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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 3
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Jahreswende

Der Tag ging zur Rüste und mit ihm das Jahr. Westwärts über den Bergen flammte die letzte Abendröte, graue Schatten legten sich über die weißen Berghalden und über die schneeschweren Wälder, im dunkeln Tale dampfte die Moldau und rauschte aus dem alten Jahre hinüber in das neue, und ihr Dampf mischte sich in den Herdrauch, der aus den Hütten emporstieg und eilend verschwand in der Frostluft des Abends.

Es ging ein Summen durch die Welt, man wußte nicht, von wannen es kam, es ging ein Knistern durch die Welt, als ob ein unsichtbares, großmächtiges Pergamentblatt sich wenden wollte, es ging ein Rauschen durch die Lande, als ob jetzt erst das Laub fiele von hunderttausend Bäumen, es war den Leuten zu Mute, als hielte die Erde den Atem an – denn das neue Jahr rang sich empor aus dem Schoße der Zeit.

* * *

Nacht war's; aus den Ladenritzen der letzten Hütte weit draußen am Waldstrome, wo der alte, einäugige Floßknecht wohnte, da blinkte Lichtschein auf die Straße, und gleichwie draußen, so funkelten Lichter in jeglichem Hause der ganzen Krummenau und funkelten droben auf der Feste des Herrn Budiwoj in Stuben und Kemenaten, und in einem Lichtmeere schwamm sein mächtiger Palassaal.

Im Häuslein am dampfenden Flusse qualmte ein Talglicht, droben auf der Burg des gebietenden Landherrn brannten starke Wachskerzen. Im Häuslein am Flusse waren Holzwand und Balkendecke schwarzglänzend vom Herdrauche; im Palassaale droben hingen an den hohen Wänden kostbare Tücher, glänzten die prächtigen Waffen, schaukelten sich unter den bemalten Balken der Decke die Bälge von Adlern und Falken und drehten sich leise an ihren Schnüren, als schwebten sie noch mit ausgebreiteten Fittichen im blauen Äther über den waldgrünen Bergen. Im Häuslein am Flusse knisterte gelbes Stroh auf sandbestreuter Diele, im Palassaale des Herrn lagen schwere Fußteppiche. Am Talglichte des Armen stand ein Knäblein und schneuzte den Docht, über die Teppiche des Herrn eilten reichgekleidete Diener.

Aber das Stroh in der Hütte und die Teppiche im Saale waren gebreitet für das gleiche neue Jahr, damit es seinen Einzug darüber hielte, und die Kerzen mußten brennen allüberall im Tale und auf dem Felsen – dann fuhren die bösen Geister eilend gleich dem Rauche über die Dächer in der grausigen Nacht, und die guten kehrten ein fürs junge Jahr und hielten Rast, bis daß auch dieses alt würde, bis daß es auch zur Rüste ginge. –

Von den Ställen der Vorburg her bewegte sich ein feierlicher Zug über den schneebedeckten Hof: Herr Budiwoj hielt Umgang mit der Räucherpfanne. Die Wacholderbeeren qualmten auf den Kohlen, und wohlriechende Wolken stiegen aus der Pfanne empor. Hinter dem Hausherrn aber schritt singend der Burgkaplan, schritten Kinder und Knechte und Mägde und sangen ihm Antwort.

Am Himmel funkelten die Sterne, und der Mond schaute herab auf Bergfried und Tal. Gleich einer dunkeln Schlange kroch der Zug hinein in das hallende Tor, kam heraus auf den schneeglitzernden Hof unter die kahle Linde und wand sich über die Zugbrücke hinein in das steinerne, hochgiebelige Haus. Und von Kammer zu Kammer, von Stube zu Stube sang der Pfaffe und sangen die Leute, und Herr Budiwoj, der Sohn des Herrn Zawisch, schwenkte die Räucherpfanne.

So flohen unter Segenssprüchen und Gesängen die unreinen Geister aus Kammern und Kemenaten, und das neue Jahr hielt mit Ehren seinen Einzug in der Herrenburg.

* * *

Im Palassaale stand Frau Berchta. Sie trug den kleinen Wok auf dem Arme und sah prüfend über die gedeckten Tische, über die Kannen und Krüge und Becher, über die roten Äpfel, die hochgetürmt auf großen Platten lagen, und über die langen, gelben Stollen. Dann neigte sie das Haupt, schaute sinnend vor sich hin und begann mit leiser Stimme zu erzählen, als vermöchte das Kind ihr Raunen zu verstehen: »Auf goldigem Wägelein ist's gekommen, Wok, durch die Luft her; zwei Rößlein haben das Wägelein gezogen, die waren weiß wie Milch, glänzend wie der Schnee – ich hab's gehört, die Rößlein haben miteinander geredet – ein Glöcklein hat geklungen – – und auf einmal sind die Äpfel auf den Tischen gestanden.« – –

Die Lichter funkelten, die Teppiche leuchteten, die Wänglein des Knaben glichen den roten Äpfeln aus den Tischen.

Bald lauter, bald leiser tönte der Gesang der Leute in den stillen Saal, und in den Augen der Herrin blinkten Tränen. Sie küßte Wok und stellte ihn auf den Teppich.

Der Zug kam über die Stiege empor, die hohe Türe ward geöffnet. Herr Budiwoj trat mit dem Burgpfaffen über die Schwelle in den Lichterglanz; blauer Rauch stieg aus der Pfanne zum Gebälke empor, singend drängten Kinder und Mannen, Knechte und Mägde in den Saal.

Im Halbkreise ordnete sich das Gefolge, Zawisch und Witigo stellten sich Frau Berchta zur Rechten und Linken. Wok versteckte den Lockenkopf im Gewande der Mutter.

Herr Budiwoj trat nahe heran, schwang die Pfanne, daß der Rauch sein Weib, seine Söhne und ihn selbst einhüllte, und murmelte den Segen für das ganze Jahr. Wieder sang der Kleriker, die Kinder und das Gesinde antworteten.

