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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Dritter Akt

Erste Szene

In Armentieres.

Des Juden Haus.

Rammler (mit einigen verkleideten Leuten, die er stellt. Zum letzten). Wenn jemand hineingeht, so huste – ich will mich unter die Treppe verstecken, daß ich ihm gleich nachschleichen kann. (Verkriecht sich unter die Treppe.)

Aaron (sieht aus dem Fenster). Gad, was ein gewaltiger Camplat ist das unter meinem eignen Hause.

Mary (im Rocklor eingewickelt kommt die Gasse heran, bleibt unter des Juden Fenster stehen, und läßt ein subtiles Pfeifchen hören).

Aaron (leise herab). Sein Sie's, gnädiger Herr? (jener winkt.) Ich werde soglach aufmachen.

Mary (geht die Treppe hinauf. Einer hustet leise. Rammler schleicht ihm auf den Zehen nach, ohne daß der sich umsieht. Der Jude macht die Türe auf, beide gehen hinein).

(Der Schauplatz verwandelt sich in das Zimmer des Juden. Es ist stockdunkel. Mary und Aaron flüstern sich in die Ohren. Rammler schleicht immer von weitem herum, weicht aber gleich zurück, sobald jene eine Bewegung machen.)

Mary. Er ist hier drinne.

Aaron. O wai mer!

Mary. Still nur, er soll Euch kein Leides tun, laßt mit Euch machen, was er will, und wenn er Euch auch knebelte, in einer Minute bin ich wieder bei Euch mit der Wache, es soll ihm übel genug bekommen. Legt Euch nur zu Bette.

Aaron. Wenn er mich aber ams Leben bringt, he?

Mary. Seid nur ohne Sorgen, ich bin im Augenblick wieder da. Er kann sonst nicht überführt werden. Die Wache steht hier unten schon parat, ich will sie nur hereinrufen. Legt Euch – (Geht hinaus. Der Jude legt sich zu Bette. Rammler schleicht näher hinan.)

Aaron (klappt mit den Zähnen). Adonai! Adonai!

Rammler (vor sich). Ich glaube gar, es ist eine Jüdin. (Laut, indem er Marys Stimme nachzuahmen sucht.) Ach, mein Schätzgen, wie kalt ist es draußen.

Aaron (immer leiser). Adonai!

Rammler. Du kennst mich doch, ich bin dein Mann nicht, ich bin Mary. (Zieht sich Stiefel und Rock aus.) Ich glaube, wir werden noch Schnee bekommen, so kalt ist es.

(Mary mit einem großen Gefolge Officieren mit Laternen stürzen herein, und schlagen ein abscheulich Gelächter auf. Der Jude richtet sich erschrocken auf.)

Haudy. Bist du toll geworden, Rammler, willst du mit dem Juden Unzucht treiben?

Rammler (steht wie versteinert da. Endlich zieht er seinen Degen). Ich will euch in Kreuzmillionen Stücken zerhauen alle miteinander. (Läuft verwirrt heraus. Die andern lachen nur noch rasender.)

Aaron. Ich bin wäs Gad halb tot gewesen. (Steht auf. Die andern laufen alle Rammler nach, der Jude folgt ihnen.)

Zweite Szene

Stolzius' Wohnung.

Er sitzt mit verbundenem Kopf an einem Tisch, auf dem eine Lampe brennt, einen Brief in der Hand, seine Mutter neben ihm.

Mutter (die auf einmal sich ereifert). Willst du denn nicht schlafen gehen, du gottloser Mensch! So red doch, so sag, was dir fehlt, das Luder ist deiner nicht wert gewesen. Was grämst du dich, was wimmerst du um eine solche – Soldatenhure.

Stolzius (mit dem äußersten Unwillen vom Tisch sich aufrichtend). Mutter –

Mutter. Was ist sie denn anders – du – und du auch, daß du dich an solche Menscher hängst.

Stolzius (faßt ihr beide Hände). Liebe Mutter, schimpft nicht auf sie, sie ist unschuldig, der Officier hat ihr den Kopf verrückt. Seht einmal, wie sie mir sonst geschrieben hat. Ich muß den Verstand verlieren darüber. Solch ein gutes Herz!

Mutter (steht auf und stampft mit dem Fuß). Solch ein Luder – Gleich zu Bett mit dir, ich befehl es dir. Was soll daraus werden, was soll da herauskommen. Ich will dir weisen, junger Herr, daß ich deine Mutter bin.

Stolzius (an seine Brust schlagend). Mariel – nein, sie ist es nicht mehr, sie ist nicht dieselbige mehr – (Springt auf.) Laßt mich –

Mutter (weint). Wohin, du Gottsvergessener?

