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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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13. Kapitel
Schluß

Jochen Busse redet von langen Hochmutsbeinen, Nettchen will beinahe eine Wasserjungfer werden, aber Onkel Jukundus sagt ein gutes Wort von der Freundschaft. Zwei gehen durch den Nebel heimwärts und alles nimmt ein gutes Ende.

 

Allgemach begann der Sommer sein Bündel zu schnüren, erst trödelte er damit, verhandelte noch mit allerlei Blumen und redete ihnen gut zu, doch weiter zu blühen. Und just wie sich der Sommer noch einmal mit Sonnenschein und Blütenlust recht breit machen wollte und seine schönsten Kinder, die Rosen, sich wieder entfalteten, fegte der Herbst um die Ecke. Der kam im sturmgrauen Regenmantel daher, tat eine Weile sehr bösartig, bis er zuletzt im Sonnenglanz den Menschen zeigte, wie reich und farbenprächtig eigentlich sein Kleid war.

An so einem glänzenden Herbsttag, mitten in der Ferienwoche, traf Nettchen Dibelius Jochen Busse unter den Kastanien an Herrn Butzebachs Haus. Die beiden hatten sich schon längst wieder versöhnt, ja, sie hatten sich inzwischen schon wieder ein halbes Dutzend mal gestritten, waren wieder gut geworden und begrüßten sich auch heute als die allerbesten Freunde. »Nettchen,« schrie Jochen Busse schon von weitem, »Nettchen, haste ihn schon gesehen?«

»Gesehen, wen denn?«

»Dumme Frage, weißt du's denn nicht?«

»Was soll ich denn wissen?«

»Na, Peter ist doch da, Peter Hagemeister. Gestern abend ist er gekommen, mit der ordinären Post.« Jochen Busse hatte noch nie eine Postfahrt gemacht, und doch tat er, als wäre es seine Gewohnheit, nur mit Extrapost zu reisen, so herablassend betonte er die »ordinäre Post«.

Peter da, seit gestern schon, und sie hatte es nicht gewußt?

Nettchen stand wie erstarrt mitten auf der stillen Straße. Von den Bäumen sank lautlos das Laub herab. Es wehte kein Wind, doch die Sehnsucht der Blätter nach der dunklen Erde war so groß, daß sie stille niederschwebten. Dies sachte Rieseln in der glänzenden Sonne war wie ein goldener Regen, aber die Kinder spürten seine Schönheit nicht. »Sieh nur nicht so verdattert aus, Nettchen,« brummte Jochen Busse, »haste denn wirklich gar nichts gewußt?«

»Nein,« flüsterte Nettchen beschämt, denn sie empfand dies Nichtwissen wie eine Schande. Plötzlich kam ihr ein Gedanke: »Ich will zu Onkel Jukundus gehen, vielleicht ist Peter dort.«

»Da war er schon, gleich heute früh.« Jochen dämpfte geheimnisvoll seine Stimme: »Denk' mal, zwei Klassen hat Peter übersprungen dort, jetzt müßte er zweimal sitzen bleiben, wenn ich ihn einholen soll. Unser Hamster« – das war der Schulhausmann – »hat's mir heute früh erzählt.«

»Und nun bleibt er hier?« fragte Nettchen langsam.

»Natürlich, bleibt er hier, und protzen wird er mit seinem Fleiß. Weißte was, Nettchen, mit dem und uns ist's alle. Fleißprotzen, nee! Paß auf, der macht jetzt immer lange Beine vor Hochmut.«

Jochen Busse sagte nicht, warum er lange Beine für so ein besonderes Hochmutszeichen hielt, aber sein rundes Gesicht sah ehrlich betrübt drein, des Freundes Nichtachtung kränkte ihn. In dreiviertel Tag konnte einer in Neustadt doch wirklich alle guten Freunde begrüßen. »Ärgere dich nur nicht, Nettchen,« brummte er, »der ist's gar nicht wert.«

Über Nettchens Wangen rannen langsam ein paar glänzende Tropfen. Jochens ehrliches Herz wurde darüber weich vor Mitleid, und er zeigte das auf seine Weise: »Alte Wasserjungfer,« schimpfte er, »laß das Geheule, mach' Schluß mit Peter und fertig biste.«

Jochen Busse kam sich in diesem Augenblick sehr überlegen, sehr reif und männlich vor. Na ja, wenn einer auch auf die Fünfzehn losmarschiert! Doch Nettchen, die doch auch schon die »Mamsell« bald erreicht hatte, benahm sich ungeheuer kindisch. Sie schluchzte jäh auf, drehte sich um und rannte weinend heimwärts.

