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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Freunde in der Not

Ein Monat war vergangen.

In der sengenden Hitze des Mittags trabte Herr Witigo mit geringem Gefolge durch die Gassen der Krummenau und ritt zur Burg empor. Er und seine Mannen waren gewappnet, als kämen sie aus der Schlacht; denn es war Krieg im Lande zwischen dem Könige und den Witigonen.

Im Burghofe grünte die Linde wie ehedem – und sie hatte sich mächtig ausgewachsen, seit Jung-Zawisch die Streitaxt aus dem Häuslein des Turmwarts genommen, seit er sich im wilden Kampfspiele auf die Kniee geworfen und mit den gefesselten Händen seinem Bruder Witigo das Zeichen zum Weiterkämpfen gegeben hatte, seit Hubald, der Krämer, zum erstenmal durch ihren Schatten geschritten und der Herrensohn im Trotze an ihrem Stamme gesessen war.

Aber das Bild der Burg war anders als damals; denn es war Krieg im Lande zwischen dem Könige und den Witigonen. Feldschmieden standen da und dort in den Vorhöfen und Höfen, rußige Männer hämmerten an Schwertern und Helmen, die Funken stoben, der Rauch qualmte; hier beschlugen sie ein Roß, dort befiederten sie Pfeile, da gossen sie Bleikugeln für ihre Schleudern; an den Mauern lehnten Wurfspeere mit frischblinkenden Spitzen, Kriegsensen und Piken; unter der Linde schärften sie kurze Schwerter.

* * *

In der kleinen Kemenate, die einst Frau Berchta bewohnt hatte, saßen die Brüder Witigo und Wok.

»Das sind fürchterliche Nachrichten,« sagte Wok und schaute finster vor sich hin.

Witigo trocknete die erhitzte Stirne, zuckte mit den Achseln und machte ein verächtliches Gesicht: »Mich wundert gar nichts mehr, Bruder. – Doch zunächst eine Frage – seit wann ist Alheit mit den Kindern fort?«

»Seit sechs Tagen,« antwortete Wok und seufzte. »Auf deinen Rat, Witigo!«

»Ruhig und gelassen und tapfer wie immer?« forschte Witigo.

Wok nickte.

»Ich sehe sie vor mir, deine prächtige Alheit, ich sehe sie vor mir, Wok. – Danke Gott, daß deine Lieben aus dem Lande sind – es wird ein Kämpfen auf Leben und Tod!«

»Gott geleite sie auf ihrer weiten Fahrt!« kam's von den Lippen des andern.

»Das wird er tun!« sagte Witigo. »Jetzt noch eine gute Nachricht aus Ungarn – des Zawisch Weib und Kind müssen ja längst geborgen sein! – und ich ziehe mit Ruhe in den Kampf.«

»Wie du so gelassen reden kannst, als kämst du mit den besten Nachrichten – ich verstehe dich heute ganz und gar nicht!« brach nun Herr Wok los.

Herr Witigo erhob sich und lachte hart auf: »Haben wir denn Verwunderliches oder Unerhörtes erfahren? Ich denke nicht! Aber so ist das Menschenkind – es bleibt ein Kind, bis es weiße Haare bekommt. Sind wir die ersten, die durch diese Welt laufen? Ich denke nicht! Zahllose Geschlechter haben gelebt, haben gekämpft, haben gelitten und sind dahingesunken, ehe unsere Mutter mit uns schwanger ging. In goldenen Schalen wird uns Spätgeborenen dargereicht von Jugend auf, was die vergangenen Geschlechter an Weisheit gesogen haben aus der giftigen Blume des Lebens. Wir kennen diese Sprüche, wir tändeln mit ihnen, solang es uns gut geht, sorglos, verschwenderisch – und werden sie dann auf einmal wahr an unsern eigenen Leibern, dann können wir's nicht fassen. Siehe, da liegt's mein Bruder Wok.«

»Es bleibt immer ein unsagbar elendes Ding, wenn man sich geirrt hat in einem Freunde,« seufzte Wok.

