Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Käthe Schirmacher >

Die Suffragettes

Käthe Schirmacher: Die Suffragettes - Kapitel 16
Quellenangabe
authorKaethe Schirmacher
titleDie Suffragettes
publisherFrauen-Clit Verlag
year1976
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170819
projectidd8c94866
Schließen

Navigation:

Die Suffragettes und die Frauen.

Die geborenen »Radikalen« sind für die Suffragettes, die geborenen »Gemäßigten« gegen sie. Das Gros der internationalen Frauenwelt ist durch die Männerpresse gegen sie eingenommen. Den konventionellen Frauen sind die Suffragettes unüberwindlich widerwärtig, wie den konventionellen Männern. Der Chor der Hörigen sekundiert kräftig. Es gibt aber auch »gemäßigte« Frauen, die anerkennen, daß die W. S. P. U. recht hat, und daß die »militants« eine Arbeit leisten, welche geleistet werden muß, die Kraft und Charakterstärke der Gemäßigten aber übersteigt. Die Zahl der eigentlichen Kämpfer ist selbstverständlich eine Minderheit, denn in allen Gemeinwesen sind die radikalen, logischen, zum Äussersten entschlossenen Menschen eine Minderzahl, Konservativ sein, ist bequem. und alle Revolutionen werden von Minoritäten gemacht, die ihr Leben gaben, damit andere bessere Lebensbedingungen hätten.

Dies Buch schildert allein den Kampf der Suffragettes. Doch ist hier der Ort, ihrer Vor- und Mitarbeiter zu gedenken. In erster Linie Mrs. Wolstenholme-Elmy's. Sie war die geborene Stimmrechtlerin, vor 45 Jahren schon wurde sie Schriftführerin des I. Frauenstimmrechtsvereins in Manchester, heute, mit ihren 77 Jahren, sieht sie ihre Jugendhoffnungen in der wackeren W. S. P. U. verkörpert. Sie gehörte von 1905 an zu den »militants« und beteiligte sich an dem Umzug vom 21.6. 1908.

Welche Vorarbeit die Frauen Englands bis 1905 geleistet, ward bereits angeführt. Die Aufgabe, alle friedlichen Mittel bis zum Überdruß zu brauchen und so ihre Unwirksamkeit darzutun, die Aufgabe, Truppen für das Frauenstimmrecht zu erziehen und das Land zu bearbeiten, ist durch die National Union of Women Suffrage Societies (N. U. W. S. S. Landesverband für Frauenstimmrecht) geleistet. Die Vorsitzende und gleichzeitig Führerin der Gemäßigten ist Mrs. Fawcett, Dr. jur. Witwe des früheren Postministers, Henry Fawcett. Sie hielt am 27. 2. 1909 eine Disputation mit Mrs. Humphrey Ward, der Führerin der Antis, und hatte 235 Stimmen für sich (74 für Mrs. H. Ward). Das Organ der N. U. W. S. S. ist The Common Cause (die gemeinsame Sache). Der Verband ist politisch neutral und fordert das gleiche Stimmrecht für beide Geschlechter; seine Methoden sind »orderly propaganda and discussion«, er unterstützt bei Wahlen nur Anhänger des Frauenstimmrechts. Durch die Suffragettes belehrt, deren Taktik sie aber als unheilvoll bezeichnen und ablehnen, hat die N. U. W. S. S. sich jetzt entschlossen, bei Wahlen nicht mehr die Liberalen, sondern nur noch die Labour Party zu unterstützen. Die N. U. W. S. S. hat eine kurze, sehr brauchbare Geschichte des Frauenstimmrechts im Parlament herausgegeben: History of the Women's Suffrage Movement in Parliament (1851-1901). Das Büchlein ist »ein Arsenal von Tatsachen«, gibt die Zahl der Gesetzentwürfe, der Lesungen, Abstimmungen, Petitionen, Unterschriften u. a. m. Ohne die Vorarbeit der »Gemäßigten« wären die Suffragettes undenkbar. Die N. U. W. S. S. vertritt England im Weltbund für Frauenstimmrecht (International Woman Suffrage Alliance.) Die W. S. P. U. gehört nicht dazu, denn die Alliance nimmt nur Verbände auf, die einen festen Jahresbeitrag erheben. Zu den gemäßigten Stimmrechtlern, die aber nach Parteien gruppiert sind, gehörten die Conservative and Unionist Franchise Association, sie vertritt in bezug auf militancy Lord Robert Cecils Anschauung. Die Women's Liberal Federation, die auch das Frauenstimmrecht fordert und militancy ablehnt, gehört gleich den N. U. und der C. U. F. A. zu den »constitutional Suffragists«. Ihre Vorsitzende, Lady Mc. Laren, sowie deren Gatte, Schwager und Schwägerin, Sir Charles Mc. Laren, Mr. Walter Mc. Laren, Miß Eva Mc. Laren, haben sich um das Frauenstimmrecht hochverdient gemacht. Gegen die W. S. P. U. sind sie aus dem Grunde eingenommen, daß die W. S. P. U. das Prinzip (des Frauenstimmrechts) über die Partei stellt, d. h. jeden Liberalen bekämpft, der nicht praktisch für Frauenstimmrecht eintritt. Die Women's Liberal Federation, wie die N. U. W. S. S. hat sich mit Lippendienst der Männer begnügt, als es längst Zeit war, Taten, nicht nur Worte zu verlangen (deeds not words). Weil die Suffragettes auch vor den gefeiertsten Göttern der liberalen Frauen nicht Halt machten, liegt oft eine gewisse Bitterkeit zwischen beiden Gruppen. Wohl haben, unter dem Eindruck der liberalen Treulosigkeiten seit 1905, der Brutalitäten gegen die Suffragettes, sich eine immer wachsende Schar liberaler Frauen von der Liberal Federation losgesagt, Geld und Wahlarbeit verweigert, die Mehrzahl aber gewinnt es noch nicht über sich »to put principle before party« und bleibt dem Liberalismus treu, auch wenn er die Frauen mit Füßen tritt. Diese Hundetreue, die Haupttugend des Weibes, »wie es sein soll«, ist den Suffragettes the sin of self sacrifice, der die moderne Frau den Krieg erklärt. Könnten die liberalen Frauen sich von dieser Charakterverbildung befreien, weigerten sie der liberalen Partei entschieden die Wahlhilfe, der Kampf der W. S. P. U. wäre längst ein Sieg. So erklärt sich das Urteil der englischen militants: »Die Parteifrauen sind die schwache Stelle unserer Bewegung.« (The party women are the weakness of our movement.)

