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Die Steinklopfer / 1

Ferdinand von Saar: Die Steinklopfer / 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Steinklopfer / Tambi
authorFerdinand von Saar
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008663-9
titleDie Steinklopfer / 1
pages3-45
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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IV

Ein Garnisons-Stockhaus ist ein Gefängnis wie jedes andere, nur mit dem Unterschiede, daß diejenigen, welche sich darin befinden, alte, schadhafte Uniformen auf dem Leibe tragen. Man findet dort Soldaten von allen Farben und Abzeichen, und da sie sich samt und sonders als Glieder eines Standes fühlen, so herrscht unter ihnen mehr Eintracht, als dies anderswo der Fall zu sein pflegt; wie denn auch bei dem Völklein eine gewisse, durch Aufrechterhaltung der verschiedenen Rangunterschiede bedingte Zucht und Ordnung nicht zu verkennen ist. Trotzdem bleibt ein solches Stockhaus immerhin ein gar wüster, trübseliger Ort, und es darf uns nicht wundernehmen, daß es Georg in jenem zu Wiener Neustadt nicht allzu wohl ums Herz ward. Ein mürrischer Profos, von einer Wache begleitet, hatte ihn bei später Nacht in den dunklen, stark bevölkerten Raum eingeschlossen, wo er sich, da für ihn noch kein Strohsack in Bereitschaft war, neben geräuschvoll atmenden Schläfern auf das blanke Holzlager hinstreckte. Aber schlafen konnte er nicht. Der gehobene Mut, die beschwingende Zuversicht, welche ihn erfüllt hatten, waren schon während der langen, traurigen Fahrt einigermaßen ins Sinken geraten; nun schlichen bange Zweifel und scheue Vorwürfe an ihn heran. Und als endlich ein bleicher Lichtschein durch die verschalten Fenster dämmerte, nach und nach die kahlen, schmutzigen Wände und die unerfreulichen Gesichter seiner Mitgefangenen beleuchtend, da fiel ihm die Erkenntnis seiner Lage immer deutlicher, immer schwerer auf die Seele. Nicht, daß er etwa die Folgen seiner Tat allzusehr gefürchtet hätte; war er doch angegriffen worden und hatte sich seines Lebens wehren müssen; aber er sah im Geiste das Bild des Erschlagenen vor sich, sah ihn bleich und regungslos im Blute liegen, und in seinem weichen, wohlempfindenden Gemüte mischten sich jetzt mit dem schaudernden Bewußtsein, einen Menschen getötet zu haben, Reue und Mitleid und ließen ihn tief beklagen, daß alles so habe kommen müssen. Dieser unfreie und gedankenvolle Zustand wurde noch dadurch gesteigert, daß Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen, ohne daß man Georg ins Verhör genommen oder sonst sich um ihn gekümmert hätte. Denn nun stellte sich auch die Sorge ein, wie sich die nächste Zukunft gestalten würde, und quälte ihn um so mehr, als er über das Schicksal Tertschkas, nach welcher er eine schmerzliche Sehnsucht empfand, in völliger Ungewißheit war. Das arme Geschöpf hatte wohl durch Vermittlung des Gendarmen ein Nachtlager und gleich in den nächsten Tagen beim Neubau eines Hauses Arbeit gefunden, aber in ihrem Inneren sah es trostlos aus. Keiner von denen, die an dem Baugerüste vorübergingen und zufällig bemerkten, wie sie Backsteine oder mit Mörtel gefüllte Kübel hinanschleppte, hätte gedacht, mit welch tiefem Gram und Herzeleid sie das alles verrichtete. Abends jedoch, wenn die Arbeit eingestellt wurde, und an Sonn- und Feiertagen umkreiste sie scheu die Kaserne, in welcher sich das Stockhaus befand, und spähte zu jedem vergitterten und geblendeten Fenster empor, ob sie nicht irgendwo das Antlitz Georgs entdecken könnte, so zwar, daß sie mehrmals von den Schildwachen hart angelassen und fortgescheucht wurde. In ihrer Not wandte