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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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4. Kapitel
Auf Irrwegen

Rektor Hagemeister möchte aus seinem Neffen eine Leuchte der Wissenschaft machen, aber dem scheint der Weg recht mühsam. Jochen Busse redet viel von seiner Ferienreise mit einer Kutsche oder dem Kartoffelwagen, und Nettchen Dibelius versinkt in Mitleid wie in ein tiefes Federbett. Peter schlägt sich mit lateinischen Vokabeln herum und steigt in ein fremdes Haus hinein.

 

Als Nettchen so still in Fräulein Malves Stube lag, ahnte sie nicht, wie viel von ihr im Städtchen gesprochen wurde. »Der König hat mit der kleinen Dibelius geredet,« wurde straßauf, straßab, in allen Häusern und Häuschen erzählt, und am meisten wußten die zu berichten, die nicht dabei gewesen waren. Da wurde eine lange, lange Unterhaltung aus dem kurzen Gespräch, und das Nettchen sollte erstaunlich klug und weise geantwortet haben. Einige wollten aber auch wissen, der König sei sehr böse gewesen über den Hausschlüssel, und der Adjutant hätte ein tassengroßes Loch im Kopf gehabt, und er wäre gleich plumps in Ohnmacht gefallen.

»Es war aber auch ein ganzes Schlüsselbund,« sagten welche. »Ih wo, der alten Justizrätin Brille war's nur,« riefen andere. »Nein, des Justizrats Schnupftabaksdose«, »Unsinn, ein Strickbeutel«, »bewahre, ein Riechfläschchen«, »eine Blumenschere«. Jeder wußte etwas anderes, und die meisten sagten zuletzt: »Wir fragen Nettchen selbst, die wird es schon wissen.«

Und am nächsten Morgen, kaum hatte Nettchen ihre Nase zur Haustüre hinausgesteckt, sie hatte die Nacht bei den Großeltern bleiben müssen, da kam der erste Frager, der Nachbar Busse war es. Und auf dem Weg zum Vorstadthaus wurde Nettchen sehr oft angesprochen, immer wieder aufgehalten, und schließlich schickte Frau Dibelius ihrer Keinen die Magd entgegen, sie dachte, diese wäre vielleicht doch noch bei den Großeltern geblieben.

Nettchen freute sich über den festen Schutz, denn sie war schon müde von allem Antwortgeben, und die Magd schalt: »Das dumme Gefrage, gar nicht antworten mußte, rutsch davonlaufen und fertig biste.«

Aber mit dem Davonlaufen ging es auch am nächsten Tag nicht, Nettchen brachte es gar nicht fertig, sie gab immer wieder Antwort; aber der eine, mit dem sie himmelgern von dem Königstag geplaudert hätte, der fragte sie nicht.

Peter Hagemeister bockte. Wenn er die einstige Freundin sah, lief er davon, sah er sie mit jemand reden, dachte er: wie sie sich tut. Sein ungerechter Ärger ging so weit, daß er sich mit Jochen Busse, seinem Herzensfreund, prügelte, als der ihm erzählte: »Du, Nettchen Dibelius hat mir gesagt, was der König mit ihr gesprochen hat!«

Nettchen Dibelius hin, Nettchen Dibelius her, Peter Hagemeister war wütend, und er wußte doch, er hatte unrecht. Er fühlte es selbst, aber er kam nicht heraus aus Groll und Verstimmung; er hatte Kummer, aber daran war das arme Nettchen im Grunde ganz unschuldig. Wenn einer ein Träumer ist und gern heimliche Bücher liest, in denen keine Schuldinge stehen, und darüber Grammatik und Aufsätze vergißt, so ist das schlimm. Dreifach schlimm aber, wenn man den gestrengen Direktor zum Oheim hat und in dessen Hause wohnt, in seiner besonderen Obhut steht, wie Peter Hagemeister.

Peter hatte keinen Vater mehr, der war ihm früh gestorben, und die Mutter konnte von dem kümmerlichen Gnadengehalt, das ihr ausgezahlt wurde, knapp genug zwei Töchter und sich ernähren. Herzlich froh war sie gewesen, als ihr Schwager, der Rektor Josua Hagemeister, Peter zu sich nahm und ihn zu erziehen versprach. Eine Leuchte der Wissenschaft, so meinte der gelehrte Herr, solle, gleich ihm, seines Bruders Sohn werden. Peter war das Ziel schon recht, nur der Weg dahin, auf den ihn der Oheim führte, der erschien ihm bitterschwer und mühsam. Lernen, lernen immerzu, vom frühen Morgen an sollte er an nichts anderes denken als an die Schule, und dabei hatte Peter so eigensinnige, wanderlustige Gedanken. Die rannten ihm so leicht davon, die liefen in Wald und Feld herum, suchten ferne sagenhafte Märchenländer auf und waren oft nicht da, wenn der Oheim im Hause, die Lehrer in der Schule allerlei Dinge von Peter wissen wollten.