Stolzius. Ich will dem Teufel, der sie verkehrt hat (Fällt kraftlos auf die Bank, beide Hände in die Höhe.) O du sollst mir's bezahlen, du sollst mir's bezahlen. (Kalt.) Ein Tag ist wie der andere, was nicht heut kommt, kommt morgen, und was langsam kommt, kommt gut. Wie heißt's in dem Liede, Mutter, wenn ein Vögelein von einem Berge alle Jahr ein Körnlein wegtrüge, endlich würde es ihm doch gelingen.

Mutter. Ich glaube, du phantasierst schon, (greift ihm an den Puls) leg dich zu Bett, Karl, ich bitte dich um Gottes willen. Ich will dich warm zudecken, was wird da herauskommen, du großer Gott, das ist ein hitziges Fieber – um solch eine Metze –

Stolzius. Endlich – endlich – – alle Tage ein Sandkorn, ein Jahr hat zehn zwanzig dreißig hundert. (Die Mutter will ihn fortleiten.) Laßt mich, Mutter, ich bin gesund.

Mutter. Komm nur, komm, (ihn mit Gewalt fortschleppend) Narre! – Ich werd dich nicht loslassen, das glaub mir nur. (Ab.)

Dritte Szene

In Lille.

Jungfer Zipfersaat. Eine Magd aus Weseners Hause.

Jungfer Zipfersaat. Sie ist zu Hause, aber sie läßt sich nicht sprechen? Denk doch, ist sie so vornehm geworden?

Magd. Sie sagt, sie hat zu tun, sie liest in einem Buch.

Jungfer Zipfersaat. Sag Sie ihr nur, ich hätt' ihr etwas zu sagen, woran ihr alles in der Welt gelegen ist.

(Marie kommt, ein Buch in der Hand. Mit nachlässigem Ton.)

Marie. Guten Morgen, Jungfer Zipfersaat. Warum hat Sie sich nicht gesetzt?

Jungfer Zipfersaat. Ich kam, Ihr nur zu sagen, daß der Baron Desportes diesen Morgen weggelaufen ist.

Marie. Was red'st du da? (Ganz außer sich.)

Jungfer Zipfersaat. Sie kann es mir glauben, er ist meinem Vetter über die siebenhundert Taler schuldig geblieben, und als sie auf sein Zimmer kamen, fanden sie alles ausgeräumt, und einen Zettel auf dem Tisch, wo er ihnen schrieb, sie sollten sich keine vergebliche Mühe geben, ihm nachzusetzen, er hab' seinen Abschied genommen, und wolle in österreichische Dienste gehen.

Marie (schluchzend läuft heraus und ruft). Papa! Papa!

Wesener (hinter der Szene). Na, was ist?

Marie. Komm Er doch geschwind herauf, lieber Papa!

Jungfer Zipfersaat. Da sieht Sie, wie die Herren Officiers sind. Das hätt' ich Ihr wollen zum voraus sagen.

Wesener (kommt herein). Na, was ist – Ihr Diener, Jungfer Zipfersaat.

Marie. Papa, was sollen wir anfangen? Der Desportes ist weggelaufen.

Wesener. Ei sieh doch, wer erzählt dir denn so artige Histörchen.

Marie. Er ist dem jungen Herrn Seidenhändler Zipfersaat siebenhundert Taler schuldig geblieben, und hat einen Zettel auf dem Tisch gelassen, daß er in seinem Leben nicht nach Flandern wiederkommen will.

Wesener (sehr böse). Was das ein gottloses verdammtes Gered' – (Sich auf die Brust schlagend.) Ich sag gut für die siebenhundert Taler, versteht Sie mich, Jungfer Zipfersaat? Und für noch einmal so viel, wenn Sie's haben will. Ich hab mit dem Hause über die dreißig Jahr verkehrt, aber das sind die gottsvergessenen Neider –

Jungfer Zipfersaat Das wird meinem Vetter eine große Freude machen, Herr Wesener, wenn Sie es auf sich nehmen wollen, den guten Namen vom Herrn Baron zu retten.

Wesener. Ich geh mit Ihr, den Augenblick. (Sucht seinen Hut.) Ich will den Leuten das Maul stopfen, die sich unterstehen wollen, mir das Haus in übeln Ruf zu bringen, versteht Sie mich.

Marie. Aber, Papa – (Ungeduldig.) Oh, ich wünschte, daß ich ihn nie gesehen hätte. (Wesener und Jungfer Zipfersaat geben ab. Marie wirft sich in den Sorgstuhl, und nachdem sie eine Weile in tiefen Gedanken gesessen, ruft sie ängstlich.) Lotte! – – Lotte!

(Charlotte kommt.)

