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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Im Königfrieden

In den Gassen Prags drängte sich das geputzte Volk. Aus den Fenstern hingen bunte Teppiche, zwischen den Häuserreihen schwankten Laubgewinde in der Morgenluft, Laub und Blumen lagen auf den Wegen. Die Glocken läuteten, vor dem Hause des seligen Marquart Tausendmark standen Räucherpfannen, und in Wolken stieg der Wohlgeruch aus ihnen empor. Herr Zawisch war eingeritten in Prag.

Droben in der alten Stube saßen die Söhne des Herrn Budiwoj.

»Es ist mir enge, es schnürt mir die Brust zusammen,« sagte Witigo und schritt in das Fenster. »Wärest du nur wieder zurück aus der Burg, Zawisch!«

»Es ist dir immer enge in Prag, und immer sagst du, die hohen Häuser bedrückten deinen Mut,« antwortete Zawisch und führte den Becher an die Lippen. »Dabei bist du gewappnet, als wolltest du zur Stunde mit Wok den Hradschin berennen.«

»Es ist nicht die Stadt, die mich beengt,« sagte Witigo und starrte hinunter auf das Gewühle; »hat sie sich doch geschmückt für deinen Einzug bis an die Dächer! Aber es ist ein Unglück im Anzuge, ich fühle ein Gewitter in allen meinen Gliedern, und dazu riecht das verwelkende Laub und Gras, als läge es auf einem Grabhügel.«

»Und was meinst du, Wok?« fragte Zawisch und lehnte sich zurück.

»Es droht dir eine Gefahr, Bruder; das ist auch mein fester Glaube,« antwortete Wok. »Und deshalb haben wir Brüder uns dieses gelobt: Weil es doch nicht angeht, ungeladen auf die Burg zu reiten, so bleibt der Harnasch an unsern Leibern, bis du wieder heil vom Könige zurückgekommen bist.«

»Es ist zum lachen!« rief Zawisch. »All die Tage her freue ich mich auf euere Gesichter, freue mich auf Prag, freue mich, daß ich den König mit neuen Banden geknüpft habe an mein Haus, an unsere Sippe; ich reite in die Stadt, das Volk jubelt, die Häuser sind geschmückt, die Geschworenen empfangen mich vor dem Tore – das hatte ich nicht erwartet – –«

»Das Volk hängt dir an von alten Zeiten her,« unterbrach ihn Witigo. »Aber was ist denn das Volk? Ein Kornfeld, über das die Winde gehen, eine Herde, trottend im Staube. Ich verachte das Volk. Du auch, Zawisch, du auch! – Und das Volk hätte zudem nicht daran gedacht, die Stadt zu schmücken – das ist ihm geheißen worden!«

»Ich hatte es nicht erwartet,« vollendete Zawisch seine Rede, »und ich hatte am allerwenigsten gedacht, euch mit finstern Gesichtern, gepanzert beinahe wie zur Schlacht zu finden.«

»Zawisch,« begann Witigo und trat vor den Bruder, »sag an, wie steht's um deine Irrungen mit dem Könige?«

»Die stehen auf dem alten Flecke,« lachte Zawisch. »Ich gebe den Schatz nicht heraus, und wenn sie mir den Kopf abschlagen, dann auch nicht. Die Königin hat ihn mir und meinem Haus verschrieben vor Pfaffen und Laien.«

»Das ist unzweifelhaft,« antwortete Witigo. »Aber wenn ich mit einem in Zwietracht liege, dann renne ich nicht in sein Haus.«

»Habe ich denn Irrungen mit Wenzel?« lachte Zawisch. »Der Knabe Wenzel kümmert sich um solche Händel nicht.«

»Andere um so mehr, Zawisch,« murrte Witigo.

»Andere!« sagte Zawisch und pfiff leise vor sich hin.

»Ich bin gewarnt worden,« begann jetzt Wok und zog einen Pergamentstreifen aus dem Gewände. »Die Tschechen sind an der Arbeit Tag und Nacht.«

»Gieb her!« rief Zawisch und las: »›Hütet euch vor dem Könige und vor der Königin, ihr Witigonen! Der Arm des römischen Königs ist lang. Herr Dietrich Spatzmann und Herr Spisla sind Freunde geworden. Es ist leicht, in die Höhle des Löwen zu rennen, und nicht leicht, daraus zu entkommen.‹«

»Des Löwen!« rief Zawisch und warf den Zettel auf den Tisch. »Spatzmann und Spisla Freunde – jetzt will man uns noch gegen die eigenen Blutsfreunde aufstacheln!«

»Ich habe diesem Spatzmann nie getraut,« sagte Witigo und trat in die Stube zurück. »Er ist ein verschlagener Mensch, der seinen Vorteil kennt«

»Du traust keinem,« rief Zawisch; »das ist die alte Geschichte.«

»Und fahre gut dabei,« antwortete Witigo. »Warum ist Spatzmann am Hofe geblieben, als wir beide gingen? Ich hätte das nicht vermocht!«

»Er hat mich gefragt, und ich selber habe ihm geraten, daß er bleibe,« antwortete Zawisch.

Witigo zuckte mit den Achseln. »Weißt du, daß der Neuhauser auf dem Hradschin ist, Zawisch?«

»Der Neuhauser?« fuhr Zawisch empor. »Wer hat ihn gesehen? Warum kommt er nicht zu meiner Begrüßung?«

»Ich habe ihn unbemerkt gesehen,« sagte Wok. »Er trägt einen langen Bart und ist gestern als Troßknecht durch die Stadt auf den Hradschin geritten.«

»Weißt du's gewiß?« forschte Zawisch.

»Ich habe ihn erkannt trotz der Dämmerung, trotz seinem Barte,« antwortete Wok.

»Du hast dich geirrt. Was könnte der Neuhauser wollen auf dem Hradschin?« sagte Zawisch.

»Wissen wir's?« fragte Witigo.

»Das eine ist eine Vermutung,« sagte Zawisch, »und das andere, das auf dem Zettel, ist eine Verleumdung. Ich lasse mir diese frohen Tage nicht verderben durch Vermutungen und nicht durch Verleumdungen. – Verleumdungen! Hätte ich sie alle aufbewahrt, die Zettel, die namenlosen, die mir stets vor wichtigen Entscheidungen zugesteckt wurden, einen Sack könnte ich füllen mit ihnen. – – Vermutungen – Täuschungen! Der Neuhauser sitzt auf Neuhaus. Ich habe ihn laden lassen zum Feste, und er hat mir durch einen Boten geantwortet, er könne nicht kommen, seine Frau sei krank. – Zuletzt müßte ich noch auf Träume achten!«

»Ich habe einen Traum gehabt, Bruder,« sagte Witigo.

» Deinen Traum?« rief Zawisch und lächelte.

» Meinen Traum,« sagte Witigo und zog die Brauen zusammen, »den Traum, der mich noch niemals betrogen hat: Ich stand im wilden Lande am wilden Wasser; ich setzte den Fuß auf die Brücke; die Gewässer im Strome stiegen und stiegen und flossen über die Brücke – und ich lief und trug das schwere Gewicht an den Füßen und mußte waten im Wasser, und das Wasser stieg mir bis an den Gürtel – –«

»Und mit Mühe kamst du über die Brücke, erwachtest und lagst im Schweiße,« fiel Zawisch ein.

