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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Erster Akt

Erste Szene

In Lille.

Marie. Charlotte.

Marie (mit untergestütztem Kopf einen Brief schreibend). Schwester, weißt du nicht, wie schreibt man Madam, Mama, tamm tamm, me me.

Charlotte (sitzt und spinnt). So 'st recht.

Marie. Hör, ich will dir vorlesen, ob's so angeht, wie ich schreibe: »Meine liebe Matamm! Wir sein gottlob glücklich in Lille arriviert«, ist's so recht arriviert, a r ar, r i e w wiert?

Charlotte. So 'st recht.

Marie. »Wir wissen nicht, womit die Gütigkeit nur verdient haben, womit uns überschüttet, wünschte nur imstand zu sein« – ist so recht?

Charlotte. So lies doch, bis der Verstand aus ist.

Marie. Ihro alle die Politessen und Höflichkeit wiederzuerstatten. Weil aber es noch nicht in unsern Kräften steht, als bitten um fernere Continuation.

Charlotte. Bitten wir um fernere.

Marie. Laß doch sein, was fällst du mir in die Rede.

Charlotte. Wir bitten um fernere Continuation.

Marie. Ei, was redst du doch, der Papa schreibt ja auch so. (Macht alles geschwind wieder zu, und will den Brief versiegeln.)

Charlotte. Nu, so les' Sie doch aus.

Marie. Das übrige geht dich nichts an. Sie will allesfort klüger sein, als der Papa; letzthin sagte der Papa auch, es wäre nicht höflich, wenn man immer wir schriebe, und ich und so dergleichen. (Siegelt zu.) Da Steffen (gibt ihm Geld) tragt den Brief auf die Post.

Charlotte. Sie wollt' mir den Schluß nicht vorlesen, gewiß hat Sie da was Schönes vor den Herrn Stolzius.

Marie. Das geht dich nichts an.

Charlotte. Nu seht doch, bin ich denn schon schalu darüber gewesen? Ich hätt' ja ebensogut schreiben können, als du, aber ich habe dir das Vergnügen nicht berauben wollen, deine Hand zur Schau zu stellen.

Marie. Hör, Lotte, laß mich zufrieden mit dem Stolzius, ich sag dir's, oder ich geh gleich herunter, und klag's dem Papa.

Charlotte. Denk doch, was mach ich mir daraus, er weiß ja doch, daß du verliebt in ihn bist, und daß du's nur nicht leiden kannst, wenn ein andrer ihn nur mit Namen nennt.

Marie. Lotte. (Fängt an zu weinen und läuft herunter.)

Zweite Szene

In Armentieres.

Stolzius und seine Mutter.

Stolzius (mit verbundenem Kopf). Mir ist nicht wohl, Mutter!

Mutter (steht eine Weile und sieht ihn an). Nu, ich glaube, Ihm steckt das verzweifelte Mädel im Kopf, darum tut er Ihm so weh. Seit sie weggereist ist, hat Er keine vergnügte Stunde mehr.

Stolzius. Aus Ernst, Mutter, mir ist nicht recht.

Mutter. Nu, wenn du mir gute Worte gibst, so will ich dir das Herz wohl leichter machen (Zieht einen Brief heraus.)

Stolzius (springt auf). Sie hat Euch geschrieben?

Mutter. Da, kannst du's lesen. (Stolzius reißt ihn ihr aus der Hand, und verschlingt den Brief mit den Augen.) Aber hör, der Obriste will das Tuch ausgemessen haben für die Regimenter.

Stolzius. Laßt mich den Brief beantworten, Mutter.

Mutter. Hanns Narr, ich rede vom Tuch, das der Obrist' bestellt hat für die Regimenter. Kommt denn –

Dritte Szene

In Lilie.

Marie. Desportes.

Desportes. Was machen Sie denn da, meine göttliche Mademoiselle?

Marie (die ein Buch weiß Papier vor sich liegen hat, auf dem sie kritzelte, steckt schnell die Feder hinters Ohr). O nichts, nichts, gnädiger Herr – (Lächelnd.) Ich schreib gar zu gern.