Charlotte. Na, was willst du denn, daß du mich so rufst?

Marie (geht ihr entgegen). Lottgen – mein liebes Lottgen (Ihr unter dem Kinn streichelnd.)

Charlotte. Na, Gott behüt', wo kommt das Wunder?

Marie. Du bist auch mein allerbestes Scharlottel, du.

Charlotte. Gewiß will sie wieder Geld von mir leihen.

Marie. Ich will dir auch alles zu Gefallen tun.

Charlotte. Ei was, ich habe nicht Zeit. (Will gehen.)

Marie (hält sie). So hör doch – nur für einen Augenblick – kannst du mir nicht helfen einen Brief schreiben?

Charlotte. Ich habe nicht Zeit.

Marie. Nur ein paar Zeilen – ich laß dir auch die Perlen vor sechs Livres.

Charlotte. An wem denn?

Marie (beschämt). An den Stolzius.

Charlotte (fängt an zu lachen). Schlägt Ihr das Gewissen?

Marie (halb weinend). So laß doch –

Charlotte (setzt sich an den Tisch). Na, was willst ihm denn schreiben – Sie weiß, wie ungern ich schreib.

Marie. Ich hab so ein Zittern in den Händen – schreib so oben oder in einer Reihe, wie du willst – Mein liebwertester Freund.

Charlotte. Mein liebwertester Freund.

Marie. Dero haben in Ihrem letzten Schreiben mir billige Gelegenheit gegeben, da meine Ehre angegriffen.

Charlotte. Angegriffen.

Marie. Indessen müssen nicht alle Ausdrücke auf der Waagschale legen, sondern auf das Herz ansehen, das Ihnen – wart wie soll ich nun schreiben.

Charlotte. Was weiß ich?

Marie. So sag doch, wie heißt das Wort nun?

Charlotte. Weiß ich denn, was du ihm schreiben willst.

Marie. Daß mein Herz und – (Fängt an zu weinen, und wirft sich in den Lehnstuhl. Charlotte sieht sie an und lacht.)

Charlotte. Na, was soll ich ihm denn schreiben?

Marie (schluchzend). Schreib was du willst.

Charlotte (schreibt und liest). Daß mein Herz nicht so wankelmütig ist, als Sie es sich vorstellen – ist's so recht?

Marie (springt auf, und sieht ihr über die Schulter). Ja, so ist's recht, so ist's recht. (Sie umhalsend.) Mein altes Scharlottel, du

Charlotte. Na, so laß Sie mich doch ausschreiben. (Marie spaziert ein paarmal auf und ab, dann springt sie plötzlich zu ihr, reißt ihr das Papier unter dem Arm weg, und zerreißt's in tausend Stücken.)

Charlotte (in Wut). Na, seht doch – ist das nicht ein Luder – eben da ich den besten Gedanken hatte – aber so eine Canaille ist sie.

Marie. Canaille vous même.

Charlotte (droht ihr mit dem Dintenfaß). Du –

Marie. Sie sucht einen noch mehr zu kränken, wenn man schon im Unglück ist.

Charlotte. Luder! warum zerreißt du denn, da ich eben im besten Schreiben bin.

Marie (ganz hitzig). Schimpf nicht!

Charlotte (auch halb weinend). Warum zerreißt du denn?

Marie. Soll ich ihm denn vorlügen? (Fängt äußerst heftig an zu weinen, und wirft sich mit dem Gesicht auf einen Stuhl.)

(Wesener tritt herein. Marie sieht auf und fliegt ihm an den Hals.)

Marie (zitternd). Papa, lieber Papa, wie steht's – um Gottes willen, red Er doch.

Wesener. So sei doch nicht so närrisch, er ist ja nicht aus der Welt, Sie tut ja wie abgeschmackt –

Marie. Wenn er aber fort ist –

Wesener. Wenn er fort ist, so muß er wiederkommen, ich glaube, Sie hat den Verstand verloren, und will mich auch wunderlich machen. Ich kenne das Haus seit länger als gestern, sie werden doch das nicht wollen auf sich sitzen lassen. Kurz und gut, schick herauf zu unserm Notarius droben, ob er zu Hause ist, ich will den Wechsel, den ich für ihn unterschrieben habe, vidimieren lassen, zugleich die Kopei von dem Promesse de Mariage und alles den Eltern schicken.

Marie. Ach, Papa, lieber Papa! ich will gleich selber laufen, und ihn holen. (Läuft über Hals und Kopf ab.)

Wesener. Das Mädel kann, Gott verzeih' mir, einem Louis quatorze selber das Herz machen in die Hosen fallen. Aber schlecht ist das auch von Monsieur le Baron, ich will es bei seinem Herrn Vater schon für ihn kochen, wart du nur. – Wo bleibt sie denn? (Geht Marien nach.)

