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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 5
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
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Zweites Buch

Herbst 1276

Blau, dunkelblau war der Himmel, und weithin lag ein wundersamer Schimmer auf den Feldern und Wiesen des Tales, auf den hohen Waldbergen, auf der braunen, eiligen Moldau und auf den Dächern des Stiftes drüben über dem Flusse; lange, weiße Fäden flogen irrend hierhin und dorthin wie silberne Strahlen, fingen sich in den Stoppeln, schlangen sich um die Erlen und Weiden und fuhren über alle Firste des Klosters bis hinauf zum kleinen, grauen Dachreiter der Kirche. Die Luft war lau, aber schon fielen leise, leise die gelben Blätter von den jungen Bäumen am Hange, und schon schwebte der Moderhauch des Herbstes über allen Wegen – der Sommer hatte ausregiert und zog fort aus dem Lande. –

Auf der Holzbrücke, hart unter den Mauern des Stiftes, schritten drei Männer hintereinander. Der erste war ein starkknochiger Mensch; der trug einen schweren Kramkorb auf dem gebeugten Rücken, seine Hände waren verstrickt, sein brauner Rock war bestäubt, und sein Blut floß langsam unter dem Hute herab auf das bartlose Antlitz. Hinter ihm ging ein Knecht; der stieß den Verstrickten von Zeit zu Zeit und lieh ihn nicht aus den Augen. Der letzte von den Dreien aber war ein hoher, hagerer Mönch; der trug das weiße Gewand der Cisterzienser mitsamt dem grauen Skapuliere. Eilig stiegen die Drei den Hügel hinan; der Verstrickte keuchte, und die Kutte des Hageren flatterte.

Über die kleine Zugbrücke traten sie durch das Klostertor in den weiten Hof. Der Verstrickte blieb stehen und atmete tief auf. »Vorwärts, du Hund!« sagte der Knecht und stieß ihn in die Seite.

Der Hof wimmelte von Leuten, und die Mauern der Häuser hallten wider von ihrer lärmenden Arbeit und von ihren Rufen. Da waren Knechte, die zimmerten an großen Holzhütten und Treifen, wie sie das Kriegsvolk braucht zum Nächtigen, an rohen Bänken und Tischen; da waren weiße Mönche, die mit sanfter Stimme Befehle gaben; da waren Wagen, beladen mit Stangen und Brettern; Rosse stampften in den Ecken, und dazwischen lungerten Troßbuben.

»Vorwärts, du Hund!« sagte der Knecht und trieb den Krämer quer über den Hof. Die andern Knechte sahen auf von ihrer Arbeit, die Mönche kamen langsam heran und schauten neugierig auf den gebeugten, blutigen Menschen. Und der Hagere grüßte seine Brüder mit leichtem Nicken des gesenkten Hauptes, seine schwarzen Augen blickten rasch im Kreise umher – dann legte er den Finger auf die schmalen Lippen.

Als die drei in den Raum gelangten, der sich zwischen der kleinen Kirche und dem Kapitelhause breitete, da trat aus dem Rundbogen der Kirchentüre ein weißhaariger Mönch hervor; der hielt sich gebeugt – denn eine Last von Jahren lag ihm auf dem Rücken. Neben ihm schritt ein Schüler, halb Knabe, halb Jüngling; der trug einen schweren Folianten unter dem linken Arme und am Gürtel das Schreibzeug.

Keuchend schritt der Blutende an ihnen vorüber, demütig grüßte der Knecht und zwang sein rohes, erhitztes Gesicht in sanftere Linien. Der Alte aber warf einen prüfenden Blick auf die elende Gestalt des Verstrickten, dann winkte er den jungen Mönch zu sich. Der Klosterschüler trat weit zurück.

Mit tiefgesenktem Haupte stand der Hagere vor dem Weißhaarigen.

»Hat er gestohlen, Bruder Reinhart?«

»Nein, ehrwürdiger Vater,« antwortete dieser; »aber er ist ein Lyoner.«

»Weißt du's auch gewiß?« fragte der Greis und wandte die klaren Augen nach dem Verstrickten, der jetzt mit dem Knechte an der Pforte des Kapitelhauses wartete und mühsam mit den gefesselten Händen das Blut vom Antlitze wischte.

»Ganz und gewiß,« sagte Reinhart. »Gestern hatte mich der Herr Abt auf den Meierhof geschickt, damit ich nach dem Rechten sähe. Als der Abend hereinbrach, saß ich am dunkeln Herde und betete. Unter der Türe saß der Knecht und schnitzte Späne. Da trat dieser da herzu und sagte den Spruch – und daran erkannte ich ihn.«

»Welchen Spruch?« fragte der Greis.

»Ehrwürdiger Vater, den Lyonerspruch, den sie sagen, wenn sie zu Fremden kommen und vermuten, daß diese gleichen Irrglaubens seien. ›Grüß' dich, der verstoßen ist, ich bin fehlgegangen! Bist du's?‹ sagte er. Der Knecht schaute und lachte. Ich aber rief aus der Dunkelheit: ›Lohn' dir jener, dem Gewalt geschehen ist!‹ – denn ich kenne ihren Brauch. Darauf sagte er, wie ich mir dachte: ›Ist krumm Holz in der Stuben drinnen?‹ und wartete, ob ich spräche ›stoß dich an der Wand nicht!‹ – oder ob ich spräche ›geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ Ich rief eilig: ›Geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ Darauf trat er herzu und stellte seinen Kramkorb ab. Ich aber ging aus der Dunkelheit heraus, hieß ihn schnurstracks einen vermaledeiten Lyoner, ließ ihn binden von den Knechten und bringe ihn jetzt dem Herrn Abte. Der Meier aber ist mir verdächtig; den müssen wir scharf beobachten!«

»Hast gesagt ›geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ und dann hast du ihn verstrickt?« fragte langsam der Greis.

Eine jähe Röte flog über das scharfgeschnittene Gesicht des Hageren, er hob die dunkeln Augen empor, senkte sie aber rasch wieder vor dem durchdringenden Blicke, der auf ihm ruhte.

»Das ist ja ihr Gruß!« murmelte er.

»Tue, was du für deine Pflicht hältst!« sagte der Greis, wandte sich, winkte dem Schüler und ging aus dem Schatten heraus über den sonnenhellen Hof hin, durch die arbeitenden Mönche und Knechte und durch die lungernden Buben.

* * *

Dort, wo der Hügel des Stiftes gegen die Moldau abfällt, schmiegte sich zwischen die starke Ringmauer mit ihrem dicken, runden Turme und die niedrige Vormauer wie ein Schwalbennest zwischen Hauswand und Dachtraufe ein schmales Gärtlein. Hart an der Brüstung der Vormauer stand im Schatten des Turmes ein schwerer Steintisch. Dort saß der alte Mönch, und seine Augen waren auf den großen Folianten gerichtet. Vor ihm stand der Schüler und rieb die Farben.

Drunten auf den Moldauwiesen leuchteten rotblaue Herbstblumen, das Wasser rauschte vernehmlich, und in mächtigem Halbkreise ragten die hohen Waldberge zum Himmel empor.

»Mische das Rot dunkler, Wok! Es muß wie Feuer brennen an einem düsteren Orte. So – siehst du? Wie Feuer hat es auch gebrannt, wenn er mit dem Rosenschilde gegen seine Feinde ritt. So – siehst du, da leuchtet die rote Rose im weißen Felde!«

»Jetzt, Wok, setze dich hierher und wende dein Antlitz dorthin; so - noch mehr, dorthin auf die hohe Fichte am Flusse! Nun will ich dem seligen Herrn das Haupt auf die Schultern malen. Aber nicht das alte, zerhauene, mit dem wir ihn vor fünfzehn Jahren in die Gruft gesetzt haben, sondern das junge von einstmals. Und dazu nehme ich das deine!«

So saß der Alte und malte mit großer Kunst den seligen Grafen, wie er kniete, das Haupt mit Andacht der Gottesmutter zuwandte und ihr das Abbild der Stiftskirche zum Opfer darbrachte. Er malte mit Eifer, und es entstand ein Haupt, wie es der alte Wok niemals besessen hatte, demütig seitwärts in den Nacken zurückgebeugt, ein mönchisches Haupt mit langen, blonden Locken und mit den Zügen des Knaben auf der Steinbank.

Der aber bewegte sich nicht und blickte starr hinaus auf den goldglänzenden Wipfel der Fichte und auf die Waldberge, aus denen der rauschende Strom hervorbrach; er getraute sich kaum zu atmen, aus Furcht, es möchte sein Antlitz nicht richtig in das große Buch kommen. Und der Stolz umgoß seine Wangen mit rotem Schimmer, so oft der Alte ihn prüfend beschaute.

»Der Winter ist vor der Türe,« sagte der Greis. »Siehst du die Herbstblumen drunten und die silbernen Fäden? Ein alter Mann fürchtet den Winter.«

»Sie sagen, es werde ein grimmiger Winter kommen,« antwortete Wok. »Der Schlehdorn ist über und über blau, und die Stare sind auch schon frühzeitig gewandert. – Ehrwürdiger Vater, was geschieht wohl mit dem Ketzer, den Pater Reinhart verstrickt hat?«

»Woher weißt du, daß er ein Ketzer ist?« fragte der Greis.

»Die Knechte auf dem Hofe sagen's laut; da habe ich's gehört.«

»Wenn er ein Ketzer ist, dann wird er nach Passau geführt und verbrannt,« sagte bedächtig der Prior.

»Und was tun diese Ketzer?« fragte Wok nach einer Weile.

»Das sind Fragen, die sich nicht geziemen,« antwortete der Greis und arbeitete gebückt über dem Folianten.

