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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Vierter Akt

Erste Szene

Mary. Stolzius.

Mary. Soll ich dir aufrichtig sagen, Stolzius, wenn der Desportes das Mädchen nicht heuratet, so heurate ich's. Ich bin zum Rasendwerden verliebt in sie. Ich habe schon versucht, mir die Gedanken zu zerstreuen, du weißt wohl, mit der Düval, und denn gefällt mir die Wirtschaft mit dem Grafen gar nicht, und daß die Gräfin sie nun gar ins Haus genommen hat, aber alles das – verschlägt doch nichts, ich kann mir die Narrheit nicht aus dem Kopf bringen.

Stolzius. Schreibt denn der Desportes gar nicht mehr?

Mary. Ei freilich schreibt er. Sein Vater hat ihn neulich wollen zu einer Heurat zwingen, und ihn vierzehn Tage bei Wasser und Brot eingesperrt – – (Sich an den Kopf schlagend.) Und wenn ich noch so denke, wie sie neulich im Mondschein mit mir spazierenging, und mir ihre Not klagte, wie sie manchmal mitten in der Nacht aufspränge, wenn ihr die schwermütigen Gedanken einkämen, und nach einem Messer suchte.

Stolzius (zittert).

Mary. Ich fragte, ob sie mich auch liebte. Sie sagte, sie liebte mich zärtlicher, als alle ihre Freunde und Verwandten, und drückte meine Hand gegen ihre Brust.

Stolzius (wendet sein Gesicht gegen die Wand).

Mary. Und als ich sie um ein Schmätzchen bat, so sagte sie, wenn es in ihrer Gewalt stünde, mich glücklich zu machen, so täte sie es gewiß. So aber müßte ich erst die Erlaubnis vom Desportes haben. – (Faßt Stolzius hastig an.) Kerl, der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht heurate, wenn der Desportes sie sitzenläßt.

Stolzius (sehr kalt). Sie soll doch recht gut mit der Gräfin sein.

Mary. Wenn ich nur wüßte, wie man sie zu sprechen bekommen könnte. Erkundige dich doch.

Zweite Szene

In Armentieres.

Desportes in der Prison. Haudy bei ihm.

Desportes. Es ist mir recht lieb, daß ich in Prison itzt bin, so erfährt kein Mensch, daß ich hier sei.

Haudy. Ich will den Kameraden allen verbieten, es zu sagen.

Desportes. Vor allen Dingen, daß es nur der Mary nicht erfährt.

Haudy. Und der Rammler. Der ohnedem so ein großer Freund von dir sein will, und sagt, er ist mit Fleiß darum ein paar Wochen später zum Regiment gekommen, um dir die Anciennität zu lassen.

Desportes. Der Narr!

Haudy. O hör, neulich ist wieder ein Streich mit ihm gewesen, der zum Fressen ist. Du weißt, der Gilbert logiert bei einer alten krummen schielenden Witwe, bloß um ihrer schönen Cousine willen, nun gibt er alle Wochen der zu Gefallen ein Konzert im Hause, einmal besäuft sich mein Rammler, und weil er meint, die Cousine schläft dort, so schleicht er sich vom Nachtessen weg, und nach seiner gewöhnlichen Politik oben auf in der Witwe Schlafzimmer, zieht sich aus, und legt sich zu Bette. Die Witwe, die sich auch den Kopf etwas warm gemacht hat, bringt noch erst ihre Cousine, die auf der Nachbarschaft wohnt, mit der Laterne nach Hause, wir meinen, unser Rammler ist nach Hause gegangen, sie steigt hernach in ihr Zimmer herauf, will sich zu Bett legen, und find't meinen Monsieur da, der in der äußersten Konfusion ist. Er entschuldigt sich, er habe die Gelegenheit vom Hause nicht gewußt, sie transportiert ihn ohne viele Mühe wieder herunter, und wir lachen uns über den Mißverstand die Bäuche fast entzwei. Er bittet sie und uns alle um Gottes willen, doch keinem Menschen was von der Historie zu sagen. Du weißt nun aber, wie der Gilbert ist, der hat's nun alles dem Mädel wiedererzählt, und die hat dem alten Weibe steif und fest in den Kopf gesetzt, Rammler wäre verliebt in sie. In der Tat hat er auch ein Zimmer in dem Hause gemietet, vielleicht um sie zu bewegen, nicht Lärm davon zu machen. Nun solltest du aber dein Himmelsgaudium haben, ihn und das alte Mensch in Gesellschaft beisammen zu sehen. Sie minaudiert und liebäugelt, und verzerrt ihr schiefes runzlichtes Gesicht gegen ihn, daß man sterben möchte, und er mit seiner roten Habichtsnase und den stieren erschrocknen Augen – siehst du, es ist ein Anblick, an den man nicht denken kann, ohne zu zerspringen.

