Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/sperl/budiwoj/budiwoj.xml
typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectide1ea1fde
Schließen

Navigation:

Die Marchfeld-Schlacht

In einem Bogen dehnte sich das Lager des böhmischen Königs von Jedenspeigen bis an die March.

Der Tag war nahe. Gegen Morgen, über der March und auf der weiten Pußta, lag grauer Nebel, und über den westlichen Hügeln glänzte noch der fahle Mond. Aber allgemach kam hinter der Pußta, über den hohen ungarischen Waldbergen das Dämmerlicht empor in einem langen, schmalen Streifen. Ein kühler Windhauch strich über das Land heran zu König Ottokars Zelte, griff spielend in den seidenen, weißroten Wimpel und hob ihn kosend. Der flatterte träge, fiel kraftlos an der Stange herab, schlug noch einmal wie im Traume gegen das Holz, hing schlaff da wie zuvor, und der Windhauch des Morgens wehte westwärts gegen die gelben Hügel.

Wok stand auf der Anhöhe vor dem Königszelte und schaute unverwandt gegen Osten. Immer breiter wurde der Streifen. Der Mond ging unter. Wieder kam der kühle Hauch von Osten her, wieder zauste er den Wimpel, strich weiter und verlor sich über dem ungeheuern Bogen des Lagers.

Und das Lager wachte auf: Die Rosse wieherten ringsumher unter dem Königszelte, aus der Ferne kam es gleich einer Antwort, von den Hügeln bis zur March erzitterte die Luft von den wilden Schreien; Posaunen und Hörner tönten darein, und ihr Schall pflanzte sich fort von einem Ende des Lagers ans andere; dreißigtausend Männer hoben die Häupter vom Schilde, die Glieder von der Erde.

Wok stand regungslos und sah, wie sich das Tor des Himmels öffnete, glutrot und golden, wie die Nebel metallisch erglänzten. Er senkte das Haupt, schlug das Kreuz und murmelte: »Ave Maria!«

Gleich glühenden Pfeilen fuhren die ersten Sonnenstrahlen über die Nebel, über die Zelte alle bis hin zu den Hügeln – und es war Tag geworden auf dem Schlachtfelde an der March. –

Im Königszelte erhob sich der Gesang einer Männerstimme.

»Wohlauf, wohlan!
Der Tag geht an –«

sang der Mann da drinnen. »Pilgram!« flüsterte Wok, und seine Gedanken flogen zurück in seine Kindheit und machten Halt bei dem weißhaarigen Greise auf dem Krummenauer Turme.

»Der Tag der tut anschleichen
Den Armen und den Reichen –«

sang der Mann im Zelte.

»Es ist der König!« sagte Wok und lauschte.

Eine Weile war alles stille. Dann setzte der Sänger wieder ein und vollendete das Lied:

»Der helle Tag,
Der scheinen mag –
Gott gebe uns einen glückseligen Tag!«

»Gott gebe uns einen glückseligen Tag!« sang Wok in der wohlbekannten Weise zur Antwort und biß sich auf die Lippe, als der letzte Ton verklang.

Die Purpurtücher der Umfriedigung teilten sich. »Kennst du das schwäbische Wächterlied, Knabe?« fragte der König und trat ins Freie.

Wok stand mit gespreizten Beinen und hielt den Speer zum Gruße und stammelte: »Verzeihet, Herr König! Das Lied habe ich oft von einem alten Manne gehört und habe bei Euerm Gesange an die Krummenau gedacht – und habe mitgesungen.«

»Gott gebe uns einen glückseligen Tag!« wiederholte der König mit starkem Nachdrucke. Dann schaute er über die wallenden, silbernen, blitzenden Nebel in den Morgen hinein, wandte sich langsam, sah mit düstern Blicken hinüber zu den gelben Hügeln, senkte das Haupt, schlug die Purpurtücher auseinander und sagte leise: »Und wenn sie heute abend hinter diesen Hügeln untergeht?«

* * *

Höher und höher stieg die Sonne. Weithin gegen Morgen und Abend erhob sich zwischen Zelten und Hütten in grauen Wölkchen der Herdrauch und zog sich in einem langen Streifen gegen die gelben Hügel.

Reiter flogen über die Felder, Boten kamen und drängten sich vor König Ottokars Zelte. Die Arbeit des Tages begann.

* * *

Hoch zu Rosse sah der König, und rings um ihn her sahen die Herren und Ritter in den Sätteln.

Am Fuße des Hügels, unter dem abgebrochenen Königszelte, hielt Wok. Ungeduldig scharrte sein Zelter den Boden.

»Wie wird dir, junges Reiterlein?« sagte der Troppauer, ritt langsam vorüber und musterte den Witigonen mit seinen stechenden Augen.

»Vor der Schlacht fragt man nicht, wer jung sei und wer älter,« antwortete Wok finster, »sondern wer gut stoße und wer besser.« Herzog Nikolaus lachte kurz auf und ritt vorwärts.

Wok aber stellte sich in den Bügeln, sah zur March, wandte sich und sah nach Westen. Über dem dunkeln Bogen des böhmischen Heeres funkelten die Lanzenspitzen im Morgensonnenscheine. Die Zelte waren abgebrochen, die schwerbepackten Wagen zusammengeschoben. Allenthalben qualmte dicker Rauch zum stahlblauen Himmel empor; die Holzhütten im Rücken des Heeres gingen in Flammen auf. Reiter und Sarjanten waren zum Abmärsche bereit.

Da hob der König die Rechte, und langsam rauschte die meergrüne Sturmfahne mit dem weißen Kreuze am Standartenmaste in die Höhe; die Trommeln wirbelten rasselnd von Rotte zu Rotte, von Schar zu Schar, die Posaunen ertönten, die Hörner riefen, wie laufendes Feuer flatterten die hundert und hundert buntfarbigen Fähnlein und Wimpel von der March bis zu den Hügeln in der Morgenluft; klirrend und dröhnend setzten sich die Haufen in Bewegung.

»Wie eine Flotte, die mit geblähten Segeln ins Meer sticht!« sagte ein weißhaariger Reiter neben Wok.

Der Witigone nickte. »Gott gebe uns frohe Fahrt!«

»Vorwärts!« riefen die Rottmeister über die Schar der Königischen. »Vorwärts!« murmelte Wok, und sein Zelter begann zu tanzen. Krachend und ächzend bewegte sich der Standartenwagen über die Ackerbeete, die hohe Stange schwankte, die Seide rauschte leise, die Sonne lachte hernieder, die Zelter schnaubten, peitschten die Flanken, schäumten in die Gebisse, warfen die Köpfe nach dem Klange der Posaunen und trugen tanzend ihre geschmückten Herren, die Fünfhundert des Königs.

»Wie zum Feste, Herr Wok,« sagte wieder der alte Mann, hielt sich nahe an den Witigonen und wies auf die wallenden roten und weißen und blauen Gewänder der Herren ringsumher.

»Und ist auch ein Fest – oder nicht, Herr Martin?« antwortete Wok und richtete die großen, blitzenden Augen auf den alten Reiter.

»Aber ein blutiges Fest, Herr! Habt Ihr Euch schon gesegnet? Segen tut not!«

»Ja,« sagte Wok und neigte das Haupt.

»Und Eure Waffen? Die nicht? Höret, ich will Euch einen guten Spruch lehren, den gebrauchet!« Nahe neigte sich der Reiter zu Wok und raunte mit singender Stimme:

»Aller meiner Feinde Waffen
Liegen sollen sie und schlafen.
Stahlfest sei mein Schädeldach,
Gebe keinem Hiebe nach.
Schneide Schwert und beiße,
Was ich dir nur heiße –
Aber, hörst du, aller Enden
Nur in deines Herren Händen – –
Hilf Maria!«

»Der ist gut,« sagte er, »glaubet mir's, er ist erprobt im Abendlande und im Morgenlande. Ihr müßt ihn leise sprechen, wenn Euch hernach die Knechte wappnen, leise, immerfort.« –

Der Fahnenwagen ächzte, und hinter den Königsreitern stampften die Streithengste unter den blinkenden Rüstungen, Schwertern, Helmen und Schilden und erfüllten die Luft mit ihrem Wiehern. Kommandorufe tönten, reitende Boten stoben über die Fläche, klirrend und dröhnend schob sich das Heer vorwärts.

Auf Gras und Kraut lag der Tau des Morgens, die Tiere des Feldes flohen gehetzt vor den Rotten der Böhmischen.

»Das wird ein heißer Tag, denket an mich!« begann der Alte wieder. »Die Sonne steht schon hoch, schauet, auch der König späht nach oben! Und vom Feinde ist noch keine Helmzier zu sehen. Dort, gerade vor uns, wo sich das Land hebt gegen Mittag, auf der langgestreckten Höhe – fasset sie nur ins Auge! – dort wird auf einmal, ehe wir's uns versehen, die römische Sturmfahne emporfahren. – Und eine Klugheit ist's, Herr, wenn Ihr hernach an Euerm Streitrosse den Sattelgurt selbst noch einmal prüfet.«

»Das tue ich heute wie immer,« antwortete Wok. »Ich verlasse mich niemals auf einen Knecht. Ihr meinet es gut mit mir, ich danke Euch.«

»Ich habe Euern Vetter gekannt, den Grafen Wok,« sagte der Alte. »Gott sei ihm gnädig! Ihr tragt seine Züge. ? – Aber da sehet, sehet!«

Senkrecht gegen die Königsschar jagte in rasendem Laufe ein Reiter und peitschte sein struppiges Roß.

»Es ist ein Polaner. Der bringt wichtige Botschaft. Jetzt wird's Ernst. Wäre ich der König, jetzt geböte ich Halt.«

Näher und näher kam der Reiter. Sein Roh keuchte unter klatschenden Peitschenhieben. Das Geplauder ringsumher war verstummt. Aller Augen richteten sich auf den Boten. Vor der Sturmfahne brach das abgehetzte Tier zusammen, der Pole sprang auf die Erde und rief dem Könige gellende Worte zu.

