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Gutenberg > Henrik Ibsen >

Die Stützen der Gesellschaft

Henrik Ibsen: Die Stützen der Gesellschaft - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleDie Stützen der Gesellschaft
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen ? Sämtliche Werke
volumeDritter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Akt

Das Gartenzimmer im Bernickschen Hause.

Bernick, ein spanisches Rohr in der Hand, kommt in heftigem Zorn aus dem hintersten Zimmer links und läßt die Tür halb offen.

Bernick. So, nun hätte ich endlich einmal Ernst gemacht! Die Schläge, denke ich, wird er sich merken! In das Zimmer hineinrufend. Was sagst Du? – Und ich sage, Du bist eine unvernünftige Mutter. Du entschuldigst ihn, Du beschönigst alle seine Bubenstreiche. – Keine Bubenstücke? Wie nennst Du's denn sonst? Sich nachts aus dem Hause schleichen, mit einem Fischerboot in die See hinausfahren, bis zum hellichten Tag wegbleiben und mich in tödliche Angst versetzen, – mich, der den Kopf so voll hat! Und da wagt der Bengel noch, zu drohen, er würde davonlaufen! Ja, er soll es nur probieren! – Du? Ja, das glaube ich gern. Du bekümmerst Dich viel um sein Wohl und Weh! Ich glaube, wenn's ihm selbst ans Leben ginge –! So ? – Aber ich habe eine Aufgabe hier auf der Welt zu hinterlassen; mir ist es nicht gleichgültig, ob ich kinderlos bin oder nicht. – Keine Widerrede, Betty! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe, – er hat Hausarrest. Er horcht. Pst! Laß niemand was merken!

Krap kommt von rechts.

Krap. Haben Sie einen Augenblick Zeit, Herr Konsul ?

Bernick wirft das spanische Rohr weg. Gewiß, jawohl. Kommen Sie von der Werft?

Krap. Geradeswegs. Hm –

Bernick. Na? Ist etwa mit dem »Palmbaum« was los ?

Krap. Der »Palmbaum« kann morgen in See; aber –

Bernick. »Indian Girl« also? Ahnt' ich's doch, daß der Dickschädel –

Krap. »Indian Girl« kann auch morgen in See; aber – weit kommt es gewiß nicht.

Bernick. Was heißt das?

Krap. Entschuldigen Sie, Herr Konsul; die Tür ist angelehnt, und ich glaube, es ist wer da drin –

Bernick schließt die Tür. So. – Also was ist denn so Schlimmes, daß niemand es hören soll?

Krap. Nun denn – dieser Aune hat wahrscheinlich die Absicht, »Indian Girl« mit Mann und Maus ersaufen zu lassen.

Bernick. Um Gotteswillen, wie können Sie nur glauben –?

Krap. Kann es mir auf andere Weise nicht erklären, Herr Konsul.

Bernick. Na, so sagen Sie mir doch in kurzen Worten –

Krap. Soll geschehen. Sie wissen selbst, wie schlampig es auf der Werft hergeht, seit wir die neuen Maschinen und die neuen, ungeübten Arbeiter haben.

Bernick. Ja, ja.

Krap. Aber heut früh, als ich hinunter kam, da merkte ich, daß die Reparatur des Amerikaners auffallend weit vorgeschritten war; das große Leck im Boden – Sie wissen, die faule Stelle –

Bernick. Nun ja, – was ist damit?

Krap. Vollständig repariert; das heißt: dem Anschein nach; verschalt; sah aus wie ganz neu. Hörte, daß Aune selbst die ganze Nacht bei Licht unten gearbeitet hatte.

Bernick. Ja, ja! Was weiter?

Krap. Ging mir nicht aus dem Kopf; die Leute waren eben beim Frühstück, und so hatte ich Gelegenheit, unbemerkt mich umzusehen an der Außenseite wie im Innern des Schiffes. Hatte meine liebe Not, in der schwer beladenen Schute nach unten zu kommen; erhielt aber Gewißheit. Schuftigkeiten im Werke, Herr Konsul.

Bernick. Ich kann es mir nicht denken, Herr Krap. Ich kann, ich will so was nicht von Aune glauben.

Krap. Tut mir leid, – ist aber die reine Wahrheit. Schuftigkeiten, sage ich! Kein neues Bauholz eingesetzt, soweit ich es beurteilen konnte. Nur verspundet und vernietet und verkleistert mit Latten und Teertuch und was weiß ich! Die reinste Pfuscherei! »Indian Girl« erreicht New-York im Leben nicht; sinkt wie ein lecker Bottich.

Bernick. Das ist ja entsetzlich! Doch was glauben Sie, mag er damit wohl beabsichtigen?

Krap. Will wahrscheinlich die Maschinen in Mißkredit bringen; will sich rächen; will damit erreichen, daß der alte Stamm Arbeiter wieder in Gnaden aufgenommen wird.

Bernick. Und so setzt er unbedenklich das Leben vieler aufs Spiel.

Krap. Er sagte neulich: nicht Menschen sind an Bord von »Indian Girl«, – nur Bestien.

Bernick. Ja, ja, mag sein; aber das große Kapital, das verloren geht, flößt ihm denn das nicht Respekt ein?

Krap. Auf das große Kapital ist Aune nicht gut zu sprechen, Herr Konsul.

Bernick. Sehr richtig; er ist ein Aufwiegler und Störenfried; aber eine so gewissenlose Handlungsweise–. Hören Sie, Herr Krap; die Sache muß noch einmal untersucht werden. Doch strengstes Stillschweigen darüber! Unsere Werft ist blamiert, wenn die Leute so etwas erfahren.

Krap. Versteht sich, aber –

Bernick. Während der Mittagspause müssen Sie sehen, noch einmal hinunterzukommen; ich verlange volle Gewißheit.

Krap. Sollen Sie haben, Herr Konsul; aber, mit Verlaub, was wollen Sie dann tun?

