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Die Stadt des Lebens

Isolde Kurz: Die Stadt des Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Stadt des Lebens
authorIsolde Kurz
yearca. 1905
firstpub1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDie Stadt des Lebens
pages287
created20141201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der mediceische Musenhof

Florenz war die Stadt des Lebens. Hier hat alles geistige Wachstum der Neuzeit in Künsten, Wissenschaften und Erfindungen, jeder kühne und neue Gedanke seinen Ursprung. Unübersehbar ist die Entwicklung, die ein einziges Jahrhundert florentinischen Lebens der Welt gebracht hat – le temps où se fit tout ce qu'a dit l'histoire. Auf den Errungenschaften und Rückerwerbungen jener glorreichen Tage ist das beste unseres heutigen Daseins aufgebaut. In jedem Florentiner lebte damals das Gefühl einer ungeheuren Verpflichtung gegen die Kultur, und die Mediceer, indem sie das Banner des Geistes vorantrugen, thaten nur, was andere vor ihnen gethan hatten, was sich von der herrschenden Familie von selbst verstand. Ihre Stellung hätte es von ihnen gefordert, wären sie nicht schon durch ihr innerstes Bedürfnis dazu getrieben worden.

58 Wenn Lorenzo das Patronat über Künstler und Gelehrte vom Großvater geerbt hatte, so war sein Dichterkreis dagegen an seine eigenste Persönlichkeit gebunden. Neben der wirklichen Welt baute er mit seinen Dichtergenossen sich eine rein ideale, poetische auf, in die sie sich jeden Augenblick aus dem Getümmel flüchten konnten. Denn je mehr die gewaltthätige Zeit diese Menschen in ihre Strudel reißt, desto stärker wird der Drang, von der eisernen Realität sich vorübergehend loszureißen und sich zeitlos in einer geträumten Welt und einer edleren Menschlichkeit zu erholen und zu reinigen. In dieser geträumten Welt werden alle Gegenstände der wirklichen verwandelt oder verkleidet. An den Quellen des toskanischen Hügellandes spielen die Nymphen, jeder Baum hat seine Dryade, und die Gestalten ihrer Dichtungen gehen wie Lebendige zwischen den Freunden hin und her. In dieser Welt, wo Lorenzo nach dem Lorbeer »Lauro« heißt, sind auch die Freunde seinesgleichen, was sie im bürgerlichen Leben trotz seiner liberalen Haltung nicht sein können.

Ihre Poesie ist aus der Freude am Schönen, aus dem Drang nach Spiel und Schein hervorgegangen. Auf eine höchste, ewige Wirkung muß sie verzichten, sie wird noch keinen Betrübten getröstet, keinem Irrenden die Wege gezeigt haben. 59 Es ist ein Künstler-, kein Sehertum, und das Beste davon bleibt immer Gelegenheitspoesie, freilich im edelsten Stile. Sie begleitet die Freunde zum Tanz, zur Jagd, zum Turnier, sie singt Lust und Unlust der Liebe, sie preist die Lebenden und verherrlicht die Toten. Die Verklärung des Augenblicks ist ihr Ziel und Lohn zugleich. Aber es ist die Frage, ob nicht von den einsamen Unsterblichen der eine oder andere einen Teil seines Nachruhms um einen Platz an dieser Tafelrunde hingegeben hätte.

Wenn Lorenzo in diesem hellen Kreise als der Erste glänzt, so ist es nicht, weil er die oberste Gewalt in Händen hielt, sondern weil sein Genius wirklich der stärkste und originellste war. Durch seine Mutter Lucrezia Tornabuoni, die Dichterin geistlicher Gesänge, war das poetische Talent in die Familie gekommen. Von früh auf beschäftigte sich Lorenzos Geist mit den Geheimnissen der Metrik und Sprache, die nicht gelehrt werden, die jedes dichterische Individuum neu entdeckt. Mit siebzehn Jahren schrieb er an seinen Studiengenossen, den jungen Prinzen Federigo von Aragonien, jenen berühmt gewordenen Brief über die italienische Poesie, worin er neben seinen allgemeinen Kunstprinzipien auch den hohen Wert der Muttersprache als poetisches Instrument, im Widerspruch gegen die damals herrschende Mode der Latinität, 60 betont. Sein ganzes späteres Schaffen erscheint als der direkte Ausfluß der in jenem Briefe ausgesprochenen Anschauungen, wie überhaupt die Größe jener außerordentlichen Menschen damit zusammenhing, daß sie sich so schnell und in so gerader Linie entwickelten, ohne auf Zickzackwegen Zeit zu verlieren. Sein ganzes sturmbewegtes Leben hindurch, im Lärm und Zwang der Politik wurde er nicht müde, auf jene heimlichen Stimmen zu horchen, in denen die Harmonie der Dinge selber redet. Seine Poesie ist sein innerstes Erlebnis. Selbst wo er im Banne der Konvention steht, wie in seinen Sonetten, schlägt durch die Künstlichkeit und Monotonie immer ein Blitz des Genius. Aber er hat auch völlig neue Wege betreten, indem er es wagte, die Gegenstände seiner Poesie unmittelbar aus dem täglichen Leben, aus seiner eigenen Umgebung zu nehmen, daher mit Recht von ihm gesagt worden ist, er habe gedichtet, wie die Niederländer malten. Eine ritterliche Falkenjagd mit den Freunden des Hauses, ein derbes, nicht Trink- sondern Saufgelage geben seiner Muse hinreichenden Anstoß. Am wohlsten aber ist ihm in der Schilderung einfacher ländlicher Zustände oder einer nur von Natur- und Fabelwesen belebten Landschaft. Solche Schilderungen wie die des Frühwinters in der »Ambra« sind der beschreibenden Poesie 61 nicht oft gelungen. Dabei ist er der Erste, der die Natur nicht nur als ein mit den Augen geschautes wiedergiebt, sondern sich einfühlt in ihr innerstes Weben. Wundersam nah und modern erscheint uns dieser Sohn des fünfzehnten Jahrhunderts, wenn er sich zum Beispiel in den Zustand des gepfropften Baumes versetzt, der mit einemmal das Rinnen der fremden Säfte in seinem Innern verspürt und mit scheuem Staunen Früchte trägt, die nicht die seinen sind. Ein köstlicher Erdgeruch strömt aus diesen Dichtungen, sie atmen die Stille der in Sonnenglut brütenden Felder, wo der Arno »die blaue Stirn mit Pappeln kränzt«, wo die Bienen summen, wo der Hirt mit seiner Herde vorüberzieht, das neugeborene Schäfchen im Arme tragend, wo im Ulmenschatten das Landvolk beim Klang des Dudelsacks Tänze aufführt. Denn der Dichter Lauro ist der andere Pol des Menschen Lorenzo: wie jener im Drang der Geschäfte und im Glanz der Repräsentation den Alleinbesitz der Herrschaft sucht, so zieht es diesen unwiderstehlich in die Einsamkeit und den Frieden der Natur. »Suche, wer will, den Pomp und laute Ehren,« heißt es in einem seiner Sonette . . . »ein grüner Wiesenplan voll bunter Blumen, ein Bächlein, das den Rasen netzt, ein Vogel, der von Liebe singt, stillen besser unsre Sehnsuchtsgluten.« So gefällt er sich auch darin, 62 das Haus der idealen Geliebten ein wenig dürftig zu sehen, nur von ihren Reizen und Tugenden geschmückt; keine Marmorsäulen noch Prachtsäle mit Gemälden, Mosaiken und Gemmen, kurz nichts von all dem äußeren Glanze, der von dem Menschen Lorenzo unzertrennlich ist, der ihm geradezu seinen historischen Charakter giebt, nimmt der Dichter mit ins Reich der Poesie.