»Ich bin diesmal nicht über die Brücke gekommen,« sagte Witigo; »die Wasser haben mich fortgerissen.«

»Hast du einen Traum gesehen, so habe ich ein Gesicht gehabt!« rief Zawisch lächelnd. »Es war am Abende vor meinem Aufbruche vom Fürstenberge. Ich stieg empor auf den Bergfried und hielt Ausschau nach dem Wetter. Hoch über mir leuchtete der volle Mond, und dunkelblau, klar, wolkenlos dehnte sich gegen Mitternacht das Firmament. Aber von Mittag her kam ein seltsames Wolkengebilde: es glich dem Flügel eines ungeheuern, schwarzen Vogels, griff langsam von den fernen Waldbergen her und schob seine Riesenfedern über meine Burg. Und es griff das Gebilde weiter und weiter und drängte sich zwischen den Mond und die Erde. Und der Mond verschwand auf kurze Zeit unter dem Flügel, dann brach sein Licht wieder durch, silbern und prächtig, er verschwand wieder und kam wieder, die Wolkenfedern glitzerten, und lautlos griff der entsetzliche Flügel weiter und weiter und legte sich über den größten Teil des Himmels.«

»Von Mittag her?« rief Witigo.

»Von Mittag her,« antwortete Zawisch.

»Und zu Wien hält König Rudolf Hof,« sagte Witigo. »Hüte dich, Bruder!«

»Ich stieg hernieder,« fuhr Zawisch fort, »ich dachte bei mir, es werde Sturm und böses Wetter kommen – ich täuschte mich: Am andern Morgen stand die Sonne klar und golden am blauen Firmaments, und so ist es hernach alle Tage gewesen. – Laß Träume Träume sein und Zeichen Zeichen, trink, Bruder Witigo, und freue dich mit mir! Ich fühle mich froh und frei – und ich reite zum König.«

Witigos Antlitz war finster, als er den Becher hob, und Wok sagte: »Tage wählen und achten auf das Geschrei der Vögel, ist uns verboten. Aber es geziemt sich nicht, zu lachen über seltsame Zeichen und zu spotten über einen bösen Traum; denn der Wege, auf denen die Warnungen zu uns kommen, gibt es zahllose.«

* * *

Die alte Stiege knarrte, das ewige Licht flackerte in seiner Ampel, die heilige Jungfrau lächelte wie sonst – Herr Zawisch kam im Prachtgewande herniedergegangen, und hinter ihm schritten seine Brüder.

An der untersten Stufe wandte sich Zawisch und rief: »Was bemühet ihr euch, Witigo, Wok? Ich bitte, bleibet doch!«

»Zawisch!« flüsterte Wok und drängte sich nahe an den Bruder. »Zawisch, könnten wir nicht doch hinter dir reiten unter den Knechten?«

Zawisch lachte: »Das möchte sich gut ausnehmen, ihr als meine Knechte hinter mir! Wok, das glaubst du selber nicht.«

»Ich möchte bei dir bleiben,« flüsterte Wok.

»Es geht nicht,« flüsterte Witigo finster. »Gieb dich, Wok, Zawisch hat recht! – Wollte Gott, wir hätten Burkhard noch!«

»Also – Gott zum Gruße, ihr Getreuen!« rief Herr Zawisch laut und ging rasch um die Ecke. »Zum Kuckuck!« murrte er und blieb stehen. »Warum muß ich auch so nahe an dieser Tonne vorüber, daß mir der Reifen da den Mantel zerreißt?«

»Der Schaden ist nicht groß,« sagte Witigo, der rasch neben den Bruder getreten war. »Der Riß ist keine halbe Spanne lang. – Holla, Mutter Anne, komm doch ein wenig heraus!«

Die Türe, die zur Kammer des Pförtners führte, öffnete sich, und eine alte Frau trat auf den Flur.

»Mutter Anne, besieh dir den Riß – kannst du ihn flicken?« sagte Witigo.

Die Greisin trat unter tiefen Knicksen näher, hob den Mantel, ließ die glänzendweiße, knisternde Seide langsam zwischen den runzeligen Fingern gleiten, prüfte bedächtig den Schaden und sprach: »Mit feiner Seide könnte man den Riß in einer Stunde schließen, daß er nimmer zu erkennen wäre.«

»Das nützt mir nichts,« sagte Zawisch. »Ich muß jetzt reiten.«

»Der Mantel hat reiche Falten,« begann das Weib wieder und strich ehrerbietig über das Prachtgewand; »mit ein paar geschickten Stichen könnte man den Riß wohl verstecken zwischen zwei Falten.«

»So mache die geschickten Stiche!« befahl Zawisch und schritt zur Kemenate.

* * *

Vor dem Landherrn kniete das Weib und ordnete die Falten über dem Risse, durch das offene Fenster fiel das Sonnenlicht und malte die zierlichen Bogen und das schlanke Säulchen auf das Ziegelpflaster, in der tiefen Mauernische aber, unter dichtem Epheu, saß ein kleines Mägdlein. Das hielt einen Vogelkäfig auf dem Schoße.

Unverwandt schaute das Kind von seinem Schemel empor zu dem fremden Herrn.

»Wie heißest du?« fragte Zawisch.

»Gretlin,« antwortete das Mägdlein. »Und wie heißt denn du?«

»Aber Gretlin,« rief das Weib, »so darfst du nicht fragen! – 's ist meiner Tochter Kind, Herr.«

»Laß doch das Kind, Mutter!« wehrte Zawisch. »Nenne mich nur ›Mann‹, Gretlin! – Was tust du mit dem Vogel da im Käfige?«

»Ich tu' die Amsel füttern, Manne. Aber sie mag die Mehlwürmer nicht,« antwortete das Kind.

»Sie ist krank,« sagte Zawisch. »Da schau nur, wie sie die Federn sträubt und so traurig auf dem Stänglein sitzt!«

»Fritz!« befahl das Mägdlein, holte mit den zarten Fingerlein aus dem Topfe einen fetten Wurm und steckte ihn durch das Gitter des Käfiges.

»Sie frißt nicht,« sagte Zawisch, »und wenn du dir auch alle Mühe gibst. Sie ist krank, mein Kind.«

»Eia, so mach sie gesund, Manne! Sie kann so schön singen.«

»Weißt du, warum sie krank ist?« fragte der Landherr.

»Weiß auch nicht.«

»Weißt du – ist die Amsel immer bei dir gewesen im Käfige da?«

»Nein, der Ahne hat sie mir gebracht,« antwortete klein Gretlin, und ihre braunen Augen füllten sich mit Tränen.

»Wozu hat denn die Amsel ihre Flügel?« fragte Zawisch.

»Herr, jetzt ist der Riß verdeckt, so gut es gehen wollte,« meldete die Greisin und erhob sich.

»Ich danke dir,« sagte Zawisch, trat nahe an das Kind und fuhr mit dem Seidenhandschuh über das goldbraune Haar. »Wozu hat sie ihre Flügel?«

»Hat sie auch Flügel?« fragte das Kind und besah aufmerksam den schwarzen Vogel. »Das habe ich nie gesehen.«

»Freilich hat sie Flügel, Gretlin, und die Flügel hat sie zum Fliegen. Glaubst du, daß der Vogel gerne fliegt, Gretlin?«

Das Kind nickte ernsthaft und schaute unverwandt auf den Vogel, der Flügel hatte zum Fliegen. Dann sagte es nachdenklich: »Du, Manne, in dem Käfiglein kann ja die Amsel gar nicht fliegen!«

»Das ist's eben, mein Kind. Dein Vogel ist krank geworden, er mag nimmer singen, er denkt nur immer an den grünen Wald und an den blauen Himmel und ans Fliegen,« antwortete der Held.