»Dorthin sehet!« sagte der Alte. »Sehet, jetzt wird's da drüben lebendig. Sehet, wie die ungarischen Kumanen, die Falben, hin und her jagen auf der Landhöhe, das Gesindel, das wilde, unritterliche!«

Ein langgezogener Hornruf fuhr durch die Luft. Der Standartenwagen hielt, und sein Mast zitterte. Wie gebannt hielten die Fünfhundert. Und mit Windeseile flogen die Hornrufe von Rotte zu Rotte; die Trommeln schwiegen, und die Haufen standen von der March bis an die gelben Hügel. Über der Landhöhe gegen Mittag aber zeigten sich allmählich blinkende Lanzenspitzen, wehende Fähnlein; Reiter in leuchtenden Gewändern tauchten empor, hier, dort, dann überall, in wogendem Gedränge! Sarjantenrotten kamen herzu in festgefügten Massen; und hoch über all dem Gefunkel und über den buntfarbigen Gewändern wiegte sich am schwankenden Maste im hellen Morgensonnenscheine die große, weiße Standarte des römischen Königs.

Regungslos standen die Böhmischen und sahen hinüber auf ihre Feinde, und die Rosse streckten die Köpfe vor und schnaubten und wieherten.

Wok hatte sich in den Bügeln gestellt, und seine Augen waren weit geöffnet. Der Alte aber neben ihm strich hastig den weißen Schnurrbart, bewegte murmelnd die Lippen, und rastlos fuhren seine prüfenden Blicke über das deutsche Heer.

»Wenn der römische Fuchs sich nicht etwa halbiert und die eine Hälfte in den Hinterhalt gelegt hat, so kommen heute zwei von uns auf einen da drüben,« sagte er.

»Und jetzt geht's los?« stieß Wok hervor und schickte sich an, vom Zelter zu steigen.

»Gemach, Herr, das hat noch Zeit! Ritterliche Heere rumpeln nicht wie Strauchdiebe aufeinander,« warf der Alte hin und fuhr fort, zu schätzen und zu rechnen.

Langsam zogen die deutschen Scharen einher, wie fernes Branden und Brausen drang es zu den Böhmen herüber, tiefer und tiefer schoben sich die Massen in die Ebene.

»Seht Ihr den Bach vor uns, Herr, das Weidengebüsche meine ich, das von den Hügeln quer über die Wiesen zur March läuft?«

»Ja, Herr!«

»Wenn König Rudolf an diesen Bach rückt, dann wird's Zeit, die Sturmgewänder anzulegen.«

»Und dann geht's los?« fragte Wok zum zweitenmal.

»Bis alles gehörig in Ordnung steht – um die Mittagszeit, so schätze ich.«

»Ach, so lange!« sagte Wok.

»Wenn es Euch gefällt, so reitet der Seeberger heute Roß an Roß mit Euch, Herr. Ihr habt einen starken Arm, und ich kann Euch wohl so manchen Ratschlag geben? denn ich bin ein alter Knabe. Da käme dann keiner von uns beiden zu kurz. Schlaget ein!«

Kräftig schlug Wok in die dargereichte Hand und sagte: »Ich danke Euch. Ihr meint es sehr gut mit mir.«

Der alte Mann hielt die Hand des Jünglings fest, beugte sich herüber und raunte: »Gott segne den König! Um seinetwillen graut mir's vor dem heutigen Tage; denn, glaubet mir, man kann sie zählen, die es treu meinen mit Herrn Ottokar.«

»Gott segne den König!« antwortete Wok und sah dem Alten traurig in die Augen. – – –

Und es ritt also doch wieder ein Königischer neben einem Rosenreiter am selbigen Tage.

* * *

Hornsignale ertönten.

»Nun wappnet euch, nun wappnet euch!« riefen die Hauptleute von Rotte zu Rotte, von Schar zu Schar.

»Endlich!« murmelte Wok und sprang vom Zelter. Knechte liefen herzu und führten die ledigen Pferde zurück. Herrische Rufe durchkreuzten die Luft. Schweren Schrittes stapften die Kriegsrosse heran und nahmen wiehernd die verlassenen Plätze der Zelter ein.

Eilend lösten die Knappen das Waffenzeug von den Sätteln und schleppten es dahin und dorthin, und die Sonne brannte herab auf die Felder.

* * *

»Heiliger Martin, hast uns einen heißen Tag beschieden!« brummte der Seeberger und fuhr tastend an Leib und Schenkel, die in dem gepolsterten Senfteniere staken. »Die Riemen enger,« befahl er, »daß ich's nicht verliere! – Das Huffenier, du Rind von einem Knechte! Glaubst du, ich will mir die Hüften lassen zerstoßen und schinden?«

»Hier!« schrie der Knecht und umwand die dürren Lenden seines Herrn mit dem starken Polster.

»Holla, die Hosen! Tummele dich!« befahl der Seeberger, ließ sich nieder auf den Rasen, legte sich auf den Rücken und streckte die langen Beine in die Luft empor. »Holla! Tummele dich! Meinst du, ich will mit meinen Beinen ein Loch in den Himmel stoßen?«

»Lang genug wären's,« murmelte der Knecht und schleppte die Hosen heran.

»Was?« schrie der Alte.

»Hier, Herr!« schrie der Knecht, hob mühsam das schwere Bündel in die Höhe und brachte es in die richtige Lage.

Der Alte äugte aus krebsrotem Antlitze scharf empor an seinen Beinen, brummte und hielt die Beine steif wie Speerstangen. »Los!« kommandierte er, und langsam und schwerfällig rollten die funkelnden Ringe herab und legten sich eng an die Schenkel, und sorgsam glätteten Knappe und Knecht.

Herr Martin stand auf, wiegte sich bedächtig von einem Beine aufs andere, tat einen Zug aus der Zinnflasche und sah hinüber auf Wok.

Der stand da, gewappnet vom Halse bis an die spitzigen Stahlschuhe, hochaufgerichtet, und weiß wie Schwanengefieder glänzten die Ringe an seinem Leibe. Die Knechte schoben ihm das wallende Haar unter die Ledermütze und hoben die blitzende Ringkapuze aus seinem Nacken empor. Der Jüngling gab kurze Befehle, tastete hierhin und dorthin und schaute dabei wie im Traume aus seinen großen Augen über den Rüstplatz, über die halbgewappneten Reiter, über die scharrenden Rosse, zu den gelben Hügeln gegen Abend.

»Der Teufel auch, das geht mir allzu hurtig!« brummte der Seeberger. »Packet an!« gebot er den Knechten. Die griffen an die Hüftriemen, hielten die Eisenhosen und gingen mühsam neben dem Alten, der eilig auf Wok zustrebte.

»Sorget Euch um nichts!« sagte der Witigone und lächelte wie aus einem engen Guckfenster aus der blinkenden Ringhaube hervor.

»Wer wird denn das Finteil schließen, Herr?« schalt der Seeberger und griff unter das Kinn des Jünglings, und der breite Panzerstreifen löste sich von Mund und Hals und sank klirrend am Arme herab. »Wollt ihr euern Herrn ersticken, ehe der Tanz nur angeht?« schalt der Ritter die Knechte.

»Ich habe es nur zur Probe geknüpft,« lachte Wok; »aber ich danke Euch.«

»Die Schinneliere fehlen noch,« brummte Herr Martin und wies auf die unbewehrten Kniescheiben, wandte sich und stapfte mit den Knechten zurück an seinen Rüstort.

Langgezogene Hornrufe fuhren durch die Luft und übertönten das Klirren und Schreien und Wiehern.

»Flugs! Flugs!« trieb der Alte, während sie die Hosen zusammenschnürten. »Das erste Horn! Flugs! Wollt ihr, daß ich im Leinenhemde und in der Hose reite?« – »Die Brünne, die Brünne!« rief er, und klirrend sank das schwere Eisenhemd über Schultern und Brust herab bis auf die Schenkel. »Hurtig,« trieb er, »die Schuhe, die Platten, den Hut, die Mütze, die Sporen – hurtig, hurtig!«

* * *

Im glänzendweißen Waffenkleide stand der alte Mann und entfaltete das seidene, weiße Fähnlein und strich über die schwarzen Kugeln, die darein gestickt waren. Dann zog er einen graugrünen, verwitterten Fetzen, einen Frauenschleier, aus seinem Kleide, band ihn sorgsam unter die blinkende Spitze der Lanze, strich zärtlich darüber, beugte sich herab und hauchte einen Kuß darauf.

Wok trat hinter ihn, und langsam wandte sich der Seeberger, schaute wieder prüfend an dem Gewappneten hinunter und hinauf an seiner Lanze, wo der weiße Wimpel mit der roten Rose hing, sah dem Jünglinge in die Augen, sah noch einmal hinauf am Lanzenschafte, räusperte sich, verdrehte die Augen, spitzte die schmalen Lippen, daß der borstige, weiße Schnurrbart stachelig nach vorne fuhr, und fragte mit zarter Stimme: »Herr, aber Herr, die Kampfessüßigkeit an Eurer Lanzenspitze? Saget an, auf welches holde Symbolum wollt Ihr denn heute reiten?«

»Nun, ich denke, auf die Rosen? die sind mein Erbzeichen, Herr,« lachte Wok.

»Die Kampfessüßigkeit,« sagte der alte Mann dringlich, »der Wunderholden flatternd Lanzenkleinod?«

Ein zweiter Hornruf lies über die Rotten, von der March bis an die Hügel.

»Zeit wird's,« brummte Herr Martin der Seeberger, bückte sich schwerfällig, griff dreimal in einen Maulwurfhaufen und warf dreimal eine Hand voll Erde hinter sich. »Tut's auch!« sagte er so dringend zu Wok, daß dieser sich bückte und wie der Alte die Erde im Bogen warf über seinen Scheitel.