Seiner Muse, die das ganze Leben mit allen seinen Manifestationen umfassen wollte, ist nichts menschliches fremd geblieben. In den Sonetten und den Selve d'Amore, jenem schönen labyrinthischen Zauberwald der Liebe, irrt er umher in klagender Sehnsucht, die um Erhörung fleht und gar keine Erhörung will, denn »Madonna«, die er sucht, ist nicht die wirkliche Madonna Lucrezia Donati mit den schönen weißen Händen, sie ist vielmehr die Liebe selbst, aber nicht die irdische, sondern das Ideal, dem er um so leidenschaftlicher nachgeht, als er mit eisernen Ketten an die Realität geschmiedet ist. In der köstlichen Nencia da Barberino redet er die Sprache des Volkes, das dieser hohe Herr und oberste Gewalthaber wie kaum ein Zweiter kennt. Er übertreibt sogar dessen Naivetät ins Groteske, denn kaum wird je ein toskanischer Bauer seiner Geliebten gesagt haben, daß sie »weiß und zart sei wie ein Ferkelchen«, »schöner als ein Papst«, der Kuß auf 63 ihre Wange »schmackhaft wie Käse«. In der »Falkenjagd« zeichnet er alle die kleinen Abenteuer und Zwischenfälle der Jagdpartie, man sieht die Jagdgenossen, Personen aus des Dichters nächster Umgebung, mit ihren Eigentümlichkeiten, ihrer Mimik und Sprechweise leibhaft vor sich, seinen Schwager Guglielmo, der sich über sein Jagdunglück nicht trösten kann, den Dichter Luigi Pulci mit der großen Nase – und es ist ein Zug seinen dichterischen Taktes, daß der erlauchte Autor sich mit seiner eigenen Person als Beobachtender im Hintergrunde hält. In den Beoni, die die äußere Einkleidung der Göttlichen Komödie parodieren, artet die Derbheit zum Cynismus aus, und in den canti carnascialleschi reißt ihn die Faschingslaune zu den tollsten Anstößigkeiten hin. – Und endlich, wenn alles irdische Wesen einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge gelassen hat, wendet er sich mit derselben Inbrunst, die ihn rastlos in den Selce d'Amore umher treibt, in seinen religiösen Hymnen ans höchste Ideal, ans Göttliche. Er wird wieder der Sohn der Lucrezia Tornabuoni, der müde vom Herrschen und Dienen, vom Denken und vom Genießen in die mütterliche Religionswelt zurückkehrt und der mit der starken Glut seines Innern die Einfalt des ersten Glaubens mit den Früchten der Philosophie zusammenschmelzt. Indes auch 64 dies ist nur eine der raschen Verwandlungen, in denen der Vielgestaltige vorübergehend einen Teil seines Wesens erscheinen läßt. Im nächsten Augenblick steht an Stelle des Dichters, der sein Ich ans Ewige verliert, wieder der Staatsmann mit dem unbeirrbaren, auf die nüchterne Wirklichkeit gerichteten Blick. Die Schnelligkeit, womit die Wandlungen sich vollziehen, sind das Staunen seiner Umgebung.

»Was den Andern als Müh' und drückende Arbeit erscheinet,
Dir ists ein Spiel, und will dir der Geist von Geschäften der Staatskunst
Ruhn, so gehst du und stärkst im Gesang die ermatteten Kräfte.
Glücklich der Geist, o glücklich, der so im Wechsel der Arbeit
Stets sich erneut, der stets jedweder Mühe gewachsen,
Großes vollbringt, das Thun, das mannigfache, verbindend!«

Angelo Poliziano

Angelo Poliziano.
Aus dem Fresko des Domenico Ghirlandajo in Santa Trinita.

Der dieses Zeugnis von ihm ablegt, kannte ihn besser als irgend ein anderer. Es ist sein Freund Angelo Poliziano, den Lorenzo aus dem tiefsten Elend herausgeholt und als Erzieher seiner Söhne in sein glänzendes Haus in der Via larga aufgenommen hatte. Dort schwang 65 sich der arme Jüngling aus Montepulciano, der einen unförmlichen Kopf auf schiefem Halse trug, und dem die Zehen durch das zerrissene Schuhwerk blickten, bald zum Diktator in allen Fragen des litterarischen Geschmacks empor. In der Poesie wurde er Lorenzos zweites Ich. Der Mediceer geht mit seinem impulsiven Temperament voran als der Stärkere, Urwüchsigere, als der Bahnbrecher, Poliziano folgt ihm auf dem Fuße als der Vollender. Auf den ersten Blick erscheinen ihre Musen wie Schwestern. Aber Polizianos Dichtung fließt aus einer völlig anderen Quelle. Er ist ein Formgenie, vielleicht das größte, das je gelebt hat. Während Lorenzo mit dem Ausdruck ringt, um ihn dem dichterischen Gedanken anzupassen und dabei häufig stolpert, ist für Polizian das erste die Form, in die der Inhalt erst hineingegossen wird. Ihm quillt die Inspiration nicht aus der Natur, sondern aus der klassischen Poesie, die das Mark seiner Knochen geworden ist. Aus dieser schöpft er Form und Gegenstand, häufig auch die Bilder, den Tonfall, die Gedanken selbst. Ein Wunder ist, daß er dennoch weder kalt noch leer erscheint. Der Kultus des Griechentums war damals noch keine schulmäßig fortgepflanzte Ueberlieferung, sondern die Religion einer jungen inbrünstigen Gemeinde. Der lateinische Genius hatte sich zum zweitenmal 66 auf seine Weltmission besonnen, die hellenische Kultur über die Erde zu verbreiten, und Polizian war ihr glühendster Missionär. Wenn er auf der Florentiner Hochschule die griechischen Dichter erklärte, so erschien er den von weit her versammelten Hörern wie ein Verzückter, dem das Göttliche sich offenbart, und der Same, der von seinen beredten Lippen fiel, wurde von da nach allen Ländern hinausgetragen. Die Fabel, daß er mit der Laute in der Hand, ein lateinisches Liebeslied an einen schönen Griechenknaben singend, gestorben sei, ist im Grunde nur eine allegorische Umschreibung seines ganzen Wesens.

Die lateinische Sprache war das Instrument, dem Poliziano die wunderbarsten Orgeltöne entlockte, und wirklichen litterarischen Wert wollte er wie Petrarca nur seinen lateinischen Dichtungen zuerkennen. Die Nachwelt hat freilich in beiden Fällen anders geurteilt. Indes war das lateinische damals keine tote Sprache, denn es hatte noch einen unmittelbaren geselligen Zweck zu erfüllen, es war das Staatskleid, das bei jedem feierlichen Anlaß sofort mit dem Alltagsrock vertauscht werden konnte und in dem jeder Gebildete sich völlig ungezwungen bewegte. Ebenso konnte es in der Poesie Dinge ausdrücken, für die das italienische wenig geeignet ist: die feierlich schreitende Elegie und den kurzen wie in Erz gegossenen 67 Spruch. Und wie man das Lateinische festhielt, so suchte man sich des Griechischen zu bemächtigen. Die vornehmen Griechen, die sich nach dem Sturz von Konstantinopel Florenz zur zweiten Heimat wählten, bildeten dort eine ganze Kolonie und trugen viel zur geistigen Physiognomie der Gesellschaft bei. Für jeden Anlaß war Polizian im Stande, ein griechisches Distichon zu improvisieren und, was noch mehr heißen will, seine vornehme Umgebung war im Stand, es zu genießen. Auch die Frauen waren von solchem Genuß nicht ausgeschlossen. Ja noch mehr – ein schönes Mädchen, die Dichterin Alessandra Scala, Tochter des Humanisten Bartolommeo Scala, trat vor dem Mediceerkreise als Elektra auf, denn die griechischen Tragiker wollte man nicht nur lesen, man wollte sie auch aufgeführt sehen, und die Sophokleischen Verse flossen mit so reinem Accent und so edlem Ausdruck von den Lippen des schönen Kindes, daß Polizian sie begeistert in griechischen Distichen begrüßte, und sie, gleichfalls in griechischen Distichen, gab das Kompliment noch artiger zurück. – Jene feinfühlige Zeit hatte noch ein künstlerisches Bedürfnis nach der Seite des sprachlichen Ausdrucks, das nur die klassischen Sprachen mit ihren völlig ausgebildeten Verbalformen und ihrer haarscharfen Präzisierung ganz befriedigen können. Man erwartete von dem 68 Gebildeten, daß sein Geist sich mit gleichem Genuß in einem schönen klassischen Periodenbau ergehe, wie sein Auge in der Säulenhalle des Orcagna oder der Kuppel des Brunelleschi. Der Umgang mit den klassischen Sprachen förderte eine wundervolle Klarheit und Schärfe des Gedankens und einen Stil, neben dem der moderne Stil nur ein verschwommenes Ungefähr ist. Aus den Schriften dieser Alten blickt uns dieselbe geschlossene Kraft entgegen wie aus ihren Gesichtszügen, die sich von den Gesichtern der heute Lebenden so merkwürdig unterscheiden.

Neben der feierlichen Architektur des Latein pflegte man aber mit gleicher Liebe das grüne sprossende Boskett der Muttersprache, denn das dichterische Bedürfnis bewegte sich nach den zwei entgegengesetzten Polen der Poesie: der höchsten Urwüchsigkeit und der äußersten Verfeinerung. Die volkstümlichen Melodieen stimmte zuerst Lorenzo an, aber Polizian mit seinem beweglichen Talent nahm sie alsbald auf, erweiterte, verschönerte, variierte sie. Im Handumdrehen macht auch der fanatische klassische Philologe sich zum toskanischen Landmann und im Nachahmen übertrifft er sein Vorbild. Ein Raphael der Dichtkunst kann er von jedem Meister lernen, ohne sich selbst zu verlieren. Darum wurden auch seine Lieder im Volkston später vielfach mit denen 69 Lorenzos zusammengeworfen und verwechselt. Nur die meisterliche Ciselierung unterscheidet sie, der Geist ist bei beiden der nämliche. Lorenzo mußte die seinen im ersten Wurfe stehen lassen, denn er hatte keine Zeit, sie durchzusehen, der andere, dessen Leben den Studien gewidmet war, konnte feilen und ändern, wie es ihm beliebte. Freilich ist es nicht minder wahr, daß viele von Polizians schönsten Gedichten Improvisationen sind und daß sein Orpheus, das erste italienische Drama, innerhalb weniger Tage entstand.

