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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Fünfter Akt

Erste Szene

Auf dem Wege nach Armentieres.

Wesener (der ausruht). Nein, keine Post nehm ich nicht, und sollt' ich hier liegen bleiben. Mein armes Kind hat mich genug gekostet, eh' sie zu der Gräfin kam, das mußte immer die Staatsdame gemacht sein, und Bruder und Schwester sollen's ihr nicht vorzuwerfen haben. Mein Handel hat auch nun schon zwei Jahr' gelegen – wer weiß, was Desportes mit ihr tut, was er mit uns allen tut – denn bei ihm ist sie doch gewiß. Man muß Gott vertrauen – (Bleibt in tiefen Gedanken.)

Zweite Szene

Marie (auf einem andern Wege nach Armentieres unter einem Baum ruhend, zieht ein Stück trockenes Brot aus der Tasche). Ich habe immer geglaubt, daß man von Brot und Wasser allein leben könnte. (Nagt daran.) O hätt' ich nur einen Tropfen von dem Wein, den ich so oft aus dem Fenster geworfen – womit ich mir in der Hitze die Hände wusch – (Kontorsionen.) O das quält – – nun ein Bettelmensch – (Sieht das Stück Brot an.) Ich kann's nicht essen, Gott weiß es. Besser verhungern. (Wirft das Stück Brot hin, und rafft sich auf.) Ich will kriechen, so weit ich komme, und fall ich um, desto besser.

Dritte Szene

In Armentieres.

Marys Wohnung.

Mary und Desportes sitzen beide ausgekleidet an einem kleinen gedeckten Tisch. Stolzius nimmt Servietten aus.

Desportes. Wie ich dir sage, es ist eine Hure vom Anfang an gewesen, und sie ist mir nur darum gut gewesen, weil ich ihr Präsente machte. Ich bin ja durch sie in Schulden gekommen, daß es erstaunend war, sie hätte mich um Haus und Hof gebracht, hätt' ich das Spiel länger getrieben. Kurzum, Herr Bruder, eh' ich's mich versehe, krieg ich einen Brief von dem Mädel, sie will zu mir kommen nach Philippeville. Nun stell dir das Spektakel vor, wenn mein Vater die hätte zu sehen gekriegt. (Stolzius wechselt einmal ums andere die Servietten um, um Gelegenheit zu haben, länger im Zimmer zu bleiben.) Was zu tun, ich schreib meinem Jäger, er soll sie empfangen, und ihr so lange Stubenarrest auf meinem Zimmer ankündigen, bis ich selber wieder nach Philippeville zurückkäme, und sie heimlich zum Regiment abholte. Denn sobald mein Vater sie zu sehen kriegte, wäre sie des Todes. Nun mein Jäger ist ein starker robuster Kerl, die Zeit wird ihnen schon lang werden auf einer Stube allein. Was der nun aus ihr macht, will ich abwarten, (lacht höhnisch) ich hab ihm unter der Hand zu verstehen gegeben, daß es mir nicht zuwider sein würde.

Mary. Hör, Desportes, das ist doch malhonett.

Desportes. Was malhonett, was willst du – Ist sie nicht versorgt genug, wenn mein Jäger sie heuratet? Und für so eine –

Mary. Sie war doch sehr gut angeschrieben bei der Gräfin. Und hol mich der Teufel, Bruder, ich hätte sie geheuratet, wenn mir nicht der junge Graf in die Quer' gekommen wäre, denn der war auch verflucht gut bei ihr angeschrieben.

Desportes. Da hättest du ein schön Sauleder an den Hals bekommen.

(Stolzius geht heraus.)