Bernick. Die Sache anzeigen, natürlich. Wir können uns doch nicht zu Mitschuldigen machen, an einem offenkundigen Verbrechen. Mein Gewissen muß rein sein. Außerdem wird es auf die Presse wie auf die Öffentlichkeit überhaupt einen guten Eindruck machen, wenn man sieht, daß ich alle persönlichen Interessen hintansetze und der Gerechtigkeit freien Lauf lasse.

Krap. Sehr wahr, Herr Konsul.

Bernick. Aber vor allen Dingen Gewißheit. Und reinen Mund halten –

Krap. Kein Sterbenswort, Herr Konsul; und Gewißheit, die sollen Sie haben.

Ab durch den Garten die Straße hinunter.

Bernick halblaut. Empörend! Aber nein! Es ist ja unmöglich, – undenkbar!

Indem er in sein Zimmer abgehen will, kommt Hilmar Tönnesen von rechts.

Hilmar. Guten Tag, Bernick! Na, ich gratuliere zum gestrigen Siege im Handelsverein!

Bernick. Ach, danke schön.

Hilmar. Es war ja ein glänzender Sieg, wie ich höre; der Sieg bürgerlicher Intelligenz über Eigennutz und Vorurteil, – ungefähr wie eine französische Razzia gegen die Kabylen. Merkwürdig, daß Du nach dem unangenehmen Auftritt hier im Hause –

Bernick. Schon gut – laß das!

Hilmar. Aber die Hauptschlacht ist doch noch nicht geschlagen.

Bernick. In der Eisenbahnfrage, meinst Du?

Hilmar. Ja. Aber weißt Du denn schon, was der Redakteur Hammer da zusammenbraut?

Bernick gespannt. Nein. Was denn?

Hilmar. Er klammert sich an ein Gerücht, das hier umgeht, und will es für einen Zeitungsartikel ausbeuten.

Bernick. Was für ein Gerücht?

Hilmar. Natürlich von den großen Terrainkäufen längs der Zweigbahn.

Bernick. Was Du sagst! Ist hier ein solches Gerücht verbreitet?

Hilmar. Ja, in der ganzen Stadt. Ich hörte es gestern im Klub, wo ich ein bißchen hinkam. Ein hiesiger Rechtsanwalt soll ganz in der Stille kommissionsweise alle Waldungen, alle Erzlager und alle Wasserfälle angekauft haben –

Bernick. Und weiß man auch, für wen?

Hilmar. Im Klub meinte man, es müßte für ein auswärtiges Konsortium sein, das von Deinem Vorhaben unterrichtet ist und sich beeilt hat, ehe die Preise stiegen – ist das nicht niederträchtig – uh!

Bernick. Niederträchtig?

Hilmar. Ja, daß Fremde sich so in unsere Gegend eindrängen, und daß gar ein Rechtsanwalt unserer Stadt sich zu so etwas hergeben kann! Also Fremde werden jetzt die Beute davontragen.

Bernick. Aber es ist ja nur ein unverbürgtes Gerücht.

Hilmar. Das einstweilen geglaubt wird, und morgen oder übermorgen wird Hammer es festnageln als ein Faktum. Im Klub herrschte schon allgemeine Entrüstung. Ich hörte verschiedene Leute sagen, wenn das Gerücht sich bestätigte, so würden sie sich aus den Listen wieder streichen lassen.

Bernick. Unmöglich!

Hilmar. So? Warum glaubst Du wohl, gingen diese Krämerseelen gleich so bereitwillig auf Deine Vorschläge ein? Meinst Du, sie hätten nicht selbst ihre Nase darauf gespitzt, –

Bernick. Unmöglich, sage ich! So viel Gemeinsinn ist doch noch hier in unserer kleinen Gesellschaft –

Hilmar. Hier? – Jawohl, Du bist nun mal ein Optimist und beurteilst andere nach Dir selbst. Aber ich, der ich ein ziemlich geübter Beobachter bin, – ich sage Dir, hier ist nicht einer – wir natürlich ausgenommen – nicht einer, der die Fahne der Idee hoch hält. Er geht in den Hintergrund. Uh! Da kommen sie.

Bernick. Wer?

Hilmar. Die beiden Amerikaner. Sieht rechts hinaus. Und mit wem gehen sie? Herrgott, ist das nicht der Kapitän von »Indian Girl«? Uh!

Bernick. Was können sie von dem wollen?

Hilmar. I, das ist eine Gesellschaft, die so recht zu ihnen paßt. Der Mann soll ja Sklavenhändler oder Seeräuber gewesen sein; und wer weiß, was die beiden ändern in diesen fünfzehn Jahren getrieben haben!

Bernick. Ich sage Dir, es ist sehr unrecht, so von ihnen zu denken.

Hilmar. Ja, Du bist eben Optimist. Jetzt haben wir sie natürlich wieder auf dem Hals; ich will deswegen beizeiten –

Er geht nach der Tür links.

Lona kommt von rechts. Na, Hilmar! Ich vertreibe Dich doch nicht aus der Stube?

Hilmar. Durchaus nicht. Ich habe es gerade eilig; ich muß ein paar Worte mit Betty reden.

Ab durch die hinterste Tür links.

Bernick nach kurzer Pause. Nun, Lona ?

Lona. Ja.

Bernick. Wie stehe ich heute vor Dir?

Lona. Wie gestern. Eine Lüge mehr oder weniger –

Bernick. Du sollst Klarheit haben. Wo ist Johann ?

Lona. Er kommt nach; er hatte noch jemand zu sprechen.

Bernick. Nach dem, was Du gestern gehört hast, wirst Du begreifen, daß meine ganze Existenz vernichtet ist, wenn die Wahrheit an den Tag kommt.

Lona. Das begreife ich.

Bernick. Es versteht sich natürlich von selbst, daß ich mich des Verbrechens, von dem man hier munkelt nicht schuldig gemacht habe.

Lona. Das versteht sich von selbst. Aber wer war der Dieb?

