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Die Suffragettes

Käthe Schirmacher: Die Suffragettes - Kapitel 14
Quellenangabe
authorKaethe Schirmacher
titleDie Suffragettes
publisherFrauen-Clit Verlag
year1976
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170819
projectidd8c94866
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Die Suffragettes und die Männer.

Von den Gegnern, die oft zu Feinden wurden, ist genug gesprochen. Daß die Frau dem Manne zu widerstehen wagt, hat diese Herrenrechtler in wilde und blinde Wut versetzt und Gewalttaten gegen die Suffragettes gezeitigt, in die sich stellenweise Sadismus mischt. Die W. S. P. U. hat von dem »underhand maltreatment«, das liberale Saalordner und auch Polizisten den Frauen angedeihen ließen, um sie besonders in ihrer Weiblichkeit zu treffen, kaum gesprochen, ihr Mitglied aber, Elizabeth Robins, hat in ihrem Roman »The Convert« Tauchnitz, II Bde. Die Bekehrung einer Frau zu militant tactics. obiges Wort geprägt. Diese Wut, diese Hysterie der männlichen Gegner, hat die Suffragettes, falls möglich, nur noch unbeugsamer in dem Entschluß gemacht, ihr Geschlecht der politischen Gewalt der Herrenrechtler zu entziehen.

Bis etwa 1909 haben die Frauen ihre »militant tactics« so gut wie allein durchgeführt. Von Anfang an hatten sie jedoch männliche Freunde, so Mr. Keir Hardie, Mr. Pethick Lawrence, Mr. Brailsford, und man hat mit Recht gesagt, daß die Gegenwart dieser Männer auf der Frauenseite, dem Kampf der W. S. P. U. den Charakter eines »sex-war« (Krieg der Geschlechter) nahm. Nach jedem neuen Vorstoß der Regierung, nach jedem neuen Verrat mehrte sich die Zahl der männlichen Freunde, die ihre Briefe an Votes for Women als a voter (ein Wähler) oder a disgusted Liberal (ein angeekelter Liberaler) u. a. m. unterzeichnen und erklären, daß sie gegen die Regierung oder gar nicht stimmen werden. Ganze Berufstände zeigen ihre Sympathie, so die Londoner Droschkenkutscher, zu denen Miß Ellen Smith in the Cabmen's Club and Institute sprach (Juli 1909). Bei den Wahlen wurden die Suffragettes oft von Fabrikbesitzern aufgefordert, in der Mittagspause zu den Arbeitern zu sprechen.

Dann entstand 1907 der Männerverein für Frauenstimmrecht und »at last the men are marching«. Votes for Women, 30. 7. 1909. So unterbrachen Männer (22. 7. 1909) Minister Samuel in Bedford, der sie »conservative hirelings« (im Solde der Konservativen stehend) nannte und hinauswerfen ließ. Das gleiche widerfuhr den Männern (am 23. 7. 1909) in Mr. Asquith' Versammlung, London. Bei einem Festessen des Ministers John Burns wurden zwei wohlgekleidete Männer und eine Frau hinausgeworfen, dann »a man, tall, dark, clear complexioned«; der sich an Tisch und Tischtuch festhielt und Teller, Gläser, Flaschen, Silber, Blumen in seinem Fall mitriß. Votes for Women, True Chivalry. Dies sind nur einige aus der Zahl der ungenannten Freunde. Am 17. 10. 1910 stellte Mr. Duval, von der Men's League, Mr. Lloyd George eine Frage, – da er, als der Minister das Weite suchte, ihn am Arm festhielt (knowing the slipperiness of Cabinet Ministers), wurde er zu 40 Shilling oder 7 Tagen Gefängnis verurteilt. Er wählte letzteres. Votes for Women, 4. 11. 1910. Mr. Jacobs, von der Men's League, erlitt das gleiche Schicksal. Mr. Hawkins, der am 26. 11. 1910 Minister Churchill in Bradford unterbrach, wurde so brutal hinausgeworfen, daß er Kniescheibe und Knöchel brach. Er klagte und erhielt 100 £ Schadenersatz. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß Zwischenfragen nicht ungesetzlich sind, und daß, wer einen Frager, ehe er aufgefordert, den Saal zu verlassen, hinauswirft, des Angriffs schuldig ist. Votes for Women, 31. 3. 1911. Mr. Franklin, von der Men's Political Union, schlug (Dezember 1910) Mr. Churchill mit der Reitpeitsche, um die Untaten des Black Friday zu rächen und erhielt 6 Wochen II. Abteilung. Votes for Women, 20. 1. 1911. Mr. William Ball, ein Arbeiter und Mitglied der Men's League, zerschlug (21. 11. 1911) zwei Scheiben im Ministerium des Innern, um gegen die Manhood Suffrage Bill zu protestieren, »denn er wolle den gleichen Schutz für seine zwei Töchter, wie ihn seine zwei Söhne hätten«. Votes for Women, 11. 2. 1912. Er wurde zu 2 Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Er verlangte die Rechte politischer Gefangener; sie wurden verweigert. Hungerstrike, Zwangsernährung (am 24. Dezember begonnen). Er wurde vom Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten, alle Schritte der Men's Society for Women's Rights blieben vergeblich. Am 10. Februar (nach über 7 Wochen Zwangsernährung) wurde Frau Ball benachrichtigt, ihr Mann sei geistesgestört und müsse am 12. d. M. in ein Armenasyl für Geisteskranke überführt werden. So war der Mann durch Gefängnisbrutalität um Gesundheit und Verstand gebracht. Votes for Women, 16. 2. 1912, 23. 2. 1912, 1. 3. 1912. Alle Vereine der Stimmrechtler griffen sofort ein, die Sache kam im Parlament zur Sprache. Mr. Ball erholt sich jetzt langsam.