Eine Gruppe der Militants, die sich unter Mrs. Despard von der W. S. P. U. abzweigte, ist die Women's Freedom League, die oft gar tapfer gekämpft hat, teils allein, teils mit der W. S. P. U., aber nicht so unbeirrbar logisch und scharfsichtig an der militancy festhält. So durchschaute sie z. B. das falsche Spiel nicht, das mit der Conciliation Bill im Parlament getrieben wurde. Es waren Mitglieder der Freedom League, die sich an das Gitter der Ladie's Gallery im Parlament ketteten, das dann mit ihnen zusammen hinausbefördert werden mußte; es war ein Mitglied W. F. L., das Mr. Churchill mit einer großen Glocke zum Schweigen brachte, waren Mitglieder der Women's Freedom League, die bei jedem Wetter am Eingang des Parlaments standen, um dem Ministerpräsidenten ihre Petition »in a perfectly constitutional way« überreichen zu können. Aber obgleich die konstitutionellen Mittel so gepriesen werden – Mr. Asquith kam nie dieses Weges. – Mitglieder der W. F. L. waren in den Deputationen, bei den Demonstrationen, im Gefängnis. Es sind wackere Streiter, und Mrs. Despard ist ein äußerst fesselnder Roman gewidmet: No Surrender, Von Constance Maud, London, Duckworth & Co. der wohl geeignet ist, die zu gewinnen und zu bekehren, die für reine Politik und Votes for Women noch nicht reif sind.