Desportes. Wenn ich wieder frei werde, soll doch mein erster Gang zu Gilbert sein. Meine Mutter wird nächstens an den Obristen schreiben, das Regiment soll für meine Schulden gut sagen.

Dritte Szene

In Lille.

Ein Gärtchen an der Gräfin La Roche Hause.

Die Gräfin (in einer Allee). Was das Mädchen haben mag, daß es so spät in den Garten hinausgegangen ist. Ich fürchte, ich fürchte, es ist etwas Abgered'tes. Sie zeichnet zerstreut, spielt die Harfe zerstreut, ist immer abwesend, wenn ihr der Sprachmeister was vorsagt – still, hör ich nicht jemand – ja, sie ist oben im Lusthause, und von der Straße antwortet ihr jemand. (Lehnt ihr Ohr an die grüne Wand des Gartens.)

(Hinter der Szene.)

Marys Stimme. Ist das erlaubt, alle Freunde, alles, was Ihnen lieb war, so zu vergessen?

Mariens Stimme. Ach lieber Herr Mary, es tut mir leid genug, aber es muß schon so sein. Ich versichere Ihnen, die Frau Gräfin ist die scharmanteste Frau, die auf Gottes Erdboden ist.

Mary. Sie sind ja aber wie in einem Kloster da, wollen Sie denn gar nicht mehr in die Welt? Wissen Sie, daß Desportes geschrieben hat, er ist untröstlich, er will wissen, wo Sie sind, und warum Sie ihm nicht antworten?

Marie. So? – Ach ich muß ihn vergessen, sagen Sie ihm das, er soll mich nur auch vergessen.

Mary. Warum denn? – Grausame Mademoiselle! ist das erlaubt, Freunden so zu begegnen.

Marie. Es kann nun schon nicht anders sein – Ach Herr Gott, ich höre jemand im Garten unten. Adieu, Adieu – Flattieren Sie sich nur nicht – (Kommt herunter.)

Gräfin. So, Marie! ihr gebt euch Rendezvous?

Marie (äußerst erschrocken). Ach, gnädige Frau – es war ein Verwandter von mir – mein Vetter, und der hat nun erst erfahren, wo ich bin –

Gräfin (sehr ernsthaft). Ich habe alles gehört.

Marie (halb auf den Knien). Ach Gott! so verzeihen Sie mir nur diesmal.

Gräfin. Mädchen, du bist wie das Bäumchen hier im Abendwinde, jeder Hauch verändert dich. Was denkst du denn, daß du hier unter meinen Augen den Faden mit dem Desportes wieder anzuspinnen denkst, dir Rendezvous mit seinen guten Freunden gibst. Hätt' ich das gewußt, ich hätte mich deiner nicht angenommen.

Marie. Verzeihen Sie mir nur diesmal!

Gräfin. Ich verzeih es dir niemals, wenn du wider dein eigen Glück handelst. Geh. (Marie geht ganz verzweiflungsvoll ab.)

Gräfin (allein). Ich weiß nicht, ob ich dem Mädchen ihren Roman fast mit gutem Gewissen nehmen darf. Was behält das Leben für Reiz übrig, wenn unsre Imagination nicht welchen hineinträgt, Essen, Trinken, Beschäftigungen ohne Aussicht, ohne sich selbst gebildetem Vergnügen sind nur ein gefristeter Tod. Das fühlt sie auch wohl, und stellt sich nur vergnügt. Wenn ich etwas ausfindig machen könnte, ihre Phantasei mit meiner Klugheit zu vereinigen, ihr Herz, nicht ihren Verstand zu zwingen, mir zu folgen.

Vierte Szene

In Armentieres.

Desportes (im Prison, hastig auf- und abgehend, einen Brief in der Hand). Wenn sie mir hierher kommt, ist mein ganzes Glück verdorben – zu Schand und Spott bei allen Kameraden. (Setzt sich und schreibt.) – – Mein Vater darf sie auch nicht sehen –

Fünfte Szene

In Lille.

