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Die Steinklopfer / 1

Ferdinand von Saar: Die Steinklopfer / 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Steinklopfer / Tambi
authorFerdinand von Saar
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008663-9
titleDie Steinklopfer / 1
pages3-45
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Sie hatte sich schon früher am Saume ihres Rockes zu schaffen gemacht und einen kleinen Teil der Naht aufgetrennt. Jetzt zog sie ein zusammengewickeltes Stückchen Papier daraus hervor und entfaltete es langsam. Es war eines jener Banknotenfragmente, welche damals in Österreich unter dem Namen »Viertel« im Umlaufe waren und die mangelnde Scheidemünze ersetzen mußten. Sie reichte es Georg hin. »Nimm«, sagte sie; »das langt bis Samstag, wenn du recht sparsam bist. Du kannst es mir allwöchentlich kleinweise von deinem Lohn zurückgeben.«

Er blickte sprachlos auf das abgegriffene Zettelchen in ihrer Hand. Überraschung, Rührung und verschämte Freude malten sich wundersam in seinem Antlitz. Er war wie betäubt und regte sich nicht.

»Es ist mein einziges«, fuhr sie treuherzig fort. »Unser Ingenieur hat mir's geschenkt, als er im vorigen Monate hier war. Er hatte seinen Mantel in der nächsten Hütte liegen lassen, und den mußt' ich ihm holen. Aber du tust mir einen Gefallen, wenn du das Geld nimmst. Ich fürcht immer, ich könnt' es verlieren; derhalb hab ich's auch in meinen Rock eingenäht. Wenn der Aufseher darum wüßte, hätt' er mir's längst abgefordert.« Und damit legte sie es in seine Hand. »Aber jetzt komm und laß uns zum Essen gehen. Vergiß nicht, was ich dir wegen des Fleisches gesagt habe, und begnüg dich mit dem übrigen. Das Mehl ist zwar auch meistens dumpfig; aber gestern haben sie frische Kartoffeln gebracht. Und abends kannst du dir ein Glas Branntwein gönnen; das wird dir gut tun.« Er stand auf und folgte ihr schweigend. Nach einigen Schritten blieb er stehen und blickte ihr tief in die sanften braunen Augen. »Wie soll ich dir's vergelten, Tertschka«, sprach er mit zitternder Stimme. »So gut und lieb wie du war noch kein Mensch mit mir.«

»Ach was«, erwiderte sie; »man muß sich gegenseitig helfen in der Welt. Und dann – du bist ja auch gut. Das hab ich dir gleich gestern angesehen, als du kamst.«

Sie hatten die Hütte erreicht. Drinnen umlagerten die andern, aus schadhaften Näpfen essend, bereits den Herd, an welchem der Aufseher stand, die Ärmel aufgekrempelt und mit vorgebundener Schürze. Er war eben im Begriffe, ein mächtiges Bratenstück anzuschneiden, dessen brenzlicher Duft den Eintretenden entgegenschlug und Georg einen unwillkürlichen Seufzer entlockte. Auch die übrigen blickten gierig nach dem fetttriefenden Fleische und nahmen der Reihe nach ein Stück davon in Empfang, das sie von der Faust weg verzehrten. Einige legten Geld dafür nieder; bei den meisten jedoch machte der Aufseher ein Zeichen in ein kleines Büchlein. Georg hatte von Tertschka einen Napf erhalten; damit näherte er sich nun dem Herde. Der Aufseher sah ihn befremdet an. Endlich entsann er sich. »Aha, der Knirps von gestern!« rief er. »Nun, hast du etwas gearbeitet?«

»Ja; Steine hab ich zerschlagen.«

»Und nun hast du Lust, zu essen. Was willst du?«

»Ich möcht euch um Grütze und Kartoffeln bitten.«

Der Aufseher tat ihm das Verlangte in den Napf und nahm das Papier in Empfang, das ihm Georg hinreichte. »Du wirst doch auch ein Stück Braten wollen«, sagte er dann.