Desportes. Wenn ich nur so glücklich wäre, einen von Ihren Briefen, nur eine Zeile von Ihrer schönen Hand zu sehen.

Marie. O verzeihen Sie mir, ich schreibe gar nicht schön, ich schäme mich von meiner Schrift zu weisen.

Desportes. Alles, was von einer solchen Hand kommt, muß schön sein.

Marie. O Herr Baron, hören Sie auf, ich weiß doch, daß das alles nur Komplimenten sein.

Desportes (kniend). Ich schwöre Ihnen, daß ich noch in meinem Leben nichts Vollkommeners gesehen habe, als Sie sind.

Marie (strickt, die Augen auf ihre Arbeit niedergeschlagen). Meine Mutter hat mir doch gesagt – sehen Sie, wie falsch Sie sind.

Desportes. Ich falsch? Können Sie das von mir glauben, göttliche Mademoiselle? Ist das falsch, wenn ich mich vom Regiment wegstehle, da ich mein Semester doch verkauft habe, und jetzt riskiere, daß, wenn man erfährt, daß ich nicht bei meinen Eltern bin, wie ich vorgab, man mich in Prison wirft, wenn ich wiederkomme, ist das falsch, nur um das Glück zu haben, Sie zu sehen, Vollkommenste?

Marie (wieder auf ihre Arbeit sehend). Meine Mutter hat mir doch oft gesagt, ich sei noch nicht vollkommen ausgewachsen, ich sei in den Jahren, wo man weder schön noch häßlich ist.

(Wesener tritt herein.)

Wesener. Ei, sieh doch! gehorsamer Diener, Herr Baron, wie kommt's denn, daß wir wieder einmal die Ehre haben. (Umarmt ihn.)

Desportes. Ich bin nur auf einige Wochen hier, einen meiner Verwandten zu besuchen, der von Brüssel angekommen ist.

Wesener. Ich bin nicht zu Hause gewesen, werden verzeihen, mein Mariel wird Sie ennuyiert haben; wie befinden sich denn die werten Eltern, werden die Tabatieren doch erhalten haben –

Desportes. Ohne Zweifel, ich bin nicht bei ihnen gewesen, wir werden auch noch eine Rechnung miteinander haben, Vaterchen.

Wesener. O das hat gute Wege, es ist ja nicht das erstemal. Die gnädige Frau sind letzten Winter nicht zu unserm Karneval herabgekommen.

Desportes. Sie befindet sich etwas unpaß – Waren viel Bälle?

Wesener. So, so, es ließ sich noch halten – Sie wissen, ich komme auf keinen, und meine Töchter noch weniger.

Desportes. Aber ist denn das auch erlaubt, Herr Wesener, daß Sie Ihren Töchtern alles Vergnügen so versagen, wie können sie dabei gesund bleiben?

Wesener. O wenn sie arbeiten, werden sie schon gesund bleiben. Meinem Mariel fehlt doch, Gott sei Dank, nichts, und sie hat immer rote Backen.

Marie. Ja, das läßt sich der Papa nicht ausreden, und ich krieg doch so bisweilen so eng um das Herz, daß ich nicht weiß, wo ich vor Angst in der Stube bleiben soll.

Desportes. Sehn Sie, Sie gönnen Ihrer Mademoiselle Tochter kein Vergnügen, und das wird noch einmal Ursach sein, daß sie melancholisch werden wird.

Wesener. Ei was, sie hat Vergnügen genug mit ihren Kamerädinnen, wenn sie zusammen sind, hört man sein eigen Wort nicht.

Desportes. Erlauben Sie mir, daß ich die Ehre haben kann, Ihre Mademoiselle Tochter einmal in die Komödie zu führen. Man gibt heut ein ganz neues Stück.

Marie. Ach Papa!

Wesener. Nein – Nein, durchaus nicht, Herr Baron! Nehmen Sie mir's nicht ungnädig, davon kein Wort mehr. Meine Tochter ist nicht gewohnt, in die Komödie zu gehen, das würde nur Gerede bei den Nachbarn geben, und mit einem jungen Herrn von den Milizen dazu.

