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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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5. Kapitel
Ein Königsgeschenk

Die Neustädter Hausfrauen sind nicht gut auf St. Peter zu sprechen, und Nettchen wandert mit Sünder unter einem blauen Regenschirm über den Liebfrauenplatz. Es gibt eine große Überraschung, und Peter Hagemeister redet in der Klematislaube von einer ernsten, trübseligen Geschichte.

 

Nach der Aussprache mit Jochen Busse hatte Nettchen Dibelius den allerbesten Willen, sich mit Peter Hagemeister zu versöhnen und zur allen Freundschaft zurückzukehren, denn sie war so voller Mitleid, wie eine Blume am Sommermorgen voller Tau ist. Doch Peter widerstrebte. Mit dem war einfach nichts anzufangen. Nettchen kam gar nicht dazu, mit ihm zu reden, er lief schon davon, wenn er sie nur sah, und das Gutentagsagen stellte er fast ganz ein. Er rannte überhaupt in der Welt herum, wie einer, der den Weg verloren hat in unendlicher Weite.

Sein Oheim nannte ihn faul, verstockt und böswillig, und selbst sein Herzensfreund Jochen wurde nicht klug aus dem wunderlichen Wesen, und nannte den Kameraden »rapplig«.

Niemand ahnte die Last der Schuld, die auf Peters Seele lag. Das unglückselige geliebte Buch! Er hatte es noch immer nicht zurückgegeben. »Don Carlos« stand noch drin und »Die Jungfrau von Orleans«, und Peter las und las und dachte jeden Tag: »morgen, morgen!« Ein paarmal hatte er sich auch bis an den Zaun von Butzebachs Garten geschlichen, aber da war immer jemand gekommen, oder drüben im Haus waren die Fenster geschlossen, und immer wieder floh er. Feige nannte er sich selbst, aber je mehr Tage dahingingen, je schwerer schien ihm die Rückgabe zu sein.

Wenn ihn jemand ertappte, er eingestehen mußte!

Der Oheim hatte an Peters Mutter geschrieben, und von der kam eines Tages ein Brief an ihren Jungen. Ein liebevoller, mahnender, guter Brief. »Bleib brav, mein Junge, mache mir Freude, denke daran, meine Hoffnung hängt an Dir!«

Der Brief vernichtete Peter beinahe.

Wenn die Mutter ahnte, was er getan hatte, wenn sie es einmal erfuhr!

Er wußte plötzlich, er würde der Mutter jetzt nicht mehr in die Augen sehen können. Das Buch aber, das verhängnisvolle Buch, mußte er zurücktragen. Noch am gleichen Tag wollte er es tun, aber an diesem Tag blieb sein Oheim zu Hause, Tante Aurelie hatte Besuch, im Schulgarten spazierte der Kandidat Link auf und ab, und dem Schuldiener schien es besonders gut in der Nähe von Butzebachs Garten zu gefallen. Für Peter war es unmöglich, hinüber zu kommen, obgleich er drüben das Fenster zu der stillen Bücherstube offen stehen sah.

Morgen, dachte er wieder, morgen.

Und am nächsten Morgen goß es in Strömen. Sein Namensvetter oben im Himmel schien sämtliche himmlische Brünnlein, Schleusen- und Wolkenwässer ausgezogen zu haben, so rann, rieselte und rauschte es. Tripp, tripp, tripp! Die Dachtraufen waren übervoll, und die Rinnsteine verwandelten sich in rauschende Bäche. Die Neustädter Hausfrauen, die just große Wäsche hatten, schenkten Sankt Peter kein gutes Wort, die schalten auf den Regen, an dem Gärtner und Landleute ihre helle Freude hatten.

Wer nicht mußte, ging nicht hinaus, und nur selten wanderte jemand unter einem großen roten oder grünen Regenschirm die nassen Straßen entlang. Peter Hagemeister war ganz verzweifelt, Sankt Petrus konnte nicht trübseliger dreinschauen als er. Vom Fenster seiner Arbeitsstube aus konnte er ein Stück vom Liebfrauenplatz erblicken, und statt in seine Bücher, starrte er trostlos da hinaus. Alle Mühe half ihm nichts, er lernte und lernte und vergaß alles, nur an das unselige entwendete Buch mußte er denken und an seiner Mutter Brief. Wie sollte er sich herausfinden aus diesem Wirrsal?

