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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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2. Kapitel
Festliche Vorbereitungen

Warum Friedhold Gottlieb Sünder wünscht, der König möchte Wilhelm heißen. Mamsell Dibelius erzählt von anderen Königstagen, und Martine muß ihr Kupfer putzen. Nettchen nennt Wilhelm Tell einen dummen Jungen und zählt die Rosen in ihrem Garten.

 

Nettchens Großeltern wohnten am Markt. In dem stattlichen alten Haus, das ein wenig hochmütig seine kurzen, kleinen Nachbarn überragte, hatte die Familie Dibelius schon seit etwa hundert Jahren ihr Heim aufgeschlagen, und seitdem hatte auch immer ein Dibelius eine hervorragende Stelle in der Stadt bekleidet. Wenn jetzt der alte Justizrat Heinrich Dibelius von seinem Arbeitszimmer aus über den Marktplatz blickte, dann dachte er manchmal daran, daß da draußen einst sein Großvater den alten Fritz, den großen König, begrüßt hatte, und er streichelte wohl ehrfürchtig die Schnupftabaksdose, die der König einst dem Großvater geschenkt. Und er selbst hatte als junger Bursche seinen Vater da draußen vor König Friedrich Wilhelm III. stehen sehen, er freilich hatte nur Augen gehabt für die holdseligste aller Königinnen, Luise.

Von den Königsbesuchen vergangener Zeiten redeten die alte Justizrätin Dibelius und ihre Schwägerin Malve, just als Nettchen eiligst dahergelaufen kam. Die Frauen standen vor dem Hause, neben ihnen ein schmächtiger älterer Mann, der ein langes Kranzgewinde in den Händen hielt. »O, Sünderchen, liebes Sünderchen,« rief Nettchen jauchzend, »wird schon geschmückt?«

»Freilich, freilich,« antwortete Tante Malve, des Justizrats unverheiratete Schwester, ein wenig spöttisch; »wenn du nicht bald gekommen wärst, hätte Sünderchen schon das ganze Haus von oben bis unten behangen, Schornstein und Keller, alles.«

»Mamsell Dibelius spaßt mal wieder,« sagte der Schreiber Sünder behaglich. Der hatte das allersanfteste, allergutmütigste Gesicht von der Welt, und sein Vater hatte dies wohl einst vorausgesehn, als er ihm in der Taufe die Namen Friedhold Gottlieb gab. Holder dem Frieden und Gott liebender waren wenige als Sünder. Doch wie es so geht, mit den schönen frommen Namen wurde er nicht genannt, er hieß Sünder und blieb Sünder, nur die Kinder, die in dem Hause Dibelius heranwuchsen, hingen wohl zärtlich die Silbe »chen« an den schlimmen Namen. Damit zeigten sie gleich, du gehörst zu uns, und wirklich gehörte auch Friedhold Gottlieb Sünder in das Dibeliushaus seit der Zeit, da er als Schreiberlehrling das erstemal die Kanzlei betreten hatte. Er hatte Heimatrechte, Familienrechte darin, er gehörte zu der Familie Dibelius in Leid und Freuden.

Auch an der Freude des Königsbesuches nahm Sünder darum teil wie nur einer, und die Justizrätin erklärte Nettchen den Zweck des grünen Kranzgewindes. »Sünderchen will ein F. W. winden, das soll über der Haustür angebracht werden.«

»Vorläufig sieht das F. freilich wie ein Regenwurm aus bei Sonnenschein,« redete Fräulein Malve dazwischen.

»Oh, Mamsell Dibelius,« rief der alte Schreiber ein wenig betrübt, »so ein F. W. ist keine kleine Sache, aber für einen Regenwurm wird es unser allergnädigster König schon nicht halten. Ein W. allein wäre freilich leichter, schade, ewig schade, daß unser König nicht Wilhelm heißt.«

»Oder Otto, dann macht man einen länglichen Kranz und ist fertig,« spottete Fräulein Malve, »ja, die Namen, man gibt sie sich nicht, Sünder.«