Desportes. Sie sehen, ich bin im Bürgerskleide, wer kennt mich.

Wesener. Tant pis! ein für allemal, es schickt sich mit keinem jungen Herren; und denn ist es auch noch nicht einmal zum Tisch des Herrn gewesen, und soll schon in die Komödie und die Staatsdame machen. Kurz und gut, ich erlaube es nicht, Herr Baron.

Marie. Aber Papa, wenn den Herrn Baron nun niemand kennt?

Wesener (etwas leise). Willstu's Maul halten? Niemand kennt, tant pis wenn ihn niemand kennt. Werden pardonieren, Herr Baron! so gern als Ihnen den Gefallen tun wollte, in allen andern Stücken haben zu befehlen.

Desportes. A propos, lieber Wesener! wollten Sie mir doch nicht einige von Ihren Zitternadeln weisen?

Wesener. Sogleich. (Geht heraus.)

Desportes. Wissen Sie was, mein englisches, mein göttliches Mariel, wir wollen Ihrem Vater einen Streich spielen. Heut geht es nicht mehr an, aber übermorgen geben sie ein fürtreffliches Stück, »La chercheuse d'esprit«, und die erste Piece ist der Deserteur – haben Sie hier nicht eine gute Bekannte?

Marie. Frau Weyher.

Desportes. Wo wohnt sie?

Marie. Gleich hier, an der Ecke beim Brunnen.

Desportes. Da komm ich hin, und da kommen Sie auch hin, so gehn wir miteinander in die Komödie.

(Wesener kommt mit einer großen Schachtel Zitternadeln. Marie winkt Desportes lächelnd zu.)

Wesener. Sehen Sie, da sind zu allen Preisen – Diese zu hundert Talern, diese zu funfzig, diese zu hundertfunfzig, wie es befehlen.

Desportes (besieht eine nach der andern, und weist die Schachtel Marien). Zu welcher rieten Sie mir? (Marie lächelt, und sobald der Vater beschäftigt ist, eine herauszunehmen, winkt sie ihm zu.)

Wesener. Sehen Sie, die spielt gut, auf meine Ehr'.

Desportes. Das ist wahr. (Hält sie Marien an den Kopf.) Sehen Sie auf so schönem Braun, was das für eine Wirkung tut. O hören Sie, Herr Wesener, sie steht Ihrer Tochter gar zu schön, wollen Sie mir die Gnade tun, und sie behalten.

Wesener (gibt sie ihm lächelnd zurück). Ich bitte Sie, Herr Baron, das geht nicht an – meine Tochter hat noch in ihrem Leben keine Präsente von den Herren angenommen.

Marie (die Augen fest auf ihre Arbeit geheftet). Ich würde sie auch zudem nicht haben tragen können, sie ist zu groß für meine Frisur.

Desportes. So will ich sie meiner Mutter schicken. (Wickelt sie sorgfältig ein.)

Wesener (indem er die andern einschachtelt, brummt etwas heimlich zu Marien). Zitternadel du selber, sollst in deinem Leben keine auf den Kopf bekommen, das ist kein Tragen für dich. (Sie schweigt still und arbeitet fort.)

Desportes. So empfehle ich mich denn, Herr Wesener! Eh' ich wegreise, machen wir richtig.

Wesener. Das hat gute Wege, Herr Baron, das hat gute Wege, sein Sie so gütig, und tun uns einmal wieder die Ehre an.

Desportes. Wenn Sie mir's erlauben wollen – Adieu Jungfer Marie! (Geht ab.)

Marie. Aber sag Er mir doch, Papa, wie ist Er denn auch?

Wesener. Na, hab ich dir schon wieder nicht recht gemacht. Was verstehst du doch von der Welt, dummes Keuchel.

Marie. Er hat doch gewiß ein gutes Gemüt, der Herr Baron.