»Zu dumm!« Jochen dachte laut, dann erschrak er vor der eigenen Stimme, die scharf durch die stille Straße tönte, und er entschloß sich, auch umzukehren. Er wollte mal an dem Haus vorbeigehen, in dem Peters Mutter wohnte, vielleicht sah er – zufällig Peter Hagemeister. Dieser etwas am Schopf herbeigezogene Zufall war ihm hold, just wollte er vom Liebfrauenplatz abbiegen, als Peter daherkam. Die beiden Freunde erkannten sich von großer Weite, stutzten, und dann lief Jochen auf einmal hastig den Weg wieder zurück. Ihm waren ganz plötzlich Peter Hagemeisters ungeheure Fleißtaten eingefallen, Klassenerster geworden, Preis gekriegt, eine Klasse übersprungen, oh nein, diesem Fleißprotz wollte er nicht begegnen.

Peter Hagemeister war mitten auf der Straße stehen geblieben – Jochen Busse wich ihm aus. Wie ein Schlag hatte ihn das getroffen, ein weher schmerzender Schlag. Er hing den Kopf, sicher, Jochen Busse verachtete ihn. Was er getan hatte, war unvergessen. Sein Onkel und Herr Butzebach hatten ihn freundlich empfangen, hatten ihn gelobt und mit keinem Wort das Vergangene berührt. Und seine Mutter hatte ihm schon damals verziehen, die hatte nie an ihm gezweifelt.

Aber die anderen? Wußte denn Jochen seine Tat, und Nettchen?

Peter Hagemeister hatte eben zu ihr gehen wollen, nun ging er langsam einen anderen Weg. Er hatte sich so sehr aus Nettchens Überraschung gefreut, alle hatten es ihr verschwiegen, auf einmal hatte er vor ihr stehen wollen und sagen: »Siehst du, da bin ich wieder, und einen Preis habe ich, und –«

Peter begann zu rennen durch die alten vertrauten Sträßchen. Da war eine, die ins Freie führte, nach einem kleinen Erlengebüsch, das sich zu Schutz und Schirm über eine Quelle neigte. Hier hatte Peter einst manche Stunde heimlich verträumt und verlesen, und zu dem stillen Winkel flüchtete er sich. Die Quelle gluckste und murmelte wie einst, und durch das schon gelichtete Buschwerk drang die Sonne, sie stand bereits tief und von den Wiesen stiegen Nebelschwaden auf. Die verhüllten allmählich die Ferne und schieden Peter Hagemeister und sein Leid gütig von der lauten Welt. –

Nettchen Dibelius hatte sich auch einen stillen Winkel ausgesucht, um ihre Enttäuschung ausweinen zu können. Denn Nettchen war wirklich etwas eine Wasserjungfer geworden, wie Jochen sie genannt, und ihre Tränen flossen schnell. Ach so bitterlich, wie an diesem Tag, hatte sie selten geweint. Sie saß in ihrem schmalen Stübchen, zwischen einfachem Hausrat und – ja, eigentlich heulte sie wie etwa ein Hofhund in bitterkalter Nacht.

Peter Hagemeister war da und war nicht zu ihr gekommen! Alle Leute wußten es, nur sie allein nicht. Ihr schien das der allerschnödeste Verrat an ihrer Freundschaft zu sein, denn ihrer Meinung nach hätte Peter spornstreichs zu ihr kommen müssen. Und warum es ihr niemand gesagt hatte, nicht einmal die Mutter, Onkel Jukundus nicht. Oh, oh, oh!

Nettchen Dibelius heulte sich allmählich in Wut, Gekränktsein, in einen bitterbösen Zorn gegen Peter, gegen alle, ja selbst gegen ihre Mutter und Onkel Jukundus hinein. Denn daß ihre Mutter an diesem Nachmittag fortgegangen war, ins Markthaus zu Großmutters Lesekränzchen, das empfand Nettchen als eine zweite persönliche Kränkung.

»Unser Nettchen ist doch nicht zu Hause,« schrie unten die Magd.

Nettchen erschrak, war Peter vielleicht doch gekommen?

Nein, das war Herrn Butzebachs Diener, der redete, und gleich darauf trappte die Magd die Treppe empor, riß die Türe auf und schrie verwundert: »Herrjeh, Nettchen, da biste ja, und deinem Onkel wird die Schokolade kalt.«

Nettchen schämte sich zwar gewaltig der verweinten Augen, über die die Magd in laute Verwunderungsrufe ausbrach, sie trat aber doch, wenn auch im Herzen widerstrebend, den Weg zu Herrn Butzebach an.