Daß die W. S. P. U. sich aus allen Ständen rekrutiert, ist schon mehrfach betont. Die Arbeiterinnen Annie Kenney, Mrs. Baines und Mrs. Leigh stehen neben den Akademikerinnen Charlotte Marsh und Dora Marsden. Auch Dienstmädchen gehören dazu. Eins von ihnen kaufte zufällig Votes for Women, um eine zerrissene Tüte einzuwickeln und wurde seitdem eine militant Suffragette, die auch Holloway kennen lernte. Die Rekruten der Bewegung beginnen meist mit dem Straßenverkauf des Blattes. Das war eine große und kühne Neuerung: gebildete Frauen als Verkäufer im Straßengetriebe? Dieser Verkehr mit den »Kollegen« (den anderen Zeitungsverkäufern und Hausierern) und dem Publikum ist eine unentbehrliche Schule für Suffragettes. Sie lernen jede Art Wetter, jede Art Menschen und jede Art Argument kennen. Ihnen gehen die Augen auf für die Not des Volkes, und dem Volk kommt die Ahnung, daß hier auf Frauenfüßen, stets freundlich und kameradschaftlich, der Heiland naht. Die Berichte der Papersellers gehören zu dem Interessantesten in V. f. W. Die Arbeit in der W. S. P. U. erfordert völlige Selbstlosigkeit, Entschlossenheit und Mut. Dazu absolute Selbstbeherrschung. Das Prinzip: Gleichberechtigung der Geschlechter steht über allem. Das muß, um jeden Preis, durchgefochten werden. Der Preis ist Aufgabe alles eigenen Behagens, aller eignen Wünsche, der Preis ist Geld, Zeit, Kraft, Freunde, ja Angehörige, ist die eigene Gesundheit, Fortkommen, Aussichten, ja das Leben. Kann das Frauenstimmrecht nur durch Menschenopfer aus den Reihen der Suffragettes errungen werden – diese Menschen sind bereit, diese Opfer werden gebracht werden.

Eine große Hebung des Individuums, weit über das gewöhnliche Maß, geht in dieser Schule der Prüfung vor sich. Hier ist kein Lippendienst, hier sind »deeds not words«. Diese Hebung ist sittlich, geistig und physisch. Sittlich in der absoluten Selbstlosigkeit, geistig in der politischen und sozialen Erkenntnis, physisch in der beispiellosen Leistungsfähigkeit. Und da die Suffragettes weit über dem gewöhnlichen Niveau stehen, weil sie aller Konvention entrückt, weil alles, was der Welt lieb, hinter ihnen liegt »in wesenlosem Scheine«, weil sie für sich mit allem abgeschlossen haben und sie nur noch hungert und dürstet nach dem Ewigen, nach Freiheit und Gerechtigkeit – deshalb sind sie heiter und ruhig. Was sie tun, tun sie wohlüberlegt, als Pflicht, weil es nicht anders geht, weil es geschehen muß. Dies sind ›die wilden‹, ›die hysterischen‹ Wahlweiber.

Die Führer in Clement's Inn sind leitende Staatsmänner, völlig unterrichtet, aus einem Guß, im Besitze eines umfassenden Plans, der Schritt für Schritt wohl berechnet und ausgeführt wird. Sie verbinden Erkenntnis des Wesentlichen mit unerschrockener Durchführung des Zweckdienlichen, und beides steht im Dienst eines selbstlosen Ideals. – Da die Bewegung eine Bewegung von Frauen, enthält sie, unter dieser Leitung, ein ganz ungewöhnliches Maß von Wärme und Schönheit, damit eine beispiellose Werbekraft. Die Bewegung der Suffragettes hat die freudige Kameradschaft der Frauen geschaffen, ihre freudige Hilfsbereitschaft untereinander, ihre unverbrüchliche Treue zueinander. Sie glauben, sie vertrauen sich, sie kämpfen, fallen und siegen zusammen, sie schmieden sich in Waffenkameradschaft aneinander, sie folgen ihren Führern unverbrüchlich, und diese lassen kein Vorrecht für sich gelten, das die Getreuen nicht teilten. Sie sind stolz auf ihr Geschlecht, stolz auf ihre Sendung, stolz in der Hoffnung, eine bessere Welt zu bereiten. Was sind die Friedlichen, Gemäßigten, die Konventionellen, die Damen und Antis, vor diesen Auserwählten und in Feuer Getauften? England mit seinen sportlich und politisch vorgebildeten Frauen ist wahrscheinlich das einzige Land der Welt, das den neuen Frauentypus in genügender Anzahl hervorbringt, um eine Truppe zu bilden. Und weshalb griffen diese Frauen nun zur »militancy«?

Weil sie nicht anders können.