Seit Herr Rektor Hagemeister den Tell in seines Neffen Hand entdeckt hatte, war es ganz schlimm, seitdem gab es strenge Aufsicht, knappe Freistunden und fest verschlossene Bücherschränke und immer wieder die strenge Mahnung: »Was würde deine Mutter sagen!«

In Peters Herzen war die Sehnsucht nach der Mutter eine immer leise schmerzende Wunde. Er sehnte sich nach der Mutter Stimme, ihrer weichen Hand, er sehnte sich nach ihrer Liebe.

Tante Aurelie, seines Vaters Stiefschwester, die dem Haus des unverheirateten Oheims Vorstand, war ein wenig kühl und streng. Ihr war der Junge im Haus, der manchmal Türen warf und mit schmutzigen Schuhen heimkam, nicht so besonders lieb, und sie meinte, ihre Pflicht getan zu haben, wenn sie ordentlich für Nahrung und Kleidung sorgte. Schalt ihr Bruder, schalt sie auch, und das heimliche Lesen war in ihren Augen eine so schlimme Untat, daß Peter eigentlich am Königstag hätte eingesperrt bleiben sollen. Doch da war der Rektor milder gewesen, und Peter hatte den König gesehen, hatte auf Busses Dach mit den andern Buben glückselige Stunden verlebt und dachte nun viel mehr an diesen frohen, sonnenreichen Festtag, als für seine Schularbeiten gut war. Darum blieb er in der Schule auch die Antworten schuldig und machte mehr Fehler in seinen Arbeiten als verzeihlich.

Acht Tage nach dem Königsbesuch sagte daher bei Tisch der Oheim streng: »Peter, wenn das so weiter geht, darfst du nicht zu den Ferien zu deiner Mutter, dann mußt du hier bleiben und streng arbeiten. Nimm dich zusammen!«

Nicht heim zur Mutter zur Ferienfreude! Peter wurde blaß und rot und würgte an dem Fleischbissen im Munde, und Tante Aurelie sprach tadelnd: »Schling doch nicht so!«

»Noch eine schlechte Arbeit und es bleibt bei meinem Wort!« Herr Rektor Josua Hagemeister redete langsam und betont, und Peter wußte, er würde sein eben gesagtes Wort halten.

illustration: Arthur Scheiner

Tante Aurelie sprach tadelnd: »Schling doch nicht so!«

Die heute geschriebene Klassenarbeit fiel ihm ein, er ahnte dumpf zahllose Fehler darin, und er wußte, es würde werden wie Ostern, wie Weihnachten, da hatte er zur Strafe auch nicht heimgedurft.

Nicht heim zur Mutter, wieder nicht heim zur seligen Ferienfreude! Peter bekam in der Nachmittagsschule einen Verweis, eine Strafarbeit wurde ihm angedroht, und schwer legte sich ihm die Last auf sein Herz. Als er für seine Tante Aurelie dann noch einen Gang tun mußte, rannte er ganz zerschlagen vor Kummer mit tief gesenktem Kopf über den Liebfrauenplatz, und er rannte dabei Nettchen Dibelius sehr unsanft an. Die schrie erschrocken auf und sagte vorwurfsvoll: »Aber Peter!«

Peter blieb unwillkürlich stehen, nun mußte ihm auch noch das dumme Nettchen in den Weg laufen. Alles kam ihm in den Sinn, die schöne heimliche Lesestunde, Tell, dessen Ende er immer noch nicht erfahren hatte, doch nur, weil die schwatzenden Mädels ihn gestört hatten, und sein Zorn wurde wieder wach, er schrie grob: »Hab' dich nur nicht so, Nette. Denkst wohl, du bist von Zucker, nur weil der König mit dir gesprochen hat!«

»Oh, Peter,« rief Nettchen wieder, aber um viele Grade gekränkter und vorwurfsvoller, und leise unter tropfenden Tränen, klagte sie: »Peter, wie bist du nur jetzt immer, ich habe dir doch nichts getan.«

»Zimpersuse!« Peter lief weg, entlief dem mahnenden Gewissen, und er rannte so, als wären der Freundin Tränen ein schäumender Strom, vor dem er fliehen müßte. Der Liebfrauenplatz lag schon hinter ihm, da meinte er noch immer Nettchens wehes Weinen zu hören.