Mary (ruft ihm nach). Macht, daß der Herr seine Weinsuppe bald bekommt – Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Mensch mit ihr bekannt ward, ich glaube gar, sie wollte mich eifersüchtig machen, denn ich hatte eben ein paar Tage her mit ihr gemault. Das hätt' alles noch nichts zu sagen gehabt, aber einmal kam ich hin, es war in den heißesten Hundstagen, und sie hatte eben wegen der Hitze nur ein dünnes, dünnes Röckchen von Nesseltuch an, durch das ihre schönen Beine durchschienen. Sooft sie durchs Zimmer ging, und das Röckchen ihr so nachflatterte – hör, ich hätte die Seligkeit drum geben mögen, die Nacht bei ihr zu schlafen. Nun stell dir vor, zu allem Unglück muß den Tag der Graf hinkommen, nun kennst du des Mädels Eitelkeit. Sie tat wie unsinnig mit ihm, ob nun mich zu schagrinieren, oder weil solche Mädchens gleich nicht wissen, woran sie sind, wenn ein Herr von hohem Stande sich herabläßt, Ihnen ein freundlich Gesicht zu weisen. (Stolzius kommt herein, trägt vor Desportes auf, und stellt sich totenbleich hinter seinen Stuhl.) Mir ging's wie dem überglühenden Eisen, das auf einmal kalt wie Eis wird. (Desportes schlingt die Suppe begierig in sich.) Aller Appetit zu ihr verging mir. Von der Zeit an hab ich ihr nie wieder recht gut werden können. Zwar wie ich hörte, daß sie von der Gräfin weggelaufen sei.

Desportes (im Essen). Was reden wir weiter von dem Knochen? Ich will dir sagen, Herr Bruder, du tust mir einen Gefallen, wenn du mir ihrer nicht mehr erwähnst. Es ennuyiert mich, wenn ich an sie denken soll. (Schiebt die Schale weg.)

Stolzius (hinter dem Stuhl, mit verzerrtem Gesicht). Wirklich?

(Beide sehen ihn an voll Verwunderung.)

Desportes (hält sich die Brust). Ich kriege Stiche – Aye! –

Mary (steif den Blick auf Stolzius geheftet, ohne ein Wort zu sagen).

Desportes (wirft sich in einen Lehnstuhl). – Aye! – (mit Kontorsionen.) Mary! –

Stolzius (springt hinzu, faßt ihn an die Ohren, und heftet sein Gesicht auf das seinige. Mit fürchterlicher Stimme). Marie! – Marie! – Marie!

(Mary zieht den Degen, und will ihn durchbohren.)

Stolzius (kehrt sich kaltblütig um, und faßt ihm in den Degen).Geben Sie sich keine Mühe, es ist schon geschehen. Ich sterbe vergnügt, da ich den mitnehmen kann.

Mary (läßt ihm den Degen in der Hand, und läuft heraus). Hülfe! – Hülfe! –

Desportes. Ich bin vergiftet.

Stolzius. Ja, Verräter, das bist du – und ich bin Stolzius, dessen Braut du zur Hure machtest. Sie war meine Braut. Wenn ihr nicht leben könnt, ohne Frauenzimmer unglücklich zu machen, warum wendet ihr euch an die, die euch nicht widerstehen können, die euch aufs erst Wort glauben. – Du bist gerochen, meine Marie! Gott kann mich nicht verdammen. (Sinkt nieder.)

Desportes. Hülfe! (Nach einigen Verzuckungen stirbt er gleichfalls)

Vierte Szene

Wesener spaziert an der Lys in tiefen Gedanken. Es ist Dämmerung. Eine verhüllte Weibsperson zupft ihn am Rock.

Wesener. Laß Sie mich – ich bin kein Liebhaber von solchen Sachen.

Die Weibsperson (mit halb unvernehmlicher Stimme). Um Gottes willen, ein klein Almosen, gnädiger Herr!

Wesener. Ins Arbeitshaus mit Euch. Es sind hier der lüderlichen Bälge die Menge, wenn man allen Almosen geben sollte, hätte man viel zu tun.

Weibsperson. Gnädiger Herr, ich bin drei Tage gewesen, ohne einen Bissen Brot in Mund zu stecken, haben Sie doch die Gnade, und führen mich in ein Wirtshaus, wo ich einen Schluck Wein tun kann.

Wesener. Ihr lüderliche Seele! schämt Ihr Euch nicht, einem honetten Mann das zuzumuten? Geht, lauft Euern Soldaten nach.

Weibsperson (geht fort, ohne zu antworten).