Vierte Szene

In Armentieres.

Ein Spaziergang auf dem eingegangenen Stadtgraben. Eisenhardt und Pirzel spazieren.

Eisenhardt. Herr von Mary will das Semester in Lille zubringen, was mag das zu bedeuten haben? Er hat doch dort keine Verwandte, soviel ich weiß.

Pirzel. Er ist auch keiner von denen, die es weghaben. Flüchtig, flüchtig – Aber der Obristlieutenant, das ist ein Mann.

Eisenhardt (beiseite). Weh mir, wie bring ich den Menschen aus seiner Metaphysik zurück – (Laut.) Um den Menschen zu kennen, müßte man meines Erachtens bei dem Frauenzimmer anfangen.

Pirzel (schüttelt mit dem Kopf).

Eisenhardt (beiseite). Was die andern zuviel sind, ist der zu wenig. O Soldatenstand, furchtbare Ehlosigkeit, was für Karikaturen machst du aus den Menschen!

Pirzel. Sie meinen, beim Frauenzimmer – das wär' grad, als ob man bei den Schafen anfinge. Nein, was der Mensch ist – (Den Finger an die Nase.)

Eisenhardt (beiseite). Der philosophiert mich zu Tode. (Laut.) Ich habe die Anmerkung gemacht, daß man in diesem Monat keinen Schritt vors Tor tun kann, wo man nicht einen Soldaten mit einem Mädchen karessieren sieht.

Pirzel. Das macht, weil die Leute nicht denken.

Eisenhardt. Aber hindert Sie das Denken nicht zuweilen im Exerzieren?

Pirzel. Ganz und gar nicht, das geht so mechanisch. Haben doch die andern auch nicht die Gedanken beisammen, sondern schweben ihnen alleweile die schönen Mädgens vor den Augen.

Eisenhardt. Das muß seltsame Bataillen geben. Ein ganzes Regiment mit verrückten Köpfen muß Wundertaten tun.

Pirzel. Das geht alles mechanisch.

Eisenhardt. Ja, aber Sie laufen auch mechanisch. Die preußischen Kugeln müssen Sie bisweilen sehr unsanft aus Ihren süßen Träumen geweckt haben. (Gehen weiter.)

Fünfte Szene

In Lille.

Marys Wohnung.

Mary. Stolzius als Soldat.

Mary (zeichnet, sieht auf). Wer da, (sieht ihn lang an und steht auf) Stolzius?

Stolzius. Ja, Herr.

Mary. Wo zum Element kommt Ihr denn her? und in diesem Rock? (Kehrt ihn um.) Wie verändert, wie abgefallen, wie blaß? Ihr könntet mir's hundertmal sagen, ihr wärt Stolzius, ich glaubt' es Euch nicht.

Stolzius. Das macht der Schnurrbart, gnädiger Herr. Ich hörte, daß Ew. Gnaden einen Bedienten brauchten, und weil ich dem Herrn Obristen sicher bin, so hat er mir die Erlaubnis gegeben, hierherzukommen, um allenfalls Ihnen einige Rekruten anwerben zu helfen, und Sie zu bedienen.

Mary. Bravo! Ihr seid ein braver Kerl! und das gefällt mir, daß Ihr dem König dient. Was kommt auch heraus bei dem Philisterleben. Und Ihr habt was zuzusetzen, Ihr könnt honett leben, und es noch einmal weit bringen, ich will für Euch sorgen, das könnt Ihr versichert sein. Kommt nur, ich will gleich ein Zimmer für Euch besprechen, Ihr sollt diesen ganzen Winter bei mir bleiben, ich will es schon gut machen beim Obristen.

Stolzius. Solang ich meine Schildwachten bezahle, kann mir niemand was anhaben. (Gehen ab.)

Sechste Szene

Frau Wesenern. Marie. Charlotte.

Frau Wesenern. Es ist eine Schande, wie sie mit ihm umgeht. Ich seh keinen Unterscheid, wie du dem Desportes begegnet bist, so begegnest du ihm auch.

Marie. Was soll ich denn machen, Mama? Wenn er nun sein bester Freund ist, und er uns allein noch Nachrichten von ihm verschaffen kann.

Charlotte. Wenn er dir nicht so viele Präsente machte, würdest du auch anders mit ihm sein.

Marie. Soll ich ihm denn die Präsente ins Gesicht zurückwerfen? Ich muß doch wohl höflich mit ihm sein, da er noch der einzige ist, der mit ihm korrespondiert. Wenn ich ihn abschrecke, da wird schön Dings herauskommen, er fängt ja alle Briefe auf, die der Papa an seinen Vater schreibt, das hört Sie ja.