Noch nie seit dem erstenmal war es ihr so schwer geworden, vor den Onkel zu treten, wie in dieser Stunde, und wenn sie sich auf der Straße nicht der verweinten Augen geschämt hätte, sie wäre noch viel langsamer gegangen.

Herr Butzebach saß in seinem Gartenzimmer. Ein Armleuchter mit Wachskerzen, des Hausherrn liebstes Licht, brannte auf dem wie immer festlich gedeckten Tisch, und sie tauchten den schönen Raum in ein warmes Licht. Die Türen nach dem Garten standen noch auf, draußen verdämmerte der warme Tag, und ein Busch roter Georginen, der dicht vor der Mitteltür stand, schien das glänzende Tageslicht festgehalten zu haben, so glühte er.

Als Nettchen eintrat, blieb sie verlegen im Schatten der Türe stehen, doch da sagte ihr alter Freund: »Nanette, warum hast du denn geweint?«

»Peter ist da!« schluchzte Nettchen.

»Ist denn das zum Weinen?«

»Oh, Onkel Jukundus!« Nettchen kauerte sich neben dem Stuhl des Onkels nieder und klagte: »Peter ist hochmütig geworden, weil er Erster ist, Jochen Busse sagt es, weil er einen Preis hat, er kümmert sich nicht um mich, er ist undankbar, er –«

»Halt, Nanette, das sind Anklagen genug gegen einen – der sich nicht verteidigen kann. Zuerst hochmütig – ja, sahst du Peter schon, zeigte er Hochmut?«

»Nein – eben nicht, ich – er, ich denke –«

»Ach so, du denkst es nur – du weißt es nicht. Hat denn Jochen Busse, der große Ankläger, Peter gesehen?«

»Nein,« flüsterte Nettchen immer verlegener, »aber –«

»Er ist nicht zu dir gekommen, und du hast gemeint, er müsse gleich kommen. Er wollte dich überraschen, heute noch, er freute sich schon darauf, dir zu sagen: da bin ich. Bleibt also die Anklage der Undankbarkeit. Ein schlimmes Ding, ein böses Wort. Sage mir doch, Nanette, hast du auf Dankbarkeit gerechnet, wie jemand auf die Rückgabe geliehenen Geldes rechnet?«

Da blieb Nettchen die Antwort schuldig und seufzte nur tief. Sie hatte doch immer im Herzen gemeint, Peter müsse ihr um der Königstasse willen sehr, sehr dankbar sein. So nach und nach war ein richtiger kleiner Tugendstolz in ihr groß geworden, ich, Nanette Dibelius, habe Peter geholfen, ich habe ihm ein Opfer gebracht.

»Freundschaft, die mit Dankbarkeit rechnet wie mit einem Zahlmittel, das ist nicht rechte Freundschaft,« sagte Onkel Jukundus. »Freundschaft gibt und nimmt, aber sie rechnet nicht. Freundschaft ist wie ein Brunnen, der nie versiegt.«

Wieder seufzte Nettchen tief, sie fand aber noch immer kein Wort.

Was hat mein Liebling? dachte Herr Butzebach sorgenvoll, und er sagte gütig: »Du hast Peter Hagemeister auch zu danken, Nanette, denn –«

»Da bin ich zu dir gekommen,« rief Nettchen und umschlang stürmisch den Onkel. Ihr Leben war so reich an Liebe, daß sie nie über die Fülle nachdachte, die ihr wurde, aber in diesem Augenblicke fühlte sie tief, durch Peter Hagemeister hatte sie diesen gütigen alten Freund gewonnen, das war ein besonderes Glück.

»So war es nicht ganz gemeint,« sagte Herr Butzebach lächelnd. Im Herzen dachte er, kleine Nanette, wie viel Sonne hast du mir gebracht. Aber er sprach es nicht aus, er fragte nur: »Was wird mit Peter?«

»Wenn er doch käme,« rief Nettchen ungeduldig, »wo er nur bleibt?«

Herr Butzebach sagte nichts von einem Boten, der ausgegangen war, den verschwundenen Peter zu holen, und dieser Bote traf den Buben, als er mit hängendem Kopf, trübselig wieder in das Sträßchen einbog, in dem seine Mutter nun wohnte. Peter war nicht froh über die Botschaft, doch Herrn Butzebachs Ruf, dem mußte er folgen, da überlegte er gar nicht.