Um Lorenzo und seinen Musenhof recht zu verstehen, denke man sich in das Florenz jener Tage versetzt. Eine Stadt, wo alles nah beisammen wohnt, wie in einem einzigen großen Familienhaus, elegant aber nicht luxuriös, denn die Schaustellung der ungeheuern privaten Reichtümer bleibt immer für feierliche Anlässe aufgespart, und dann ist es, als ob sie der ganzen Stadt gehörten. Ein großer Teil des Lebens spielt sich im Freien ab. Bei Festen herrscht noch vielfach der alte Brauch, die enge, noch nicht von Wagen befahrene Straße mit Tüchern zu überspannen und sich zwischen teppichbehangenen Häusermauern wie innerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen. Ein in der Academia delle belle arti befindliches Truhengemälde stellt eine solche Hochzeitfeier dar, bei welcher einfach der 70 Platz vor San Giovanni als Festsaal benutzt wird, was die Familienfeier gewissermaßen zu einer öffentlichen macht. Noch ist der Anschein der bürgerlichen Gleichheit festgehalten. Jeder kennt den andern und hat teil an dem, was vorgeht, jedes Talent findet augenblicklich seinen Platz und sein Publikum, und eine feste Tradition von Kultur und Sitte bindet alle zusammen. Es ist ein Treiben und Sprossen auf allen Gebieten des geistigen Lebens, wie es die Welt nur einmal zuvor, in den Blütetagen von Athen, gesehen hat. Die wichtigsten Bauten sind eben vollendet oder noch im Werk. Aus den Bildhauerwerkstätten wandert eine neue Welt von Marmor und Bronze nach den öffentlichen Plätzen, den Kirchen und Hallen, das Volk drängt sich um die neugeschaffenen Gebilde und hat ein sicheres Auge für ihren Wert. Alle Wände füllen sich mit Gemälden, und die bekannten Gesichter, wovon die Bilder wimmeln, erhöhen noch den intimen Reiz dieser Kunst. Auch den Heiligen der Kirche gab man die Züge edler Florentiner und schöner Florentinerinnen, was freilich wenige Jahre später Savonarolas frommen Zorn entflammte. Und wie Ghirlandajo mit seinen Fresken, so schuf Polizian mit seinen lateinischen Epigrammen eine Galerie berühmter Zeitgenossen; Künstler und Dichter beseelte der gleiche hohe Begriff vom 71 Wert des gegenwärtigen Augenblicks. – Ein Drang nach Schönheit hatte die Menschen alle ohne Ausnahme erfaßt, und es herrschte ein Wettstreit, das Vollkommene zu schaffen, wie ihn heute niemand mehr völlig nachfühlen kann. Jedes Gewerbe strebte zur Kunst, und der niedrigste Handwerker hätte sich geschämt, nicht auch an seinem allerkleinsten Teil zur allgemeinen Veredlung des Lebens beizutragen. Auch an dem bescheidensten Gebilde jener Zeit erkennt man noch die tiefe glühende Liebe zur Sache. Das hohe Ansehen des bildenden Künstlers ist eine Errungenschaft jener begeisterten Tage, wofür das Griechentum kein Vorbild geliefert hatte; es schuf ja auch keine Muse für die bildenden Künste. – Jedes Organ war zur höchsten Genußfähigkeit erzogen, kein unschöner oder trivialer Gegenstand sollte das Auge beleidigen oder abstumpfen, und die Gesetze des Schönen, die heute mühsam wieder aufgesucht werden, lebten in der genialen Generation als zweite Natur. Die Umgebung, die geselligen Formen, die Kleidung, der Schmuck, der Tanz, die Waffen, auch Spielereien, Embleme, alles erhielt eine künstlerische Pflege. In der Sprache wurde kein unzulänglicher oder zufälliger Ausdruck geduldet. Von dem ganzen ungeheuren Kulturschatz ist dem verarmten Volk nur diese köstliche Sprache geblieben, in der sich 72 höchste Eleganz mit vollkommenster Natürlichkeit, ja Nonchalance vereinigt; die Freude am treffenden, plastischen, schön ciselierten Wort bewahrt sich der Florentiner bis herab in die niedrigsten Schichten noch heute als sein hochgehaltenes Erbteil. Damals aber war diese Sprache das herrliche Gefäß eines neuen und starken, von allen Seiten mächtig einströmenden Inhalts, denn nun drängten sich alle modernen Wissenschaften gleichzeitig ins Leben – während der Humanismus blühte, bereiteten Paolo Toscanellis Entdeckungen auf Galilei vor. Ebenso wie für die Feinheit der gesprochenen Sprache war das Ohr für jeden Reiz der Verskunst empfänglich und ausgebildet – die Muse des Polizian könnte davon erzählen, wie es ihr später erging, als dieser Geistesfrühling abgeblüht war und ihre rhythmischen Feinheiten und gewollten Unregelmäßigkeiten, die unter keinem Gesetz als dem des Wohlklangs stehen, von den gelehrten, silbenzählenden Editoren verballhornisiert wurden, bis seine Dichtungen nach Jahrhunderten endlich wieder in die Hände eines Dichters, des Carducci, fielen.

Auch die Poesie war jener Zeit eine gesellige Kunst. Von der unzugänglichen spiritualistischen Höhe, in die sie sich verstiegen hatte, holten Lorenzo und seine Freunde sie herunter und stellten sie mitten hinein ins Leben des Tages. Wie 73 Goethe zu seiner Zeit ans deutsche Volkslied, so knüpften sie mit ihrem tiefen Naturgefühl an die rispetti und strambotti an, die noch in allen Gauen Toskanas umgingen, und die Poesie, die sie vom Volke empfingen, gaben sie dem Volke verschönert und vertieft zurück. Sie allein von allen italienischen Dichterschulen kannten und pflegten das echte »Lied«, das Lied, wie wir Deutsche es verstehen. Diese Lieder haben zwar nicht die Tiefe und die Kraft, noch die seelenvolle Schwermut unseres deutschen Volkslieds, übertreffen es aber an Grazie, Schalkhaftigkeit, an liebenswürdiger Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit, es sind die Lieder eines Künstlervolks, das zu spielen weiß und die Dinge nicht allzu tief nimmt. Die Lieder des Magnifico und des Polizian, die der Komponist und Orgelbauer Antonio Squarcialupi und jener berühmte deutsche Musiker Heinrich Isaak, Lorenzos langjähriger Hausgenosse, in Musik setzten, traten augenblicklich in den Kreislauf des florentinischen Lebens ein, es anfeuernd und erregend. Denn es gab damals kein totes geistiges Kapital, dem Leben gehörte alles. Besonders die ballata, das Tanzlied – ja nicht zu verwechseln mit der Ballade nordischen Ursprungs – war geschrieben, um gesungen und getanzt zu werden. Wenn sich am 1. Mai die Blüte der florentinischen Jugend auf der Piazza 74 Santa Trinita zum Tanz versammelte, so schwebte das entzückende Lied des Polizian

Ben venga Maggio
E'l gonfalon selvagio

wie ein Schwarm geflügelter Liebesgötter durch die Lüfte. Jahrhunderte lang hat sich dieses Lied unter der ländlichen Bevölkerung Toskanas lebendig erhalten, als die schöne Sitte des alten Maienfestes längst aus der Stadt Florenz verschwunden war. Dieses Lied, das schönste des Polizian, widerstrebt der Uebersetzung, wie im Grunde jede höchste lyrische Offenbarung, die stets der Genius ihrer Sprache selbst gedichtet hat. Wer wollte »Ueber allen Gipfeln ist Ruh« in ein fremdes Gewand kleiden? Der Sinn läßt sich freilich immer wiedergeben und auch ein gewisser Wohlklang, nicht aber der Eindruck aufs Gemüt, den eine ganz bestimmte Reihenfolge von Vokalen hervorbringt, noch die Nebenvorstellungen, die durch ein bestimmtes Wort geweckt werden. Unter gonfalon ist der aufgepflanzte Maien zu verstehen als das grüne Banner des Lenzes, aber das deutsche Wort drückt nicht zugleich das Schwellende, Wallende aus, das in dem italienischen liegt und gleich den frischen Hauch des Lenzwindes mitbringt.

Die ballata war auf toskanischem Boden 75 seit grauem Altertum einheimisch als glücklich gewahrtes Erbe eines feinhörigen Volkes, das unter freiem Himmel lebt. Da rinnen die drei Schwesterkünste von selbst zusammen: der Vers jauchzt auf im Gesang, und der Gesang entfesselt seine volle Harmonie im Rhythmus leichter jugendlicher Glieder. Lorenzo bemächtigte sich dieser Gattung, die Polizian nach seiner Art aufgriff und zur höchsten Vollendung führte. Häufig wurden die Tanzlieder auch unmittelbar für den Gebrauch des Augenblicks improvisiert.