Wok schwieg. Als aber der Mönch wieder die Augen zu ihm aufschlug, um seine Züge in sich aufzunehmen, da sah er in ein dunkelrotes Antlitz und in tränenschwere Augen. »Wok?« fragte er und legte den Pinsel zur Seite; »Wok, Knabe?«

Der Jüngling wandte das Haupt und sah dem Alten voll in die Augen. »Ehrwürdiger Vater, so heißt es überall, wo ich frage und was ich frage,« begann er mit bebender Stimme. »Wenn ich frage, was wohl einem geächteten Könige geschehe, so sagt man mir dasselbe. Wenn ich frage, was meine Brüder tun werden, dann zuckt man mit den Achseln. Und wenn ich Euch frage, was es um die Ketzer sei, dann weiset auch Ihr mich zurecht, als wollte ich selbst ein Ketzer werden. Von den Knechten könnte ich wohl dies und das erfahren, aber ich bitte sie nicht; denn anders schaut der Knecht, anders der Herr in die Welt. Was die Knechte sagen vom Könige und von meinen Brüdern, ist Knechtsrede. Ich aber möchte ein Herrenwort hören.«

»Die große Zornader des alten Wok,« murmelte der Prior und sah gedankenvoll auf die hohe Stirne des Schülers. Dann griff er nach dem Pinsel, beugte sich über die Arbeit und fragte vorsichtig: »Und was willst du wissen, Wok?«

»Alles!« rief Wok, der wieder starr hinausschaute auf den Fichtenwipfel. »Saget mir's, ehrwürdiger Vater,« setzte er bittend hinzu, »ich muß es wissen! König Ottokar ist geächtet. Die Knechte raunen, er sei mit einem Heere von Pilsen über Prachin gekommen und ziehe jetzt durch den Vechiner Gau. Es wird wohl Krieg geben! Was aber tun meine Brüder? Haben sie ihre Fähnlein zum Könige reiten lassen?«

»Wir Mönche sollen beten und arbeiten, das Volk lehren, Wälder roden und den Acker bauen, aber vor den Händeln der Welt sollen wir unsere Tore schließen,« sagte der Greis.

»Und was tun meine Brüder?« fragte Wok aufs neue.

»Kann ich wissen, was deine Brüder tun?« antwortete der Prior.

»Wer ist denn im Rechte, König Rudolf oder König Ottokar? Ich sinne Tag und Nacht!«

»Das Recht, Knabe?« sagte der Alte und lächelte; »das Recht? König Rudolf hat aus sich kein Recht, und König Ottokar hat keines aus sich. Recht haben wird der von beiden, der –«

»– die meisten Reiter auf seiner Seite hat!« fiel Wok ein.

»Nein, Knabe, der Kluge wird recht haben,« sagte der Mönch mit Nachdruck; »denn es stehet geschrieben: ›klug sollt ihr sein wie Schlangen und ohne Falsch wie Tauben!‹« –

»Heute nacht werden meine Brüder kommen,« fuhr Wok fort, und der Prior warf wieder einen raschen Blick auf ihn; »sie werden kommen und zu Rate gehen mit den Blutsfreunden.«

»Sie werden kommen,« sagte der Greis; »doch was sie tun werden, das kann ich nicht wissen. Wenn die Söhne unserer Guttäter Boten schicken und ein Nachtlager heischen, dann richten wir ihnen den Imbiß und breiten ihnen die Decken im Gasthause und heißen sie willkommen; aber wir fragen nicht, was sie tun.«

»Wie kann einer wissen, ob er klug handelt?« fragte der Jüngling.

Da legte der Greis den Pinsel aus der Hand, erhob sich und trat vor den Schüler. »Aus den Lehren der heiligen Kirche, aus dem Leben der Heiligen, von seinem Beichtvater und aus seinem Gewissen. – Die Großen dieser Erde aber haben in allem, was sie vornehmen und handeln, einen gar hellen Stern, auf den sie schauen müssen: das ist der heilige Stuhl. Und auch in dem Kampfe, der jetzt zwischen König Ottokar und König Rudolf entbrennt, haben die Fürsten und Herren der Völker ihre Regel und Richtschnur; denn der heilige Vater hat den König Rudolf gesegnet. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!«

Auch Wok hatte sich erhoben und stand mit geneigtem Haupte vor dem Greise.

»Darf ich reden?« fragte er und atmete tief auf.

»Sprich!« sagte der Prior.

»So ist es wohl leicht, klug zu handeln, aber ich sehe nicht, ob es ebenso leicht ist, ohne Falsch zu handeln. Meine Brüder sind die Mannen König Ottokars; da müssen sie ihm doch treu bleiben! Wie können sie ihn verlassen und dem neuen Herrn anhangen?«

»Ich habe dir gesagt, daß wir Mönche uns verschließen sollen gegen die Händel dieser Welt. Aber du bist verwirrt und findest keinen Ausweg aus deinen Gedanken. Darum antworte ich dir noch einmal. Der König hat Herrn Ottokar geächtet und hat gesagt: ›Ich künde ihn aus dem Frieden in den Unfrieden, verbiete ihn seinen Freunden und gebe sein Gut den Feinden preis.‹ Damit hat er alle, auch deine Brüder, von ihm gelöst. Und sein Recht hat König Rudolf vom heiligen Vater. Denn es sind zwei Schwerter auf Erden, das geistliche und das weltliche. Einer hat das geistliche, und einer das weltliche, und das weltliche nimmt seine Kraft vom geistlichen und ist ihm Untertan gleichwie der Leib der Seele.«

»Und doch dünkt es mich schwer, das Rechte zu tun und klug zu handeln,« sagte der Schüler. »Aber mein Bruder Zawisch wird beides finden,« schloß er und sah mit freudigem Lächeln auf den Greis.

»Warum dünkt es dich jetzt noch schwer, Wok, nachdem ich dir doch alles gesagt habe?«

»Ich meine so,« sagte Wok sorglos: »Rom und Böhmen liegen weit auseinander – ob der heilige Vater wohl weiß, was bei uns in Böhmen recht und was falsch ist?«

Da legte sich die Hand des Priors auf seine Schulter: »Knabe, du lästerst. Die heilige Jungfrau soll dich schützen! Du weißt nicht, was du sagst. Aber jetzt gebe ich dir auch Antwort auf deine erste Frage: so sprechen die Ketzer. Und morgen wollen wir weiter reden über diese Sache.« Damit wandte er sich und schritt aus dem Garten.

Wok stand noch lange an der gleichen Stelle, dann packte er seufzend Pinsel und Farben und das Schreibzeug zusammen, nahm sorgsam den offenen Folianten mit der nassen, unfertigen Malerei und trug alles schweigend über den Hof in die Zelle des Priors.

* * *

Es war Abend. Mit großen Schritten durchmaß Herr Zawisch die geräumige Zelle im Fremdenhause. Am Tische hantierte der Gastmeister, strich noch einmal und noch einmal über die Linnendecke, rückte am hohen Zinnkruge, legte das Polster auf dem Faltstuhle zurecht, schritt unhörbar zur Türe, rieb die Hände und verneigte sich, murmelte den Gruß und verschwand. –

Unberührt standen Trank und Speise, rastlos wanderte der Landherr auf und nieder. Abermals öffnete sich die Türe, und ein langer, hagerer Mann im Reitergewande trat in das Gemach.

»Alle versammelt, Burkhard?« fragte Zawisch und blieb stehen.

»Ja, Herr, alle. Gerade ist auch noch Herr Kadalhoch in den Hof geritten.«

»Die Wachen sind ausgestellt?«

»Ja, Herr, der Kapitelsaal ist von allen Seiten abgesperrt. Vier Mann stehen im Gange, zwei vor dem Tore. So schätze ich, daß keine Maus durchkann.« »Aber für die Mönche, Herr, möchte ich nicht gut stehen,« setzte er hinzu und zog die Schultern in die Höhe; »die können leise treten und kommen überall hin und hören alles, was sie wollen – allerorten, so auch wohl im eigenen Fuchsbau.«

Zawisch winkte mit der Hand, und Burkhard schwieg.

Von neuem wanderte Zawisch hin und her. Dann sagte er endlich: »Gehen wir!«

»Herr, wollet doch einen frischen Trunk nehmen und ein Stücklein Fleisch!« bat Burkhard.

Wieder machte der Herr die kurze Bewegung mit der Rechten, und wieder schwieg sein Mann. Zawisch ging zur Türe.

»Herr,« ließ sich Burkhard vernehmen, »Herr, wenn einer frei Geleite hat und ich reite neben ihm und sage ihm zierlich meinen Namen, wie sich's gebührt, und wenn der das Faß über dem Schädel behält und etwas aus den Löchern brummt, was ich nicht verstehen kann, so ist das unhöfisch.«

Zawisch lächelte flüchtig. »Wer hat denn so unhöfisch gehandelt?«

»Herr,« sagte Burkhard, »ich hätt's Euch nicht geklagt. Aber es ist nicht nur unhöfisch, es ist auch verdächtig. Der vierte von den Königsboten ist's, den ich meine. Das ist ein heimlicher Geselle; auf der ganzen Fahrt von der Krummenau herauf bis hierher ist er einsam fürbaß geritten, und auch jetzt steht er seitab unten im Saale. Die andern essen und trinken, und er hat noch immer das Helmfaß über dem Schädel.«

»Laß ihn!« sagte Zawisch. »Wird einer sein, den wir nicht kennen sollen. Sie haben frei Geleite.«

»Und doch ist's unhöfisch und verdächtig,« murrte Burkhard. »Aber noch etwas!« sagte er und vertrat Herrn Zawisch ehrerbietig den Weg. »Es liegt einer verstrickt im Stifte, der eine Botschaft an Euch haben will. Die Knechte raunen, er sei ein Lyoner.«

»Hol ihn!« befahl Zawisch, trat an den Tisch und netzte die Lippen aus dem Kruge.

»›Hol ihn!‹« sagte Burkhard vor der Türe. »›Hol ihn! Hol ihn!‹ – Wie? Wo? Bei wem? – – Das kümmert ihn nicht. Aber – ›hol ihn! hol ihn!‹« – –

»›Hol ihn!‹« brummte er und schritt mit gesenktem Haupte die Stufen hinab.

* * *

Nach kurzer Zeit stand der Krämer in der Zelle.

»Wer bist du?« fragte Zawisch vom Fenster her, während Burkhard die Fesseln von seinen Händen nahm.

»Hubald, ein Krämer,« antwortete der Mann, sah starr zu Boden und rieb langsam seine Gelenke.

»Herr Zawisch!« begann er.

»Hast du ihm gesagt, wer ich bin?« fragte Zawisch.

»Dem Verstrickten?« antwortete Burkhard und machte ein verächtliches Gesicht.

»Woher weißt du, wer ich bin?« forschte Zawisch.

»Ich kenne Euch seit Eurer Knabenzeit,« antwortete der Gefangene.

»Habe dich noch nie gesehen.«

»Vielleicht doch schon – Herr, ich habe Euch Botschaft zu bringen – – –« er wandte sich gegen Burkhard und sah dann wieder auf den Landherrn.

»Sprich, wir sind allein!«

»– von der, die Euch am liebsten ist,« vollendete der Krämer. »Verzeiht,« fügte er bei, ging an die Wand und setzte sich auf einen Schemel; dort zog er den rechten Schuh ab, hob eine Sohle heraus und holte einen Pergamentstreifen hervor. »Eure Hausfrau grüßt und segnet Euch, Herr,« sagte er, ging mit dem Schuh in der einen Hand auf Zawisch zu und gab ihm das Blatt.

