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Die Steinklopfer / 1

Ferdinand von Saar: Die Steinklopfer / 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Steinklopfer / Tambi
authorFerdinand von Saar
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008663-9
titleDie Steinklopfer / 1
pages3-45
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Am andern Morgen funkelte die Welt in hellem Sonnenglanze, als Georg den steilen Fußpfad hinabstieg, welchen ihm Tertschka bezeichnet hatte. Er lugte dabei nach dem Kreuz im Tale aus und gewahrte bald, wie es morsch und windschief aus jungen Fichtenschößlingen hervorsah. Nun hatte er es erreicht und setzte sich, da es noch früh war, auf den bemoosten Steinblock, der gleichsam als Betschemel davor lag. Tiefes, sonntägliches Schweigen umgab ihn; selbst die Bienen über den Gentianen, die hier in reicher Zahl ihre dunkelblauen Kelche erschlossen, schienen nicht zu summen. Georg kam ein unwillkürliches Lauschen an, und wie er so recht in die Stille hineinhorchte, da ward es ihm, als vernehm' er ein leises, feierliches Gewoge von Glockentönen in der Luft. Nach und nach aber stellte sich die Ungeduld des Erwartens ein. Er erhob sich, schritt auf und nieder und pflückte einige Gentianen, auch weiße und gelbe Blumen, die hier und dort wucherten. »Die will ich der Tertschka geben, wenn sie kommt«, sagte er zu sich selbst, indem er auf den unbeabsichtigten Strauß sah, den er in der Hand hielt. Dann brach er noch ein langes Farrenkraut ab und steckte es an seine Mütze, wo es sich, hin und her schwankend, gleich einer Schwungfeder ausnahm. Endlich gewahrte er auf der Höhe ein flatterndes Gewand, und bald war Tertschka bei ihm, welcher er bis zur Hälfte des Steiges hinauf entgegengeeilt war. »Da bin ich«, sagte sie rasch atmend. »Er hat mich diesmal ohne viel Worte gehen lassen.« Georg stand vor ihr und sah sie an. Sie hatte heute ihr Kopftuch abgelegt, trug das schlichte Haar frei gescheitelt und ihr Antlitz wurde von dem verblichenen Rot des Halstuches sanft umleuchtet. Auch die dunkle Jacke, die freilich viel zu weit war, und der helle Kattunrock standen ihr so übel nicht. »Wie schön du heut aussiehst!« sagte er endlich. Sie schlug erglühend die Augen nieder. »Ich hab das alles noch von meiner seligen Mutter«, erwiderte sie, indem sie den bauschenden Rock zurechtdrückte. »Ich trag es so selten, und da hält es sich.« »Da hast du Blumen«, fuhr Georg fort; »ich hab sie unterdessen gepflückt.« Sie nahm den Strauß, den er früher halb hinter sich verborgen hatte, und wollte ihn vor die Brust stecken. Aber er war zu groß, und sie behielt ihn in der Hand, um welche sie den Rosenkranz gewunden hatte. So schritten die beiden durch die grünen Gefilde und an schmalen Äckern vorüber, wo das Korn bereits geschnitten und aufgehäuft lag, bis sie den Markt Schottwien erreicht hatten. Dort trafen sie alles in Bewegung. Denn es war eben Kirchtag, und die lange breite Gasse, aus welcher der Ort besteht, wimmelte von festlich gekleideten Menschen und leichtem Fuhrwerk. Vor der Kirche aber hatte man Bretterbuden aufgeschlagen, und dort war eine Menge der verschiedenartigsten Dinge bunt nebeneinander zum Verkauf ausgelegt. Tücher, Tabakspfeifen, Messer, Glasperlen und Wachskorallen; allerlei Kochgeschirr, Pfefferkuchen und Spielzeug für Kinder. Sie blieben eine Weile bewundernd vor all diesen Herrlichkeiten stehen, und Georg bekam Lust, eine Pfeife zu kaufen. Als er noch Soldat war, hatte er geraucht; später, in seinem Elend, hatte er's aufgeben müssen, nun aber, da er sein Brot erwarb und weder trank noch spielte wie die andern, konnte er sich diesen Genuß wohl wieder gönnen. Er teilte seine Absicht Tertschka mit, und diese sprach ihm zu, er möge nur handeleins werden; sie selbst würde unterdessen langsam vorausgehen. »In der Ortskirche sind zu viele Menschen«, sagte sie. »Eine halbe Wegstunde außerhalb des Marktes liegt eine einsame Kirche; in der bin ich schon einmal gewesen und will auch heute wieder hineingehen.« Sie meinte damit »Maria Schutz« am Fuße des Sonnwendsteins. Georg drängte sich durch eine Gruppe von Gaffern und Feilschenden und erstand eine hübsche Porzellanpfeife mit bunten Troddeln. Dabei fiel ihm ein funkelnder Schmuck von gelben Glasperlen in die Augen, und er dachte, wie schön sich der am Halse Tertschkas ausnehmen würde. Da der Preis, welchen der Händler forderte, nicht allzu hoch war, so ließ er sich das Geschmeide in Papier wickeln und steckte es zu sich. Mit den paar Kreuzern, die er auf eine Guldennote herausbekam, kaufte er in der anstoßenden Bude ein großes Herz aus Pfefferkuchen; dann sprang er noch um ein bißchen Tabak in den nächsten Kramladen und eilte mit seinen Schätzen der Vorangegangenen nach. Er zeigte ihr zuerst die Pfeife, die ihr wohl gefiel. »Das ist für dich«, sagte er hierauf und gab ihr das Herz. Es war mit einem farbigen Bildchen geschmückt, das ein zweites kleines Herz vorstellte, von einem Pfeile durchbohrt; ein Blumengewinde faßte das Ganze ein. Sie betrachtete es still und schob es mit dankendem Lächeln zwischen den Strauß und den Rosenkranz ein. »Ich habe noch etwas für dich gekauft«, fuhr er nach einer Weile fort, indem er das kleine Päckchen langsam aus der Tasche zog und die Perlen durch die geöffnete Papierhülle blitzen ließ. Sie warf einen Blick darauf. »Wie kannst du nur soviel Geld für mich ausgeben!« sagte sie; aber ihre Miene strahlte von froher Überraschung und reinster Freude. »Für dich möcht ich alles hingeben«, erwiderte er innig. »Aber nimm es gleich um; es wird dir gut stehen!« Sie reichte ihm, was sie in der Hand hatte, und legte dann den Schmuck um ihren Hals. Da er aber etwas eng und rückwärts festzumachen war, so konnte sie damit nicht recht zustande kommen. »Laß das mich tun!« rief er, gab ihr wieder alles zurück, drückte, nachdem sie sich umgewendet, ihre braunen Haarflechten sanft empor und schob die beiden Teile einer kleinen Schließe ineinander. »So!« sagte er, indem er mit zufrieden prüfendem Blick vor sie hintrat. Dann gingen sie fröhlich weiter und hatten bald die Kirche erreicht, die aus schattigen Wipfeln hervorsah. Sie trafen nur sehr wenige Beter an; ein alter Priester mit grämlichen Gesichtszügen war eben zum Altar getreten und begann gleichgültig die Messe zu lesen. Tertschka kniete in der letzten Reihe der Bänke nieder, legte den Strauß und das Herz vor sich hin und faltete die Hände. Georg blieb hinter ihr stehen. Es wurde ihm ganz eigentümlich zumute in dem stillen Raume. Durch die hohen schmalen Bogenfenster fiel das Licht sanft und mild herein; er hörte das Gemurmel des Priesters, das Klingen des Ministrantenglöckleins, und Andacht durchschauerte ihn. Aber beten konnte er nicht: er blickte nur unverwandt auf Tertschka, die vor ihm kniete und mit gesenktem Haupte leicht die Lippen bewegte. Die Messe war bald zu Ende; der Priester gab den Segen, und die Anwesenden entfernten sich. Nur Tertschka verweilte noch. Endlich bekreuzigte sie sich, stand auf und schritt, während Georg folgte, nach der Tür, wo der Küster bereits ungeduldig die Schlüssel klirren ließ. Draußen leuchtete der goldene Vormittag, und nicht weit von der Kirche entfernt streckte ein stattliches Wirtshaus einen Busch von Tannenreisern gar einladend aus. »Willst du dich schon auf den Heimweg machen?« sagte Georg, da Tertschka wieder schweigend den Weg nach dem Markte einschlug.