Über den Liebfrauenplatz kam auf einmal ein riesengroßer Regenschirm daher, zur Abwechslung war der blau, und unter diesem Regendach hüpfte und tanzte Nettchen Dibelius in seliger Lust, und Sünder, der den Schirm trug, mahnte sanft: »Aber Nettchen, du hoppst ja in die Pfützen.«

»Oh, liebstes, bestes Sünderchen, sag' doch, warum läßt der Vater mich holen?«

Nettchen war in quirlender Aufregung, und der alte Friedhold Gottlieb lacht«. »Er wird dich gewiß ausschelten wollen, Mamsellchen Irrwisch!« meinte er.

Doch Nettchen Dibelius hatte keine Sorge um Schelte, und sie machte immer schnellere Schritte, und ihr alter Freund mußte sie immer wieder festhalten, damit sie ihm nicht unter dem Schirm weglief. Das Rektorhaus streifte Nettchen mit keinem Blick, Peter Hagemeister kam ihr gar nicht in den Sinn, alle ihre Gedanken waren bei der Überraschung, die ihrer harrte. Der Vater, er arbeitete im Markthaus, in des Großvaters Kanzlei, hatte nach ihr geschickt, sie solle geschwind einmal kommen, es sei eine Überraschung für sie da. »was ist es nur, was ist es nur, Sünderchen?«

Aber der behauptete, er wisse es selbst nicht, trotzdem ihm Nettchen versicherte, sie ginge vor Neugier entzwei. Sie kam aber noch heil, nur etwas regennaß, am Markthaus an, aber der alte Friedhold Gottlieb ging daran vorbei, er sagte: »Komm nur gleich hinüber zur Post, dein Vater wird schon drüben sein!«

Zur Post, ja, war denn jemand angekommen?

Kein jemand, sondern eine kleine feste Kiste wartete dort auf Nettchen Dibelius, und die Kleine meinte, die ganze Welt, wenigstens die Poststube drehe sich auf einmal rundum, als sie die Kiste erschaute und erfuhr, von wem die kam. So etwas war noch gar nicht dagewesen! Wenn augenblicklich der dicke Posthalter, ihr Vater, Sünder, ja selbst Tante Malve, die auch da war, alle miteinander an die Decke gesprungen wären, sie hätte sich gar nicht gewundert.

»Das Kind wird närrisch,« sagte Mamsell Malve. »Freilich, der Hausschlüssel war ein rechter Glücksschlüssel, und ich sehe schon, es ist besser, wenn jemand anders ein Loch in den Kopf bekommt. Mir hat meins Anno dazumal nichts eingebracht, nur Schelte, und der Tante Ulricke-Sophie wird es mit ihrem nassen Bad im Brunnen nicht besser ergangen sein.«

»Es ist erstaunlich und rührend!« Herr Stein, der Posthalter, fuhr sich mit einem riesengroßen dottergelben Taschentuch über die Augen, »unser guter, guter König!«

Nettchen hörte alles und hörte doch nichts. Sie stand und starrte verzückt auf eine köstliche goldgeränderte Tasse, der König hatte sie geschickt; ihr, ihr, Nettchen Dibelius, hatte der König diese Tasse geschenkt, war denn so etwas überhaupt möglich, war es nicht ein Traum, ein Märchen, aus dem sie erwachen würde?

»Beiß dich in den Finger, oder in die Nase, wenn du das kannst, damit du zu dir kommst, Nettchen!« mahnte Tante Malve.

Ihr Vater schüttelte sie lachend, »Wach auf, Mädelchen,« rief er, »die Tasse gehört dir wirklich, unser guter König hat sie dir geschickt.«

»Viel zu viel Glück für solch kleinen Grasaffen!« Mamsell Dibelius nahm die Tasse in die Hand und hielt sie prüfend gegen das Licht. »Ein schönes Stück,« lobte sie die Malerei betrachtend; die zeigte das Brandenburger Tor, von zierlichem Gerank umgeben. »Freund Jukundus würde die Tasse gewiß gern seiner Sammlung einreihen, du bist ihm über, Nettchen, eine Königstasse hat er noch nicht.«

»Eine Königstasse!« Das Wort klang feierlich in Nettchens Ohr, und darüber kam sie wirklich zu sich, und was die andern nicht taten, sie tanzte in der Stube herum. Jauchzend, lachend, glückselig, und am liebsten wäre sie mit der Tasse hinüber zu den Großeltern getanzt, dann zur Mutter, zu den Freundinnen, in der ganzen Stadt herum.