Rasch griff Zawisch danach, trat an den Tisch und las im Lichte der Wachskerze die Botschaft. –

Er winkte. Burkhard legte dem Alten wieder die Fesseln an und führte ihn aus der Zelle. – –

Als er zurückkehrte, saß Zawisch vor der Kerze, drückte seinen Dolchknauf in den Wachsverschluß eines Briefes und erhob sich.

»Den gib heute nacht dem Krämer und hilf ihm aus dem Stifte; aber ohne Aufsehen! Hörst du?«

Burkhard griff mit den Fingerspitzen nach dem Schreiben und starrte Herrn Zawisch an. »Ich höre, Herr, aber Ihr erlaubt wohl, daß ich mich verwundere,« sagte er.

»Warum nicht?« fragte Zawisch lächelnd und wandte sich zur Türe.

»Ihr befehlt mir das, als ob ich ein Ei aus dem Neste oder einen Laib Brot aus dem Ofen holen sollte,« staunte Burkhard und schwippte das Pergament mit den Fingern.

»Du sollst ihn freimachen aus seiner Haft!«

»Daß sie mich selber als einen Lyoner nach Passau führen?«

»Hieher ist er als der vertraute Bote meines Weibes gekommen, und als mein Bote geht er wieder fort! Und er soll ein Lyoner sein? Was hätte denn mein Weib mit einem Lyoner zu schaffen? Und soll ich vielleicht mit dir beraten, wie du ihn über die Moldau bringen kannst? Wozu hab' ich denn dich, wenn ich an solche Dinge auch noch denken muß?« sagte Zawisch und griff nach dem Riegel –

»Ah, Wok!« rief er und trat zurück. Der Schüler kam in die Zelle, und mit höfischer Verbeugung ging Burkhard aus der Türe.

Wok schlang die Arme um den Hals des Bruders und bedeckte seinen Mund mit Küssen.

»Wok, Wok!« wehrte Zawisch und lachte. »Knabe, Tor, du erstickst mich! Pfui! Hast du das von den Mönchen gelernt?«

»Von denen nicht, aber von der Mutter!« rief Wok. – »Zawisch,« sagte er und trat einen Schritt zurück, »Zawisch, habt ihr Heimlichkeiten gegen den König?«

»Wok,« erwiderte Zawisch, »seit wann ist es Sitte, daß Knaben sich in die Heimlichkeiten der Einung drängen?«

»Ich bin kein Knabe und ich dränge mich nicht in die Heimlichkeiten,« sagte Wok. »Zawisch, beim Gedächtnisse unseres Vaters – sprich, sprich nur ein Wort! – – Wollt ihr den König verraten?«

»Von wem redest du, Wok?« fragte Zawisch langsam. »Von deinem Bruder und von deiner Sippe, dächte ich!«

»Und nicht mit einem Fremden, sondern mit meinem Bruder!« versetzte der Schüler.

»Ich habe Eile,« sagte Zawisch. »Komm in einer Stunde wieder, dann wollen wir ruhig miteinander plaudern!« Und er wandte sich nach der Türe.

»Zawisch,« flüsterte Wok mit bebender Stimme, »ich bin kein Kind mehr, und du darfst mich nicht als Kind betrachten!«

»Du bist ein Klosterschüler.«

»Und dabei noch immer frei wie meine Brüder. Zawisch, bei unserm Vater! Ich will mehr wissen, als der letzte Knecht weiß. Zawisch, hilf mir, Bruder!«

Der Landherr senkte das Haupt. Dann sagte er kurz und rasch: »So komm und schweige! Nimm die Wachstafel und folge mir! Ich werde den Herren sagen, daß ich eines Schreibers bedarf.«

* * *

An den Wänden des Kapitelsaales brannten starke Wachskerzen auf eisernen Stacheln und warfen ihr unruhiges Licht über die Versammlung der Witigonen.

In ihren Reisekleidern standen die Landherren umher, Greise, Männer und Jünglinge. Erregt wogte das Gespräch, heftige Worte ertönten. Und hastig schob sich Ulrich von Neuhaus durch die Gruppen, flüsterte dort, ballte hier die Faust, zog diesen und jenen in eine Ecke, und sein fettes Gesicht glühte.

»Ich hab's ihm gesagt,« keuchte er, bohrte den Zeigefinger in den Lederkoller des alten Hojer und schielte hinüber zu Witigo von der Krummenau, der neben den Rosenberger Vettern unter der schlanken Säule in der Mitte des Saales stand, »ich hab's ihm gesagt, Oheim, das Ding hat sich auf die Winterseite gedreht, seitdem wir in der Krummenau beisammen waren. Schauet selber zu: Kriegsgeschrei war den ganzen Sommer lang, alle Tage hat man gedacht, jetzt stößt der römische König vom Nordgau her aufs Böhmenland; zu Nürnberg, hat's geheißen, versammeln sich die Fürsten und bringen ihm ein ungeheures Heer – – – und was ist bis jetzt geschehen? Nichts ist geschehen von alledem! Nichts hat es leisten können, das römische Reiterlein! König Ottokar hat gelacht über ihn, hat den Hirschen gehetzt, hat sein Gold hinausgeschickt und sich damit gute Freunde erworben allenthalben. Das Königlein hat sich nicht ins Land getraut. Jetzt aber reist's mit seinen fahrenden Leuten nach Regensburg und rennt in eine Falle mit sehenden Augen; denn, das sage ich und hab's dem Zawisch gesagt, der Niederbayer läßt Herrn Rudolf herein, läßt ihn meinetwegen auch zu Schiffe steigen, dann aber macht er das Tor hinter ihm zu. Gute Nacht, Herr Rudolf! König Ottokar zieht jetzt gen Mittag, der wird dich von vorne packen, und Herr Heinrich von Niederbayern packt dich hinten, und aus ist's, ehe du dich umschaust, mit deinem ganzen Königswerke. Und ich hab's ihm gesagt, dem Zawisch: wer wird die Zeche bezahlen müssen? Wir und noch einmal wir, und zuerst von allen, wie sie da sind, ich, der von Neuhaus! Noch ist es Zeit, wir müssen jetzt unsere Fähnlein Herrn Ottokar schicken. Und deswegen habe ich seine Boten heraufgeleitet, und Ihr sollt mir helfen, Herr Hojer!«

»Zawisch ist klug und erwägt alles, was er sich vornimmt; ich lobe mir gerade seine Besonnenheit,« sagte der Greis.

»Er läuft auch keine Gefahr,« grollte der Neuhauser. »Wer nimmt die Krummenau? Wer will wegen Rosenberg in den Wald steigen? Müssen sich die in Wittinghausen fürchten? Und vollends erst die drüben in Schinta, im Ranatale, in Aigen, und die andern alle? Aber ich draußen in Neuhaus!«

»Und die in Skalitz, in Wittingau, in Platz, in Lomnitz, in Prschibenitz?« fragte der Greis.

Ulrich schwieg und nagte an der Lippe. »Alle seid ihr gefährdet, weil ihr alle dem Zawisch und seiner Weisheit vertraut als die Blinden!« grollte er. »Aber andere haben auch Ohren und hören den Wind gehen.«

»Und hängen ihren Mantel, wie der Wind gerade bläst,« sagte Herr Hojer und lachte. »Es war aber nicht böse gemeint!« setzte er rasch hinzu und legte die Hand auf Ulrichs Schulter. »Du bist nahe daran, ich weiß es. Laß uns erst hören, was Zawisch vorschlägt, und dann wollen wir das Ding beraten!«

»Da kommt der Mann, der uns den Tanz gemacht und ohne unsern Rat angefangen hat,« raunte Ulrich und schaute zornig auf die Türe.

»Wir haben alles beraten mit ihm,« sagte der Greis mit Nachdruck. –

Vor die Geschlechtsgenossen trat Zawisch.

»Ihr Herren,« begann er, »ihr Herren allzumal! Als Gekorener über die Einung habe ich euch hierher entboten zur letzten Ratung und danke euch, daß ihr in so großer Anzahl zur Malstatt gekommen seid. Ich bitte euch, schließet den Ring und höret, was ich euch zu sagen habe!«

Die Herren schlossen sich im Kreise um Zawisch. Herr Ulrich aber deutete auf Wok, der nahe an der Türe stand, und rief: »Was will der Knabe hier?«

»Ich habe ihn kommen lassen mit der Schreibtafel,« antwortete Zawisch; »genügt das, ihr Herren?«

»Es genügt!« rief Kadalhoch. »Es genügt!« riefen die andern ringsumher. Witigo von der Krummenau aber trat leise neben den Schüler und gab ihm die Hand.

»Ihr Herren,« fuhr Zawisch fort, »ich habe euch wichtige Botschaft zu sagen: König Rudolf ist ehegestern in Passau eingeritten, und in diesen Tagen entbrennt der Krieg. Ihr wißt, daß Herr Ottokar gestern durch Bechin gezogen ist mit zehntausend Mann, und heute ist im Geleite des Neuhausers der Herzog von Troppau mit etlichen Gesandten auf die Krummenau gekommen. Ich habe sie sogleich von der Straße weg mit mir ziehen lassen. Es ist noch kein Wort gefallen zwischen ihnen und mir, wir sind schweigend nebeneinander den Weg geritten – aber es ist zu erraten, was sie im Walde suchen. Deshalb frage ich in letzter Stunde nochmals die Einung, welche Antwort sie den Königsboten geben will.«

»Was weiß der Gekorene über König Rudolf, und warum ist König Rudolf nicht gegen Böheim gezogen?« fragte Heinrich von Rosenberg.

»Als Herzog Heinrich mit dem König Frieden gemacht hatte, da war die Donau frei, und König Ottokar stand ganz allein,« sagte Zawisch. »Ich habe sichere Kundschaft, daß Heinrich von Niederbayern mit tausend Mann hart vor dem Emser Lande steht –«

»Und stehen bleiben wird!« rief Ulrich dazwischen.

