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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Zweiter Akt

Erste Szene

In Armentieres.

Haudy und Stolzius spazieren an der Lys.

Haudy. Er muß sich dadurch nicht gleich ins Bockshorn jagen lassen, guter Freund! ich kenne den Desportes, er ist ein Spitzbube, der nichts sucht, als sich zu amüsieren, er wird Ihm darum seine Braut nicht gleich abspenstig machen wollen.

Stolzius. Aber das Gerede, Herr Major! Stadt und Land ist voll davon. Ich könnte mich den Augenblick ins Wasser stürzen, wenn ich dem Ding nachdenke.

Haudy (faßt ihn unteren Arm). Er muß sich das nicht so zu Herzen gehn lassen, zum Teufel! Man muß viel über sich reden lassen in der Welt. Ich bin Sein bester Freund, das kann Er versichert sein, und ich würd' es Ihm gewiß sagen, wenn Gefahr dabei wäre. Aber es ist nichts, Er bildet sich das nur so ein, mach Er nur, daß die Hochzeit noch diesen Winter sein kann, solange wir noch hier in Garnison liegen, und macht Ihm der Desportes alsdenn die geringste Unruhe, so bin ich Sein Mann, es soll Blut kosten, das versichere ich Ihn. Unterdessen kehr Er sich ans Gerede nicht, Er weiß wohl, die Jungfern, die am bravsten sind, von denen wird das meiste dumme Zeug räsoniert, das ist ganz natürlich, daß sich die jungen Fats zu rächen suchen, die nicht haben ankommen können.

Zweite Szene

Das Kaffeehaus.

Eisenhardt und Pirzel im Vordergrunde, auf einem Sofa und trinken Kaffee. Im Hintergrunde eine Gruppe Officiers schwatzend und lachend.

Eisenhardt (zu Pirzel). Es ist lächerlich, wie die Leute alle um den armen Stolzius herschwärmen, wie Fliegen um einen Honigkuchen. Der zupft ihn da, der stößt ihn hier, der geht mit ihm spazieren, der nimmt ihn mit ins Cabriolet, der spielt Billard mit ihm, wie Jagdhunde die Witterung haben. Und wie augenscheinlich sein Tuchhandel zugenommen hat, seitdem man weiß, daß er die schöne Jungfer heuraten wird, die neulich hier durchgegangen.

Pirzel (faßt ihn an die Hand mit viel Energie). Woher kommt's, Herr Pfarrer? Daß die Leute nicht denken. (Steht auf in einer sehr malerischen Stellung, halb nach der Gruppe zugekehrt.) Es ist ein vollkommenstes Wesen. Dieses vollkommenste Wesen kann ich entweder beleidigen, oder nicht beleidigen.

Einer aus der Gesellschaft (kehrt sich um). Nun fängt er schon wieder an?

Pirzel (sehr eifrig). Kann ich es beleidigen, (kehrt sich ganz gegen die Gesellschaft) so würde es aufhören, das Vollkommenste zu sein.

Ein andrer aus der Gesellschaft. Ja, ja, Pirzel, du hast recht, du hast ganz recht.

Pirzel (kehrt sich geschwind zum Feldprediger). Kann ich es nicht beleidigen – (Faßt ihn an die Hand, und bleibt stockstill in tiefen Gedanken.)

Zwei, drei aus dem Haufen. Pirzel, zum Teufel! redest du mit uns?

Pirzel (kehrt sich sehr ernsthaft zu ihnen). Meine liebe Kameraden, ihr seid verehrungswürdige Geschöpfe Gottes, also kann ich euch nicht anders als respektieren und hochachten, ich bin auch ein Geschöpf Gottes, also müßt ihr mich gleichfalls in Ehren halten.

Einer. Das wollten wir dir auch raten.