Nun hob Herr Martin die Lanze mit dem Wappenwimpel und mit dem verwitterten Schleier auf die Schulter, winkte Wok und schritt voran, zwischen den Reihen der gerüsteten Reiter hindurch, zu den stampfenden Rossen.

* * *

»Tarter, guter Tarter!« sagte Wok und trat neben den Schlachthengst. »Nicht einmal streicheln kann ich dich heute,« lachte er und schob die Hand unter die Decke an den warmen Kettenpanzer. »Armer Tarter, heiß, furchtbar heiß!« Das Roß wandte den Kopf, schnob und scharrte und warf den Kopf heftig in den Nacken, und der Stachel auf der Stirnplatte funkelte. Schweigend prüfte der Witigone den Sattelgurt, glättete die schneeweiße, seidene Decke und strich über die blutroten Rosen. »Dein Festkleid, Tarter,« sagte er leise, nahm dem Knechte die Zügel aus der Hand, griff mit der Linken auf den Sattelknopf und saß mit einem Sprunge auf seinem Rosse.

Im Mittagsonnenscheine dehnte sich das weite Feld, und drüben und herüben, bei den Römischen und bei den Böhmischen, war ein Flimmern und Gleißen und Blitzen, als ob Schnee und Eis auf allen den tausend und tausend Hüten und Schilden und Gewändern läge. – –

Wie die weißen Engelskinder
Reiten wir in Glanz und Schein
Flügellos auf Windesflügeln
Hurtig in den Feind hinein!

summte der Seeberger im Tone eines Fahrenden, und Wok sah lächelnd hinüber auf die lange, dürre Gestalt und auf das lederfarbene Angesicht. Dann aber hob auch er leise die Stimme und sang unter dem Rufen und Klirren ringsumher:

Ich reit' im Eisenkleide
Mit Schild und Rose zu Tal.
Da winken Wiesenblümlein
Und prangen und duften zumal.

Verzeiht, ich kann nicht rasten,
Ihr Blümlein blau und rot,
Muß eilig weiterfahren – –
Wohin – das weiß nur Gott.

Doch trau' ich seiner Gnaden,
Dem Schwert und dem blitzenden Schild,
Und trau' der Witekrose
Fünfblätterig-glühendem Bild.

Gott's Huld und die Rose, die reine,
Die beide regieren mein Herz,
Und sterbend will ich schauen
Zur Jungfrau himmelwärts.

Ein Schauer lief über seinen Leib.

»Herr!« sagte der Alte, beugte sich herüber und sah in das bleiche Antlitz des Jünglings, »Herr, es ist heißer Mittag; hat Euch das Lied erkältet?«

Mit blitzenden Augen schaute Wok auf Herrn Martin, warf das Haupt in den Nacken und stieß hervor: »Das Warten, das lange Warten!«

»Trinket!« rief der Alte und reichte die Zinnflasche herüber.

»Zuerst Ihr, Herr, dann ich!« sagte Wok.

»Unsere Huldinnen!« murmelte der Seeberger und trank.

»Die schwarzen Kugeln und die rote Rose!« rief Wok und tat einen Zug.–

»Das Lied vorhin hat mir gefallen,« sagte Herr Martin.

»Das Rosenlied?« rief Wok. »Wir nennen's das Rosenlied, und es wird überall gesungen, wo Witekkinder wohnen. Sie singen's auf der Reise, sie singen's nach der Jagd, sie lullen die Kleinen in den Schlaf damit. Man sagt, der Liechtensteiner hat's gemacht.«

»Der Liechtensteiner?« fragte der Alte und leckte sich die Lippen – Wok wußte nicht, ob wegen des Weines oder wegen der Kunst. »Der große Sänger!« fügte der Seeberger andächtig bei.

»Ob er groß gewesen ist, das weiß ich nicht,« sagte Wok. »Ich kenne nur das eine Lied von ihm, und das gefällt mir, weil's auf die Rose geht. Aber bei uns in der Krummenau erzählen die Leute, daß er ein großer Narr gewesen sei.«

»Das versteht Ihr nicht, Herr; Ihr seid zu jung dazu,« antwortete Martin der Seeberger in kaltem Tone, und langsam fuhren seine Blicke empor am Schafte der Lanze bis dahin, wo die süße Kampfeszier hing in der Hitze des Mittags.

* * *

Über den grünen Plan draußen im Angesichte der Fünfhundert des Königs kamen in Eile schwarze Mönche. Am Standartenwagen machten sie Halt, ihr Kreuzträger stieß das Kreuz in den Rasen. Stille ward's weithin, und mit gesenkten Häuptern saßen die Gewappneten in den Sätteln. Ein kleiner, junger Mönch trat hervor aus der Schar seiner Brüder, riß ein schwarzes Holzkreuz aus seinem Skapuliere, hielt es hoch in die Luft und rief mit heller Stimme in deutscher Sprache:

»Nun höret allzumal, ihr Herren, Ritter und Knechte! Gott Vater, Sohn und heiliger Geist sei mit euch allen, Amen. Ihr sollt mannlich fechten und euch nimmermehr fürchten; denn ihr fechtet für gutes Recht. König Rudolf will sicherlich stecken ganz Böhmenland und Mährenland in seinen Sack. Da sei Gott vor, daß dieses geschehe! Und darum sollt ihr tapfer fechten, und unsere liebe Frau wird euch verhelfen zum frohen Sieg. Und derweilen ihr reitet, heben wir die Hände auf und lassen nit ab mit Beten und Schreien. Wär' aber etwa dem und jenem zu sterben gesetzt, so wird sich seiner erbarmen die heilige Jungfrau und wird ihre Engelein schicken, daß sie seine arme Seel' heben aus dem Feuer und tragen zu den himmlischen Freuden. Amen!«

So sprach und predigte der kleine Mönch mit weithinschallender Stimme, die heiße Sonne fiel auf seinen kahlen Scheitel, mit der Linken strich er den Schweiß von der Stirne, dann hob er beide Arme hoch empor und breitete sie segnend aus gegen die Schar. Die Ritter und Herren ringsumher bekreuzigten sich, in Eile schritt der schwarze Zug weiter gegen Abend, singend und betend; die Kutten schwangen sich an den Leibern der Mönche, das Singen und Beten erstarb im Klirren des Eisens.

* * *

Stahlblau wölbte sich der tiefe Himmel, und es war, als hüpfte die heiße, flimmernde Luft. Gleich einer Wetterwolke hing das römische Heer am langgestreckten Abhange, und gleich einer zweiten Wetterwolke stand König Ottokars Streitmacht quer über der weiten Ebene. Und es legte sich die Ruhe über die gewappneten Rotten, sie bändigte das Schnauben und Wiehern der Rosse, starr saßen die gepanzerten Kämpfer, tausend und tausend Augen schauten geradeaus, immer geradeaus auf die Wolke da drüben, auf die Wolke da drunten. – Wohl lag die Ruhe auf den gewaltigen Scharen, unter Eisen und Linnen und Seide aber pochten in Unruhe tausend und tausend Herzen, und hinter den heißen Stirnen jagten sich die Gedanken. Und unsichtbare Gestalten schlichen sich herein in die Eisenreihen, schmiegten sich an das Roß und pflogen Zwiesprache mit dem Reiter, leise, leise. – Großer Gott, wie viele, wie unzählige Gestalten: junge Frauen mit verweinten Augen, alte Mütterlein, gebeugt am Stabe – wie sie nur sich herangetrauten? – alte Mütterlein mit welken Gesichtern. Und die jungen Frauen hoben Kindlein, lallende Kindlein hinauf zum letzten Gruße, Kindlein mit roten Lippen, mit runden, weißen Ärmchen, mit lachenden Augen. – ? Zwiesprache pflogen sie, unhörbare Zwiesprache in der Ruhe vor dem Kampfe, in der funkelnden, blitzenden, buntwimpeligen, in der fürchterlichen Ruhe vor der mörderischen Schlacht.

Weiße Lämmlein schwammen hoch, unendlich hoch über dem grünen Felde und zogen friedlich auf ungebahnten Wegen. Unten aber standen sie sich gegenüber.

»Wie zwei Stiere!« sagte Wok, und es war, als erwachte er aus tiefem Träumen. »An der March und an den Hügeln die Hörner –«

»– wir aber in der Mitte und die Königischen drüben in der Mitte die Stirnplatten!« vollendete der Seeberger. »Und da gibt's die stärksten Stöße, Herr! Auch werden die Bremsen nicht fehlen, wenn die Stiere aneinander geraten: Nehmet Euch in acht – seht Ihr die wilden Haufen, die da drüben an den Hügeln auf und nieder wogen? Die reiten herzu, es sind die bösen Falben, und ehe du dich's versiehst, sitzt dir der Pfeil im Fenster.«

»Was tun?« fragte Wok und schaute die Reihen hinauf und hinunter, und seine Augen glänzten.

»Den Kopf aus dem Nacken, das Kinn auf die Brust, das Helmdach voran, wenn sie schwärmen – dann sollen sie herschießen!« sagte der Seeberger.

»Will's tun,« meinte Wok; »aber was liegt mir viel an meinem Leben?«

»Je älter Ihr werdet, desto wichtiger wird Euch das Leben sein,« erwiderte der alte Mann.

* * *

Hornrufe erklangen von den Hügeln her. Ein Reiterzug kam an der Front der Schlachtreihen herauf. Die Trommeln rasselten von Schar zu Schar, die Posaunen ertönten, die Fähnlein schwangen sich zum Gruße, und auf seinem milchweißen Rosse ritt der König die Reihen entlang. Mit starren Augen sah Wok hinaus in die Ferne und sah nur noch die lichte Gestalt des Helden. – ? ?

Langsam setzte sich die Sturmfahne in Bewegung, von der March bis zu den Hügeln riefen die Hörner ihre wilden Weisen, drüben vom Abhange herab wälzten sich immer noch wimmelnde Scharen zu Tale, und auf der goldenen Helmzier des Königs funkelte der Sonnenschein, als schösse Feuer empor aus glühendem Metalle. Wie Meeresbranden scholl vieltausendstimmiger Gesang über das Blachfeld zu den Böhmen herüber, klagender, bittender, heischender Gesang, dräuend spannte sich die unermeßliche Bläue des Himmels über der Wahlstatt, und die Heere stapften gegeneinander.