»Im Wald ist's schön,« sagte Gretlin, und ihre Augen leuchteten; »ich weiß!«

»Da hast du recht, mein Töchterlein,« nickte Herr Zawisch; »es ist schön im Walde, und alle seine Lieder hat dein Vogel draußen im Walde gelernt; vom Walde hat er gesungen die ganze Zeit, und du hast ihn nicht verstanden. Jetzt wird er sterben vor lauter Heimweh, weil er gefangen sitzen muß.«

»Ich will den Ahne bitten, der soll den Vogel wieder in den Wald tragen,« sagte das Kind mit großem Ernste. »Da Manne, trag du den Vogel selber in den Wald!«

»Ich reite an einen andern Ort, liebes Kind,« erwiderte Herr Zawisch und wandte sich; »da gibt es keine Wälder. Bitte deinen Ahne, daß er's besorge! Und wenn ich wieder komme, dann sollst du ein ganz kleines, schneeweißes Häslein haben zum Spielen.«

»Eia, Manne, gib mir ein solches weißes Häslein!«

* * *

Die Hörner tönten, die Rosse schnaubten und tanzten, das Volk lief, und an den Fenstern drängten sich die Köpfe: Mit Gepränge ritt Herr Zawisch empor zur Königsburg.

* * *

In der düsteren Kemenate saßen König Wenzel und Zawisch. Des Königs Augen hafteten am Boden, Herr Zawisch aber hatte sich zurückgelehnt, und ein frohes Lächeln lag auf seinem Antlitze. – Hinter den beiden glänzte der goldgeschmückte Altar, glühte aus dunkler Ecke das ewige Licht.

»Ich habe Euch zwiefach zu danken, Herr König,« sagte Zawisch. »Ihr habt mir vor kurzem meine Bitte gewährt, und heute habt Ihr mich prächtig empfangen in der Stadt und auf der Burg, Ihr und die Königin.«

»Warum nennt Ihr mich ›Herr König‹?« fragte Wenzel, und seine Augen hoben sich, sahen an dem Landherrn vorüber und blieben am Reliquienschreine haften.

»Weil alles auf Erden seine Zeit hat,« antwortete Herr Zawisch lächelnd; »so auch das Duzen und das Ihrzen. Es wollte mir übel anstehen, meinen Herrn König zeitlebens zu behandeln als einen Sohn – wenn mir auch sein Glück am Herzen liegt, als wäre er mein leiblicher Sohn.«

»Liegt Euch mein Glück am Herzen?« murmelte Wenzel, und wieder senkten sich seine Lider.

»Habt Ihr jemals Böses von mir erfahren?« fragte Zawisch, richtete sich gerade auf in seinem Stuhle und schaute forschend auf den König.

»Nein, nein, niemals!« kam es hastig von den bleichen Lippen, und wieder streifte ein scheuer Blick den Vater.

»Ihr seid nicht glücklich, Herr König,« sagte Zawisch langsam und beobachtete unverwandt die schlaffen Züge.

Bebend bewegten sich die Lippen des Königs, angstvoll richteten sich die tränenschweren Augen auf Herrn Zawisch, und leise kam's aus dem schmalen Munde: »Habt Ihr das bemerkt, Herr Vater?«

Die Türe öffnete sich, die Teppiche gingen auseinander, Frau Guta, die junge Königin, stand auf der Schwelle.

»Ich möchte auch noch mit unserem Gaste zusammensein,« sagte sie und neigte das Köpflein anmutig gegen den Landherrn. »Ist es erlaubt, zu euch zu kommen?«

Tief verneigte sich Zawisch. Diener glitten durch die Kemenate und rückten den Stuhl für Frau Guta. Rauschend ließ sich diese nieder und wies lächelnd auf die leeren Stühle. Mürrisch setzte sich der König, abermals verneigte sich Herr Zawisch und sagte: »Mit Euerm Willen, Frau Königin!«

»Ich habe mich auf Euer Kommen gefreut, Herr Zawisch,« begann Frau Guta. »Du auch, Wenzel, nicht wahr!«

»Wie meinst du?« fragte der König und machte ein böses Gesicht.

»Wie du mich anschaust!« lachte Frau Guta, und ihr Lachen klang hell und hart. »Es ist schwer, mit ihm zu hausen, Herr Zawisch; Ihr dürft mir's glauben!«

Wenzel erhob sich und trat ins Fenster.

»Lassen wir ihn!« flüsterte Guta. »Gefreut habe ich mich,« wiederholte sie und sah dem Landherrn voll ins Angesicht. »Ihr könnt so prächtig erzählen, Herr Zawisch, und erzählen höre ich für mein Leben gerne.«

»Was soll ich Euch erzählen, Frau Königin?«

»Von der, die mir den kunstvollen Schleier durch Euch gesandt hat,« sagte Frau Guta, und ihre Augen funkelten; »von Eurer Hausfrau, Herr Zawisch!«

Der Landherr neigte das Haupt und sprach: »Es ehrt mich und meine Elsa, daß der Schleier Gnade vor Euern Augen gefunden hat.«

»O, noch niemals habe ich ein Geschenk genauer betrachtet!« rief Guta. »Herr Zawisch, es ist ein künstlicher Schleier, ein köstliches Gewebe, ein Schmuck, wie ich noch niemals ähnlichen geschaut habe. Ich werde die Stunde niemals vergessen, in der Ihr mir den Schleier gabt. Aber eines müßt Ihr mir noch künden – was bedeuten die verschlungenen Zeichen in den Ecken des Gewebes, Herr Zawisch?«

»Darüber habe ich noch nicht gegrübelt, Frau Königin,« erwiderte der Landherr und lächelte zum erstenmal wieder, seit Guta in der Kemenate war. »Das Gewebe stammt aus fernem Lande, es mögen fromme Segensprüche in seine Ecken gewoben sein. Nehmen wir an, es wäre in der ersten Ecke in einer fremden Sprache zu lesen ›Friede sei mit Euch, Frau Königin!‹ und in der zweiten ›Gott und die Jungfrau schirme Euch und Euern Gemahl!‹ in der dritten ›Lang lebe König Wenzel und sein Geschlecht nach ihm!‹ und in der vierten wiederum ›Friede sei mit Euch, Frau Königin!‹ Und so oft Ihr den Schleier knüpfen laßt auf Euerm erhabenen Scheitel, so oft denket an Zawisch und Frau Elsa! Denn diese Wünsche hegen sie für Euch, Frau Königin, und also deuten sie die Zeichen in den Ecken des Schleiers.«

»Bei Gott, Eure Rede ist nicht weniger kunstvoll als Euer Gewebe, Herr Zawisch!« sagte die Königin. »So oft sie mir den Schleier aufs Haupt stecken, will ich an Euere Worte denken, und den Schleier will ich gar wohl verwahren.« Sie hielt inne, ihre Augen funkelten wie vorher, ihr Mund lächelte, und ihre kleine Hand ballte sich in den Falten ihres Kleides. Dann vollendete sie ihre Rede: »Möge Euch Gott alle die guten Wünsche vergelten, die Ihr für mich hegt! – Aber jetzt wollet mir erzählen von Eurer Gemahlin, Herr Zawisch!«