Bernick. Es gab keinen Dieb; es wurde kein Geld gestohlen; nicht ein Pfennig ist abhanden gekommen.

Lona. Wie das?

Bernick. Nicht ein Pfennig, sage ich.

Lona. Aber das Gerücht? Wie ist das niederträchtige Gerücht entstanden, daß Johann –?

Bernick. Lona, Dir gegenüber kann ich wohl so offen sein wie zu sonst niemand; ich will vor Dir nichts verschweigen. Ich bin mit schuld daran, daß sich jenes Gerücht verbreitet hat.

Lona. Du? Und das konntest Du dem Manne antun, der Dir zuliebe –

Bernick. Du sollst nicht verurteilen, ohne zu bedenken, wie die Sachen damals standen. Ich erzählte es Dir ja gestern. Ich kam nach Hause und fand meine Mutter verwickelt in eine ganze Reihe törichter Unternehmungen; Pech der verschiedensten Art kam dazu; es war, als ob alles Böse es auf uns abgesehen hätte; unser Haus stand knapp vor dem Ruin. Halb war ich leichtsinnig und halb verzweifelt. Lona, ich glaube, um meine Gedanken zu betäuben, – hauptsächlich darum ließ ich mich in jenes Verhältnis ein, das Johanns Abreise veranlaßt hat.

Lona. Hm –

Bernick. Du kannst Dir wohl vorstellen, wie nach seiner und Deiner Abreise allerlei Gerüchte die Stadt durchschwirrten. Man sagte: das war nicht sein erster leichtsinniger Streich. Dann hieß es wieder, Dorf hätte eine große Summe Geldes von Johann bekommen, damit er schweige und seines Weges gehe; und andere behaupteten, die Frau hätte es bekommen. Zu gleicher Zeit blieb es nicht verborgen, daß unser Haus seinen Verpflichtungen nur schwer nachkommen konnte. Was war natürlicher, als daß die Klatschmäuler diese beiden Gerüchte miteinander in Verbindung brachten? Da die Frau hier blieb und in Dürftigkeit lebte, so behauptete man, Johann hätte das Geld nach Amerika mitgenommen und das Gerücht nannte eine unaufhörlich wachsende Summe.

Lona. Und Du, Karsten – ?

Bernick. Ich griff nach diesem Gerücht wie nach einem Rettungsanker.

Lona. Und hast es weiterverbreitet?

Bernick. Ich habe es nicht widerlegt. Die Gläubiger fingen schon an, uns auf den Leib zu rücken; es galt, sie zu beruhigen. Unter keinen Umständen durfte man gegen die Solidität des Hauses Verdacht schöpfen; eine vorübergehende Verlegenheit hätte uns betroffen; man sollte nur nicht drängen, sollte uns Zeit lassen; keiner würde etwas verlieren.

Lona. Und keiner verlor einen Pfennig?

Bernick. Nein, Lona. Dieses Gerücht hat unser Haus gerettet und mich zu dem Manne gemacht, der ich jetzt bin.

Lona. Eine Lüge hat Dich also zu dem Manne gemacht, der Du jetzt bist.

Bernick. Wem hat sie damals geschadet? Johanns Vorsatz war, nie wiederzukommen.

Lona. Du fragst, wem sie geschadet hat? Blick' in Dich selbst und sage mir, ob nicht Du Schaden genommen hast dadurch.

Bernick. Bei jedem einzigen Manne, wer es auch sei, wirst Du, wenn Du ihm ins Herz schaust, wenigstens einen dunklen Punkt entdecken, den er verbergen muß.

Lona. Und Ihr nennt Euch die Stützen der Gesellschaft!

Bernick. Die Gesellschaft hat keine besseren.

Lona. Und was liegt daran, ob eine solche Gesellschaft gestützt wird oder nicht. Was hat denn Geltung hier? Schein und Lüge – und nichts anderes. Hier lebst Du, der erste Mann der Stadt, in Herrlichkeit und Freuden, in Macht und Ehren, Du, der einem Unschuldigen das Zeichen des Verbrechers aufgedrückt hat.

Bernick. Glaubst Du denn, ich fühlte mein Unrecht gegen ihn nicht schwer genug? Und glaubst Du, ich wäre nicht bereit, es wieder gutzumachen?

Lona. Wodurch? Durch ein Bekenntnis?

Bernick. Und das könntest Du fordern?

Lona. Wodurch sonst könnte ein solches Unrecht wieder gutgemacht werden?

Bernick. Ich bin reich, Lona; Johann darf jede Forderung stellen –

Lona. Ja, biet ihm nur Geld an, und Du wirst hören, was er antwortet.

Bernick. Weißt Du, was seine Absichten sind?

Lona. Nein. Seit gestern ist er stumm. Es ist, als hätte dieser ganze Vorgang ihn mit einem Mal zum gereiften Mann gemacht.

Bernick. Ich muß ihn sprechen.

Lona. Da ist er.

Johann Tönnesen kommt von rechts.

Bernick geht ihm entgegen. Johann –

Johann abwehrend. Zuerst spreche ich. Gestern habe ich Dir mein Wort gegeben, zu schweigen.

Bernick. Allerdings.

Johann. Aber da wußte ich noch nicht –

Bernick. Johann, laß Dir nur mit zwei Worten den Zusammenhang erklären –

Johann. Nicht nötig; ich verstehe den Zusammenhang sehr wohl. Das Haus war damals in einer schwierigen Lage; und weil ich fort war, und Du mit dem Ruf und dem Namen eines Wehrlosen schalten und walten konntest –. Na, ich mache Dir keinen so großen Vorwurf daraus; wir waren jung und leichtsinnig in jenen Tagen. Aber jetzt brauche ich die Wahrheit, und jetzt mußt Du reden.

Bernick. Und gerade jetzt brauche ich mein ganzes moralisches Ansehen, und darum kann ich jetzt nicht reden.