Pirzel (kehrt sich wieder zum Pfarrer). Nun –

Eisenhardt. Herr Hauptmann, ich bin in allen Stücken Ihrer Meinung. Nur war die Frage, wie es den Leuten in den Kopf gebracht werden könnte, vom armen Stolzius abzulassen, und nicht Eifersucht und Argwohn in zwei Herzen zu werfen, die vielleicht auf ewig einander glücklich gemacht haben würden.

Pirzel (der sich mittlerweile gesetzt hatte, steht wieder sehr hastig auf). Wie ich Ihnen die Ehre und das Vergnügen hatte zu sagen, Herr Pfarrer! das macht, weil die Leute nicht denken. Denken, denken, was der Mensch ist, das ist ja meine Rede. (Faßt ihn an die Hand.) Sehen Sie, das ist Ihre Hand, aber was ist das, Haut, Knochen, Erde, (klopft ihm auf den Puls) da, da steckt es, das ist nur die Scheide, da steckt der Degen drein, im Blut, im Blut – (Sieht sich plötzlich herum, weil Lärm wird.)

(Haudy tritt herein mit großem Geschrei.)

Haudy. Leute, nun hab ich ihn, es ist der frömmste Herrgott von der Welt. (Brüllt entsetzlich.) Madam Roux! gleich lassen Sie Gläser schwenken, und machen uns guten Punsch zurecht. Er wird gleich hier sein, ich bitte euch, geht mir artig mit dem Menschen um.

Eisenhardt (blickt sich vor). Wer, Herr Major, wenn's erlaubt ist –

Haudy (ohne ihn anzusehen). Nichts, ein guter Freund von mir.

(Die ganze Gesellschaft drängt sich um Haudy.)

Einer. Hast du ihn ausgefragt, wird die Hochzeit bald sein?

Haudy. Leute, ihr müßt mich schaffen lassen, sonst verderbt ihr mir den ganzen Handel. Er hat ein Zutrauen zu mir, sag ich euch, wie zum Propheten Daniel, und wenn einer von euch sich darein mengt, so ist alles verschissen. Er ist ohnedem eifersüchtig genug, das arme Herz; der Desportes macht ihm grausam zu schaffen, und ich hab ihn mit genauer Not gehalten, daß er nicht ins Wasser sprang. Mein Pfiff ist, ihm Zutrauen zu seinem Weibe beizubringen, er muß sie wohl kennen, daß sie keine von den sturmfesten ist. Das sei euch also zur Nachricht, daß ihr mir den Menschen nicht verderbt.

Rammler. Was willst du doch reden, ich kenn ihn besser als du, er hat eine feine Nase, das glaub du mir nur.

Haudy. Und du eine noch feinere, merk ich.

Rammler. Du meinst, das sei das Mittel, sich bei ihm einzuschmeicheln, wenn man ihm Gutes von seiner Braut sagt. Du irrst dich, ich kenn ihn besser, grad das Gegenteil. Er stellt sich, als ob er dir's glaubte, und schreibt es sich hinter die Ohren. Aber wenn man ihm seine Frau verdächtig macht, so glaubt er, daß wir's aufrichtig mit ihm meinen –

Haudy. Mit deiner erhabenen Politik, Rotnase! Willst du dem Kerl den Kopf toll machen, meinst du, er hat nicht Grillen genug drin. Und wenn er sie sitzen läßt, oder sich aufhängt – so hast du's darnach. Nicht wahr, Herr Pfarrer, eines Menschen Leben ist doch kein Pfifferling?

Eisenhardt. Ich menge mich in Ihren Kriegsrat nicht.

Haudy. Sie müssen mir aber doch recht geben?

Pirzel. Meine werten Brüder und Kameraden, tut niemand Unrecht. Eines Menschen Leben ist ein Gut, das er sich nicht selber gegeben hat. Nun aber hat niemand ein Recht auf ein Gut, das ihm von einem andern ist gegeben worden. Unser Leben ist ein solches Gut –

Haudy (faßt ihn an die Hand). Ja, Pirzel, du bist der bravste Mann, den ich kenne, (setzt sich zwischen ihn und den Pfarrer) aber der Jesuit (den Pfarr umarmend) der gern selber möchte Hahn im Korbe sein.