Von den englischen Männern der jüngsten Vergangenheit waren für das Frauenstimmrecht: Thackeray (In the bargain we make with them, I don't think they get their rights), John Stuart Mill, Disraëli (I know no argument against it), Balfour, Jacob Bright. – Zu ihren noch lebenden Freunden gehört Lord Robert Cecil, ein Konservativer, der allerdings militant tactics nur in Zeiten allgemeiner Unsicherheit, unleidlicher Ungerechtigkeit billigt, wohl aber die Liberalen den Frauen gegenüber als »der Heuchelei schuldig« bezeichnet, unwürdiger Betrügerei und unmännlicher Brutalität. Votes for Women, 10. 3. 1911. Der liberale Journalist und Anreger der Conciliation Bill H. N. Brailsford, der als Hauptgrund des liberalen Widerstandes die Erkenntnis der Männer betrachtet, daß mit den Frauen eine ganz neue politische Zeit beginnen wird, der die Parteiformeln nicht genügen können. Votes for Women, 25. 2. 1910. Der Schauspieler Forbes Robertson, der mit Recht betont, wie bedeutend an Zahl und Wert die Stimmrechtsliteratur ist, wie wesenlos die der Antis: »Why in heaven's name is there no anti-literature whatever? They have had time enough.« Votes for Women, 11. 2. 1909. Der Schriftsteller Sidney Low, der erklärt, man dürfe sich doch nicht mit der allgemeinen Behauptung begnügen, daß Frauen töricht und Männer einsichtig sind; auch die physische Überlegenheit des Mannes will ihm nicht einleuchten: »Will man in Dargeling ein Klavier haben, so trägt eine Frau es von der Ebene auf dem Kopf herauf, und ich habe selbst eine kleine schwarze Madrassifrau mit einer Riesenpackkiste abwandern sehen, die, wie ich glaube, zwei englischen Durchschnittswählern einiges zu schaffen geben würde.« Votes for Women, 4. 6. 1909. Mr. Keir Hardie sagt u. a.: »Ohne militancy wäre es nie zur Conciliation Bill gekommen ... Trauen Sie aber keiner Partei, jede Partei hat genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun ... Die Eigenschaften, die Sie jetzt im Kampf erwerben, werden Ihrem Geschlecht und Ihrem Land gute Dienste leisten, wenn Sie erst Wähler sind.« Votes for Women, 1. 7. 1910.