Johann. Ich mache mir nicht viel aus den Erfindungen, die Du über mich in Umlauf gesetzt hast. Aber in der anderen Sache da sollst Du Dich schuldig bekennen. Dina soll mein Weib werden, und hier, hier in der Stadt will ich mit ihr leben und wohnen und hausen.

Lona. Das willst Du?

Bernick. Mit Dina! Als Deiner Frau? Hier in der Stadt?

Johann. Ja, gerade hier; ich will hier bleiben, um dieser Lügner- und Verleumderbande Trotz zu bieten. Aber damit Dina die meine werden kann, ist es nötig, daß Du mich rehabilitierst.

Bernick. Hast Du bedacht, daß ich mich zu dem einen nicht bekennen kann, ohne zugleich das andere einzugestehen? Du wirst einwenden, aus unseren Büchern könnte ich beweisen, daß keine Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind. Aber das kann ich nicht. Unsere Bücher wurden damals nicht so genau geführt. Und selbst wenn ich's könnte, – was wäre damit gewonnen? Würde ich nicht in jedem Fall als der Mann dastehen, der sich einst durch eine Unwahrheit gerettet und der fünfzehn Jahre lang auch nicht einen Schritt getan hat, um zu verhindern, daß diese Unwahrheit und ihre Folgen Wurzel faßten? Du kennst unsere Gesellschaft nicht mehr, sonst müßtest Du wissen, daß dadurch mein Untergang besiegelt wäre.

Johann. Ich kann Dir nur sagen, daß ich Frau Dorfs Tochter heiraten und hier mit ihr leben will.

Bernick wischt sich den Schweiß von der Stirn Laß Dir sagen, Johann, – und auch Du, Lona! Es sind nicht die gewöhnlichen Verhältnisse, unter denen ich gerade in diesen Tagen lebe. Ich stehe so, daß Ihr mich ruiniert habt, wenn ein solcher Schlag gegen mich geführt wird, – und nicht nur mich, sondern auch die große und segensreiche Zukunft dieses Gemeinwesens, das ja doch die Heimstatt Eurer Kindheit ist.

Johann. Und führe ich den Schlag gegen Dich nicht, so ruiniere ich mein ganzes eigenes Zukunftsglück.

Lona. Sprich weiter, Karsten!

Bernick. So hört denn. Alles hängt mit der Eisenbahnsache zusammen, und denkt nicht, daß diese Sache so ganz bedeutungslos ist. Es ist Euch gewiß bekannt, daß hier voriges Jahr eine Küstenlinie projektiert war. Sie hatte viele und gewichtige Stimmen für sich, in der Stadt wie in der Umgegend, und namentlich in der Presse; aber ich wußte sie zu verhindern, weil sie der Küstenschiffahrt geschadet hätte.

Lona. Bist Du selbst interessiert an dieser Küstenschiffahrt?

Bernick. Jawohl. Aber niemand wagte mich in dieser Hinsicht zu verdächtigen; mein geachteter Name deckte mich wie ein Schild. Übrigens hätte ich den Verlust auch ertragen können; doch der Ort hätte ihn nicht ertragen können. So wurde die Binnenlinie beschlossen. Nachdem dies geschehen war, vergewisserte ich mich insgeheim, ob sich eine Zweigbahn zur Stadt herunter legen ließe.

Lona. Warum insgeheim?

Bernick. Habt Ihr von den großen Ankäufen gehört an Waldungen, Gruben und Wasserfällen –?

Johann. Jawohl. Aber das ist doch ein auswärtiges Konsortium –?

Bernick. So wie diese Terrains jetzt liegen, sind sie so gut wie wertlos als geteilter Besitz. Deshalb gingen sie verhältnismäßig billig ab. Hätte man gewartet, bis die Zweigbahn auf die Tagesordnung gekommen wäre, so hätten die Eigentümer unverschämte Preise gefordert.

Lona. Gewiß, gewiß; aber was weiter?

Bernick. Nun kommt das, was verschieden gedeutet werden kann – das, was ein Mann in unsern Kreisen nur dann bekennen darf, wenn er sich auf einen makellosen und geachteten Namen stützen kann.

Lona. Nun?

Bernick. Ich habe alles zusammen angekauft.

Lona. Du?

Johann. Auf eigene Rechnung?

Bernick. Auf eigene Rechnung. Kommt die Zweigbahn zustande, so bin ich Millionär, wenn nicht – so bin ich ruiniert.

Lona. Welche Verwegenheit, Karsten!

Bernick. Mein ganzes Vermögen habe ich dran gesetzt.

Lona. Ich denke nicht ans Vermögen; doch wenn es an den Tag kommt, daß –

Bernick. Ja, da sitzt der Knoten. Mit dem makellosen Namen, den ich bisher gehabt habe, kann ich die Sache auf mich nehmen, sie fortführen und zu meinen Mitbürgern sagen: »Seht, das hab' ich gewagt zum Besten der Gesellschaft!«

Lona. Zum Besten der Gesellschaft?

Bernick. Ja; und kein einziger wird meine Absichten in Zweifel ziehen.

Lona. Da gibt es hier doch Männer, die offener gehandelt hätten als Du, ohne Hintergedanken, ohne Nebenzwecke.

Bernick. Und die wären?!

Lona. Natürlich Rummel und Sandstad und Vigeland.

Bernick. Um sie zu gewinnen, habe ich sie in die Sache einweihen müssen.

Lona. Und –?

Bernick. Sie haben sich ein Fünftel Gewinnanteil ausbedungen.

Lona. O, diese Stützen der Gesellschaft!

Bernick. Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen? Was wäre hier geschehen, wenn ich nicht in der Stille gehandelt hätte? Alle würden sich auf das Unternehmen gestürzt haben, würden die ganze Geschichte geteilt, zersplittert und verdorben und verpfuscht haben. Hier in der Stadt ist außer mir nicht ein Mann, der ein so großes Geschäft zu leiten verstünde, wie dies zu werden verspricht. Hier zu Lande haben überhaupt nur die eingewanderten Familien Geist für Unternehmungen größeren Stils. Darum spricht mein Gewissen mich in diesem Punkte frei. Nur in meinen Händen kann dieser ganze Besitz den Vielen zum dauernden Segen reichen, denen er Brot schaffen wird.

