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Die Tasse des Königs

Josephine Siebe: Die Tasse des Königs - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleDie Tasse des Königs
publisherVerlag A. Anton & Co.
illustratorArthur Scheiner
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectid56118ca0
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9. Kapitel
Onkel Jukundus

Aus Herrn Butzebach wird ein Onkel Jukundus, und nach dem Herbst kommt eiligst der Winter. Nettchen Dibelius will ein Buchzeichen sticken. Die ganze Klasse hält eine Beratung ab und Lotte, Emilie, Jettchen, Adelheid, Linchen, Dorchen und Lorchen bedrängen Nettchen mit Fragen; Mamsell Turnau schilt und Herr Butzebach nimmt die Königstasse aus dem Schrank.

 

Als Nettchen Dibelius am nächsten Morgen nach der Schule flink noch zu einem kurzen Besuch ins Großvaterhaus lief, bestellte ihr Sünder Peter Hagemeisters Abschiedsgruß.

»Peter, weg, wohin, wohin?«

Ja, das wußte der gute Friedhold Gottlieb auch nicht. In die weite Welt war Peter gefahren, wohin, hatte Herr Butzebach nicht verraten. »Gib dich drein, es wird schon richtig werden,« riet der alte Freund Nettchen, »was Herr Butzebach tut, ist gescheit, er versteht es besser, was für den Peter recht ist, als wir alle.«

Damit mußte sich Nettchen zufrieden geben, aber recht fand sie Herrn Butzebachs heimliches Tun nicht. Warum durfte Peter nicht Abschied nehmen? So eins, zwei, drei reist doch niemand in die weite Welt! Da war Jochen Busse anders. Der nahm schon andauernd Abschied vor seiner Reise nach Reinshagen, es war, als wolle er die Welt umschiffen.

Lieb und freundlich, wie das eines guten Geistes, war Nettchen zuerst Herrn Butzebachs Bild erschienen, die unerwartete heimliche Abreise verdunkelte es ein wenig. Ihr fiel wieder ein, was sie da und dort über Herrn Butzebach gehört hatte. Ein Sonderling sei er, so sagte man in Neustadt, verbittert und menschenfeindlich. Und wenn Nettchen an dem stillen Haus vorbeilief, an dem viele Tage lang die Fenster verhängt blieben, da seufzte sie und dachte: Meine schöne Tasse steht nun dort einsam, verborgen vielleicht in einem Schranke, von niemand bewundert, zu niemandes Freude.

Und dann sagte ganz unerwartet die Mutter an einem Tag, es waren schon Ferien, und Jochen Busse hatte schon seine Reise nach Reinshagen unternommen: »Nettchen, du möchtest heute nachmittag zu Herrn Butzebach kommen, er hat nach dir geschickt, vorgestern ist er heimgekehrt.«

Nettchen erschrak. Sie wurde ganz blaß; auf einmal erschien es ihr ein schweres Unternehmen, allein in das stille Haus zu dem fremden Mann gehen zu müssen, und sie sah ihre Mutter in ängstlicher, stummer Frage an. Muß ich?

Frau Dibelius lächelte heimlich über ihr Schüchterle, doch sie mahnte: »Ich denke, du hast es versprochen, und Herr Butzebach will dir gewiß etwas von Peter erzählen.«

Die Aussicht lockte nun freilich. Schließlich konnte Nettchen kaum die Zeit erwarten, und schon fünf Minuten vor vier Uhr stand sie vor Herrn Butzebachs Haus. Sie betrat es zaghaft und schaute sich in dem hellen, stillen Flur so ängstlich um, als wäre sie in einen Porzellanschrank geraten. Am Fuß der Treppe stand eine weiße Gestalt, vor ihr blieb Nettchen erschauernd stehen. Sie wußte nichts von Apollo, dem heiteren, schönen Gott, aber wieder wie das erstemal ergriff sie es wie Ehrfurcht vor dem wunderbaren Bildwerk; andächtig schaute sie und schaute und überhörte darüber das feine silbertönige Schlagen einer Uhr. Sie überhörte auch, daß eine Tür ging, und dann stand Herr Butzebach auf einmal neben ihr und fragte: »Nun, Nanette, hat es dir der Apollo angetan, vielmehr das schwache Abbild eines schönen Urbildes in Rom, der ewigen Stadt?«