Der Hausherr aber ging zum offenen Kamine und schüttelte die qualmenden Kohlen ins lohende Feuer, kehrte zurück zu seinem Weibe und geleitete sie zu den erhöhten Sitzen unter den Fahnen an der Wand. Aufs neue ordnete sich das Gefolge nach Alter und Ansehen, damit es vorüberzöge an Herrn Budiwoj und Frau Berchta.

Da kam eilenden Schrittes von der Türe heran ein Kämmerer. Der trat vor den Herrn und die Herrin, beugte hastig das Knie und sprach leise zu ihnen empor.

Frau Berchta faltete die Hände, und Tränen schossen über ihre Wangen hernieder. Herr Budiwoj aber fuhr mit der Hand über seine Augen, winkte dem Kämmerer ab, erhob sich und sprach mit stockender Stimme:

»Ihr Kinder, Leute! Es ist bitteres Weh über unser Geschlecht gekommen. Ein Bote ist eingeritten in mein Haus, und wir müssen das frohe Fest beschließen mit Tränen. Graf Wok von Rosenberg ist tot – er ist seinen Wunden erlegen! – – –

»Gehet in Ruhe auseinander und vergeßt nicht, zu beten für seine arme Seele! – – –

»Was euch an Speise und Trank gebührt, das soll euch in den Kammern gereicht werden. Laßt aber die Brosamen nicht fallen unter den Tisch, sondern kehret sie zusammen und bewahret sie auf, damit man sie vergrabe unter der Linde, wie Recht ist. Hier im Saale lösche man die Kerzen aus, alle bis auf die eine, die brennen muß in dieser Nacht. Gott aber sei uns gnädig, Großen und Kleinen, heute und im ganzen neuen Jahre!«

* * *

Die starken Mauern des Bergfrieds umschlossen ein kleines, trauliches Gemach. Das hatte eine gewölbte Decke und war gepflastert mit Ziegelsteinen, auf den Ziegelsteinen aber lagen dicke Strohmatten.

In diesem traulichen Gemache saß am selbigen Abende Pilgram, der Altmarschalk auf Burg Krummenau, ferne von den Menschen, und schnitzte Pfeile nach seiner Gewohnheit und sann nach seiner Gewohnheit.

Lustig prasselte das Feuer im Kamine unter dem hohen, dicken Mantel, der aus der Mauer heraussprang und wunderlich anzuschauen war wie ein halber Bienenkorb.

Da knarrte draußen die hölzerne Freitreppe, leichte Schritte und schwere Schritte kamen über den kleinen Vorplatz, die Türe öffnete sich, ein Blondkopf lugte herein, und eine helle Stimme fragte: »Darf ich Euch besuchen?«

»Eia, Zawisch?« kam die Antwort zurück, und der Greis stand auf und hielt dem Knaben lächelnd die Hand entgegen. »Immer, immer!« sagte er. »Aber mir dünkt, du solltest heute in der heiligen Nacht anderswo sein als beim alten Pilgram im Bergfried?«

Mit seinen großen, hellen Augen sah der Herrensohn in die freundlichen Augen des Greises. »Die Mutter schickt den Rasso mit den Äpfeln, und mir hat der Vater eine Botschaft an Euch aufgetragen.«

»Gott segne deine Mutter!« sagte Pilgram und nahm dem Knechte den Korb ab. »Und was hast du mir zu bestellen?«

Zawisch winkte mit der Hand, und hinter dem Knechte schloß sich die Türe. »Trauerbotschaft ist ins Haus gekommen – unser Oheim Wok ist heute gestorben.«

Da ließ Pilgram die Arme sinken, reckte das weiße Haupt vorwärts, als hätte er nicht richtig verstanden, und rief stoßweise: »Herr – Wok! – Das überfällt mich!«

»Zur Vesperzeit ist er entschlafen,« sagte Zawisch. »Gerade ist der Bote eingeritten.«

Da wandte sich der alte Mann, trat an das Kruzifix in der Ecke, sank auf die Kniee und schlug das Kreuz, und murmelnd klang seine Fürbitte durch das Gemach.

* * *

»Setze dich!« sagte Pilgram, warf Scheiter in den Kamin und ließ sich dem Jungherrn gegenüber in seinen Armstuhl nieder.

Lange saßen sie und schwiegen. Endlich hob der Greis die Augenlider und fragte: »Wann wird sein Leib nach Hohenfurt getragen?«

»Auf den Erchtag ist die Sippe geladen,« sagte Zawisch.

Und wieder schwiegen die beiden. – –

»Jahreswende!« begann Pilgram und stützte das Haupt in die Hand. »So schreiben wir Zwölfhundert und einundsechzig – seit einer Stunde! Jahreswende! – – Solch ein Jahr hat ein seltsam schnelles Wachstum. Erst liegt's da wie ein Kindlein, hat ein Angesicht, glatt und klein, Augen man weiß nicht, sind sie blau oder braun oder schwarz. Hernach reckt es sich und spreitet sich und zieht vorwärts als ein Mann und reißt den Menschen mit sich fort auf ungewisse Bahnen. Mit der Sonne steigt's empor, eilt vorwärts durch heiße Tage und wendet sich mit ihr zum Niedergange – ehe du's wahrnimmst, ist es alt geworden und grau und kalt und streckt sich zum Sterben – – und neben ihm hebt sich wieder ein Kindlein empor, und mit dem Kindlein ziehen wir weiter und tragen auf unsern Schultern, was uns das alte Jahr auferlegt hat, hinein ins neue. – – – Und so geht's fort und fort, immer fort, bis wir selber alt und grau und müde werden und uns zur Abfahrt rüsten. – – Weißt du noch, wie Herr Wok in die Krummenau eingeritten ist am ersten Tag im neuen Jahre? Weißt du noch, wie dann im Lenze das Kriegsgeschrei durchs Land gegangen ist? Weißt du noch, wie der Vater zur Sommerzeit ausgezogen ist? Weißt du noch, wie er wieder heimgekommen ist im Herbste? – Siehe, gleich dem Jahre schreitet das Leben dahin von seinem Aufgange bis zu seinem Niedergange, ist jung und wird alt, hat Frost und hat Hitze, hat Saatzeit und hat Erntezeit, hat lichte Tage und hat düstere Tage, hat finstere Nächte und hat helle Nächte. Über Berg und Tal gehen seine Wege, fragt dich keiner, ob dich da die Steine stoßen, ob du dort verweilen möchtest. Fort mußt du über die Berge und durch die Täler. Aber fürchte dich nicht in engen, finsteren Tälern, alles vergeht! – – Es war ein Reiter, der ritt unter vielen Fährlichkeiten durch das Gebirge und kam endlich um die Abendzeit hinaus ins freie Land, wandte sein Roß und schaute zurück. Was sah der Reiter? Verschwunden waren die Täler, und auf den Gipfeln ruhte der Sonnenschein. Das ist das Leben, Knabe! Ehe du dich's versiehst, liegt's hinter dir. – Wohl dem Reiter, der noch eine Weile reiten darf im Abendsonnenscheine, im freien Lande. Und das war dem Grafen Wok beschieden. Er ist im Sonnenscheine heimgegangen. Der Held hat ausgekämpft, der Tod hat ihn bezwungen. Aber die Bergwand hinter ihm glüht rosenrot. Wohl ihm, wohl ihm!«