Bei den Festen, in den Hallen und Gärten der neu entstandenen Paläste kamen die donne gentili und die giovani adorni zusammen und sangen sich unter den Wechselfiguren des Tanzes die Strophen des Polizian und des Medici zu. Es ist wie eine Kulthandlung, an der nur die Eingeweihten sich beteiligen dürfen:

Gott Amor sei in unsres Tanzes Mitte,
Und wer nicht liebt, der wende seine Schritte.

Der Mürrische, der Eifersüchtige, der Gleichgiltige sind aufgefordert, sich zu entfernen. Wie viel geschmeidigen Anstand erwartete man von dem Tänzer, und welch schalkhaftes Spiel konnte er treiben, wenn er in einem Kreise schöner Frauen eine ballata, wie diese, auszuführen hatte: 76

    Kann mir von diesen Frauen Eine sagen,
Was sich mit meinem Herzen zugetragen?

    Von einem schönen Weib ist es entflogen,
Das ihm für Liebe schlechten Lohn gespendet,
Doch auf dem Heimweg ward es abgezogen
Durch neuen Reiz, der völlig mir's entwendet.
Die Liebe hat es ledig heimgesendet,
Von wem nur ließ sich's unterwegs erjagen?

    Gefangen hat es eine edle Fraue
Mit süßen mitleidsvollen Augenstrahlen.
Ich fürchte, daß ich's niemals wieder schaue,
So binden fest die Reize, die es stahlen,
Gerufen hab ich's schon zu tausendmalen,
Bei ihr doch bleibts, bei ihr ist sein Behagen.

    Ihr Frauen, welche mir's von euch genommen,
Sie sei ihm hold und heg' es mit Erbarmen,
Und da es freien Triebs zu ihr gekommen,
Belohne solche Treue sie dem Armen,
Wenn sie es gütig hält im Nest, im warmen,
So wird sichs nie aus ihrer Nähe wagen.

Die ballate waren ein- oder mehrstimmig gesetzt; der durchgehende Reim, an dessen Stelle zuweilen der volle Refrain steht, deutet die wiederkehrende Tanzfigur an. Ihr Inhalt ist sehr 77 mannigfaltig. Meist gaukeln sie auf der anmutigen Grenze zwischen Galanterie und Leidenschaft hin, zuweilen jedoch fallen sie in die ausgelassene Karikatur, indem sie die treulose Kokette verspotten und der Liebe selbst ein Schnippchen schlagen. – Darum setzen sie einen bei aller Eleganz der Form sehr zwanglosen Unterhaltungston voraus. Auch das Volk sang und tanzte sie auf öffentlichen Plätzen und an den Straßenecken, denn mit seinen Versen schlang der Magnifico ein magisches Band zwischen sich und seinem Volke. Auf einem alten Holzschnitt in der frühesten Ausgabe seiner Tanzlieder sieht man dargestellt, wie eine Schar Mädchen ihm mit Gesang und Reigentanz unter den Fenstern seines Palastes Huldigung darbringt; gewiß lebt in diesem Bilde noch eine Erinnerung an die festlich heiteren Tage fort, wo der fürstliche Dichter zugleich der maître de plaisir seines Volkes war.

Eine besondere Abart der ballata schuf Lorenzo in den canti carnascialleschi. Der altflorentinische Fasching, wie er ihn vorfand, scheint ein monotones und plumpes Ding gewesen zu sein: verkleidete Männer zogen truppweise durch die Straßen und äfften mit Gesang und Geberden die zum Maienfest ziehenden Frauen und Mädchen nach. Diese dürftigen Anfänge entwickelte er zu dem glänzenden vielgestaltigen mediceischen 78 Karneval, der in der Kunstgeschichte so berühmt ist, der seinem Schöpfer aber den Vorwurf zugezogen hat, sein Volk mit Vorbedacht entnervt und korrumpiert zu haben. In den Kanzelreden Savonarolas mochten solche Anklagen auch am Platze sein, aber die Nachwelt sollte doch psychologischer urteilen. Sie sollte vor allem mit dem Dichtertemperament rechnen, das selbstherrlich ist und sich nicht zu Nebenzwecken gebrauchen läßt. Wenn der erlauchte Dichter in den canti carnascialleschi seinen frivolen Launen so toll den Zügel schießen ließ, so that er es, weil dieser Zug von Hause aus in seiner Muse lag. Zum Charakter des Florentiners, den Lorenzo in allen seinen Schattierungen repräsentiert, gehört die Freude an der Zweideutigkeit mit; eine Bocaccio-Ader geht durchs ganze Volk. Die Texte, die der Magnifico zu seinen Maskenzügen dichtete, hätten in der Menge keinen so jauchzenden Anklang gefunden, wären sie nicht so echt florentinisch gewesen. Indessen fehlte auch hier die höhere Gattung nicht. Zum »Triumph des Bacchus und der Ariadne« schenkte Lorenzo seinem Volk jenes unvergeßliche dionysische Fest und Jubellied:

Quant' è bella giovinezza

das in seinem stürmischen Schwung so schön die wegfliegende, unwiederbringliche Stunde 79 ausdrückt und durch dessen wehmütig-trotzigen Refrain

Di doman non c' è certezza

schon eine Ahnung von dem nahen Ende dieser ganzen Jugendherrlichkeit zieht.

Um es in seiner ersten Frische zu genießen, müssen wir uns die Stunde zurückrufen, wo es zum erstenmal durch die Straßen erscholl: einen Winternachmittag im alten Florenz, die engen menschenwimmelnden Gassen von einer festlichen Reiterschar erfüllt, den Triumphwagen mit dem dionysischen Paar, das Schwärme von Satyrn und Bacchantinnen umgeben, als Gefolge den wackelnden Silen und Midas, der die langen Ohren hängen läßt, sowie eine Schar musizierender Epheben und nun auf mächtigen Schwingen über alle hinbrausend das Bacchuslied:

    Lebt und liebt in Jugendwonne!
Bald vermodern wir im Grunde.
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Bacchus kommt mit seiner Trauten,
Beide schön und freudesprühend,
Was des Schicksals Wetter brauten,
Immer eins dem andern glühend. 80
Auch die Nymphen jugendblühend
Sind entzückt von Herzensgrunde.
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Diese muntern Faunenrotten,
Um die Nymphen zu bezwingen,
In den Büschen, in den Grotten
Lauern sie mit hundert Schlingen.
Bacchus treibt sie jetzt zum Springen,
Stampfend tanzen sie die Runde.
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Und die Nymphen leidens gerne,
Daß die Satyrn sie erhaschen,
Nur ein Herz vom Guten ferne
Schlüpft dem Amor durch die Maschen.
Jetzt vereint im Takt, im raschen,
Tanzen, wirbeln sie die Runde.
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Wie ein Faß auf Eselsrücken
Schwankt Silen bezecht und munter,
Ob ihn Wanst und Jahre drücken,
Treibts der Alte bunt und bunter,
Fällt er manchmal auch herunter, 81
Lacht er doch aus Herzensgrunde:
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Hinter diesem Trunkenbolde
Zeigt sich Midas von den Kühlen,
Was er anrührt, wird zu Golde,
Doch was hilfts, in Schätzen wühlen!
Kann der Mensch noch Freude fühlen,
Wenn die Zung' ihm klebt im Munde?
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Hör' ein Jeder, was ich sage:
Keiner kümmre sich ums morgen!
Mann und Weib an diesem Tage
Lebe froh und leidgeborgen!
Thut sie ab, die blassen Sorgen!
Tanzt und jubelt in der Runde!
Freue sich wer kann der Stunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.

    Mädchen und verliebte Knaben,
Hoch der Wein und hoch die Liebe!
Laßt uns Lust die Fülle haben!
Gebt das Herz dem süßen Triebe!
Weg die Mühn, die Freudendiebe!
Dem Verhängten schlägt die Stunde. 82
Jubelt heut im Freudenbunde!
Keiner kennt die nächste Sonne.
Lebt und liebt in Jugendwonne!
Bald vermodern wir im Grunde.