Den Sinn der Rede verstand Nettchen nur halb, aber der Name Rom hatte etwas wie Märchenklang; sie hätte gern allerlei gefragt, sie wagte es aber nicht, knixte nur tief und folgte dem Hausherrn stumm durch die Zimmer, durch die sie schon einmal geschritten war, hinein in ein halbrundes Gemach, dessen breite Glastüren nach dem Garten gingen. Dort stand in der Mitte ein zierlich gedeckter Tisch, auf dem vergoldete Tassen glänzten. Doch Nettchen sah den Tisch gar nicht, ihre Blicke hingen an einem Glasschrank, der an einer Schmalwand zwischen zwei Türen stand. Tassen waren darin, nur Tassen, die schimmerten und gleisten, im oberen Fach aber, allein, stolz in all ihrer Pracht, stand die Königstasse. »Da ist sie!« Nettchen lief auf den Schrank zu und starrte verzückt die Tasse an. Ihre Tasse war es, und doch nicht ihre Tasse mehr.

»Ja, da ist sie, und sie hat sich schon auf deinen Besuch gefreut. Etwas einsam war es ihr hier, wenn sie auch einen ganzen Hofstaat um sich herum hat.«

Ein verhaltenes Lachen lag in Herrn Butzebachs Stimme, als er das sagte, und Nettchen dachte plötzlich, der kleine graue Herr müßte gut Geschichten erzählen können. Da wurde sie zutraulicher und fragte, ihre Schüchternheit überwindend: »Wo ist Peter?«

»Der läßt dich grüßen. In einem waldumrauschten Haus wohnt er jetzt, im Herzen des Thüringer Landes gelegen.«

»Wo ist das Thüringen?« flüsterte Nettchen nun wieder verlegen. Sie wußte nichts von Thüringen, nur von einem Landgrafen, der einmal dort gehaust hatte; aber wo dies sagenhafte Land lag, ahnte sie nicht.

Herr Butzebach sah lächelnd auf sie herab: »Nun, in Europa liegt das Land noch,« neckte er. »Aber nun komm, Nanette, jetzt wollen wir miteinander Schokolade trinken, dabei erzähle ich dir von Peter und seiner neuen Heimat.«

Aus einer wunderschönen Tasse, deren Bild zwei Rosen tragende Engel zeigte, durfte Nettchen Schokolade trinken, und dabei erzählte ihr Herr Butzebach von seiner Reise mit Peter. Zur Mutter hatte sie erst geführt und dann nach zwei Tagen dem neuen Ziele zu, einer großen Erziehungsanstalt in Thüringen. Dort hatte schon mancher tüchtige Mann einst seine Schulzeit verbracht, und auch Peter Hagemeister sollte dort lernen und sollte beweisen, daß er nur eine kurze Weile auf einem Irrweg gegangen war.

Als Herr Butzebach von der Reise erzählte, der Postfahrt durch sommerliches Land im hellen Sonnenglanz und Nächten bei Mondschein, klang es wie eine schöne Geschichte. Von rinnenden, lieblich umsäumten Flüssen erzählte Herr Butzebach, von verfallenen Burgen und schwarzblauen Wäldern, die sich, Königsmänteln gleich, um Berge legten.

Nettchen vergaß über dem Zuhören Zeit und Stunde, und sie seufzte, als Herr Butzebach sagte: »Nun komm, jetzt wandern wir noch einmal durch den Garten, doch dann mußt du heimgehen, deine Mutter sorgt sich sonst.«

Sie gingen beide durch den Garten, der hatte weite Rasenflächen und Beete voll bunter Blumen; hohe Bäume warfen ihren Schatten über stille Wege, und durch das Grün schimmerten zwei Häuser, das Gymnasium und das Rektorhaus, dort hatte Peter gehaust! Nettchen dachte an ihn, aber nicht traurig, ihm ging's gewiß gut dort in Thüringen. Sie sagte das zu ihrer eigenen Verwunderung auf einmal ganz laut: »Peter hat's gut, der ist gewiß froh.«

»Er war es nicht, als wir uns trennten, aber er wird es werden, wenn er erst den Sinn der Arbeit begriffen hat,« sagte Herr Butzebach. »So, Nanette, jetzt lasse ich dich durch diese kleine Tür hinaus. Wirst du nun wiederkommen? Oft zu mir kommen?"