»Ihr seid von Herzen freundlich, Herr Vater,« begann nun König Wenzel und kam langsam heran. »Verzeihet mir, ich habe heute einen schlechten Tag; der Kopf schmerzt mich, und vor meinen Augen drehen sich die Dinge.«

»Da trifft sich's gut, Herr König, daß wir morgen reiten!« rief Herr Zawisch. »In meinen Wäldern gedeiht kein Kopfschmerz. Heia, wie wollen wir reiten und jagen, Ihr, meine Brüder und ich! – Es ist heuer ein köstliches Jahr: nach jedem Gewitter glänzt der blaue Himmel wie zuvor. – – Ihr habt doch wohl die Furcht vor Blitz und Donner verloren, Herr König?«

Totenbleich stand König Wenzel, und seine Finger krallten sich in die Lehne des Stuhles. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Gibt's viele Gewitter bei Euch auf dem Fürstenberge?«

»Keine Sorge, Herr König!« antwortete Zawisch. »Sie gehen alle draußen vorüber – ich habe es oft gesehen – keines getraut sich in das Tal herein, wo die Burg steht; alle ziehen sie heuer von den Wäldern her nach Böhmen. Ihr werdet sicher sein bei mir auf dem Fürstenberge – es ist gerade, als reckte einer die Hand aus und geböte den Wolken.«

Das Antlitz des Königs war verzerrt.

Herr Zawisch erhob sich, und das frohe Lachen verschwand von seinem Gesichte.

»Urlaubet mich, Frau Königin,« bat er; »der König ist in der Tat leidend!«

König Wenzel wandte sich und ging mit unsicheren Schritten zurück ins Fenster. Die Königin aber zuckte mit den Achseln, warf einen kalten Blick auf die Gestalt, die sich an das Fenstersäulchen lehnte, und sagte: »Daran bin ich gewöhnt bei meinem Herrn und Gemahl. Ich hätte Euch so gerne erzählen hören, Herr Zawisch, von Euerm Söhnlein und von Frau Elsa. Soll ich's entbehren?«

»Was kann ich erzählen von einem Knaben, der noch in den Windeln liegt, und was soll ich erzählen von einem treuen Weibe? Ihr selber seid die Mutter eines Mädchens, das Gott segne, und kennt also das höchste Glück, das diese Erde bietet, das einzige Glück, das den Menschen zu Zeiten hinwegtäuscht über die Vergänglichkeit des Lebens – das Elternglück. Und Ihr selber seid eines Mannes Weib – wohl Euch, Frau Königin, Ihr könnt es täglich erproben, wie sich unsereinem unter der weichen Hand des Weibes die Falten auf der Stirne glätten, Ihr könnt es täglich sehen, wie das Herz des Mannes froh wird unter der Liebe des Weibes! Heilig sind die Pflichten des Weibes, und groß ist seine Macht; es lebt nicht leicht einer auf dieser Erde, der sich nicht willig beugte unter die Macht, die da ausgeht von einem wahrhaft liebenden Weibe. Was sollte ich Euch davon erzählen? – Ich danke Euch für die Güte, die Ihr meinem Weibe bezeigt. Aber urlaubet mich, Frau Königin; Euer Gemahl bedarf der Ruhe!«

Hochaufgerichtet saß Guta im Stuhle, und vor ihr verneigte sich Herr Zawisch.

»Ich sehe, es ist besser – ich urlaube Euch,« sagte die Königin. »Grüßet Eure Hausfrau und fahret wohl! Ich danke Euch nochmals für den Schleier, Herr Zawisch, und werde Euch durch meine Diener ein Gegengeschenk überbringen lassen, ehe Ihr morgen nach dem Fürstenberge reitet.«

* * *

Durch die Höfe des Hradschin ritt Herr Zawisch mit seinen Mannen. – – –

In der stillen Kemenate stand Frau Guta.

Geräuschlos teilten sich die Teppiche an der Wand neben dem Altare, und der Pater trat hervor. Schleichend und mit gesenktem Haupte ging er zum Könige ins Fenster. »Habt Ihr alles gehört, Herr König?« fragte er. »Ich denke, jetzt könnt Ihr den Verrat mit verbundenen Augen greifen. Habt Ihr's gehört, wie er sich seiner Zauberkünste rühmte? Habt Ihr's gesehen, wie er die Hand ausstreckte? Ahnt Ihr, was er zusammenbraut?«

Der König hatte sein Angesicht mir den Händen bedeckt und atmete tief und schwer.

Leise trat der Pater zurück in die Kemenate und wandte sich flüsternd an die Königin: »Wird sich die Tochter des römischen Königs von einem Schupan belehren lassen über die Pflichten der Ehefrau? Ich habe die Blicke wohl gesehen, die der Freche auf die Königin richtete –; er glaubt, Ihr haltet Euern Gemahl nicht aufs liebreichste.«

Lauernd beobachtete der Pater das Weib.

Verstört stand Frau Guta, ihre Händchen waren geballt, sie preßte die bleichen Lippen aufeinander und schaute vor sich hin.

»Friede sei mit Euch, Frau Königin!« begann der Pater aufs neue.

Da rief Guta: »Wo ist der Schleier?«

»Ich habe die Zeichen entziffern lassen,« fuhr der Pater langsam fort. »Der alte Ibrahim, der kluge Arzt, der alle Sprachen des Morgenlandes und des Abendlandes spricht – –«

»Was hat er gelesen?« unterbrach ihn die Königin und stampfte.

»In der einen Ecke des Schleiers steht: »Allah ist groß.«

»Weiter!«

»Frau Königin, es sind Flüche und fürchterliche Zauberworte in den schönen Schleier gewoben – Ibrahim hat sie mit bebender Stimme gelesen, erlaßt mir, die Sprüche vor Euern Ohren zu wiederholen! Frau Königin, es ist in den alten Büchern der Heiden, die Gott verdamme, viel die Rede von solchen Geweben, und wer sich schmückt mit ihnen, den verzehrt höllisches Feuer bei lebendigem Leibe – so lesen wir dortselbst. Mich dünkt: Der sich rühmt, daß er die Wetterwolken mit der ausgestreckten Hand regieren könne, der hat Euch das Verderben zugedacht mit diesem Schleier.«

»Was ist zu tun?« fragte Frau Guta, und ihre Wildheit verwandelte sich in Angst.

»Was können dem Menschen, der sich im Schatten der Kirche birgt, die Zauberkünste der Hölle schaden? Kein Zauber ist so stark, daß er nicht zu überwinden wäre durch unsern Segen,« antwortete der Pater und schob die Hände kreuzweise in die Ärmel der Kutte.

»Ich will den Schleier nicht mehr sehen!« rief Frau Guta.

»O, Ihr sollt ihn noch einmal sehen, Frau Königin, Ihr sollt zugegen sein, wenn ich das Feuer schüre in Eurer Kemenate und Tropfen geweihten Wassers in die Flammen sprenge, und Ihr sollt sehen, wie das unreine Gebilde gefressen wird vom reinen Elemente!«

»So wollen wir gehen!« befahl Guta und schritt zur Türe. »Kommst du, Wenzel?« rief sie und sah über die Schulter zurück.

»Laß mich!« sagte der König und nahm die Hände nicht von den Augen.