Keinen Blick wandte Zawisch von den Augen des Greises, von dem mächtigen Barte, der ihm bis auf den Gürtel herabwallte, und von den Lippen, die sich leise bewegten.

In der dunkeln Fensternische saß ein Rabe auf der Stange; der sträubte die Federn, flog hinab auf die Strohmatten des Fußbodens und schritt umher. Pilgram aber nahm das Messer vom Tische, nahm ein neues Stück Holz, wog es in der Hand und begann zu schnitzen.

»Ja, Ehre genießt Herr Wok,« fuhr er nach einer Weile fort, »Ehre, wo nur immer einer deutsch redet in Böhmen. Solange König Ottokar leben wird, solange wird er dankbar dessen gedenken, der ihm treu war von Anfang und« – fügte er langsam bei – »der ihm allezeit ein Muster hätte sein können in der ritterlichen Ehrbarkeit. Solange die Berge in der Steiermark stehen, wird man den Landhauptmann nicht vergessen, der mit Kraft und Milde als ein Herr regierte an Stelle seines Königs. Solange die Ungarn an ihren Lagerfeuern erzählen von Krieg und Not, werden sie reden vom Grafen Wok und vom Landherrn Budiwoj, den Helden, die mit verdeckten Rossen unter sie gefahren sind wie Löwen in die Hammelherde. Solange die Mönche von Hohenfurt Wälder roden und mit dem Pfluge über den Waldgrund ziehen, das Volk lehren und in den heiligen Schriften forschen, werden sie den Grafen Wok nicht aus dem Herzen verlieren, der ihnen mit deinem Vater die Heimat gebaut hat. – Das größte aber von allen seinen Werken, das hat er in der Stille geschaffen, Zawisch: deiner ganzen Sippe hat er das Beste geschenkt, was ein weiser Herr seinen Blutsfreunden erringen kann. Das wirst du erst erkennen, wenn du einmal selber hineingewachsen sein wirst. Vordem saßet ihr da und dort, ihr Witigonen vom uralten Stamme der Rose, da und dort im Lande, von Ranariedel und Falkenstein bis nach Skalitz und Neuhaus, wohlgesinnet gegeneinander, aber unverbunden, keiner dem andern verpflichtet. Da ist er gekommen, der Mann mit dem freundlichen Herzen und mit dem unwiderstehlichen Willen, und hat euch stark gemacht, hat euch die Einung geschaffen mit Eid und Handschlag, geheim und doch offenkundig, seltsam für alle anzusehen, die da leben im Lande Böhmen, Österreich und in Steier und draußen im Reiche. Freilich hat er die Liebe nicht erst geschaffen, die in eurer Sippe von Wittinghausen her, von den drei Brüdern her, wohl auch noch viel weiter her so heimisch ist; die hat er vorgefunden. Aber in das gute Land hat er euch die Einung gepflanzt! – Und ich sage dir, Knabe, das ist sein größtes Werk; in dieser Einung seid ihr die Mächtigsten im weiten Böhmen.« – ? »Gut nur ist's,« setzte er gedankenvoll hinzu, »daß die Witigonen nicht nur stark, sondern auch treu sind!« – – ? ?

»Es ist jetzt böse Zeit auf Erden, und weiß niemand, wie das hinausgehen wird. Das Unterste ist zu oberst gekehrt, und was ehedem fest war, ist locker geworden. Vor alters hat jeder wissen können, wo er steht und wer er ist. Aber heutzutage schätzet sich jeder höher ein als er in Wahrheit ist, und es kommt so zu Gedränge und Geschiebe allenthalben. Allerorts entstehen Neid, Haß, Krieg, Jammer und Trübsal. – Und was ist schuld daran? Siehe, mein Sohn, alles, was auf Erden zu Recht bestehet, ist dreigeteilt, wie die Erde selber, die da ist Land, Wasser und Luft. Denke selber nach: Der Baum greift mit seinem Wurzelwerke in den Boden, strebt in die Höhe mit seinem Stamme und trägt an seinen Zweigen Blüten und Früchte. Im Haupte empfängt und hegt der Mensch seine Gedanken, in seinem Leibe werden seine Säfte bereitet, auf den Beinen geht er und bleibt er, wo er will. Gründet einer den eigenen Herd, so soll er nach Gottes Gebot und Menschenrecht der Schirmherr sein im Hause, sein Weib soll ihm dienen, und um die beiden her sollen in die Höhe wachsen die Kindlein. Und gleichwie der Baum blüht im Lenze, Früchte trägt im Herbst und ruhet im Winter, so teilt sich dem, der ein ehrbar Leben führt, der Tag in Arbeit, in Feiern und in Schlafen. Also ist, wenn du genau zusiehst, alles, was auf Erden zu Recht besteht, dreigeteilt, wie sich auch der allmächtige Gott in drei Personen läßt anrufen von der Christenheit, ehren und lieben. – Und siehe, Zawisch, es ist auch von Anfang an die Menschheit geteilt gewesen in drei Stände. Die Stände waren gut voneinander geschieden und doch enge miteinander verbunden; keiner hat ohne die zwei andern sein können, und hat's jeder Mensch genau gewußt ohne alle Irrung, in welchen er gehört. Und die drei Stände hat unser Herrgott selber geschaffen, hat sie Herren, Bauern und Knechte geheißen und seine Freude an ihnen gehabt, denke ich mir in meinem Sinne.«