»Und es steht geschrieben: ›Verlaßt euch nicht auf Menschen!‹« antwortete Witigo.

»Wem verdanken sie mehr als dem Zawisch?« grollte Wok.

»Zehn Aussätzige heilte der Herr, einer von ihnen kehrte um und dankte ihm. Wenn das der Heilige erfahren mußte, was wäre dann für uns Kreaturen zu hart, Wok?«

Einen verwunderten Blick warf Wok auf den Bruder, »So habe ich dich nicht oft sprechen hören.«

Herr Witigo lachte und rief: »Alles an seinem Orte, heilige Verse und Schwerthiebe! Bei unsern Blutsfreunden habe ich andere Lieder gesungen, mein Bruder Wok; von Burg zu Burg bin ich gezogen, und wo ich verschlossene Türen fand, da trat ich sie ein.«

»Und die Satzungen gebieten doch mit klaren Worten: Alle für einen, dem Unrecht geschieht!« rief Wok.

»Dem Unrecht geschieht!« wiederholte Witigo mit eisigem Lächeln.

»Wie?« fuhr Wok auf. »Höre ich recht? Sie könnten an eine Schuld des Zawisch glauben?«

»Guter Wok, du kennst die Menschen nicht.«

»Sie wagen's?« rief Wok, und sein Antlitz flammte. »Es ist also nicht Schlaffheit, nicht Menschenfurcht, nicht Feigheit? Sie wagen, ihr Unrecht mit dem Mäntelein des Rechtes zu verhüllen?«

»Wer – sie? Unsere Blutsfreunde – alle bis auf die fünf Getreuen, die ich genannt habe. Von unsern andern Waffenfreunden viele – – und doch nicht so viele wie von jenen.«

»Ich kann's nicht fassen!« sagte Wok.

»Kannst nicht? – Mußt!« antwortete Witigo und lachte grimmig. »Siehe, schon David klagt: ›Ich bin fremd geworden meinen Brüdern, und meiner Mutter Kinder kennen mich nicht mehr.‹ – Die Blutsfreunde verlassen uns in der Not immer zuerst.«

»Warum?« rief Wok, und Tränen stürzten aus seinen Augen.

»Warum?« sagte Witigo. »Was weiß ich? Wird wohl ein Geheimnis der Natur sein.«

»Und wessen Schild wäre fleckenloser als unseres Bruders Schild?« klagte Wok.

»Ist er das, Wok?« rief Witigo heftig. »Straßenkot kann jeder Bube an jede Mauer werfen und an jeden Schild – je weißer die Mauer, je blanker der Schild, desto angenehmer und erfolgreicher die Arbeit. – Weißt du, wessen der Zawisch angeklagt ist?«

»Du weißt's?« rief Wok mit aufgerissenen Augen.

»Der Ketzer Zawisch habe den König vergiften wollen!«

Wok stand sprachlos. Dann rang es sich von seinen Lippen: »Und es gibt einen Menschen, einen einzigen Menschen in Böhmen, der solches glaubt?«