»Herr König,« flüsterte der Pater, »habt Ihr über seinem Hohne Euern Schwur vergessen?«

König Wenzel nahm die Hände von den Augen und erhob sich. Am ganzen Leibe zitternd stand er da und stieß hervor: »Jetzt weiß ich's gewiß, er will mich verderben. Er denkt, daß ich ihn nicht durchschaue. Er hat mich gehöhnt. Ich hasse ihn, ich, der König von Böhmen!«

»Er ist ein Bösewicht,« sagte der Pater. »Machet, daß er Euch hinfort nicht mehr schade, handelt als ein König!«

* * *

Wieder saßen die Söhne des Herrn Budiwoj im Hause des seligen Marquart. Die Schatten des Abends waren in die enge Gasse gesunken. Durch die offenen Fenster flutete die milde Luft ins Gemach, drang das Jauchzen der Kindlein.

»Wir haben die Gesichter vertauscht, Bruder,« rief Herr Witigo und hob den Becher; »trink, ich gedenke, mich heute abend schadlos zu halten, trink, ich könnte die Mutter Anne küssen vor Freude, trink, sie haben sich nicht an dich gewagt! – Heiho, das soll eine frohe Taufe werden: alle Abende will ich den König unter den Tisch trinken und alle Morgen will ich ihn hetzen auf der Falkenbeize, daß ihm der Atem vergeht und die gelbe Farbe von den Backen – Backen! – von den Löchern wegfliegt, dem armen Tropfen von einem Könige! Trink, Bruder Zawisch – ich habe mich geirrt!«

»Sprich nicht also vom Könige!« antwortete Zawisch und schaute sinnend vor sich hin. »Er ist ein armer, armer Geselle; ich habe eine böse Ahnung von seinem Elende, und das wurmt mich und vergällt mir alle Freude.«

»Trägst du die Schuld?« fragte Witigo und lachte hart auf. »Bist du verantwortlich für die Sünden seiner Väter? Kannst du sie wegblasen von seinem Spitzkopfe, die Flüche, die sich auf ihm angesammelt haben von alten Zeiten her? Kannst du dem alten Stamme neue Säfte geben, weil es dich betrübt, daß er verdorren will?«

»Nein, ich trage keine Schuld an all dem Verderben da droben,« kam es von den Lippen des Landherrn. »Nein, ich habe das Meine getan und kann mit gutem Gewissen weitergehen, kann mich auch dereinst ruhig zum Sterben strecken.«

Dann erhob er sich und begann, im Gemache auf und nieder zu wandern.

»Den aber, der den Knaben Wenzel hat verderben und entnerven lassen, damit ein Schwächling regiere über Böhmen, den Brandenburger, den soll Gottes Gericht treffen – und es wird ihn treffen, hier oder dort,« vollendete er langsam.

»Gottes Fluch über ihn!« rief Witigo und trank. »Was sollen wir uns grämen über alte Geschichten, an denen wir keine Schuld tragen? Heisa! Sorge jeder für die Haut am eigenen Leibe, daß sie sich glatt und frisch über Fleisch und Knochen ziehe! Wie ich mich gehabe, so spiegelt sich die ganze Welt in meinen Augen.«

»Und so spricht derselbe Mann, der heute den ganzen Tag keinen Bissen über die Lippen gebracht hat,« sagte Wok, der in einer dunkeln Ecke des Gemaches saß.

»Wirst du ruhig sein, Knabe?« rief Witigo, »Merke dir, ich denke immer nur an mich und sonst an keinen andern, und glaube mir, dächte nicht jeder Mensch im Grunde nur an sich allein – die Menschheit wäre schon längst auseinandergefallen! Weißt du, allerfrömmster Wok-Bruder, warum ich heute nichts gegessen habe? – Holla! – Nicht? Ich will dir's künden: Damit ich auf alle Fälle geschwinder aus dieser Mausfalle hätte reiten können. – – Bist du damit zufrieden?«

»Und warum hast du geseufzt und hast die Hände geballt und bist auf und ab gerannt, jetzt auf den Turm, dann hinunter in den Hausflur?«

»Weil mich gehungert hat,« murrte Herr Witigo.

»Und warum hast du die zwölf armdicken Kerzen –?«

»Willst du schweigen?« donnerte Herr Witigo. »Warum? Damit ich in Bälde wieder etwas zu essen bekäme!«

Wok lachte, Herr Zawisch aber schritt zu dem Zornigen und streckte ihm die Rechte entgegen.

Mürrisch nahm sie Witigo und sagte: »Trink, Zawisch, das ist hundertmal gescheiter!« – – –

Aufs neue begann Herr Zawisch, hin und her zu wandern, und es war ganz still in dem Gemache.

Nach einer Weile aber hob er an, zu klagen: »Wie gar so nichtig sind doch unsere Entwürfe, wie gar so wenig richten wir aus mit unserer Kraft! Wir stecken uns ein Ziel und rennen danach und – kommen heraus an einem Orte, den wir nicht gemeint haben. – Was ist mir gelungen alle die Jahre her? Ich wollte dem Sohne des Herrn Ottokar sein Erbe bewahren – da riß man ihn aus meinem Bereiche und verwüstete das Erbe. Ich rang mit allen feindlichen Gewalten, damit ich das Kind wieder gewänne – es kam, und ich sah mit Grauen, daß es verdorben war an Leib und Seele. Ich neigte mich freundlich zu ihm und gelobte mir, dem Armen ein Vater zu sein – da erkannte ich – – daß seine – eigene Mutter – – – scheel sah auf mein Beginnen. – Fürstenkinder, arme Kinder!«

Zawisch blieb in der Mitte des Gemaches stehen, kreuzte die Arme über der Brust und fuhr fort in seiner Klage: »Ich habe Böhmen aus seinem tiefsten Elende gerissen – und jetzt sehe ich, daß der im tiefsten Elende sitzt, für den ich das alles getan. Ich habe den Letzten in der Reihe alter Fürsten retten wollen und sehe nun, daß ich dem Ersten in einer neuen Königreihe den Weg geebnet habe; denn in Böhmen herrscht König Rudolf.«

»Wärst du selber auf dem Hradschin geblieben, Bruder; ich möchte den kennen, der sich gegen deinen Willen breit gemacht hätte!« rief Herr Witigo.

»Gegen meinen Willen!« wiederholte der Landherr nachdenklich. »Was ist des Menschen Wille? Ein Hauch gegen einen Orkan – ein Röcheln gegen den Tod. – – Es kam eine Nacht und ein Tag, und diese eine Nacht und dieser eine Tag machten mich müde, müde, unsäglich müde, Bruder Witigo. – Unsäglich müde! – – Muß ich dir das sagen?«

»Deswegen bist du nicht gegangen, Zawisch!« antwortete Herr Witigo.

»Die Zeit des müden Mannes war um, als er ging, Witigo. Er ist gerne gegangen. Es wäre Verrat gewesen, hätte er noch länger bleiben wollen.«

Hochauf horchte Witigo. » Ich bin gerne gegangen,« sagte er. » Mein frohester Tag war's, als ich vom Hradschin zu Tale ritt und hinter mir den goldenen Schlüssel des Unterkämmerers am Nagel hängen wußte. Bei Gott, ich schaue lieber aus den Fenstern der Froburg ins weite Land als vom Hradschin auf die Steinhaufen der Stadt! – Aber warum du damals gegangen bist, das weiß ich nicht, das verstehe ich nicht, wie's keiner in der Sippe versteht, und werd's auch nicht verstehen bis an mein seliges Ende. – ›Amen!‹ brummt der Predigermönch, wenn er fertig ist.«

Eine Weile besann sich Herr Zawisch. Dann sprach er: »Warum solltet ihr Getreuen diese Sache nicht auch erfahren? Vielleicht ist's sogar besser, wenn noch zwei darum wissen, die schweigen können.«

Wok trat neben die Brüder, Zawisch aber fuhr fort: » Weil man mich zum Könige in Böhmen machen wollte

»Alle Teufel!« fuhr Witigo in die Höhe und starrte den Bruder aus weitgeöffneten Augen an.