Das war nun eine gewaltige Versuchung für den Armen. Aber er gedachte der Warnung Tertschkas und erwiderte, während der andere schon das Messer ansetzte: »Nein, ich esse kein Fleisch.«

»Was? Bist du ein Knicker? Bei deinem verhungerten Aussehen solltest du froh sein, etwas Ordentliches in den Leib zu kriegen.«

»Er hat das Fieber; das fette Fleisch könnt' ihm übel bekommen«, sagte Tertschka hinzutretend; denn sie fühlte, daß es dieser barschen Aufdringlichkeit gegenüber die Willenskraft Georgs zu stützen galt.

»Halt dein Maul!« schrie der Mann. »Wer hat dir gesagt, was ihm wohl oder übel bekommt? Misch dich nicht in Dinge, die dich nichts angehen!« Und zu Georg gewendet fuhr er fort: »Also willst du, oder willst du nicht

Diese Worte klangen wie ein Befehl, das lockende Gericht nicht zurückzuweisen. Aber der Schüchterne nahm all seinen Mut zusammen und erwiderte: »Sie hat recht, ich darf das Fleisch nicht essen.«

»Nun, so laß es sein!« schrie der andere giftig, indem er das Messer beiseite warf. »Bitten werd ich dich nicht.« Und da Georg vor ihm stehen blieb, fragte er: »Auf was wartest du noch?«

»Ihr sollt mir herausgeben«, antwortete jener stockend.

»Ja, ja, ja!« rief der Aufseher. »Glaubst du, ich werde die lumpigen paar Kreuzer behalten?« Und damit warf er ihm den Rest in Kupfermünze hin und drehte ihm verächtlich den Rücken. Georg, den Napf in der einen Hand, las mit der anderen mühsam die umherrollenden Geldstücke auf; dann setzte er sich in einen Winkel und begann sein karges Mahl zu verzehren, das mittlerweile schon ziemlich kalt geworden war. Er sah dabei, wie der Aufseher eine grünliche Flasche ergriff und einigen Verlangenden Branntwein in ein kleines Glas goß, welches, geleert und wieder gefüllt, von Mund zu Mund wanderte. Er aber vertröstete sich auf den Abend, den Worten Tertschkas gemäß, welche inzwischen, dürftig genug, ebenfalls Mittag gehalten hatte und nun auf einen Wink des Stiefvaters daran ging, das Kochgeschirr zu scheuern. Die andern lagerten sich draußen im Schatten der Hütte, um den Rest der Ruhestunde zu verschlafen. Der Aufseher jedoch nahm eine kleine Pfanne vom Herde, in welcher sich ein lecker zubereitetes Huhn befand, und stellte sie nebst Teller und Eßzeug und einer Flasche Wein auf den nahen Tisch. Als er sich eben anschicken wollte, behaglich zu schmausen, fiel sein Blick auf Georg, welcher, den leeren Napf zwischen den Knien, still überlegte, ob er nicht Tertschka beim Scheuern helfen solle, wovon ihn aber eine geheime Scheu vor dem grimmigen Manne abhielt. »Was sitzt du da und gaffst?« schrie jetzt dieser. »Pack dich hinaus zu den andern! Ich brauch hier keinen Spion, der mir den Bissen vom Maul wegguckt!« Georg schrak empor, schlich aus der Hütte und legte sich draußen auf den sonnigen Boden nieder, da er im Schatten keinen Platz mehr fand. Nach einer Weile ließ der Aufseher wieder die Glocke zur Arbeit erschallen; er selbst begab sich in seinen Verschlag, um nun auch Siesta zu halten. Die Männer reckten und dehnten sich und folgten nur zögernd dem Rufe; einige drehten sich sogar auf die andere Seite und schliefen weiter. Georg aber schritt mit Tertschka wieder zum Steinbruch hinan, wo sie, bis der Abend sank, ihrer harten Pflicht oblagen. Und auch in den Tagen, die nun folgten, saßen sie nebeneinander. Denn die Kräfte Georgs hoben sich wirklich; die bitterste Not war ja vorüber, zudem schien der frische Hauch der Gebirgsluft heilend auf seinen fiebersiechen Körper zu wirken. Er schwang den Hammer schon ganz rüstig und erzählte dabei der armen Genossin allerlei aus seinen Militärjahren. Es waren freilich keine munteren Abenteuer und kecken Soldatenstreiche, was er vorbrachte; bei seinem scheuen und in sich selbst gedrückten Wesen hatte er ja nur die Schattenseiten eines Standes kennengelernt, der so manchem anderen den heitersten Genuß des Daseins eröffnet. So konnte er nur berichten von den Leiden der Rekrutenzeit, welche ihm die unerbittliche Korporalsfaust zur Hölle gemacht, von langem Schildwachstehen im Schnee, von beschwerlichen Märschen und nächtlichen Kampierungen im Regen und Sturm – und vor allem, wie er bei der Belagerung Venedigs mit seinem Regimente vor dem Fort Malghera gestanden und dort ihrer Hunderte in der faulen Sumpfluft vom Typhus und von der Cholera hinweggerafft wurden. Tertschka hörte still zu. Vieles faßte sie nur halb oder gar nicht; denn die Dinge, von denen er sprach, hatten ja stets so fernab von ihr gelegen, und vollends von einer Stadt, die mitten im Wasser erbaut sei, konnte sie sich keinen Begriff machen; wie ihr denn auch bei dem Worte »Meer« nichts als eine undeutlich schimmernde Wolke vorschwebte. Aber sie fühlte heraus, wie schlecht es Georg all seine Tage ergangen sei, und erzählte hinwieder auch, was ihr Trübes und Trauriges aus ihrem trüben, einförmigen Dasein in der Erinnerung geblieben war. So trösteten sie sich unbewußt gegenseitig, und es tat ihnen wohl, daß sie jeden Morgen, die Hämmer auf der Schulter, zum Steinbruch hinanstiegen und die langen sonnigen Tage nebeneinander verbringen konnten, wobei sie oft den Ruf der Glocke überhörten oder darob erschraken, weil er sie aus ihrer wehmütig trauten Einsamkeit in die wüste Gemeinschaft der Hütte zurücktrieb. –