»Ja,« rief Nettchen rasch, freudig und ohne Besinnen. Ihre Augen strahlten Herrn Butzebach an, und der hielt ihre kleine Hand ein Weilchen fest in der seinen. »Auf Wiedersehen also, und auf gute Freundschaft, Nanette Dibelius. Du kannst mich auch Onkel Jukundus nennen, wenn du willst.«

»Ach ja,« rief Nettchen wieder, und sie sprach glatt den neuen Namen aus; »auf Wiedersehen, Onkel Jukundus!«

Nettchen lief heim, und wieder erschien ihr der kurze Weg lang zu sein, denn nun drängte es sie, der Mutter von dem vergangenen Nachmittag zu erzählen. Und zu Hause schwatzte sie wie eine kleine Elster alles durcheinander, und mitten hinein fragte die Mutter: »Es hat dir also bei Herrn Butzebach gefallen?«

»Bei Onkel Jukundus,« verbesserte Nettchen sie rasch, »es war herrlich.« plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie forschte: »Warum nennt mich Onkel Jukundus nur immer Nanette, ich heiße doch Nettchen?«

»Nein, mein Mädchen, du heißt Nanette, wir nennen dich nur Nettchen, weil der Name nicht so feierlich klingt. Du heißt nach deiner Großtante Nanette, Großvaters und Tante Malves Schwester.«

»Wo ist sie?« wollte Nettchen wissen.

»Sie ist gestorben, ganz jung, sie war sehr schön, man nannte sie nur die schöne Nanette im Städtchen, und sie war Herrn Butzebachs Braut. Später hat man sie nur immer die gute Nanette genannt, und das kam so: In der Franzosenzeit, nach den schlimmen Schlachten von Jena und Eylau, hatte Neustadt auch französische Einquartierung bekommen. Die Truppen schleppten eine böse Krankheit ein, ein schlimmes Fieber, dem viele Menschen zum Opfer fielen. Dazu waren die Lebensmittel knapp, und in dieser Zeit der Sorge wurde aus der schönen Nanette Dibelius die gute Nanette. Sie ist damals den Armen und Kranken eine rechte Helferin geworden, sie hat geholfen und gepflegt, wo sie nur konnte; aber zuletzt hat sie selbst die schlimme Krankheit bekommen, zwei Tage nur, da war sie tot.

Es war ein großer Jammer in der Stadt. Herr Butzebach war damals nicht hier, er erfuhr den Tod seiner Braut erst nach vielen Wochen. Und danach hat es lange gedauert, ehe er heimkam. Er ist weit in der Welt herumgekommen, und er hat auch mitgekämpft, das Vaterland von fremder Herrschaft zu befreien. Damals bei Leipzig, und dann ist er in Paris mit eingezogen. Als er wiederkam, lebte er ganz einsam, und darum nennen ihn die Leute einen Sonderling. Wenige wissen, wieviel Gutes er in aller Stille tut, er hilft so heimlich und klug, wie er Peter Hagemeister geholfen hat.«

»Ich soll ihn oft besuchen,« flüsterte Nettchen, und ihr kleines Herz schlug vor Stolz, Freude und Mitgefühl, und am liebsten wäre sie gleich wieder zu Herrn Butzebach gelaufen.

Von diesem Tage an ging Nettchen Dibelius oft in das stille Haus. Jeden Mittwoch zu einem großen Besuch mit Schokoladetrinken am festlichen Tisch. Daneben gab's noch viele eilige, kurze Besuchshusche. Ihre Wege führten Nettchen immer nahe an dem Haus vorbei, und wenn sie einmal an der Haustüre war, dann lockte das Hineinlaufen sehr; drinnen hieß es dann: »Guten Tag, Onkel Jukundus, wie geht's?« Onkel Jukundus dies, Onkel Jukundus das, und immer die Frage: »Hat Peter geschrieben?«

»Nein, noch nicht, immer noch nicht.« Und jedesmal sagte der alte Herr: »Auf Wiedersehen, Nanette, morgen.«

»Ja, morgen, Onkel Jukundus, und vielleicht hat dann Peter geschrieben!«

»Ja, vielleicht!«

Doch Peter schrieb nicht. Der Sommer verging, und ehe die Menschen sich noch recht am Herbst gefreut hatten, war der Winter da. Ganz rasch kam er mit Schnee und bitterkalten Tagen, Weihnachten stand vor der Türe, und Peter Hagemeister hatte noch nicht geschrieben.