Doch in Neustadt hatten Neuigkeiten lange Beine, die rannten geschwinde von Haus zu Haus, und Nettchen brauchte es wirklich nicht jedem Menschen selbst zu sagen, daß ihr der König eine Tasse geschenkt hätte, im Umsehen wußte es die ganze Stadt. Im Haus stand die Klingel nicht still, so viele kamen, die Tasse zu sehen, und dabei hörte immer wieder Nettchen das Wort: »Wenn die Herr Jukundus Butzebach sehen möchte, ei, der hätte sie gewiß gern.«

»Er bekommt sie aber nicht,« sagte dann Nettchen jedesmal.

Sie ärgerte sich fast über Herrn Butzebach, was ging den ihre Tasse an, der hatte doch genug. Aber mehr als über Herrn Butzebach, den sie noch kaum gesehen hatte, ärgerte sich Nettchen über Peter Hagemeister. Der tat wirklich, als wäre es das Alltäglichste, von einem König eine Tasse geschenkt zu bekommen; zweimal war er inzwischen schon an ihrem elterlichen Haus vorbeigelaufen und nicht hineingekommen, die Tasse zu sehen, und Jochen Busse erzählte: »Ich hab ihn gefragt, ob er mitkommt, aber er hat gesagt, um eine Tasse lief er keinen Schritt!«

»Es ist doch eine Königstasse,« rief Nettchen empört, und sie nahm sich vor, nun sich aber auch bestimmt nicht mehr um Peter Hagemeister zu kümmern.

Gerade als sie sich das so recht fest vorgenommen hatte, stand Peter auf einmal in dem Flur ihres Vaterhauses vor ihr. Verlegen, finster stand er da, drehte seine Mütze in den Händen und brummelte etwas, das Nettchen nicht verstand. »Kommst du zu mir?« fragte sie zögernd, »um –«

»Nein,« schrie Peter patzig, »das Stickmuster will ich, die Rezepte.«

Nettchen verstand, Peter kam mit einer Bestellung seiner Tante zu ihrer Mutter, sie kränkte sich wieder, daß er so grobe Antwort gab, und schnippisch drehte sie sich um und sagte: »Dann warte nur hier!«

Sie rannte weg, aber sie war noch nicht im Garten draußen, als ihre Mutter sie zurückrief. »Hier ist Peter Hagemeister, Nettchen, er muß eine Weile warten, seine Tante will Rezepte. Zeig ihm einstweilen deine Tasse oder geht in den Garten zusammen.«

Nettchen nickte stumm, Peter folgte stumm, durch drei Stuben ging es stumm, dann blieb Nettchen stumm vor einer Servante stehen und zeigte nur auf die Tasse, die ganz allein im oberen Fach stand.

Peter sagte nichts, Nettchen sagte nichts, aber Peter hielt das Nichtssagen länger aus; Nettchen rief bald ungeduldig. »Na, sag' doch was, die Tasse gefällt dir wohl nicht einmal?«

»Hm,« knurrte Peter, er tat aber einen abgrundtiefen Seufzer dazu.

»Peter,« fragte Nettchen heftig, »warum redest du nur nicht? Ich hab' dir doch nichts getan, aber du muckscht immerzu. Jochen sagt auch, kein Wort wäre aus dir herauszubringen. Und deine Tante klagt und alle. Ich glaube, du wirst noch ein Sonderling wie Herr Butzebach!«

Peter, der halb trotzig, halb schuldbewußt Nettchens Strafrede angehört hatte, wurde auf einmal totenblaß; dieser Name traf ihn wie ein Donnerschlag. Er stöhnte dumpf auf, und dann rannte er zur Türe, nur hinaus, weg, fortlaufen in die weite Welt hinein, wo ihn niemand kannte, niemand wußte, was er getan hatte.