Der Diener schlug um der Eile willen, die sein Herr ihm anbefohlen hatte, den Weg durch den Schulgarten ein; er wußte nicht, daß Peter diesen Weg nur mit schwerem Herzen ging. Der dachte: Gut, daß es schon dämmert. Er lief unwillkürlich immer schneller, durch die kleine Pforte, er rannte dem Diener voran, und so tauchte er ganz unvermutet vom Garten her in dem sanften Kerzenschimmer auf.

illustration: Arthur Scheiner

»Dummer Peter, kommst du endlich?«

»Peter,« schrie Nettchen, und sie eilte dem Kameraden mit einer solchen Schnelle entgegen, als wäre der ein Falter, der wieder davonzufliegen trachtete.

»Nettchen!« Beider Hände lagen ineinander und Nettchen rief herzensfroh, mit tiefem Aufatmen: »Dummer Peter, kommst du endlich.«

Der Ruf und Nettchens strahlende Augen verscheuchten alle Zweifel aus Peters Seele, er sagte froh: »Ich wollte dich doch überraschen.«

Peter Hagemeister war in dem besinnlichen Jahr, das er durchlebt hatte, ein wenig stille geworden, an diesem Spätnachmittag jedoch mußte er reden, da half ihm alles nichts. Nettchen fragte immerzu. Jochen Busse hätte sich vielleicht ausgedrückt, sie fragt ein Loch in den Kopf, denn dies war eine seiner beliebtesten Reden. Doch Jochen Busse konnte nichts zu der Unterhaltung sagen, der lief vorläufig noch wütend und gekränkt in Neustadt herum und wußte noch nichts davon, daß Peter Hagemeister wirklich kein Fleißprotz geworden war und auch keine langen Hochmutsbeine bekommen hatte.

Lang dehnte sich die frohe Wiedersehensstunde aus, bis Herr Butzebach sagte: »Nun begleite Nanette heim, Peter, und dann merke es dir, die Mittwochnachmittage gehören mir. Nanette hat mir nun einmal alle Türen ausgerissen und meine Einsamkeit davongejagt, so soll es nun auch bleiben.«

Draußen war der Nebel dichter geworden, und da die Neustädter Stadtbeleuchtung, die aus zwölf Laternen bestand, noch ihren Sommerschlaf tat, ergriff Nettchen Peters Hand: »Wir wollen uns führen, zusammen ist's besser.«

Wie sie beide so gingen und der Nebel um sie wallte und braute wie ein Meer, sagte Peter halblaut, mit einer gewissen Feierlichkeit und doch zögernd, als würden ihm die Worte schwer: »Ich danke dir, Nettchen, du hast mir geholfen, und die Königstasse, die gewinne ich zurück, ganz bestimmt.«

Nettchen schwieg, ein wenig beschämt durch den Dank, und dann fiel ihr ein, was Onkel Jukundus gesagt hatte über die Freundschaft, sie wiederholte es dem Kameraden und ihr Stimmlein tönte hell und lieblich durch das Dunkel an Peters Ohr. »Freundschaft gibt und nimmt, aber sie rechnet nicht. Freundschaft ist wie ein Brunnen, der nie versiegt.« –

Peter Hagemeister hielt Wort, er eroberte die Königstasse zurück. Er tat Jochen Busse nie den Gefallen, sitzen zu bleiben, damit ihn der einholen konnte; trotzdem hielt auch die Freundschaft der beiden den Stürmen des Lebens stand. Peter Hagemeister hatte ein hohes Ziel, er wollte ein Helfer der Menschen werden, und er erreichte sein Ziel. Er wurde Arzt, machte ein glänzendes Examen und die Leute sagten: Nun steht ihm die Welt offen. Doch der lieblichste Winkel der Welt schien Peter immer Neustadt zu sein, dorthin kehrte er zurück, und dem jungen Arzt gab Herr Butzebach die schimmernde Königstasse zurück. »Nanette soll sie aus deiner Hand empfangen.«

Ach, schließlich war Peter doch ein schlimmer Peter, er behielt die Tasse und nahm die schöne junge Nanette Dibelius dazu. Die wollte ihre Heimat auch nicht verlassen, in der so viele Menschen sie lieb hatten, aber Frau Doktor Hagemeister wollte sie gern, gern heißen. Also gab es eine feierliche und liebliche Hochzeit in Neustadt und alle lebten sie noch, alle feierten sie noch mit, die freundlichen gütigen Menschen, die Peters und Nettchens Jugend behütet hatten.

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