sie sich endlich an die Soldaten der Torwache und bat sie, ihr zu sagen, wo sich der Gefangene Georg Huber befände; sie möchte gern mit ihm reden. Da bekam sie denn freilich nur rohes Gelächter und unziemliche Späße zu hören, bis sich endlich ein gutmütig aussehender Unteroffizier ihrer erbarmte, indem er sich bereit erklärte, besagten Gefangenen ausfindig zu machen und demselben ihre Grüße zu bestellen; ihn zu sehen und mit ihm zu reden, könne ihr jedoch nicht verstattet werden, es wäre denn, daß sie vom Auditor hierzu die Erlaubnis bekäme. Den solle sie aufsuchen; aber sie müsse schon am Morgen zu ihm gehen, denn tagsüber sei der Herr selten zu Hause anzutreffen. So suchte sie denn früh am nächsten Sonntage ihre wollene Jacke und den Kattunrock hervor und begab sich damit angetan nach dem Hause, welches ihr der Unteroffizier bezeichnet hatte. Dort mußte sie eine lange Zeit im Flur warten; denn sie erhielt den Bescheid, der Herr Auditor schlafe noch. Endlich trat dieser, bereits völlig angekleidet, aus der Tür und fragte sehr eilig, was sie wolle. Er ließ sie nicht ausreden und sagte, die Erlaubnis, mit den Arrestanten zu sprechen, könne nur in den seltensten Fällen erteilt werden; sie solle sich übrigens beruhigen, denn die ganze Angelegenheit würde in Bälde ausgetragen sein. Wenig getröstet ging sie wieder; und wirklich verstrich abermals Woche um Woche, ohne daß über Georg irgendeine Entscheidung erfolgt wäre. Denn, um es nur zu sagen, der Auditor war ein lebenslustiger junger Mann, dem die Schönen der Stadt näher am Herzen lagen als seine Gerichtsakten; zumal Verhandlungen, welche beurlaubte Soldaten betrafen und also in dienstlicher Hinsicht nicht so dringend waren, schob er gerne auf die lange Bank. In ihrer nunmehr gesteigerten Sorge trachtete Tertschka wieder ihren Vertrauten aufzufinden, und dieser meinte, daß ihr nichts anderes übrigbliebe, als sich an den Obersten des Platzkommandos zu wenden. Der sei zwar ein etwas strenger Herr; aber er habe schon vielen Menschen geholfen. Sie entschloß sich also auch dazu und mußte, ehe sie vorkam, wieder lange warten, jedoch diesmal nicht im Flur, sondern in einem warmen Vorgemach, was ihr um so wohler tat, als der Winter bereits ins Land gerückt war. Endlich hörte sie ein Geklirr von Säbeln; einige Offiziere traten aus den Gemächern des Obersten und gingen, wie es schien, etwas niedergeschlagen fort. Nach einer Weile öffnete sich wieder die Tür; ein stattlicher Mann mit leicht ergrautem Schnurrbart blickte heraus und fragte ziemlich barsch nach ihrem Begehren. Da sie aber gleich zu weinen anfing, wurde sein Antlitz milder; er hieß sie eintreten und hörte, nachdem er sich gesetzt hatte, schweigend an, was sie vorbrachte. Dann stellte er einige Fragen an sie und forderte sie endlich auf, den ganzen Hergang zu erzählen. Das tat sie nun; freilich gar schlicht und unbeholfen, aber mit einem solchen Ausdruck von Wahrheit, daß der Oberst, der dabei öfter seinen Schnurrbart leicht emporstrich, sichtlich ergriffen wurde. Nachdem sie geendet hatte, stand er auf, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter und sagte, sie möge getrost von hinnen gehen. Er gäbe ihr sein Wort, daß nunmehr die ganze Angelegenheit in kürzester Frist und, wie er hoffe, zu Georgs Gunsten erledigt sein werde. Freien und gehobenen Herzens entfernte sie sich; der Oberst jedoch ging noch eine Weile sinnend im Gemache auf und nieder, wobei er von Zeit zu Zeit die Sporen leise aneinanderschlug. Endlich ließ er durch eine Ordonnanz den Auditor zu sich bescheiden. Er mußte ziemlich lange warten, bis der junge Mann ganz erhitzt mit einer raschen Verbeugung hereintrat.