Wesener. Weil er dir ein paar Schmeicheleien und so und so – Einer ist so gut wie der andere, lehr du mich die jungen Milizen nit kennen. Da laufen sie in alle Aubergen und in alle Kaffeehäuser, und erzählen sich, und eh' man sich's versieht, wips ist ein armes Mädel in der Leute Mäuler. Ja, und mit der und der Jungfer ist's auch nicht zum besten bestellt, und die und die kenne ich auch, und die hätt' ihn auch gern –

Marie. Papa. (Fängt an zu weinen.) Er ist auch immer so grob.

Wesener (klopft sie auf die Backen). Du mußt mir das so übel nicht nehmen, du bist meine einzige Freude, Narr, darum trag ich auch Sorge für dich.

Marie. Wenn Er mich doch nur wollte für mich selber sorgen lassen. Ich bin doch kein klein Kind mehr.

Vierte Szene

In Armentieres.

Der Obriste Graf Spannheim am Tisch mit seinem Feldprediger, einem jungen Grafen, seinem Vetter, und dessen Hofmeister, Haudy, Untermajor, Mary und andern Officiers.

Der junge Graf. Ob wir nicht bald wieder eine gute Truppe werden herbekommen?

Haudy. Das wäre zu wünschen, besonders für unsere junge Herren. Man sagt, Godeau hat herkommen wollen.

Hofmeister. Es ist doch in der Tat nicht zu leugnen, daß die Schaubühne eine fast unentbehrliche Sache für eine Garnison ist, c'est à dire eine Schaubühne, wo Geschmack herrscht, wie zum Exempel auf der französischen.

Eisenhardt. Ich sehe nicht ab, wo der Nutzen stecken sollte.

Obrister. Das sagen Sie wohl nur so, Herr Pastor, weil Sie die beiden weißen Läppgen unterm Kinn haben, ich weiß, im Herzen denken Sie anders.

Eisenhardt. Verzeihen Sie, Herr Obriste! ich bin nie Heuchler gewesen, und wenn das ein notwendiges Laster für unsern Stand wäre, so dächt' ich, wären doch die Feldprediger davon wohl ausgenommen, da sie mit vernünftge Leuten zu tun haben. Ich liebe das Theater selber, und gehe gern hinein, ein gutes Stück zu sehen, aber deswegen glaube ich noch nicht, daß es ein so heilsames Institut für das Corps Officiers sei.

Haudy. Aber um Gottes willen, Herr Pfaff oder Herr Pfarr, wie Sie da heißen, sagen Sie mir einmal, was für Unordnungen werden nicht vorgebeugt oder abgehalten durch die Komödie. Die Officiers müssen doch einen Zeitvertreib haben?

Eisenhardt. Mit aller Mäßigung, Herr Major! Sagen Sie lieber, was für Unordnungen werden nicht eingeführt unter den Officiers durch die Komödie.

Haudy. Das ist nun wieder so in den Tag hinein räsoniert. Kurz und gut, Herr, (lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf den Tisch) ich behaupte Ihnen hier, daß eine einzige Komödie, und wenn's die ärgste Farce wäre, zehnmal mehr Nutzen, ich sage nicht unter den Officiers allein, sondern im ganzen Staat, angerichtet hat, als alle Predigten zusammengenommen, die Sie und Ihresgleichen in Ihrem ganzen Leben gehalten haben und halten werden.

Obrister (winkt Haudy unwillig). Major!

Eisenhardt. Wenn ich mit Vorurteilen für mein Amt eingenommen wäre, Herr Major, so würde ich böse werden. So aber wollen wir alles das beiseite setzen, weil ich weder Sie noch viele von den Herren für fähig halte, den eigentlichen Nutzen unsers Amts in Ihrem ganzen Leben beurteilen zu können, und wollen nur bei der Komödie bleiben, und den erstaunenden Nutzen betrachten, den sie für die Herren vom Corps haben soll. Ich bitte Sie, beantworten Sie mir eine einzige Frage, was lernen die Herren dort?

Mary. Ei was, muß man denn immer lernen, wir amüsieren uns, ist das nicht genug.