Die Männer haben ihre politischen Rechte nie ohne Gewalt erreicht. Große Reformen bedürfen fast immer der Gewalt: Siehe die Magna Charta, Cromwell gegen Karl II., die französische Revolution, die Sklavenbefreiung in Nordamerika, die jung-türkische und jung-chinesische Bewegung. Haben nicht John Bright und Gladstone und Mr. Lloyd George und Mr. Burn Johns alle der Gewalt das Wort geredet? Hat selbst Christus die Wechsler nicht mit einer Geißel aus dem Tempel getrieben? War das nicht militancy in greifbarster Form? An open letter to one who condemns violence, von G. Penn Gaskell. Welche Gewalt die britischen Freiheiten gewannen, legt Mr. Joseph Clayton in kurzen, schlagenden Artikeln dar: Magna Charta (V. f. W. 27. 1. 1911). Simon v. Montfort und der Beginn parlamentarischer Vertretung (3. 2.1911). John Hampden und die parlamentarische Regierung (10. 2. 1911). Die Wahlrechtsreform 1832 (17. 2. 1911). Die Wahlrechtsreform 1867 (24. 2. 1911). Die Befreiung der Katholiken Großbritanniens, die bis 1829 unter Ausnahmegesetz standen (26. 1. 1912). Daß 1832 dem Herzog von Wellington, damaligen Ministerpräsidenten, die Fenster eingeworfen wurden, daß Northinghamschloß, der Besitz des Stimmrechtsgegners, Herzog von Newcastle, in Flammen aufging, wurde ja gerade als genügender Beweis der great popular demand betrachtet und das Wahlrecht deshalb gewährt. Minister Hobhouse forderte am 16. 2. 1912 ja einen solchen Beweis von den Suffragettes. Den Miß Cragg, Tochter von Sir John Cragg, am 15. Juli 1912 im Schlosse des Ministers Harcourt zu erbringen suchte, worauf die Zeitungen von »verbrecherischen Anschlägen der Suffragettes« berichteten.

Bei Männern gilt dies Vorgehen als ein Zeichen von Männlichkeit (as a sign of virility). Bei Frauen als »unweiblich«. Männern, die Gewalt brauchen, gibt man, was sie fordern und schreitet nicht gegen sie ein. Siehe die letzten Ausstände der englischen Eisenbahner und der Bergleute, die dem Land Millionen und einige Menschenleben kosteten, ohne daß man den Gewalttätigen Strafen zudiktiert, die sich dem Strafmaß der Suffragettes auch nur annäherten. – Sobald Frauen Gewalt brauchen, heißt es gleich, sie seien erregbar, »emotional«, »hysterical«, für Politik nicht reif. Aber wenn in Budapest die Männer Fenster einschlagen, Häuser verbrennen, Menschen töten, denkt kein Blatt daran, sie für politisch unreif zu erklären.

Nun, wird man sagen, das alles beweist doch nur, daß Gewalt nichts für Frauen ist. – Nein, es beweist nur, daß man auch hier wieder mit zwei Maßen mißt. Die Suffragettes müssen trotzdem diesen Weg gehen, weil er der einzige ist, der bisher zum Ziele geführt hat, weil auch die Gegner der Gewalt kein anderes wirksames Mittel anzugeben wissen. Die bahnbrechende Rolle der Suffragettes besteht darin: sie haben erkannt, daß es nicht genügt, Gerechtigkeit zu rufen, sondern daß man auch Macht besitzen muß, um Gerechtigkeit, wenn nötig mit Gewalt, zum Recht zu machen. Diese Erkenntnis des Wesentlichen macht die Suffragettes zu den Überlegenen und Führenden. Es gibt Widerstände in der äußeren wie der geistigen Welt, die nicht der Bitte, nicht der Logik, nicht der Einsicht weichen, sondern nur der Gewalt. Der Kampf der Suffragettes ist der erste große, organisierte, moderne Versuch der Frauen, ihr gutes Recht mit Gewalt durchzusetzen. Denn: »Empörung ist das einzige Argument, das Politiker verstehen« (revolt is the only argument, politicians understand Votes for Women, 10. 3. 1911.). »Weil Frauen das bisher nicht begriffen, sind sie noch ohne Wahlrecht« (because women have failed until now to understand this, they are still voteless Votes for Women, 15. 10. 1908.). »Wir haben petitioniert, wir haben remonstriert, wir haben flehentlich gebeten. Unsere Petitionen sind unbeachtet geblieben, unsere Vorstellungen mit vermehrter Brutalität beantwortet, unser Flehen fand kein Gehör. Wollen wir frei sein, wollen wir den großen Kampf nicht ruhmlos aufgeben, so müssen wir uns schlagen« Votes for Women, 9. 2. 1912. (we must fight).