Oh, die dummen, dummen Mädchen, die so nah am Heulbrunnen gebaut haben!

Peter ärgerte sich mal wieder, er ärgerte sich auch, daß er nicht wie sonst so viel in Dibelius' Garten sitzen und Nettchen seine Kümmernisse anvertrauen konnte. So ein Stück Zuhause war ihm Nettchens Elternhaus gewesen, wenn Frau Dibelius redete, meinte er fast seine Mutter zu hören.

Immer schwerer fühlte er die Last auf seinem Herzen, nicht heim zur Ferienfreude!

Am nächsten Tag fragte Jochen Busse ihn: »Was muckschte denn so?« Da redete er endlich von seinem Kummer.

»Herrjeh,« rief der Kamerad erschrocken, »nicht heim zu den Ferien, und ich bin nicht einmal hier.«

»Du bist nicht hier?« Peter Hagemeister sah verdutzt drein; Jochen Busse nicht in Neustadt, das war doch höchst erstaunlich. »Wo bist du denn?«

»Ich verreise!« Jochen reckte sich stolz, und er hätte sicher ein ausbündig hochmütiges Gesicht geschnitten, wenn das einem Buben nur möglich wäre, in dessen Gesicht alles rund, lustig und kugelig ist.

»Wohin denn?« Peter sah aus, als müßte er in einem Bilderrätsel das Erstaunen darstellen. Ferienreisen waren für eingeborene Neustädter durchaus ungewöhnlich, nur die bedauernswerten Fremdlinge, die von auswärts stammten, kehrten zur Ferienzeit in ihre Nester zurück. Die Neustädter, Große und Kleine, waren alle miteinander der Ansicht, in Neustadt sei jedermann am allerbesten aufgehoben.

»Wohin denn?« fragte Peter noch mal dringlicher, denn Jochen Busse ließ ihn mit Bedacht in Neugier verharren.

»Nach Reinshagen, zur Tante Franziska!«

Reinshagen war ein Dorf bei Neustadt; wer schnell lief, erreichte es in dreiviertel Stunde, wer sich Zeit ließ, kam gut in einer Stunde hin, und Peter Hagemeister sagte darum auch: »Nur nach Reinshagen?«

»Nur nach Reinshagen,« wiederholte Jochen geärgert; »was, das ist dir wohl nicht weit genug? Ich fahre, ja, vielleicht holt mich Tante mit der Kutsche selbst ab, und einen Koffer krieg' ich mit, und nicht einmal komme ich nach Hause.«

»Hm,« brummelte Peter, dem des Freundes Ferienreise recht ungelegen kam, »und vielleicht ist die Kutsche nur 'n Kartoffelwagen.«

»Und wenn, Wagen ist Wagen, gefahren ist gefahren, immer besser als zu Hause bleiben.« Jochen schrie es giftig, und Peter hätte wohl eine nicht minder giftige Antwort gegeben, wenn nicht vom Liebfrauenkirchturm hell und mahnend die Glocke eine verronnene Stunde angezeigt hätte. Beiden Jungen fielen ihre Schularbeiten ein, und sie trennten sich, sie taten es mit ein paar handfesten Puffen, die ihrer Freundschaft aber nicht schadeten, sondern vielmehr beruhigend und versöhnlich wirkten. Jeder dachte doch im Davonlaufen an des anderen Ferien, und für Jochen Busse verlor die Reise nach Reinshagen etwas von ihrem goldenen Zauber. Peter in den Ferien in Neustadt, der Gedanke hatte verlockenden Reiz, denn mit keinem Freund verstand sich Jochen so gut wie mit Peter Hagemeister. Dieser wieder seufzte, »und nun reist Jochen Busse auch noch fort«. Und die Fahrt nach Reinshagen erschien ihm in seinem leidvollen Sinn eine Reise ins Unendliche zu sein.

Jochen Busse war eine mitteilsame Natur, sein Herz saß ihm allweil ein wenig auf der Zunge. Als er daher an diesem Tage Nettchen Dibelius ganz still und versonnen auf der Bank vor ihrem großelterlichen Hause sitzen sah, kam er hinüber und erzählte ihr erst von seiner großen Reise, und dann fing er von Peter Hagemeister zu reden an.