Frau Wesenern. Kurz und gut, du sollst nun nicht ausfahren mit diesem, ich leid es nicht.

Marie. So kommen Sie denn mit, Mama! Er hat Pferd und Cabriolet bestellt, sollen die wieder zurückfahren?

Frau Wesenern. Was geht's mich an.

Marie. So komm du denn mit, Lotte – Was fang ich nun an? Mama, Sie weiß nicht, was ich alles aussteh um Ihrentwillen.

Charlotte. Sie ist frech obenein.

Marie. Schweig du nur still.

Charlotte (etwas leise für sich). Soldatenmensch!

Marie (tut als ob sie's nicht hörte, und fährt fort, sich vor dem Spiegel zu putzen). Wenn wir den Mary beleidigen, so haben wir alles uns selber vorzuwerfen.

Charlotte (laut, indem sie schnell zur Stube hinausgeht). Soldatenmensch!

Marie (kehrt sich um). Seh Sie nur, Mama! (Die Hände faltend.)

Frau Wesener. Wer kann dir helfen, du machst es darnach.

(Mary tritt herein.)

Marie (heitert schnell ihr Gesicht auf. Mit der größten Munterkeit und Freundlichkeit ihm entgegengehend). Ihre Dienerin, Herr von Mary! Haben Sie wohl geschlafen?

Mary. Unvergleichlich, meine gnädige Mademoiselle! ich habe das ganze gestrige Feuerwerk im Traum zum andernmal gesehen.

Marie. Es war doch recht schön.

Mary. Es muß wohl schön gewesen sein, weil es Ihre Approbation hat.

Marie. O ich bin keine Connoisseuse von den Sachen, ich sage nur wieder, wie ich es von Ihnen gehört habe. (Er küßt ihr die Hand, sie macht einen tiefen Knicks.) Sie sehen uns hier noch ganz in Rumor; meine Mutter wird gleich fertig sein.

Mary. Madam Wesener kommen also mit?

Frau Wesener (trocken). Wieso? Ist kein Platz für mich da?

Mary. O ja, ich steh hinten auf, und mein Kasper kann zu Fuß vorangehen.

Marie. Hören Sie, Ihr Soldat gleicht sehr viel einem gewissen Menschen, den ich ehemals gekannt habe, und der auch um mich angehalten hat.

Mary. Und Sie gaben ihm ein Körbchen. Daran ist auch der Desportes wohl schuld gewesen?

Marie. Er hat mir's eingetränkt.

Mary. Wollen wir? (Er bietet ihr die Hand, sie macht ihm einen Knicks, und winkt auf ihre Mutter, er gibt Frau Wesenern die Hand, und sie folgt ihnen.)

Siebente Szene

In Philippeville.

Desportes (allein, ausgezogen, in einem grünen Zimmer, einen Brief schreibend, ein brennend Licht vor ihm. Brummt indem er schreibt). Ich muß ihr doch das Maul ein wenig schmieren, sonst nimmt das Briefschreiben kein Ende, und mein Vater fängt noch wohl gar einmal einen auf. (Liest den Brief.) »Ihr bester Vater ist böse auf mich, daß ich ihn so lange aufs Geld warten lasse, ich bitte Sie, besänftigen Sie ihn, bis ich eine bequeme Gelegenheit finde, meinem Vater alles zu entdecken, und ihn zu der Einwilligung zu bewegen, Sie, meine Geliebte, auf ewig zu besitzen. Denken Sie, ich bin in der größten Angst, daß er nicht schon einige von Ihren Briefen aufgefangen hat, denn ich sehe aus Ihrem letzten, daß Sie viele an mich müssen geschrieben haben, die ich nicht erhalten habe. Und das könnte uns alles verderben. Darf ich bitten, so schreiben Sie nicht eher an mich, als bis ich Ihnen eine neue Adresse geschickt habe, unter der ich die Briefe sicher erhalten kann.« (Siegelt zu.) Wenn ich den Mary recht verliebt in sie machen könnte, daß sie mich vielleicht vergißt. Ich will ihm schreiben, er soll nicht von meiner Seite kommen, wenn ich meine anbetungswürdige Marie werde glücklich gemacht haben, er soll ihr Cicisbeo sein, wart nur. (Spaziert einigemal tiefsinnig auf und nieder, dann geht er heraus.)

Achte Szene

In Lille.

Der Gräfin La Roche Wohnung.

Die Gräfin. Ein Bedienter.

Gräfin (sieht nach ihrer Uhr). Ist der junge Herr noch nicht zurückgekommen?

Bedienter. Nein, gnädige Frau.