»Und in den nächsten Tagen mitten in Österreich stehen wird,« vollendete Zawisch. »Ihr Herren! Es ist nicht Jägerart, daß man zum Bären in die Höhle kriecht; wir warten, bis er herauskommt, und dann hetzen wir ihn unter freiem Himmel. Warum hätte also König Rudolf nach Böhmen ziehen sollen? Um was geht denn der Handel? Um Österreich, um Steier und um das andere – Böhmen kümmert ihn nicht. Ihr Herren, mich dünkt, König Rudolf wäre ein Tor gewesen, wenn er sich nach Tepl hätte locken lassen!«

»Er wird sich den Kopf einrennen an Wien,« sagte Hojer. »Paltram wird's ihm weisen!«

»Ich glaube nicht,« erwiderte Zawisch. »König Rudolf liegt in Passau. Bei ihm sind die Bischöfe von Mainz, Würzburg, Regensburg, Chiemsee, bei ihm sind die Herzöge von Bayern, ist der Graf von Burgau, der von Nürnberg und viele andere. Er macht Ernst. Seit ehegestern fährt ein Schiff nach dem andern die Donau abwärts. Ich habe soeben Botschaft von Ranariedel bekommen.«

»Ich traue dem von Niederbayern nicht,« rief Ulrich. »Wer bürgt uns dafür, daß der Friede geschlossen ist zwischen ihm und König Rudolf ohne Arglist und Gefährde?«

»Herzog Heinrich wird seinen Schwäher nicht verlassen, so schätze ich,« sagte Zawisch. »Hat er ja doch in Regensburg die Lehen von ihm genommen!«

»Seinen Schwäher?! Die Lehen von ihm genommen?!« rief es da und dort aus dem Kreise. »Von König Rudolf? Wann?«

» Seinen Schwäher!« sagte Zawisch und betonte diese beiden Worte. »Am Tage Matthäi ist zu Regensburg Heinrichs Sohn Otto mit einer von den Königstöchtern, Katharina heißt sie, in den Ring getreten.«

Ein Murmeln lief über den Kreis.

Zawisch aber vollendete: »Ich weiß es so bestimmt, als ich die Säule da vor mir sehe. Es war im schwarzen Saale in der Grafenburg. Aber es dürften sogar zu Regensburg ganz wenige Menschen vorhanden sein, die solche Wissenschaft besitzen.«

»Und dennoch sage ich, König Rudolf ist zu schwach, König Ottokar wird es ihm zeigen, wo er der Herr ist!« rief Ulrich.

»Ich habe noch andere Botschaft,« sagte Zawisch und zog einen Brief aus dem Kleide. »Wollen wir alle unserer Pflichten gedenken und das Geheime geheimhalten! Höret: ›Wir die Gekorenen über die Einung der Herren und Ritter im Lande Steier tun Herrn Zawisch, dem Burggrafen zu Falkenstein, kund und zu wissen, daß wir uns untereinander verbunden haben, anzuhangen dem römischen Könige als des Reiches Vasallen und uns durch nichts von ihm und voneinander scheiden zu lassen als durch den Tod. Wäre aber einer unter uns, der dem zuwiderhandeln wollte, den mag ein jeder töten zu Wasser und zu Lande, bei Tag und bei Nacht ...‹«

»Was ist ein Stücklein Pergament? Der Wind jagt's über Berg und Tal, halt es über die Kerze dort, und es wird zu Asche werden!« rief Ulrich.

Zawisch aber kreuzte die Arme über der Brust und sagte langsam: »Ehe ich vor die Einung trat, wurde mir noch eine Botschaft gebracht – die Burgen im Lande Steier sind samt und sonders in der Gewalt der steierischen Einung, die Böhmen sind auseinander geweht wie die dürren Blätter im Winde und fliehen einzeln und in zersprengten Haufen durch Österreich – –«

Die Herren drängten sich im Kreise nahe auf Zawisch, der aber vollendete: »Und ehegestern ist Herr Milota selber bei Linz an die Donau gekommen, nach Böhmen entwichen und also Graf von Steier gewesen.«

Aus dem Ringe trat Herr Kadalhoch von Falkenstein, reichte Zawisch die Hand und sprach: »Die Einung weiß es ihrem Gekorenen zu danken; gute Kundschaft hat er gepflogen. Und jetzt wollen wir von ihm hören, was er zu ihrem Besten bei sich geratschlagt hat!«

Zawisch verneigte sich tief vor dem Greise und sagte: »Ihr Herren allzumal! Es ist euch wohl bekannt, was ich heute und immerfort sagen werde – es ist dasselbe, was ich vor drei Monden auf der Krummenau als meine Meinung kundgegeben habe; denn ich gehöre nicht zu denen, die heute weiß und morgen schwarz sehen, die kalt und warm kochen wollen in einem Topfe. Vor drei Monden war König Rudolf fern von unseren Grenzen – heute steht er nahe bei uns. Nicht zu verachten ist seine eigene Macht, von allen Seiten aber kommt ihm Hilfe durch die Feinde des Herrn Ottokar: Steier hält er in der Hand, und wie die Herren in Österreich denken, das wißt ihr selber. – Vor drei Monden war König Ottokar Herr diesseits und jenseits der Donau, von Polen bis über die Berge ans Meer – heute steht er allein – –«

»Der Brandenburger!« rief Ulrich.

»Du weißt so gut wie ich, daß der Brandenburger fünfzig gedeckte Rosse mit sich hat, wenn es ihrer so viele sind, und auch der Breslauer hat ihrer nicht mehr,« sagte Zawisch, richtete sich hoch auf und vollendete: »Was ich damals auf der Krummenau bekannt habe, das bekenne ich heute, wo die Gefahr kleiner geworden ist. Und wäre sie größer als damals, ich wollte doch nichts anderes bekennen –: Niemals gegen Herrn Ottokar zu Felde, aber auch niemals mit ihm; auf den Burgen bleiben, die Hand am Schwerte halten, zuschauen; mag er in sein Verderben gehen! Wir leisten den Tschechen keine Gefolgschaft im Kampfe gegen den römischen König. Was deutsch ist in Böhmen, fühlt sich gedrückt; denn mit glühendem Hasse gegen alles, was deutsch ist, herrscht jetzt an Ottokars Hofe Peter, der Kanzler. Und dieser Tscheche ist's, der uns Witigonen vor allen vernichten will. Da schauet nur Budweis an – –«

Wilde Rufe tönten aus dem Kreise.

»– Budweis, das sie uns auf den Nacken gesetzt haben! – Nicht einmal der Olmützer, der Bischof, kann uns helfen, wenngleich er unser Vetter ist – denn er hat das Ohr des Königs nicht mehr wie vordem. – Zu König Rudolf gehören wir, gleichwie nach dem Blute, so nach unserem Willen. König Ottokar ist geächtet, und also hat er aufgehört, unser Herr zu sein. Was deutsch ist im Böhmerwalde, das gehört zu König Rudolf und dem Reiche. Lieber tot unter Herrn Rudolf in Ehren, als lebendig mit Herrn Ottokar und dem Tschechen Peter in Unehren! – Das ist mein Rat.«

»Heil, Zawisch, Heil!« riefen viele aus dem Ringe und schlugen an ihre Wehren.

Zawisch aber fuhr mit der Hand über die Stirne und wiederholte: »Das ist mein Rat. Ich schätze, auch die Vorsichtigen unter euch können ihn annehmen.«

»Hast du schon Boten gesandt an König Rudolf?« fragte Hojer.

»Wie konnte ich, ehe die Einung gesprochen hatte?« antwortete Zawisch. »Ich dächte aber, wir senden überhaupt keine Boten zu Herrn Rudolf, sondern harren ruhig der Dinge.«

»Ich schätze,« sagte Ulrich und trat vor Zawisch, »ich schätze, die Einung muß sich verbürgen für eines jeden Habe, das ist recht und billig.«

»So frage ich die Einung, ob sie sich verbürgt für die Habe eines jeden aus der Sippe während des Krieges?« sprach Zawisch.

»Das ist recht und billig,« sagte Herr Kadalhoch.

»Wer dafür ist, hebe die Rechte!« rief Zawisch.

Ringsumher fuhren die Hände in die Höhe. Ulrich aber schlug an die Wehre und sprach: »Nieder mit dem Hunde Ottokar!«

»Halt!« rief Zawisch. »Das Wort ist unwert unserer Einung. Herr Ottokar ist ein großer König, und ich muß heute immer des Tages gedenken, an dem er mit uns hinter dem toten Grafen Wok im Stifte eingeritten ist. Seitdem ist unser Weg und sein Weg in einer Gabel auseinandergegangen, alles ist anders geworden, als es damals war, und jeder weiß, was er uns Übles getan hat. – Aber so wenig ich oder einer von euch das Schwert gegen ihn ziehen möchte, so wenig lassen wir den schmähen, dem unsere Väter gedient haben mit Gut und Blut. Oder ist die Einung anders gesinnt?«

»Nein! Nein!« riefen die Herren im Kreise, und Ulrich trat zähneknirschend zurück.

»Man entbiete die Gesandten des Königs hieher!« befahl Herr Zawisch.

* * *

»Das ist's, was ich Euch, Herr Herzog, zu verkünden hatte als Gekorener über unsere Einung,« sagte Zawisch und verneigte sich höfisch gegen die Gesandten und ihren Führer. »Meldet es Euerm Könige und Vater, daß die Witigonenschwerter im Leder bleiben! Er ist geächtet, wir sind gelöst von ihm und bleiben gelöst.«

Eine beifällige Bewegung ging durch die Versammlung, als Zawisch diese Worte sprach, und der eine und der andere wiederholte halblaut mit Nachdruck das Wort »gelöst«, als wollte auch er für seine Person sich lösen und scheiden vom König Ottokar.

Mit geballten Fäusten stand der Herzog von Troppau und rang nach einer Antwort. Herr Zawisch aber war zurückgetreten und stand mit gekreuzten Armen unter einer starken Wachskerze und schaute auf den Troppauer. Die Kerze hatte sich vornüber geneigt und brannte schief ab, gelbe Tropfen fielen auf Schulter und Brust des Witigonen; es war so stille im Saale, daß man sie fallen hörte – Zawisch bemerkte es nicht.

Da klang's auf einmal, als ob eine Eisenspange gelöst würde, kurz und hart, und in der Ecke, wo der Gepanzerte unbeachtet lehnte, fiel mit Krachen ein Helm zu Boden. Aller Augen sahen in die Ecke, aus der jetzt der Gepanzerte trat. An der Säule blieb er stehen; langes, blondes Haar wallte um seine breiten Schultern. Er stellte sich nahe an die Säule, warf das Haupt zurück, griff tastend mit zuckenden Fingern empor in das steinerne Blattwerk, als wollte er sich noch höher recken, und seine blitzenden Augen fuhren über den Halbkreis der Rosenherren. Da ging wieder wie vorher eine Bewegung über die Sippe, und es rang sich dem einen und andern der leise Ruf von den bleichen Lippen: »Der König!«

»Ja, der König!« sagte der gepanzerte Mann mit drohender Stimme. »Der König, von dem ihr euch lösen wollt!«

Da trat Herr Zawisch unter dem Wachslichte hervor, verneigte sich tief und sagte:

»Wenn der König mitten unter uns tritt, so vertraut er uns, und dies Vertrauen ist uns eine Ehre. Ich heiße König Ottokar willkommen für mich und meine Sippe.«

Die Rosenherren verneigten sich tief vor dem Könige und traten in einen Halbring hinter Zawisch.