Von Israël Zangwill, dem Schriftsteller, sei hier nur die Rede in Albert Hall (28. 3. 1912), nach der Gefangennahme der Führer, zusammengefaßt:

Nie habe ich den Vorzug, für Sie sprechen zu dürfen, mehr geschätzt als heute, wo Ihr Verband vor dem Strafrichter steht, von den Menschen verachtet und gemieden ... Es ist ein trauriges Paradoxon, daß der Weg zum Recht den Umweg über das Unrecht machen muß. Das Recht der Empörung ist aber ein ebenso grundlegendes Menschenrecht, wie das Recht der Unterdrückung ein grundlegendes öffentliches Recht. Und die Gegner sind sich gewachsen: der Geist der Gewalt gegen die Gewalt des Geistes. Mag nun die Regierung an Ihren Führern das Äußerste tun ... wer wird denn der eigentliche Angeklagte und Verurteilte sein, die Regierung oder Ihre Führer? Wir kennen die Antwort der Geschichte im voraus ... Wir haben viel über Eigentumsbeschädigung gehört. Es gibt geistiges Eigentum, das weit kostbarer ist als Schaufenster, so die Achtung vor Gesetz und Ordnung ... Es gehört zu den Grundlagen des Staats, daß die Regierung geachtet, Gesetzesübertreter aber verachtet werden. Heute geschieht das Gegenteil: Zehntausende von Frauen betrachten den Staat als ihren Feind, Holloway (das Gefängnis) für ehrenvoller, als Downing Street (der Sitz der Regierung), Zehntausende von Frauen sind bereit, Gesetzesübertreter zu verstecken, Zehntausende von Frauen haben es verweigert, ihre Zettel bei der Volkszählung auszufüllen, und die Regierung hat nicht gewagt, gegen sie vorzugehen. Ist das noch eine Regierung?

Die Verantwortung für diese Zustände trägt hauptsächlich der Ministerpräsident Asquith, dieses politische Halbblut, der weder ein echter Tory noch ein echter Liberaler ist ... Wir wissen aus Dickens, daß die Hauptkunst der britischen Regierung darin besteht, die Sachen nicht zu tun. Beim Frauenstimmrecht hat sie sich noch übertroffen. Vierzig Jahre hat das Parlament damit gespielt, es eingebracht und ausgebracht, es entworfen und verworfen; es aufgeschrieben und durchstrichen, es neugeboren und wieder erdrosselt. Vor allem haben sie die Entwürfe immer zum zweiten Male gelesen; mochten sie manchmal lau und manchmal frivol sein, die zweite Lesung war totensicher. Die Parlamentsuhr schlug immer wieder zwei, niemals aber drei. Zuerst wunderte uns das, dann aber besannen wir uns: es war ja eine Staatsuhr, die konnte ja nicht richtig gehen. Stets drehte eine Regierungshand an dem Uhrwerk. Nicht der Verband, die Regierung hat den Zeiger zurückgestellt. Das ganze war ein lastender Alp: wie man in schwerem Traum einem Ziel zustrebt, aber jeden Omnibus verfehlt, der dort hinführt, mit jedem Auto zusammenbricht, keinen Zug erreicht, der abgeht. Von diesem Alp erlöste uns das Krachen der zerschlagenen Fensterscheiben. Das Krachen sagte: Nun genug davon. Dies Spiel mag Männer belustigen, uns Frauen ist es um die Sache ernst. Schließt man uns in einen verhexten Kreis, wir brechen durch ... Oft heißt es, dieses Vorgehen habe der Sache geschadet. Ja, ist denn dies ein Land, wo der Appell an die Vernunft genügt? ... Und liegt Ihr Sinn nicht in den Argumenten Ihrer Gegner? Dieser Gegner, die von der unglücklichen Rasse der ewig Gestrigen sind, während wir zu den Morgigen gehören. Wir sind fertig mit der einseitigen Männerwelt, und unsere Schritte wenden sich schon der Zukunft zu, die Männer und Frauen in ihren Rat beruft, damit es auf Erden lichter werde. Votes for Women, 5. 4. 1912.