»Träumt Ihr, Herr?« schrie der Seeberger. »Löset den Helm und sprechet den Segen!«

»Was singen sie?« fragte Wok, und seine Finger lösten den Helm vom Sattel, und liebkosend streichelte er den glänzenden Stahl.

»In Gottes Namen fahren wir,
Seiner Gnad' begehren wir –«

antwortete der Seeberger.

» Hospodin, Hospodin, pomiluj ny!" schrie einer, schrieen zehn aus dem böhmischen Heere, und brausend hob sich aus der Schar der Fünfhundert der Ruf: »Herr, Herr, erbarme dich unser!« » Hospodin, Hospodin, pomiluj ny!« pflanzte es sich fort, lief die Reihen entlang und hallte zurück von den böhmischen Haufen am Fuße der Hügel. Und von drüben her, aus den Rotten des römischen Heeres, kam es wie grollender Donner, immer näher und näher, gleichmäßig wie aus einem einzigen, riesengroßen Munde, das uralte Lied der Kreuzfahrer:

»In Gottes Namen fahren wir,
Seiner Gnad' begehren wir.
Nun helf' uns Gottes große Kraft
Und das Grab, darin er lag.
Kyrieleis!

Kyrieleis! Christeleis!
Das helf' uns der heilig' Geist
Und die wahre Gottesstimm',
Daß wir fröhlich fahr'n von hinn'!
Kyrieleis!

Heil'ger Petrus, steh uns bei,
Wenn wir sollen sterben,
Mach uns aller Sünden frei,
Laß uns nit verderben;
Vor dem Teufel uns bewahr,
Reine Maid Maria,
Führ uns zu der Engel Schar,
Halleluja, Amen!

In der Mitte aber, im sonnigen Blachfelde, stießen die Gesänge hart aufeinander – und alle die Tausende wollten den Himmel stürmen mit ihrem betenden Schreien, und am Himmel leuchtete die Sonne und schickte sengende Strahlen aus die Erde. – ?

Die Sturmfahne stand, die Trommeln rasselten, die Rotten hielten hüben und drüben. »Helm auf! Helm auf!« schrieen die Rottmeister – der Gesang verstummte, die Helmfässer sanken über die Häupter – ? und es gab nicht Alte mehr und nicht Junge, es standen hüben und drüben nur noch eiserne Männer mit unbeweglichen, eisernen Angesichtern, aus wilden Augenlöchern schaute der grauhaarige Alte und schaute der blondlockige Jüngling, und es gab nur noch ein einziges Wort, auf das sie alle warteten hüben und drüben – vorwärts! –

Vom Reichsheere trabte ein roter Reiter heran. In der Mitte des Feldes hielt er, schwang die Lanze mit dem flatternden Fähnlein und schrie mit dumpfer Stimme aus dem Helmfasse: »Hera her! Hera her!«

Einer von den Fünfhundert ritt aus seiner Rotte, trieb das Schlachtroß an, legte die Lanze ein, trabte, galoppierte, jagte gegen den Anstürmenden – und ihre Lanzen zersplitterten. Jubelrufe tönten hüben und drüben, Tausende und Tausende harrten in drohender Ruhe und schauten einander aus der Ferne in die Helmfenster, tausend und tausend Rosse schnaubten und scharrten und stiegen – und zwei Speere waren in Splitter gegangen, zwei glänzende Reiter wandten ihre Rosse im Blachfelde und ritten grüßend im Bogen zurück.

Da jagte wieder ein Reiter aus dem Reichsheere über den Plan. Der hatte sich weit zurückgelegt im Sattel, seine Lanze ragte nach oben. Näher und näher kam er. »Harra! Harra!« riefen die böhmischen Rotten. Auf die Sturmfahne zu jagte der scheue Gaul. Lachend schwangen die Böhmen ihre bewimpelten Lanzen. Der Reiter bekam Gewalt über das Roß, legte die Lanze ein, wandte sich hart vor den Königischen und rannte mitten auf eine brandenburgische Rotte.

Wok stand in den Bügeln, er hörte das Krachen der brechenden Lanze, er sah den fremden Reiter zu Boden sinken. Wilde Rufe kamen von drüben. Ein starker Keil löste sich aus dem Reichsheere und trabte mit dumpfem Schlachtgeschrei über den Plan. Die Hörner lockten, Befehle flogen. »Budweis und Prag!« erscholl es aus den brandenburgischen Scharen, und mit Rasseln trabte eine Rotte hinaus ins Feld.

Im Keile ritten die Haufen gegeneinander, die Spitzen stießen aneinander, weithin tönte das Krachen der Speere, die Helme blitzten, die Mäntel flatterten. Rosse stiegen und überschlugen sich und wälzten sich auf dem Rasen. Die letzten Reiter drückten auf die vordern Reihen, wogend rangen die Haufen und stauten sich. »Budweis und Prag!« schrieen die Böhmen, die hinten in der Schlachtreihe hielten, und ihre Rosse schnaubten dazu, und draußen im Felde fielen die Schwerter auf die eisernen Helmfässer, und es hob ein Hämmern an und ein Schlagen und Klopfen, hell und scharf, als wären reisige Schmiede aneinander geraten, und zwischenhinein tönten dumpfe Schläge, die Morgensterne sausten nieder auf die dröhnenden Helme, und Todesnacht senkte sich da und dort über brechende Augen.

Der Witigone aber saß wie im Traume, und über alles Hämmern da draußen klopfte sein Herz unter dem Ringhemde, als wollte es zerspringen.

»Ich rate Euch, Herr, haket das heiße Helmfaß ruhig wieder an den Sattel,« sagte der Seeberger und hob den eigenen Helm vom Schädel. »Es hat noch Zeit, und die Sonne brennt wie im gelobten Lande.«

Wok löste das Helmband und nahm den Helm ab. Seine Wangen glühten um die Wette mit den gestickten Rosen auf seinem Kleide, und wortlos hob er sich wieder in den Bügeln.

* * *

Vieltausendstimmiges Geschrei kam durch die heiße Luft herüber von den westlichen Hügeln. Wok wandte das Haupt und sah buntwimmelnde, blitzende Scharen hervorbrechen aus König Rudolfs Heere, und auch die gewaltige Wetterwolke der Böhmen schob sich dort, wo sie an die Hügel stieß, auseinander, und Rotte auf Rotte rückte gegen den Feind. Wok sah, wie die Rosse ihre Flanken peitschten, wie die Fähnlein flatterten – alles war so ferne und war so klein und war anzuschauen wie ein lebendiges Bild.

»Jetzt heißt's, die Ungarn werfen, sonst drücken sie die Unsern zurück übers Feld, in die March!« stieß der Seeberger hervor, der unverwandt zu den Hügeln blickte. »Jetzt gilt's, jetzt gilt's!« rief er heftig. »Jetzt zeiget, ob ihr etwas taugt, ihr Slavenvolk; beißet euch ineinander mit euern Erbfeinden! Schlaget drauf, laßt sie nicht durch! Die Ungarn sind's – ihr oder sie! Werden sie Herren über euch, dann kommt keiner mit dem Leben davon; und wenn ihr tot daliegt, dann schneiden sie euch noch die Köpfe vom Leibe und stecken sie in ihre Säcke.« – »Schlaget, Schlaget!« rief er, als könnten's die an den Hügeln hören, und nahe draußen im Felde schlugen Brandenburger und Römische den Takt dazu, drängten sich die Haufen hin und her, schiebend und stoßend und schreiend.

Und wieder stoben Königsboten von den Hügeln heran die Reihen entlang bis zur Sturmfahne und stoben zurück zu den Hügeln.

»Ach, heiliger Martin!« seufzte der Seeberger und deutete auf die Sturmfahne. »Sehet doch, Herr Wok, wie schlaff sie am Maste hängt! Käme nur ein Lufthauch und wollte in diese Hitze fahren!« –

Die Brandenburger im Felde draußen wankten; neue Rotten lösten sich aus der böhmischen Schlachtreihe und trabten mit Geschrei gegen den Feind. »Budweis und Prag!« riefen die ermüdeten Kämpfer und schwangen mit frischen Kräften die Schwerter. Drüben im Reichsheere aber rasselten die Trommeln, Posaunen und Hörner fuhren lockend darein, Scharen mit wehenden Fähnlein bewegten sich und schoben sich blitzend heran, und die kämpfenden, wogenden, hämmernden, schreienden Rotten im Felde wuchsen zum Heere.

* * *

»Sehet, sehet, sehet, die Unsern siegen! Sehet doch, da draußen! Und hört Ihr nicht das laute Geschrei ›Budweis und Prag‹?« rief Wok.

»Und an den Hügeln weichen die Böhmen, Gott sei uns gnädig!« sagte der Seeberger langsam, warf einen Blick auf die Schlacht gegen Mittag und sah dann wieder unverwandt hinüber gegen Abend, wo im blauen Dunste die Scharen wogten.

Boten flogen auf schäumenden Rossen gegen Morgen und Abend, und sichtbar vor aller Augen hielt König Ottokar auf seinem scharrenden Rosse und lenkte die Schlacht.

»Sie fliehen, sie fliehen!« rief Wok und griff nach dem Arme des Alten und wies geradeaus ins Feld. Und »harra! harra!« löste es sich von hundert und hundert Lippen, und unaufhaltsam drängten die brandenburgischen Rotten den römischen Feind gegen Mittag. Aber regungslos saß der Seeberger im Sattel; kein Zucken ging über sein scharfes Angesicht, festgeschlossen war sein Mund, unaufhörlich spähten seine Augen in die Weite – –

»Da, Herr,« schrie er plötzlich, »jetzt kommt der Tanz an uns!«

Und Wok sah, wie sich fern über dem Grunde ein großes Geschwader vom Reichsheere trennte, er hörte die Posaunen schallen, er sah die Lanzenfähnlein flattern – und es dünkte ihm auf einmal alles ringsumher ein Traumbild zu sein, Schauer liefen über seinen Leib, der doch dampfte unter der Rüstung, und im Traume hörte er gellende Befehle, im Traume die wilden, langgezogenen Rufe der Hörner ringsumher, im Traume sah er den König winken – ?