Weseners Haus.

Der alte Wesener. Ein Bedienter der Gräfin.

Wesener. Marie fortgelaufen –! Ich bin des Todes. (Läuft heraus. Der Bediente folgt ihm.)

Sechste Szene

Marys Wohnung.

Mary. Stolzius, der ganz bleich und verwildert dasteht.

Mary. So laßt uns ihr nachsetzen zum tausend Element. Ich bin schuld an allem. Gleich lauf hin und bring Pferde her.

Stolzius. Wenn man nur wissen könnte, wohin –

Mary. Nach Armentieres. Wo kann sie anders hin sein. (Beide ab.)

Siebente Szene

Weseners Haus.

Frau Wesener und Charlotte in Kappen. Wesener kommt wieder.

Wesener. Es ist alles umsonst. Sie ist nirgends ausfindig zu machen. (Schlägt in die Hände.) Gott! – wer weiß, wo sie sich ertränkt hat!

Charlotte. Wer weiß aber noch, Papa –

Wesener. Nichts. Die Boten der Frau Gräfin sind wiedergekommen, und es ist noch keine halbe Stunde, daß man sie vermißt hat. Zu jedem Tor ist einer herausgeritten, und sie kann doch nicht aus der Welt sein in so kurzer Zeit.

Achte Szene

In Philippeville.

Desportes' Jäger (einen Brief von seinem Herrn in der Hand). Oh! da kommt mir ja ein schönes Stück Wildpret recht ins Garn hereingelaufen. Sie hat meinem Herrn geschrieben, sie würde grad' nach Philippeville zu ihm kommen, (sieht in den Brief.) zu Fuß – o das arme Kind – ich will dich erfrischen.

Neunte Szene

In Armentieres.

Ein Konzert im Hause der Frau Bischof. Verschiedene Damen im Kreise um das Orchester, unter denen auch Frau Bischof und ihre Cousine. Verschiedene Officiere, unter denen auch Haudy, Rammler, Mary, Desportes, Gilbert, stehen vor ihnen und unterhalten die Damen.

Mademoiselle Bischof (zu Rammler). Und Sie sind auch hier eingezogen, Herr Baron?

Rammler (verbeugt sich stillschweigend, und wird rot über und über).

Haudy. Er hat sein Logis im zweiten Stock genommen, grad' gegenüber Ihrer Frau Base Schlafkammer.

Mademoiselle Bischof. Das hab ich gehört. Ich wünsche meiner Base viel Glück.

Madame Bischof (schielt und lächelt auf eine kokette Art). He, he, he, der Herr Baron wäre wohl nicht eingezogen, wenn ihm nicht der Herr von Gilbert mein Haus so rekommandiert hätte. Und zum andern begegne ich allen meinen Herren auf eine solche Art, daß sie sich nicht über mich werden zu beklagen haben.

Mademoiselle Bischof. Das glaub ich, Sie werden sich gut miteinander vertragen.

Gilbert. Es ist mit alledem so ein kleiner Haken unter den beiden, sonst wäre Rammler nicht hier eingezogen.

Madame Bischof. So? (Hält den Fächer vorm Gesicht.) He he he, seiter wenn denn, meinten Sie Herr von Gilbert, seiter wenn denn?

Haudy. Seit dem letzten Konzertabend, wissen Sie wohl, Madame.

Rammler (zupft Haudy). Haudy!

Madame Bischof (schlägt ihn mit dem Fächer). Unartiger Herr Major! müssen Sie denn auch alles gleich herausplappern.

Rammler. Madame! ich weiß gar nicht, wie wir so familiär miteinander sollten geworden sein, ich bitte mir's aus –

Madame Bischof (sehr böse). So, Herr? und Sie wollen sich noch mausig machen, und zum andern müßten Sie sich das noch für eine große Ehre halten, wenn eine Frau von meinem Alter und von meinem Charakter sich familiär mit Ihnen gemacht hätte, und denk doch einmal, was er sich nicht einbild't, der junge Herr.

Alle Officiers. Ach Rammler – Pfui Rammler – das ist doch nicht recht, wie du der Madam begegnest.

Rammler. Madame, halten Sie das Maul, oder ich brech Ihnen Arm und Bein entzwei, und werf Sie zum Fenster hinaus.

