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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Totenfeier

Die Höfe der Burg und der Vorburg waren erfüllt von stampfenden, wiehernden Rossen, von rufenden Reitern und Knechten. Noch funkelten die Sterne am schwarzen Himmel; kalt war die Luft, der Schnee knirschte unter den Hufen und Sohlen, die Fackeln qualmten, und die Schatten des Rauches wehten über die grellbeleuchteten Mauern und Türme.

Auf der Freitreppe vor dem Palassaale erschien der Marschalk und rief in den Hof hinab: »Der Herr kommt, haltet euch bereit!« Und sein Befehl pflanzte sich fort, hinaus über die Brücke, hinunter in die Vorburg, und stille ward es überall.

Aus der Türe des Palassaales trat Herr Budiwoj, angetan mit dem langen Trauergewande; ihm zur Rechten und Linken schritten Zawisch und Witigo, hinter ihnen trug man die verhüllten Banner aus dem Saale heraus in die Nacht.

Am Fuße der Treppe sah sich Budiwoj um und fragte den Marschalk: »Wo ist Pilgram? Ist sein Schimmel gesattelt?« Der Marschalk verneigte sich und wies gegen den Bergfried hin.

Aus der Dunkelheit kam die große Gestalt des Altmarschalks geschritten. Er stützte sich auf seinen Speer, kam langsam heran, trat vor Herrn Budiwoj und verbeugte sich höfisch.

Budiwoj gab ihm die Hand und sagte: »Saurer Ritt, saurer Ritt, Pilgram!« Dann winkte er dem Marschalk und schritt weiter.

Der Zelter ward vor den Altmarschalk geführt, die Knechte halfen ihm hinaus. Herr Budiwoj und seine Söhne bestiegen ihre Rosse, klirrend schwangen sich nach ihnen Reiter und Knechte in die Sättel. Schnaubend und dampfend und knirschend setzte sich der Zug in Bewegung, die Fackeln glühten und qualmten, die Rosse wieherten und schäumten und stiegen, kreischend flogen die Dohlen um den Bergfried – die von der Krummenau ritten aus, Herrn Wok von Rosenberg zur Ruhe zu gleiten.

* * *

Im Sonnenlichte lag Burg Rosenberg hoch über der dunkeln Moldau. Der Schnee lastete auf ihren Dächern, im Schneegewande glitzerten die Wälder ringsumher, und ein blaustrahlender Winterhimmel war ausgespannt über Berg und Tal.

Weit offen standen die grauen Torflügel, herabgelassen war die Brücke, und freigegeben der Zutritt allen, die Herrn Wok zum letztenmal« schauen wollten.

Herr Budiwoj ritt inmitten der Seinen über die dröhnende Zugbrücke, zwischen den zähnefletschenden Bärenköpfen hindurch, die an beide Torflügel genagelt waren, und die dampfenden Rosse hielten vor dem Palas.

In die Türe des Palassaales traten die von der Krummenau; finster war die weite, hohe Halle, ihre Läden waren geschlossen, mit schwarzen Tüchern ihre Wände verhüllt.

»Daß ihr die Füße des Toten berührt!« flüsterte Pilgram den Jungherren zu. »Und wißt ihr den Spruch noch für Frau Hedwig?«

»Wir wissen ihn,« sagte Zawisch. Die Türe schloß sich, und geblendet vom Tageslichte standen sie in dem dunkeln Räume.

An der entgegengesetzten Wand flimmerten Lichter, und ihr Schein vergoldete Schwerter und Helme und Schilde.

Schweigende Menschen standen in schwarzen Gruppen umher. Langsam schritten die von der Krummenau vorwärts, der Marschalk von Rosenberg geleitete sie durch den Saal.

Dumpf war die Luft in dem eingeschlossenen Räume. Unter den Lichtflämmchen an der Wand zeigten sich die weißen, langen Kerzensäulen, und immer schärfer traten die Gestalten der Menschen aus der Dunkelheit hervor.

Der Marschalk ging voran. Zur Rechten und Linken wichen die Gruppen zurück, und Herr Budiwoj stand mit den Seinen vor der Leiche des Grafen Wok, die aufgerichtet, mit hocherhobenem Haupte dasaß auf dem erhöhten Ehrenplatze im Armstuhle des Hausherrn.

Der Landherr schritt die Stufen der Bühne hinan und trat mit gefalteten Händen vor die gewaltige Leiche. Das Kerzenlicht flackerte auf den Zügen des Toten, es flackerte auf seinen grauen, wallenden Locken, es spiegelte sich in dem nackten Schwerte, das auf seinen Knieen lag, und über seinem Haupte glühte in gläserner Ampel das ewige Licht.

Herr Budiwoj beugte sich herab und berührte die Füße des Toten. Dann richtete er sich auf, nahm den Ährenbüschel aus dem Weihkessel, besprengte dreimal die Gestalt mit dem gesegneten Wasser, ließ sich auf die Kniee nieder und murmelte das Gebet, und um ihn her knieten die Seinen.

Dann erhoben sie sich und gingen hinter dem Marschalk von Rosenberg auf die andere Seite des Saales, wo Gräfin Hedwig tiefverhüllt saß inmitten ihrer Söhne.