Eisenhardt. Wollte Gott, daß Sie sich bloß amüsierten, daß Sie nicht lernten! So aber ahmen Sie nach, was Ihnen dort vorgestellt wird, und bringen Unglück und Fluch in die Familien.

Obrister. Lieber Herr Pastor, Ihr Enthusiasmus ist löblich, aber er schmeckt nach dem schwarzen Rock, nehmen Sie mir's nicht übel. Welche Familie ist noch je durch einen Officier unglücklich geworden? Daß ein Mädchen einmal ein Kind kriegt, das es nicht besser haben will.

Haudy. Eine Hure wird immer eine Hure, sie gerate unter welche Hände sie will; wird's keine Soldatenhure, so wird's eine Pfaffenhure.

Eisenhardt. Herr Major, es verdrießt mich, daß Sie immer die Pfaffen mit ins Spiel mengen, weil Sie mich dadurch verhindern, Ihnen freimütig zu antworten. Sie könnten denken, es mische sich persönliche Bitterkeit in meine Reden, und wenn ich in Feuer gerate, so schwöre ich Ihnen doch, daß es bloß die Sache ist, von der wir sprechen, nicht Ihre Spöttereien und Anzüglichkeiten über mein Amt. Das kann durch alle dergleichen witzige Einfälle weder verlieren noch gewinnen.

Haudy. Na, so reden Sie, reden Sie, schwatzen Sie, dafür sind wir ja da, wer verbietet es Ihnen?

Eisenhardt. Was Sie vorhin gesagt haben, war ein Gedanke, der eines Nero oder Oglei Oglu Seele würdig gewesen wäre, und auch da bei seiner ersten Erscheinung vielleicht Grausen würde verursacht haben. Eine Hure wird immer eine Hure. Kennen Sie das andere Geschlecht so genau?

Haudy. Herr, Sie werden es mich nicht kennen lehren.

Eisenhardt. Sie kennen es von den Meisterstücken Ihrer Kunst vielleicht; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, eine Hure wird niemals eine Hure, wenn sie nicht dazu gemacht wird. Der Trieb ist in allen Menschen, aber jedes Frauenzimmer weiß, daß sie dem Triebe ihre ganze künftige Glückseligkeit zu danken hat, und wird sie die aufopfern, wenn man sie nicht drum betrügt?

Haudy. Red ich denn von honetten Mädchen?

Eisenhardt. Eben die honetten Mädchen müssen zittern vor Ihren Komödien, da lernen Sie die Kunst, sie malhonett zu machen.

Mary. Wer wird so schlecht denken.

Haudy. Der Herr hat auch ein verfluchtes Maul über die Officiers. Element, wenn mir ein anderer das sagte. Meint Er Herr denn, wir hören auf Honettehommes zu sein, sobald wir in Dienste treten.

Eisenhardt. Ich wünsche Ihnen viel Glück zu diesen Gesinnungen. Solang ich aber noch entretenierte Mätressen und unglückliche Bürgerstöchter sehen werde, kann ich meine Meinung nicht zurücknehmen.

Haudy. Das verdiente einen Nasenstüber.

Eisenhardt (steht auf). Herr, ich trag einen Degen.

Obrister. Major, ich bitt Euch – Herr Eisenhardt hat nicht unrecht, was wollt Ihr von ihm. Und der erste, der ihm zu nahe kommt – setzen Sie sich, Herr Pastor, er soll Ihnen Genugtuung geben. (Haudy geht hinaus.) Aber Sie gehen auch zu weit, Herr Eisenhardt, mit alledem. Es ist kein Officier, der nicht wissen sollte, was die Ehre von ihm fodert.

Eisenhardt. Wenn er Zeit genug hat, dran zu denken. Aber werden ihm nicht in den neuesten Komödien die gröbsten Verbrechen gegen die heiligsten Rechte der Väter und Familien unter so reizenden Farben vorgestellt, den giftigsten Handlungen so der Stachel genommen, daß ein Bösewicht dasteht, als ob er ganz neulich vom Himmel gefallen wäre. Sollte das nicht aufmuntern, sollte das nicht alles ersticken, was das Gewissen aus der Eltern Hause mitgebracht haben kann. Einen wachsamen Vater zu betrügen, oder ein unschuldig Mädchen in Lastern zu unterrichten, das sind die Preisaufgaben, die dort aufgelöst werden.