Madame Bischof (steht wütend auf). Herr, komm Er – (faßt ihn an Arm) den Augenblick komm Er, probier Er, mir was Leids zu tun.

Alle. In die Schlafkammer, Rammler, sie fodert dich heraus.

Madame Bischof. Wenn Er sich noch breitmacht, so werf ich Ihn zum Hause heraus, weiß Er das. Und der Weg zum Kommendanten ist nicht weit. (Fängt an zu weinen.) Denk doch, mir in meinem eigenen Hause Impertinenzien zu sagen, der impertinente Flegel –

Mademoiselle Bischof. Nun still doch, Bäslein, der Herr Baron hat es ja so übel nicht gemeint. Er hat ja nur gespaßt, so sei Sie doch ruhig.

Gilbert. Rammler, sei vernünftig, ich bitte dich. Was für Ehre hast du davon, ein alt Weib zu beleidigen.

Rammler. Ihr könnt mir alle – (Läuft heraus.)

Mary. Ist das nicht lustig, Desportes? Was fehlt dir? Du lachst ja nicht.

Desportes. Ich hab erstaunende Stiche auf der Brust. Der Katarrh wird mich noch umbringen.

Mary. Ist das aber nicht zum Zerspringen mit dem Original? Sahst du, wie er braun und blau um die Nase ward für Ärgernis. Ein andrer würde sich lustig gemacht haben mit der alten Vettel.

(Stolzius kommt herein und zupft Mary.)

Mary. Was ist?

Stolzius. Nehmen Sie doch nicht ungnädig, Herr Lieutenant! wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer kommen?

Mary. Was gibt's denn? Habt Ihr wo was erfahren?

Stolzius (schüttelt mit dem Kopf).

Mary. Nun denn – (geht etwas weiter vorwärts) so sagt nur hier.

Stolzius. Die Ratten haben die vorige Nacht Ihr bestes Antolagenhemd zerfressen, eben als ich den Wäschschrank aufmachte, sprangen mir zwei, drei entgegen.

Mary. Was ist daran gelegen? – Laßt Gift aussetzen.

Stolzius. Da muß ich ein versiegeltes Zettelchen von Ihnen haben.

Mary (unwillig). Warum kommt Ihr mir denn just jetzt?

Stolzius. Auf den Abend hab ich nicht Zeit, Herr Lieutenant – ich muß heute noch bei der Lieferung von den Montierungsstücken sein.

Mary. Da habt Ihr meine Uhr, Ihr könnt ja mit meinem Petschaft zusiegeln. (Stolzius geht ab – Mary tritt wieder zur Gesellschaft.)

(Eine Symphonie hebt an.)

Desportes (der sich in einen Winkel gestellt hat, für sich). Ihr Bild steht unaufhörlich vor mir – Pfui Teufel! fort mit den Gedanken. Kann ich dafür, daß sie so eine wird. Sie hat's ja nicht besser haben wollen. (Tritt wieder zur andern Gesellschaft, und hustet erbärmlich.)

Mary (steckt ihm ein Stück Lakritz in den Mund. Er erschrickt. Mary lacht).

Zehnte Szene

In Lille.

Weseners Haus.

Frau Wesener. Ein Bedienter der Gräfin.

Frau Wesener. Wie? Die Frau Gräfin haben sich zu Bett gelegt vor Alteration? Vermeld Er unsern untertänigsten Respekt der Frau Gräfin und der Fräulein, mein Mann ist nach Armentieres gereist, weil ihm die Leute alles im Hause haben versiegeln wollen wegen der Kaution, und er gehört hat, daß der Herr von Desportes beim Regiment sein soll. Und es tut uns herzlich leid, daß die Frau Gräfin sich unser Unglück so zu Herzen nimmt.

Eilfte Szene

In Armentieres.

Stolzius (geht vor einer Apothek' herum. Es regnet). Was zitterst du? – Meine Zunge ist so schwach, daß ich fürchte, ich werde kein einziges Wort hervorbringen können. Er wird mir's ansehen – Und müssen denn die zittern, die Unrecht leiden, und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun! – – Wer weiß, zwischen welchem Zaun sie jetzt verhungert. Herein, Stolzius. Wenn's nicht für ihn ist, so ist's doch für dich. Und das ist ja alles, was du wünschest – – (Geht hinein.)

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