Gräfin. Gebt mir den Hauptschlüssel, und legt Euch schlafen. Ich werde dem jungen Herrn selber aufmachen. Was macht Jungfer Kathrinchen?

Bedienter. Sie hat den Abend große Hitze gehabt.

Gräfin. Geht nur noch einmal hinein, und seht, ob die Mademoiselle auch noch munter ist. Sagt ihr nur, ich gehe nicht zu Bett, um ein Uhr werde ich kommen, und sie ablösen. (Bedienter ab.)

Gräfin (allein). Muß denn ein Kind seiner Mutter bis ins Grab Schmerzen schaffen? Wenn du nicht mein einziger wärst, und ich dir kein so empfindliches Herz gegeben hätte.

(Man pocht. Sie geht heraus, und kommt wieder herein mit ihm.)

Junge Graf. Aber, gnädige Mutter, wo ist denn der Bediente, die verfluchten Leute, wenn es nicht so spät wäre, ich ließ den Augenblick nach der Wache gehen, und ihm alle Knochen im Leibe entzweischlagen.

Gräfin. Sachte, sachte, mein Sohn. Wie, wenn ich mich nun gegen dich so übereilte, wie du gegen den unschuldigen Menschen.

Junge Graf. Aber es ist doch nicht auszuhalten.

Gräfin. Ich selbst habe ihn zu Bette geschickt. Ist's nicht genug, daß der Kerl den ganzen Tag auf dich passen muß, soll er sich auch die Nachtruhe entziehen um deinetwillen. Ich glaube, du willst mich lehren die Bedienten anzusehen wie die Bestien.

Junge Graf (küßt ihr die Hand). Gnädige Mutter!

Gräfin. Ich muß ernsthaft mit dir reden, junger Mensch! Du fängst an mir trübe Tage zu machen. Du weißt, ich habe dich nie eingeschränkt, mich in alle deine Sachen gemischt, als deine Freundin, nie als Mutter. Warum fängst du mir denn jetzt an, ein Geheimnis aus deinen Herzensangelegenheiten zu machen, da du doch sonst keine deiner jugendlichen Torheiten vor mir geheimhieltest, und ich, weil ich selbst ein Frauenzimmer bin, dir allezeit den besten Rat zu geben wußte. (Sieht ihn steif an.) Du fängst an lüderlich zu werden, mein Sohn.

Junge Graf (ihr die Hand mit Tränen küssend). Gnädige Mutter, ich schwöre Ihnen, ich habe kein Geheimnis für Sie. Sie haben mir nach dem Nachtessen mit Jungfer Wesenern begegnet, Sie haben aus der Zeit und aus der Art, mit der wir sprachen, Schlüsse gemacht – es ist ein artig Mädchen, und das ist alles.

Gräfin. Ich will nichts mehr wissen. Sobald du Ursache zu haben glaubst, mir was zu verhehlen – aber bedenk auch, daß du hernach die Folgen deiner Handlungen nur dir selber zuzuschreiben hast. Fräulein Anklam hat hier Verwandte, und ich weiß, daß Jungfer Wesenern nicht in dem besten Ruf steht, ich glaube, nicht aus ihrer Schuld, das arme Kind soll hintergangen worden sein –

Junge Graf (kniend). Eben das, gnädige Mutter! eben ihr Unglück – wenn Sie die Umstände wüßten, ja ich muß Ihnen alles sagen, ich fühle, daß ich einen Anteil an dem Schicksal des Mädchens nehme – und doch – wie leicht ist sie zu hintergehen gewesen, ein so leichtes, offenes, unschuldiges Herz – es quält mich, Mama! daß sie nicht in bessere Hände gefallen ist.

Gräfin. Mein Sohn, überlaß das Mitleiden mir. Glaube mir, (umarmt ihn) glaube mir, ich habe kein härteres Herz als du. Aber mir kann das Mitleiden nicht so gefährlich werden. Höre meinen Rat, folge mir. Um deiner Ruhe willen, geh nicht mehr hin, reis aus der Stadt, reis zu Fräulein Anklam – und sei versichert, daß es Jungfer Wesenern hier nicht übel werden soll. Du hast ihr in mir ihre zärtlichste Freundin zurückgelassen – versprichst du mir das?

Junge Graf (sieht sie lange zärtlich an). Gut, Mama, ich verspreche Ihnen alles – Nur noch ein Wort, eh' ich reise. Es ist ein unglückliches Mädchen, das ist gewiß.

Gräfin. Beruhige dich nur. (Ihm auf die Backen klopfend.) Ich glaube dir's mehr, als du mir es sagen kannst.

Junge Graf (steht auf und küßt ihr die Hand). Ich kenne Sie – (Beide geben ab.)

Neunte Szene

Frau Wesenern. Marie.