Immer noch nicht, warum nur nicht!

»Er ist krank,« meinte Nettchen Dibelius.

»Nein, er ist gesund,« sagte Herr Butzebach, »er soll aber erst schreiben, wenn er selbst fühlt, daß es Zeit ist. Noch scheint er das nicht zu fühlen, also – warten wir.«

»Und reist er nicht zu seiner Mutter?« fragte Nettchen bang. »Weihnachten nicht?«

»Nein, Weihnachten nicht und Ostern nicht, in den Sommerferien vielleicht, wenn er bis dahin ein gutes Zeugnis errungen hat.«

Zum erstenmal fand Nettchen Onkel Jukundus hart, und sie sann einer Freude nach, die sie Peter bereiten könnte. Ein Buchzeichen sticken, vielleicht! Buchzeichen waren in Neustadt die große Mode. Madamen und Mamsells, die Alten und Jungen, alle stickten Buchzeichen, und Nettchen hatte schon für Weihnachten drei vollendet; für Herrn Butzebach war auch eins dabei, nun sollte Peter auch eins erhalten. Sie lief zur Mutter und erbat sich die Erlaubnis dazu, und Frau Dibelius sagte: »Meinetwegen, wenn du fertig wirst, die Post braucht lange Zeit.«

Da rannte Nettchen zu Mamsell Turnau und erbat sich dort Rat. Mamsell Turnau fand das Buchzeichen sehr angebracht, sie suchte selbst mit Hilfe der ganzen Klasse das allerschönste Muster aus; das Buchzeichen für Peter Hagemeister war allen eine wichtige Sache. Früher hatte keins der Mädchen eine andere Meinung als die, Peter Hagemeister sei ein unnützer Junge, einer wie sie viele herumlaufen. Seit er aber plötzlich aus Neustadt verschwunden war, umspielte ihn etwas Geheimnisvolles. Herr Butzebach hatte sich seiner angenommen, warum, und warum lief Nettchen jetzt soviel zu Herrn Butzebach?

Immer wieder wurde Nettchen gefragt, sie sollte von Peter erzählen, und Nettchen, die sonst ganz flink schwatzen konnte, schwieg dann immer. Alle diese Fragen ließ sie unbeantwortet. Sie kränkte damit ihre Klassengenossinnen bitter, die schmollten, grollten und versöhnten sich wieder, denn Nettchen blieb verschwiegen; selbst Lotte Langmann erfuhr nicht, warum Peter so rasch Neustadt verlassen hatte. »Man schreit eines Freundes Fehler nicht auf den Gassen aus,« hatte die Mutter gesagt, und Nettchen bewahrte das Wort in ihrem Herzen auf.

Wie sollte das Buchzeichen werden? Rot, blau, grün, gelb, weiß, ja wie? Jettchen und Dorothee sagten blau, Lotte und Emilie fanden grün die einzig passende Farbe, Adelheid und Lieschen meinten, rot sei recht, so ging es fort; eine halbe Stunde dauerte der Streit, dann wurde rosenrot gewählt mit Vergißmeinnicht; da sagten alle, ja, dies wäre am schönsten.

Das Buchzeichen wurde ein Prachtstück, alle bewunderten es in der Klasse, und Nettchen lief damit stolz zu ihrem Onkel Jukundus, und auch der lobte die Arbeit. Er schrieb auch selbst die Aufschrift und versprach, das Paketchen selbst zur Post zu tragen, damit es auch sicher in Peters Hände kam.

Nun würde Peter schreiben, nun mußte er es tun! Dankeschön muß einer doch sagen!

Doch Weihnachten kam, Weihnachten verging – Peter schrieb nicht.

Fern im waldumrauschten Schulhaus saß Peter Hagemeister am heiligen Abend und heulte, trotz aller guten Vorsätze, jämmerlich vor Heimweh. Er biß die Zähne zusammen, schluckte die Tränen herunter, er versuchte, an lächerliche, lustige Dinge zu denken, kurz, er tat alles, was einer gegen Tränen tun kann, aber es half ihm nichts, die Tränen rannen und rannen, das Herz war ihm gar zu schwer.

Am liebsten wäre er hinausgelaufen in die weiße, verschneite Welt, weiter, immer weiter, bis dahin, wo seine Heimat lag! Doch noch war es nicht Zeit, noch nicht, vielleicht lange noch nicht.