»Helm auf, ihr Herren!« schrieen die Rottmeister, und auf den Häuptern aller grinsten die schwarzgelochten, blinkenden Eisenfässer, und mit dumpfem Dröhnen und hartem Klirren ritt die reisige Schar über den Grund, Roß an Roß, Knie an Knie.

Und schwerfällig trabten die Rosse und schnaubten, und hoch über den schweigenden Reitern flatterten die bunten Wimpel, funkelten die Stahlspitzen der Sonne entgegen, und die Sonne brannte hernieder mit aller Glut.

Wok saß, seine Linke hielt Schild und Zaum, seine Rechte umklammerte den Schaft der Lanze – und der Traum war verflogen.

Gleich den Wellen eines Stromes rollten die Schlachtkeile dahin; wie die Wellen rauschen, so schnaubten und keuchten die Rosse und zerstampften die Erde; wie die Wellen sich heben und senken, so galoppierten die Rosse über den Grund; wie die Segel sich blähen im Winde, wie die Wimpel wehen, so blähten sich die hellen Gewänder der Herren, so wehten die Fähnlein – und mitten in dem Haufen blitzte der goldene Löwe auf König Ottokars Helme – ? ? und so fuhren sie hinein in die Schlacht, als schössen sie dahin auf glitzernden Wellen zum Meere –

Helm auf! Helm auf!
Treibt die Rosse mit Macht
In der Jungfrau Namen
Hinein in die Schlacht!
Hilf uns, Herr Christe, streiten,
Dieweil wir müssen reiten –
Und führ uns durch die Todesnacht!

An Weib und an Kind,
Wir denken nicht dran,
Wir sehen nur eines:
Da rasselt's heran!
Hilf uns, Herr Christe, streiten,
Dieweil wir müssen reiten –
Bist du bei uns, ist's wohlgetan!

Wir lachen euch Hohn –
Denn stark ist die Wehr:
Am Leibe die Brünne,
Im Herzen die Ehr'.
Hilf uns, Herr Christe, streiten,
Dieweil wir müssen reiten –
Auf dich schaut all das arme Heer

Helm auf! Helm auf!
Treibt die Rosse mit Macht
In der Jungfrau Namen
Hinein in die Schlacht!
Hilf uns, Herr Christe, streiten,
Dieweil mir müssen reiten –
Helm auf – es ist gar bald vollbracht!

* * *

Im Keile waren sie angeritten, die Vordersten waren aufeinander gestoßen, die Wogen waren in donnerndem Gusse ineinander gestürzt. Die Vordersten sanken von den Rossen, die ledigen Rosse bäumten sich und zerstampften den Rasen und zerstampften die Leiber ihrer Herren, begierig drückten die hinteren Reihen heran an den Feind, die Schwerter blitzten, die Helme krachten, die Trompeten schmetterten, dumpf schrieen die Recken aus ihren Fenstern hervor, die Fähnlein flatterten. Und aus den keuchenden Leibern der Rosse und Reisige stiegen Dämpfe empor und lagerten sich über den Kämpfenden, und die Rosse rochen das Blut, das sie aus den Leibern der todwunden Helden stampften, und sie schnaubten und ängstigten sich. –

Neue Scharen lösten sich aus dem böhmischen Heere und drängten sich in den wühlenden Kampf, langsam schwankte die grüne Heerfahne vorwärts, und langsam drückten die Königischen und die Brandenburger, die Thüringer und die Bayern gegen die Eisenreihen der Feinde und drückten sie gegen den Bach, wieder und wieder kamen gellende Hornrufe durch die schwüle Luft, und mit Macht spornten die Böhmischen ihre Rosse, hieben mit Kolben und Lanzenstumpfen und Schwertern darein. – So steigt das schäumende, zischende Wasser empor am schützenden Damme und drückt und bohrt, steigt höher und höher, löst Scholle von Scholle und stößt aufs neue und wühlt aufs neue – – der Damm bricht, und die Wasserflut stürzt durch die Bresche und wälzt sich hinunter aufs Land. – – – Tausendstimmiges Geschrei brandete ineinander – – – – auf jagenden Rossen brachen sich die Böhmen den Weg durch die Feinde.

* * *

»Heia, erster Stich!« keuchte Herr Martin aus dem Helme hervor. »Aber wo ist der König?«

»Da drüben!« rief Wok, warf den zerbrochenen Lanzenschaft zur Erde und riß das Schwert aus der Scheide. »Er hat den Helm abgenommen – aber sehet nur, dort hält er, und neben ihm Herzog Niklas – ich kenne das rote Kleid!«

»Kehret euch!« schrieen die Rottmeister, und aufs neue ordneten sich die Ritter in Keilen.

»Seid Ihr unversehrt, Herr?« fragte der Seeberger.

»Ganz unversehrt,« antwortete Wok. »Aber mir ist's, wie wenn ich im Feuer ritte. Der Sonnenbrand, die Glut! Mir ist's, wie wenn man Fackeln schwänge hart vor meinen Fenstern.«

»Mut!« sagte der Seeberger. »Uns ist in alten Mären wunderviel geseit von Helden lobebären und großer Kühnheit! – Mut! Mut! Schauet doch hinaus vor Euch, das nenne ich einen Puneis! Und dazu hat jeder von uns geholfen.«

Das Feld zwischen den Siegern und der Sturmfahne, die gegen Mitternacht stand, war besäet mit gefallenen Rossen und Reitern, haufenweise lagen die Leiber aufeinander, wo die eisernen Scharen zusammengestoßen waren, und in den Totenhügeln regten sich die letzten Reste des Lebens, Rosse schlugen im Verenden in die Luft, Verwundete krochen auf Händen und Füßen über den Rasen.

Die Königischen setzten sich fest in den Sätteln, und in ihre Mitte ritt langsam König Ottokar. Die versprengten Feinde sammelten sich im Felde draußen, wieder klangen die Hörner. –

Da schrien auf einmal die Rottmeister mit gellenden Stimmen »kehret euch! kehret euch!« und schwangen ihre Schwerter und wiesen gegen Mittag. Schnaubend wandten sich die Rosse unter dem Schenkeldrucke der Reiter, im böhmischen Heere rasselten die Trommeln, und die Posaunen riefen, im Laufschritte rückten die Sarjanten auf den Plan – von Mittag aber wälzte sich ein großes Reitergeschwader gegen König Ottokar heran, und der Erdboden dröhnte unter den stampfenden Hufen.

»Hera her! Hera her!« schrien die Böhmischen, schwangen die Schwerter und ritten gegen den Feind. »Budweis und Prag!« – »Rom und römisch Reich!« – so stießen die Scharen aufeinander, und von neuem begann das furchtbare Hämmern.

Mitten in der Schar, Knie an Knie mit dem Alten ritt Wok. Freunde und Feinde keilten sich ineinander, die Rosse stiegen, die Helmdecken flatterten, die Waffen blitzten, die Getroffenen schrien, die Sonne brannte, und die heiße, heiße Arbeit rückte vorwärts.

Da tauchte vor den Augen des Jünglings ein riesiger, schwarzer Reiter empor; der schwang den Morgenstern über dem Haupte und trieb sein mächtiges Roß durch den wogenden Haufen; Wok sah sie nacheinander fallen, die dem Schwarzen hindernd im Wege standen, über all das Krachen und Hämmern ringsumher hörte er den Morgenstern krachen auf den Eisentöpfen, näher und näher kam der Furchtbare – Wok schwang das Schwert – – da bäumte sich das schwarze Roß hoch auf über dem Haupte Tarters – – – ein Schwarm Funken stob aus den Augen des Witigonen, das Schwert entsank dem schlaffen Arme, die Sinne schwanden dem Getroffenen, lautlos glitt er hinab in die Tiefe, und das Roß des Schwarzen sprang weiter in großen Sätzen, der schwere Morgenstern bahnte ihm den blutigen Weg, und weiter und weiter brandete die Schlacht.

* * *

In einem Haufen gefallener Rosse und Männer lag Wok. Neben ihm stand Tarter und schnob über die Fenster seines Helmes. Langsam rührte sich der Witigone unter der Last seiner Rüstung, mühsam zog er die Beine unter den Leichen hervor, hob den Oberkörper und spähte über das schimmernde Feld.

»Wasser! Um der Jungfrau willen, Wasser!« stöhnte ein Gefallener vor Wok und ritz mit seinen letzten Kräften am Härseniere des Helmes. Schwerfällig kroch Wok über den Rasen, löste dem Reiter den Riemen und zog den Helm herab. »Armer Mann«, sagte er, »ich habe nicht einen Tropfen. Die Zunge möchte mir selber verdorren.« – Und stöhnend schloß der Todwunde die Augen. –

Im weiten Kreise ringsumher trieb die Schlacht ihr tosendes Spiel, mitten in dem ungeheuern Wirbel lag einsam der Haufe stiller Toter und ächzender Verwundeter – ein Haufe dürrer Blätter im Wirbelwinde des Herbstes.

Vorsichtig hob sich Wok auf die Kniee, lockte sein Roß heran, spähte, ob der Gurt noch fest sitze unter der zerfetzten Decke – und schrak zusammen, warf sich zu Boden und lugte ins Feld hinaus.