Marie. Laß Sie nur sein, Mama! ich will ihn recht quälen.

Frau Wesener. Ach geh doch, was? er hat sich vergessen, er ist in drei Tagen nicht hier gewesen, und die ganze Welt sagt, er hab' sich verliebt in kleine Madam Düval, da in der Brüssler Straße.

Marie. Sie kann nicht glauben, wie kompläsant der Graf gegen mich ist.

Frau Wesener. Ei was, der soll ja auch schon versprochen sein.

Marie. So quäl ich doch den Mary damit. Er kommt den Abend nach dem Nachtessen wieder her. Wenn uns doch der Mary nur einmal begegnen wollte mit seiner Madam Düval!

(Ein Bedienter tritt herein.)

Bedienter. Die Gräfin La Roche läßt fragen, ob Sie zu Hause sind?

Marie (in der äußersten Verwirrung). Ach Himmel, die Mutter vom Herrn Grafen – Sag Er nur – Mama, so sag Sie doch, was soll er sagen.

Frau Wesener (will gehen).

Marie. Sag Er nur, es wird uns eine hohe Ehre – Mama! Mama! so red Sie doch.

Frau Wesener. Kannst du denn das Maul nicht auftun? Sag Er, es wird uns eine hohe Ehre sein – wir sind zwar in der größten Unordnung hier.

Marie. Nein, nein, wart Er nur, ich will selber an den Wagen herabkommen. (Geht herunter mit dem Bedienten. Die alte Wesenern geht fort.)

Zehnte Szene

Die Gräfin La Roche und Marie, die wieder hereinkommen.

Marie. Sie werden verzeihen, gnädige Frau, es ist hier alles in der größten Rappuse.

Gräfin. Mein liebes Kind, Sie brauchen mit mir nicht die allergeringsten Umstände zu machen. (Faßt sie an der Hand, und setzt sich mit ihr aufs Kanapee.) Sehen Sie mich als Ihre beste Freundin an, (sie küssend) ich versichere Sie, daß ich den aufrichtigsten Anteil nehme an allem, was Ihnen begegnen kann.

Marie (sich die Augen wischend). Ich weiß nicht, womit ich die besondere Gnade verdient habe, die Sie für mich tragen.

Gräfin. Nichts von Gnade, ich bitte Sie. Es ist mir lieb, daß wir allein sind, ich habe Ihnen viel, vieles zu sagen, das mir auf dem Herzen liegt, und Sie auch manches zu fragen. (Marie sehr aufmerksam, die Freude in ihrem Gesicht.) Ich liebe Sie, mein Engel! ich kann mich nicht enthalten, es Ihnen zu zeigen. (Marie küßt ihr inbrunstvoll die Hand.) Ihr ganzes Betragen hat so etwas offenes, so etwas Einnehmendes, daß mir Ihr Unglück dadurch doppelt schmerzhaft wird. Wissen Sie denn auch, meine neue liebe Freundin, daß man viel, viel in der Stadt von Ihnen spricht?

Marie. Ich weiß wohl, daß es allenthalben böse Zungen gibt.

Gräfin. Nicht lauter böse, auch gute sprechen von Ihnen. Sie sind unglücklich; aber Sie können sich damit trösten, daß Sie sich Ihr Unglück durch kein Laster zugezogen. Ihr einziger Fehler war, daß Sie die Welt nicht kannten, daß Sie den Unterscheid nicht kannten, der unter den verschiedenen Ständen herrscht, daß Sie die Pamela gelesen haben, das gefährlichste Buch, das eine Person aus Ihrem Stande lesen kann.

Marie. Ich kenne das Buch ganz und gar nicht.

Gräfin. So haben Sie den Reden der jungen Leute zuviel getraut.

Marie. Ich habe nur einem zuviel getraut, und es ist noch nicht ausgemacht, ob er falsch gegen mich denkt.

Gräfin. Gut, liebe Freundin! aber sagen Sie mir, ich bitte Sie, wie kamen Sie doch dazu, über Ihren Stand heraus sich nach einem Mann umzusehen. Ihre Gestalt, dachten Sie, könnte Sie schon weiter führen, als Ihre Gespielinnen; ach liebe Freundin, eben das hätte Sie sollen vorsichtiger machen. Schönheit ist niemals ein Mittel, eine gute Heurat zu stiften, und niemand hat mehr Ursache zu zittern, als ein schön Gesicht. Tausend Gefahren mit Blumen überstreut, tausend Anbeter und keinen Freund, tausend unbarmherzige Verräter.

Marie. Ach, gnädige Frau, ich weiß wohl, daß ich häßlich bin.