Haudy (im Vorhause mit andern Officiers: da die Tür aufgeht). Der verfluchte Schwarzrock –

Obrister. Laßt uns ins Kaffeehaus gehn, Pfarrer, Sie sind mir die Revanche im Schach schuldig – und Adjutant! wollten Sie doch den Major Haudy für heut bitten, nicht aus seiner Stube zu gehen. Sagen Sie ihm, ich werde ihm morgen früh seinen Degen selber wiederbringen.

Fünfte Szene

In Lille.

Wesener sitzt und speist zu Nacht mit seiner Frau und ältesten Tochter. Marie tritt ganz geputzt herein.

Marie (fällt ihn um den Hals). Ach Papa! Papa!

Wesener (mit vollem Munde). Was ist's, was fehlt dir?

Marie. Ich kann's Ihm nicht verhehlen, ich bin in der Komödie gewesen. Was das für Dings ist.

Wesener (rückt seinen Stuhl vom Tisch weg, und kehrt das Gesicht ab).

Marie. Wenn Er gesehen hätte, was ich gesehen habe, Er würde wahrhaftig nicht böse sein, Papa. (Setzt sich ihm auf den Schoß.) Lieber Papa, was das für Dings alles durcheinander ist, ich werde die Nacht nicht schlafen können für lauter Vergnügen. Der gute Herr Baron!

Wesener. Was, der Baron hat dich in die Komödie geführt?

Marie (etwas furchtsam). Ja, Papa – lieber Papa!

Wesener (stößt sie von seinem Schoß). Fort von mir, du Luder, – willst die Mätresse vom Baron werden?

Marie (mit dem Gesicht halb abgekehrt, halb weinend). Ich war bei der Weyhern – und da stunden wir an der Tür – (stotternd) und da red't' er uns an.

Wesener. Ja, lüg nur, lüg nur dem Teufel ein Ohr ab – geh mir aus den Augen, du gottlose Seele.

Charlotte. Das hätt' ich dem Papa wollen voraussagen, daß es so gehen würde. Sie haben immer Heimlichkeiten miteinander gehabt, sie und der Baron.

Marie (weinend). Willst du das Maul halten.

Charlotte. Denk doch, vor dir gewiß nicht; will noch kommandieren dazu, und führt sich so auf.

Marie. Nimm dich nur selber in acht mit deinem jungen Herrn Heidevogel. Wenn ich mich so schlecht aufführte, als du.

Wesener. Wollt ihr schweigen? (Zu Mariel.) Fort in deine Kammer, den Augenblick, du sollst heut nicht zu Nacht essen – schlechte Seele! (Marie geht fort.) Und schweig du auch nur, du wirst auch nicht engelrein sein. Meinst du, kein Mensch sieht's, warum der Herr Heidevogel so oft ins Haus kommt?

Charlotte. Das ist alles das Mariel schuld. (Weint.) Die gottsvergeßne Alleweltshure will honette Mädels in Blame bringen, weil sie so denkt.

Wesener (sehr laut). Halt's Maul! Marie hat ein viel zu edles Gemüt, als daß sie von dir reden sollte, aber du schalusierst auf deine eigene Schwester; weil du nicht so schön bist als sie, sollt'st du zum wenigsten besser denken. Schäm dich – (Zur Magd.) Nehmt ab, ich esse nichts mehr. (Schiebt Teller und Serviette fort, wirft sich in einen Lehnstuhl, und bleibt in tiefen Gedanken sitzen.)

Sechste Szene

Mariens Zimmer.

Sie sitzt auf ihrem Bette, hat die Zitternadel in der Hand, und spiegelt damit, in den tiefsten Träumereien. Der Vater tritt herein, sie fährt auf und sucht die Zitternadel zu verbergen.