An der Ecke der Via larga erreicht die bacchantische Lust, die alles fortreißt, ihren Gipfel, prasselnd fliegen die Fackeln in die Luft und stecken die kahlen Aeste einer Pappel, die vor dem Mediceerpalaste steht, in Brand. Im Frühjahr wird der versengte Baum neue Blätter treiben, und Polizian, der allenthalben mediceische Zeichen und Wunder sieht, wird das Ereignis in einem lateinischen Epigramm feiern. Vor unseren Augen aber ist der Vorhang weggezogen, der damals den Blicken der Freudetrunkenen jenes »Morgen« noch verhüllte. Und wir sehen einen anderen Karneval heranrücken, einen trübseligen, von Mönchen ausgeheckten, der in schauriger Weise den mediceischen Karneval parodieren wird. Ein »Triumphzug des Todes« zieht durch die Straßen, den Festwagen mit Särgen vollgetürmt, die auf ein gegebenes Zeichen sich öffnen, heraussteigen die Gerippe und stimmen nach der Melodie des Bacchusliedes einen Bußgesang an:

Tote sind wir, wie ihr sehet,
Was wir sind, ihr sollt es werden. –

83 Und unter den geistlichen Gesängen, mit denen das erschütterte Volk antwortet, erschallen vielleicht des dahingegangenen Magnifico eigene Lauden, der seinem Volk für jede Stimmung, für den höchsten Jubel, wie die tiefste Zerknirschung die Zunge lieh.

Doch noch einen Augenblick, bevor die Asche darauf niederfällt, halten wir das strahlende Bild der mediceischen Tafelrunde fest. Noch haben wir nicht alle ihre Mitglieder gesehen. Neben dem Dioskurenpaar Lorenzo und Polizian erscheint das scharfumrissene Profil des genialen Spötters Luigi Pulci, des begabtesten unter drei Dichterbrüdern. Wir kennen ihn schon aus der »Falkenjagd«, wo er mit seiner kühnen Nase die Pferde scheu macht und die Sonettenwut ihn abseits treibt, daß er sich zerstreut und dichtend in die Büsche verliert. Er ist der Erfinder des komischen Epos und der Erste, der die Ritterromantik ins Burleske zog. Auch ihm ist die Poesie vor allem ein geselliges Vergnügen, er will mit seinem bizarren Humor sich selber und die Freunde unterhalten. Weshalb er von seinen Landsleuten als Dichter über Lorenzo gestellt wird, gestehe ich, nicht zu wissen. Auch der beste Witz veraltet, während die Poesie unsterblich ist. Der Morgante Maggiore hat seine Zeit gehabt, bis vor den ewig menschlichen Gestalten des Ariost, die gleichwohl 84 ihm ihren Ursprung danken, die Figur des täppischen Riesen verbleichen mußte. Daß Lord Byron an dem Gedichte ein besonderes Gefallen fand und es sogar zu übersetzen versuchte, erklärt sich aus gewissen gemeinsamen Zügen der beiden Dichter. Es ist entschieden etwas verwandtes in der kavalièren Art, wie sie mit Personen und Dingen umspringen, auch in der köstlichen Familiarität ihrer von komischen Einfällen reichen Sprache. Nur daß der Florentiner nicht so gallig ist wie der Brite, weil ihm die menschlichen Unzulänglichkeiten offenbar ein inniges Vergnügen bereiten. Wenn im übrigen Messer Luigis Gedicht nicht mehr so unmittelbar genossen werden kann, so mag sein Schatten sich darüber trösten. An dem freudigen Beifall, den er im Mediceerhause fand, wenn er dort des Abends im Kreis der Madonna Lucrezia die neu entstandenen Gesänge vorlas, hatte er seinen Lohn dahin. Da zündete jeder Witz, und jede geistreiche Anspielung oder komische Erfindung that ihre augenblickliche Wirkung. Die fromme Dichterin nahm auch an den gelegentlich mit unterlaufenden Gottlosigkeiten, die dem Verfasser den Ruf des Atheismus zuzogen – etwas in damaliger Zeit ganz unerhörtes – keinen Anstoß, sondern drängte den Dichter durch ihre eifrige Teilnahme zur Fortsetzung, wogegen freilich 85 Savonarola wenig Jahre später den Morgante des Scheiterhaufens würdig fand. Sie stand zu ihres Sohnes Freunden auf mütterlich vertrautem Fuß, die gute Madonna Lucrezia, – im Gegensatz zu ihrer feudalen römischen Schwiegertochter, die sich nie so ganz in den florentinischen Ton finden konnte, und wenn der Sohn gerade nicht zugänglich oder nicht erreichbar ist, so wenden sich die ewigen Wünsche, Klagen und Bedrängnisse an seine Mutter. Alle schütten ihr das Herz aus, und was etwa zu unbescheiden oder zu kitzlich ist, um es direkt vor Lorenzo zu bringen, das nimmt den Umweg über Frau Lucrezia. Und wozu das Staatsoberhaupt für die Freunde herhalten mußte, ersieht man aus deren Korrespondenzen. »Ich habe ihn ja schon daran gewöhnt, mit mir Geduld zu haben,« schreibt einmal Polizian an Lucrezia, »so oft habe ich ihn angehen müssen, da er sich meine Not zu Herzen genommen hat und sich vorgesetzt, meinen Unstern zu überwinden.« Bald soll er bei der Steuerbehörde vermitteln, bald einem verurteilten Verwandten Begnadigung erwirken, dem ein Amt verschaffen, jenem ein Darlehen verlängern lassen, den Weiberfeind Luigi Pulci soll er gar in den Hafen der Ehe lotsen. Unermüdlich scheint Lorenzos Wohlwollen für die Freunde, seine Nachsicht gegen ihre Eigentümlichkeiten gewesen zu sein. An Polizian, dem 86 unglücklichen, von Madonna Clarice aus dem Hause gejagten Pädagogen, wird er keinen Augenblick irre, sondern findet inmitten der dringenden politischen Gefahren noch Zeit, seine Lebenslage anderweitig zu sichern. Eine anständige Versorgung gab es für die Litteraten nur innerhalb der Kirche, deshalb war es Lorenzos ständige Bemühung, seine Schützlinge mit geistlichen Aemtern und Benefizien auszustatten, und es wurde nicht stark danach gefragt, wie sich das Priestergewand mit ihren sonstigen Gewohnheiten vertrug. Polizian als neugebackener Pievano schildert in einem halb komischen, halb ärgerlichen Schreiben, wie die Zudringlichen, die ihn täglich überlaufen, um sich Sprüche, Embleme, Epigramme u. s. w. zu erbitten, ihm kaum die Zeit lassen, in Eile sein Brevier herunter zu leiern. Leo X. hat nachmals das väterliche Beispiel ins Große getrieben, indem er die litterarischen Hausfreunde stehenden Fußes zu Kardinälen machte, und wenn Polizian lange genug gelebt hätte, um seinen ehemaligen Zögling auf dem päpstlichen Stuhle zu sehen, so wäre ihm der Purpur so wenig entgangen, wie dem Bibbiena oder dem Bembo, die ihre Würde auch nicht ihren Verdiensten um die Kirche dankten.

Ebenso wie Polizian hat auch der unruhige Luigi Pulci immer etwas zu wünschen, zu fordern, 87 zu klagen, bald für sich, bald für seine Brüder, wovon der älteste, Luca, gleichfalls einer der Dichtergenossen, so schlechte Wirtschaft führt, daß er die ganze Familie zu Grunde richtet und – seltsam genug für einen nahen Freund der Medici – sein Leben im Schuldgefängnis beschließt. Dabei bleibt Messer Luigi doch immer der vornehme Mann mit dem sicheren Anstand und einem leisen mephistophelischen Zuge, der den Medici als seinesgleichen behandelt. Und jener kann ihn nicht entbehren, so bunt er es zuweilen treibt. In seinen Briefen an Lorenzo, die noch so frisch sind, als wären sie gestern geschrieben, schäumt der volle Strom des damaligen Lebens. Mit den politischen Informationen, die er liefert, schüttet er ganze Säcke voll Tollheiten aus, und es muß mager zugehen, wenn nicht auch gleich ein paar Sonette mit herausfallen, deren Inhalt aber der persönlichen Beziehungen halber schwer verständlich ist; auch sind viele derselben in der Gaunersprache verfaßt, für die der bizarre Dichter ein eigenes Vocabularium niederschrieb.

Einen Stich ins Gaunerische hat auch seine originelle Prosa, in der die Florentinismen mit den abenteuerlichsten eignen Einfällen abwechseln. Nicht einmal eine Todesnachricht kann er mit ernsthafter Miene geben, sondern da heißt es: »der So und So hat sich ausgestreckt, so lang er 88 war« oder »er ist gegangen das Korn wachsen hören«. Und doch fühlt man unter der launigen Manier die Gewohnheit des ernsten konzentrierten Handelns durch. Sein halbes Leben verbrachte er als politischer Agent Lorenzos, und daß man nicht weiß, welcher Art seine Aufträge waren, spricht am deutlichsten für Messer Luigis Zuverlässigkeit.

Luigi Pulci und Matteo Franco

Luigi Pulci und Matteo Franco.
Zwei Porträts aus dem Ghirlandajo-Fresko von Santa Trinita.