Lona. Da magst Du recht haben, Karsten.

Johann. Aber ich kenne diese Vielen nicht, und mein Lebensglück steht auf dem Spiel.

Bernick. Die Wohlfahrt Deiner Vaterstadt steht auch auf dem Spiel. Werden hier Dinge ruchbar, die auf meine frühere Tätigkeit einen Schatten werfen, so werden alle meine Gegner mit vereinten Kräften über mich herfallen. Eine Jugendtorheit läßt sich in unserer Gesellschaft nicht ungeschehen machen. Man wird mein ganzes dazwischenliegendes Leben durchgehen, tausend kleine Umstände hervorziehen und sie in dem Lichte dieser Enthüllungen betrachten und deuten; man wird mich unter der Wucht der Gerüchte und Verleumdungen zu erdrücken suchen. Von dem Eisenbahnunternehmen muß ich zurücktreten; und ziehe ich meine Hand davon, so fällt es, und ich bin zugleich ruiniert und bürgerlich tot.

Lona. Johann! Nach dem, was Du eben gehört hast, mußt Du abreisen und schweigen.

Bernick. Ja, ja, Johann, das mußt Du!

Johann. Gut; ich werde reisen und schweigen; aber ich komme wieder, und dann rede ich.

Bernick. Bleib drüben, Johann; schweige, und ich bin bereit mit Dir zu teilen –

Johann. Behalt Dein Geld, aber gib mir meinen guten Ruf und Namen wieder.

Bernick. Und meinen soll ich opfern?

Johann. Du magst samt Deiner Gesellschaft zusehen, wie Du aus der Geschichte herauskommst. Ich muß und kann und will Dina besitzen. Drum reise ich noch morgen mit »Indian Girl« –

Bernick. Mit »Indian Girl«?

Johann. Ja. Der Kapitän hat mir versprochen, mich mitzunehmen. Ich reise hinüber, verkaufe meine Farm und ordne meine Angelegenheiten. In zwei Monaten bin ich wieder da.

Bernick. Und dann willst Du sprechen?

Johann. Dann soll der Schuldige selbst sich zu der Schuld bekennen.

Bernick. Vergißt Du, daß ich mich damit auch zu dem bekenne, woran ich unschuldig bin?

Johann. Wer war's, der vor fünfzehn Jahren sich das schamlose Gerücht zu Nutzen gemacht hat?

Bernick. Du treibst mich zur Verzweiflung! Sprichst Du, so leugne ich alles! Ich sage, es sei ein Komplott gegen mich; ein Racheakt; Du wärst herübergekommen, Geld von mir zu erpressen.

Lona. Schäme Dich, Karsten!

Bernick. Ich bin ein Verzweifelter, sage ich; und ich kämpfe um mein Leben. – Ich leugne alles, alles!

Johann. Ich habe Deine beiden Briefe. In meinem Koffer habe ich sie unter anderen Papieren gefunden. Heute früh habe ich sie durchgelesen; sie reden eine recht deutliche Sprache.

Bernick. Und diese Briefe willst Du vorlegen?

Johann. Wenn es nötig sein sollte, – ja.

Bernick. Und in zwei Monaten bist Du wieder da?

Johann. Das hoffe ich. Der Wind ist gut; in drei Wochen bin ich in New York –, wenn »Indian Girl« nicht untergeht.

Bernick stutzt. Untergeht? Warum sollte »Indian Girl« untergehen?

Johann. Das meine ich auch.

Bernick kaum hörbar. Untergehen?

Johann. Bernick, jetzt weißt Du also, was bevorsteht. Inzwischen geh mit Dir selbst zu Rate. Lebwohl! Betty kannst Du grüßen, obgleich sie sich zu mir nicht wie eine Schwester benommen hat. Aber Martha will ich doch noch sehen. Sie soll Dina sagen –; sie soll mir versprechen –

Ab durch die hinterste Tür links.

Bernick vor sich hin. »Indian Girl« – ? Rasch. Lona! Das mußt Du verhindern.

Lona. Du siehst doch selbst, Karsten, – ich habe keine Macht mehr über ihn.

Sie folgt Johann in das Zimmer links.

Bernick in unruhigen Gedanken. Untergehen –?

Aune kommt von rechts.

Aune. Ist's erlaubt, Herr Konsul, – komm' ich ungelegen?

Bernick wendet sich heftig um. Was wollen Sie?

Aune. Sie bitten, ob ich eine Frage an Sie richten darf, Herr Konsul.

Bernick. Also, – machen Sie schnell! Was wollen Sie fragen?

Aune. Ich wollte fragen, ob es feststeht, – unerschütterlich feststeht, – daß ich aus der Werft entlassen werde, wenn »Indian Girl« morgen nicht segelfertig ist.

Bernick. Was ist das nun wieder? Das Schiff wird ja seeklar.

Aune. Ja, – freilich; wenn es aber nun nicht seeklar würde, – hätte ich dann meine Entlassung?

Bernick. Wozu diese müßigen Fragen?

Aune. Ich möchte es gern wissen, Herr Konsul. Antworten Sie mir darauf: hätt' ich dann meine Entlassung?

Bernick. Pflege ich mein Wort zu halten oder nicht?

Aune. Ich hätte also morgen die Stellung nicht mehr, die ich in meinem Haus und bei meinen Angehörigen eingenommen habe, – meinen Einfluß in den Kreisen der Arbeiter nicht mehr, – hätte keine Gelegenheit mehr, Nutzen zu stiften unter den Niederen und Geringen der Gesellschaft?!

Bernick. Aune! Dieser Punkt ist erledigt.

Aune. Gut! So kann »Indian Girl« segeln.