»Ich meine doch,« unterbrach ihn Zawisch und schaute fragend aus den großen Augen – »darf ich's sagen? – Gottvater hat den Adam erschaffen und nicht die Stände.«

Der Greis legte Messer und Holz nieder, lehnte sich zurück und ließ die Wellen seines Bartes durch die Finger gleiten.

»Ganz recht, mein Sohn,« sagte er und lächelte, »Gottvater hat den Adam geschaffen, und der war nackend, und es ist ein wahres Wort, wenn sie auf den Heerstraßen singen:

Als Adam hackte
Und Eva spann –
Wer kannte da Bauer –
Und Edelmann?

»Aber Gottvater hat denn doch, sollte ich meinen, den Adam und sein Weib fürs Paradies geschaffen von Anfang und hat zugewartet, ob sie wohl gehorsam dahinleben möchten und nicht Verbotenes treiben hinter seinem Rücken. Hernachmals aber haben sie ihn betrogen und angelogen, und er hat sie vertreiben müssen aus der Lustbarkeit auf die Erde; denn so wie ich's vom Paradiese weiß, kann man's gar nicht eigentlich ein irdisches Land nennen – auf die Erde sind die Menschen hernachmals erst gekommen. Und nun höre weiter: Auf der Erde wurden die Stände geschaffen.«

»Davon steht nichts in den heiligen Geschichten,« sagte Zawisch zweifelnd.

»In den heiligen Geschichten, wie sie die Pfaffheit erzählt, steht nur das, was die Menschen nicht wissen können,« sagte der Greis eifrig. »Was jeder wissen kann, das braucht ja gar nicht drinnen zu stehen. Und jeder kann sehen, mit eigenen Augen, daß die drei Stände Gottvater geschaffen hat; denn ihre Ordnung ist gut durch und durch. Aber wir wissen sogar noch, wie's zugegangen ist. Einer hat's dem andern erzählt, und so ist's heruntergekommen auf unsere Tage. Willst du's hören?«

»Erzählet mir's!« bat Zawisch.

Bedächtig griff der Greis zum Messer und schnitzte weiter an dem Holze.

»Vor uralten Zeiten war ein großes Sterben im ganzen Lande, und die Menschen gingen elend zu Grunde bis auf einen Mann und seine drei Töchter. Die lebten allein, und alles, was sie sahen, gehörte ihnen. Aber sie hatten keine Freude daran, weil sie so einsam wohnen mußten. Da kam einmal Gottvater auf der Wanderung über die Gebirge gegangen, setzte sich auf einen hohen Stein und schaute über Wald und Heide. Und er rief seinen Raben und sandte ihn hinaus, beauftragte ihn und sprach: ›Fliege und komm wieder und sage mir alles an von den Menschen!‹ Der flog geschwind wie der Blitz, kehrte wieder und erzählte Gottvater, daß nur noch vier Menschen vorhanden seien und daß sie unfroh dahin lebten, einsam und verlassen. Da saß Gottvater lange und sann, und vor ihm lag der Wolf, der ihn geleitet auf allen seinen Wegen. – Und Gottvater beugte sich zu Boden und formte mit seinen eigenen Händen drei Erdenkloße, legte sie nebeneinander und drückte in jeden eine Grube. Darauf nahm er sein Schwert und ritzte sich Stirne, Brust und Fußsohle, und dreifach sickerte Blut aus seinem heiligen Leibe hervor. Da netzte er den Finger mit dem Blute, das ihm aus der Stirne rann, und bildete den ersten Erdenkloß, netzte den Finger mit dem Blute seiner Brust und bildete den zweiten Kloß, netzte den Finger mit dem Blute seiner Fußsohle und formte den dritten Kloß. Währenddem fing der Rabe Streit an mit dem Wolfe, flatterte um seinen Kopf, schrie und schlug mit den Flügeln, stieß herab und hackte ihm ein Auge aus. Aufschnaubte der Wolf, sprang in großen Sätzen umher und schleuderte sein heißes Blut auf den Erdboden – und auf jeden der drei Kloße fiel ein Tropfen. Gottvater sah das nicht; sinnend stand er da, und vor ihm wuchsen drei Jünglinge empor. Gottvater segnete sie, wandte sich, bemerkte den Schaden und fuhr dem heulenden Tiere mit der Hand über die Wunde, heilte das ausgelaufene Auge und hob sich in die Wolken. – Die drei Jünglinge aber machten sich auf, stiegen vom Gebirge herab und traten unter das Dach des einzigen Mannes, der übergeblieben war aus dem großen Sterben. Der nahm sie auf und bewirtete sie. Nach dem Mahle aber heischten sie seine Töchter zur Ehe. Und der Alte gab sie ihnen, und einem jeden diente sein Weib. Am Morgen des neunten Tages aber fand man die drei Jünglinge tot auf ihren Lagerstätten. Da klagten die Weiber, begruben sie und häuften Hügel über ihren Leibern. – Als die Zeit um war, gebaren sie ihrem Vater Enkelsöhne: die älteste brachte Drillinge zur Welt, die zweite Zwillinge, die jüngste nur einen Knaben. Und die Drillinge wuchsen heran, langarmig, großhändig, krummnackig. Die Zwillinge wurden starkknochig, breitschulterig, steifnackig. Der Jüngsten Sohn aber wuchs und ward ein Jüngling, schlank und hochgebaut, stahlsehnig und stolznackig, goldgelbes Haar wallte um sein Haupt, blaue Augen blitzten unter seiner mächtigen Stirne hervor, ein Meister ward er im Waffenhandwerke, er allein verstand es, die wilden Rosse zu bändigen. Und sein Großvater nannte ihn Edeling, und seine Vettern, die Bauern, waren ihm untertan, und die anderen, die Knechte, gehorchten den beiden. Bauern und Knechte bestellten das Land, Edelings Kraft und Klugheit aber schirmte Bauern und Knechte. – Und als sie zu ihren Jahren kamen, holten sie sich Weiber aus fremden Ländern und begründeten das Volk. – Siehe, so sind aus drei Schwestern die Herren, die Bauern und die Knechte entsprossen und von ihnen her versippet für immer. Von ihren Vätern aber tragen die einen das Blut aus dem Haupte Gottvaters, die andern das Blut aus seiner Brust, und wieder die andern das Blut aus seiner Fußsohle in sich – nahe verwandt und dennoch stark verschieden untereinander. Aber in allen Dreien, in Herren, Bauern und Knechten, ist auch noch ein Tropfen von dem bösen Wolfsblute vorhanden – – das können wir täglich an uns und andern erfahren. – Herren, Bauern und Knechte werden gute Wege gehen, wenn sie nebeneinander leben; wehe aber der Zeit, wo all ihr Blut zusammenfließt in eine böse Mischung! Und es will mich dünken, als ob wir in solcher Zeit lebten.«

