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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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6. Kapitel
Sorgenvolle Stunden

Nettchen Dibelius verbringt eine Nacht in Sorgen, und Mamsell Turnau sagt, es wäre ein ausnehmend prächtiger Tag. Warum Nettchen ihr Gedicht nicht kann und dann eilig davonläuft. Sie versteckt sich im Gartenhäuschen und trifft Peter vor Herrn Butzebachs Haus.

 

Die Sache mit ihrer Tasse hatte sich Nettchen Dibelius sehr einfach gedacht. Ungefähr so, sie nahm ihre Tasse, ging in Butzebachs Haus und sagte: »Ich bin Nettchen Dibelius mit der Königstasse.« Und dann würde man sie einlassen und Peter dazu, und alles war gut. Nur eins hatte sie vergessen, daß man eine so kostbare Tasse nicht einfach aus Mutters Schrank nehmen und im Städtchen herumtragen kann. Am Abend fiel ihr das ein. Wenn die Mutter es merkte, sie fragte, was dann?

Hoppla saß Nettchen auf einmal kerzengerade in ihrem Bett; würde sie morgen ihr Versprechen halten können?

Es war ihr, als müßte sie gleich die noch ungestellte Frage der Mutter beantworten, und sie wußte nur eine Antwort, die Wahrheit. Doch dann mußte sie Peter verraten und – Peter würde davonlaufen.

Sicher, das tat er. Sie ahnte ja dumpf, wie nahe Peter am Davonlaufen war, und so wenig Nettchen von aller Not der Welt kannte, das wußte sie doch, es ist ein böses Ding, der Heimat und Schule zu entlaufen.

Zum erstenmal in ihrem jungen Leben verbrachte Nettchen eine Nacht in Sorgen, blaß und still erschien sie am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Die Mutter fragte besorgt, aber sie erhielt keine rechte Antwort, und Nettchen entlief so schnell sie konnte den mütterlichen Fragen. Sie trieb sich noch ein Weilchen im Garten herum, aber nicht wie sonst zählte sie die neu erschlossenen Blumen, zu schwer stand die Sorge über ihr, und sie war froh, als sie endlich in ihre geliebte Schule wandern konnte.

Eine kleine lustige Schule war das. Mamsell Turnau, ein altes Fräulein, hielt diese Schule ab, in einem freundlichen Gartenhäuschen, und das ganze Lehrerkollegium bestand aus Mamsell Turnau, dem Herrn Stadtpfarrer Schmidt und dem Kantor Wenigmer, der den Gesangunterricht gab. Die Schule hatte nur zwei Klassen. Drei Jahre saßen die Mädels in der kleinen Klasse und dann, solange es die Eltern für gut befanden und es ihnen selbst gefiel, unter den Großen; meist gefiel es den Großen so gut, daß sie gar nicht Abschied nehmen wollten.

Mamsell Turnau genoß das beste Ansehen in Neustadt, und es fiel nie jemand ein, zu sagen, die Mädchen lernten nicht genug in ihrer Schule; im Gegenteil, Madame Busse fand sogar, die armen Kinder würden zu sehr geplagt. Die lernten lesen, rechnen, schreiben, lernten schöne Gedichte und Sprüche sagen, und der Herr Stadtpfarrer gab ihnen feierliche weihevolle Religionsstunden. Freilich von der weiten Welt draußen, von Vergangenheit und Gegenwart erfuhren sie nicht allzuviel. Mamsell Turnau wußte zwar viele seltsame Geschichten zu erzählen, von Kaisern und Königen, Kreuzfahrten und Römerkämpfen, sie wußte von Ländern in Süd, Nord, Ost und West, aber leider purzelten Zeiten, Völker und Länder mitunter etwas wunderbar durcheinander. Doch daran nahm niemand Anstoß in der kleinen Schule, in der ein fröhlicher Geist herrschte. In Mamsell Turnaus Erzählungen hielten die verschiedenen Helden immer sehr rührende und erbauliche Zwiegespräche, ob einer dieser Helden aber hundert Jahre früher oder später gelebt hatte, war sehr gleichgültig; und wenn zum Beispiel Kaiser Friedrich Rotbart und Christoph Kolumbus sich unversehens in der Weltgeschichte trafen und wunderbare Dinge von dem neuentdeckten Erdteil redeten, so störte es weder Lehrerin noch Schülerinnen.