Kurze Pause.

Bernick. Hören Sie, Aune! Ich kann meine Augen nicht überall haben, kann nicht für alles verantwortlich sein, – Sie können mir doch die Versicherung geben, daß die Reparatur untadelhaft ausgeführt ist?

Aune. Sie haben mir eine knappe Frist gestellt, Herr Konsul.

Bernick. Aber die Reparatur ist ordnungsmäßig, sagen Sie?

Aune. Wir haben ja gutes Wetter und Sommerzeit.

Wieder Pause.

Bernick. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?

Aune. Sonst wüßte ich nichts, Herr Konsul.

Bernick. Also – »Indian Girl« segelt –

Aune. Morgen?

Bernick. Ja.

Aune. Gut.

Er grüßt und geht.

Bernick steht einen Augenblick unentschlossen da; dann geht er rasch zur Ausgangstür, als ob er Aune zurückrufen wollte, bleibt aber voll Unruhe stehen, die Hand auf der Türklinke. In demselben Augenblick wird die Tür von außen geöffnet und Krap tritt ein.

Krap mit gedämpfter Stimme. Aha, er war hier? Hat er eingestanden?

Bernick. Hm –; haben Sie etwas entdeckt?

Krap. Wozu noch? Haben Sie nicht bemerkt, Herr Konsul, wie ihm das böse Gewissen aus den Augen sah?

Bernick. Unsinn! So etwas kann man nicht sehen. Haben Sie etwas entdeckt, frage ich?

Krap. Konnte nicht dazu kommen; war zu spät; sie holten das Schiff schon aus dem Dock. Aber gerade diese Eile beweist deutlich –

Bernick. Nichts beweist sie. Die Besichtigung hat also stattgefunden?

Krap. Versteht sich; aber –

Bernick. Sehen Sie wohl. Und man hatte natürlich nichts zu beanstanden?

Krap. Herr Konsul, Sie wissen recht gut, wie solche Besichtigungen vor sich gehen, besonders auf einer Werft, die einen so guten Ruf hat, wie die unsrige.

Bernick. Wenn auch. Wir sind also außer Verantwortung.

Krap. Herr Konsul, ist Ihnen wirklich an Aune nicht aufgefallen, daß –

Bernick. Aune hat mich vollständig beruhigt, sage ich Ihnen.

Krap. Und ich sage Ihnen, daß ich moralisch überzeugt bin, Aune will –

Bernick. Was soll das heißen, Herr Krap? Ich merke schon, Sie haben was gegen den Mann; aber wenn Sie Ihr Mütchen an ihm kühlen wollen, so müssen Sie sich eine andere Gelegenheit dazu aussuchen. Sie wissen, wie wichtig es mir – oder richtiger gesagt, der Reederei – ist, wenn »Indian Girl« morgen unter Segel geht.

Krap. Nun gut, es mag geschehen; aber wenn wir von dem Schiffe wieder was hören – hm!

Vigeland kommt von rechts.

Vigeland. Ergebenster Diener, Herr Konsul. Haben Sie einen Augenblick Zeit?

Bernick. Zu Diensten, Herr Vigeland.

Vigeland. Ja, ich wollte nur mal hören, ob Sie nicht auch dafür sind, daß der »Palmbaum« morgen segelt?

Bernick. Gewiß. Das ist ja eine abgemachte Sache.

Vigeland. Aber da kommt eben der Kapitän zu mir und meldet, daß Sturm signalisiert ist.

Krap. Das Barometer ist seit heute früh stark gefallen.

Bernick. So? Wir haben Sturm zu erwarten?

Vigeland. Jedenfalls eine steife Kühlte, – aber keinen widrigen Wind; im Gegenteil –

Bernick. Hm; ja, was sagen Sie dazu?

Vigeland. Was ich schon zum Kapitän gesagt habe: daß der »Palmbaum« in der Hand der Vorsehung steht. Und außerdem passiert er ja fürs erste nur die Nordsee; und in England stehen ja die Frachten jetzt einigermaßen hoch, so daß –

Bernick. Ja, es würde uns wahrscheinlich Verlust bringen, wenn wir warteten.

Vigeland. Das Schiff ist ja auch solid und überdies voll versichert. Nein, da ist's wahrhaftig doch riskanter mit »Indian Girl« –

Bernick. Wie meinen Sie das?

Vigeland. Die segelt ja morgen auch.

Bernick. Ja, die Reederei hat so sehr gedrängt, und außerdem –

Vigeland. Na, wenn der alte Kasten sich hinauswagen kann, – und obendrein mit solch einer Bemannung, – so war's eine Schande, wenn wir nicht –

Bernick. Jawohl. Sie haben vermutlich die Schiffspapiere bei sich?

Vigeland. Da sind sie.

Bernick. Gut; gehen Sie nur bitte mit Herrn Krap hinein.

Krap. Bitte schön; soll gleich besorgt werden.

Vigeland. Danke sehr. – Und den Ausgang legen wir in die Hand des Allmächtigen, Herr Konsul.

Ab mit Krap in das vorderste Zimmer links. Rörlund kommt durch den Garten.

Rörlund. Ei, trifft man Sie um diese Tageszeit zu Hause, Herr Konsul?

Bernick in Gedanken. Wie Sie sehen.

Rörlund. Ja, eigentlich komme ich zu Ihrer Frau Gemahlin. Ich dachte mir, sie könnte ein Wort des Trostes brauchen.

Bernick. Das kann sie gewiß. Aber ich hätte Sie auch gern einmal gesprochen.

Rörlund. Mit Vergnügen, Herr Konsul. Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen ja ganz bleich und verstört aus.

Bernick. So? Wirklich? Ja, wie kann das auch anders sein, – was ist in diesen Tagen nicht alles auf mich eingestürmt! Da ist mein großes Geschäft, – und dann das Eisenbahnprojekt –. Hören Sie mal, Herr Adjunkt, ich möchte eine Frage an Sie richten?