Rammler (setzt sich auf die andere Seite zum Pfarrer, und zischelt ihm in die Ohren). Herr Pfarrer, Sie sollen nur sehen, was ich dem Haudy für einen Streich spielen werde.

(Stolzius tritt herein. Haudy springt auf.)

Haudy. Ach, mein Bester! kommen Sie, ich habe ein gut Glas Punsch für uns bestellen lassen, der Wind hat uns vorhin so durchgeweht. (Führt ihn an einen Tisch.)

Stolzius (den Hut abziehend zu den übrigen). Meine Herren, Sie werden mir vergeben, daß ich so dreist bin, auf Ihr Kaffeehaus zu kommen, es ist auf Befehl des Herrn Major geschehen.

(Alle ziehen die Hüte ab, sehr höflich, und schneiden Komplimenten. Rammler steht auf, und geht näher.)

Rammler. O gehorsamer Diener, es ist uns eine besondere Ehre.

Stolzius (rückt noch einmal den Hut, etwas kaltsinnig, und setzt sich zu Haudy). Es geht ein so scharfer Wind draußen, ich meine, wir werden Schnee bekommen.

Haudy (eine Pfeife stopfend). Ich glaub es auch. – Sie rauchen doch, Herr Stolzius?

Stolzius. Ein wenig!

Rammler. Ich weiß nicht, wo denn unser Punsch bleibt, Haudy, (steht auf) was die verdammte Roux so lange macht.

Haudy. Bekümmere dich um deine Sachen. (Brüllt mit einer erschrecklichen Stimme.) Madam Roux! Licht her – und unser Punsch, wo bleibt er?

Stolzius. O mein Herr Major, als ich Ihnen Ungelegenheit machen sollte, würd' es mir sehr von Herzen leid tun.

Haudy. Ganz. und gar nicht, lieber Freund, (präsentiert ihm die Pfeife) die Lysluft kann doch wahrhaftig der Gesundheit nicht gar zu zuträglich sein.

Rammler (setzt sich zu ihnen an den Tisch). Haben Sie neulich Nachrichten aus Lille gehabt. Wie befindet sich Ihre Jungfer Braut. (Haudy macht ihm ein Paar fürchterliche Augen, er bleibt lächelnd sitzen.)

Stolzius (verlegen). Zu Ihren Diensten, mein Herr aber ich bitte gehorsamst um Verzeihung, ich weiß noch von keiner Braut, ich habe keine.

Rammler. Die Jungfer Wesener aus Lille, ist sie nicht Ihre Braut? Der Desportes hat es mir doch geschrieben, daß Sie verlobt wären.

Stolzius. Der Herr Desportes müßte es denn besser wissen, als ich.

Haudy (rauchend). Der Rammler schwatzt immer in die Welt hinein, ohne zu wissen, was er red't und was er will.

Einer aus dem Haufen. Ich versichere Ihnen, Herr Stolzius, Desportes ist ein ehrlicher Mann.

Stolzius. Daran habe ich ja gar nicht gezweifelt.

Haudy. Ihr Leute wißt viel vom Desportes. Wenn ihn ein Mensch kennen kann, so muß ich es doch wohl sein, er ist mir von seiner Mutter rekommandiert worden, als er ans Regiment kam, und hat nichts getan, ohne mich zu Rat zu ziehen. Aber ich versichere Ihnen, Herr Stolzius, daß Desportes ein Mensch ist, der Sentiment und Religion hat.

Rammler. Und wir sind Schulkameraden miteinander gewesen. Keinen blödern Menschen mit dem Frauenzimmer habe ich noch in meinem Leben gesehen.