»Man muß nicht kleinlich sein,« pflegte Mamsell Turnau zu sagen, »auf den Geist kommt's an, nicht auf Zahlen.« Sie selbst war auch nicht kleinlich ihren Schülerinnen gegenüber. Ehe sie schalt, forschte und fragte sie erst nach dem Grund von Unart und Schuld, sie tat es linde, mit nimmermüder Geduld, und darum hatten auch alle ihre Schülerinnen ein tiefes unbegrenztes Vertrauen zu ihr. Sie kamen zu ihr in vielerlei Nöten, und Mamsell Turnau hatte immer einen guten Rat, ein tröstendes Wort, und mit fester Hand führte sie das junge Menschlein schnell aus dem Wirrsal heraus.

Nettchen Dibelius hätte nun himmelgern Mamsell Turnau an diesem Morgen ihre Sorge verraten, aber die Angst vor Peters Davonlaufen hielt sie ab, und sehr still setzte sie sich an ihren Platz im Schulzimmer. Das lag zur Sommerszeit immer in sanftem, grünem Dämmerschein, denn draußen überschattete eine große Linde die Hauswand. Und Lindenduft und Vogelgezwitscher drang an diesem Sommertag von außen in das Gemach ein, und Mamsell Turnau, die vor ihrem Nähtisch saß, der galt ihr als Lehrpult, sagte vergnügt: »Ein schöner Tag heute, ein ausnehmend prächtiger Tag!«

Neun Mädchenköpfe drehten sich nach dem Fenster hin und neun Stimmen riefen froh: »Wir müßten draußen Schule haben!«

Nur Nettchen Dibelius schwieg, und dies Schweigen fiel allen auf, und die Lehrerin fragte: »Nettchen; wo fehlt's denn? Lieber Himmel, ist gar die Königstasse entzwei gegangen?«

»Nein,« flüsterte Nettchen und senkte verlegen den Kopf.

»Na, was ist es denn, was fehlt dir, Mädchen, heraus mit der Sprache!«

Nettchen seufzte tief und schwieg. Mamsell Turnau sah nachdenklich drein; wie sonderbar, Nettchen Dibelius war betrübt und sagte nicht warum!

»Hast dich wohl wieder über den dummen Peter geärgert?« tuschelte Lotte Langmann der Freundin zu. Doch wieder seufzte Nettchen nur und schwieg.

»Wir wollen anfangen!« Der Lehrerin Stimme klang ernster als sonst, und ihr Blick ruhte nachdenklich auf Nettchen. Da war etwas nicht in Ordnung. Vielleicht kommt sie nachher zu mir, dachte Mamsell Turnau, und um die Kleine aufzumuntern, rief sie diese als erste auf. »Sag' du das Gedicht, Nettchen, das ihr aufhabt.«

Nettchen Dibelius stand auf, tat den Mund auf, schloß ihn wieder, sie konnte das Gedicht nicht.

»Na!«

Doch Nettchen tat noch einmal den Mund auf, tat ihn wieder zu, sie konnte keinen Vers sagen.

Die ganze Klasse geriet in Aufregung, auch Mamsell Turnau war höchst verwundert, sie fragte ängstlich: »Bist du krank, Mädchen?«

Nettchen seufzte nur wieder ganz kläglich, und die Lehrerin fühlte das herzlichste Mitleid mit ihr, sie tröstete sanft: »Du lernst es schon noch, mein Mädchen, sei nur nicht traurig, morgen kannst du es sicher oder übermorgen! Nicht wahr, ihr andern, ihr glaubt auch, daß unser Nettchen morgen das Gedicht kann?«

»Ja!« schrie die Klasse einstimmig, »Nettchen lernt es schon.«

»Siehst du, mein Mädchen, wir denken alle, daß du es lernen wirst, sei nur nicht betrübt!« Mamsell Turnau sah über ihre Brillengläser hinweg Nettchen gut und aufmunternd an, und die zog es unwiderstehlich zu der Lehrerin hin. Eins, zwei, drei setzte sie über Tisch und Bank und fiel dem alten Fräulein schluchzend um den Hals und versprach ihr: »Ich lerne es morgen, ganz bestimmt.«

»Freilich, freilich, du lernst es schon, du bist ja mein fleißiges Mädchen.« Mamsell Turnau spürte Nettchens Sehnsucht, ihr etwas zu vertrauen, und sie sagte warm: »Bedrückt dich etwas, mein Kind, dann komm nachher zu mir.«