Sein Rivale in der Sonettenkunst, in den witzigen Einfällen und in der Gunst Lorenzos, war der Kaplan Matteo Franco, jener getreue mediceische Hausgeist und Lustige Rat, der später Lorenzos jüngerer Tochter Maddalena in ihr glänzendes römisches Elend folgte, um sie für den Verlust des Vaterhauses zu trösten. Zwischen ihm und Messer Luigi ging die Schlacht mitunter scharf. In ihrem Sonettengeplänkel, das scheinbar nur der geselligen Unterhaltung dienen soll, setzt es blutige Hiebe, die den Getroffenen zur Wut reizen, während ganz Florenz sich an diesem poetischen Hahnenkampf belustigt. Wenn es zu arg wird, so kommen beide Parteien zu Lorenzo und fordern Genugthuung. »Ihr wollt der Welt Eure Güte und Langmut beweisen, indem Ihr diesen Feind der Menschheit über Wasser haltet«, schreibt ihm einmal Matteo Franco, »– oder meint Ihr wohl, Ihr müsset die Freude der Menschen an Eurem Anblick herabdämpfen durch die Gegenwart dieses 89 Greuels? Aber ich will auch ein Schurke werden, wenn das der Weg in Eure Herzkammern ist.« Noch leidenschaftlicher geberdet sich Luigi Pulci, dem der Zorn Fieberanfälle verursacht. Lorenzo aber steht unbeirrt in all dem Aufruhr, er, der glückliche Erfinder der Gleichgewichtspolitik, weiß auch die hadernden Freunde aus einander zu halten und jedem das Seine zu geben.

Sonst aber waren die Sängerwettkämpfe, die im Palazzo Medici ausgefochten wurden, friedlicher Art. Inmitten der Wirren, die auf die Verschwörung der Pazzi folgten, erließ Lorenzo den Aufruf zu einem Sonettenturnier über das Thema: Amor und Fortuna. Drei von der mediceischen Tafelrunde, darunter natürlich Polizian, nahmen den Handschuh auf, indem sie Lorenzos Sonett paraphrasierten und mit Scharfsinn und Schmeichelei kommentierten. Der poetische Wert dieser halbgelehrten Spielereien ist freilich gering, es war dabei offenbar mehr auf eine Gymnastik des Geistes abgesehen, die denselben in der qualvollen Seelenspannung frisch und beweglich halten sollte. Höchst reizvoll und originell muß dagegen das cantare improvviso gewesen sein, das im Mediceerkreis im Schwange war, und überhaupt, wie es scheint, zur eleganten Erziehung mit gehörte. Nach der Abendmahlzeit, wenn die Geister der philosophischen Debatten müde waren, griff 90 man zu den Musikinstrumenten und zog singend und schwärmend in die sternenhellen Straßen hinaus, der Medici selbst samt Polizian und den anderen Freunden, unter denen der heitere Baccio Ugolini, der Liebling des mediceischen Kreises, als Improvisator den größten Ruf genoß. Auch jener Cardiere, der nach Lorenzos Tod die unglückverkündende Geistererscheinung hatte, gehörte zur Gesellschaft. Es wurden Serenaden vor den Fenstern schöner Damen gebracht, wobei das musikliebende Volk sich zutraulich unter die vornehmen Sänger mischte. Die Texte der Lieder waren ein Erzeugnis des Augenblicks, und ein jeder mußte bereit sein, einem jeden sofort in der angeschlagenen Tonart Antwort zu geben. Das cantare improvviso war noch lange danach eine Lieblingsunterhaltung der Florentiner. Aus dem Benvenuto Cellini kennen wir jenen gewandten Improvisator, dem der einsame Michelangelo des Abends durch alle Straßen und in alle Kneipen nachging, um ihn zu hören. – Lorenzo selbst war ein Meister in dieser Kunst: als er sich zur Badekur in Poretta aufhielt, erschien Baccio Ugolini unerwartet daselbst, um ihm Gesellschaft zu leisten, und es war ein Fest für die ganze Umgebung, wenn die beiden des Abends gegen einander im Stegreif sangen. Auch sein Sohn Piero erbte das Talent; Polizian war nicht wenig stolz auf seinen 91 Schüler, als der Jüngling ihn eines Abends mit einer Schar anderer Improvisatoren in seinem Hause überfiel und dem poetischen Fechtmeister mit seinen »Motti« und seinem »rimbeccare« so wacker zu Leibe ging, daß dieser in ihm das väterliche Genie zu erkennen glaubte. Die »Motti« waren wie die Tyroler »Schnadahüpfln«, nur in unendlich verfeinerter Form, irgend eine allgemeine Sentenz mit persönlicher Anwendung, das »rimbeccare« die Erwiderung hierauf, welche den Angriff des Gegners gleichfalls durch eine Sentenz aufnehmen und zurückweisen mußte. Großen Wert legte man auf das Improvisieren, als auf eine Schule des Witzes und der Schlagfertigkeit, wodurch die jungen Leute geübt wurden, alle persönlichen Gaben zur augenblicklichen Verfügung zu haben. Wie man auf der Straße nicht ungewaffnet ging, mußte man auch im Gespräch immer auf der Parade liegen, denn eine scharfe Zunge war von je Spezialität der Florentiner. Ohne ein Quentchen Salz gefielen auch die Frauen nicht; wenn Lorenzo de' Medici die Reize der idealen Geliebten schildert, vergißt er nicht das dolcemente mordere.

Versteht sich, daß die Stegreifdichtungen bisweilen auch ernsten Inhalt hatten und einem feierlichen Anlaß dienten. Bei Lorenzos Rückkehr von seiner halsbrecherischen 92 neapolitanischen Reise, als Polizian sich durch die jubelnde Volksmenge nicht bis zu dem Ankömmling durchdrängen konnte, ging er hin und dichtete stehenden Fußes die schönen lateinischen Distichen, in denen die mächtige Erregung des Augenblicks nachzittert:

O wie wünscht ich die Hand des Heimgekehrten zu drücken!
Und dem Frohen wie froh hätt' ich Willkommen gesagt!
Doch kaum fassen des Volkes Gewühl die geräumigen Hallen,
Von der Begrüßenden Schwall zittert das mächtige Haus.
Rings umdrängt ihn die Schar der purpurtragenden Väter,
Er ob allen erhöht steht mit der ragenden Stirn.
Was nur beginn' ich? Tret' ich hinzu? Mich hindert die Menge.
Red' ich ihn an? Es erstirbt zagend im Munde das Wort.
Nur ihn zu sehn ist vergönnt, der hoch ob Allen emporragt,
Dieses alleinige Recht läßt mir der neidische Schwarm.
Wie von erhabener Stirn sich Glanz der Hoheit verbreitet, 93
Wie sich vom göttlichen Mund strahlende Helle ergießt!
Freudig erglänzt sein Gesicht; mit Hand und winkendem Haupte
Giebt er, mit Augen und Mund, freudige Grüße zurück.
Nichts vermag ich. Und doch den schuldigen Dienst zu verrichten,
Drängt der Sitte Geheiß, drängt mich des Herzens Begehr.
Geht, ihr Verse, und sagt's dem Mediceer, dem teuren,
Diesen geflügelten Gruß sendet dein Angelus dir.

Wie Lorenzo sich überall persönlich einsetzte, wo es galt, den Freunden zu nützen, so konnte er auch auf sie zählen, wie auf lauter Wiederholungen seines Ichs. Die Leidenschaft, womit sie an ihm hängen, hat etwas vom Ungestüm der Liebenden an sich. Ist Lorenzo fern, so scheint der ganzen Gesellschaft der Lebensnerv zu fehlen, kaum daß es sich verlohnt, einen guten Einfall zu haben, den er nicht hört. Einzige Stellung eines Protektors, von dem zugleich jede materielle Wohlfahrt und alle geistige Anregung ausgeht. »Welchem Himmelslicht,« redet ihn einmal Polizian in seinen lateinischen Versen an, »hast du den Glanz deiner Augen entwendet? Wenn du die geliebten Lichter 94 auf mich wendest, so fühle ich alle Wonnen vereint in meiner Brust. Leicht sind mir dann die Musen zu Willen, und heller strahlt mir das Tagesgestirn. Aber wenn du die geliebten Lichter abwendest, so versagen sich mir die Musen, und die Sonne verdunkelt ihr Licht. Warum wendest du sie ab, Lorenzo? Gieb, o gieb, ich flehe dir, meinen Augen das Licht, gieb mir die Freuden wieder, die du Neidischer mir genommen hast – aber schnell!«

Das ist nicht die Sprache höfischer Unterthänigkeit, wie sie etwa ein Tasso gegen den fürstlichen Gönner führt; wie kalt, wie künstlich und verschnörkelt sind dessen poetische Huldigungen an den Estenser! Freilich fehlte es der Muse des Polizian an Stolz, und niemand kann bestreiten, daß sein Charakter seinem Genie nicht ebenbürtig war. Wenn man sieht, wie er in die lateinischen Stilübungen, die er dem jungen Piero diktierte, neben allerlei Neuigkeiten und Stadtklatsch auch seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit einfließen ließ, um an dem Knaben gelegentlich einen Fürsprecher zu haben, oder ihn für die Zeit seines Mündigseins auf die Erwartungen und Ansprüche des Lehrers vorzubereiten, so wird man sogar geneigt, die Maßregel der Madonna Clarice, als sie den Pädagogen eines Tages in Lorenzos Abwesenheit vor die Thür setzte, in minder grellem 95 Lichte zu sehen, denn man begreift, daß der moralische Einfluß seiner Erziehung kein glänzender sein konnte. Aber was Polizian an den Mediceer band, das war neben der Dankbarkeit für den Mann, der ihn dem Elend entrissen hatte, doch vor allem die glühende Verehrung für das stärkere Dichtertemperament, das dem seinigen zur Anlehnung diente. Der Haltlose bedurfte seines Lauro, seines Lorbeers, an dessen Stamm er sich emporrankte, in dessen würzigem schmucklosen Laub er die ganze Pracht der eigenen überreichen Wunderblüten entfalten konnte. Lorenzo und sein Haus sind der ewige und beste Inhalt der Polizian'schen Poesie – der beste, weil der am tiefsten empfundene. Es liegt etwas frauenhaft anschmiegendes in diesem Dichternaturell und seiner Begeisterung für den mächtigen Freund.