»O warum nicht?« sagte Witigo. »Sein Schild war blank, daß sich die Sonne darin spiegelte – da warfen sie aus dem Hinterhalte den Schmutz. Er sah es nicht und schritt weiter auf seiner Bahn, und nur heimlich flüsterten sie da und dort, aber keiner trat offen heraus. Da geschah es, daß der Held gestürzt wurde, und wie die krächzenden Raben kamen seine Feinde über ihn und schrieen: ›Schaut nur den schmutzigen Schild!‹ – Die Menge aber glaubte solches – weil sie alles Böse lieber glaubt als das Gute. – – – Und des Mannes Freunde? Eia, wo waren sie denn? Wer kam zu uns, als wir Boten reiten ließen und aller Welt zu wissen taten ›Der Zawisch ist gefangen‹ –? Etliche wenige. – – Und die andern? Jetzt heran, die ihr euch habt Freunde nennen lassen in guten Tagen! Jetzt ist's Zeit, jetzt liegt er da und blutet – jetzt kommt und fraget nach seinen Wunden und handelt liebreich an ihm – – jetzt ziehet die Wehre und hauet ihn heraus! – – Hast du sie gesehen? Da kam einer, dort kam einer, stellte sich in der Ferne auf, äugte herüber, schüttelte den Kopf und ging seines Weges. – – Die meisten aber blieben in ihren Löchern, raunten zusammen, horchten auf den Wind, der da bläst, niemand weiß, woher, und sagten: ›Muß am Ende doch eine faule Geschichte sein! Hätten's dem Zawisch zwar niemals zugetraut, aber jetzt wird's offenbar – wer kann die Menschen durchschauen? So hätte er handeln sollen, nein, so hätte er sich halten sollen, nein, so – – sicherlich anders als er sich gehalten hat – – – wenn wir auch nicht ganz genau wissen, wie es zugegangen ist.‹ Und sie blieben an ihrem Orte und bekümmerten sich um das Ihrige. – Kennst du die Art der Regenwürmer? Wenn die Hitze auf dem Lande liegt und der Staub wirbelt auf den Straßen, dann kriechen sie tief hinab in's Kühle, freuen sich und sprechen: ›Wir danken dir, Gott, daß wir nicht dort sein müssen, wo es trocken ist und sehr dürre!‹ Kommt aber ein linder Regen und löscht die Glut, dann heben sie die Köpfe, kriechen hervor aus ihren Gängen und winden sich herzu und sprechen: ›Hier ist's gut sein!‹ – – Wok, ich sage mit Freidank:

›Gar mancher Mann viel Freunde hat,
Derweil sein Ding recht eben gaht;
Doch kommen die Beschwerden,
Dann hat er wenig Notgefährten.
Weiß niemand, wie's um seine Freunde steht,
Als wenn es ihm an Leib und Ehre geht.‹«

»Es ist wahr,« antwortete Herr Wok und schaute mit finsterm Angesichte zur Diele. »Und dennoch will ich die Menschen nimmer und nimmer verachten; denn das geziemt mir nicht. Ich denke an ein Wort unseres unglücklichen Bruders: ›Hundert- und hundertmal habe ich mich getäuscht in den Menschen, und hundert- und hundertmal will ich wieder vertrauen!‹ – Und so sage ich: ›Auf dich, Herr, bin ich geworfen von Mutterleibe an‹, freue mich zwiefach der guten Freunde, die mir in diesem Feuer geblieben sind, und sage Freidanks andern Spruch:

›Gar oft ist mir da Lieb's geschehen,
Wo ich der Lieb' mich nicht versehen.‹«

»So lautet der halbe Spruch, mein Bruder,« sagte
Witigo. »Die andere Hälfte ist nicht minder wahr:

›Und manchem auch da Leid geschieht,
Wo Leides er sich nicht versieht.‹

Viertausend könnten wir auf die Beine bringen, wenn alle treu geblieben wären, fünfunddreißig Burgen trotzten dem wortbrüchigen Könige. So aber stehen uns knapp tausend Reiter zu Gebote, und nur zehn Burgen ziehen ihre Brücken auf. – Bruder, gib mir deine Hand, – – wir werfen uns in den Kampf und tun unsern Feinden Abbruch an allen Enden! Und es ist ein Ding, wie wir den Zawisch befreien – du gehst vorwärts mit dem Glauben im Herzen, ich mit der Verachtung – – wenn er nur frei wird durch unsere Schwerter!«

»Und wenn wir untergehen?« rief Wok und schlang die Arme um den Bruder.

»Und wenn wir untergehen, dann gehen wir unter in Gottes Namen!« sagte Herr Witigo und preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.

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