»Wohin sollten wir denn?« erwiderte sie und sah empor.

»Dort drüben ist ein Wirtshaus. Ich glaube, wir könnten uns heut etwas zugute tun, Tertschka. Wer weiß, ob wir wieder einmal miteinander gehen.«

»Nun, wenn du Lust hast«, sagte sie und blieb stehen. »Der Aufseher wird freilich schelten, wenn ich so spät zurückkomme. Aber du hast recht: wer weiß, ob wir wieder einmal miteinander gehen.«

Sie schritten also auf das Haus zu, vor welchem sich ein sanfter Hügel erhob. Dort wurzelte eine alte, riesige Buche und breitete ihre Äste über einer Anzahl roh behauener Tische und Bänke aus. Aber niemand saß daran. Es war ganz still und einsam hier; nur drinnen schien sich geschäftiges Leben zu regen. Endlich sah der Wirt aus der Tür, in schneeweißen Hemdärmeln, ein grünes Samtmützchen auf dem Kopfe. Er trat, die ungewohnten Gäste von der Seite anblickend, heraus und brachte auf das Begehren Georgs Wein in einem großen Henkelglase, Brot und Fleisch. Das setzte er ihnen auf den Tisch, an welchem sie sich niedergelassen hatten, verlangte gleich die Bezahlung und eilte wieder ins Haus zurück. Georg schob Tertschka den Teller zu, und diese zerlegte nun das Fleisch in kleine Stücke. Dann brachen sie das Brot und begannen gemeinschaftlich zu essen, wobei sich Tertschka, da der Wirt nur für einen gesorgt hatte, des Messers als Gabel bediente. Auch den Wein genossen sie zusammen, nacheinander das Glas zum Munde führend. Nach beendetem Mahle brannte Georg seine Pfeife an und sah wohlgemut dem Rauche nach, der sich leicht und bläulich in die sonnige Luft hineinkräuselte. »Schau, Tertschka«, sagte er, indem er seine Hand auf die ihre legte, »das hätten wir uns gestern früh nicht träumen lassen, daß wir heute so fröhlich beieinandersitzen würden.«