Marie. Ach Herr Jesus – –

Wesener. Na, so mach Sie doch das Kind nicht. (Geht einigemal auf und ab, dann setzt er sich zu ihr.) Hör, Mariel! du weißt, ich bin dir gut, sei du nur recht aufrichtig gegen mich, es wird dein Schade nicht sein. Sag mir, hat dir der Baron was von der Liebe vorgesagt?

Marie (sehr geheimnisvoll). Papa! – er ist verliebt in mich, das ist wahr. Sieht Er einmal, diese Zitternadel hat er mir auch geschickt.

Wesener. Was tausend Hagelwetter – Potz Mord noch einmal, (nimmt ihr die Zitternadel weg) hab ich dir nicht verboten –

Marie. Aber, Papa, ich kann doch so grob nicht sein, und es ihm abschlagen. Ich sag Ihm, er hat getan, wie wütend, als ich's nicht annehmen wollte, (läuft nach dem Schrank) hier sind auch Verse, die er auf mich gemacht hat. (Reicht ihm ein Papier.)

Wesener (liest laut).
        Du höchster Gegenstand von meinen reinen Trieben.
        Ich bet dich an, ich will dich ewig lieben.
        Weil die Versicherung von meiner Lieb und Treu,
        Du allerschönstes Licht, mit jedem Morgen neu.

Du allerschönstes Licht, ha, ha, ha.

Marie. Wart Er, ich will Ihm noch was weisen, er hat mir auch ein Herzchen geschenkt mit kleinen Steinen besetzt in einem Ring. (Wieder zum Schrank. Der Vater besieht es gleichgültig.)

Wesener (liest noch einmal). Du höchster Gegenstand von meinen reinen Trieben. (Steckt die Verse in die Tasche.) Er denkt doch honett, seh ich. Hör aber, Mariel, was ich dir sage, du mußt kein Präsent mehr von ihm annehmen. Das gefällt mir nicht, daß er dir so viele Präsente macht.

Marie. Das ist sein gutes Herz, Papa.

Wesener. Und die Zitternadel gib mir her, die will ich ihm zurückgeben. Laß mich nur machen, ich weiß schon, was zu deinem Glück dient, ich hab länger in der Welt gelebt, als du, mein' Tochter, und du kannst nur immer allesfort mit ihm in die Komödie gehn, nur nimm jedesmal die Madam Weyher mit, und laß dir nur immer nichts davon merken, als ob ich davon wüßte, sondern sag nur, daß er's recht geheimhält, und daß ich sehr böse werden würde, wenn ich's erführe. Nur keine Präsente von ihm angenommen, Mädel, um Gottes willen!

Marie. Ich weiß wohl, daß der Papa mir nicht übel raten wird. (Küßt ihm die Hand.) Er soll sehn, daß ich Seinem Rat in allen Stücken folgen werde. Und ich werde Ihm alles wiedererzählen, darauf kann Er sich verlassen.

Wesener. Na, so denn. (Küßt sie.) Kannst noch einmal gnädige Frau werden, närrisches Kind. Man kann nicht wissen, was einem manchmal für ein Glück aufgehoben ist.

Marie. Aber, Papa, (etwas leise) was wird der arme Stolzius sagen?

Wesener. Du mußt darum den Stolzius nicht so gleich abschrecken, hör einmal. – Nu, ich will dir schon sagen, wie du den Brief an ihn einzurichten hast. Unterdessen schlaf Sie gesund, Meerkatze.

Marie (küßt ihm die Hand). Gute Nacht, Pappuschka! (Da er fort ist, tut sie einen tiefen Seufzer, und tritt ans Fenster, indem sie sich aufschnürt.) Das Herz ist mir so schwer. Ich glaube, es wird gewittern die Nacht. Wenn es einschlüge – (Sieht in die Höhe, die Hände über ihre offene Brust schlagend.) Gott! was hab ich denn Böses getan? – – Stolzius – ich lieb dich ja noch – aber wenn ich nun mein Glück besser machen kann – und Papa selber mir den Rat gibt, (zieht die Gardine vor) trifft mich's, so trifft mich's, ich sterb nicht anders als gerne. (Löscht ihr Licht aus.)

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