Mit gleicher Zärtlichkeit, aber in männlicheren Tönen, äußert Luigi Pulci seine Liebe zu Lorenzo. Schon seine Herkunft aus einem altadeligen, wenn auch verarmten Geschlecht und seine höheren Jahre, weisen ihm eine selbständigere Stellung an. »Du bist und bleibst ein guter Junge und mein Lauro«, schreibt er mit einer kameradschaftlichen Vertraulichkeit, die Schreiber wie Adressaten ehrt. Noch um eine Färbung leichter und intimer ist freilich der Ton gegen Giuliano, auf den das Prädikat eines »guten Jungen« auch 96 augenscheinlich besser paßt. Auch für Luigi Pulci ist das höchste Glück Lorenzos Gegenwart. »Mein Los ist, dich zu lieben und wenig in deiner Nähe zu sein«, klagt er das eine Mal, und das andere Mal ruft er in einem wahren Verzweiflungshumor: »Wenn du mich vergäßest, würde ich mich selbst vergessen!« – Daß auch er gelegentlich in des Freundes litterarische Fußstapfen trat, indem er die Nencia da Barberino durch die noch handgreiflichere Beca da Dicomano überbot, ist ihm als Servilismus gegen den erlauchten Autor ausgelegt worden. Aber die Nencia ist dem Pulci so aus dem Herzen geschrieben, daß es vielmehr zu verwundern wäre, wenn er diese Tonart nicht aufgenommen und fortgeführt hätte. Auch läßt sich bei so engem litterarischen Verkehr das Mein und Dein nicht ohne weiteres durch Prioritätsrecht sondern.

Einer lebte in diesem Kreis, der die anderen alle überglänzte, und der dem Medici auch im Leben als Gleicher gegenüber stand: Giovanni Pico Graf von Mirandola. Seine Stellung als jüngerer Bruder des regierenden Herrn von Mirandola und seine hinreißenden persönlichen Eigenschaften schienen ihn auf eine glänzende Rolle im öffentlichen Leben hinzuweisen, ein innerer Zwang aber zog ihn unwiderstehlich zu den schwersten geistigen Problemen. An ihm ist wie an so vielen seiner 97 großen Zeitgenossen vor allem die Stärke des Instinkts zu bewundern, die ihn schon als Knaben auf die ihm gemäße Bahn führte. Mit vierzehn Jahren hatte das fürstliche Wunderkind sich nach Bologna begeben, um Rechtswissenschaft zu studieren, und von dort trieb es ihn rastlos auf italienischen und französischen Universitäten umher, wo er sich der Reihe nach philosophischen, theologischen, linguistischen und litterarischen Studien widmete; ein phänomenales Gedächtnis unterstützte diesen unersättlichen Wissensdrang. So trat er denn, als kaum Erwachsener, wie Marsilio Ficino, der Platoniker, wie Polizian, der Dichter-Philologe, völlig fertig auf den Plan. Als er zwanzigjährig in Florenz erschien, hatte er schon einen leisen Anflug von Weltmüdigkeit, der ihn aber doch nicht hinderte, sich in einen romantischen und halsbrecherischen Liebeshandel zu verstricken, aus dem er eben noch mit heiler Haut entkam. Ganz Florenz begeisterte sich für den fürstlichen Jüngling, der im höchsten Grad die Gabe der Anziehung besaß. Nicht einmal Savonarola konnte ihm widerstehen. Schon sein Aeußeres bezauberte. Er war schön und stattlich gewachsen, vom edelsten Gesichtsschnitt; mit heller Haut und weißen Zähnen, und in seinen Mienen schien nach Polizians Zeugnis »etwas Göttliches zu leuchten«. Aber dieses Licht brannte 98 so stark, daß feinfühlige Naturen sich dabei eines leisen Bangens nicht erwehren konnten. Alles an ihm erschien bedeutungsvoll und wie vorher bestimmt. Marsilio Ficino, der griechische Weise, sah in seinem ersten Zusammentreffen mit dem jugendlichen Pico lauter Wunderzeichen. Pico, dem man oft eine abstruse Vielwisserei vorwirft, war weit entfernt, sich die fertigen Disziplinen um ihrer selbst willen anzueignen, er suchte nur die weitesten und freiesten Standpunkte, um von da aus die Grundlinien einer neuen Weltanschauung zu ziehen. Was keinem der Gelehrten von Profession damals einfiel, das schwebte dem jungen Fürstensohn als das Ziel vor, dem er seine kurze Lebensfrist widmete: er wollte alle je dagewesenen philosophischen Systeme und Religionen ergründen und sie zu einer großen, im Christentum gipfelnden Einheit zusammenfassen. Mitten in dem Streit zwischen scholastischer und humanistischer Bildung schob er seine Grenzen weit über die feindlichen Lager hinaus in eine Ferne, die den Zeitgenossen Schwindel erregen mußte. Daß das Christentum und der Platonismus wesentlich eins seien und bestimmt, einander zu ergänzen, war der Grundgedanke der platonischen Schule von Florenz; Pico ging viel weiter, indem er aus jeder abgedorrten Gedankensaat den lebendigen Keim retten, in allen geistigen Mächten, die jemals wirksam waren, die 99 Grundidentität nachweisen wollte. Er hatte sich der orientalischen Sprachen bemächtigt, um auch Talmud und Kabbala in den Bereich seiner Forschung zu ziehen, und angethan mit dem gewaltigen Rüstzeug seines Wissens, unternahm er es, griechische Philosophie, jüdische Geheimlehre und die Mythen aller Völker mit dem Kirchenglauben unter einen Hut zu bringen, indem er das widerstrebende durch allegorische Deutung und das unbekannte durch Analogie erklären wollte. Er reiste nach Rom und erbot sich, ein philosophischer Don Quixote, in neunhundert kühnen Thesen de omni re scibile die Wahrheit seiner Meinungen gegen jedermann öffentlich zu verteidigen. Seine Absicht sollte ihm aber schlecht bekommen: in Rom zog sich ein Gewitter über seinem Haupte zusammen. Der Papst verbot nicht nur die Disputation, sondern setzte auch das Buch, das die berühmten neunhundert Thesen enthielt, auf den Index, und der Verfasser selbst entging nur mit knapper Not einem Ketzergericht. Der energischen Verwendung Lorenzos gelang es zwar, den Uebelangekommenen vor persönlicher Verfolgung zu schützen, die Rücknahme der über Picos Werk verhängten Maßregel konnte er aber, trotz der eben geschlossenen Familienverbindung, bei Innocenz nicht erwirken. Und Pico, seines guten Willens bewußt, doch ohne die Möglichkeit, 100 ihn kurzsichtigeren Geistern zu beweisen, erschrocken vor dem Feuer, das er entfacht hatte, und zu zart, um solchen Stürmen Widerstand zu leisten, zog sich melancholisch in die Einsamkeit der Villa Querceta bei Florenz zurück, die ihm als eine Art Verbannungsort angewiesen war. Daß er seine Liebeslieder verbrannte, ist vielleicht, trotz Polizians Bedauern, für die Poesie kein Schade, denn Pico war eine wissenschaftliche, keine künstlerische Natur. Ein frühzeitiger tiefer Ernst war über den Jüngling gekommen, der indessen trotz der Anfeindungen in seinen theologisch-philosophischen Arbeiten fortfuhr. Lorenzo und der engere Freundeskreis blieben ihm treu, und es gehört zu den schönsten Zügen des Mediceers, wie er sich mit einer Leidenschaft, die keine Scheu kannte, für den mißhandelten Freund einsetzte. Man möge sich hüten, schrieb er nach Rom, einen Mann von solchen Gaben zur Verzweiflung zu treiben, damit er sich nicht am Ende zu einem auffallenden Schritt gegen S. Heiligkeit hinreißen lasse. »Zwar ich persönlich,« heißt es in dem nachdrücklichen Schreiben weiter, »würde wenig dabei verlieren, denn welchen Weg er auch gehe, mir wird er immer zugethan bleiben, wie ich ihm.«

Indessen darf man nach dieser kühnen Sprache nicht etwa erwarten, den Schreiber oder seinen Schützling sich in einen Kampf gegen das System, dessen Ausfluß diese Verfolgungen waren, 101 verwickeln zu sehen. Es lag im Charakter jener Menschen und ihrer Zeit, sich nur mit den Persönlichkeiten zu befassen und die geistigen Widersprüche ruhig neben einander liegen zu lassen. Derselbe Mäcen, der an der Spitze jedes geistigen Fortschritts stand und dem Pico seine die Kurie so tief verstimmende »Apologie« widmen könnte, nahm auch von einem Vallombrosaner Mönch die Widmung seiner »Wunder des hl. Gualbertus«, einer von den wüstesten Teufelsgeschichten strotzenden Schrift, huldvoll entgegen.