So schnell kam Peter Hagemeister nicht in die weite Welt, er rannte zur verkehrten Tür hinaus und geriet in den Garten, in den ihm Nettchen folgte. »Peter, Peter, was hast du, fehlt dir etwas?« Ihre Stimme tönte ängstlich, und je ängstlicher ihr Rufen wurde, je eiliger suchte Peter zu entfliehen. Er verlief sich aber in den Wegen, und vor dem Eingang zu einer Klematislaube erwischte ihn Nettchen, und sie zerrte ihn, ohne viel zu sagen, in die Laube hinein.

Peter folgte, denn drüben auf der anderen Seite des Gartens hatte er Herrn Dibelius erblickt, und er fühlte, sein Ausreißen möchte ihm nicht gelingen.

»Peter, was fehlt dir?« Nettchen tat diese Frage immer wieder, und jedesmal war es, als klopfe ein goldenes Hämmerlein an Peters Herztüre: »Tu dich auf, tu dich auf!«

Wie bitterschwer ist doch das Bekennen einer Schuld! Und doch brannte in Peters Herzen auch die Sehnsucht heiß, jemand von seiner Not zu sagen, er stöhnte endlich: »Nettchen, ich – ich hab was Schlimmes getan.«

illustration: Arthur Scheiner

Ich glaube, du wirst noch ein Sonderling wie Herr Butzebach!«

Nettchen erschrak in tiefster Seele. Sie hatte in ihrem Leben noch wenig von Gewissensnot und Schuld erfahren, sie spürte aber bei Peters weher Klage, der trug wirklich eine Last auf seinem Herzen, und gleich wurde das Mitleid wieder stark in ihr, sie faßte nach seiner Hand und sagte sanft: »Du armer Peter!«

Da war es jäh um Peters Fassung geschehen, er schluchzte auf: »Nettchen, ich bin so schlecht.«

»Ach nein, du bist nicht schlecht!« Nettchen schüttelte den Hopf, an Peters Schlechtigkeit glaubte sie nicht, und dieser Glaube tat dem armen Jungen weh und wohl, er löste ihm auch die Zunge, und er begann stockend, ächzend, abgerissen sein schweres Geheimnis zu beichten bis zu den vergeblichen Versuchen der letzten Tage, das Buch zurückzugeben. »Immer ist das Fenster zu und immer ist jemand im Garten,« schluchzte er. »was tue ich nur?«

Nettchen Dibelius saß da wie eine Blume, über die ein Wolkenbruch darnieder gegangen ist, und die nun nicht mehr weiß, soll sie sich wieder in der Welt umschauen, ob die Sonne noch scheint. Raten sollte sie und war selbst ratlos, denn dort, wo sie sich in eilen Lebenswirrsalen Rat holte, bei der Mutter, durfte sie nicht anfragen, das fühlte sie, Peters Geheimnis mußte sie bewahren. In ihrem elterlichen Hause ging alles immer gerade, recht und wahr zu, und sie dachte ganz wie eine echte Dibelius, als sie endlich rief: »Peter, du mußt zu Herrn Butzebach gehen und ihm alles sagen.«

»Ich bring's nicht fertig,« stöhnte Peter. »Wenn's der Oheim erfährt, muß ich von der Schule fort und – und – meine Mutter!«

Wie ein Schrei klang das letzte Wort, und Nettchen dachte an die untersagte Reise zur Mutter, und immer stärker wurde ihr Mitleid, und sie, die Zaghafte, die sonst ein scheues, schüchternes Seelchen war, wurde mutig, weil sie den Freund schwach fand, »wir gehen beide hin, wir gehen zusammen.«

»Er läßt uns gar nicht herein, er läßt niemand herein.« sagte Peter verzagt.

