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Die Steinklopfer / 1

Ferdinand von Saar: Die Steinklopfer / 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Steinklopfer / Tambi
authorFerdinand von Saar
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008663-9
titleDie Steinklopfer / 1
pages3-45
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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II

Der Morgen dämmerte kaum, als es in der Hütte lebendig wurde und Georg aus dem Schlafe erwachte. Er sah, wie die Männer nach und nach das dürftige Lager verließen, allerlei Werkzeug ergriffen, das rings an den Wänden lehnte, und damit aus der Tür gingen. Er hatte sich gleichfalls erhoben, war in seinen Kittel geschlüpft und stand unschlüssig und erwartungsvoll da, als sich Tertschka, einen schweren Hammer mit langem Stiel auf der Schulter, ihm näherte. »Der Aufseher schläft noch«, sagte sie. »Aber ich weiß, was du zu tun hast. Nimm den Hammer dort; wenn du willst, kannst du mit mir an die Arbeit gehen.« Er tat, wie sie ihn hieß, und trat mit ihr hinaus in die Frühe. Draußen war es kühl und still; nur hier und dort zwitscherte ein Vogel, und auf der Wiese lag der helle Tau. Sie gingen schweigend an das Bahngeleise und längs desselben noch eine Strecke hinauf bis zu einem verödeten Steinbruch, wo sich bereits einige andere Arbeiter eingefunden hatten, während die übrigen, mit Karren und Schaufeln ausgerüstet, an der Bahn verteilt waren. Tertschka schritt mit Georg an den Männern vorüber zu einer höher gelegenen flachen Mulde hinan. »Das ist mein Platz«, sagte sie, indem sie sich mitten unter Bruchsteinen und Geröll auf den Boden niederließ. »Ich bin nicht gern bei denen dort. Sie sind ein wüstes, hämisches Volk. Aber du kannst bei mir bleiben, wenn es dir recht ist.« Er erwiderte nichts und setzte sich still neben sie. »Siehst du, diese Trümmer müssen in kleine Stücke zerschlagen werden. Das dort«, setzte sie hinzu und deutete mit der Hand auf einen kleinen Berg von angehäuftem Schotter, »das hab ich in dieser Woche zustande gebracht.« Er zog einen größeren Kalkstein zu sich heran und schlug mit dem Hammer darauf. Der Stein blieb ganz. »Stärker!« rief Tertschka und führte nun selbst einen Streich, daß die Stücke umherflogen. Er sah sie verwundert an und erprobte noch einmal seine Kraft. Diesmal mit besserem Erfolg, und so begannen die beiden, ohne mehr ein Wort zu wechseln, ihr Tagewerk. Der Ort, wo sie saßen, erschloß eine prachtvolle Fernsicht über die mächtigen Hebungen und Senkungen der weithin ausgebreiteten Gebirgsnatur. Hart an der Bahn und in gleicher Höhe mit ihr klebte die Burgruine Klamm wie ein Geiernest an einer bewaldeten Felsenzacke; tief unten in einer engen Talschlucht, langgestreckt und mit rötlichen Dächern, lag der Markt Schottwien. Dahinter ragte dunkel der Sonnwendstein auf, und von den grünen Matten an seinem Fuße herüber schimmerte, mit Bäumen umpflanzt, die freundliche Kirche »Maria Schutz« genannt. Aber die Emsigen hatten kein Auge für das herrliche Bild; sie hämmerten und klopften, in dumpfem Eifer tief zur Erde hinabgebeugt. Höher und höher stieg die Sonne und brannte schon heiß und sengend auf ihre Scheitel nieder. Die Schläge Georgs wurden immer schwächer, immer langsamer; endlich ließ er den Hammer sinken, lüftete die Mütze und trocknete sich den Schweiß ab, der in hellen Tropfen über sein Antlitz rann. Auch Tertschka hielt inne. »Bist du schon müd?« fragte sie, indem sie ihn teilnehmend ansah.

»Weiß Gott, das bin ich«, antwortete er mit tonloser Stimme. »jetzt spür ich erst, wie arg mich das Fieber heruntergebracht hat.«

»Wie hast du auch da heraufkommen können, krank und hinfällig, wie du bist?« fuhr sie fort.