* * *

Wehklagen erscholl im dunkeln Saale: Sie hoben die Leiche, trugen sie auf die Schwelle, setzten sie dreimal ab im Namen des dreieinigen Gottes und trugen sie aus der Heimat. Unter der Linde im Schnee stand das Weib mit dem blauen Schurze und entzündete das Stroh, das brennen muh hinter der Leiche des Herrn wie des Knechtes. In allen Sälen und Kemenaten der Burg lagen die Stühle und Bänke gestürzt auf dem Boden. Durch die Ställe aber schritt der Marschalk von Rosenberg und scheuchte das Hornvieh vom Lager, und er mußte heimlich weinen, als er den Rossen, einem nach dem andern, den Tod des Grafen ansagte und zu den Bienenkörben trat, leise dreimal an das Strohgeflechte klopfte und den schlafenden Bienen meldete: ›Wisset, der Herr ist tot!‹ Dann ging er mit gesenktem Haupte zurück in den Saal, wusch seine Hände, nahm das Becken, trug es vor die Türe, schüttete das Wasser hinter der Leiche her, murmelte den Spruch und schwang sich auf sein Roß.

* * *

Im blendenden Sonnenscheine bewegte sich der Leichenzug aus dem Tore der Feste und schob sich langsam hin zwischen den Schneewällen, die den steilen Weg entlang aufgetürmt waren. In dunkeln Reihen stand zur Seite das Volk, das weither gewandert war: starkknochige, hochgewachsene deutsche Bauern aus den Bergen, bewegliche Slaven aus der Ebene. Schweigend standen sie alle, und das Sonnenlicht lag auf den blonden und weißen und schwarzen Häuptern der Männer und ließ die dunkeln Kopftücher der Weiber erglänzen.

Singend schritten die weißen Mönche von Hohenfurt voran. Hinter ihnen kamen die Getreuen des Grafen Wok, angetan mit den wallenden Trauergewändern, die Recken, mit denen der Graf so oft gegen seine Feinde gereist war. Schweigend zogen sie einher, Schritt vor Schritt, leise klirrten ihre Sporen, und auf ihren Schultern trugen sie den Leib des toten Herrn. – Der Armstuhl hing zwischen schwarzverhüllten Stangen, und in ihm saß, mit Riemen festgebunden, die Leiche, barhäuptig, im Feiergewande, mit dem Schwerte über den Knieen, in den Rauch gehüllt, der von den qualmenden Fackeln ringsumher in die Lust emporstieg. – Hinter dem Toten schnaubte das verhüllte Schlachtroß, hinter diesem ritten die Söhne von Rosenberg, Heinrich und Witek, zwischen ihnen Herr Budiwoj, der Älteste des Geschlechtes, und nach ihnen alle Herren von der Rosensippe, Greise und Männer und Knaben, wo ihnen Alter und Würde den Platz anwies. –

»Die Spitze nach oben, Jungherr!« flüsterte Pilgram und neigte sich zu Zawisch: »so will's der Brauch.« Und der Herrensohn stürzte den kleinen, weißen Dreieckschild mit der roten Rose und schaute aus weitgeöffneten Augen auf das graue Haupt, das da vorn aus und nieder schwankte.

»Der Tod ist ein grausamer Geselle,« murmelte der Alte; »wo er will, stellt er den Stab ans Tor und tritt in die Kammer zu alt und jung, fragt nicht, ›willst oder willst nicht?‹ Gegen ihn hilft kein Schloß, kein Riegel, er ist wie ein Wurm ohne Ende, kriecht durch die Lande, kriecht in die Hütten und auf die Burgen.« Und Pilgram wischte mit der Rechten über seine Augen.

»Schauet hin, ihr Jungherren,« fuhr er fort, »und vergeht's nicht: der da vorn fährt in die Grube als ein Herr! Ist's nicht anzusehen, als hätten sie den Helden auf den Schild gehoben und trügen ihn fort aus der Schlacht in die Ruhe?« – – – »Tragen ihn auch in die Ruhe; hat viel Unruhe gehabt all sein Leben lang, viel Unruhe«, murmelte er. »Ist allfort Krieg im Leben und viel Unruhe. – Aber schauet, Jungherren, wie der Rauch da vorn um ihn her wallet, so wallet jetzt die Nachrede um ihn her, da aus dem Zuge, dort aus den armen Leuten an der Straße, droben von den Mönchen, hinten aus Böhmen, drüben aus Österreich, aus Steiermark und weither aus dem Reiche. Und er kann sich jetzt nimmer wehren, wenn sie böse ist, kann sein Schwert nimmer ziehen und für seine Ehre streiten – aber schauet, Jungherren, schauet sein graues Haupt an, wie der Sonnenglanz sich freundlich darauf legt an diesem kalten Tage: so fährt er mit Ehren in die Grube; denn es weiß keiner allumher Böses zu sagen mit Recht vom Grafen Wok, und wenn etwa einer böse von ihm spräche, da träten zehn andere auf, die ihn der Lüge ziehen, so sage ich! Gott sei seiner Seele gnädig, sein heiliger Patron möge gute Fürsprache für ihn einlegen. Wollen wir auch beten, ihr Jungherren, für seine arme Seele!«

* * *

So gelangte der Zug hinunter ins Tal und schob sich auf der Holzbrücke über die Moldau, und als er sich über dem Flusse drüben auf dem steilen Pfade langsam zu Berge wandte, da kam es immer noch in dunkeln? Gewimmel hervor zwischen den Schneewällen unter der Feste von Rosenberg. So viele Menschen wollten Herrn Wok die letzte Ehre erweisen. – – –

Der Zug ging weiter und weiter und legte sich gleich einem unabsehbaren, dunkeln Reifen über den kahlen Rücken des langgestreckten Hügels; und die Lanzenspitzen der Reiter funkelten mit dem Schnee um die Wette im Glanze der Sonne.