Haudy. Das ist wahr, darin hat er recht. Er ist nicht imstande, ein Wort hervorzubringen, sobald ihn ein Frauenzimmer freundlich ansieht.

Rammler (mit einer pedantisch plumpen Verstellung). Ich glaube in der Tat – wo mir recht ist – ja es ist wahr, er korrespondiert noch mit ihr, ich habe den Tag seiner Abreise einen Brief gelesen, den er an eine Mademoiselle in Brüssel schrieb, in die er ganz zum Erstaunen verliebt war. Er wird sie wohl nun bald heuraten, denke ich.

Einer aus der Gesellschaft. Ich kann nur nicht begreifen, was er so lang in Lille macht.

Haudy. Wetter Element, wo bleibt unser Punsch denn – Madam Roux!!!

Rammler. In Lille? O das kann euch niemand erklären, als ich. Denn ich weiß um alle seine Geheimnisse. Aber es läßt sich nicht öffentlich sagen.

Haudy (verdrüßlich). So sag heraus, Narre! was hältst du hinter dem Berge.

Rammler (lächelnd). Ich kann euch nur so viel sagen, daß er eine Person dort erwartet, mit der er in der Stille fortreisen will.

Stolzius (steht auf und legt die Pfeile weg). Meine Herren, ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen.

Haudy (erschrocken). Was ist – wohin liebster Freund – wir werden den Augenblick bekommen.

Stolzius. Sie nehmen mir's nicht übel – mir ist den Moment etwas zugestoßen.

Haudy. Was denn? – Der Punsch wird Ihnen guttun, ich versichere Sie.

Stolzius. Daß ich mich nicht wohl befinde, lieber Herr Major. Sie werden mir verzeihen – erlauben Sie – aber ich kann keinen Augenblick länger hierbleiben, oder ich falle um –

Haudy. Das ist die Rheinluft – oder war der Tabak zu stark?

Stolzius. Leben Sie wohl. (Geht wankend ab.)

Haudy. Da haben wir's. Mit euch verfluchten Arschgesichtern!

Rammler. Ha, ha, ha, ha – (Besinnt sich eine Weile, herumgehend.) Ihr dummen Teufels, seht ihr denn nicht, daß ich das alles mit Fleiß angestellt habe – Herr Pfarrer, hab ich's Ihnen nicht gesagt?

Eisenhardt. Lassen Sie mich aus dem Spiel, ich bitte Sie.

Haudy. Du bist eine politische Gans, ich werde dir das Genick umdrehen.

Rammler. Und ich brech dir Arm und Bein entzwei, und werf sie zum Fenster hinaus. (Spaziert throsonisch umher.) Ihr kennt meine Finten noch nicht.

Haudy. Ja du steckst voll Finten, wie ein alter Pelz voll Läuse. Du bist ein Kerl zum Speien mit deiner Politik.

Rammler. Und ich pariere, daß ich dich und all euch Leute hier beim Stolzius in Sack stecke, wenn ich's darauf ansetze.

Haudy. Hör, Rammler! es ist nur schade, daß du ein bißchen zu viel Verstand bekommen hast, denn er macht sich selber zunicht, es geht dir, wie einer allzuvollen Bouteille, die man umkehrt, und doch kein Tropfen herausläuft, weil einer dem andern im Wege steht. Geh, geh, wenn ich eine Frau habe, geb ich dir die Erlaubnis, bei ihr zu schlafen, wenn du sie dahin bringen kannst.

Rammler (sehr schnell auf und ab gehend). Ihr sollt nur sehen, was ich aus dem Stolzius noch machen will. (Ab.)

Haudy. Der Kerl macht einem das Gallenfieber mit seiner Dummheit. Er kann nichts als andern Leuten das Konzept verderben.

Einer. Das ist wahr, er mischt sich in alles.