»Peter ist dumm, ich bin ihm böse.« Das sanfte Nettchen sagte das sehr schnippisch, und Jochen fühlte, er mußte seinen Freund verteidigen. Dazu schilderte er ausführlich dessen Kummer, malte sein Unglück in den schwärzesten Farben, und Nettchen Dibelius versank darüber in das allertiefste Mitleid, wie einer in ein dickes weiches Federbett versinkt. Ihr Groll legte sich, sie vergaß alles, was Peter ihr in der letzten Zeit angetan hatte, und sie gelobte Jochen, den Freund oft in den Garten einzuladen, sehr oft. In Nettchens elterlichem Garten gab es nämlich nicht nur Rosen und schönes buntes Blumengesindel in Hülle und Fülle, sondern auch das allerbeste Obst. Der Dibeliusgarten war berühmt in Neustadt, und eine Garteneinladung zur Obstzeit wurde sehr geschätzt. Dies Versprechen beruhigte Jochen über Peters Ferienzukunft, und er begann nun von der eigenen Ferienfreude zu schwärmen, von der großen Reise nach Reinshagen, vielleicht in der Kutsche, vielleicht – im Kartoffelwagen.

Um die gleiche Stunde entschied sich Peter Hagemeisters Ferienreise. Der kam heim, niedergeschlagen wie immer, denn wie immer galt es noch einen Kampf aufzunehmen mit boshaften kleinen Kobolden, genannt lateinische Vokabeln. Die neckten und peinigten ihn zum Verzweifeln. Wenn er sie endlich einmal drin zu haben meinte im Gehirnkämmerchen, dann wutschten sie heimlich wieder hinaus, steckten ihm gar die Zunge heraus, und er hörte fort und fort ihr höhnisches Fragen: »Wie heiße ich, wie ich?«

Es war zum Tollwerden!

Peter lief mit dem Buch im Schulgarten hin und her, der war einsam um diese Stunde, und als er dabei an Butzebachs Zaun kam, da fand er eine offene Türe. Peter hatte zwar keine Erlaubnis, in Butzebachs Garten zu gehen, Nachbarbesuche abzustatten, aber er ging in seinem trübseligen Lerneifer immer weiter, bis er wirklich fast mit der Nase an das Nachbarhaus stieß. Es war ein helles, behagliches Haus, das noch aus der Zeit des großen Königs stammte. Drinnen wohnte ein einsamer alter Mann, Herr Jukundus Butzebach, den die Neustädter einen Sonderling nannten.

Herr Jukundus liebte im allgemeinen Bücher mehr als Menschen, und dann hatte er eine Leidenschaft für schöne porzellanene Dinge, namentlich für Tassen. Aber Kaffeegäste, die aus seinen kostbaren Tassen trinken konnten, die lud er sich nie ein. Nur zwei Menschen kamen manchmal in Butzebachs Haus, das waren Mamsell Malve Dibelius und Friedhold Gottlieb Sünder, die bekamen freilich beide aus den goldgeränderten, zierlich gemalten Meißner Tassen zu trinken, und dann redeten sie alle drei von vergangenen Zeiten, als im Dibelius-Haus am Markt noch die schöne, so früh gestorbene Nanette Dibelius gelebt hatte.

An all das dachte Peter Hagemeister nicht, auch nicht daran, daß Herr Butzebach einen Schlüssel besaß, um durch den Schulgarten gehen zu können, wenn er nach dem Liebfrauenplatz wollte, am allerwenigsten dachte Peter an seine lateinischen Vokabeln. Er war gerade vor einem offenen Fenster stehen geblieben, durch das er in eine reich ausgestattete Bücherstube sehen konnte. In langen Reihen standen da Herrn Jukundus Butzebachs gedruckte Freunde, dicke Bände, in Schweinsleder gebunden, und zierliche Goldschnittbände, Reih an Reihe.

Peter Hagemeister starrte in die Bücherstube wie in ein verlorenes Paradies. Dort unter den vielen Bänden würde auch der eine stehen, in dem von Tell zu lesen war, an dessen Ausgang und Ende er so viel denken mußte. War Tell dem Landvogt entronnen, war er sein Opfer geworden? Der Oheim hielt das Buch fest verschlossen, und Peter wußte, er würde es lange, lange nicht bekommen, aber hier stand es vielleicht vor ihm, erreichbar – nur – einen Sprung durch das Fenster mußte er tun – einsteigen in – ein fremdes Haus!

Und dann stand Peter Hagemeister auf einmal mitten drin in der fremden Stube, im fremden Hause, und seine Augen suchten unruhig das ersehnte Buch. Er las Titel um Titel, fremde, seltsame Namen, aber da – er schrie fast auf, »Schiller«, leuchtete es in goldener Schrift auf dunklem Bande. Zitternd griff Peter nach einem Band, er schlug ihn auf und las: »Wallensteins Lager«. Der rechte Band war's nicht, aber verlockenden Klang hatte der Name Wallenstein auch, ihn lesen dürfen und alles, alles, was sonst noch Schillers Namen trug!