Wesener. Mich deucht, sie seufzte so tief. Das Herz wird mir so schwer. (Zieht den Beutel hervor.) Wer weiß, wo meine Tochter itzt Almosen heischt. (Läuft ihr nach, und reicht ihr zitternd ein Stück Geld.) Da hat Sie einen Gulden – aber bessere Sie sich.

Weibsperson (fängt an zu weinen). O Gott! (Nimmt das Geld und fällt halb ohnmächtig nieder.) Was kann mir das helfen?

Wesener (kehrt sich ab und wischt sich die Augen. Zu ihr ganz außer sich). Wo ist Sie her?

Weibsperson. Das darf ich nicht sagen – Aber ich bin eines honetten Mannes Tochter.

Wesener. War Ihr Vater ein Galanteriehändler?

Weibsperson (schweigt stille).

Wesener. Ihr Vater war ein honetter Mann? – Steh Sie auf, ich will Sie in mein Haus führen. (Sucht ihr aufzuhelfen.)

Wesener. Wohnt Ihr Vater nicht etwan in Lille – (Beim letzten Wort fällt sie ihm um den Hals.)

Wesener (schreie laut). Ach meine Tochter!

Marie. Mein Vater! (Beide wälzen sich halbtot auf der Erde. Eine Menge Leute versammlen sich um sie, und tragen sie fort.)

Fünfte und letzte Szene

Des Obristen Wohnung.

Der Obriste Graf von Spannheim. Die Gräfin La Roche.

Gräfin. Haben Sie die beiden Unglücklichen gesehen? Ich habe das Herz noch nicht. Der Anblick tötete mich.

Obrister. Er hat mich zehn Jahre älter gemacht. Und daß das bei meinem Corps – ich will dem Mann alle seine Schulden bezahlen, und noch tausend Taler zu seiner Schadloshaltung obenein. Hernach will ich sehen, was ich bei dem Vater des Bösewichts für diese durch ihn verwüstete Familie auswirken kann.

Gräfin. Würdiger Mann! nehmen Sie meinen heißesten Dank in dieser Träne – das beste liebenswürdigste Geschöpf! was für Hoffnungen fing ich nicht schon an von ihr zu schöpfen. (Sie weint.)

Obrister. Diese Tränen machen Ihnen Ehre. Sie erweichen auch mich. Und warum sollte ich nicht weinen, ich, der fürs Vaterland streiten und sterben soll; einen Bürger desselben durch einen meiner Untergebenen mit seinem ganzen Hause in den unwiederbringlichsten Untergang gestürzt zu sehen.

Gräfin. Das sind die Folgen des ehlosen Standes der Herren Soldaten.

Obrister (zuckt die Schultern). Wie ist dem abzuhelfen? Schon Homer hat, deucht mich, gesagt, ein guter Ehmann sei ein schlechter Soldat. Und die Erfahrung bestätigt's. – Ich habe allezeit eine besondere Idee gehabt, wenn ich die Geschichte der Andromeda gelesen. Ich sehe die Soldaten an wie das Ungeheuer, dem schon von Zeit zu Zeit ein unglückliches Frauenzimmer freiwillig aufgeopfert werden muß, damit die übrigen Gattinnen und Töchter verschont bleiben.

Gräfin. Wie verstehen Sie das?

Obrister. Wenn der König eine Pflanzschule von Soldatenweibern anlegte; die müßten sich aber freilich denn schon dazu verstehen, den hohen Begriffen, die sich ein junges Frauenzimmer von ewigen Verbindungen macht, zu entsagen.

Gräfin. Ich zweifle, daß sich ein Frauenzimmer von Ehre dazu entschließen könnte.

Obrister. Amazonen müßten es sein. Eine edle Empfindung, deucht mich, hält hier der andern die Waage. Die Delikatesse der weiblichen Ehre dem Gedanken, eine Märtyrerin für den Staat zu sein.

Gräfin. Wie wenig kennt ihr Männer doch das Herz und die Wünsche eines Frauenzimmers.