»So sag's jetzt noch einmal, wenn du's wagst, das Wort ? –«

»Gelöst!« fiel Zawisch dem Könige mit klarer Stimme in die Rede.

Diesmal schwieg die Witigonensippe, aber sie rückte noch näher aneinander unter den blitzenden Augen Ottokars, und leise klirrten ihre Schwerter.

Der König sah finster auf den Wortführer. Dann musterte er einen jeden im Halbkreise. »Aus der Fremde seid ihr gekommen, arm und niedrig; drei Menschenalter sind's her. Zwietracht und Irrungen in meinem Geschlechte habt ihr ausgebeutet, habt euch eingenistet im Waldlande. Unter meinen Vätern seid ihr groß geworden und stark. Wehr und Waffe seid ihr hernachmals mir gewesen im Waldlande. Ich gedenke des Grafen Wok, und es ist mir, als ob sich jetzt mein eigenes Schwert gegen mich kehrte.«

»Ihr irret Euch, Herr König,« sagte Zawisch, und seine Gestalt wuchs; »arm waren wir zu Zeiten, aber niedrig waren wir nie – –«

»Und mächtige Herren und Fürsten sind lange vor den Zeiten des großen Karl bis herab auf unsere Tage aus unserer Sippe hervorgegangen, reiche Könige haben Töchter von unsern Vätern zur Ehe begehrt, und König Rudolf selbst nennen wir unsern Blutsfreund von alters her,« fiel der greise Kadalhoch von Falkenstein dem Vetter in das Wort und neigte sich höfisch gegen Ottokar; »aber die Geschlechter auf Erden steigen und sinken, das ist von jeher also gewesen, und derhalben glaubt ein Greis, es sei nicht gut, wenn einer dem andern die Armut vorwirft, die ihn doch morgen selber treffen kann. – Und wenn ich auf alles blicke, was ich kommen sah und gehen in meinem Leben, so sage ich meiner Sippe einen guten Wunsch: Möchten doch ihre Kinder und Enkel immer wieder zu Zeiten hart kämpfen müssen, möchten sie dann und wann klein werden, damit sie in Wahrheit groß bleiben!«

Der König ließ die Augen rastlos von einem zum andern schweifen und trat hart vor den Halbkreis: »So frage ich euch ins Angesicht, ihr Herren, wollt ihr eurer Pflicht als Lehnsleute nachleben? Ich befehle euch: laßt Sturm blasen, laßt eure Fähnlein reiten, helft mir, den Grafen aus dem Lande drücken, der in mein Erbe eingefallen ist – ich heische eure Treue!«

»Und wieder sage ich, Herr König, Ihr irret Euch,« sprach Zawisch. »Wir halten die Treue dem, den Ihr den Grafen, wir aber den gesalbten König von Rom nennen, Herrn Rudolf. Ihr irret Euch, Herr König: es ist eine Kette geschlossen zwischen Herrn Rudolf und unseren Fähnlein, aber ein Ring ist aus der Kette gefallen, und der Ring seid Ihr, Herr König; der Ring ist weg, und die Kette ist wieder geschlossen. Das, Herr, ist unsere Mannentreue, und so seht Ihr, daß Ihr im Irrtum seid.«

»Soll ich dem Grafen,« fuhr Ottokar auf, »dem Grafen, der mit dem Bettelsack auf dem Rücken den Thron hinangeklettert ist, meine Erbländer an den Rhein schicken, daß er sich Stücke zu einem Wams daraus schneide?«

»Ihr sollt ihm Treue halten, Herr, dann werden auch wir treu zu Euch stehen können; das andere kümmert uns nicht,« sagte Zawisch kalt.

»So möchte ich den Stein heben von der Gruft da drüben in der Kirche und möchte Wok, den Getreuen, lassen hervortreten unter euch Ungetreue!« rief Ottokar.

»Zum drittenmal irrt sich der König,« erwiderte Zawisch. »Auch wir haben an Herrn Wok gedacht, dem Gott gnädig sei. Jeder in unserer Sippe will, was alle wollen, und was alle wollen, das tun wir durch einen, den wir uns zum Haupte gesetzt haben, und dabei ist die Gesinnung der Väter uns Nachkömmlichen Richtschnur allezeit und in jeglichem Vornehmen. Das ist unsere gute Sitte von alters her, und durch sie, dünkt mich, und nicht allein durch die Gunst der Könige sind wir groß geworden in Böhmen. So haben wir auch in dieser Sache an Herrn Wok gedacht, der einst unser Haupt gewesen ist, und haben uns an das Wort erinnert, das er in der letzten Zeit seines Lebens oft zu einigen von diesen sprach. Soll ich Euch das Wort verkündigen, Herr König?«

»Sprich!«

»Aller Glanz und alles Glück ist falsch, solange wir keinen Kaiser haben. Ich gehe bald von euch, aber ich lasse euch meinen Rat: Zwietracht, Kampf und Not werden dauern, und dann wird wieder ein Kaiser kommen; dem dienet mit allen euern Kräften. Ich segne meinen König noch auf dem Totenbette, haltet ihm die Treue! Aber es stehe euch die Krone allezeit über dem Reifen; denn alle Reifen haben ihren Glanz von der Krone. Haltet zu Kaiser und Reich und vergeßt niemals im Sonnenscheine der Gunst, daß ihr dennoch Fremdlinge seid in einem fremden Lande!« –

»Hat er so gesagt?« wandte sich Zawisch zurück zu den Seinen.

»Ja, so hat der Graf gesprochen,« antworteten Herr Hojer und die Herren Heinrich und Witek von Rosenberg wie aus einem Munde.

»Fremdlinge in einem fremden Lande!« wiederholte Zawisch. –

König Ottokar neigte das Haupt und schien lange nachzusinnen. Dann streckte er Herrn Zawisch die Hand entgegen und sagte mit leiser Stimme:

»So bitte ich um eure Hilfe.«

Zawisch ergriff die Hand nicht, und der König ließ sie wieder sinken. Aber Zawisch beugte ein Knie und sprach: »Herr König, es tut mir im Herzen wehe, daß ich Euch so sprechen höre. Auch weiß ich gar wohl,« fuhr er fort und erhob sich zu seiner ganzen Höhe, »daß es gefährlich ist, wenn ein König vergeblich bittet. Aber ich sage noch einmal: Haltet Ihr die Treue, dann können auch wir Euch treu sein!«

»So will ich euch etwas sagen,« rief Herr Ottokar und trat an die Säule zurück: »Ihr wollt nicht! Wär's euer Vorteil, dann kämet ihr wohl zu mir.« – »Und wie,« sagte er langsam und betonte jedes Wort, »wenn ich nun verhieße: »Zawisch wird Burggraf von Budweis –?«

»Dann sagten wir, daß Ihr ein schweres Unrecht wieder gut zu machen versuchtet, aber wir könnten – –«

»– aber ihr wolltet nicht!« herrschte ihn der König an. »So sage ich dir, Mann mit dem Flecken auf der Brust, wenn du mich verrätst, dann wirst auch du auf deinem Namen zeitlebens einen Flecken tragen, du und dein Geschlecht, so sichtbar wie den Flecken da auf deinem Wamse!«

Herr Zawisch warf einen raschen Blick auf das Wachs an seinem Kleide. Dann zog er schweigend den Dolch und schnitt und riß den Lappen heraus. »Ihr irret Euch auch diesmal, Herr König,« sagte er mit kaltem Lächeln und wies auf das Panzerhemd, dessen vergoldete Ringe unter den Fetzen des Tuches hervorblitzten. »Was außen liegt, beschmutzt wohl das Kleid,« vollendete er, »nicht aber den Mann. Der ist blank wie sein Geschlecht, Herr König!«

»Dann künde ich euch aus dem Frieden in den Unfrieden!« rief Ottokar, nahm den Helm aus dem Arme des Herzogs und wandte sich der Türe zu. Auf der obersten Stufe blieb er noch einmal stehen, wandte das Haupt zurück und schaute mit seinen zornigen Augen über die lautlose Versammlung. Da löste sich die starke Wachskerze vollends vom Stachel, kippte um, fiel auf den Boden und erlosch. ? –

Herzog Niklas aber trat vor Herrn Zawisch, und einer sah sich den andern wortlos an, als wollten sie ihre Züge zeitlebens nimmer vergessen. Dann streifte der Troppauer langsam den Handschuh von der Linken und warf ihn Herrn Zawisch vor die Füße. Herr Zawisch neigte das Haupt und trat auf den Handschuh. Herzog Niklas aber wandte sich und ging dem Könige nach. –

Auf dem Gange neben der Türe stand der Schüler. Er zitterte heftig.

Dicht neben ihm hielt der König inne und stülpte sich den Helm aufs Haupt.

Der Herzog trat heran, schob ihm die Haare in die Höhlung, schnallte die Riemen fest und legte ihm den Mantel über die Schultern.

Niemand achtete auf den Knaben Wok. Da glitt Herrn Ottokars Mantel auf den Boden. Rasch trat der Schüler vor, bückte sich, küßte das Tuch verstohlen und reichte es Herzog Niklas.

Der König sah nichts und schritt den Gang hinunter.

* * *

Draußen im weiten Hofe hatten die Mönche geflüstert, und die Kriegsknechte waren bei ihnen gestanden und hatten gefragt, und von Gruppe zu Gruppe war das Wort geflogen: »Der König!«

Am Portale des Kapitelhauses harrte schweigend das Gefolge des Königs mit Rossen und Fackeln. Mitten unter ihnen stand ein hagerer, weißhaariger Ritter. Vor ihm zügelte ein Knecht einen heißblütigen Rappen. Der Rappe stieg und schlug, der Alte sprach ihm ruhige Worte zu; da gehorchte er, scharrte nur noch, schnaubte nur noch.

Der Alte klopfte den glänzenden Hals; dann lehnte er sich an die Mauer des Hauses und blickte mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin.

Schrägher von der Kirche kam ein hoher Mönch und schritt auf den Alten zu.

»Kalte Nacht, Herr Martin von Seeberg!« sagte er und hielt ihm die Hand entgegen.

» Bon soir! Ihr seid mir gänzlich unbekannt, Ehrwürdiger,« antwortete der Alte und schaute ihn mißtrauisch an.

»Bei Mühldorf fließt ein reißendes Wasser. Man heißt's den Inn,« fuhr der Mönch fort.

»Das ist jedem versierten Manne bekannt,« erwiderte Martin höflich.

»Da ist auch eine hölzerne Brücke –«

»Gewesen,« sagte der Alte.