Hinten aus dem Tale von Rosenberg tönte hell und klar die Kirchenglocke empor, und von Mittag her klangen die dumpfen Glockenschläge aus den Mauern des Stiftes; und das Geläute pflanzte sich fort und fort über die schweigenden Wälder, schlug an die winterlichen Berge, kam singend und brummend wieder zurück und erstarb mit leisem Klingen unter dem blauen Himmel. –

Mit gesenktem Haupte ritt Pilgram dahin zwischen den Jungherren von der Krummenau und sprach kein Wort mehr. Nur der Schnee knirschte, nur die Rosse schnaubten, nur die Waffen klirrten ringsumher. Weit hinten, wo die Masse der Landleute einherwallte und in eintöniger Wechselrede Gebete murmelte, da klang es wie dumpfes, fernes Branden des Meeres. Zwischenhinein aber erhoben die Weiber ihre Stimmen zu langgezogenem Heulen. –

Da stockte der Zug, und der Greis hob langsam den gebückten Nacken.

»Die Mönche mit dem Kreuze,« sagte Zawisch leise, stellte sich in den Bügeln und spähte den Weg entlang.

»Der Abt,« murmelte der Altmarschalk, während von der Spitze her laut und klar der lateinische Gesang ertönte.

»Sind's ihrer viele?« fragte Pilgram. »Schauet ihr Knaben für mich, meine Augen sind trübe!«

»Mir dünkt, es steht der ganze Konvent unter den Linden,« sagte Witigo.

»So geziemt sich's«, sprach der alte Mann.

Da drückte Zawisch sein Roß aus der Reihe und ritt sachte den Zug entlang bis hinter die Vornehmsten des Geschlechtes, die starr, wie Standbilder, in den Sätteln saßen. Dort hielt er und spähte den Weg hinab, der sich von den Linden mählich zu Tale neigte. Unter den machtvollen Klängen des Gesanges und unter Posaunenstößen setzte sich der lange Zug der Mönche in Bewegung, und nun mischten sich die Düfte des Weihrauches mit dem Brandgerüche der Fackeln, und blaue Wölklein mit den schwarzen Wolken.

Weiter schob sich der Zug, schweigend, betend, schreiend, und der Knabe drückte sein Roß wieder neben Pilgram in die Reihe.

Da sah er, wie sich drei graue Reiter dem Zuge entgegenbewegten, wie sie näher und näher kamen bis an die vordersten unter den Mönchen, und er sah, daß diese in Unordnung gerieten und beiseite wichen. Angestrengt spähte er über den flimmernden Schnee und gewahrte, wie der erste von den Reitern gebieterisch die Hand ausstreckte und wie die Mönche singend weiter schritten, und er sah, wie der Vater das Roß aus dem Zuge lenkte, sich am Toten und seinen Trägern vorüber den grauen Reitern entgegendrängte und sich bis auf die Mähne des Rosses verneigte – und wieder stockte der Zug.

»Was gibt's?« fragte Pilgram und blickte auf Zawisch.

»Reiter sind herangekommen; der Vater ist ihnen bis vor den Toten entgegengeritten und begrüßt sie. Es müssen Herren sein.«

»Vor den Toten?« fragte der Greis. »Und wie sehen sie aus?«

»Ich erkenne nur den ersten genau,« sagte Zawisch und spähte unverwandt hindurch zwischen seinen Vormännern, die sich auch in den Bügeln gehoben hatten.

»Und der erste,« fuhr der Knabe fort, »der erste sitzt im grauen Reisekleide auf einem Schimmel. Er ist ein breitschulteriger Mann mit mächtiger Brust – sein Antlitz ist kurz – seine Augen sind leuchtend und groß – er trägt einen blonden Bart – jetzt reitet er nahe an die Leiche und schlägt das Kreuz – seine Nase ist gebogen, ich erkenne es genau – ?«

»Weiter, weiter!« rief der Alte.

»Das Antlitz des Fremden ist dunkel,« sagte Zawisch; »der Vater sitzt unbeweglich und hält das Schwert gesenkt – er ist wohl sehr vornehm, dieser Fremde – um seine Kappe ist ein schmaler Goldreif gelegt ? –«

»Setzet euch gerade in die Sättel, Jungherren,« flüsterte der Alte, »es ist der König! – Gott segne Herrn Ottokar, daß er zur Winterzeit heraufgeritten ist von Linz!«

»Der König, der König!« kam's jetzt murmelnd heran, den Zug entlang und pflanzte sich fort über Herren und Knechte bis hinter in die Reihen der Bauern.

Herr Ottokar aber hatte den Hengst in den Zug gedrückt, talabwärts schritten die Träger mit ihrer Last, und zwischen den Söhnen des toten Landherrn ritt der böhmische König im Rauche der Fackeln.