Aber nicht lange sollte die Zeit dauern, wo sich die beiden in lang erduldeter Not und still entsagendem Kummer, wie andere in Lust und Fröhlichkeit und drängender Lebensfülle, immer inniger zusammenfanden. Sei es, daß der Aufseher durch die andern Arbeiter von ihrem Einvernehmen übelwollende Kunde erhalten, sei es, daß er es mit dem Instinkte der Bosheit von selbst erraten hatte – genug: er stand eines Tages hinter ihnen. »Was hockt ihr da beieinander wie die Kröten?« schrie er, während sie erschrocken aufsahen. »Marsch, du Hungerleider, zu deinen Kameraden, wo du hingehörst!« Und damit streckte er gebieterisch die Hand gegen den untern Teil des Steinbruches aus. »Und du, heimtückisches Aas«, wandte er sich zu Tertschka, während Georg betroffen und sprachlos dem Befehl Folge leistete, »mir scheint, du hältst es mit dem elenden Krüppel da? Wart, das will ich dir austreiben! Wenn ich euch noch einmal beisammen seh, so ist der Kerl die längste Zeit hier gewesen, und du erblickst mir kein Tageslicht mehr!« –

So wurden sie rauh und plötzlich auseinandergerissen. Georg mußte in den nächsten Tagen unten am Bahngeleise arbeiten, und wenn sie um die Mittagsstunde oder nach Sonnenuntergang in der Hütte zusammentrafen, so wagten sie kaum, sich anzusehen, geschweige nur ein Wort miteinander zu reden. Denn der Aufseher behielt sie scharf im Auge, und auch die andern schienen mit stumpfer Schadenfreude über ihnen zu wachen.