»Was hätt' ich anderes tun sollen? Betteln vielleicht? Das vermag ich nicht. Handwerk hab ich keins gelernt. Vater und Mutter sind mir früh gestorben, und da hab ich im Ort die Gänse hüten müssen und später die Kühe – bis in mein achtzehntes Jahr. Denn ich war immer an Kraft zurück, und kein Bauer hat mich als Knecht nehmen mögen. Aber den Herren von der Assentierung war ich doch recht. ›Im zweiten Glied kann er mitlaufen‹, meinten sie und haben mir den weißen Rock angezogen. Und nun hat man mich krank und elend nach Hause geschickt. Eine Zeitlang wurd' ich von der Gemeinde erhalten; dann hieß es, ich solle gehen und Steine klopfen. Na – und jetzt klopf ich sie«, schloß er mit bitterem Lächeln, während er wieder nach dem Hammer griff.

Sie hatte schweigend das Haupt gesenkt. »Aber du wirst es nicht aushalten«, sagte sie still.

»Vielleicht doch; wenn ich nur wieder zu essen habe. Es ist mir recht schlecht gegangen in den letzten Tagen, und seit gestern früh hab ich nicht einen Bissen über die Lippen gebracht.«

Sie antwortete nichts und zog langsam ein Stück schwarzen Brotes hervor, das in ihre Schürze gewickelt war, brach es in zwei ungleiche Teile und reichte ihm den größeren hin. »Iß«, sagte sie.

Er warf einen scheuen Blick auf das Gebotene. »Das ist dein Brot«, erwiderte er leise und ablehnend.

»Das tut nichts; ich hab an dem da genug.« Und da er noch immer keine Miene machte, es zu nehmen, so legte sie es dicht an seiner Seite auf den Boden nieder. »Du wirst auch durstig sein«, fuhr sie fort. »Ich will dir einen Trunk Wasser holen; dort oben fließt eine Quelle.« Und damit stand sie auf, bückte sich nach einem Krüglein, das halb zerscherbt zwischen dem Geröll lag, und stieg bis zum Tannicht oberhalb des Steinbruchs hinauf, wo ein dünner Wasserstrahl unter dunklem Moose hervorrieselte. Sie füllte das Krüglein, trank, füllte es wieder und kehrte zurück. Das Brot lag noch immer unberührt neben Georg. Aber das Wasser nahm er. »Ich danke dir«, sagte er innig, nachdem er getrunken hatte.

»Weshalb? Ich tu's ja gern. – Aber jetzt iß«, fuhr sie, sich wieder setzend, mit sanftem Drängen fort. »Von mir kannst du's schon nehmen.«

Er langte verschämt nach dem Brote. »Du hast gewiß im Leben auch schon viel Not gelitten, weil du so gut bist«, sagte er, indem er, ohne sie anzusehen, ein Stückchen wegbrach. –

»Ja, das hab ich. Und ich spür auch jetzt noch oft genug, wie weh der Hunger tut.«

Es war, als blieb ihm der Bissen im Halse stecken.

»Auch jetzt noch?« fragte er endlich. »Wird denn die Arbeit gar so schlecht bezahlt?«

»Mir wird sie gar nicht bezahlt.«

»Was? Du bekommst keinen Tagelohn?«

»Nein; den behält der Aufseher.«

»Der Aufseher?«

»Er ist mein Stiefvater.«

»Dein Stiefvater –« wiederholte er, noch immer ganz gedankenlos vor Erstaunen.

»Ja; mein rechter Vater ist bei der Arbeit verunglückt, als ich noch ganz klein war; abstürzende Erde hat ihn verschüttet. Dann ist die Mutter bei dem Aufseher geblieben, der damals, wie mein Vater, Teichgräber war und mit ihm in Böhmen umherzog.«

»Also aus Böhmen bist du? Darum redst du auch so fremd und hast einen so seltsamen Namen. Ter – ich kann ihn gar nicht nachsagen.«

»Tertschka«, ergänzte sie. »Deutsch heißt es Therese.«

»Hierzulande würden sie dich Resi nennen. – Aber«, fuhr er fort, »wenn dein Stiefvater deinen Lohn behält, so muß er dir doch zu essen geben.«