* * *

Im düstern Schiffe der Klosterkirche war das Geschlecht der Rosenherren versammelt. Vor dem Hochaltar saß der tote Wok, hart vor ihm, zur Rechten und Linken des Königs, standen seine Söhne, die Knaben. Am Portale der Kirche scharrte das Schlachtroß im Schnee, auf dem Hofe staute sich das Volk und drängte sich lautlos bis heran unter die geöffnete Türe.

»Oremus pro omnibus fidelibus defunctis!« sang der Kantor, und in gewaltigem Chore antwortete der Konvent: »Requiem aeternam da!«

Die Lichtflämmlein flirrten, der Weihrauch stieg empor am Altare und zog sich in blauen Streifen über das Schiff, und der Gesang flutete über den Toten, flutete über die Häupter der Lebenden, brach sich an den massigen Säulen und verhallte an der Decke ...

Mitten in der Kirche gähnte die offene Gruft; Mönche nahmen den Leib dessen, der ihre Heimat gegründet, auf die Schultern, der Abt weihte den Eingang mit dem gesegneten Wasser. Bedächtig stiegen die Träger die steilen Stufen hinab, die Söhne, der König und die Vornehmsten folgten, Wachsfackeln glühten in der Tiefe. Im Hintergrunde der Gruft ragte ein steinerner Stuhl mit hoher Lehne: auf ihn setzten sie den Toten. Murmelnd sprach der Abt die Gebete, dumpf tönte die Antwort der Mönche, und der rote Lichtschein flackerte auf den starren Zügen des Toten und spielte mit dem nackten Schwerte auf seinen Knieen.

* * *

»Die ewige Ruhe!« flüsterte Herr Budiwoj, als er langsam, schwer atmend, der letzten einer, aus der Gruft emporstieg, und im halblauten Selbstgespräche fügte er hinzu: »Er ist der erste da herunten – wen werden sie wohl auf den Stuhl neben ihn setzen?«

»Lange keinen mehr,« sagte Pilgram und trat neben den Landherrn.

»Doch, doch –!« erwiderte Herr Budiwoj und legte die Hand auf seine Brust.

»Nicht, Herr, nicht!« bat Pilgram.

Herr Budiwoj hob den Fuß auf die letzte Stufe, atmete heftig, wandte sich und stieß hervor: »O Pilgram, der Kumanenspeer ist tief gesessen!«

Am Hochaltare sang der Abt die Messe für den Toten.

* * *

Im Rosenberger Palassaale sahen die Herren und Mannen, und das Kerzenlicht funkelte in ihre Becher hinein.

Das Mahl war beendet, an den Wänden harrten die Diener. Der Burgpfaffe trat mitten unter die Gäste und sprach das Dankgebet. Frau Hedwig aber zog den weißen Schleier vors Angesicht, stand auf von ihrem Witwenstuhle, faltete die Hände unter der Brust und verneigte sich vor den nächsten Geschlechtsgenossen, die auf der Bühne versammelt waren, und gegen den Saal hin. Herren und Mannen erhoben sich von ihren Sitzen, Herr Budiwoj von der Krummenau aber geleitete die Muhme hinter an die Kemenate. – Hurtig hoben die Knechte des Mahles Reste hinweg und zogen die weißen Tücher von den langen Tischen. –

Herr Budiwoj trat an den Rand der Bühne und winkte hinab auf die Versammlung. Stille ward's ringsumher. Mit leiser Stimme begann er: »Ihr Freunde, ihr Herren, ihr Mannen, höret mich! Der König entbietet euch allen seinen Gruß. Ich bat ihn, daß er möchte mit uns nach Rosenberg reiten und in der Feste nächtigen. Er aber antwortete, daß ihn die Geschäfte zwängen, eilig wieder fortzureisen, und so gedächte er, morgen in der Frühe schon vom Stifte aufzubrechen. Ihr Freunde, ihr Herren, ihr Mannen! Ich rede kurz, und ihr alle wißt, was ich sagen will: Es ist heute unserem Geschlechte absonderliche Ehre widerfahren. Wir Alten sind stolz darauf, und ihr Knaben sollt es nimmer vergessen, daß der König unserm Toten das Geleite gegeben hat. Ihr Herren, Freunde, rufet mit mir – Heil dem Könige, Heil!«

Rauschend erhoben sich die Herren und Mannen, und brausend erscholl ihr Ruf im Saale: »Heil, Heil!«

Herr Budiwoj schritt langsam die breiten Stufen hernieder und begann den Rundgang. Von Tische zu Tische trat er, und überall reckten sich ihm die Becher entgegen. Da und dort riefen sie ihm laute Worte zu, und das bleiche Antlitz des Landherrn rötete sich. Immer stärker ward das Summen im weiten Palassaale, und die Knechte liefen hin und her mit Kannen und Krügen und füllten die Becher.

* * *

Seitwärts von der Bühne, in der Ecke, nahe am Kamine saß Pilgram, und bei ihm saßen die Knaben Zawisch und Witigo und die unmündigen Söhne des toten, alten Grafen mit verschwollenen, geröteten Augen.