»Ja«, erwiderte sie, »ich hätt' es nicht verhofft.«

Inzwischen war der Mittag herangerückt, und mit einemmal ertönten in der Ferne lustige Klänge von Hörnern und Klarinetten. Gleich darauf stürzte der Wirt aus der Tür. »Die Hochzeiter sind da!« rief er dem nachfolgenden Gesinde zu. »Sputet euch! die Tische sollten schon gedeckt sein.« Der Befehl wurde rasch ausgeführt, und es war auch hohe Zeit; denn schon kam, von der lärmenden Ortsjugend umsprungen, ein stattlicher Zug in Sicht. Spielleute voran; dann ein jugendliches Brautpaar; hintendrein die ganze Sippschaft, zahlreiche Hochzeitsgäste und ein Rudel Neugieriger. Im Nu waren die Tische besetzt und umlagert, und nun ging es an ein Schmausen, Trinken und Jubilieren, und die Musikanten, die auch Streichinstrumente mitgebracht hatten, fiedelten und bliesen dazu, daß ihnen fast der Odem ausging. Es waren seltsam wechselnde Empfindungen, die unser Paar inmitten dieser lauten Lustbarkeit überkamen. Zuerst hatten sie erstaunt in das bunte Gewirr hineingeblickt; dann aber konnte Tertschka das Auge nicht mehr von der Braut abwenden. Die sah auch gar schön aus und mußte eine reiche Bauerstochter gewesen sein. Sie trug ein knappes Mieder von schwarzem Samt, das ihren schlanken Wuchs deutlich hervortreten ließ; ein Kettlein von eitel Gold war fünf- oder sechsmal um ihren Hals geschlungen, und das hohe Myrtenkränzlein in dem blonden, hinten in zwei langen Zöpfen herabfallenden Haar stand ihr zu dem etwas stolzen und strengen Gesichte wie eine kleine Krone. Auch der Bräutigam war ein stattlicher Junge, dem gegen Bauernsitte ein Bärtchen an der Oberlippe dunkelte und dessen schmuckes, mit Gemsbart und Feder gezierter Jägerhut wohl imstande war, die Bewunderung Georgs auf sich zu lenken. Nach und nach aber beschlich die beiden ein banges, drückendes Gefühl der Verlassenheit unter den vielen Menschen, davon gar manche sie mit scheelen Blicken musterten, als wollten sie fragen: »Was haben die hier zu schaffen?«

Endlich wandte sich Tertschka an Georg. »Komm, laß uns fortgehen. Wir taugen nicht unter die Leute. Wir wollen uns drüben am Waldrand niedersetzen. Dort können wir alles von weitem mit ansehen und der Musik zuhören.«

Er war es zufrieden, und so schritten sie dem dunklen Fichtenwald entgegen, dessen Saum die helle Wiese begrenzte. Auf einem kleinen Abhange ließen sie sich nieder und lauschten den Klängen, die, lieblich gedämpft, zu ihnen herüberzogen. Mit einemmal ward es still; sie sahen, wie drüben alles von den Tischen aufstand und einen Halbkreis bildete. Gleich darauf begannen wieder die Geigen zu schwirren.

»Die Brautleute tanzen!« rief Tertschka. Und wirklich war es so. In gehaltenem Tempo und mit zierlichen Wendungen bewegten sich die hohen schlanken Gestalten auf dem grünen Plan. »Wie lustig sie sich drehn!« fuhr Tertschka fort, indem sie sich unbewußt an die Schulter Georgs lehnte. »Schau nur!«

»Ja, es sind glückliche Leute«, sprach er, ohne hinzusehen, wie im Traum. – »Wenn wir nur auch einmal Hochzeit haben könnten.«

»Ach geh«, sagte sie leise und langte nach einer roten Blume, die zu ihren Füßen blühte.

»Resi«, fuhr er fort – es war das erstemal, daß er sie so nannte – und legte seinen Arm scheu und bebend um ihren Leib, »Resi – ich hab dich so lieb!«

Sie erwiderte nichts; aber in dem Blick, den sie zu ihm aufschlug, lag es für ihn wie ein wogendes Meer von Glück. Und als jetzt drüben die Geigen lauter jubelten und das Brautpaar, durch allseitiges Rufen und Händeklatschen angefeuert, sich im stürmischen Wirbel dahinschwang, da zog er sie fest ans Herz, und ihre Lippen schlossen sich zu einem langen, tiefen Kusse zusammen. –

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