»Herr Auditor«, begann der Oberst, »es ist vor ungefähr vier Monaten ein Urlauber namens Georg Huber behufs kriegsrechtlicher Untersuchung hier eingeliefert worden.«

Der Auditor fuhr unwillkürlich mit der Hand nach der Stirn. »Georg Huber – ja, ja, ganz recht. Es handelt sich, wie ich glaube, um einen Totschlag –«

»Allerdings; darum handelt es sich. Und ich wünschte, die Untersuchung beendet zu sehen.«

»O nichts leichter als das«, fuhr der andere aufatmend fort. »Es ist eine ganz gewöhnliche Geschichte, wie sie unter solchen Leuten nur zu oft vorkommt. Man läßt den Mann ein paarmal durch die Gasse laufen, und die Sache ist abgetan.«

»Nicht doch, Verehrtester«, erwiderte der Oberst. »Das wäre ein höchst oberflächliches, gewaltsames Verfahren. Es liegt mir im Gegenteile daran, daß diese Angelegenheit, wenngleich möglichst rasch, so doch ohne jede Überstürzung mit größter Umsicht und Sorgfalt geprüft und verhandelt werde. Denn ich erlaube mir, ohne damit Ihrer richterlichen Einsicht vorgreifen zu wollen, die Bemerkung, daß hier, wie ich mich überzeugt habe, sehr eigentümliche Verhältnisse mit im Spiele sind.« Der Oberst hatte bei diesen Worten die Brauen zusammengezogen; der Auditor wußte, was das zu bedeuten habe, machte eine stramme Verbeugung und ging. Dann eilte er geraden Weges in seine Kanzlei, und da es ihm keineswegs an Scharfblick und Fertigkeit gebrach, so dauerte es wirklich nicht allzulange, daß Georg und die Zeugen, unter welch letzteren sich auch Tertschka befand, vernommen waren und von dem versammelten Kriegsgerichte folgendes Urteil geschöpft wurde: »Georg Huber, Urlauber des zwölften Regiments, sei des verübten Totschlages schuldig erkannt und zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. In Erwägung des Umstandes jedoch, daß er sich teilweise im Falle der Notwehr befunden, sowie anderer erheblicher Milderungsgründe und mit Hinblick auf seine tadellose Dienstzeit sei ihm die ausgestandene längere Untersuchungshaft als Strafe anzurechnen.« Der Auditor errötete ein wenig vor sich selbst, als er diese letzten Zeilen niederschrieb; aber weit höher färbte sich sein Antlitz am nächsten Tage, als er dem Obersten das Urteil zur Bestätigung überbracht hatte, und dieser, nachdem er das Blatt gelesen, ihm lächelnd auf die Achsel klopfte und sagte: »Da sieht man, daß eine kleine Saumseligkeit im Dienste auch hin und wieder ihr Gutes haben kann.« Aber er reichte ihm die Hand und verabschiedete ihn freundlich.