Es ging sehr stille her in dieser Ecke: der Greis saß gebückt und netzte zuweilen die Lippen aus seinem Becher; Witigo hatte heimlich die Hand Heinrichs ergriffen und drückte sie von Zeit zu Zeit; Zawisch aber hatte die Arme über der Brust gekreuzt und sah mit seinen glänzenden Augen in das Gewühle der Versammlung.

»Ich will zu Bette gehen,« sagte plötzlich Witek von Rosenberg, erhob sich und reichte Pilgram die Hand. – »Komm, Heinrich!«

Da nahm der Greis die kleine Hand zwischen seine alten, runzeligen Hände, streichelte sie, strich über die weiße, hohe Stirne und über das goldene Haar des Knaben und sagte mit weicher Stimme: »Bleibe noch Knabe, bleibe noch! Wir wollen erst miteinander von deinem Vater reden; bleibe – ich, Pilgram, sage dir's, ich hoffe, du wirst gern bleiben!«

Gehorsam setzte sich das Herrenkind und heftete die blauen Augen auf den alten Mann.

Der aber stand auf, nahm eine kleine Harfe von der Wand, schritt zur Bühne, hob das wallende Trauerkleid, stieg empor über den Teppich der Stufen, wandte sich und überblickte die Versammlung.

Die auf der Bühne saßen, verstummten mitten in ihrer Rede und schauten hin zu dem Greise. – Die an den nächsten Tischen tranken, blickten empor, sahen Pilgram, wie er leise die Saiten stimmte, und riefen: »Höret – Pilgram!« – Die im Umkreise saßen, erhoben sich, riefen über die Tische, winkten mit den Händen und rückten ihre Sitze zurecht, und über den weiten Saal und über die Bühne legte sich tiefe Ruhe.

Der Greis aber strich mit der Rechten über den weißschimmernden Bart, hob die Augen zur Decke empor, griff in die Saiten und begann mit tiefer, mächtiger Stimme zu singen:

Wenn die Blätter fallen von den Zweigen,
Wenn die weite Welt sich enget
Und der böse Winter kommt und siegt;
Wenn so Feld als Auen schweigen,
Wenn der Schnee die Wälder dränget
Und der Tanne knarrend ihre Wedel biegt –
Dann hat der Sänger weit und breit
Im ganzen Jahr die beste Zeit,
Von Burg zu Burg zu tragen,
Was ihm das Herz bewegt,
Zu singen und zu sagen,
Was ihm die Glut erregt.

Der Tag verglimmt. Ein goldrot Funkeln
Trifft Fels und Burg zum letztenmal
Und zittert an der Giebelwand;
Wachslichtlein blitzen auf im dunkeln,
Im rauchgeschwärzten Palassaale,
Die Nacht zieht ein und herrscht im Land.
Burghüter greift zum warmen Pelz,
Umstapft auf schmalem Weg den Fels,
Die Rosse schnauben leise,
Der Bracke spitzt das Ohr,
Der Mond geht auf die Reise,
Steigt aus dem Wald empor.

Es kracht das Scheit im Kachelofen,
Der Hausherr sitzt in warmer Ecke,
Der Landwein perlt im Zinnpokal;
Die Herrin spinnt im Kreis der Zofen,
Im Lichtschein glänzt die Balkendecke,
Es grüßt das Waffenzeug im Saal:
Das Waffenzeug aus alter Zeit,
Zerhauen wohl in manchem Streit,
Helmbarden, wohl gewetzet,
Schlachtschwert und Speer und Schild,
Sturmfahne bös zerfetzet,
Mit buntem Wappenbild.

Der Sänger steht; gar süß und linde
Entquillt sein Spiel den straffen Saiten
Und rieselt nieder in den Saal,
Lockt Herrn und Frau und Burggesinde
Zurück in dunkelferne Zeiten,
Und stille wird es allzumal.
Da steigt wie Lerchenmorgenchor
Das Lied aus seiner Brust empor
Und schwillt gleich Stromesfluten
Und hebt sich adlergleich
Und braust mit Feuergluten,
Frau Sage, durch dein Reich.

Es brennen tief herab die Kerzen,
Die Hände fallen lässig nieder,
Der Atem stockt in jeder Brust;
Und was er singt aus heißem Herzen,
Aus aller Augen funkelt's wider:
Die Lieb', das Leid, der Haß, die Lust.
Der Sänger singt nicht mehr allein,
Frau Sage raunt und summt darein,
Das Waffenzeug klirrt leise,
Die alte Fahne weht,
Derweil die wilde Weise
Zu aller Herzen geht.

Es rührt und regt sich an den Wänden,
Der Palas wird zum Blachgefilde,
Die Balken steigen himmelan;
Es tost der Kampf an allen Enden,
Großmächtig fügt sich Bild zu Bilde,
Die Sonne sticht auf Roß und Mann.
Es lauschen Herrschaft und Gesinde,
Es lauschen blondgelockte Kinde,
Vom Strome fortgetragen,
Vom Adlerflug gewiegt,
In Feuerglut geschlagen,
Von dir, o Lied, besiegt.

Wenn die Blätter fallen von den Zweigen,
Wenn die weite Welt sich enget
Und der böse Winter kommt und siegt;
Wenn so Feld als Auen schweigen,
Wenn der Schnee die Wälder dränget
Und der Tanne knarrend ihre Wedel biegt
Dann hat der Sänger weit und breit
Im ganzen Jahr die beste Zeit,
Von Burg zu Burg zu tragen,
Was ihm das Herz bewegt,
Zu singen und zu sagen,
Was ihm die Glut erregt.