»Und doch singt Herr Walter von der Vogelweide

In gleicher Weise wachsen wir:
Wer könnte noch den Herrn vom Knechte unterscheiden,
Wenn beide ihren Leib entkleiden!«

sagte Zawisch nachdenklich. »Wer hat also recht, die alte Geschichte oder Herr Walter?«

»Herr Walter irrt,« sagte der Greis und bohrte Löchlein in den Pfeilschaft. »Die Leiber sind verschieden, und das Blut ist verschieden, ist ja doch auch das Denken verschieden!« – – »Siehe,« fuhr er fort, »an all dem Wirrsal ist die Abenteuerei schuld. Zu was Ende haben unsere Väter und Vorväter immer müssen über das Meer fahren in die fremde Heidenschaft? Zu was Ende, frage ich!«

»Hat nicht die Heidenschaft das Grab unseres Herrn und Heilands verunehret?« warf Zawisch ein.

»Ja, so hat's geheißen, und so heißt es heute noch, Zawisch. Ich aber sage: der schweifende Sinn und die Herrschgier und vieles andere vorher, und ganz zuletzt erst die Liebe zum Christ hat die Tausende und aber Tausende übers Meer getrieben. Und wer überhaupt noch heimgekommen ist von ihnen, der hat allermeist Hab und Gut verdorben und verstreuet gefunden. Und so ist's, Zawisch, wie ich sage: damals haben sich an die Stelle der Herren die Knechte gesetzt, und daraus hat das Wirrsal seinen Anfang genommen. Knecht aber bleibt Knecht. Da ist kein Unterschied, mag er im Eisenkleide reiten und höfisch einherstolzieren, oder mag er hinter seinem Pfluge stapfen und die Geißel schwingen. Heißen sich edle Dienstherren, heißen sich Landherren – und ihre Väter oder Vorväter haben noch müssen fragen, wenn sie die Magd ihres Herrn zum Weibe nehmen wollten. Waren just eben noch Eigenleute, schlecht und recht – dünken sich jetzt Herren zu sein, und hinter ihnen reiten Gaishirten und Landfahrer und tragen den Schild des Knechtes als Eigenleute und tragen des Knechtes Waffen. Weiß Gott, hie wird das Lied zum Spott. Heute mein, morgen dein, so teilet man die Hufen. Und wieder heißt's im Sprichworte: Von der Bank auf den Schemel gestiegen. – Und es ist wahr, Herrenkinder müssen Knechte werden. Böse Zeit! ? – Und neben Herren und Bauern und Knechten tragen jetzt noch andere ihre Köpfe hoch allenthalben, dünken sich besser zu sein als alle Kreatur, und weiß doch niemand, was sie in Wahrheit sind, Herren oder Bauern oder Knechte: die Burger in den Städten meine ich, die da Handwerk treiben, auf Handelschaft ausgehen, Äcker besitzen und sich verdeckte Rosse halten, von jedem etwas geborgt haben und, wenn man's näher betrachtet, nichts von allem ganz und recht sind. Darum sage ich, es ist böse Zeit auf Erden und wird noch immer böser werden, und die alte Zeit, wo's gut zu leben war, ist vorüber.«

* * *

»Warum haben denn die Menschen allein so arge Unordnung?« fuhr er heftig fort, stand auf und warf einen starken Klotz in den Kamin. »Warum, frage ich! Schau doch die Vögel an draußen auf den Bergen, im Walde, auf der Heide! Was ein Adler ist von seinem Alten her, das bleibt ein Adler, muß sich nimmer verändern und zum Krähenvogel werden sein Lebtag. Herrenkinder aber werden aus ihren Nestern geworfen, müssen sich die Schwingen stutzen lassen, müssen unterkriechen bei Fremden. – Böse Zeit, böse Zeit!« – – »Wohl dem,« fuhr er freundlich fort und strich den Bart, »wohl dem, der sich zu Falken hat gesellen dürfen im Elende. Das will ich Herrn Witigo, deinem Urahn, wenn ich mich zum Sterben lege, noch danken. – Zawisch – höre! Zawisch, ich will dir eine Geschichte erzählen:

»Weit von hier, dort, wo kahle, starre Berge mit eisigen Spitzen und Hörnern aus den grünen Tälern emporragen, Berge, weißt du, Berge, denen der Wald nur an den Gürtel reicht, lebte zu Kaiser Rotbarts und zu Kaiser Heinrichs Zeiten ein edler Herr, der hatte Land und Leute, der hatte zwei feste Burgen und besaß ein Weib und einen kleinen Sohn – einen Sohn, so alt wie jetzt dein Wok ist, Zawisch. Und es trieb diesen Herrn, daß er sich das Kreuz auf den Mantel heften ließ, Abschied nahm von Weib und Kind und mit Mannen und Knechten hinzog zwischen den Bergen, zum Meere hinabritt und mit den Venediger Schiffen ins heilige Land fuhr. Was es aber war, das ihn aus dem Frieden trieb in die weite Welt, Sehnsucht oder schweifender Sinn oder Sündenlast, ob's reine Fahrt, ob's unreine Fahrt gewesen ist, das weiß ich nicht. Und es erging ihm böse auf dem heißen Sande. Ich glaube, kein einzigesmal zückte er das Schwert hinter Akkers. Krankheit und Not rannten ihn an, und er unterlag in diesem Kampfe. – Zwei Jahre waren verronnen, und als ein siecher, hohlwangiger, verlassener Mann kam der starke Held zurück übers Meer, als ein müder Landfahrer wanderte er aus Welschland herauf, von Tal zu Tal, besaß nichts mehr, als die zerrissenen Kleider auf seinem Leibe; er hätte müssen betteln, wenn er nicht hätte singen können. Und also sang er aus seinem Herzeleide, wanderte und sang und ersang sich sein Brot. Wo er aber auf den Burgen seinen Namen nannte, da lachten Herren und Knechte über den Landfahrer und sagten: ›Die heiße Sonne hinter Akkers hat ihm den Verstand versengt!‹ Aber seine Lieder hörten sie gerne. Unfrohe Lieder, Kreuzfahrerlieder, Lieder, wie Quellen, die zuweilen mitten im Wüstensande kommen und murmeln – und murmeln. – – – Es geht mir eines von seinen Liedern vor allen andern durch den Sinn, Knabe, und das will ich dir gerade heute singen, in der ersten Nacht des neuen Jahres.«

Der Greis erhob sich, nahm die Laute von der Wand, griff leise in ihre Saiten und sang mit gedämpfter Stimme:

In meinen frohen Tagen
Hab' ich mit Lust getragen
Das Kreuz auf meinem Kleide;
Ganz äußerlich mit Zieren,
Mit sündigem Stolzieren
Auf meinem Kleide
Von Samt und Seide,
Kreuzfahrer ich!

Jetzund in bösen Tagen
Muß ich's im Herzen tragen,
Zerrissen ist das Kleide;
Von außen drang nach innen
Mit bittersüßer Minnen
Das Kreuz vom Kleide
In schwerem Leide
Kreuzfahrer mir.

Wann es mich mehr beglückte,
Wo es mich besser schmückte
Das wundersame Zeichen?
Als es die Leute sahen –
Da nachmals ich empfahen
Das wundersame Zeichen
Ohn' alles Gleichen,
Kreuzfahrer ich?

In allen meinen Tagen
Will ich mit Freuden tragen
Das Kreuz und seine Schmerzen;
Will wandern und will schweigen,
Will mich in Starkmut neigen,
Und will mir nicht verscherzen
Das Glück in meinem Herzen –
Kreuzfahrer ich!

»So sang er und so wanderte er und kam näher und näher der Heimat. – – – Zu Hause aber – zu Hause – –« Pilgram stockte – – »sein Weib war fortgegangen, und sein Söhnlein wohnte bei einer alten Magd. Und als er eine kurze Weile in der öden Burg gehaust hatte, da kam der andere, sein Feind, mit Reisigen, überzog ihn mit Krieg, berannte seine Feste, brannte sie aus, nahm ihm auch noch sein Land und seine Leute – und der Kreuzfahrer mußte weiterziehen mit seinem Kinde.– – – Über Berg und Tal zog er fort, weit, weit fort, zu Menschen, die nichts wußten von ihm und seinem Unglücke. Dort kaufte er sich um geringen Schmuck, Gold- und Silberspangen, eine Hube und lebte einsam und verlassen als Bauer. Lange Jahre. Er plagte sich von der Frühe bis zum Abend, und von der Frühe bis zum Abend ließ er das Kind nicht von seiner Seite. Wenn er pflügte, saß es am Raine und schaute ihm zu und klatschte in die Händlein, so oft er heranstapfte in der langen Furche, sah ihm traurig nach, wenn er sich wieder entfernte. Eine unsagbare Liebe zum Vater wuchs in dem Knäblein empor, eine Liebe, die hernachmals dem grau gewordenen Manne noch oft in der Erinnerung das Wasser in die Augen trieb. Warum war die Liebe gar so stark? Fühlte der Knabe, daß er des Vaters einziger Trost sei? Kann sein. – – – Am liebsten war's ihm, wenn der Vater sang, und alle seine Lieder lernte er, bevor ihm ihr Sinn klar wurde. Eines aber sang der Vater niemals vor seinem Kinde: er sang's am liebsten in der Nacht, wenn alles schlief. Und gerade diese Weise hörte der Knabe für sein Leben gerne und lauschte auf seinem Lager, so oft es im Garten oder in der Stube erklang:

Hast du ein schweres Leid,
Geh hin und sarg es ein
Und trag's mit Heimlichkeit
Bei dir allein;

Trag's durch den hellen Tag
Fein klagelos und still
Und frag du nie – warum?
Sag nur – Gott will!

Doch in der dunkeln Nacht
Erschließ den Schrein
Und laß die Sterne funkeln
Bis auf den Grund hinein
!