»Zum Könige in Böhmen machen wollte und zum Gemahle der Guta,« vollendete Herr Zawisch.

»Und Wenzel?« stieß Wok hervor.

Zawisch zuckte mit den Achseln. »Was weiß ich? Es gibt auch Hochzeiten, auf denen Bräute ihren Witwenstuhl verrücken.«

Mit geballter Faust schlug Herr Witigo in die flache Hand und rief: »Zawisch, hüte dich vor König Rudolf alle Zeit deines Lebens!«

»Warum nennst du den römischen König?« fragte Herr Zawisch. »Hüte deine Zunge, Witek!«

»Und abermals warne ich dich,« sagte Herr Witigo, »hüte dich vor dem römischen Könige!«

* * *

Der Hufschlag eines galoppierenden Rosses klang ins Gemach. Am Hause hielt der Reiter. Die Schalltafel wurde geschlagen. – –

In die Türe trat ein Diener. »Herr Zawisch, ein Königsbote will Euch sprechen.«

»Entbiete ihn hierher!«

»Zawisch, was kann der wollen?« flüsterte Wok. »Es ist so spät am Abend!«

»Was wird er bringen?« antwortete Herr Zawisch. »Er wird mir sagen, wann der König aufzubrechen gedenkt.«

* * *

Tief verneigte sich der Höfling vor dem Landherrn und vor jedem seiner Brüder. Zum zweitenmal und zum drittenmal verneigte er sich.

»Entschuldiget, Herr, daß ich zu solcher Stunde noch in Euer hohes Haus eindringe! Unser allergnädigster Herr und König hat vorhin eine wichtige Frage vergessen – er will Euern weisen Rat in einer dringenden Sache hören, ehe er morgen aufbricht. Wenn Ihr es wünschet und befehlet, kommt er selber heute noch geritten; denn es geziemt sich, daß der Sohn sich aufmacht zum Vater, wenn er mit ihm sprechen will. Das sind seine eigenen erhabenen Worte. Doch möchte ich Euch auf meine Gefahr im Vertrauen untertänigst künden – vergebt gnädigst meine Kühnheit! – daß unser König und Herr den ganzen Tag sich unwohl fühlt.«

»Entbietet dem Könige meinen ehrfürchtigen Gruß!« antwortete Herr Zawisch. »Wie ich gehe und stehe, will ich zu ihm reiten. Ich folge Euch auf dem Fuße nach.«

* * *

»Kennst du das Gesicht?« fragte Witigo.

»Nein. Es wimmelt von neuen Gesichtern auf dem Hradschin,« antwortete Herr Zawisch.

»Allereigenster Knecht, Hund und Wurm!« sagte Witigo und schaute finster auf die Türe, hinter der König Wenzels Höfling verschwunden war. »Pfuch über das Gelichter!«

»Und was gedenkst du zu tun, Zawisch?« fragte Herr Wok.

»Ich?« erwiderte Zawisch.

»Du sendest dem Königsboten einen Herrenboten auf dem Fuße nach!« rief Witigo.

»Ich verstehe dich nicht, Witigo. Warum sollte ich nicht zum Könige reiten?« fragte Zawisch und schritt zur Türe.

»Warum nicht?« rief Witigo und vertrat ihm den Weg, und seine Brust hob und senkte sich schwer. »Du kannst noch fragen?«

»Zawisch,« begann jetzt auch Wok, kam heran und legte die Hand auf den Arm des Bruders, »Zawisch, er hat recht, auch mir graut. Ich bitte dich, reite nicht bei sinkender Nacht zum zweitenmal hinauf!«

»Er hat uns beide zum besten,« lachte Witigo und lehnte sich mit dem breiten Rücken gegen die Türe.

»Er scherzt nicht, Witigo,« sagte Wok. »Sieh nur!«

»Er scherzt!« lachte Witigo und stampfte.

»Er scherzt nicht, ihr Brüder!« sagte Herr Zawisch. »Seit wann bin ich euch Rechenschaft schuldig für einen Ritt? Laß los, Wok, und gib den Weg frei, Witigo!«

»Ich gebe ihn nicht frei!« rief Witigo mit bebender Stimme. »Du bist von Sinnen, wenn du reitest.«

»Zawisch, Bruder Zawisch,« bat Wok und ließ die Hand sinken, »reite nicht! Wir können dich ja nicht halten; aber Zawisch, ich flehe dich an, reite nicht!«

»Ihr seht Gespenster wie die alten Schäfer. Habt ihr noch nicht genug von heute morgen?« rief Zawisch.

»Meinetwegen nennst du mich einen Gänsehirten, ich gebe den Weg nicht frei,« grollte Witigo.

»Zawisch, denke an dein Weib, an deine armen Kinder!« bat Wok. »Zawisch, mit aufgehobenen Händen flehe ich, beim Andenken an unsere Mutter, geh nicht in diese Falle!«

»Jetzt ist's genug!« rief Herr Zawisch. »Ich danke euch, aber ich begehre eure Sorge nicht. Gib den Weg frei, Witigo, ich befehle es!«

»Wer befiehlt?« kam die Antwort zurück.

»Der Älteste von der Krummenau.«

»Der Klügste von der Krummenau sagt: ›Was schert mich der Älteste?‹ und bleibt,« kam's dumpf aus Witigos Munde.

»Dann befiehlt der Gekorene über die Einung,« sagte Herr Zawisch langsam.

Wortlos ging Herr Witigo von seiner Stelle, schritt in die dunkelste Ecke des Gemaches, wo die Messingknöpfe funkelten am alten Lederstuhle, setzte sich und stöhnte auf.

* * *

Mit einem Häuflein seiner Mannen zog Herr Zawisch durch die dunkeln Gassen zum Strome hinaus. Fackelträger rannten vorauf. Schweigend ritt Herr Zawisch, und sein Roß stampfte über verstaubtes, welkes Gras und über tote Blumen.

Das Licht der Fackeln rötete die Mauern der Kreuzherrenkirche und des großen Spitales. Die schweren Flügel des Brückentores standen offen, der gewölbte Torweg hallte wider von den Hufschlägen und von dem Waffengeklirre. In die Mauernische hatte sich der Bruder Pförtner gedrückt und hielt die Hornlaterne hoch empor. Ein kühler Lufthauch strich vom Strome herein und trieb den Rauch der Fackeln zurück in die Stadt, und leise rauschend brachen sich die Wellen an den Pfeilern der Brücke, brachen sich und schossen murmelnd zu Tale.

Über die Brücke zogen die Reiter. Am schwarzblauen Himmel glänzte Stern an Stern, und aus den dunkeln Wassern funkelte Stern an Stern im Widerscheine. Massig, finster, starr schauten die Mauern und Türme der neuen Stadt unter dem Prager Schlosse auf den Strom her, und hoch über ihnen, auf dem Schlosse, glühte da und dort ein erleuchtetes Fenster.

Und wieder ragte ein Turm zum nächtlichen Himmel empor, wieder gähnte ein finsteres Tor, wieder glänzten eiserne Beschläge im Fackellichte – Herr Zawisch ritt ein in die neue Stadt.