Von Abend her jagte eine Rotte schwergepanzerter Böhmen, und mit gellendem Geschrei stürmten hinter und neben ihnen Schwärme kumanischer Schützen auf kleinen Rossen. Näher und näher kamen sie, der Boden dröhnte; dichtgedrängt, gleich einer fliehenden Herde rasten die Ritter, wie Schwärme stechender Hornissen sausten um sie her die windschnellen Barbaren, schrieen und schütteten ihre Pfeile über sie hin. Wok hörte die trockenen Sehnen prasselnd erklingen, es war, als flögen Schwärme klappernder Störche über das Blachfeld. Und die Falben schossen sicher, als schössen sie daheim vor dem Pußtadorfe nach Scheiben. Sie jagten einher, die Bäuche ihrer Rosse schienen den Boden zu streifen, sie ballten sich in zwei große Haufen und ritten ihren Opfern weit voraus, machten Kehrt und ritten schrägher in kurzem Trabe gegen die Gepanzerten. Und die Ritter standen fest im Knäuel, und nach allen Seiten starrten, gleich den Stacheln eines Igels, ihre Lanzen. Wilde Rufe zitterten durch die Luft, hundertstimmiges Geheul antwortete. Die Kumanen stoben auseinander, zogen einen weiten Ring um die Böhmen, und wie die Jäger den Eber umstellen im Dickichte und die Hunde hineinhetzen, so schütteten die Pußtareiter ihre Pfeilschwärme hinein auf die Todmüden – und in der eisernen Schar schlugen die getroffenen Rosse, stiegen und brachen zusammen, ein Speer nach dem andern sank ungenützt zur Erde, und die Bogensehnen klapperten höhnend darein. Mühsam rottierten sich die letzten Böhmen zum Keile, senkten die behelmten Häupter und stürmten gegen Morgen – wie Spreu stoben die Kumanen auseinander, jagten vor ihnen her, an ihren Flanken, in ihrem Rücken, und wieder da und dort schlug einer von den Eisenreitern mit dem Pfeile im Fenster aus dem Sattel, sein Roß aber raste weiter mit dem Haufen der anderen und riß hinter sich her den stillen gewappneten Mann wie toll in brausender Eile – und nahe vorbei an Wok wälzte sich die dröhnende Jagd über die blutbespritzten Felder zu den stillen, silbergrauen Weiden der March.

* * *

Ledige Rosse sprengten kreuz und quer über das Blachfeld, gepanzerte Reiter kamen von Abend her und strebten hin zu der meergrünen böhmischen Sturmfahne, die in der Ferne emporragte aus einem Kranze uralter Weidenstümpfe.

Noch einmal schaute Wok hinaus nach allen Seiten, dann ergriff er ein nacktes Schwert, das zwischen den Leichen glänzte, kroch hin zu seinem Rosse, richtete sich auf und sprang in den Sattel.

»Tarter, guter Tarter!« rief er und setzte die Sporen ein. Und in großen Sprüngen trug ihn das Tier über Stoppeln und Wasen.

»Er lahmt,« murmelte der Reiter. »Halt aus, Tarter, nur jetzt noch halt aus!«

Starke Reitergeschwader standen gegen Abend. Tarter wieherte auf und drückte links ab. Mit aller Kraft zwang ihn der Reiter in die gerade Bahn, hin zur Sturmfahne, unter die Weiden.

Fernher von der March jagten die kleinen Kumanen zurück. Wok maß den Weg – dort mußten sie auf ihn stoßen. Zu rasendem Laufe trieb er sein wundes Roß und murmelte: »Halt aus, Tarter, halt aus!«

Immer näher, immer näher kamen die wilden Gestalten.

»Wenn mich der Seeberger sieht, dann ist alles gut!« keuchte Wok und schwang winkend sein blitzendes Schwert, und Tarter raste dahin. –

Wok hörte die gellenden Schreie zur Rechten, er lag auf dem Halse des Rosses, er spähte unablässig aus den Helmfenstern, geradeaus, auf jede Furche, auf jeden Graben – und hinter ihm, über ihm, vor ihm ging pfeifendes Schwirren durch die Luft – – »Tarter, halt aus, halt aus!«

Mit Geschrei trennte sich ein Reiterhaufe von der böhmischen Sturmfahne.

»Tarter, halt aus, halt aus!«

Näher kamen die Freunde, das Schwirren und Pfeifen in den Lüften erstarb, schwächer und schwächer ward das gellende Falbengeschrei. –

Vor den böhmischen Reitern brach der dampfende Tarter sterbend zusammen.

* * *

Von seinem frischen Schlachtrosse schaute Wok hinaus über das Feld.

Tief über den gelben Hügeln stand die Sonne.

Gegen Abend und gegen Mitternacht wogten die Haufen in wildem Kampfe. Im Süden standen starke Geschwader in Ruhe – über diesen ragte die Sturmfahne des römischen Heeres.

Viel Reiterei, viel Fußvolk hielt noch rings um die alten Weiden her, aber die glänzende Schar der Fünfhundert selbst war zusammengeschmolzen in der Hitze des Tages.

»Wo ist der Seeberger?« fragte Wok einen der Herren, der nahe bei ihm stand.

»Ich weiß es nicht. Vor einer Stunde habe ich ihn noch beim Könige gesehen.«

»Mir ist, als drehte sich alles im Kreise,« sagte Wok. »Mein Schädel schmerzt mich, als wollte er zerspringen. Und wohin ich schaue, nirgends mehr finde ich mich zurecht.«

»Weil sich die ganze Schlachtordnung gewendet hat seit zwei Stunden,« sagte der andere. »Zuerst waren wir gegen Mittag gerichtet, jetzt sind die Böhmen an den Hügeln geschlagen, und wir schauen gegen Abend. Ein bös Ding, diese stechende Sonne im Angesichte!«

»Noch verstehe ich nicht alles,« stieß Wok hervor. »Seit zwei Stunden, sagt Ihr? So lange bin ich im Felde gelegen?«

»Wir haben harte Arbeit getan, seit Euerm Sturze, glaubet mir's!« antwortete der Reiter. »Ich war in Eurer Nähe, als Euch der Schwarze zu Boden schlug. Sein Roß kam nicht mehr weit; es fiel und begrub den Herrn unter seiner Last. – Den König hättet Ihr sehen sollen! Wie ein Rasender hat er gekämpft; möchte sie nicht zählen, die er mit seinem Kolben niedergeworfen hat. Immer tiefer ritt er in den Feind hinein; wir andern überall hinter dem goldenen Löwen her. Mit uns die Polen. Wir werfen die Römischen über den Bach. Ein Geschrei hebt an, der römische König sei gefallen. War auch gefallen, rafft sich aber auf und entkommt. Nahe an die Hügel zwischen Abend und Mittag, dort, sehet, wo des Ungarnkönigs Zelt steht und die Fahne ragt mit dem springenden Rosse, dorthin treiben wir die Feinde. Herr Ottokar läßt zum Halten blasen. Wir stehen und verschnaufen uns, wir und die Polen, und pflegen Umschau. Da auf einmal, wir denken an keine Gefahr, rufen fremde Hörner über die Hügel herüber, wir packen gerade noch die Schwerter fest, vor unsern Augen blitzt es auf und jagt hervor zwischen den Hügeln, fährt in unsere Rotten wie der Sturmwind, schneidet sie auseinander, wie wenn der Wamsschneider mit der Scheere durchs Tuch reiht – es ist die römische Nachhut. Hebt ein ungleicher Kampf an. Was zersprengt war vom römischen Heere, wendet sich alles gegen uns mit frischen Kräften. Hart neben dem Könige fällt der Herzog von Troppau – ob er tot ist, wer weiß es? Währet lange, bis wir weichen. Aber weichen müssen wir; kommen ja zwei Römische auf einen von uns. Was nicht in die March gesprengt wird – schauet, gegen Morgen kämpfen noch etliche Haufen! – das strebt mit dem Könige zurück unter die Sturmfahne.«

»Und ich war nicht bei diesem Tanze!« rief Wok.

»Habt Eure Pflicht getan, Herr, wacker getan,« sagte der andere. »Unsere Hoffnung beruht jetzt ganz allein auf der Nachhut. Seht Ihr den König, den armen König, wie er Ausschau hält nach Gojar hin? Nimmt mich wunder, daß Herr Milota noch nicht zur Stelle ist mit der Nachhut. Der Weg ist ja noch frei bis nach Gojar – sehet selber! Und die Nachhut wäre eine großmächtige Schar.« –

Ein Reiter jagte von Gojar her zum Könige. Kurz war die Botschaft. Aller Augen richteten sich auf Herrn Ottokar. Der senkte das Haupt. –

Wok trieb sein Roß näher an die Sturmfahne. Der Bote wandte sein Roß und ritt zurück. Der Witigone sah ihn scharf an und schrak zusammen.

»Der Jungfrau sei Dank!« sagte der Seeberger mit heiserer Stimme. »Ich hätte keinen Pfennig mehr für Euer Leben gegeben. Der Jungfrau sei Dank!«

Wok starrte dem Alten ins Antlitz und brachte keinen Laut hervor: Barhäuptig saß Herr Martin im Sattel; tief in ihren Höhlen glühten seine Augen, fahl, als hätte ihn der Tod gestreift, war sein Angesicht, und in breiten Rinnen floß ihm das Blut über Stirne und Wangen, tropfte hinunter auf das zerfetzte, weißglänzende Gewand, auf die zerrissene Decke des keuchenden Rosses, auf den zerhauenen Schild und seine schwarzen Kugeln. Hoch aufgerichtet saß Herr Martin, der alte Mann, und war anzuschauen wie ein stolzes, grausig-schönes Standbild.

»Ein heißer Ritt war's,« raunte er stoßweise; »bin knapp hindurchgekommen – schauet hin, gerade noch zur rechten Zeit; jetzt ist auch dieser Weg verlegt. Wir sind – ans Ende – gelangt, Herr Wok – von der Krummenau. Selber – bin ich zurückgeritten; denn ich traue – keinem Boten mehr. Und mit eigenen Augen habe – ich's gesehen: der Hund Milota – zieht mit allen seinen Fähnlein gegen Mitternacht davon. – Wenn die Sonne untergeht – dann liegen wir – auf dem Rasen – dürft mir's glauben. – Ist ein bös Ding um alte Schuld. Unsichtbar – schleicht die Vergeltung hinter – dir her, lange Jahre – und auf einmal – sitzt sie dir auf dem Halse. Ich bin – selber dabei gewesen, wie der König – vor dreizehn Jahren den Benesch hat – unter Martern töten lassen, und – war doch seine Schuld nicht klar erwiesen. Und jetzt – zahlt ihm der Bruder – Milota die alte Rechnung heim. Und solcher Rechnungen – werden heute noch viele – heimgezahlt auf dem Kruterfelde. – Aber Gott – segne den König!«

»Seid Ihr schwer wund?« fragte Wok endlich.