Und Nettchen Dibelius wartete und wartete, der schlimme Peter schrieb nicht. Sonst war ihr die Post so ziemlich gleichgültig gewesen, denn ihre Welt war Neustadt; keine Fäden verbanden sie mit dem Draußen, und das Paket mit der Königstasse war die erste und einzige Postsendung gewesen, die Nettchen bisher erhalten hatte. Das Warten an sich ist schon schlimm, aber zur Pein wird es, wenn andere immer fragen: »Wie steht es, hast du noch keinen Brief? Immer noch nicht, ja, warum nur nicht?«

Wenn Nettchen in die Klasse kam, dann schwirrten ihr diese Fragen gleich entgegen, denn alle Mitschülerinnen meinten, den allergrößten Anteil an dem Buchzeichen zu haben, und sie begriffen Peter Hagemeisters Stillschweigen einfach nicht. Selbst Mamsell Turnau fragte ein paarmal, ob das Buchzeichen angekommen sei; sie schwieg aber dann, da sie merkte, wie traurig Nettchen über das Ausbleiben der Nachricht war. »Peter wird schon schreiben,« tröstete sie, »gut Ding will Weile haben!«

Eine Zeitlang ließ sich Nettchen trösten, aber mehr und mehr fand sie, die Freundinnen hätten recht; die schalten, es sei abscheulich, sei ungeschliffen, undankbar und ganz verwerflich, für so ein fein gesticktes Buchzeichen nicht zu danken. Und an einem Mittwoch, man war schon mitten drin im Januar, und wer eine rote Nase haben wollte, brauchte sie sich wirklich nicht mehr anzustreichen, gab es in Mamsell Turnaus Schule eine kleine Überschwemmung. Nettchen Dibelius weinte.

Nach Peters Dank hatten die Freundinnen einmal wieder gefragt, und da war Nettchen der schon etwas dünn gewordene Geduldsfaden gerissen, und sie hatte heftig gerufen: »Ich will von dem dummen Peter gar nichts mehr wissen, wenn er nicht schreiben will, soll er es bleiben lassen.«

»Das ist recht!« Fünf riefen es auf einmal, und dann hielten es Lotte, Emilie, Jettchen, Adelheid, Linchen, Dorchen und Lorchen für die rechte Stunde, um von Nettchen zu erfahren, warum damals Peter Hagemeister so piff, paff, puff auf und davon sei. Sie bedrängten Nettchen arg mit Fragen, in deren Herzen aber tönte voll und mahnend das Wort der Mutter, daß man der Freunde Fehler nicht auf den Gassen ausschreien dürfe. Und so schwer es ihr würde, sie schwieg. Schließlich wußte sie sich in ihrer Not aber gar nicht zu helfen, und sie brach in Tränen aus.

So fand sie Mamsell Turnau, die von den Kleinen herüber kam. Drei Mädchen stürzten ihr entgegen mit dem Ruf: »Nettchen Dibelius weint!«

»Lieber gar, warum denn das?«

Mamsell Turnau tröstete und schalt auf die andern: »Oh, ihr Neugierigen, was geht es euch an, warum dieser Junge, dieser Peter, nicht mehr in Neustadt ist.«

»Er hat sicher was fürchterlich Schlimmes getan?« rief Lorchen Veit, wie ein rechter kleiner Tugendprotz.

»So so, ja ja, freilich, das müßt ihr wissen, damit ihr euch recht entrüsten könnt. Ja, ja, hm, hm, ich werd' es mir merken und nun auch Hinz und Kunz und auf allen Gassen erzählen, daß mich neulich eine angelogen hat, eine ihr Heft mit Tinte verschmierte, zwei die Nähstunde schwänzten, zwei im Herbst von meinen Gravensteinern genascht haben und so fort; ja, ja, hm, hm. Oder meint ihr, es sei besser, fein stille über die Fehler der anderen zu schweigen, mit liebender Hand ein Tuch darüber zu breiten und zu denken: ihr Fehler habt mich gekränkt, aber ich will verzeihen und vergessen?«

Mamsell Turnau sah vergnügt über ihre Brillengläser hinweg ihre Schülerinnen an. »Na, Kinder, was meint ihr?«

Da senkten sich zehn Mädchenköpfe ganz tief, und ein Weilchen war es sehr still im Klassenzimmer, dann begann Mamsell Turnau mit heiterer Stimme den Unterricht, und Nettchen Dibelius wischte sich geschwind die letzten Tränen aus den Augen.