Mary. Er hat den Kopf immer voll Intrigen und Ränken, und meint, andere Leute können ebensowenig darohne leben, als er. Letzt sagt' ich dem Reitz ins Ohr, er möcht' mir doch auf morgen seine Sporen leihen, ist er mir nicht den ganzen Tag nachgegangen, und hat mich um Gottes willen gebeten, ich möcht' ihm sagen, was wir vorhätten. Ich glaub, es ist ein Staatsmann an ihm verdorben.

Ein andrer. Neulich stellt' ich mich an ein Haus, einen Brief im Schatten zu lesen, er meinte gleich, es wär' ein Liebesbrief, der mir aus dem Hause wär' herabgeworfen worden, und ist die ganze Nacht bis um zwölf Uhr um das Haus herumgeschlichen. Ich dachte, ich sollte aufbersten für Lachen, es wohnt ein alter Jude von sechzig Jahren in dem Hause, und er hatte überall an die Straße Schildwachten ausgestellt, die mir auflauren sollten, und ihm ein Zeichen geben, wenn ich hereinginge. Ich habe einem von den Kerls mit drei Livres das ganze Geheimnis abgekauft; ich dacht', ich sollte rasend werden.

Alle. Ha, ha, ha, und er meint', es sei ein hübsch Mädchen drin.

Mary. Hört einmal, wollt ihr einen Spaß haben, der echt ist, so wollen wir den Juden avertieren, es sei einer da, der Absichten auf sein Geld habe.

Haudy. Recht, recht, daß euch die Schwerenot, wollen wir gleich zu ihm gehen. Das soll uns eine Komödie geben, die ihresgleichen nicht hat. Und du, Mary, bring ihn nur immer mehr auf die Gedanken, daß da die schönste Frau in ganz Armentieres wohnt, und daß Gilbert dir anvertraut hat, er werde diese Nacht zu ihr gehn.

Dritte Szene

In Lille.

Marie weinend auf einem Lehnstuhl, einen Brief in der Hand. Desportes tritt herein.

Desportes. Was fehlt Ihnen, mein goldnes Mariel, was haben Sie?

Marie (will den Brief in die Tasche stecken). Ach –

Desportes. Ums Himmels willen, was ist das für ein Brief, der Ihnen Tränen verursachen kann?

Marie (etwas leiser). Sehen Sie nur, was mir der Mensch, der Stolzius, schreibt, recht als ob er ein Recht hätte, mich auszuschelten. (Weint wieder.)

Desportes (liest stille). Das ist ein impertinenter Esel. Aber sagen Sie mir, warum wechseln Sie Briefe mit solch einem Hundejungen?

Marie (trocknet sich die Augen). Ich will Ihnen nur sagen, Herr Baron, es ist, weil er angehalten hat um mich, und ich ihm schon so gut als halb versprochen bin.

Desportes. Er um Sie angehalten? Wie darf sich der Esel das unterstehen? Warten Sie, ich will ihm den Brief beantworten.

Marie. Ja, mein lieber Herr Baron! Und Sie können nicht glauben, was ich mit meinem Vater auszustehen habe, er liegt mir immer in den Ohren, ich soll mir mein Glück nicht verderben.

Desportes. Ihr Glück – mit solch einem Lümmel. Was denken Sie doch, liebstes Mariel, und was denkt Ihr Vater? Ich kenne ja des Menschen seine Umstände. Und kurz und gut, Sie sind für keinen Bürger gemacht.

Marie. Nein, Herr Baron, davon wird nichts, das sind nur leere Hoffnungen, mit denen Sie mich hintergehen. Ihre Familie wird das nimmermehr zugeben.

Desportes. Das ist meine Sorge. Haben Sie Feder und Dinte, ich will dem Lumpenhund seinen Brief beantworten, warten Sie einmal.

Marie. Nein, ich will selber schreiben. (Setzt sich an den Tisch, und macht das Schreibzeug zurecht, er stellt sich ihr hinter die Schulter.)