»Gewesen! Und auf der Brücke war einmal ein großes Drängen. War König Ottokar dabei –«

»Bin ich auch präsent gewesen, war eine böse Affaire,« sagte der Ritter lebhaft.

»Und wie das große Krachen angehoben hat, da waren ihrer zwei ganz in der Mitte, Roß an Roß. Ein Königischer und ein – ?«

»Rosenbergischer!« fiel der Ritter ein und trat einen Schritt vor.

»Und dazumal hat der Rosenbergische gesagt: ›Wenn's heute gut geht, dann geb' ich's auf, bitt' meinen Herrn um Urlaub und geh' ins Kloster.‹«

»Und der Königische hat gesagt,« fiel der Alte mit lauter Stimme ein: »›Wenn's heute noch einmal gut geht, dann kann's nie mehr schief gehen. Und eher soll mich der und der holen, ehe ich in eine Kutte krieche!‹«

»Und hernach ist die Brücke geborsten, und da hätte ihn schier der und der –«

»Geholt,« nickte der Alte, »wenn mich nicht der Rosenbergische aus dem Wasser gerissen hätte, der tapfere Kumpan. Aber wer –?«

»Vielleicht so?« lächelte der Mönch, bedeckte mit dem Kuttenärmel die untere Hälfte seines glatten Gesichtes und sah den Ritter an. »Vordem war eben –«

Forschend blickte der Alte auf das Gesicht, dann rief er: »Ganz recht, ein Bart war da, Ihr seid der Götz!« Und er streckte dem Mönche die beiden Hände entgegen. – – –

Aus dem Hause hörte man viele Tritte.

»Stille, sie reiten ab!« sagte Götz. »Ist der König bittweise gekommen? Hat sich das Blättlein so gewendet?«

»Was weiß ich vom Könige? Wer will behaupten, daß er im Stifte sei?« fragte Herr Martin, und seine Lider senkten sich langsam. »Aber das weiß ich, es ist eine böse Zeit,« raunte er. »Mir scheint, es wird kein Rosenbergischer mehr Roß an Roß mit einem Königischen reiten.«

»Herrenhändel!« sagte der Mönch und zuckte mit den Achseln. »Liegt alles hinter mir; ich bin im Frieden.« – –

Der Gepanzerte trat unter das Portal. Der Alte ging zu dem Hengste und nahm Zügel und Stegreif.

Der Gepanzerte kam mit großen Schritten durch die Gasse der Mönche und Kriegsleute. Da schob sich rasch ein schlanker Ritter an das Roß, nahm dem Alten Stegreif und Zügel aus der Hand und drückte ihn mit einem leisen, gebieterischen » dovolte!« zurück. Der Hengst stieg erschrocken. Zwei Knechte halfen ihn bändigen. Der Schlanke stemmte die Schulter an den Sattel. Mit einem Sprunge saß der Gepanzerte droben, und das Pferd stieg wieder und knirschte und schlug und stob mit seinem Herrn über den Hof.

»Zwanzig Jahre hab' ich ihm den Dienst geleistet,« sagte keuchend der Alte zum Mönche, »und jetzt darf sich jeder tschechische Gauch zwischen ihn und mich schieben. – – Hol' mich der und der, Ihr sitzt im Frieden! Bei uns aber hebt eine neue Zeit an, und alles, was deutsch ist, wird an die Wand gedrückt. Auch so recht, lebet wohl!« Und er bestieg sein Pferd und ritt im Schritte über den Hof. – –

Vor dem Steinportale stand Herr Zawisch, und Ulrich von Neuhaus sprach eifrig auf ihn hinein:

»Noch ist's Zeit, Zawisch. Laß ihm nachsetzen, mach's kurz, und geschwind ist alles entschieden!«

»Niemals!« antwortete Zawisch, wandte sich und ging zurück.

»Ein – – ein –,« murmelte der von Neuhaus und schritt ihm langsam nach. »Wenn ich kann, so packe ich's, wo's liegt, oder ich bin ein Narr!« –

Über die Zugbrücke donnerten die königischen Rosse. Lange noch sah man den glühenden Rauch der Fackeln: Herr Ottokar ritt zwischen Wald und Strom talwärts auf einer finstern Straße. – –

* * *

In seiner Zelle am Schreibpulte saß Wok. Das Licht eines Wachsstockes flackerte in der kühlen Luft, die zwischen den Ritzen des Ladens in das Gemach drang.

Sinnend starrte der Schüler auf den Strauß verstaubter Heideblumen, der neben dem Tintenhorne lag. Dann glättete er das Pergament, rückte die Wachstafel zurecht und prüfte die vielen Namen, die auf ihr eingeritzt waren.

»Und nun soll ich ihren Verrat festmachen für alle Zeiten,« murmelte er; »Zawisch wird sein Siegel daran hängen und der Vetter Kadalhoch das seine und die Rosenberger und der von Neuhaus – –«

Er sprang auf und sagte: »Wenn das der selige Vater wüßte, Herrgott, er käme herüber aus seiner Gruft!«

Er begann auf und ab zu wandern in dem engen Gemache. »Ich fasse ihn nicht, den Bruder; es ist mir, als stünde alles auf dem Kopfe – – ich habe noch nie Böses von ihm gesehen. – – – Wie sagt doch die Mutter allzeit? – ›Es ist kein Falsch an ihm.‹« – – Und rastlos wanderte er.

»Es ist kein Falsch an ihm,« wiederholte Wok in tiefen Gedanken. »Falsch hat er auch nicht gehandelt, das ist richtig. Verrat ist es nicht: er hat dem Könige den Schlag frei und offen ins Antlitz gegeben. Seinem Könige! – Ich verstehe ihn nicht.«

* * *

Wok saß gebückt am Pulte und schnitt den Schreibkiel. Die blonden Locken hingen ihm wirr über Stirne und Wangen, sein Antlitz glühte. Träumend drehte er Messer und Kiel in den Händen. Dann sanken ihm die Hände in den Schoß, er hob das Haupt und sah in das gelbe, flackernde Flämmlein. Nach einer Weile nahm er die Arbeit von neuem auf und schnitt und grübelte, verschnitt die Spitze, schnitt eine andere und verschnitt sie wieder. Da warf er Messer und Kiel auf das gelbe Pergament, sprang auf, öffnete den Holzladen und schaute hinunter in den Hof.

Die Wachtfeuer brannten und qualmten; die Posten schritten auf und ab, und ihre Schritte hallten; am dunkeln Himmel flimmerten die Sterne in ihrer Pracht, in den Holzhütten sangen die Kriegsleute.

Eine große Gestalt kam querher auf das Kapitelhaus.

»Burkhard, bist du's?«

»Was gibt's?« rief der andere und sah empor.

»Burkhard, ich bin's, Wok!«

»Eia du rostiges Schienbein, der Jungherr!«

»Burkhard, ich komme zu dir. Hast du Zeit?«

»Will ich meinen, Jungherr; für Euch immer!« – –

Wok stand im Hofe und hielt dem Ritter die Hand entgegen. Der beugte sich tief vor dem Herrensohne.

»Laß doch!« sagte dieser und lachte vor Freude.

»Guten Abend auch, Jungherr!« rief nun der Ritter und schlug ein. »Hab' mir immerfort schier die Augen ausgeguckt nach Euch, hab' Euch aber nicht mehr erspähen können.« »Ist so wie so der eine anzusehen wie der andere,« murmelte er und lachte in sich hinein, »von hinten und von vorne und von den Seiten, Alte und Junge, die Mönchsleute da heroben. Das geht alles so leise und redet so leise, reibt einer die Hände wie der andere, trägt einer den Kopf wie der andere und haben alle einen Buckel, die Alten und die Jungen – ich dürfte ein Jahr heroben sitzen und könnte sie noch nicht unterscheiden.«

»Das verstehst du nicht, Burkhard,« sagte Wok. »In den Kutten stecken Leute, die mir lieb sind.« »Fast alle,« fügte er hinzu. »Und krumm bin ich nicht, Burkhard,« lachte er und reckte sich in die Höhe.

»Was Ihr gewachsen seid, Jungherr!« lenkte Burkhard höfisch ein. »Ausgewachsen, sage ich! Groß und breit! Was doch solch ein einziges Jahr ausmacht! Solch ein Jahr ist für den Menschen in Euerm Alter – wie alt seid Ihr doch gleich – siebzehn, wenn mir recht ist?«

»Achtzehn an Martini,« sagte Wok.

»Achtzehn!« wiederholte Burkhard nachdenklich. »Ein Jahr bedeutet für den Menschen in solchem Alter dasselbe, was es fürs ganz junge Roß bedeutet: hast du dieses gesehen einjährig und hernachmals zweijährig, du kennst es nimmermehr. – Aber was tut Ihr denn da heroben bei den Mönchen, Jungherr?«

»Ich studiere die Grammatik,« sagte Wok.

»Was für eine Kunst ist das?« fragte Burkhard.

»Die Kunst, Dichter und Historiker zu erklären, richtig zu sprechen und zu schreiben,« antwortete der Schüler mit Selbstgefühl.

»Hm!« sagte Burkhard. »Und wenn einer ganz richtig sprechen kann, so wispert er wohl wie diese Mönche?«

Wok schwieg.

»Und wie steht's mit den andern Künsten, Jungherr,« fuhr Burkhard fort, »mit Speerwerfen, Reiten, Schwimmen?«

»Bin seit einem Jahre auf keinen Gaul gekommen,« antwortete Wok; »Schwimmen aber gilt als unanständig – –«

»Eia du rostiges Schienbein!« rief Burkhard. »Wer hätte ihnen denn das Stift in den Wald gebaut, wäre nicht der selige Graf aus dem Inn zum Lande geschwommen? Da jammert Ihr mich! Da ist ja wohl meine ganze Mühe umsonst gewesen? Da habt Ihr ja wohl alles verlernt bei den Geschorenen?«

Schweigend stand der Schüler da.