Rörlund. Bitte sehr, Herr Konsul.

Bernick. Da ist mir ein Gedanke gekommen. Wenn man einem Unternehmen von solcher Tragweite gegenübersteht, das die Wohlfahrt von Tausenden zum Ziele hat – wie, wenn es nun ein einzelnes Opfer fordern sollte –?

Rörlund. Wie meinen Sie das?

Bernick. Zum Beispiel: Ein Mann will eine große Fabrik bauen. Er weiß mit Sicherheit, – denn das hat die Erfahrung ihn gelehrt – daß früher oder später im Betriebe dieser Fabrik Menschenleben zugrunde gehen.

Rörlund. Ja, so etwas ist nur allzu wahrscheinlich.

Bernick. Oder es wirft sich einer auf den Bergbau. Er nimmt Familienväter sowie junge, lebensfrohe Menschen in seinen Dienst. Läßt sich nicht mit Gewißheit voraussagen, daß nicht alle diese Leute mit dem Leben davonkommen werden?

Rörlund. Ja, leider ist dem so.

Bernick. Nun wohl. Ein solcher Mann weiß also im voraus, daß das Unternehmen, das er ins Werk setzen will, unzweifelhaft einmal Menschenleben kosten wird. Aber dieses Unternehmen ist gemeinnützig; für jedes Menschenleben, das es kostet, wird es ebenso unzweifelhaft das Wohl vieler Hunderte fördern.

Rörlund. Aha, Sie denken an die Eisenbahn, – an die gefährlichen Erdarbeiten und Sprengungen und all das –

Bernick. Ja, jawohl, – ich denke an die Eisenbahn. Und außerdem, – die Eisenbahn wird ja Fabriken und Bergwerksbetriebe ins Leben rufen. Aber meinen Sie nicht trotzdem –

Rörlund. Lieber Herr Konsul, Sie sind beinahe zu gewissenhaft. Ich meine, wenn Sie die Sache in die Hand der Vorsehung legen –

Bernick. Ja gewiß, ja; die Vorsehung –

Rörlund. – so trifft Sie keine Verantwortung, Bauen Sie nur getrost Ihre Eisenbahn.

Bernick. Ja, aber nun setze ich einen besonderen Fall. Also gesetzt den Fall, es wäre ein Bohrloch vorhanden, wo an einer gefährlichen Stelle gesprengt werden soll, und ohne diese Sprengung würde die Eisenbahn nicht zustande kommen. Gesetzt den Fall also, der Ingenieur weiß, daß es den Arbeiter, der die Mine anzünden soll, das Leben kosten wird; aber angezündet muß sie werden; und es ist die Pflicht des Ingenieurs, einen Arbeiter hinzuschicken, der das tut.

Rörlund. Hm –

Bernick. Ich weiß, was sie sagen wollen. Es wäre groß, wenn der Ingenieur selbst die Lunte nähme und hinginge und die Sprengung vornähme. Aber so etwas tut man nicht. Er muß also einen Arbeiter opfern.

Rörlund. Das würde bei uns kein Ingenieur tun.

Bernick. In den großen Ländern würde kein Ingenieur sich besinnen, dies zu tun.

Rörlund. In den großen Ländern? Ja, das glaube ich wohl. In der verkommenen und gewissenlosen Gesellschaft da –

Bernick. O, es ist manches recht gut an dieser Gesellschaft.

Rörlund. Und das sagen Sie, Sie, der selbst –?

Bernick. In der großen Welt, da hat man doch Raum, ein nützliches Unternehmen zu fördern; da hat man den Mut, einer großen Sache ein Opfer zu bringen; aber hier wird man eingeengt von allerlei kleinlichen Rücksichten und Bedenken.

Rörlund. Ist ein Menschenleben eine kleinliche Rücksicht?

Bernick. Wenn dies Menschenleben dem Wohle Tausender drohend entgegensteht.

Rörlund. Aber, Herr Konsul, Sie stellen ja ganz undenkbare Fälle auf! Ich verstehe Sie heute gar nicht. Und dann weisen Sie auf die große Welt hin. Ja, da draußen, – was gilt da ein Menschenleben! Da rechnet man mit Menschenleben wie mit Kapitalien. Aber wir, sollte ich meinen, stehen doch auf einem ganz anderen moralischen Standpunkt. Sehen Sie sich nur einmal den ehrenhaften Stand der Schiffsreeder bei uns an! Nennen Sie mir einen einzigen Reeder hier bei uns, der um schnöden Gewinn ein Menschenleben opfern würde! Und dann denken Sie an jene Schurken in der großen Welt, die um des Vorteils willen ein seeuntüchtiges Schiff nach dem andern verfrachten –

Bernick. Ich spreche nicht von seeuntüchtigen Schiffen!

Rörlund. Aber ich spreche davon, Herr Konsul.

Bernick. Doch was hat das da mit zu tun? Das gehört ja nicht zur Sache. – O diese kleinen, ängstlichen Rücksichten! Wenn bei uns ein General seine Soldaten ins Feuer zum sichern Tode führen müßte, er hätte hinterher schlaflose Nächte. So ist es anderswo nicht. Sie sollten nur hören, was der da drin erzählt –

Rörlund. Der? Wer? Der Amerikaner –?

Bernick. Jawohl. Sie sollten nur hören, wie man in Amerika –

Rörlund. Er ist drin? Und das sagen Sie mir erst jetzt? Ich will gleich –

Bernick. Es nützt Ihnen nichts. Mit dem werden Sie nicht fertig.

Rörlund. Das wollen wir doch sehen! Da ist er ja.

Johann Tönnesen kommt aus dem Zimmer links.

Johann spricht zurück durch die offene Tür. Ja, ja, Dina, es ist nun einmal so; aber ich lasse doch nicht von Ihnen. Ich komme wieder; und dann wird schon alles werden.

Rörlund. Bitte, was wollen Sie mit diesem Wort sagen? Was ist ihre Absicht?