»Das Publikum liebt Revolutionen nicht, es sollte sich jedoch sagen, daß, wer die Evolution hindert, die Revolution nötig macht.« Votes for Women, 11. 6. 1909. »Es empört das Publikum, daß Frauen Gewalt brauchen? Nun, stehen gesellige Konventionen denn höher als Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit?« Votes for Women, 11. 6. 1909. Die Ausbeutung der Frau in häuslicher und außerhäuslicher Arbeit, in Ehe und Mutterschaft, die Verbrechen an Kindheit und Jugend, der Mädchenhandel schreien zum Himmel gegen Gesetze, die nur die logische Folge der rechtlich-politischen Hörigkeit des halben Menschengeschlechts sind. Dies mit ansehen, ist Verbrechen, dies geduldig hinnehmen, Feigheit, hier zuzustimmen, Schmach. (Acquiesence is criminal, patience is cowardly, consent is contemptible.) Votes for Women, 24. 2. 1911. Deswegen überwinden sich die Frauen und brauchen Gewalt, im Dienste einer höheren Macht. Deshalb sagte Mrs. Pankhurst in den Verhandlungen nach dem 21. November 1911: »Als Führer der Demonstration wünsche ich es auszusprechen, Sir, daß die Szenen, die stattfanden, uns ebenso widerwärtig sind, wie sie Ihnen nur sein können. Uns Frauen lockt es wahrlich nicht, mit der Polizei öffentlich aneinander zu geraten. Wir hegen auch gar keinen Wunsch, Eigentum zu verletzen. Noch mehr, unsere Kameradinnen leiden jedesmal in hohem Maße bei diesen Demonstrationen und den Strafen, die hier auferlegt werden. Aber trotz alledem – wir wissen, und man hat uns dieses Wissen aufgezwungen – daß dies der einzige Weg ist, unsere Freiheit zu gewinnen und die Macht, dem weiblichen Geschlecht zu helfen. Und koste es, was es wolle, wir sind entschlossen, den Preis zu zahlen.« »Gewalt ist nicht das Gesetz der Gesellschaft. Sie ist die Ausnahme von der gewöhnlichen Ordnung.« Votes for Women, 1. 9. 1911. Aber in eine solche Ausnahmestellung hat man die Frauen getrieben. Und sie wurden Suffragettes.

»Durch unsere kriegerische Taktik zwingen wir die Regierung, die Frauen entweder politisch zu befreien oder ihre Person zu verhaften und einzukerkern. Was wir aber nicht dulden werden und was, wie wir glauben, auch das Land nicht dulden wird, ist, daß die Regierung, allen Grundsätzen des Rechts zum Trotz, seinen weiblichen Gegnern nur Schläge und Beschimpfung zuteil werden läßt. Solch ungesetzliches Verfahren ist in Rußland üblich, England aber bisher fremd gewesen.« Votes for Women, 18. 11. 1911. Die Suffragettes protestieren, auch mit Gewalt, dagegen, daß »die Regierung, außerhalb des Gefängnisses die Frauen nicht als Staatsbürger erachtet, und im Gefängnis nicht als politische Gefangene.« (not recognise them as citizens outside prison nor as political offenders inside prison.) Votes for Women, 12. 7. 1912.

»Wenn aber die Männer nicht wollen«, sagt der Gegner. Nun, damit kommen wir auf den richtigen Punkt. Der Kampf der Suffragettes geht darum: soll die Frau in hoffnungsloser Unterordnung bleiben? Abhängig von Gefallen, Laune, Einsicht, Wohlwollen des Mannes? Soll er auch in den kommenden Jahrtausenden das Recht haben, zu sagen: sei weiblich und gefalle mir, dann erhältst du vielleicht, was du willst. Widerstehst du mir aber – so wehe dir. Soll er weiter das Recht haben, zu geben und zu verweigern, »car tel est mon plaisir«, wie jetzt in England? Soll er weiter das Recht haben, die Frau, die für ihr Recht kämpft, als unweiblich zu brandmarken, und, weil sie seinen Begriffen nicht entspricht, unmenschlich zu behandeln? Bleibt den Frauen, wenn sie ihr Recht im Guten nicht erreichen können, wirklich nichts als Beiseitestehen, Resignation, hoffnungslose Unterordnung?