»Nicht der Rede wert,« sagte der Alte, wandte sein Roß und schaute in die Weite. »Sie haben mir – den Helm vom Kopf gestochen – einen Schmarren über das Dach gegeben. – – Sehet, Herr, da drüben – sammeln sich die – Römischen zum letzten – Stiche! Hinter uns – rinnt die March, gegen Abend und Mitternacht würgen – und schlachten die Kumanen – in den böhmischen Rotten – und versperren – uns den Weg – also –«

»Vorwärts und sterben!« antwortete Wok.

»Ja, sterben, und Gott sei – uns armen Sündern – gnädig!« murmelte Herr Martin der Seeberger.

* * *

»Helm auf!« schrieen die Rottmeister und trabten heran vom Könige. Wok stülpte das Faß über den Schädel und band das Härsenier fest. »Kann ich Euch helfen?« fragte er den Seeberger.

»Muß helmlos reiten,« antwortete der Alte und lachte grimmig.

»Helm auf!« schrieen die Rottmeister zum zweitenmal. »Rottieret euch!«

Wok wandte sich. Es ging eine Bewegung durch die Reiter und griff hinüber auf die Sarjanten. Wok sah, wie sich die Haufen zusammenrotteten, er hörte eine laute Stimme: »Schlaget euch durch, es ist alles verloren!«

Da wandte sich auch der Seeberger, trieb sein Roß gegen den dichtesten Haufen und schrie: »Hierher! Alles heran, was gut böhmisch ist!« Und Wok schrie: »Budweis und Prag!«

»Wir haben unsere Pflicht getan, rette jeder sein Leben!« kam es von drüben zurück.

»Ratmir, du Hund,« rief der Seeberger und ritt noch näher an den Haufen, »was hast du, das dir nicht der König gegeben hätte? Und jetzt willst du in seiner Not dein Leben sparen?«

»Der Seeberger hat recht. Schützet den König!« rief einer aus der Schar und trieb sein Roß nach vorne.

»Der König fliehe mit uns, wir wollen ihn decken!« schrie der erste, den der Seeberger Ratmir genannt hatte. »Gegen Mitternacht ist der Weg frei. Auf!«

»Fliehet, fliehet!« schrien ein paar Dutzend.

»Er ist nicht mehr frei, ich selber bin gerade mit knapper Not zurückgekommen,« rief der Seeberger. »Ein Feigling, wer den Roßhals wendet!«

»Fliehet, fliehet, fliehet!« pflanzte es sich brausend fort über die Reiter und von den Reitern zu den Sarjanten. »Fliehet, fliehet!« –

Und die Reiter wandten sich, die Rotten drückten sich zusammen zu einem mächtigen Keil, die Sarjanten machten Kehrt. –

Der Alte schäumte und spie aus: »Verflucht ist, wer da flieht! Hunde, Hunde fliehen! Wer ein Herz hat im Leibe, der bleibe beim König!« –

Zehn Schwergepanzerte blieben und rückten mit Geklirre zusammen.

»Hie König Ottokar allezeit!« schrie der Seeberger. »Allezeit!« schrien die anderen dumpf aus den Helmen hervor. –

Und sie ritten unter die Sturmfahne und rottierten sich nahe dem Könige, der wie im Traume mit düsteren Blicken den Fliehenden nachschaute.

»Herr König,« sagte der Seeberger und senkte die Lanze, »Herr König, wir sind bereit. Dort steht der Feind, und ringsumher sind die Wege versperrt. Befehlet!«

Da blickte Herr Ottokar schweigend empor in die flimmernde Luft, seine Lippen bewegten sich wie im Gebete, und die Sonne spielte in seinen goldenen Locken. Stille sahen die Reiter. – – –

»Reißet die Fahne in Fetzen und rettet sie!« befahl der König mit heller Stimme. »Und euch danke ich für die Treue, euch allen. Ich kann's euch nimmer lohnen – Gott lohn' es euch!«

Rauschend fuhr die Sturmfahne am Maste herunter. Wok fing das große Seidenstück auf, schnitt es mit dem Schwerte von den Stricken und riß es in Fetzen. Schweigend drängten sich die Ritter heran, und jeder band sich ein Stück um den Arm.

Der König stülpte den Helm übers Haupt – der Seeberger band ihm das Härsenier, und dabei rannen ihm die dicken Tropfen aus den Augen über die blutbefleckten Wangen. Der König trieb sein Roß an, und schweigend rasselten die anderen hinter ihm, dicht neben ihm aber der barhäuptige Alte und der Witigone.

Über die Felder kam die römische Schar. König Ottokar senkte die Lanze und jagte den Seinigen voran. »Elfe gegen hundert!« schrie der Seeberger. »Um so geschwinder ist's geschehen!«

Dröhnend schossen die Zehn dem Könige nach – – und wieder schlugen zwei Wogen ineinander.

Die Sonne berührte die Hügelkette und lag als eine große, feurige Kugel darauf. Gleich Flammenblitzen fuhren ihre Strahlen flachher über die Felder. Ein rosiger Hauch war über den lichten Dunst des abendlichen Himmels geflogen, graublaue Wölklein mit goldigglühenden Rändern schwammen darinnen – – über ihnen standen hellglänzende Wolkenstreifen in meergrünem Grunde. Hellblau wölbte sich die ungeheure Himmelsglocke über der Walstatt. – – – – Wie weit drang es wohl empor, das Schreien und Toben, das Klirren und Schlagen, das Stampfen und Ächzen? Wie weit drang es wohl empor, als das Schlachtschwert niederprasselte auf den weißen Scheitel des Seebergers? Wie weit drang es wohl empor, als der König kopfüber vom Rosse stürzte und zertreten wurde von den Hufen? Wie weit drang es wohl empor, als abermals ein Morgenstern niedersauste auf den dröhnenden Helm des Witigonen?

Es war geschwinde getan, Herr Martin! Nur ein ganz kleines, blutrotes Stücklein war noch zu sehen von der Sonne – ein letzter Strahl zitterte herüber von ihr – – dann war's geschehen, und die Kugel sank völlig hinunter. – –

Von Morgen her, von den fernen, dunkelblauen Waldbergen, hob sich ein Lüftlein, ein kühles Lüftlein, das erste an diesem Tage, wehte über die weite Pußta, wehte über die March und kam aufs Schlachtfeld. Und es spielte um den einsamen Leichenhaufen, strich über einen zerbrochenen goldenen Löwen, über das Wahrzeichen, auf das einst Hunderttausende geblickt hatten, die einen mit Liebe, die andern mit Haß, es hauchte über den Schwergepanzerten, der langsam hervorkroch aus dem Knäuel, ruckweise auf der Erde fortrutschte, stöhnend innehielt, weiterkroch, langsam, langsam, hinunter zum trockenen Bachbette, und hinter den Wurzeln der morschen Weide sich barg, wie der angeschossene Hirsch sich birgt vor dem Jäger. – – Und auch mit deinen weißen Haaren, alter Mann, koste der Lufthauch, mit deinen blutigen, weißen Haaren: und wie im Spiele sträubten sie sich und glätteten sich, sträubten sich wieder und legten sich sanft über deinen zerschmetterten Scheitel, Herr Martin!

* * *

Kühle Nacht war's.

Über dem weitgedehnten Felde leuchtete der Mond. Aus der March und aus den feuchten Wiesen hob sich wie leichter Rauch der Nebel und lagerte sich hart an der Erde, griff über die Schlachtgründe hin und deckte Freunde und Feinde mit einem einzigen silberweißen Schleier.

Wie ferne Berge standen die gelben Hügel gegen Abend in dem fahlen Lichte und zeichneten sich hinein in den dunkeln Nachthimmel; wie alte Riesen glotzten im Felde die braunen Weidenstrünke, und neben ihnen ragte der kahle Baum der böhmischen Sturmfahne gleich dem Maste eines gestrandeten Schiffes in die Luft empor.

Von Dürnkrut bis gegen Jedenspeigen glühten die Wachtfeuer der Sieger: König Rudolf nächtigte auf der Walstatt inmitten der Erschlagenen. – –

Im trockenen Bette des Baches schlichen zwei Gestalten von den Hügeln her, ein Mann und ein Weib. Geduckt, spähend ging der Mann mit leerem Zwerchsacke über der Schulter, zaghaft, angstvoll schlich hinter ihm das Mädchen.

»Vater, warte, ich kann nicht mehr! Horch, wie sie schreien – da, dort, dort! Vater, hörst du nichts? Vor uns – – der lange Schrei! – Und da drüben und dort hinten!«

»Laß sie schreien!« raunte der Alte, blieb stehen, packte das Mädchen am Arme und zerrte es vorwärts.

Da zuckte er zusammen. Langsame, schleichende Schritte kamen vom Flusse her.

»Pst! Pst! Duck dich!« zischte der Bauer und warf sich auf die Bachsohle. Zitternd kauerte sich das Mädchen zusammen.

Ein keuchender Mann kam näher, tief gebeugt, schwerbeladen.

Heftig drückte der Alte die Hand des Mädchens, langsam zog der andere vorüber am hohen Ufer mit seiner klirrenden Last. Regungslos lagen die beiden, bis die Schritte in der Ferne verhallten.