Zwei Tage darauf ließ der Oberst Georg und Tertschka zu sich rufen. Er betrachtete sie lange und schweigend; dann fragte er nach diesem und jenem und schloß damit, daß er ihnen den Rat erteilte, vorderhand in der Stadt zu bleiben. Für ihren Unterhalt durch angemessene Arbeit wolle er Sorge tragen, und sie würden noch später von ihm hören. Nachdem die beiden mit scheuen Dankesworten das Zimmer verlassen hatten, ging der Oberst wieder mit leisem Sporengeklirr auf und ab. Es waren seltsame Gedanken, die ihn bewegten. Er hatte vor vielen Jahren ein schlankes blondes Fräulein geliebt und war sehr unglücklich gewesen. Nicht etwa, daß die Schöne seine Neigung zurückgewiesen hätte; darüber würde sich seine stolze, kräftige Jünglingsseele wohl bald getröstet haben, aber er war in seinen reinsten Empfindungen betrogen und mißbraucht worden, und das hatte ihn mit dauernder Bitterkeit und einer krankhaften Verachtung des weiblichen Geschlechtes erfüllt, die er gern offen zur Schau trug, wie er denn auch das Wesen der Liebe überhaupt angriff und behauptete, diese wäre zwar in den Romanen hirnverbrannter Poeten, niemals aber im wirklichen Leben zu finden. Und nun, nachdem er diese Meinung, einem leisen Widerspruche seines Innern zu Trotz, so lange und leidenschaftlich vor sich selbst und anderen aufrechterhalten hatte: nun war ihm mit einem Male in diesem armen, verkümmerten Menschenpaare die Liebe mit all ihrer Tiefe, Hingebung, Treue und Zärtlichkeit, in ihrer ganzen heiligen Kraft entgegengetreten – und stille Beschämung und unsägliche Rührung zogen in seine Brust. Auch ein klein wenig Neid mischte sich mit hinein: aber er beschloß, soweit dies von ihm abhinge, die beiden glücklich zu machen fürs ganze Leben. –
 

Dort, wo die schwärzlichen Schienen längs der rauschenden Mur, an grünen Wiesen und anmutigen Auen vorüber, sich hinziehen, im Umkreise des Schlosses Ehrenhausen, das von einem bewaldeten Hügel freundlich auf den Ort gleichen Namens hinabschaut, steht ein einsames Bahnwächterhaus. Ein winziges Stückchen Feld, mit Mais und Gemüse bepflanzt, liegt dahinter, und vor der Tür, umfriedet von einer dichten Bohnenhecke, blühen rötliche Malven und großhäuptige Sonnenblumen. In diesem kleinen Anwesen, das den Vorüberfahrenden gar still und friedlich anmutet, leben, wie sie es einst kaum zu hoffen gewagt, Georg und Tertschka seit mehr als fünfzehn Jahren als Mann und Frau, und es braucht wohl nicht eigens bemerkt zu werden, daß ihnen der Oberst dazu verholfen hatte. Man merkt kaum, daß sie älter geworden, und sie verrichten gemeinsam den Dienst, der ihnen bei Tag und Nacht schwere Verantwortlichkeit auferlegt. Aber sie finden dennoch nebenher Zeit und Gelegenheit, ihr Streifchen Feld zu bebauen, eine Ziege samt einigen gackernden Hühnern zu halten und zwei flachshaarige Kinder aufzuziehen, die sich als willkommene Spätlinge eingestellt haben und ganz munter hinter dem Bohnenzaune heranwachsen. Auch trauliche Abendstunden sind ihnen vergönnt, wo sie Hand in Hand vor der Türe sitzen, der untergehenden Sonne nachschauen und noch immer den Tag preisen, an welchem sie sich zum ersten Male auf der Höhe des Semmerings begegnet. Und dann zieht die Vergangenheit mit allen Leiden und Freuden an ihnen vorüber – bis zu jenem Augenblicke, wo das Verhängnis schwer und furchtbar über sie hereingebrochen war – und doch ihr Glück begründet hatte. Und wenn dann in die Helle ihrer Brust ein trüber, dunkler Schatten fallen will, dann rufen sie schnell die Kleinen heran, die sich liebkosend in die Arme der Eltern schmiegen und mit den großen Kinderaugen so harmlos in die Welt hineinblicken, als lebten sie nicht den wechselvollen Schicksalen entgegen, die sich forterben von Geschlecht zu Geschlecht, solange noch Menschen atmen auf der alternden Erde.

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