Da kam es mit Schnauben und Rasseln, da kam es mit donnerndem Hufschlage hervor aus der Altstadt Prag, stürmte durchs offene Tor der Kreuzherren, daß dem Bruder Pförtner die Hornlaterne aus der Hand fiel, und jagte über die Brücke, daß der Staub in Wolken emporstieg: Herr Wok von der Krummenau wollte in selbiger Nacht auch reiten auf die Prager Burg, und hinter ihm ritten in Eile fünfzig Bewaffnete.

Mitten im Burgflecken kamen sie an Herrn Zawisch und seine Reiter heran. Wok zügelte sein Roß, Zawisch wandte sich, und dicht an seine Seite drängte sich der Bruder.

»Was willst du, Wok?«

»Ich reite auf die Burg!«

»Wok, du wendest auf der Stelle den Roßhals!« flüsterte Zawisch erregt.

»Ich reite!« kam die Antwort zurück. »Ich habe dir's in einer ernsten Stunde gelobt – jetzt erfülle ich mein Gelöbnis.«

»Wo ist Witigo?«

»Er hält mit den fünfzig andern in der Zeltnergasse,« sagte Wok und ritt Knie an Knie mit dem Bruder.

»Es wird mir bitter verübelt werden, daß ich mit dieser Schar zum Könige reite, und du trägst die Schuld daran,« grollte Zawisch.

»Es würde noch viel ärgeres Gerede machen, wolltest du mich auf offener Gasse von dir treiben,« raunte Wok und wich keine Spanne zurück.

* * *

Die Rosse schnaubten, die Waffen klirrten; steil hob sich die Straße empor aus dem Burgflecken, zwischen hohen, dunkeln Mauern ritt die schweigende Schaar, über ihr türmte sich die Burg der böhmischen Könige, und die Sterne der Nacht flimmerten und funkelten aus friedlichen Fernen.

»Zawisch,« begann Wok aufs neue und wies mit der ausgestreckten Rechten hinauf zu den dunkeln Mauern, »Zawisch, mir graut!«

»Wovor sollte mir grauen?« antwortete Zawisch. »Ich stehe im Schutze der Heiligen.«

»Es ist geschrieben: ›Du sollst Gott nicht versuchen!‹« sagte Wok. »Es gibt viele in Böhmen, die den Zawisch bergen möchten in einem von den Türmen da droben.«

»Gerade solche, die auch ich lieber aufgehoben wüßte als in Freiheit,« antwortete Zawisch.

»Bruder, kehr um, noch ist's Zeit!«

»Daß ich verdiente, als Feigling im Sumpfe zu ersticken,« sagte Zawisch. –

Die Rosse schnaubten, die Waffen klirrten, die dunkeln Mauern entlang glitt das rote Fackellicht. – –

Da standen die Läufer und hoben die Fackeln und schrieen und fluchten: Mitten im Wege fuhr ein Wagen, hochbeladen, bedeckt mit grauer Leinwand, bergan.

Wok ritt vorwärts. »Fahr nahe an die Mauer!« befahl er dem Knechte.

»So gut es geht,« antwortete dieser, knallte mit der Peitsche und trieb die starken Rosse an. Knarrend und ächzend bewegte sich der Wagen auf die Seite.

»Lege einen Stein hinter die Räder!« gebot Wok. Dann rief er zurück: »Der Weg ist frei.«

Herr Zawisch spornte das Roß. Hintereinander drängten sich die Bewaffneten auf dem engen Wege. Ein Dutzend Reiter war vorübergekommen an dem Gespanne. Da trieb der Fuhrknecht wieder die Rosse an, stieß den Stein aus dem Wege, ließ das Leitseil fallen und sprang nach vorne. An der Mauerseite glitt eine dunkle Gestalt unter dem Leinwanddache des Wagens auf die Erde hinab, huschte vorüber an den Rossen, wandte sich und schlug ihnen einen Beutel um die Köpfe. Die Rosse scheuten, stiegen, der Wagen rollte rückwärts, rasch und rascher, die Reiter zuzeiten ihre Rosse, sie wandten ihre Rosse, der Fuhrknecht schrie »helfet! helfet!« und hieb über die Köpfe seines scheuen Gespanns; rückwärts, immer rückwärts rollte der Wagen in Eile, das Gespann stürzte und wurde geschleift, quer über die Straße stellte sich der Wagen – krachend schlug er um – ? Fässer rollten aus der zerschnittenen Leinwand hervor und brachen polternd in den Haufen der Reiter. Ihre Rosse stiegen und drängten einander und stürzten, und wildes Geschrei schallte durch die Dunkelheit.

Zawisch lauschte; die Läufer rannten heran und hielten die Fackeln hoch. – Fahl, aschgrau war Wok, und mit bebender Stimme flüsterte er: »Sie haben den Wagen über den Weg gestürzt. Verrat!«

»Ein Unglück!« antwortete Zawisch mit Ruhe. –

Fackeltragende Läufer kamen von der Burg herabgerannt und schrieen: »Gebt Raum, gebt Raum, der König!«

* * *

Auf weißem Zelter kam König Wenzel Schritt für Schritt zu Tale geritten.

»Zurück, Zawisch!« rief Wok.

»Vorwärts!« sagte der Landherr, spornte sein Roß und sprengte dem Könige entgegen. –

Mitten auf dem Wege hielten Vater und Sohn und tauschten ihre Grüße; und in Eile drängte sich zu ihrer Rechten und Linken das berittene Gefolge des Königs herab, wandte sich und sperrte die Gasse zwischen Herrn Wok und seinem Bruder.

Mit Ungestüm ritt Wok heran und rief: »Gebt Raum, ich will zum Könige!«

»Ah, Herr Wok von der Krummenau!« sagte ein greiser Ritter, trieb sein Roß zurück und wandte es. »Herr Wok, ich heiße Euch willkommen auf der Burg. Der Herr König wird sich freuen, wenn er Euch sieht.«

Wok verneigte sich und antwortete: »Ich ersuche Euch, schaffet mir Raum, ich habe mit dem Könige zu sprechen.«

»Entschuldiget, aber ich meine, Ihr irrt Euch, Herr Wok,« sagte der Greis höfisch. »Der Herr König hat mir die Weisung gegeben, daß man ihn allein mit Herrn Zawisch sprechen lasse. Möget Euch selbst überzeugen, wie Vater und Sohn dort vorne im vertrauten Gespräche Roß an Roß reiten. Nehmt vorlieb mit der Gesellschaft eines alten Mannes!«

Wieder verneigte sich Wok und biß die Zähne aufeinander und spähte angstvoll über die Reiter.

»Vorwärts!« rief der Greis, und Schritt vor Schritt schob sich die Schar den Berg hinan. Wok winkte seinen Mannen. Zehn Rosenreiter drängten sich herzu.

»Man wußte doch, daß Herr Zawisch zum Könige kommt,« sagte Wok zu dem Greise, der schweigend an seiner Seite fürbaß ritt. »Warum hatte man den Lastwagen nicht vom Wege entfernt?«

»Man wußte es, Herr Wok; der Tölpel von einem Knechte wird auch seinen Lohn erhalten, verlaßt Euch darauf!«

Die Rosse stampften, die Fackeln qualmten, die Reiter schwiegen. Immer größer wurde der Abstand zwischen dem Könige und seinem Gefolge.