Mit Lorenzos Tode verlor Pico seinen besten Halt, und der Anlehnungsbedürftige klammerte sich an einen Engeren und Stärkeren als er selber war, an Lorenzos großen Gegner Savonarola. Auch dieser Widerspruch darf nicht befremden, hatte ja der sterbende Lorenzo selbst, ohne von seinem Wesen das geringste aufzugeben, sich noch mit dieser Gewissensmacht auseinanderzusetzen gesucht.

Ein Mönch ist Pico nie geworden. Auch in der Askese behielt er die liebenswürdigen Formen und die Duldsamkeit des Weltmanns, sowie einen Teil des äußeren Glanzes bei. Mit Marsilio Ficino und Polizian blieb er in engem Verkehr bis zuletzt und verwandte seine großen Einkünfte teils zum Büchersammeln, teils zu wohlthätigen Stiftungen. Eine prophetische Frau hatte einst bei seinem Anblick geäußert, er werde um die 102 Zeit der Lilien sterben. Am Tag, wo Karl VIII. in Florenz einzog, dem »Tag der Lilien«, wie die Florentiner sagten, verschied Pico, zweiunddreißigjährig, in den Armen Savonarolas. Im Kloster San Marco wurde er im weißen Dominikanerhabit, das er lebend niemals hatte anlegen wollen, begraben, wenige Schritte von der Stelle, wo zwei Monate früher Polizian gleichfalls in der Dominikanerkutte beigesetzt worden war. Fünfzig Jahre später sollte die kleine stille Kolonie im Kloster San Marco noch einen weiteren Zuwachs erhalten, da der letzte von dem mediceischen Dichterkreis, Girolamo Benivieni, neunundachtzigjährig, sich zu seinem Pico, mit dem er lebend unzertrennlich vereint gewesen, ins gleiche Grab betten ließ.

Pico von Mirandola ist ein merkwürdiges Beispiel dafür, daß das geistige Temperament dem physischen nicht immer zu entsprechen braucht. An seiner Persönlichkeit ist alles Feuer und quellendes Leben, aber der Boden seines Geistes trägt viel dürres Holz. Seine Zeit freilich dachte darüber anders; selbst der sonst nicht allzubescheidene Polizian lehnte den Vergleich mit Pico ab, als zu hoch für ihn. Er ahnte nicht, daß von jenem dereinst dicke Bände voll unfruchtbarer Gelehrsamkeit unberührt in den Bibliotheken verstauben würden, während an seinen eigenen Versen noch späte Jahrhunderte sich berauschen. Und doch lag 103 Picos Wollen ein großer und tiefer Zug zu Grunde, worin er seine Zeitgenossen weit überflügelte. Er ahnte die Umrisse einer künftigen, Auf- und Niedergang umfassenden Weltkultur; und er fühlte, er allein von allen, unter der Vielheit der Erscheinungen die Einheit aller Dinge. Aber es waren verfrühte Gedanken, die er in keine Formel zu bringen vermochte, weil seiner Zeit die Mittel dazu fehlten, ähnlich wie Leonardo sich mit Erfindungen trug, für die Physik und Mechanik nicht reif waren. So steht er als einsamer Sonderling in der Kulturgeschichte. Mehr aus der begeisterten Liebe und Anhänglichkeit seiner Freunde, als aus dem, was von ihm übrig ist, lassen sich die bezaubernden Züge seiner Persönlichkeit erkennen.

Das gleiche Jahr sah neben Pico von Mirandola und Polizian auch den heiteren geselligen Baccio Ugolini sterben – alle drei in der Blüte der Jahre. Luigi Pulci war schon früher gegangen, »das Korn wachsen hören«, man weiß nicht wann und wie. Der ganze mediceische Dichterfrühling war bestimmt, in ein vorzeitiges Grab zu sinken. Lorenzo selbst eröffnete den Reigen. Von der Lebenszähigkeit seiner Ahnen war nichts auf ihn übergegangen. Der schmerzliche Zwiespalt eines Geistes, der sich auf der Höhe der ewigen Ideen halten möchte, und doch 104 zugleich in den traurigen Winkelzügen weltlicher Klugheit heimisch sein muß, die Zersplitterung eines Menschen, den die Natur zum Dichter und Seher gemacht hat, den Geburt und Verhältnisse aber, sowie der eigene Wille mit der Regierung belasten, mit einer Regierung, die um so mehr Geistesaufwand erfordert, als sie keine formell anerkannte, sondern nur eine durch die Thatsache sich erweisende, täglich neu zu erringende und zu bekräftigende ist – diese unerhörte Doppelexistenz verzehrte schnell die Kräfte. Der tödliche Ueberdruß am Leben, das Suchen nach dem »höchsten Gut« in den Lauden, das sich in eine fast Schopenhauerische Sprache kleidet, was ist es anders, als der Schrei der Seele nach dem Ideal?

Der Durst, der stets uns quält, ist nicht zu stillen
Aus dieses, jenes Bächleins Murmelfluten,
Er brennt und wächst im trüben irdischen Willen.
Der Quell nur, der lebendige, löscht die Gluten.
Kann ich den ewigen Lebensquell erreichen,
Dann werd' ich trinken, und der Durst wird weichen.

Ist es möglich, diese Töne für bloße artistische Versuche nach der religiösen Seite zu nehmen? – Als sein Leben zur Neige ging, dichtete er noch das Schauspiel San Giovanni e Paolo, das 105 gewissermaßen als sein politisches Testament zu betrachten ist. Es wurde für die Brüderschaft von San Giovanni geschrieben, und Lorenzos eigene Söhne traten darin auf. In diesem Stück, das von Todestraurigkeit durchweht ist, haben sich ganz im Gegensatz zu seinen übrigen Dichtungen, die nur den Menschen Lorenzo spiegeln, die Prinzipien und Erfahrungen des Herrschers niedergeschlagen. Die Lehren, die der scheidende Constantin seinen Söhnen hinterläßt, sind augenscheinlich auf Piero gemünzt, und mit ähnlichen Gedanken, wie der Held des Stückes, mochte damals der Dichter selbst auf den Erben seiner Herrschgewalt blicken:

Ihr werdet's fühlen, wie viel Not und Schmerzen
Die Herrschaft bringt, die euch so sehr am Herzen.

Solche Stimmen, wie sie Constantin II. nach dem Tode seiner Brüder zu hören bekommt, mußten einst nach der blutigen Katastrophe im Dom von Florenz auch in Lorenzos Ohren und vielleicht in seiner Seele geklungen haben:

Weiß Einer, was ihm frommt? Wie oft hienieden
Hat zwischen Brüdern Zwiespalt sich entzündet!
Vielleicht beweinst du deines Vaters Söhne,
Damit, was Vieler war, dich Einen kröne. 106

Denn was der Mensch niemals gestehen würde, der Dichter ist gezwungen, es aller Mit- und Nachwelt auszusprechen.

Lorenzos Tod war die Sonnenwende der italienischen Renaissance. Wohl reiften noch die herrlichsten Werke in den Hochsommergluten, aber sie atmen nicht mehr die frohe Zuversicht des steigenden Jahres. Aus der Stadt des Lebens, wo jetzt die Askese ihre Geißel schwang, mußten die Künste fliehen, um sich schnell auf römischem Boden ins Ungeheure zu steigern und dann zu verzerren. Am schlimmsten fuhr, wie begreiflich, die Dichtkunst, die nicht so leicht, wie ihre Schwesterkünste, sagen kann: Ubi bene ibi patria. Von ihrem toskanischen Nährboden losgerissen, verlor sie den direkten Zusammenhang mit der Natur und sonderte sich mehr und mehr ab von der gesprochenen Sprache. Die italienische Poesie mußte es lernen, im höfischen Schnürleib und Reifrock zu gehen, und sie hat ihr weißes ländliches Jugendgewand, in dem Lorenzo de' Medici sie zum Tanze führte, niemals wieder gefunden.

 

 

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