Nettchens Tränen rannen heftiger, Peters Schuld brannte ihr im Herzen wie eine Wunde, aber sie schwieg. Sie atmete nur schwer, ihr kleines Herz klopfte stark und die Lehrerin dachte erschrocken: Das ist ja eine ernste Sache, das Kind hat Kummer, und eindringlich mahnte sie: »Komm nachher zu mir!«

Da löste sich Nettchen seufzend aus ihren Armen und schlich niedergeschlagen auf ihren Platz zurück, und Mamsell Turnaus Blicke folgten ihr schmerzlich; oh weh, ihr Liebling trug eine schwere Last, was war es, würde sie helfen können?

»Heute muß der Große Kurfürst dran,« dachte Mamsell Turnau. Der und der Alte Fritz, die waren beide ihre Lieblinge und oftmals ihre Helfer, wenn es an einem Tag in der Schule nicht recht vorwärts gehen wollte. Die Hohenzollern versetzte das alte Fräulein nie in andere Länder und Zeiten, da wußte sie Bescheid wie ein hochgelehrter Professor; und als sie heute mit dem Tag von Fehrbellin begann und dem wundersamen Kind auf des Kurfürsten Roß, da lauschten ihre Schülerinnen mäuschenstill. Auch Nettchen Dibelius vergaß ihre Sorge, und sie merkte es gleich den andern gar nicht, mit wie schnellen Füßen die Zeit davonlief.

Im Nebenraum, in Mamsell Turnaus Wohnzimmer, stand eine alte Kastenuhr. Die schlug manchmal und manchmal nicht; schlug sie, dann rasselte, knarrte und ächzte sie aber immer erst fünf Minuten, ehe sie die Stunde anzeigte, und als die an diesem Tage ihr heiseres Ächzen begann, erschrak Nettchen so sehr, daß sie plötzlich tief aufseufzte. Auf einmal war die Sorge um Peter wieder da, die Angst vor dem schweren Werk. Würde es gelingen?

Mamsell Turnau sah traurig nach Nettchen hin, würde die Kleine auch zu ihr kommen, ihr sagen, was sie bedrückte? Aber mit einer ihr sonst fremden Hast packte Nettchen ihr Schulzeug zusammen, und dann rannte sie zum erstenmal, seit sie Schulmädchen war, ihren Kameradinnen davon. Sie lief, als flöge Feuer hinter ihr drein, denn sie meinte, der Lehrerin Stimme müßte ihr nachklingen, müßte sie zurückrufen, und sie durfte doch nicht sagen, welche Sorge sie quälte.

»Wie du aussiehst, Kind!«

Frau Dibelius rief es erschrocken, als ihr Nettchen im Hausflur vorbeilaufen wollte. Sie hielt die Kleine fest und prüfte besorgt das blasse Gesicht. »Du scheinst mir krank zu sein, Mädchen. Es ist wohl besser, du bleibst heute zu Hause!«

»Zu Hause?« wiederholte Nettchen bebend. Ja, wußte denn die Mutter schon ihr Vorhaben, hatte sie es erraten?

»Mamsell Hagemeister bat, ich möchte dich heute nachmittag mitbringen, sie hat mich zum Kaffee eingeladen. Frau Langmann mit Lotte kommt wohl auch. Aber du magst lieber daheim bleiben.«

»Ach ja!« Nettchen atmete auf und Frau Dibelius sah ein wenig erstaunt drein, ihr Nettchen ging doch sonst so gern mit, und heute war doch ihre Herzensfreundin Lotte dort!

Merkwürdig, sie schien wirklich nicht gesund zu sein! Aber dann spielte Nettchen lachend mit den kleinen Brüdern und war sehr vergnügt; da dachte die Mutter beruhigt, sie hat sich vielleicht mit Lotte gezankt und mag darum nicht mitgehen. Sie selbst verließ ruhiger das Haus, pünktlich, denn wenn man in Neustadt um vier Uhr geladen war, dann saß man auch, wenn die Glocke vier schlug, am Kaffeetisch, so verlangte es die gute Sitte.

Noch eine Stunde, dann war es Zeit, zu Herrn Butzebach zu gehen!