»Eia freilich,« tröstete der Ritter; »wer könnte auch reiten in dem langen Kuttenrocke! Aber warum seid Ihr denn auch in die Kutte geschlüpft, Jungherr, wenn die Frage erlaubt ist? Zur Nachtzeit kriecht man ins Bett. Wer heißt Euch am hellen Morgen unterschlüpfen bei den Geschorenen? Keiner hat mir's sagen können, überall habe ich gefragt. Und die Herren, Eure Brüder – –,« Burkhard kratzte sich hinter dem Ohr – – »die frag' der Teufel um so 'was!«

»Von uns Brüdern sagt freilich keiner, was er nicht sagen will,« antwortete Wok und hob das Haupt hoch empor. »Aber ich will dir den Grund sagen: Ich habe mir das Leben da heroben anschauen wollen; du weißt ja selbst – –« Der Schüler stockte in seiner Rede, sah zu Boden und schloß langsam: »Der Kranich, der einen Fehl hat, wird leichtlich von andern verachtet.«

»Eia du rostiges –!« rief Burkhard. »Euer ganz klein wenig zu kurzes Bein? Kann einer reiten, fechten, wirft den Speer, schwimmt wie nur einer und jammert dann noch über sein Bein! Jungherr, das ist zum Lachen. Und wenn es dann nur erst das linke wäre – aber so! Habe noch niemals einen mit dem rechten Fuße in den Stegreif treten sehen, hat mir auch noch niemand erzählt, daß ein Reiter seinen Speer mit dem Beine geworfen habe.«

Wok lachte.

»Und ist so 'was Trauriges um einen Geschorenen,« fuhr Burkhard eifrig fort. »Müssen ja freilich vorhanden sein, weiß wohl, aber gibt ja ihrer genug in dieser Welt, schwarze und braune und weiße.« – – »Gleich das Schreiben, Jungherr, was ist das Schreiben für eine mühselige Knechtsarbeit!« sagte er, spreizte die Beine und wiegte sich hin und her. »Jetzt ich weiß es nicht, aber zugeschaut habe ich schon oft, und hat mir gegraut. Da sitzt einer ganz krumm, zieht die Kniescheiben an den Bauch und malt und malt und macht aus einer leeren Haut eine gesprenkelte Haut –«

»Wahrlich, wer es nicht weiß, verkennt die unendliche Mühe:
Tres digiti scribunt, corpus tamen omne laborat

fiel Wok lachend ein.

»Was das heißt, weiß ich nicht,« sagte Burkhard.

»Drei Finger nur schreiben, und doch spürst du's am ganzen Leibe,« erklärte Wok.

»Knechtsarbeit, hinterlistige, ich sag's ja, Jungherr! Und wenn er sie voll geschrieben hat, die Haut, dann legt er sie zusammen, birgt sie im Schreine und wartet. Sommer und Winter kommen und gehen, junge Leute werden alt, alte Leute sterben – und das Mönchlein wartet, bis auch der stirbt, von dem das gesprenkelte Fell spricht. Dann schleicht es an seinen Schrein und holt das Pergament, ruft Mitgeschorene, ruft Ritter und Knechte, geht hin und sagt zu den Kindlein des Toten: ›Da steht's, drei Hufen muß ich für den Heiligen nehmen von euerm Erbe, leset selber!‹ – ›Wir können nicht lesen,‹ sagen die Kindlein. – ›So lies du, du, du!‹ – Und sie lesen und sagen, daß alles zu Recht bestehe.« – »Niemand hilft den Kindern, niemand!« schrie Burkhard. »Und nur weil es geschrieben steht auf dem gesprenkelten Felle!«

»So schelten sie das gesprenkelte Fell vor ihrem Richter! Steht ihnen immer frei. Und schrei doch nicht, als ob ich dir das Fell über die Ohren zöge!« lachte Wok.

»Ihr nicht und die Hohenfurter auch nicht, aber viele andere, viele andere; mir nicht, aber vielen anderen,

Jungherr!« – – – »Oder hat's etwa Herr Zawisch auch gesagt, daß Ihr im Stifte sollt bleiben?« setzte er nach einer kleinen Weile hinzu.

»Er würde seinen Bruder nimmermehr ins Kloster schicken,« antwortete Wok. »Und dazumal ist er ja lange außer Lands gewesen.«

»Ja dazumal, wo sich auf der Heimreise der Tarter krumm gelaufen hat,« sagte Burkhard.

»Der Tarter?« rief Wok. »Was macht er denn jetzt?«

»Er ist geworden, wie ich's im voraus gesagt habe,« antwortete Burkhard. »Stark, er könnte zwei Gewappnete tragen, der Fuchs, hochbeinig, breitbrüstig, mutig, als hätte er Feuer im Leibe – ein Schlachtroß, schade, daß wir nicht reiten mit Herrn Ottokar. Schauet ihn an – drüben steht er!«

»Auf der Stelle!« sagte Wok und wandte sich. –

In einer Ecke des Hofes waren Pfähle eingerammt, und darüber war ein Schutzdach gelegt. Auf dem Stroh standen ungesattelte Rosse. Ein kleiner, schwarzer Knecht, der mit dem Trankkübel hantierte, sah Wok herzutreten, stellte den Kübel auf die Erde, lief gekrümmt heran, beugte sich behende bis auf den Boden, küßte den Saum der Kutte und stieß freudig hervor: »Pane Wok, Pane Wok, Herre Wok gute!«

»Schon recht, Alter!« sagte Wok und streckte dem Knechte nachlässig die Hand hin. »Pane Wok!« rief der Kleine und bedeckte die Hand mit Küssen und kroch dem Schüler nach wie ein Hündlein.

Die Augen des Witigonen suchten das Roß: »Tarter! Tarter!«

Da spitzte der große Fuchs, der zu äußerst draußen stand, die Ohren, wandte den Kopf und wieherte leise.

Rasch trat der Schüler neben ihn, umarmte seinen glänzenden Hals, streichelte die sammetenen Nüstern. »Burkhard, er hat mich gleich erkannt!«

»Will ich meinen,« sagte der Ritter, »solch ein kluges Roß!«

»Pane Wok, Pane Wok!« sagte der schwarze Knecht und lief und kroch mit dem Kübel zwischen den Rossen umher. Der Hengst aber schnaubte, scharrte den Boden, hob und senkte aufgeregt den Kopf. Wok redete mit ihm wie mit einem großen Kinde.

Da nahm Burkhard die Hornlaterne vom Pfahle und leuchtete an den Rappen, der ihm zunächst stand. Gelassen hing er die Laterne wieder an ihren Platz, wartete, bis der Knecht vorüber kam, und packte ihn mit einem Griffe am Kragen: »Schlecht gestriegelt, du Lump, besser striegeln!« rief er. In unverständlichen Lauten jammerte der Slave. Burkhard aber stieß ihm das breite Gesicht auf den Schenkel des Rosses, daß dieses erschrocken zur Seite fuhr.

»Pane Burkert!« klagte der Troßknecht, duckte sich, lief und holte den Striegel und begann schluchzend zu reinigen. –

Wok streichelte den Fuchsen noch einmal, trat dann zu Burkhard, nahm seinen Arm und zog ihn fort.

»Pan Burkert Teufel!« murmelte der Mißhandelte und ballte die Faust hinter dem Ritter. »Klein schwarze Tschech unter alle Roß tief. Teufel Deutsche!« –

»Sind viele von der Krummenau heraufgeritten, Burkhard?« fragte Wok. »Wer reitet den Tarter?«

»Zwanzig von der Krummenau, ohne die Troßknechte. Der Tarter läuft ledig für den Notfall.«

* * *

Vor dem Portale des Kapitelhauses stand ein Kriegsknecht auf der Wacht. Im eisernen Ringe neben dem Portale stak eine lodernde Fackel.

»Ein Krummenauer?« fragte Wok.

»Blau und gelb – Falkensteinisch,« antwortete Burkhard.

Wok machte seinen Arm frei. Da senkte der Falkensteinische den Speer vor das Portal.

Burkhard aber sagte leise: »Witigo und Wittinghausen!«

Der Knecht hob den Speer.

»Witigo und Wittinghausen!« murmelte Wok und trat unter das Portal.

* * *

Um die Mitternacht erhob sich der Schüler vom Lager, schlug Feuer und entzündete den Wachsstock. Dann ging er zu seiner Truhe, hob einen weiten Mantel heraus und ein kurzes Schwert. Den Mantel warf er über seine Kutte, mit dem Schwerte umgürtete er sich.

Auf dem Schreibpulte lag noch immer die Wachstafel, das leere Pergament und die verschnittene Feder.

Wok nahm die Wachstafel und wischte die Schrift mit dem Daumennagel weg. Dann nahm er das Messer und schnitt mit raschen Griffen die Spitze der Feder, stieß sie tief in das Schreibhorn und schrieb mit starken Zügen auf das gelbe Blatt: »Ergo ego fidelis. Valete!«

Dann löschte er das Lichtlein aus und zerdrückte die kleine Glut. – –

Drunten im Hofe schliefen die Sarjanten, und die Mönche schliefen in ihren Zellen, und im Fremdenhause schliefen die Witigonen.

Auch der kleine Knecht lag zusammengekauert im Stroh bei den Rossen. Wok trat heran, beugte sich und legte die Hand auf seine Schulter. Der Schwarze fuhr aus dem Schlafe, rieb seine Augen und rief: »Pane Wok!«

»Satteln, den Tarter!« befahl Wok.

Eilig lief der Slave, hob Sattel und Zaum vom Pfahle, trieb den Hengst auf die Beine und rüstete ihn.

Wok prüfte den Gurt. Der Kleine führte das Roß ins Freie. Wok sprang in den Sattel.– –

»Ergo ego!« murmelte er und ritt über den Hof an das Torhaus.

Zwei fremde Knechte kreuzten ihre Speere vor ihm. »Witigo und Wittinghausen!« sagte Wok, und die Speere hoben sich. Die Ketten rasselten, die Brücke sank über den Graben.

* * *

Auf der Moldaubrücke ritt der Schüler. Dumpf klang der Hufschlag. Wok wandte sich. Stille lag das Stift. Eilig strömte die Moldau zu Tale. Der Nachtwind strich durch die Baume und strich über die Lederkappe des Jünglings.

»Ergo ego!« sagte er und trieb sein Roß den Hügel hinan gen Rosenberg, ritt auf dunkelm Pfade und sann über Treue und Untreue und wußte keine Antwort als – ergo ego!

* * *

Aus dem Keller des Kapitelhauses kam ein Troßknecht und blieb aus dem Gange in der Finsternis stehen. Ein leises, kurzes Pfeifen tönte aus dem dunkeln Gange, der Knecht antwortete mit dem gleichen Pfiffe.

»Es ist geschehen; er liegt auf dem Pflaster und ist voll, wie ich noch keinen so voll gesehen habe,« raunte der Knecht.

»So komm!« befahl Burkhard.

»Hier, hier!« sagte der Knecht. »Gebt mir die Hand, Herr; die Treppe ist steil!«

Schritt vor Schritt tasteten sich die Männer in die Tiefe.

»Es war ein hartes Stück, Herr; der Kerl, der Rothaarige, säuft wie ein Roß!«

»So dumm wie der Mensch säuft keine andere Kreatur, nicht Roß, nicht Rind,« brummte Burkhard.