Mr. Tim Healy, irischer Abgeordneter, Rechtsanwalt und Verteidiger von Mrs. Pethick Lawrence, sagt: Die Haltung der Regierung ist eine fortgesetzte seichte Lügerei ... Regierungen sind heute vorwiegend Steuerpressen, sie nehmen Ihr Geld und verweigern Ihnen das Wahlrecht ... Sie sagen, die Frauen wollen das Wahlrecht gar nicht; nun, und die Babies von 21 Jahren, die es am Montag bekommen sollen, wollen die es? Haben die es vielleicht in ihrer Flasche gefunden? ... Was haben die Männer zu fürchten, wenn sie den Frauen das Wahlrecht geben? Ich sehe keinen Grund zur Furcht. Votes for Women, 21. 6. 1912. Aber Mr. Lawrence Housman, der Künstler und Kunstkritiker, sieht ihn, und was noch mehr – er spricht ihn aus: das Wahlrecht entzieht die Frau der schrankenlosen Ausbeutung des Herrenrechtlers, es macht der ruchlosesten Geschlechtsherrschaft ein Ende, nie wird zu Zeiten des Frauenwahlrechts eine geschlechtliche Hörigkeit der Frau möglich sein, wie sie heute selbst in den Kulturländern noch besteht: » that man is opposed with all the forces of his vicious mind to the enfranchisement of women, for he knows that it will eventually (as a certain Member of Parliament was heard to complain) make women ›more expensive‹ in the particular direction where he prefers to have them cheap, and more hard to come by.« The immoral effects of Ignorance in Sex Relations. Mr. Housman ist im Vorstand der Men's League. Das Wahlrecht würde die Frau unabhängiger, widerstandsfähiger, ihr den Weg der Arbeit leichter und lohnender machen, es gäbe auf dem Pflaster großer Städte nicht mehr so viel »süße Mädels«, die man für ein warmes Abendessen, ein Theaterbillett haben kann. Die Jagdgründe der Herrenmoral würden geschmälert. Das soll verhindert werden.

Die Men's League hat lebhaft für die Annahme der Conciliation Bill in III. Lesung agitiert und am 11. Juli 1912 in einer Deputation an das Parlament gegen die Manhood Suffrage Bill protestiert: Unsere besten Frauen sollen beiseite stehen, während ihr Schicksal, das ihrer Töchter und Geschlechtsgenossinnen in die Hände der zuchtlosen Horden gelegt wird, die, geschlechtlich entartet, dem Alkohol ergeben, allnächtlich von tausend Schenken und noch übleren Schlupfwinkeln ausgespieen werden? A grave danger threatens the Commonwealth. The Eye-Opener, 29.6. 1912. Die gleiche Nummer enthält eine Abrechnung mit Mr. Mac Kenna, von Joseph Clayton.

Zum Spott hat man die Frauenstimmrechtler »Tonmänner« genannt, die in »Erzfrauen« vernarrt (men of putty, seduced by women of brass). Sie haben die Welt reden lassen, und die Frauen haben es ihnen gedankt: »Zeitweise waren wir geneigt, mit Bitterkeit von den Männern unseres Landes zu sprechen ... wir wissen aber, was die kleine ritterliche Schar der Mitkämpfer geleistet hat und wissen es ihnen mehr Dank, als sie vielleicht ahnen.« (Mrs. Pankhurst.)

»In unsrer Bewegung wird niemand höher geehrt als unsere männlichen Freunde. Wir sind ihnen von Herzen dankbar und stolz auf sie. Sie haben gewagt, aus den Reihen der Männer zu treten, Spott und Hohn zu erdulden. Sie haben für uns geschrieben, gesprochen, Zeugnis abgelegt, sich geistig und physisch für uns geschlagen. Sie sind für uns mißhandelt, angefallen, eingekerkert worden. All das, weil sie den wahren Sinn der Bewegung begriffen, und von dem Geist moderner Ritterlichkeit erfaßt, uns den Kampf um unser Bürgerrecht erleichtern wollten. Hinter der kleinen Schar aktiver Kämpfer steht aber die große Schar der Väter, Gatten, Verlobten, die in edler Selbstlosigkeit, unter Aufgabe persönlichen Glücks und Behagens, ihre Töchter, Frauen, Bräute hergeben für unsern guten Kampf. Und diese will Mr. Churchill als bezahlte Söldlinge brandmarken.« Beatrice Harraden. Votes for Women, Dezember 1910.

Zu den Gegnern, wenn auch nicht den Feinden, der Suffragettes gehören endlich solche Männer, die konservativ von Temperament, geborene »Gemäßigte« oder aus jener Welt sind, deren guter Ton verbietet, daß man für seine Überzeugung stirbt. Es sind oft sehr treffliche Männer, jedoch gebunden in der Konvention; daß Frauen losschlagen, ist ihnen unüberwindlich widerwärtig, und dies Gefühl beherrscht sie so, daß es ihre Logik völlig besiegt. Denn ein wirksames Mittel anzugeben, wie die Suffragettes sonst siegen könnten, sind sie nicht imstande. Sie schließen aber trotzdem: Tut nichts, militancy wird verdammt. Die Größe und Tiefe des Problems entgeht ihnen völlig. In diesem Punkt gehören sie zu den »ewig Blinden«, zum Stamm der »ewig Gestrigen«, der »hithertos«, wie Zangwill sie nennt.

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