Johann. Meine Absicht ist, das junge Mädchen, bei dem Sie mich gestern verleumdet haben, zu meiner Frau zu machen.

Rörlund. Zu Ihrer –? Und Sie können glauben, daß –?

Johann. Ich will sie zur Frau haben.

Rörlund. Nun, so sollen Sie auch erfahren – Er geht zu der halboffenen Tür. Frau Bernick, Sie haben wohl die Güte, Zeuge zu sein –. Und Sie auch, Fräulein Martha! Und lassen Sie Dina kommen. Zu Lona, die in der Tür erscheint. Ah, Sie sind auch da?

Lona in der Tür. Soll ich auch kommen?

Rörlund. So viele wie wollen; je mehr, desto besser.

Bernick. Was haben Sie vor?

Lona, Frau Bernick, Martha, Dina und Hilmar Tönnesen kommen aus dem Zimmer.

Frau Bernick. Herr Adjunkt, ich habe ihn mit dem besten Willen nicht daran hindern können –

Rörlund. Ich werde ihn daran hindern, gnädige Frau. – Dina, Sie sind ein unbesonnenes Mädchen. Aber ich mache Ihnen keine allzu großen Vorwürfe. Sie haben hier zu lange ohne moralische Stütze gestanden, die Sie hätte aufrecht halten können; ich mache mir selbst Vorwürfe, daß ich Ihnen diese Stütze nicht schon früher gewährt habe.

Dina. Sie sollen jetzt nicht sprechen.

Frau Bernick. Was soll denn das bedeuten?

Rörlund. Gerade jetzt muß ich sprechen, Dina, obgleich Ihr Betragen gestern und heute mir es unendlich schwer gemacht hat. Aber wenn Ihre Rettung auf dem Spiele steht, müssen alle anderen Rücksichten schweigen. Sie erinnern sich des Wortes, das ich Ihnen gegeben habe; Sie erinnern sich, was Sie mir zu antworten versprachen, wenn ich die Zeit für gekommen hielte. Jetzt darf ich mich nicht länger besinnen, und darum –. Zu Johann. Dieses junge Mädchen, dem Sie nachstellen, ist meine Braut!

Frau Bernick. Was sagen Sie?

Bernick. Dina!

Hilmar. Sie! Ihre –?

Martha. Nein, nein, Dina!

Lona. Lüge!

Johann. Dina, – spricht der Mann die Wahrheit?

Dina nach kurzer Pause. Ja.

Rörlund. Und hiermit sind hoffentlich alle Verführungskünste zunichte geworden. Der Schritt, zu dem ich mich Dina zuliebe entschlossen habe, mag immerhin unserer ganzen Gesellschaft bekannt werden. Ich hege die sichere Hoffnung, daß er nicht mißdeutet wird. Aber nun, Frau Bernick, meine ich, ist es das beste, wir führen sie hinweg und versuchen ihrer Seele die Ruhe und das Gleichgewicht wiederzugeben.

Frau Bernick. Ja, komm! O Dina, welch ein Glück für Dich!

Sie führt Dina links hinaus; Rörlund folgt ihnen.

Martha. Leb' wohl, Johann!

Ab durch die zweite Tür links.

Hilmar in der Gartentür. Hm, – da muß ich denn doch sagen –

Lona, die Dina mit den Augen gefolgt ist. Nicht den Mut verloren, mein Junge! Ich bleibe hier und sehe dem Pastor auf die Finger.

Ab nach rechts.

Bernick. Johann, jetzt reist Du nicht mit »Indian Girl!«

Johann. Jetzt gerade.

Bernick. Aber Du kommst doch nicht wieder?

Johann. Ich komme wieder.

Bernick. Nach dem, was geschehen ist? Was willst Du noch hier?

Johann. Mich rächen an Euch allen; von Euch so viele zugrunde richten, wie ich nur kann!

Ab nach rechts. Vigeland und Krap kommen aus Bernicks Zimmer.

Vigeland. So, nun sind die Papiere in Ordnung, Herr Konsul.

Bernick. Gut, schon gut –

Krap mit gedämpfter Stimme. Es bleibt also dabei, daß »Indian Girl« morgen segelt?

Bernick. Sie segelt.

Ab in sein Zimmer links. Vigeland und Krap ab nach rechts. Hilmar will Ihnen folgen; aber in demselben Augenblick steckt Olaf den Kopf vorsichtig durch die Türe links.

Olaf. Onkel! Onkel Hilmar!

Hilmar. Uh! Bist Du's? Warum bleibst Du nicht oben? Du hast ja Arrest.

Olaf geht ein paar Schritte vor. Pst! Onkel Hilmar, weißt Du das Neueste?

Hilmar. Ja, ich weiß, daß Du heut Prügel bekommen hast.

Olaf sieht drohend nach dem Zimmer des Vaters hin. Er soll mich nicht wieder schlagen. Aber weißt Du, daß Onkel Johann mit den Amerikanern segelt?

Hilmar. Was geht das Dich an? Mach', daß Du wieder hinaufkommst!

Olaf. Ich gehe vielleicht auch noch einmal mit auf die Büffeljagd, Onkel!

Hilmar. Unsinn! So eine Memme wie Du –

Olaf. Ja, wart's nur ab! Morgen kriegst Du schon was zu hören.

Hilmar. Schafskopf!

Ab durch den Garten. Olaf läuft wieder in das Zimmer und schließt die Tür, da er Krap von rechts kommen sieht.

Krap geht nach Bernicks Tür und öffnet sie halb. Entschuldigen Sie, daß ich noch einmal komme, Herr Konsul, – aber ein mächtiges Unwetter zieht herauf. Er wartet einen Augenblick. Keine Antwort. Soll »Indian Girl« doch segeln? –

Nach einer kurzen Pause, antwortet:

Bernick im Zimmer drin. »Indian Girl« segelt doch.

Krap schließt die Tür und geht wieder rechts hinaus.

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