Ein Murmeln ging über die Bühne und pflanzte sich fort über den Saal. Und wieder griff Pilgram in die Saiten und hob die Stimme:

Hört, ihr Rosenherren, hört die Klage,
Rückt zusammen, Schwertgemagte, hört mein Wort
Hört es, Männer, hört es, Knaben, Knechte,
Hört es, Lüfte, tragt's auf alle Straßen fort!

Böse Märe will mein Mund euch künden:
Der dem Eichbaum gleich im goldnen Abendrot
Weithin noch vor kurzen Monden sichtbar
In den Landen ragte – Vater Wok ist tot.

Dem aus tiefen Wunden in gar vielen,
Vielen Schlachten floß das rote Heldenblut,
Den durch ungezählte Fährlichkeiten
Wie mit Sturmesflügeln trug sein stolzer Mut –

Hört, ihr Rosenherren, hört die Klage,
Rückt zusammen, Schwertgemagte, hört mein Wort,
Hört es, Männer, hört es, Knaben, Knechte,
Hört es, Lüfte, tragt's auf alle Straßen fort!

Der in Treue allzeit festgestanden,
Seiner Sippe Sturmpanier in Kampf und Not,
Seinem König allzeit weiser Ratsherr:
Laßt die Tränen rinnen, Vater Wok ist tot!

* * *

Das war ein hartes Drängen bei Mühldorf wohl am Inn!
Vieltausend Degen zogen dort auf die Brücke hin,
Der böse Sturmwind fegte durchs kahle Stoppelfeld,
Und schwere Wolken jagten hoch droben an dem Himmelszelt

Die gelben Wasser kamen und rauschten her zu Tal
Und sangen Totenklagen den Degen allzumal –
Die alte Brücke schwankte in Sturm und Wellenstoß,
Doch »vorwärts!« rief der König und stachelte sein gutes Roß.

Und donnernd nahm die Brücke der Falbe mit dem Herrn,
Ihm folgten hundert Degen und hundert Rosse gern,
Und hundert andre drängten wohl hinter diesen drein
Bei Mühldorf auf die Brücke im letzten, grauen Abendschein.

Da hob sich aus der Tiefe der grimme Wassermann
Und stieß mit seinen Fäusten die morschen Pfeiler an,
Sang einen argen Segen aus Herren und Gesind –
Der Segen hat getroffen gar mancher Mutter starkes Kind.

Es ging ein wildes Krachen durch Balkenwerk und Dach –
Die Brücke war geborsten und neigte sich gemach,
Die Rosse stiegen schnaubend, die Reiter schrieen auf,
Die gelben Wogen kamen heran und türmten sich zuhauf;

Sie gossen ihre Fluten herein mit Donnerschall,
Sie deckten Roß und Reiter mit wildem Wasserschwall,
Sie rissen fort im Strudel die Recken allzumal
Und sangen Totenlieder und wälzten weiter sich zu Tal.

Gen Morgen hielt der König mit seiner Schaar so klein,
Ihm flössen bittre Tränen wohl in den Bart hinein.
Gen Abend stand in Haufen das abgeschnitt'ne Heer,
Und wilde Rufe tönten – doch Ratschlag wußte keiner mehr.

Wohin? Im Rücken dräuet der Bayern Übermacht,
Indes im Angesichte der letzte Pfeiler kracht!
Und kaltes Grauen packte die führerlose Schar,
Die dort am bösen Strome in Feindeshand gegeben war. –

Doch schau! Wer kämpft im Wasser und ringt im Wellengraus,
Wer schwimmt im Eisenkleide auf starkem Roß heraus?
Wer steigt empor ans Ufer ganz heil, ganz unversehrt
Und hebt den Blick nach oben und zieht getrost sein gutes Schwert?

Wer sprengt am dunkeln Ufer zum abgeschnitt'nen Heer
Und ruft mit Kampfgeschreie die Streiter zu sich her?
Wer jagt mit Windsbraut-Eile nach Mühldorf in die Stadt
Und hält am engen Tore, bis jeder sich geborgen hat?

Wer windet als ein Riese die Brücke hoch empor
Und stößt mit eignen Händen den Balken vor das Tor?
Wer heißt auf alle Mauern die Böhmenkrieger geh'n,
Wer heißt von allen Türmen ins Land die Böhmenfahnen weh'n?

Es war Herr Wok, der Starke, von Rosenberg der Held,
Der dort mit seinen Reitern hinbrauste übers Feld,
Es war Herr Wok, der Kühne, der Ritter unverzagt,
Der hat mit kaltem Blute dem Feind die Beute abgejagt.

Es war Herr Wok von Böhmen, der königstreue Mann,
Der eine List ohngleichen im Bayernland ersann –
Der dort im Feindesbollwerk die eigne Schar gedeckt
Und auf die höchste Zinne hat seinen blanken Schild gesteckt
. –

Wer neigt mit stolzem Mute das Haupt zum freien Gruß,
Wer ist's, daß selbst der Sieger ihm Ehre zollen muß?
Wer rasselt aus dem Tore zu Mühldorf wohl am Inn
Und führt die Böhmenscharen in Waffen durch die Feinde hin?