Eines Abends jedoch – es war Samstag – hatte sich der Aufseher mit einigen Zechgenossen in die Schenke einer nahen Ortschaft begeben, indes die Zurückgebliebenen, wie gewöhnlich, den eben erhaltenen Wochenlohn an ein Spiel Karten wagten, dessen beschmutzte Blätter in ihren Händen die Runde machten. Während es dabei immer wüster und lärmender herging, faßte Georg Mut, sich verstohlen Tertschka zu nähern, die in ihrem Schlafwinkel auf einer alten Kiste saß, das Haupt auf die Hände gestützt. »Tertschka«, sagte er leise, indem er ein kleines ledernes Beutelchen aus der Tasche zog, »hier ist das letzte von dem Gelde, das ich dir schuldig bin.« Und dabei legte er sachte einige Kreuzer in ihren Schoß.

»Ach, laß es«, erwiderte sie; »du wirst es noch brauchen.«

»Wozu sollt' ich's brauchen?« fuhr er niedergeschlagen fort. »Ich habe keine Freude mehr auf der Welt, seit ich nicht mehr mit dir arbeiten kann.«

»Ich auch nicht«, sagte sie leise.

»Weshalb er uns nur auseinandergejagt hat?« begann er nach einer Weile. »Ihm könnt' es doch eins sein, ob wir beisammen sitzen oder nicht; wenn wir nur unser Tagewerk ordentlich verrichten.«

Sie blickte vor sich hin. »Er ist ein böser Mensch«, sagte sie endlich, »der nicht sehen kann, daß es einem anderen wohl ist, und jeden gern um sein Liebstes bringt.«

Tertschka war bei diesen Worten aufgestanden, hatte den Deckel der Kiste zurückgeschlagen und holte jetzt langsam eine wollene Jacke, einen Rock aus Kattun und ein Paar schwere Schuhe hervor. Dann noch ein verschossenes rotes Halstuch und einen alten Rosenkranz mit einem Kreuzlein von Messing daran, welche Gegenstände sie samt und sonders auf dem wieder herabgelassenen Deckel der Kiste sorglich zurechtlegte.

»Was tust du denn da?« fragte Georg, der ihr zusah.

»Ich will morgen nach Schottwien hinunter in die Kirche gehen«, erwiderte sie. »Er kann's freilich nicht leiden, denn er kennt keinen Herrgott und hat schon die Mutter immer gescholten, weil sie sonntags niemals die Messe versäumen wollte und mich immer mit sich nahm. Er weiß mir immer etwas in den Weg zu legen, und ich bin schon zwei Monate nicht mehr von der Hütte weggekommen. Aber morgen geh ich; er soll sich anstellen, wie er will. Ich mag nicht das Beten ganz verlernen unter dem Volk, das nur ans Trinken und Kartenspielen denkt.«

Georg sah vor sich hin. »Ich bin auch schon lang in keiner Kirche gewesen«, sagte er. »Wie schön wär' es, wenn ich morgen mit dir gehen könnte.«

»Ja, es wär' schön; aber es kann nicht sein.«

»Je nun«, fuhr er fort, »der Aufseher müßt' es gerade nicht merken. Wir gingen ein jedes für sich allein fort, und wir fänden uns erst unten wo zusammen.«

Sie dachte nach. »Du hast recht; so wär' es möglich. Aber du müßtest lange vor mir aufbrechen. Gleich links von der Hütte führt ein schmaler, versteckter Steig ins Tal hinab; unten steht ein hölzernes Kreuz – dort könntest du mich erwarten. Aber jetzt geh«, setzte sie ängstlich drängend hinzu, »damit die andern nicht merken, daß wir miteinander gesprochen haben.«

Und so ging er und suchte das harte Lager auf, wo er mitten unter dem lauten Gezänk der Spielenden in froher Erwartung des kommenden Tages sanft einschlief. –

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