Aber froh kam Nettchen an diesem Tag nicht heim, und froh ging sie auch nicht zu Herrn Butzebach zum Schokoladetrinken. Der spürte den heimlichen Kummer wohl und fragte scherzend: »Bist du heute mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?«

Das Wort zog Nettchens Tränenschleusen plötzlich wieder auf, sie schluchzte laut und rief fast heftig: »Ich mag nichts mehr von Peter wissen.«

»Soooh!« Herr Butzebach zog das Wort lang, »warum denn nicht?«

»Weil er nicht schreibt, weil er so undankbar ist, weil – weil ich ihn nicht mehr mag!«

»Sooooh!« wieder zog Herr Butzebach das Wort wie eine Gummischnur lang. Dann schob er seinen Stuhl zurück, stand auf und sagte ernst: »Wir wollen unsere Mahlzeit noch ein wenig stehen lassen, Nanette, erst will ich dir noch geben, was dir gehört!«

Nettchen sah verwirrt auf. Der Onkel hatte so sonderbar gesprochen, feierlich, auch ein wenig spöttisch; sie wurde nicht recht klug daraus. Was war es, was er ihr geben wollte; war vielleicht doch ein Brief gekommen?

Der alte Herr war an den Schrank getreten, in dem die Königstasse glänzte und prunkte, er schloß ihn auf und nahm die schöne Tasse bedächtig heraus. »Soll ich sie dir zurückgeben, Nanette?« fragte er. »Sieh einmal, wie schön sie ist, und diese köstliche Tasse hast du mir zum Zeichen gegeben, daß du Peter Hagemeister vertraust und den Glauben hast, er wird den rechten Weg finden und ein tüchtiger Mann werden.«

»Ich will,« schluchzte Nettchen aus, aber der Onkel legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Laß mich ausreden, Kind, kein voreiliges Versprechen. Es ist ein schweres Ding, für einen andern Menschen Bürgschaft leisten, vielleicht bist du zu jung dazu, Nanette, vielleicht. Und wenn dein Vertrauen so klein ist, daß es einen Winter nicht überdauert, wird es nicht viele Jahre stark sein können. Ich gebe dir die Tasse gern zurück, gleich, willst du sie?«

»Nein!« Nettchen streckte abwehrend die Hände aus und wich von dem Schrank zurück. Das Blut schoß ihr heiß ins Gesicht. »Ich will sie nicht, nein, nein!«

»Sooooh! Na ja!!« Herr Jukundus Butzebach stellte die Tasse sorgsam wieder in den Schrank und verschloß diesen. »Wir wollen also beide vertrauen haben, Nanette, und nicht kleinmütig werden, wir wollen an Herrn Ulrich von Huttens tapferen Spruch denken: ›Ich hab's gewagt, bin unverzagt und will des End's erwarten.‹ Ist's recht so?«

»Ja,« sagte Nettchen leise, und sie fühlte zum erstenmal recht, was für ein ernstes Ding es ist, festzuhalten am Vertrauen.

»Nun laß uns unseren Mittwoch feiern wie sonst.« Herr Butzebach führte Nettchen an den Tisch zurück, und während er ihr selbst den Kuchen reichte, fragte er: »Von was wollen wir uns heute erzählen, Nanette? Heute sollst du wählen dürfen.«

»Von Rom,« rief Nettchen flink, ohne alles Besinnen.

»Holla, das ist ja eine weite Reise, die du da vorschlägst, und was will eigentlich so eine kleine Mamsell in dem großen gewaltigen Rom?«

Nettchens Augen wurden groß vor sehnsüchtiger Erwartung. »Du hast gesagt, Rom wäre schöner als alle Märchen der Welt,« flüsterte sie.

»Also Märchenlust ist'«!« Herr Butzebach lächelte, er sah aber in Nettchens große sehnsüchtige Augen, und da begann er zu erzählen von der großen Zauberin, die er einst im Frühlingsblühen geschaut hatte. Der alte Mann und das kleine Mädchen vergaßen darüber Zeit und Stunde, und Nettchen Dibelius begann zu ahnen, daß es für sie noch viel, viel mehr zu lernen gab, als in Mamsell Turnaus kleiner lustiger Schule gelehrt wurde.

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