Es ist Herr Wok gewesen, der Recke frisch und frank,
Der dort im Bayernlande erwarb des Königs Dank,
Es ist Graf Wok gewesen, des Lob klingt weit und breit,
Solange Böhmen singen von Kriegsgefahr und böser Zeit.

* * *

Und wer liegt auf den Knieen am Bergstrom hoch im Tann
Und hebt in heißem Danke die Hände himmelan?
Und spricht: ›Maria, Reine, du hast gerettet mich –
Des soll mein Mund dich loben, des soll mein Herze preisen dich!

Doch nicht allein das Herze und nicht allein der Mund
Geb' dir, o Gottesmutter, Graf Woko's Treue kund:
In Eile will ich senden wohl in die Welt hinaus,
Will fromme Mönche rufen, will bauen dir im Wald ein Haus.

Und mächtig will ich gründen das Haus zu deinem Ruhm,
Will Land und Leute schenken dem hehren Heiligtum.
Das mag sich hoch erheben zum Zeichen meiner Schuld
Und mag in späten Zeiten, Maria, künden deine Huld.

Schenk' du dafür, Vielreine, mir allzeit deine Gnad'
Und schirme meine Seele, bitt' für mich früh und spat
Und führ' mich, Königinne, dereinst mit Freundlichkeit
Durch Nacht empor zum Lichte, vom Erdenleid zur Seligkeit!‹ –

Das ist Herr Wok gewesen, und hoch ertönt sein Ruhm,
Weil er der Jungfrau weihte im Wald ein Heiligtum.
Das ist Herr Wok gewesen – jetzt ruht er in dem Haus,
Das er der Jungfrau baute, von allen Erdenmühen aus.

Gar weit ist deine Reise, vielwerte Christenheit,
Und steile Pfade führen empor zur Ewigkeit.
Wohl dem, der fromm und weise tut, was der Graf getan,
Verrichtet gute Werke und baut sich Stufen himmelan!

Regungslos sahen Herren und Mannen und Knechte, keine Hand streckte sich aus nach dem Becher. Und wieder griff Pilgram in die Saiten und begann zu singen:

Zwei Augen sind gebrochen,
Ein Herze schlägt nicht mehr –
Was sollen wir sitzen und klagen
Und sollen uns grämen so schwer?

Wir stellen uns aufrecht und heben
Die Hände zum Vater empor
Und holen zu tiefst aus der Seele
Ein heiliges Loblied hervor.

Des Himmels Glanz und Bläue,
Die sonnenhelle Pracht
Und das Heer der zahllosen Sterne
Auf dem schwarzen Mantel der Nacht;

Den Baum im Blütenkleide,
Blauveigelein im Moos
Und Gold und Edelgesteine
Aus der Tiefe finsterem Schoß;

Und alle Erdenschöne
Wohl über Berg und Tal –
Die faßten seine Augen
Vielhunderttausendmal.

Des Brotes starke Labe,
Des Metes süßen Saft
Und des perlenden Weines im Becher
Goldfeurige, funkelnde Kraft;

Des Weibes holde Minne,
Des Windsturms Brausen im Wald
Der Glocken Sonntagsgeläute
Und des Schlachtlieds wilde Gewalt;

Und was die Welt an Ehren
Und Ruhm wohl schenken mag –
Das hat sein Herz genossen
In manchem heißen Schlag.

Doch blieb sein Aug' nicht haften
Am bunten Erdenkleid,
Und in des Herzens Tiefe
Trug er die Ewigkeit.

Hab' Dank, allgütiger Vater,
Für deine Freundlichkeit,
Die Augen ihm und Herze
Gelabet alle Zeit,

Sei hochgepriesen, Vater,
Für deinen Friedensrat,
Der ihn von Kindesbeinen
Emporgezogen hat!

Behüt auch uns're Augen,
Bewahr auch unsern Sinn
Und führ uns wie die Kinder
Durchs Erdenleben hin!–

Zwei Augen sind gebrochen,
Ein Herze schlägt nicht mehr –
Was sollen wir sitzen und klagen
Und sollen uns grämen so schwer?

»Heil, Pilgram!« rief Herr Budiwoj, hob den Becher und trank dem Sänger zu. Der aber neigte das Haupt vor dem Landherrn und begann aufs neue zu singen:

Alter Zeiten muß ich sinnend denken,
Träumend schaut mein Auge mittagwärts,
Und von selber klingen mir die Saiten,
Und zum Singen treibt mich mächtig an mein Herz.

Einen güld'nen Falken seh' ich kreisen
Und ich höre seinen stolzen Schrei,
Und es fliegt herab aus seinen Fängen
Eine Rose in die Waldlandwüstenei.

In dem Waldland schlägt die Rose Wurzeln,
Eine kleine Wiege steht im Dämmerschein,
Windhauch ziehet flüsternd durch die Tannen,
Zu der Wiege tritt die weiße Frau herein.

Setzt sich hin und wiegt die kleine Wiege,
Beugt herab sich auf die Knäblein müd',
Läßt den Zauberschleier drüber fließen,
Raunt ein seltsam, unerhörtes Schlummerlied. –

Und es wachsen blonde Heldenknaben,
Und es wächst vom Wittinghauser Stein
Eine starke, dreigezweigte Sippe
Tief ins fremde Land, ins Böhmenland hinein.