Desportes. So will ich Ihnen diktieren.

Marie. Das sollen Sie auch nicht. (Schreibt..)

Desportes (liest ihr über die Schulter). Monsieur – Flegel setzen Sie dazu. (Tunkt eine Feder ein und will dazu schreiben.)

Marie (beide Arme über den Brief ausbreitend). Herr Baron – (Sie fangen an zu scheckern, sobald sie den Arm rückt, macht er Miene zu schreiben, nach vielem Lachen gibt sie ihm mit der nassen Feder eine große Schmarre übers Gesicht. Er läuft zum Spiegel, sich abzuwischen, sie schreibt fort.)

Desportes. Ich belaure Sie doch. (Er kommt näher, sie droht ihm mit der Feder, endlich steckt sie das Blatt in die Tasche, er will sie daran verhindern, sie ringen zusammen, Marie kützelt ihn, er macht ein erbärmliches Geschrei, bis er endlich halb atemlos auf den Lehnstuhl fällt.)

Wesener (tritt herein). Na, was gibt's – die Leute von der Straße werden bald hereinkommen.

Marie (erholt sich). Papa, denkt doch, was der grobe Flegel, der Stolzius, mit für einen Brief schreibt, er nennt mich Ungetreue! denk doch, als ob ich die Säue mit ihm gehütet hätte; aber ich will ihm antworten darauf, daß er sich nicht vermuten soll, der Grobian.

Wesener. Zeig mir her den Brief – ei sieh doch die Jungfer Zipfersaat – ich will ihn unten im Laden lesen. (Ab.)

(Jungfer Zipfersaat tritt herein.)

Marie (hier und da launigt herumknicksend). Jungfer Zipfersaat, hier hab ich die Ehre, dir einen Baron zu präsentieren, der sterblich verliebt in dich ist. Hier, Herr Baron, ist die Jungfer, von der wir so viel gesprochen haben, und in die Sie sich neulich in der Komödie so sterblich verschameriert haben.

Jungfer Zipfersaat (beschämt). Ich weiß nicht, wie du bist, Mariel.

Marie (einen tiefen Knicks). Jetzt können Sie Ihre Liebesdeklaration machen. (Läuft ab, die Kammertür hinter sich zuschlagend. Jungfer Zipfersaat ganz verlegen tritt ans Fenster. Desportes, der sie verächtlich angesehen, paßt auf Marien, die von Zeit zu Zeit die Kammertür ein wenig eröffnet. Endlich steckt sie den Kopf heraus: höhnisch.) Na, seid ihr bald fertig?

(Desportes sucht sich zwischen die Tür einzuklemmen, Marie sticht ihn mit einer großen Stecknadel fort, er schreit und läuft plötzlich heraus, um durch eine andere Tür in jenes Zimmer zu kommen. Jungfer Zipfersaat geht ganz verdrüßlich fort, derweil das Geschrei und Gejauchz im Nebenzimmer fortwährt.
Weseners alte Mutter kriecht durch die Stube, die Brille auf der Nase, setzt sich in eine Ecke des Fensters, und strickt und singt, oder krächzt vielmehr mit ihrer alten rauhen Stimme.)

Ein Mädele jung ein Würfel ist,
Wohl auf den Tisch gelegen:
Das kleine Rösel aus Hennegau
Wird bald zu Gottes Tisch gehen.
(Zählt die Maschen ab.)
Was lächelst so froh mein liebes Kind,
Dein Kreuz wird dir'n schon kommen.
Wenn's heißt, das Rösel aus Hennegau
Hab' nun einen Mann genommen.
O Kindlein mein, wie tut's mir so weh,
Wie dir dein Äugelein lachen,
Und wenn ich die tausend Tränelein seh,
Die werden dein Bäckelein waschen.

(Indessen dauert das Geschecker im Nebenzimmer fort. Die alte Frau geht hinein, sie zu berufen.)

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