»Abwärts gingen die Wege des Kreuzfahrers, unaufhaltsam abwärts. – Abwärts? – Wer weiß es? – ? Die Herren des Landes kriegten untereinander, und ihre Rosse zertraten auch ihm die Felder, und wie einst die Burg, so ging jetzt sein Häuslein in Flammen auf. ? – Wiederum war seines Bleibens nicht; wiederum nahm er den Stab – jetzt war's der Bettelstab – und zog landaus, landein mit seinem Sohne. Der war herangewachsen, war so alt, wie heute dein Witigo, war schlank und blond. – So zogen sie; der Alte sang, der Junge hielt den Leuten die Haube hin. Aber nicht immer bekamen sie Brotes genug – oft, oft schrieen die Ritter oder die Bauern: ›Daß dich der Teufel hole mit deinen traurigen Liedern – sing zum Tanze, Landfahrer!‹ Aber je weiter dieser zog, desto mehr vergaß er, was ihm von alten, frohen Weisen geblieben war – und oft sang er ein frohes, altes Lied in unfrohem Tone. – – Die Not ging neben den zweien her, landaus, landein. – – Und gar bald – ach, du sollst alles hören. Im Lenze war's, da wanderten die beiden auf der Straße, die von Nürnberg gen Prag läuft. Im Lenze war's, und das Land, durch das sie zogen, war der Nordgau benannt. Hintereinander gingen die beiden fürbaß, voran der alte Mann mit schweren Schritten, gebeugt, wegmüde am Stabe, hinter ihm der Knabe; der trug die Tasche auf dem Rücken, aber die Tasche war leer. Mühsam ging auch der Knabe; denn seine Füße waren wund. – Linde Lüste zogen über die grünen Felder, aus allen Hecken brachen die Blätter, am Hage blühten die goldenen Schlüsselblumen und die weißen Sternblumen, und durch die Wiesen liefen die Bäche hernieder von den dunkeln Waldbergen und glitzerten – – und den Knaben brannte der Hunger in all der Frühlingspracht. – – So zogen sie fürbaß, wanderten und schwiegen. – – – Vor der Seele des Knaben aber stand ein Bild, licht und hold wie ein Traum. Und wenn er zusammensinken wollte am Raine, murmelte er immer wieder die Worte des Vaters: ›Warte nur, mein Sohn, bald sind wir in Prag; Prag ist eine große Stadt mit tausend Häusern. In Prag hat alles ein Ende; denn da wohnt der König, und wir gehen zum Könige. Warte nur und sei geduldig!‹ – Er wußte nicht, wie sich die Not werde enden in Prag, er wußte nicht, warum der Vater so zuversichtlich zum Könige wanderte, aber immer wieder, immer wieder murmelte er, wenn die spitzen Steine stachen: ›Warte nur, sei geduldig, bald sind wir beim König in Prag!‹ – – – Gegen Abend kamen sie in ein großes Dorf. Vor dem Herrenhause, unter der Linde, tanzte das Volk. Auf einem Steine am Wege saß einer, der geigte; er war ein Landfahrer, wie die beiden, und sang den Hoppaldei zum Geigenspiele. – ? Stille wollte der Alte vorüberschleichen, da zupfte ihn der Knabe am Kleide: ›Vater, mich hungert!‹ Traurig wandte sich der Kreuzfahrer und sah seinem Kinde in die Augen. ›Noch ein Stündlein nur müßte es ins Stift sein. Ich möchte bei den Mönchen nächtigen, Kind, die Mönche sind freundlicher als die andern Menschen.‹ – ›Vater, nur einen Bissen Brot!‹ – Langsam schritt der Vater durch die frohen Menschen hin und trat unter die Linde. Dort saß der Herr mit rotem Angesichte und schaute dem Tanze zu. Vor ihm auf dem Steintische stand ein Krug, daneben lag der Brotlaib. – Der Landfahrer zog die Kappe und bat: ›Herr, gebet um Gottes Barmherzigkeit willen meinem Kinde ein Stücklein Brot!‹ Der Herr stand auf, faßte den Bettler scharf ins Auge und fragte: ›Was bist du denn?‹ Und dabei stieß er mit dem Finger an die Laute, die der Alte im grauen Säcklein auf dem Rücken trug. ›Ein landfahrender Sänger,‹ antwortete er. Da rief der Herr, daß es dröhnte, in das tanzende Volk hinein: ›Hallo, zum Geiger will sich ein Sänger gesellen! Heraus mit deiner Laute!‹ Dem hungrigen Kinde aber reichte er ein großes Stück Brot. – ›Verzeihet, zum Tanzen kann ich nicht singen, kann nicht, so gern ich's täte.‹ – ›Kannst nicht? Magst nicht!‹ sagte der Herr und klopfte ihn auf die Schulter. – ›Kann gewiß nicht; der da drüben auf dem Steine kann den Hoppaldei viel besser singen.‹ – In dichtem Kreise standen die Dorfleute um den alten Mann und um den Knaben her; ihre Gesichter glühten vom Tanze. ›Sing, Alter, soll dein Schaden nicht sein!‹ rief der Herr. ›Sing, was du kannst!‹ – – Da warf der Kreuzfahrer einen Blick auf seinen Knaben, sah, wie der sich erlabte am Brote, und wischte den Schweiß von seiner Stirne. – ›Ist's euch nicht gut genug, was ich euch geige und singe, just schon den ganzen Nachmittag?‹ rief nun der Geiger von seinem Steine hernieder, fuchtelte mit dem Bogen durch die Luft und machte ein bitterböses Gesicht. ›Gebt mir meinen Lohn!‹ – ›Schweig,‹ schrie der Herr, ›jetzt singt der da, hernach wieder du, Geiger!‹ – ›Singe, singe!‹ riefen die Leute und drängten sich näher heran. ? – Da ging der alte Mann an die Linde, stieg auf die Steinbank, lehnte sich an den Stamm, fuhr über die Saiten, daß sie tönten, als ob der Frühlingswind selber darüber zöge, atmete tief auf und begann zu singen –«

Und Pilgram nahm die Laute und sang:

Sehnsuchtsvoll im Winde
Mit zerriß'ner Rinde
Steht und träumt den Frühlingstraum
Unser alter Lindenbaum –
Unser alter Lindenbaum
Steht und träumt den Frühlingstraum
Sehnsuchtsvoll im Winde
Mit zerriß'ner Rinde.

Traurig blieb ich stehen.
›Um dich ist's geschehen!‹
Sprach mit bittern Schmerzen
Ich zu meinem Herzen –
Ich zu meinem Herzen
Sprach mit bittern Schmerzen:
›Um dich ist's geschehen!‹
Und blieb traurig stehen.