»Da haben Sie recht, Mamsell Dibelius. Aber manchmal stimmt's auch, wie zum Beispiel bei Malve, was ein feiner sanfter Blumenname ist.« Der Schreiber schmunzelte vergnügt dabei, und das alte Fräulein wurde ein wenig verlegen, ein scharfes Wort kam ihr auf die Zunge, sie unterdrückte es aber und sagte heiter: »Sie sind ein Schelm, Sünder, und ein Dichter dazu, der gleich eine Blumenähnlichkeit findet, wo keine ist. Ich will aber versuchen, auch das F. mit verklärten Augen anzusehen und den Regenwurm vergessen.«

Die Justizrätin lachte. Zwischen ihrer Schwägerin und dem alten Nothelfer des Hauses gab es immer mal einen kleinen Streit, die hatten sich schon gestritten, als sie noch Spielkameraden gewesen waren, aber dabei waren sie im Grunde die allerbesten Freunde. Sie sagte: »Die Buchstaben und alles andere wird schon gut werden, und wenn's unser König so freundlich ansieht wie dazumal seine Eltern, können wir zufrieden sein.«

»Ja, ja,« bemerkte Sünder, »unsere Königin Luise selig sah aus wie'n leibhaftiger Sommertag. Wie schön die war, das werde ich nie vergessen.«

»Großmutter,« bat Nettchen, sich an die stattliche Frau anhuschelnd, »erzähle, wie's war, als der König kam.«

»Kind, das hast du doch schon oft genug gehört. Du denkst viel zu viel an den Königstag, du wirst vor lauter Aufregung noch krank werden und im Bett liegen müssen.«

»Oder du fällst die Treppe hinunter wie ich damals,« rief Tante Malve. »Das war eine schlimme Geschichte, ein Loch hatte ich im Kopf wie ein Gänseei groß, und Schelte habe ich bekommen, daß ich vier Wochen genug davon hatte; eingesperrt wurde ich obendrein.«

»Tante,« schrie Nettchen aufgeregt, in nachträglichem heißen Mitgefühl, »dann hast du wohl den König und die Königin gar nicht gesehen?«

»Doch, die habe ich gesehen, alle beide, und so deutlich und gut, daß es mir ist, als wäre es gestern gewesen.« Mamsell Malve lachte behaglich und nickte dem alten Schreiber zu. »Da war einer im Hause,« erzählte sie weiter, »der schloß mir heimlich die Türen auf, und dann habe ich unten gestanden und mitgesungen und mitgejauchzt, als hätte ich kein Loch im Kopf. Freilich, freilich, ohne den heimlichen Helfer hätte ich oben in der einsamen Bodenkammer sitzen müssen, und ich hätte vom Königsbesuch so wenig gehabt, wie die Großtante Ulricke-Sophie, als der alte Fritz hier durchkam.«

Ein Bild der Urgroßtante Ulricke-Sophie hing oben in der Staatsstube des alten Hauses, darauf sah die Tante sehr streng und feierlich drein, Nettchen hätte ihr nie einen übermütigen Streich zugetraut, und etwas zögernd fragte sie: »Ist die Urgroßtante auch die Treppe hinuntergefallen?«

illustration: Arthur Scheiner

Mamsell Dibelius wickelte sich fester in ihr großes weißes Umschlagtuch

»Bewahre, die hat's noch gescheiter gemacht. Zu fünf sind sie damals drüben in den Marktbrunnen gepurzelt, klitsch, klatsch, da lagen sie drin, und als sie wieder herauskamen und etwas sehen konnten, da war nichts mehr zu sehen. Der große König hatte den Vorhang in seinem Wagen zugezogen und fuhr davon, und die Tante Ulricke-Sophie hat nie in ihrem Leben einen König zu sehen bekommen.«

Nettchen lachte, es kam ihr zu wunderlich vor, daß die strengblickende feierliche Tante einstmals im Marktbrunnen gelegen hatte, sie versicherte fröhlich: »Ich falle nicht hinein, Tante Malve, bestimmt nicht.«

»Das kann vorher jeder sagen, und nachher liegt er drin.« Mamsell Dibelius wickelte sich fester in ihr großes weißes Umschlagtuch, das mit einer breiten bunten Kante verbrämt war. Langsam ging sie vor dem Hause auf und ab und weissagte ernsthaft: »Es gibt Regen, sicher gibt es Regen oder Sturm oder Hagel –«