»Gerade so viel, daß ich nicht verhungere. Du glaubst nicht, wie geizig er ist. Sich selber läßt er's freilich wohl geschehen, und es vergeht fast kein Tag, an dem er sich nicht betrinkt. Aber den andern gönnt er das Wasser nicht, wenn sie es ihm nicht bezahlen, und um ihn her könnt' alles verhungern, eh er aus freien Stücken die Hand auftät'. So muß ich mich mit dem begnügen, was am Herd abfällt, und dabei behält er, wie gesagt, meinen Lohn und obendrein die vierzig Gulden in Silberstücken, die mir meine Mutter hinterlassen hat. Das wäre jedoch alles das Schlimmste nicht. Aber er ist auch ein boshafter Mensch, der mich oft schlägt. Du hast gestern gesehen, wie er mich wegen der Jacke anließ.«

»Ja, das hab ich gesehen.«

»Und so war er auch stets mit meiner Mutter. Ich laß mir's nicht nehmen, daß sie die Schwindsucht, an der sie gestorben ist, von einem Schlage bekam, den er ihr einst im Zorn und Rausch vor die Brust versetzt hat.«

Sie schwieg, in traurige Erinnerungen verloren. Endlich sagte Georg: »Wenn dich dein Stiefvater gar so übel behandelt, warum bleibst du bei ihm?«

»Weil ich weiß, daß er mich nicht fortließe«, antwortete sie nach einer Pause. »Er braucht ein so armes, hilfloses Ding um sich, das er ungestraft quälen und martern kann. Denn er ist im Innersten feig, wenn er auch oft grimmig und wütend wird. – Und wohin sollt' ich gehen?« setzte sie mit einem Seufzer hinzu. »Es ist überall nicht gut in der Welt.« Sie hatte bei diesen Worten wieder ihren Hammer ergriffen; Georg, etwas gestärkt, tat desgleichen, und bald waren sie neuerdings in ihre harte Arbeit vertieft.

So verrann Stunde um Stunde, und die Mittagshitze lagerte sich glühend über Berg und Tal. Weithin regte sich nichts; nur der eintönige Fall der Hämmer war in der Stille zu hören und der Ruf des Spechtes. Von Zeit zu Zeit stimmten die Männer längs der Bahn einen kurzen, rauhen Gesang an.

Plötzlich ertönte der schrille Laut einer Glocke. »Was ist das?« fragte Georg, der sah, daß die andern ihre Werkzeuge hinlegten und auf die Hütte zuschritten.

»Der Aufseher hat zum Essen geläutet«, erwiderte Tertschka.

»Zum Essen –« wiederholte er matt. »Und was gibt es denn bei euch?«

»Heidegrütze und Kartoffeln. Heute wird auch Schweinefleisch sein; denn das haben sie gestern mitgebracht.«

»Es ist schon lange her, daß ich kein Fleisch mehr gegessen habe«, sagte er nachdenklich.

»Iß auch heute keins, du hast das Fieber; es könnte dir schaden. Denn der Aufseher hat kein Gewissen und nimmt dem Metzger in Schottwien die schlechte, verdorbene Ware ab, und da er's bei der Bauleitung durchgesetzt hat, daß jeder, was er zum Leben braucht, bei ihm kaufen muß, so schlägt er alles teuer genug los und hat seinen sündhaften Gewinn dabei. Drum kocht er auch selbst; denn er traut keinem von uns.«

»Er kocht?«

»Ja. Um die Arbeit kümmert er sich wenig und läßt es gehen, wie's geht. Nur zuweilen einmal kommt er nachsehen, und dann flucht und wettert er; freilich am meisten mit solchen, die nicht den Mut haben, etwas zu erwidern.«

»Seltsam; aber mit dem Fleisch hat es bei mir keine Gefahr«, sagte Georg bitter. »Denn da ich kein Geld habe, kann ich mir auch keines kaufen.«

»Je nun, er würde dir schon borgen bis Samstag, wo der Lohn ausbezahlt wird. Aber weh dir, wenn er dich einmal auf der Kreide hat! Nicht allein, daß er dir alles doppelt anrechnet, er zwingt dich auch, mit ihm zu zechen und Karten zu spielen, damit er dich ganz in die Klauen bekommt. Dann siehst du von dem Deinigen keinen Kreuzer mehr und bleibst ihm verfallen wie die arme Seele dem Teufel.«

Er hatte ängstlich zugehört. »Aber wie stell ich es an, bis Samstag zu leben«, sagte er kleinlaut. »Heut ist erst Mittwoch. Wenn ich nichts von ihm auf Borg nehmen darf, so muß ich verhungern.«

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