Nettchen sah sich hilflos in der Klematislaube um. Was nun! Wenn Herr Butzebach sie beide nicht einließ, dann konnte sie ihm auch nichts sagen. Aber Tante Malve ging doch manchmal zu ihm und ihr alter guter Freund Sünder. Sie jauchzte fast auf, als sie an den dachte. »Sünderchen, unser liebes Sünderchen hilft uns.«

»Nein, nein!« Peter wehrte erschrocken ab. »Du darfst es niemand – hörst du, niemand sagen, sonst – ja, sonst lauf ich gleich in die Welt.«

»Peter!« Nettchen packte ihren widerborstigen Freund gleich am Jackenärmel; sie sah erschrocken drein, und Peter beruhigte sie verlegen: »Ich bin ja noch da, und wenn du schweigst, lauf ich nicht fort – noch nicht.«

Die letzten Worte hatte er ganz leise gesagt, aber Nettchen hatte sie doch verstanden, und sie ahnte, daß Peter mehr an das Fortlaufen dachte, als er sagte, und wieder schien ihr der gerade Weg der rechte zu sein, aus der Verwirrung heraus. »Wir müssen doch zu Herrn Butzebach gehen, vielleicht – oh, Peter!« Nettchen sprang jäh von der Bank auf, »ich weiß was, das ist fein, ich –«

»Peter, Nettchen, wo seid ihr denn?« Frau Dibelius kam durch den Garten, sie ging den Stimmen nach, die aus der Laube drangen, und so konnte Nettchen ihrem Freund nur noch rasch zuflüstern, »ich sag's dir nachher«, als die Mutter schon am Eingang erschien. In dem Dämmer der dichtüberwachsenen Laube sah sie nicht, wie verstört die Linder dreinschauten, und sie redete freundlich zu Peter, trug ihm auf, was er seiner Tante bestellen sollt« und fügte freundlich hinzu: »komm bald einmal wieder, du warst recht lange nicht da!«

»Morgen,« bat Nettchen.

Peter gab keine Antwort, er sah scheu an Frau Dibelius vorbei, sah ihm die seine Schuld nicht an? Und vielleicht schwieg Nettchen doch nicht, verriet sein böses Geheimnis? Unruhig schaute er sich nach Nettchen um. »Schweig,« baten seine Augen.

»Du hast es wohl eilig, sollst wohl schnell heimkommen?« fragte Frau Dibelius, der die verlegene Unruhe des Knaben auffiel. »Da geh nur gleich hier zu der Türe hinaus, da sparst du ein Stück weg.«

Die kleine Zauntüre war ganz nahe, und auf dem kurzen Weg hin konnte Nettchen dem Buben nur noch zuflüstern: »Komm morgen um fünf an Butzebachs Haus, ich bin da und – bring' meine Tasse mit.«

Peter rannte nach dem Liebfrauenplatz zurück, obgleich er es gar nicht eilig hatte, aber er blieb jetzt nicht gern von seiner Stube weg, immer war er in Sorge, Tante Aurelie könnte vielleicht das fremde Buch finden, dann war das Ende da, das schlimme Ende.

Unterwegs klang ihm Nettchens Rede noch im Ohr, ihre Tasse wollte sie mitbringen, warum nur? Da fiel ihm Herrn Butzebachs Sammlung ein; wollte Nettchen dem alten Herrn ihre Tasse schenken, oder sie ihm zeigen? Ja, vielleicht zeigen, um ins Haus zu kommen?

Sicher darum tat sie es! Auf einmal war es Peter, als könnte er wieder ein wenig freier atmen; nun war er doch nicht mehr so verlassen in seiner Not, Nettchen half ihm und – sie verachtete ihn nicht.

An diesem Abend blieben zum erstenmale ein paar Vokabeln in Peters Gehirnkämmerchen sitzen, ganz fest und auch bereit, ihren Namen zu nennen, wenn sie gerufen wurden. Auch eine Handvoll Fehler konnte er noch aus seiner schriftlichen Arbeit hinauswerfen, und am besten konnte er das Kirchenlied lernen, das er auf hatte. Es war das alte schöne Lutherlied »Aus tiefer Not schrei ich zu dir,« und es war ihm, als klinge sein Herz dabei mit.

Morgen würde er das Buch zurückgeben und Herrn Butzebach seine Schuld beichten. Schon der feste Entschluß gab ihm mehr Ruhe, und tapfer schaute er dem kommenden Tage entgegen. »Morgen, morgen, morgen!«

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