»Oder Betteljungen fallen vom Himmel herunter,« rief die Justizrätin halb lachend, halb ärgerlich, »es wird schönes Wetter, Königswetter, verdirb doch dem Kind die Freude nicht.«

Doch Nettchen sah gar nicht aus, als hätte sich ihr Freudenhimmel mit dunklen Wolken überzogen. Sie kannte die wunderliche kleine Tante Malve schon, die immer die krausesten strengsten Reden führte, die für jeden Feiertag mißratene Kuchen und schlechtes Wetter voraussagte und die heimlich so gern anderen Freude bereitete. »Ach, Tante Malve, es wird sicher wunderwunderschön,« jauchzte sie, und hüpfte lachend in das Haus hinein, um drinnen noch rasch dem Großvater in seiner Kanzlei guten Tag zu sagen, ehe sie heimkehrte in das andere Dibeliushaus, in dem ihre Eltern wohnten. Das lag in der Vorstadt in einem sehr großen schönen Garten. Dort wuchsen immer die Kinder der Familie heran mit Bäumen und Blumen um die Wette; im Haus am Markt blieben die Alten wohnen, und an Festtagen wurden darin die feierlichen Staatsstuben geöffnet mit dem schönen Urväterhausrat und den vielen Familienbildern.

Es fand sich, daß der Großvater wenig Zeit hatte für seine Enkelin, und daß Martine, die Köchin, Nettchens gute Freundin, noch weniger Zeit hatte. Die seufzte und stöhnte über allzu viele Arbeit, und Nettchen fragte ganz traurig: »Du freust dich wohl gar nicht auf den König, Martine?«

»So 'ne dumme Frage,« knurrte die, »natürlich freu ich mich wie ein Besenstiel, und mein Geschimpfe hat mit meinem Gefreue nichts zu tun, vorher ärgern, nachher freuen, das ist das Richtige. Und nun geh, ich muß noch all das Kupfer putzen.«

»Aber der König kommt doch nicht in deine Küche,« rief Nettchen schnippisch. Doch da wurde Martine wütend wie ein Puterhahn und schrie aufgeregt: »Was, ich soll meine Küche nicht putzen, wenn der König kommt! Ei, da höre einer doch diesen Kiekindiewelt, so ein Gerede. Vergehen würde ich vor Scham, wenn der König käme und nicht alles blank fände. Nun marsch raus!«

Nettchen hatte diese sanfte Aufforderung gar nicht abgewartet, lachend lief sie hinaus und draußen vor dem Hause standen noch immer die beiden Damen und der alte Schreiber, der sagte, als er die Kleine kommen sah: »Ich gehe mit, ich will Buchsbaum schneiden und sehen, was ich von Blumen bekommen kann.«

»Nur meine Rosen darfst du nicht nehmen, die werfe ich alle allein,« rief Nettchen und faßte zutraulich des alten Mannes Hand.

So Hand in Hand gingen sie beide durch das Städtchen und schauten zu, welches Haus schon geschmückt wurde. Ein paar Bürger waren dabei, Tannengewinde über Türen und Fensterbögen zu spannen, Hausfrauen prüften innen die Fenster und in den Gärten hingen duftig und zart Vorhänge und weiße Festkleider zum Trocknen da. Auch ein paar Fähnlein hatten sich schon herausgewagt und flatterten, von dem sanften Abendwind bewegt, grüßend über den Dächern.

»Ach, es wird wunderfein,« rief Nettchen, die über jede geschmückte Tür, über jedes kleine Zeichen des Festtages in Entzücken geriet. Und sie freute sich in den Tagen, die kamen, noch viele, viele Male, denn sie gehörte zu den Allerfröhlichsten im Städtchen. Sie ging kaum noch, sie tanzte und schwebte, sie sprach es nicht mehr, sie sang es: »Der König kommt, der König kommt!«

Denn trotzdem Nettchen Dibelius, wie die großen Leute meinten, schon aus dem Märchenalter längst heraus war, lebte sie in ihren Gedanken doch immer noch halb im holden Märchenland. Sie konnte still, lange, lange in einem Gartenwinkel sitzen und an Märchen denken, von ihnen träumen. Da kamen für sie dann auf den stillen Gartenwegen alle die lieben Märchengestalten einher, die schönen Prinzen und die armen verzauberten Königstöchter. Und das alles hatte sie jetzt vergessen, die Wirklichkeit war ihr zu einem Märchen geworden, denn sie sollte einen König sehen, einen wirklichen König. Heimlich dachte sie, vielleicht hat er doch eine Krone auf.