Nettchen lief in den Garten, ganz leicht war es ihr ums Herz. Nun konnte sie ungehindert ihre Tasse nehmen und nachher, wenn alles vorbei war, durfte sie gewiß der Mutter alles erzählen, das mußte Peter erlauben. »Lallalalla,« trällerte sie, wie fein war es doch, Peter helfen zu können, eine Stunde noch und alles war gut.

Nettchen tanzte die Wege entlang, die alle fein säuberlich mit Buchsbaum eingefaßt waren; und einmal guckte sie auch durch den Zaun auf die Straße. Erst sah sie niemand und nichts, aber dann tauchte am Ende eine Gestalt auf, eine Dame war es, sie trug ein graues Lüsterkleid, einen großen Schutenhut und ein schwarzes Spitzentuch, das eine riesige goldene Brosche zusammenhielt. Sie kam mit flinken kleinen Schritten immer näher.

Mamsell Turnau war es!

Nettchen Dibelius erschrak. Kam die Lehrerin ins Haus, kam sie, um zu fragen: Nettchen, was fehlt dir, Nettchen, warum bist du heute davongelaufen?

Noch einmal wagte Nettchen einen raschen scheuen Blick auf die Straße, da stand das Fräulein wirklich vor dem Hause und zog die Glocke. Erschrocken entfloh Nettchen, wohin nur, wohin?

In die Klematislaube, die war nicht dicht genug! Halt, in das Gartenhaus, dort suchte man sie sicher nicht. In dem kleinen alten Gebäude wurden nur noch Gartengeräte aufbewahrt, aber ein Kämmerchen gab es dort, das leer stand, das kaum jemand kannte, da hinein floh Nettchen.

Es dauerte nicht lange, da wurde ihr Name gerufen. Erst rief die Magd, dann Mamsell Turnau selbst, erst kam das Rufen vom Hause her, dann klang es näher und näher. Nettchen bebte vor Angst. Wenn man sie fand, dann wurde die Lehrerin sie fragen, würde bleiben. Die Zeit verging wohl, und sie konnte nicht zu Herrn Butzebach laufen und Peter helfen.

»Nettchen, bist du hier?« Die Tür des Gartenhäuschens tat sich auf, Mamsell Turnau schaute herein und Nettchen hörte sie sagen, und die freundliche Stimme klang traurig: »Sie ist nicht hier, wo sie nur sein mag?«

»Vielleicht ist sie zu Langmanns Lotte gelaufen,« brummelte die Magd.

»Hm, ja. Na, dann grüße nur das Kind, Madame Dibelius sehe ich bald.«

Himmelgern wäre Nettchen hervorgekommen, die geliebte Lehrerin da, und sie mußte sich vor ihr verstecken, wie schrecklich das war. Oh, Peter, in welche Not brachte er sie! Die Schritte und die Stimmen entfernten sich, es wurde still. Doch Nettchen wagte sich noch nicht hervor, sie wartete und wartete, bis sie die Uhr der Liebfrauenkirche schlagen hörte. Dreimal, Himmel, schon dreiviertel fünf, und um fünf Uhr wollte sie Peter vor Butzebachs Haus treffen!

Eilig verließ sie ihr Versteck, und obgleich auf dem weichen Sand der Wege ihre Schritte nicht hörbar warm, schlich sie doch leise, leise in das Haus hinein. Niemand sah sie, niemand hörte sie, und es gelang ihr wirklich, die Königstasse aus dem Schrank in Mutters Putzstube herauszunehmen. Sie packte ihr kostbares Eigentum sorglich in ihr Arbeitskörbchen und huschte damit zum Hause hinaus. Draußen blickte Nettchen erst die Straße hinauf und hinab, sie war leer, Mamsell Turnaus graues Lüsterkleid war nicht mehr zu erblicken.

Die Turmuhr erhob wieder ihre Stimme! Fünf Uhr, jetzt sollte sie vor Butzebachs Haus sein, aber trotzdem sie es nun eilig hatte, ging Nettchen doch ganz langsam. Schritt um Schritt, mit einer Königstasse rennt man nicht im Sturmlauf in der Welt herum. Just als sie am Ziel anlangte, fegte Peter heiß und atemlos um die Ecke, und schon von weitem schrie er: »Hast du sie?«

Nettchen nickte, hob das Körbchen empor und fragte zurück: »Hast du es!«

»Ja,« stöhnte Peter, »aber beinahe hat's der Oheim erwischt, oh, wären wir nur erst wieder raus!«

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