Obrister. Freilich müßte der König das Beste tun, diesen Stand glänzend und rühmlich zu machen. Dafür ersparte er die Werbegelder, und die Kinder gehörten ihm. O ich wünschte, das sich nur einer fände, diese Gedanken bei Hofe durchzutreiben, ich wollte ihm schon Quellen entdecken. Die Beschützer des Staats würden sodann auch sein Glück sein, die äußere Sicherheit desselben, nicht die innere aufheben, und in der bisher durch uns zerrütteten Gesellschaft Fried' und Wohlfahrt aller und Freude sich untereinander küssen.

Die Schlußszene in der ersten Fassung

Lenz hatte für den Druck auf Anregung Herders die letzte Szene geändert. Die ursprüngliche Fassung in der Handschrift lautet:

Fünfte und letzte Szene

Des Obristen Wohnung.

Der Obriste Graf von Spannheim. Die Gräfin La Roche.

Gräfin. Haben Sie die beiden Unglücklichen gesehen? Ich habe das Herz noch nicht. Der Anblick tötete mich.

Obrister. Er hat mich zehn Jahre älter gemacht. Und daß das bei meinem Corps soll geschehen sein. – Aber gnädige Frau! was kann man da machen. Es ist das Schicksal des Himmels über gewisse Personen – Ich will dem Mann alle seine Schulden bezahlen und noch tausend Taler zur Schadloshaltung obenein. Hernach will ich sehen, was ich bei dem Vater des Bösewichts für diese durch ihn verwüstete und verheerte Familie auswirken kann.

Gräfin. Würdiger Mann! Nehmen Sie meinen heißesten Dank in diesen Tränen. Ich habe alles getan, das unglückliche Schlachtopfer zu retten – sie wollte nicht.

Obrister. Ich wüßt' ihr keinen anderen Rat, als daß sie Begine würde. Ihre Ehre ist hin, kein Mensch darf sich, ohne zu erröten, ihrer annehmen. Obschon sie versichert, sie sei den Gewalttätigkeiten des verwünschten Jägers noch entkommen. Oh, gnädige Frau, wenn ich Gouverneur wäre, der Mensch müßte mir hängen –

Gräfin. Das beste liebenswürdigste Geschöpf – ich versichere Ihnen, daß ich anfing, die größten Hoffnungen von ihr zu schöpfen. (Sie weint.)

Obrister. Diese Tränen machen Ihnen Ehre, gnädige Frau! Sie erweichen auch mich. Und warum sollte ich nicht weinen, ich, der fürs Vaterland streiten und sterben soll, einen Bürger desselben durch einen meiner Untergebenen mit seinem ganzen Hause in den unvermeidlichsten Untergang gestürzt zu sehen.

Gräfin. Das sind die Folgen des ehlosen Standes der Herren Soldaten.

Obrister (zuckt die Achseln). Wie ist dem abzuhelfen? Wissen Sie denn nicht, gnädige Frau, daß schon Homer gesagt hat, ein guter Ehmann sei immer auch ein schlechter Soldat.

Gräfin. Ich habe allezeit eine besondere Idee gehabt, wenn ich die Geschichte der Andromeda gelesen. Ich sehe die Soldaten an wie das Ungeheuer, dem schon von Zeit zu Zeit ein unglückliches Frauenzimmer freiwillig aufgeopfert werden muß, damit die übrigen Gattinnen und Töchter verschont bleiben.

Obrister. Ihre Idee ist lange die meinige gewesen, nur habe ich sie nicht so schön gedacht. Der König müßte dergleichen Personen besolden, die sich auf die Art dem äußersten Bedürfnis seiner Diener aufopferten, denn kurzum, den Trieb haben doch alle Menschen, dieses wären keine Weiber, die die Herzen der Soldaten feig machen könnten, es wären Konkubinen, die allenthalben in den Krieg mitzögen und allenfalls wie jene modischen Weiber unter dem Cyrus die Soldaten zur Tapferkeit aufmuntern würden.

Gräfin. Oh, daß sich einer fände, diese Gedanken bei Hofe durchzutreiben! Dem ganzen Staat würde geholfen sein.

Obrister. Und Millionen Unglückliche weniger. Die durch unsere Unordnungen zerrüttete Gesellschaft würde wieder aufblühen und Fried' und Wohlfahrt aller und Ruhe und Freude sich untereinander küssen.

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