, die Mutter! Die Sehnsucht nach ihr wurde groß in Nettchens Herzen; auf einmal meinte sie zu ihr fliegen zu müssen, so eilig hatte sie es, und sie rief schnell: »Ich muß gehen.«

»Gehen, aber wiederkommen, kleine Nanette. Du mußt doch deine Tasse besuchen, versprich es mir,« mahnte Herr Butzebach.

»Ja, ich komme!« Nettchen nickte ernsthaft; sie sah sich in dem schönen Gemach um, und dabei fiel es ihr ein, daß Peter hier bleiben sollte, war das wirklich so? »Peter,« rief sie, »siehst du, nun ist's gut geworden. Aber Peter, wirst du nun hier bleiben?«

Peter sah Herrn Butzebach an, aber der hatte ein Gesicht, das wie eine verschlossene Türe war, er sagte nur: »Begleite Nanette hinaus, geht immer voran, Freund Sünder kommt gleich.«

Nettchen und Peter gingen still durch die Zimmer zurück, durch die sie vorher gekommen waren. Peter konnte nicht sprechen, so wunderbar erschien ihm alles, und so sehr bedrückte ihn doch des Oheims Zorn. Was er im Herzen dachte, sagte er zur eigenen Überraschung laut: »Er wird nie wieder gut werden, nie wieder.«

»Doch,« widersprach Nettchen, »er verzeiht dir schon.« In ihrem Herzen war nie Raum für langen Groll, und sie konnte es sich auch nicht vorstellen, es könnte jemand unversöhnlich sein bei rechter Reue.

Sie redeten noch zusammen, wie es werden würde. Peter ein wenig hoffnungsfroher, denn Nettchens strahlende Zuversicht steckte ihn an, als Sünder zurückkam. Der sah ein bißchen rot und aufgeregt aus, so wie einer, dem just ein Leid oder eine Freude über den Weg gelaufen ist; er schien es nun auch eilig zu haben, denn er mahnte: »Komm schnell, Nettchen, es ist Zeit, deine Mutter sorgt sich sonst.«

illustration: Arthur Scheiner

»Sie soll folgen, die tapfere Tat, Peter Hagemeister, nicht wahr?«

»Ach ja,« rief Nettchen, und leise, bang flüsterte sie plötzlich dem alten Freunde zu: »Was wird sie zu der Tasse sagen?« Sie hatte es nun wieder eilig, und sie nahm von Peter nur einen raschen, flüchtigen Abschied, und dem blieb der Dank, den er hatte sagen wollen, in der Kehle stecken. Morgen, dachte er, sag' ich's, morgen. Und auch Nettchen rief noch an der Haustüre: »Morgen.«

Die Türe klappte, Nettchens flinker Schritt, Sünders bedächtiges Schreiten verhallte, und Peter stand beklommen im fremden Hause. Durfte er denn bleiben, er, den seine Verwandten verstießen, verachteten?

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und schmal und grau, einem Schatten gleich, stand Herr Butzebach hinter ihm, der sagte: »Ich lasse jetzt deine Sachen holen, morgen mit der ersten Post fahren wir beide fort, ich bringe dich auf eine andere Schule, in Neustadt kannst du nicht mehr bleiben.«

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