Doch es war gelogen:
Lenz kam hergezogen,
Kam und trieb die alte Kraft
In den alten Lindenschaft –
In den alten Lindenschaft
Trieb der Lenz die alte Kraft:
Als er kam gezogen
Hatte ich gelogen.

Und so steht im Winde
Mit zerriß'ner Rinde,
Steht und träumt den Frühlingstraum
Unser alter Lindenbaum –
Unser alter Lindenbaum
Steht und träumt den Frühlingstraum
Sehnsuchtsvoll im Winde
Mit zerriß'ner Rinde.

An den dunkeln Zweigen
Tun sich Blättlein zeigen,
Lichtgoldgrüne Schleierlin
Um die alte Linde zieh'n –
Um die alte Linde zieh'n
Lichtgoldgrüne Schleierlin,
An den dunkeln Zweigen
Tun sich Blättlein zeigen.

Könnte gleich der Linde
Dort im Frühlingswinde
Doch mein bös zerrissen Herz
Wieder grünen allerwärts –
Wieder grünen allerwärts
Doch mein bös zerrissen Herz – –
Und im Frühlingswinde
Stünd' ich gleich der Linde!

»Ich weiß nicht,« fuhr Pilgram fort, »ich weiß nicht, ob die unter dem Lindenbaume das alles so verstanden haben – aber die Töne, die von der Laute erklangen, die waren so wundersam – – so wundersam, man hätte mögen mit den Vöglein fliegen und mit den Wolken ziehen und mit den Wassern laufen und mit den Lüften brausen. Sogar der wegmüde Knabe stand, vergaß das Essen, lauschte und konnte die Augen nicht wenden von seinem weißhaarigen Vater, der dort am Lindenbaume lehnte und mit weitgeöffneten Augen hineinsah in den seltsamen blutroten Abendhimmel über dem schwarzen Walde. –

»Und so stand er und sang eines nach dem andern von seinen süßesten Liedern, daß sie dem Knaben zeitlebens zu tiefst im Herzen klangen, und atemlos lauschten sie alle ringsumher, die sich vor kurzem noch im wilden Tanze geschwungen hatten, und konnten sich nicht satt hören und hören.

* * *

»Die Sonne war untergegangen, da zogen die beiden fort aus dem Dorfe. Der Knabe hatte feste Schuhe an, die Tasche auf seinem Rücken war gefüllt, und in dem Beutel des Alten klirrte es wieder seit langer Zeit. Warum doch zog er noch am Abend fort? – In Ruhe lag das Dorf hinter ihnen, keiner hatte mehr tanzen wollen unter der Linde, stille waren sie alle auseinandergegangen. – – – «

Pilgram erhob sich und begann hin und her zu wandern in der engen Stube.

Dann sagte er, fast mehr zu sich selber als zu dem Knaben, der ihm unablässig mit den Augen folgte:

»Als aber der Morgen graute, da lag der Kreuzfahrer erschlagen im Walde neben der Heerstraße. Und bei ihm lag sein Knabe, mit blutiger Stirne, ganz von Sinnen. Mag sein, daß er dem Vater hatte helfen wollen, als ihn der starke Geiger mit dem Feldsteine niederschlug. – Und als der Knabe aufwachte, da beugte sich ein fremdes Antlitz über ihn, glänzende, freundliche Augen, und als er sich emporrichtete, da sah er Rosse und Reisige ringsumher, seinen Vater aber sah er zu Anfang nicht, den hatten sie mit Zweigen bedeckt. –«

Pilgram schritt an die Truhe in der Ecke des Gemaches, hob den schweren Deckel, griff in die Tiefe, kam zurück an den Tisch und legte vor Zawisch einen goldenen Armreif nieder.

Der Knabe nahm ihn und sah ein tiefeingegrabenes Wappen.

» Ihr seid's gewesen!« fuhr er in die Höhe. Pilgram nahm das Haupt des Zawisch zwischen die Hände, küßte die blonden Locken und sagte leise: »Siehe, den Reif hat man bei dem erschlagenen Kreuzfahrer gefunden, hoch droben am Arme hat er ihn getragen unter seinen Lumpen.« –

Und langsam trug er das Kleinod zurück in die Truhe, schloß ihren Deckel und vollendete seine Erzählung:

»Gott segne das Geschlecht des Herrn Witigo, der da war der Großvater des Herrn Budiwoj von der Krummenau! Denn er ist's gewesen, der den Sohn des Kreuzfahrers aufgehoben hat von der Heerstraße.«

* * *

Der Knabe saß am Tische. Seine Linke lag auf der weißen Platte, die Rechte hing schlaff herab; seine Augen starrten in die Dunkelheit.

»Zawisch,« begann der Greis aufs neue, »ich bin ein alter, verlebter Mann. Wer weiß, an welchem Morgen sie mich einmal ganz fest eingeschlafen finden? Das kann alles kommen über Nacht. Ich muß dich um etwas bitten!«

»Was kann denn ich Euch geben?« fragte Zawisch und sah dem Alten ins Antlitz.

»Jetzt nichts,« sagte der Alte; »aber wenn du einst als ein großer, starker Herr hinausreitest, dann denke an mich, gib meinem Burkhard ein Roß und laß ihn bei dir reiten mit meinem Schwerte!« – »Zawisch,« fuhr der Alte fort und griff mit beiden Händen nach den Händen des Herrensohnes, »du wirst es nie bereuen; es steckt eine gute Art in meinem Enkelsohne. Zawisch, ich habe ihm das Beste eingepflanzt, was ein Edeling mit dem nackten Leben retten kann vom Vatergute – die Treue. Zawisch, willst du mir's geloben, dann fahre ich einst ruhig von hinnen, sei's bald, sei's später, und auch du, mein Zawisch, wirst gut durchs Leben reisen mit einem Manne, wie einst mein blauäugiger Burkhard einer werden wird. Zawisch, willst du mir's versprechen?«

Schweigend nickte der Herrensohn, dann sagte er langsam und fest: »Ja, ich versprech' es.«

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