Blühe, stolze Waldlandsippe, blühe!
Segne, weiße Frau, den alten Schild
Und im Kampf zu Sieg und Ehren führe
Allezeit das Witigonenwappenbild!

Ja, den güld'nen Falken seh' ich kreisen,
Der die rote Rose in das fremde Land gebracht,
Und ich seh' ihn eilig weiterfliegen,
Eilig über Berg und Tal gen Mitternacht.

* * *

So sang der Altmarschalk Pilgram nach den Weisen, die er vor langen Jahren gelernt hatte von seinem Vater, dem Kreuzfahrer; so sang er von guten Tagen und von bösen Tagen, von Zeit und Ewigkeit und griff endlich in die Saiten zum letzten Liede:

Tritt fest auf, mein Sohn,
In der feindlichen Welt!
Denn keiner umher
Hat stärkeres Recht
Ans Leben –
Als du.

Das Haupt halt hoch
In der feindlichen Welt!
Der Freie senkt nie
Auf die Erde den Blick –
Das tut nur
Der Knecht.

Tritt fest auf, mein Sohn,
Daß die Spur deines Tritts
Nicht hinter dir her
Mit dem fliegenden Sand –
Verwehe
Zumal!

Doch dieses bedenk:
Hoch über der Welt
Wohnt Einer im Licht –
Des Recht ist stärker,

Des Haupt ragt höher,
Des Leben vergeht nicht–
Wie deines,
Mein Sohn!

Was dünkt dich um dein Leben? Es ist ein Federflaum,
Ein Gang in Sonnenhitze und ein gar kurzer Traum.

Verachte Gut und Habe und gib sie klaglos hin,
Bewahr im Heldenleibe den weichen Kindersinn:

Der läßt ein böses Erbe, der Gold zusammenscharrt –
Gold macht die Glieder schwammig, die Herzen macht es hart.

Wenn Frieden ist, so raste, ist Krieg, so fahr mit Gott –
Der uns den Frieden spendet, er schickt uns auch die Not.

Sei Schirmherr aller Christen; für keuscher Frauen Ehr',
Für schwacher Kindlein Unschuld zieh tapfer deine Wehr.

Halt fest zu deiner Sippe: es ist ein arger Wicht,
Der nicht das Recht der Seinen mit aller Kraft verficht.

Doch sollst du nicht vergessen – nicht nur den Feind im Erz
Mußt männlich du berennen – – nein, auch dein eigen Herz.

Es liegt ein Würmlein drinnen zu tiefst in jeder Brust,
Heißt Eigenlieb', heißt Lüge, heißt böse, wilde Lust.

Das Würmlein lerne töten, mit Gott, mein Sohn, sei stark –
Sonst wächst es her zum Wurme und frißt dein Lebensmark.

Zieh fröhlich deine Straße und meid Griesgrämigkeit –
Ein herrgottfroh Gemüte flieht Satan alle Zeit;

Und kommt die letzte Stunde, gib dich und murre nicht:
Es bricht ja nur die Hütte, wenn dir das Herze bricht!

Ein jeder stehe feste, wohin er ward gestellt,
Dann darf er wohl verachten die alte, böse Welt.

Nicht wo der Mensch gestanden, fragt man in jener Welt,
Doch wie er dort gestanden, wohin er ward gestellt.

* * *

Das Lied war aus. Leise Töne klangen noch von der Harfe eine Zeitlang, und eine Zeitlang saßen die Witigonen regungslos. Dann aber brach der Jubel tosend hervor, die Herren erhoben sich, die Mannen sprangen auf die Bänke. – Heil, Pilgram, Heil dem Sänger! brauste es durch den Saal. Die Teppiche an den Wänden bewegten sich, das Kerzenlicht flackerte, die Adler drehten sich langsam im Kreise an ihren Schnüren.

* * *

Unter dem Palas, mitten im Hofe, an der jungen Linde, die ihre bereiften Äste spreitete über dem schneebedeckten Dächlein des Ziehbrunnens, stand der Knabe Zawisch. Mit beiden Armen hatte er den Stamm umschlungen und preßte die Stirne an die kalte Rinde. Über ihm funkelten die Sterne in den engen Burghof herein, und gleich einem Riesen ragte der Bergfried von Rosenberg empor zum nächtlichen Himmel.

Da kam die gebückte Gestalt des Sängers, angetan mit weitem, faltigem Mantel, vom Palas heran. Und der Sänger trat neben das Herrenkind, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »Was stehst du so lange in der Kälte, mein Sohn? Der Schnee schreit unter den Sohlen, Zawisch, und deine Wangen glühen. Komm doch wieder herein in den Saal!«

Ferne Jubelrufe unterbrachen die Rede des Altmarschalks.

»Komm, Knabe, komm!« sagte er und fuhr mit der runzeligen Hand wieder und wieder über den blonden Scheitel. »Komm, begrüße den Vater – hörst du sie jauchzen? – sie haben Herrn Budiwoj zum Gekorenen gemacht über die Einung!«

Zawisch wandte sich, beugte sich herab auf die Hand seines Lehrmeisters und küßte sie. Dann schritt er langsam hinter ihm dem Palas zu.

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