Gräfin. Keine falsche Bescheidenheit. Sie sind schön, der Himmel hat Sie damit gestraft. Es fanden sich Leute über Ihren Stand, die Ihnen Versprechungen taten. Sie sahen gar keine Schwürigkeit, eine Stufe höher zu rücken, Sie verachteten Ihre Gespielinnen, Sie glaubten nicht nötig zu haben, sich andre liebenswürdige Eigenschaften zu erwerben, Sie scheuten die Arbeit, Sie begegneten jungen Mannsleuten Ihres Standes verächtlich, Sie wurden gehaßt. Armes Kind! wie glücklich hätten Sie einen rechtschaffenen Bürger machen können, wenn Sie diese fürtreffliche Gesichtszüge, dieses einnehmende bezaubernde Wesen, mit einem demütigen menschenfreundlichen Geist beseelt hätten, wie wären Sie von allen Ihresgleichen angebetet, von allen Vornehmen nachgeahmt und bewundert worden. Aber Sie wollten von Ihresgleichen beneidet werden. Armes Kind, wo dachten Sie hin, und gegen welch ein elendes Glück wollten Sie alle diese Vorzüge eintauschen? Die Frau eines Mannes zu werden, der um Ihrentwillen von seiner ganzen Familie gehaßt und verachtet würde. Und einem so unglücklichen Hazardspiel zu Gefallen Ihr ganzes Glück, Ihre ganze Ehre, Ihr Leben selber auf die Karte zu setzen. Wo dachten Sie hinaus? wo dachten Ihre Eltern hinaus? Armes betrogenes durch die Eitelkeit gemißhandeltes Kind! (Drückt sie an ihre Brust.) Ich wollte mein Blut hergeben, daß das nicht geschehen wäre.

Marie (weint auf ihre Hand). Er liebte mich aber.

Gräfin. Die Liebe eines Officiers, Marie – eines Menschen, der an jede Art von Ausschweifung, von Veränderung gewöhnt ist, der ein braver Soldat zu sein aufhört, sobald er ein treuer Liebhaber wird, der dem König schwört, es nicht zu sein, und sich dafür von ihm bezahlen läßt. Und Sie glaubten, die einzige Person auf der Welt zu sein, die ihn, trotz des Zorns seiner Eltern, trotz des Hochmuts seiner Familie, trotz seines Schwurs, trotz seines Charakters, trotz der ganzen Welt, treu erhalten wollten? Das heißt, Sie wollten die Welt umkehren. – – Und da Sie nun sehen, daß es fehlgeschlagen hat, so glauben Sie, bei andern Ihren Plan auszuführen, und sehen nicht, daß das, was Sie für Liebe bei den Leuten halten, nichts als Mitleiden mit Ihrer Geschichte, oder gar was Schlimmers ist. (Marie fällt vor ihr auf die Knie, verbirgt ihr Gesicht in ihren Schoß, und schluchzt.) Entschließ dich, bestes Kind! unglückliches Mädchen, noch ist es Zeit, noch ist der Abgrund zu vermeiden, ich will sterben, wenn ich dich nicht herausziehe. Lassen Sie sich alle Anschläge auf meinen Sohn vergehen, er ist versprochen, die Fräulein Anklam hat seine Hand und sein Herz. Aber kommen Sie mit in mein Haus, Ihre Ehre hat einen großen Stoß gelitten, das ist der einzige Weg, sie wiederherzustellen. Werden Sie meine Gesellschafterin, und machen Sie sich gefaßt, in einem Jahr keine Mannsperson zu sehen. Sie sollen mir meine Tochter erziehen helfen – kommen Sie, wir wollen gleich zu Ihrer Mutter gehen, und sie um Erlaubnis bitten, daß Sie mit mir fahren dürfen.

Marie (hebt den Kopf rührend aus ihrem Schoß auf). Gnädige Frau – es ist zu spät.

Gräfin (hastig). Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden. Ich setze Ihnen tausend Taler zur Aussteuer aus, ich weiß, daß Ihre Eltern Schulden haben.

Marie (noch immer auf den Knien halb rückwärts fallend, mit gefaltenen Händen). Ach, gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich mich drüber bedenke – daß ich alles das meiner Mutter vorstelle.

Gräfin. Gut, liebes Kind, tun Sie Ihr Bestes – Sie sollen Zeitvertreib genug bei mir haben, ich will Sie im Zeichnen, Tanzen und Singen unterrichten lassen.

Marie (fällt auf ihr Gesicht). O gar zu, gar zu gnädige Frau!

Gräfin. Ich muß fort – Ihre Mutter würde mich in einem wunderlichen Zustand antreffen. (Geht schnell ab, sieht noch durch die Tür hinein nach Marien, die noch immer wie im Gebet liegt.) Adieu, Kind! (Ab.)

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