»Schau, schau! Hast ihn gesehen, den alten Rasso?« murmelte der Bauer und erhob sich. »Der Fuchs, wie der Helm gefunkelt hat auf seinem Buckel; der ist ein gut Stück Geld wert. Und das Panzerhemd, wie das noch trieft vom Wasser – – spute dich!«

»Vater, ich fürcht' mich. Schau, die Feuer, die vielen Feuer bis gegen Jedenspeigen! Hörst du das Wiehern? Wenn sie nur nicht kommen!«

»Dummes Weibsbild! Sind hundsmüde, die da draußen. Spute dich!«

»Wohin denn, Vater?« sagte das Mädchen. »Vater, ich kann nicht mehr!« Und ihre Zähne schlugen aufeinander.

»Ans Wasser! In der Schiffsmühl' müssen sie hängen wie tote Fisch', die Böhmischen,« raunte der Mann. »Haben sie meinen Weinberg in die Erde gestampft, meinen Hof verbrannt – – –«

»Vater, horch, da hat einer geröchelt!«

»Wo?«

»Da, da! Bleib! Vater, bleib!«

Der Alte stieß sie zurück, warf den Zwerchsack ab und kletterte vorsichtig die Böschung empor.

Auf dem zerstampften Rasen lag ein blutbedeckter, nackter Mann. Weit offen standen seine Augen und glitzerten im Mondlichte.

Gierig schaute der Alte auf den Todwunden. »Alles zu spät,« knurrte er; »ausgezogen, ganz ausgezogen!«

Der Gefallene röchelte wieder, hob langsam den Arm und ließ ihn seufzend sinken.

Da bückte sich der Alte jählings auf den Sterbenden, rückte ihn an der Hüfte beiseite, scharrte und zog eine blitzende Kette hervor aus dem Grase.

»Hieher, sag' ich!«

Zögernd kam das Mädchen, sah den Gefallenen – – – »oh, Vater, der wüste Kerl!«

»Halt's Maul, schau den Sonntagsstaat, wie das blitzt und funkelt – ist gut Gold!« sagte der Alte, ließ die Kette durch seine Finger gleiten, gab sie dem Mädchen, stieg zurück in den Bach und nahm seinen Sack auf.

Das Weib griff mit zitternden Händen nach dem Kleinode, wandte sich ab, prüfte die Ringlein und wog sie in den Händen. »Schwer Gold,« sagte es nachdenklich, ließ die Beute in die Tasche gleiten, stieg in das Bachbette und folgte schleichend dem Alten.

Hinter ihnen tat seinen letzten Seufzer der unbekannte, verlassene Mensch. – – –

Weiter und weiter gingen sie, stiegen bald hier, bald dort aus dem Bache, krochen hierhin und dorthin im Totenfelde, kamen wieder, trugen Eisen und Seide, Linnen und Gold – – schlichen weiter, und der Zwerchsack wurde bauschig und schwer.

Eine Keule raffte der Alte vom Boden, stützte sich darauf und setzte keuchend einen Fuß vor den andern; und beladen mit Wämsern und Decken folgte das Mädchen.

»Vater!«

»Was willst?«

»Vater, mir grauset's schon noch, aber –«

»Was aber?«

»Glaubst nicht, wir sollten ganz aus dem Bach steigen und ein bissel tiefer ins Feld gehen? Da schreien so viele!«

Schnaufend stand der Alte und lachte: »Schau, schau! – Aber ich glaub', im Fluß hängen gar noch die meisten. Dahin gehen wir!«

Weiter schritten sie.

»Vater, pst!«

»Was?«

»Vater, schau! Da, nein da, vor uns, an dem Weidenbaum, schau, da hebt sich einer!«

Vorsichtig ließ der Alte den Sack zu Boden gleiten und kroch mit seiner Keule ins Feld empor. Das Mädchen kauerte sich hinter hohes Schilf.

»Im Schatten der Weide kniete ein Schwergepanzerter. Seine Hände tasteten und zogen am Härseniere. Unverwandt schaute das Mädchen hinüber. In weitem Bogen schlich der Bauer hinaus ins Feld.

Jetzt nahm der Gewappnete den Helm vom Haupte, raffte einen zerbrochenen Speer vom Boden und hob sich schwerfällig auf die Beine.

Zwei Schritte ging er am Speere vorwärts, schwankte und ging wieder vorwärts, aus dem Schatten ins Licht; und durch die Risse und Löcher des zerfetzten Gewandes funkelten die silbernen Ringe des Panzers.

Unverwandt starrte das Mädchen hinüber, sah, wie der Vater aus dem Felde heranschlich, sah, wie er sich am hohen Ufer hinter den Stamm der Weide drückte, die Keule mit beiden Händen faßte und dastand gleich einem Raubtiere, das sich zum Sprunge anschickt; sah, wie der Fremde das Haupt emporhob, langsam, müde, halb schlafend emporhob, und in den Mond schaute – – –

»Vater, Vater!« rief sie mit gellender Stimme; »Vater, halt ein, den nicht!«

»Wer ruft?« sagte Wok, schwankte, faßte den Speer fester, kehrte sich schwerfällig um und rief empor: »Wer da?«

Aus dem Schatten der Weide trat der Alte und sagte demütig: »Ein armer Bauer, der sich umschaut auf dem Totenfelde, ob nicht da und dort einem Todwunden zu helfen wäre.«

»Mit der Keule?« lallte Wok, schwankte wieder und stürzte dröhnend rückwärts auf den Boden.

Hochauf schwang der Bauer die Keule.

Da warf sich das Mädchen zwischen ihn und den Ohnmächtigen und hing sich an seine Arme, daß er zischte: »Bist du toll? Schau wie das blinkt! Gib Raum!«

»Den nicht, Vater,« keuchte das Mädchen; »das ist der Ritter von gestern abend!« Schützend stellte sich die Dirne zwischen den Alten und den Bewußtlosen, und ihre Augen funkelten.

»Alles, was sein ist, könnt Ihr haben,« sagte sie und wandte sich mit schnellem Blicke um. »Alles,« keuchte sie, stemmte die Arme in die Hüften und schaute wieder den Alten an, »aber ich laß' ihn nicht erschlagen wie einen Kater.« – – »Und sehet ihn doch an!« setzte sie lauernd hinzu. »Er ist guter Leute Kind, alles gleißt von Silber; das Silber ist unser, und gar wohl auch ein groß' Stück Lösegeld; aber für den toten Balg gibt Euch keiner ein Hennenei.«

»Wohin?« fragte der Alte mürrisch.

»Heim! Zuerst sein Panzerhemd, dann ihn. Helfet!« sagte die Dirne und beugte sich über den Leblosen.

»Der ist schon hin,« brummte der Alte und stieß mit dem Fuße an den Leib des Gefallenen.

»Nein, er lebt,« grollte das Weib. »Schneidet die Riemen durch, tragt's alles, Stück für Stück, ins Loch, und hernach kommt und helfet mir, ihn selber heimbringen! Schauet nur die dicke, goldene Kette mit dem schweren Kreuz!«

Der Alte hatte sich auf die Kniee niedergelassen und wog die Kette in den Händen; dann schnitt er hastig in die Riemen und murmelte: »Drei Huben ist sie wert.« – – – »Ein feiner, hoher Herr,« setzte er hinzu und schielte auf das bleiche Antlitz, aus dem die Dirne mit ihren schmutzigen Händen sorgsam die wirren Locken strich.

* * *

Höher und höher stiegen die Nebel. Kein Fünklein mehr blitzte herüber von den Wachtfeuern des römischen Königs. Aber das Klagen der Hilflosen, das Wiehern versprengter Rosse drang noch immer durch den Nebel, und hoch in den Lüften tönte es wie Schreien und Kreischen von Raben und Dohlen.

* * *

Schweißtriefend zog der Bauer seinen Weg im Bette des Weidenbaches. Er kam und ging und stapfte unter den Lasten. Regungslos saß die Dirne, und in ihrem Schoße ruhte das Haupt des Witigonen.

Zum letztenmal kehrte der Alte zurück, lauschte hinaus ins Feld, spuckte in die Hände und packte den Bewußtlosen unter den Achseln. Mit starken Armen umfing die Dirne seine Kniee, und so schleppten sie den Leib Schritt vor Schritt gegen Abend, stiegen ans Ufer, und hinter ihnen schlossen sich die Nebel.

* * *

Die Nacht verging, der Morgen graute, wieder kam die Sonne empor hinter den fernen Waldbergen, die glänzenden Möven hoben sich aus den Niederungen der March und flogen schreiend landeinwärts gegen Morgen und Abend. Wieder ertönten Hornrufe und scheuchten müde Schläfer vom Schilde.

Rosse wieherten, Kommandorufe hallten – der Morgenwind blähte die weiße Sturmfahne des Königs.

Auf, Herr Rudolf! Auf gen Mitternacht! Aufwärts steigt Euer Weg, gleich der Sonnenbahn da droben. Abwärts hat der andere gehen müssen, der nicht leben konnte neben Euch. Da hinten liegt er, den sie den goldenen König nannten, mit zerhauenem Schädel; zerstampft, entehrt liegt er in der dumpfen Kapelle am Wege. Die Kerzen qualmen um ihn her.

Auf, Herr König! Vorwärts gegen Mitternacht! Die Bahn ist frei, hoch steigt die Sonne, vorwärts! Laßt es weit hinter Euch, das grausige Blachfeld, schenket es der Sonne, daß sie ihre glühenden Pfeile hineinbohre in die toten Getreuen des goldenen Königs und leise das Werk vollende! –

Ihr aber vorwärts! Vor Euch schreite der Friede, Gerechtigkeit und Liebe sollen Euer Roß an den Zügeln führen!

Vorwärts! Das Haus des goldenen Königs schwankt, ein schwaches Weib und ein Kind können es nicht stützen? Ihr müßt es stützen und schirmen. Vorwärts, ehe die Wölfe hervorkommen, vorwärts, ehe der uralte Thron zusammenbricht und das Volk zermalmt unter seinen Trümmern! Waltet Eures heiligen Amtes in Treue! Auf, römischer König, großer römischer König, einziger König!

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.