»Beinahe hätt' es mich vor ihm geworfen. Mit Mohnsaft wär' es geschwinder gegangen, mein' ich.«

»Gleiche Waffen immer, also auch im Saufen, das ist mein Grundsatz,« antwortete der Ritter.– –

Im Keller qualmte ein Talglicht. Auf den roten Steinen lag der Klosterknecht und schnarchte.

»Nimm die Kerze!« befahl Burkhard. »Wo liegt der Verstrickte?«

»Da, hinter der dritten Türe, Herr.«

Burkhard stieß die Riegel zurück. Der Knecht hob die Kerze.

Auf einem Blocke in dem engen Gelasse kauerte der Krämer und sah schweigend auf die Männer.

»Heda, auf!« rief der Mann des Herrn Zawisch.

Der Verstrickte stand auf und kam gebückt aus der Türe.

Burkhard nahm den Dolch und schnitt die Bande entzwei.

»Ist noch etwas in deinem Kruge, Peter?«

»Hier, Herr, genug!«

»Trink von dem Weine!« befahl Burkhard dem Krämer.

Dieser gehorchte schweigend.

»Den Brief da gibt dir Herr Zawisch. Birg ihn in deinem Gewande! Lauf, was du laufen kannst, nach Ranariedel! Und jetzt komm und tritt leise!«

* * *

Zum zweitenmal in dieser Nacht rasselten die Ketten, wieder legte sich die Brücke über den Graben. Bis an das andere Ende der Brücke geleitete Burkhard den Krämer.

»Da, nimm den Stock, auf daß die Wölfe deinen Brief nicht fressen!« sagte er und blieb stehen. »Lauf Tag und Nacht, das rat' ich dir, Ketzerlein!« Und er hob die Hand und lachte und wollte sie fallen lassen auf den gebeugten Rücken des Befreiten.

Da wandte sich der Mann, und der Ritter ließ die Hand sinken. Er sah beim Scheine der Sterne, wie sich zwei große, dunkle Augen auf ihn hefteten, und schwieg.

»Unser Herr Christus soll es Euch vergelten, hier und dort!« sagte der Krämer, griff nach dem Stocke, nickte dem Manne des Herrn Zawisch einen ernsten Gruß zu und ging mit großen Schritten hinunter an die Moldau.

Lange stand Burkhard und lauschte hinaus in die Nacht. Dumpf dröhnten die Schritte des Alten auf der Holzbrücke. Jetzt erreichte er das andere Ufer. In der Ferne verhallten seine Schritte.

»Burkhard,« sprach der Ritter zu sich selbst und ging zurück ans Tor, »alter Knabe, was hast du denn? Schaust einem Krämer nach, als wäre er der König Rudolf selber!« – Dann aber murmelte er: »Der, ein Krämer? – Nicht einmal nach seinem Kramkorb hat er gefragt ... Heia, was kümmert's dich? Leg dich aufs Ohr, Burkhard!«

* * *

Ehe der junge Tag graute, stand Wok vor seiner Mutter. –

»Und jetzt wißt Ihr alles, Mutter, was ich sagen darf – gebt mir Euern Rat!«

»Meinen Rat, Wok?« antwortete die Herrin, beugte sich nach vorne in ihrem Lehnstuhle, strich mit der weißen, schmalen Hand sachte über den Vehpelz, der auf ihren Knieen lag, lächelte und sah mit ihren klaren Augen auf das erregte Antlitz des Jünglings. »Rate mir, rate mir! – Das ist eine der merkwürdigsten Bitten. In vielen Sachen kann man Rat erteilen, in gar vielen ist jeder fremde Rat vom Übel – und sehr oft weiß ja der Bittende ohnedies schon im voraus ganz genau, was er tun wird –«

»Aber Mutter!«

»Guter Wok, laß mich reden: ganz genau im voraus, fragt aber doch noch den und jenen – hm, weil er hofft, der Rat werde sicherlich seinem Wunsche entsprechen.«

»Also denket Ihr –?«

»Laß nur, Wok, höre! Du bist durch Nacht und Nebel hergeritten, dein Kopf war heiß, und du hast nur eines gedacht: ich will zum Könige! Da bist du allgemach heruntergekommen in die Krummenau und hast die Burg gesehen über dem Strome. Da hast du dein Roß angehalten, und allerhand Gedanken sind dir durch den heißen Kopf gegangen. Auf einmal hast du dann auch an deine alte Mutter denken müssen – nicht?«

»Aber Mutter, wie könnt Ihr alles wissen, als wäret Ihr dabei gewesen? Es ist wahr, ich habe vorüberreiten wollen in der Nacht. Es ist wahr, ich habe nicht gekonnt, ich habe heraufreiten müssen. Es ist wahr, das Herz ist mir auf einmal schwer geworden. Aber das habt Ihr nicht gewußt: ich habe auf dem ganzen Wege immer wieder an Euch gedacht, Mutter.«

»Und wolltest doch vorüberreiten, Wok? Eia!«

»Mutter, ich wußte ja nicht –«

»Siehst du?« sagte Frau Berchta lächelnd, »du hast nicht gewußt, ob ich ja sagen würde oder nein.«

»Und wie sagt Ihr denn, Mutter?«

»Tu das Rechte, Wok!« antwortete Frau Berchta.

»Wie kann einer wissen, was recht ist?« fragte Wok und war betroffen. »Ach, ich weiß es,« antwortete er selbst. »Gestern hab' ich's vom Prior gehört.«

»Was hat der Prior gesagt?« forschte die Herrin.

»Man kann's erfahren aus dem Leben der Heiligen.«

Frau Berchta schüttelte das Haupt.

»Aus dem Munde des Beichtvaters.«

Wieder schüttelte sie das Haupt.

»Aus den Befehlen des heiligen Vaters.«

Heftig schüttelte Frau Berchta das Haupt.

»Aus dem Gewissen.«

»Das ist das Rechte, Wok! Alles andere laß vorerst beiseite!« rief die Herrin und lehnte sich zurück. »Was sagt dir dein Gewissen, Wok?«

»Es verbietet mir nichts und gebietet mir nichts in dieser Sache,« antwortete Wok langsam.

»Auch wenn du alles erwägst, mein Sohn?«

»Auch dann!« – – –

»Ich kann mir's denken, Wok.«

»Mutter, ist's möglich?« rief der Jüngling, und seine Augen leuchteten.

»Und warum willst du reiten, Wok?«

»Warum? Weil mir's der König angetan hat, und weil ich nicht mehr stille sitzen kann.«

»So reite in Gottes Namen! Was habe ich dir gesagt, als du vor einem Jahre zu den Mönchen wolltest?«

»Ihr habt wohl gesagt: ›Geh, Wok, ein Mann muß alles kennen lernen!‹«

Die Frau richtete sich auf in ihrem Sessel, strich hastig über den Pelz auf ihrem Schöße und schaute ihren Sohn an: »› Alles‹? Wok, das habe ich nicht gesagt. › Alles‹? Das sagt keine Mutter zu ihrem Sohne. › Alles‹? Wok, das Wort kannst du auf der Straße und in den Schenken hören. ›Der Mann muß sich umschauen in der Welt‹ – das habe ich gesagt. Und das sage ich auch heute, Wok.«

»Es liegt mir schwer im Herzen, Mutter: ich scheide mich von meinen Brüdern mit diesem Tage.«

»Und dein Gewissen?«

»Es sagt: du darfst!« antwortete Wok mit Festigkeit.

»So reite, Wok! Fürs Kloster bist du nicht geschaffen; das wußte ich ehedem. Reite zum Könige! Er hat der Sippe bitter wehe getan, und doch – fast will ich mich freuen, daß einer von meinen Söhnen mit ihm reitet. In der Halle hängt ein Schwert vom Vater her. Der König hat es auf dem Marchfelde deinem Vater geschenkt. Das Schwert gehört fortan dir. Ich will die Schenkung verantworten vor deinen Brüdern. Und jetzt küsse mich!«

Wok kniete neben dem Sessel der Mutter und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Mutter, segnet mich!«

* * *

»So, Wok, und jetzt schau mir noch einmal in die Augen! Es wird zum letztenmale sein in diesem Leben; denn ich fühle mich sehr krank. – – Noch gar manches hätte ich mit dir zu sprechen; ich denke aber, du verstündest mich jetzt noch nicht. So lasse ich's und hoffe, daß es sich dir eines Tages in der Welt von selbst entgegenstellen wird. Die Welt ist erfüllt davon, die Engel tragen's auf allen Straßen.«

»Was meinet Ihr, Mutter? Ich verstehe Euch nicht.«

»Sollst du auch nicht, mein Sohn. Wenn es dir einst begegnet, dann wirst du an diese Stunde denken. Jetzt würde dich meine Rede verwirren, schätze ich.«

»Immer werde ich daran denken,« sagte Wok.

»Immer?« Frau Berchta lächelte, und ihre Augen schwammen in Tränen, und ihre Hände liebkosten die Locken des Knaben. »Guter Wok – die Welt geht ihren Gang. Die Alten sterben, die Jungen kämpfen weiter, wer könnte und wer dürfte immer an die Toten denken? – – Also nicht immer, Wok, zuweilen nur – zwischen Lichten, nach dem Lärm des Tages! Und es liegt ein Segen darinnen ... Wok, mir geht ein altes Lied durch den Sinn ... Es ist für dich gesungen ... für alle Menschen ... Es paßt für diese Stunde ... o gewiß auch für diese Stunde ... besser noch für andere, für ganz schwere Stunden, die im Leben sicherlich noch über dich kommen werden ... Es ist ein Reiterlied. Soll ich dir das Lied sagen?«

»Bitte, liebe Mutter, saget mir das Reiterlied!«

»So höre!

Am Kreuzweg, an der Scheide,
Da ragt ein Heilandbild
Und breitet seine Arme
Und blickt herab so mild.

Am Kreuzweg muß ich halten,
Hab' keine Kundschaft mehr;
Die gelben Blätter wirbeln
Um Roß und Reiter her.

Ob ich wohl rechtshin reite,
Ob ich mich linkshin richt' –?
Ich steh' und will mich grämen
Und weiß die Antwort nicht.

Am Kreuzweg unterm Baume
Liegt schwere Wahl vor mir;
Da heb' ich meine Augen,
O Heiland, auf zu dir.

Am Kreuzweg unterm Baume
Da ragt das Christusbild
Und breitet seine Arme
Und schaut mich an so mild –

Am Kreuzweg, an der Scheide,
Ward mir das Wort gesagt:
Zur Rechten oder Linken –
Mit Gott ist's wohl gewagt!

* * *

»Und nun bring mir das Schwert des Vaters aus der Halle, Wok, und reite zum Könige!«

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