Nein, sagen die Suffragettes, dann schlagen wir los; lieber den Tod, als eine solche hoffnungslose Hörigkeit.

Denn die Suffragettes sind der neue Typus Frau, dem die Schicklichkeit, wie sie uns überliefert, die Konvention, nicht mehr die höchste Gottheit. Sie streben nach Freiheit und Sitte; denn gibt es schon Sitte ohne Freiheit, so doch nicht Freiheit ohne Sitte. Sie ist nur oft sehr anders als die Konvention. Frauen, die »patient, passive, receptive«, auch Unrecht und Übeltat dulden, sind in den Augen der Suffragettes durchaus unweiblich. Denn die neue Weiblichkeit ist wehrhaft; sie verteidigt ihre höchsten Güter, die sie allein ja erkennt. Sie hat auch einen neuen Ehrbegriff, den der Wahrhaftigkeit, der Ritterlichkeit, der Zuverlässigkeit, in den sich kein geschlechtliches Element mischt. Die Suffragette kann mit dem konventionellen Typus der »Dame« nichts mehr anfangen. Er ist ihr in jeder Hinsicht zu eng und beruht auf dem Klassenunterschied, den die Suffragettes auslöschen.

Der Kampf der Suffragettes ist so schwer, weil er gegen eine ganze Welt, eine überkommene Welt und ihre überkommenen Maßstäbe und Einrichtungen geführt wird. Er ist so schwer, weil alles, was die Frauen der Vergangenheit in passiver Weiblichkeit, Hinnahme des Unrechts, Resignation, Beschönigung und Bequemlichkeit, in Feigheit, Unaufrichtigkeit und Schwäche gesündigt, den alten Begriff wehrloser Weiblichkeit so verbreitet und gestärkt hat, daß er alles überwuchert. Ein stählernes Netz, liegt er über dem Geschlecht und muß zerhauen werden. Oh, es war klug, den Frauen die Friedfertigkeit als erste Tugend zu preisen; das machte sie wehrlos. Daher die Wut über eine »militancy«, die die alten Ketten bricht, eine militancy, die, wäre sie von Anfang an von jeder Frau, der man zu nahe trat, gebraucht, das stählerne Netz nie hätte entstehen, den Begriff der Weiblichkeit nicht hätte entarten lassen. Darum ist der Kampf der Suffragettes so schwer, so tragisch, weil sie die Sünden der vergangenen Generationen büßen müssen. Um hohen Preis geschieht hier eine Erlösung.

Der Kampf aber hebt über das Alltägliche hinaus: »Einerlei haben uns die Männer vorenthalten, sie haben uns um die Kampfesfreude gebracht. Sie sagen, Frauen können nicht kämpfen ... Nun, wer an unsrer Schlacht in Downingstreet teilnahm, weiß, daß in diesem Kampf etwas sehr stärkendes, erhebendes liegt. Und ich glaube, es ist gut für ein Volk, daß auch seine Mütter den Kampf der Freiheit kämpfen. Ich glaube, wir erhalten ein edleres, stolzeres Geschlecht als wir jemals hatten, so lange Mut allein des Mannes Teil, Unterwerfung das der Frau.«

So sprach Mrs. Pankhurst in ihrer Verteidigungsrede. In all diesen Frauen ist ein hohes Ideal, ein großer Glaube, eine gewisse Zuversicht: a spiritual certainty. May Sinclair, Votes for Women, 24. 12. 1908. Hierzu erhebt sich eine Stimme aus der Kirche: »Mulieres ad leones« ist der Ruf des Tages, er kommt von Männern, die reich geworden durch Arbeiterinnen, die sie ausgebeutet, auf die Straße getrieben haben; die ihre Frauen als schillernde Paradiesvögel hegen, und die nicht genug Phantasie, nicht genug Herz besitzen, nicht genug Liebe darin, um zu erkennen, die Sache, für die sie Mrs. Pankhurst martern, ist dieselbe Sache, für die der Heiland starb. Reverend W. F. Cobb, Vikar von Sanct Ethelburga, London O. C. (Votes for Women, 5. 4. 1912.)

Die Suffragettes aber wissen es. Sie stehen wehrhaft zusammen, Schwertgenossen, und sie grüßen die stumpfe Welt, deren Widerstand sie überwinden: Moriturae te salutant. Es grüßen dich die Todgeweihten.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.