Es wußten's freilich alle Leute in Neustadt, daß der König kam, aber Nettchen meinte doch, es wäre gut, es jedem noch einmal zu sagen. Und als sie daher am Tage nach dem Streit auf dem Liebfrauenplatz Peter Hagemeister in dem schmalen Sträßlein traf, in das von ihrem elterlichen Garten eine kleine Seitentür hinausführte, da rief sie dem Kameraden selig entgegen: »Ach, Peter, in zwei Tagen kommt der König!«

»Hat er's dir geschrieben, Klatschbase, du?« knurrte Peter.

Nettchen erschrak. »Peter,« rief sie gekränkt, »warum bist du so – so häßlich, so grob! Pfui!«

»So,« schrie Peter, rot vor Zorn, »du hast es wohl nicht dem Oheim geklatscht, daß ich mit dem Wilhelm Tell in der Pfeifenkrautlaube gesessen habe. Pfui, verklatscht hast du mich!«

Nettchen Dibelius riß ihre Augen unheimlich weit auf. »Wilhelm Tell,« stammelte sie, »den – den kenne ich doch gar nicht, ich weiß doch nicht, daß, daß – der – der dumme Junge bei dir war!«

Und aus war es mit Nettchens Fassung, schluchzend lief sie das Gäßlein hinab, in ihren Garten hinein, ehe sich Peter noch von seinem Erstaunen erholt hatte. Die denkt, Wilhelm Tell ist 'n Junge, oooh! Peter Hagemeister rannte lachend das Gäßlein hinauf, den Witz mußte er doch seinen Kameraden erzählen, oh, das dumme, dumme Nettchen!

Daß er ihr unrecht getan, daß sie ihn nicht beim Oheim verklagt und der ihn wirklich bei seiner unvermutet schnellen Heimkehr selbst im heimlichen Lesewinkel entdeckt hatte, dies vergaß er völlig. Nettchens Dummheit erschien ihm zu riesengroß, zu unverzeihlich, und ein paar Minuten später wußten es schon zwei Kameraden, am nächsten Morgen erfuhr es die ganze Klasse. Und da ein paar Brüder von Nettchens Freundinnen darin saßen, hörten es die, und Nettchen Dibelius bekam ihre eigene Dummheit erzählt.

Auf dem Heimweg aus Mamsell Turnaus kleiner Schule geschah es. Die Freundinnen erzählten es schonend, aber just als sie noch redeten, kamen ein paar Genossen von Peter, die riefen: »Mamsell Dibelius, wissen Sie nicht, wo Wilhelm Tell wohnt?«

»Nettchen Dibelius, Nettchen Dibelius, paß auf, da geht Wilhelm Tell,« so schrie es von ein paar Seiten zugleich, und das arme Nettchen wurde röter als die röteste ihrer geliebten Rosen.

»Ihr seid böse,« schluchzte sie, aber ihre Tränen reizten nur die schlimmen Necker. Immer wieder klang die Frage nach Wilhelm Tell an ihr Ohr, und dann kam Peter Hagemeister auch noch daher, und der sah das arme weinende Nettchen an, als wäre er selbst der Landvogt Geßler. »Soll ich Wilhelm Tell grüßen?« spottete er.

Ganz gebrochen, jämmerlich weinend kam Nettchen Dibelius heim, und sie sagte weinend zu den sie liebevoll tröstenden Freundinnen: »Ich kann mich nun gar nicht mehr freuen!«

»Wir auch nicht,« jammerten die, »kein bißchen mehr.«

Doch innen im Hause trat die Mutter Nettchen entgegen und hielt ihr ein rosenrot bebändertes Körbchen hin: »Für dich!«

Da vergaß Nettchen Dibelius Wilhelm Tell und Peter Hagemeister, vergaß allen, allen Kummer und lief selig in den Garten, um zu zählen, wie viele Zentifolien sie morgen abschneiden konnte, denn morgen kam ja der König!

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