Und da war der Tell, rasch einmal hineinsehen, ganz rasch!

Es war totenstill im Hause und doch packte Peter eine scheue Angst, wenn man ihn hier fand – als Eindringling?

Nein, hier im Zimmer durfte er nicht lesen, aber draußen hinterm Zaun, rasch nur das Ende nachsehen und dann trug er schnell den Band zurück, und dann wußte er doch, wie es dem Tell ergangen war, diesem wundervoll stolzen, kühnen Manne.

Das Buch in der Hand, sprang Peter wieder über die niedrige Fensterbrüstung und huschte durch den dichten Laubgang bis an den Schulzaun, dort schlug er den Tell auf, las und las, bis er plötzlich ein schrilles, helles Schlagen hörte, irgendwo klappte ein Fenster; verstört sah er sich um, im Nachbarhaus stand unten kein Fenster mehr auf, alle waren fest geschlossen wie schlafende Augen, und die schlagende Uhr mahnte: »Feierabend, Feierabend.«

Peter Hagemeister sah sich hilflos um! Das Buch, das er genommen hatte, das fremde Buch – das ihm nicht gehörte!

Und ins Haus mußte er, und auf dem Weg würde er vielleicht den Oheim treffen, der jetzt wohl schon heimgekommen war; wenn der das Buch fand, das fremde Buch – das heimlich entwendete Buch!

Peter warf plötzlich das Buch in einen Winkel am Zaun, warf rasch ein paar Bretter, die dort lagen, darüber und rannte, seine Grammatik unter dem Arm, davon, denn er hatte in Butzebachs Garten Stimmen gehört.

illustration: Arthur Scheiner

Peter warf plötzlich das Buch in einen Winkel am Zaun

Im Rektorgarten war auch niemand, nur von dem Gemüsewinkel her tönte Tante Aurelies Stimme, und Peter Hagemeister kam ungesehen in das Haus. Er hatte auch noch Zeit, dort seine Schulbücher zu ordnen, dann kam sein Onkel zurück. Der nickte befriedigt, als er den Neffen in anscheinend fleißiger Arbeit fand, aber – leider kam er auf den Gedanken, Peter seine Aufgaben überhören zu wollen.

Ein Jammer war es! Die wenigen Vokabeln, die in Peters Gehirnschale hineinspaziert waren, hatten längst die Flucht angetreten, nicht eine saß mehr darin. Aber auch sonst herrschte eine so heillose Verwirrung in Peters Kopf, daß der gestrenge Herr Rektor und Oheim gänzlich die Geduld verlor. Dreimal schlug er Peter klatschend die Grammatik um die Ohren, und dann sprach er das Urteil: »Du darfst nicht zur Mutter reisen, und ich werde ihr den Grund schreiben. Die Ferien sollen eine strenge Arbeitszeit für dich werden.«

Und nach diesem Urteil des Oheims sprach Tante Aurelie auch noch eins, das lautete: »Geh heute hungrig ins Bett!«

An diesem Abend vergaß Peter, daß er das Weinen für eine Schande hielt, er schluchzte sich in den Schlaf. Ach, alle Schelte des Oheims, alle angedrohte Strafe erschien ihm gering vor der heißen, heißen Angst, vor dem, was kommen mußte, wenn sein Raub entdeckt wurde, wenn man das Buch fand!

Wenn – wenn – wenn! Darüber schlief er endlich ein, und als er erwachte, war es von einem feinen, süßen Singen! Der Sommermorgen dämmerte schön herauf, und im Garten grüßten die Vögel den neuen Tag!

Das Buch! Himmel, das Buch! Peter sprang aus dem Bett, zog sich hastig an, und dann tat er etwas, das er aus Übung, aus übermütiger Lust an der Kletterei schon manchmal getan hatte, er kletterte zum Fenster heraus und huschte eilig durch die stillen Gartenwege, dorthin, wo das geraubte Buch lag.

Er wollte über den Zaun steigen, wollte den Band Herrn Butzebach auf das Fensterbrett legen, dann mochte der denken, was er wollte, er war die Last los.

Ja, so sollte es werden – aber!

Peter Hagemeister holte auch das Buch, ganz unversehrt lag es unter dem schützenden Brett, aber – er trug es nicht Herrn Butzebach hinüber. Später, dachte er, später, wenn das Fenster erst auf ist, jetzt muß ich erst den Schluß lesen!

Er lief mit dem Buch dem Hause wieder zu, kletterte in seine Stube zurück, und dann las er und las, vergaß Zeit und Stunde und vergaß auch das Lernen noch vor Schulanfang.

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