Wok zügelte das Roß und ritt in der Mitte seiner Mannen fürbaß. »Hat sich keiner mehr durchgeschlagen?« raunte er.

»Kein einziger,« kam die Antwort zurück. »Der Wagen sperrt die ganze Breite des Weges.«

* * *

Über die Zugbrücke des ersten Grabens ritten König Wenzel und Herr Zawisch und verschwanden unter dem Tore. Im Lichte vieler Fackeln dehnte sich der Platz vor der Brücke.

Da öffnete sich die Pforte neben dem Tore, eine große Schar Gewappneter zu Fuß quoll hervor, rannte über die Zugbrücke und stellte sich mit nackten Schwertern auf in einem weiten Halbkreise.

Die Fackeln brannten, die Schwerter blitzten, lautlos schloß sich die kleine Pforte; auf dem Steinschilde über dem finster gähnenden Tore stieg der böhmische Löwe und reckte seine Pranken, umspielt vom rotflackernden Lichtscheine. –

»Jetzt glaube ich, Euern Wunsch erfüllen zu können, Herr Wok,« sagte der Greis und rief: »Gebt Raum!«

Die Reiter des Königs wichen zur Rechten und Linken, eine schmale Gasse öffnete sich vor den Rosenreitern, und in mächtigen Sätzen stob das Roß des Witigonen hindurch. Ihm nach drängten seine Mannen – und dicht hinter ihnen schloß die Gasse sich wieder, und gleich einer lebendigen Mauer rückte das Gefolge des Königs vorwärts, Schritt vor Schritt.

In starrer Ruhe hielten die Königischen zu Fuß auf dem Platze, in jagender Eile kam Wok an die Brücke, polternd sprengte sein Roß auf die Bohlen – da rasselte im finstern Tore mit Donnergetöse das Fallgitter herab und versperrte den Weg.

Hochauf bäumte sich das Pferd, und im Knäuel hielten die Reiter hinter dem Führer auf der Brücke.

»Verrat!« schrie Wok mit gellender Stimme. »Ziehet die Schwerter, kehret euch!«

Schritt um Schritt, eng aneinander gedrängt wichen die Rosenreiter zurück von der Brücke und rottierten sich zum Keile.

Auf dem weiten Platze war nichts mehr zu hören als das Schnauben der Rosse und das Knistern der brennenden Fackeln.

Langsam ritt der Greis heran und rief: »Hat sich Euch ein neues Hindernis in den Weg gestellt, Herr Wok?«

»Ich fürchte, die Hindernisse werden mir in den Weg gestellt, Herr!« rief Wok zurück. »Stehet mir Rede!«

»Es geziemt mir nicht, auf solche Beleidigung zu hören,« antwortete der Greis, ritt bis zur Mitte der Brücke und rief auf tschechisch ins Tor hinein: »Seid ihr betrunken?«

»Das Fallgitter ist gewichen,« kam die Antwort zurück.

»Eia, das sehe ich; ziehet auf!«

»Eine Kette ist zerrissen, das Gitter hebt sich keinen Zoll hoch.«

»Auch ihr sollt euern Lohn bekommen!« rief der Alte, wandte sein Roß, verneigte sich und sagte: »Es tut mir leid. Herr Wok!«

»Ich schlage dir den Schädel ein!« schrie Wok.

»Dadurch würde die Kette nicht geflickt,« antwortete der Greis, ritt gelassen von der Brücke weg und zügelte sein Roß an der Seite des Witigonen. »Was wollt Ihr, Herr? Ich verstehe Euch nicht. Sind nicht auch wir Königischen abgeschnitten?«

»Gebt Ihr gutwillig Raum oder müssen wir uns den Weg zur Stadt bahnen?« fragte Wok mit bebender Stimme.

»Wieder verstehe ich Euch nicht, Herr Wok,« antwortete lächelnd der Greis. »Wer sollte dem Vetter des Königs ein Haar krümmen?«

Wok biß die Zähne zusammen.

»Ich habe eine Bitte, Herr,« vollendete der Greis: »Wollet nicht im Zorne übel sprechen von einem alten, Manne, wenn Ihr morgen mit dem Herrn Könige nach dem Fürstenberge reitet!«

»Vorwärts, ihr Leute!« rief der Witigone. »Rottieret euch!«

Rasselnd ritten die Elfe zurück zwischen die Mauern.

Ein Gewappneter keuchte ihnen entgegen und rief: »Der Wagen ist gewichen – sie arbeiten mit Macht – jeden Augenblick können sie zur Stelle sein!«

»Renne zurück, sie sollen sich kehren!« befahl Wok.

»Ich schlüge lieber drauf!« schrie einer aus der Schar.

»Bei Gott, ich auch!« antwortete Wok. »Aber glaubet mir, es ist zwecklos, wenn wir uns opfern. Also zurück, wer's treu meint mit Herrn Zawisch! Mich dünkt, es kommen wilde Zeiten.«

Und in der Finsternis rasselten die Rosenreiter zu Tale.

* * *

»Ich erwarte Euch in meinem Turmgemache, Herr Vater,« sagte der König und stieg vom Pferde. »Ich will zur Königin gehen, vielleicht möchte sie unsere Unterredung anhören.«

Höflinge eilten herbei und hielten die Rosse, und König Wenzel schritt mit gesenktem Haupte voran in den Palas.

Zawisch wandte sich und lauschte zurück in die Dunkelheit. Dann stieg auch er vom Pferde.

Am Portale stand der Marschalk und verneigte sich tief und empfing das Schwert aus den Händen des Königsgastes.

Nochmals wandte sich Herr Zawisch und horchte hinaus. In Dunkelheit dehnte sich der weite, stille Hof, und über Sankt Veit blitzten die Sterne.

Hochaufgerichtet schritt Herr Zawisch in den Palas. –

Hellerleuchtet wie immer waren die Vorsäle. Mit unbewegten Gesichtern standen die Wachen an den Türen wie immer.

Von Saal zu Saal schritt der Marschalk vorauf, geräuschlos öffneten sich die Türen, schoben sich die Teppiche auseinander und schlossen sich wieder hinter dem Landherrn.

Und sie gelangten in den letzten Saal vor dem Gemache des Königs.

»Spart ihr die Kerzen?« fragte Zawisch, blieb stehen und schaute sich um in dem öden Räume. »Eine einzige Kerze!«

»Vergebt,« antwortete der Höfling und bückte sich, »wir haben nicht geahnt, daß heute noch der Vater des Königs diese Gemächer betreten werde. Erlaubet, daß ich vorangehe!« – – »Welche Nachlässigkeit!« rief er und bemühte sich vergebens, die Türe zum Turmgemache zu öffnen. »Nochmals, verzeiht, Herr!« sagte er, trat zurück und verneigte sich tiefer denn zuvor. »Die Türe ist versperrt; wollet einen Augenblick Geduld haben!«

»So sputet Euch!« rief Zawisch, und der Höfling glitt aus der Türe. –

In der Mitte des Saales stand der Witigone und spielte mit seiner goldenen Halskette. »Der Herr ein Kind, und seine Diener die Herren!« murmelte er.

Die einsame Kerze am Kronleuchter hoch über seinem Haupte flackerte in einem Luftzuge. Jäh wandte sich der Held und lauschte. Totenstille war's. Mit raschen Schritten ging Zawisch an die Türe des Königsgemaches, hob den Teppich und rüttelte. »Herr König!« rief er, und sein Ruf klang dumpf in dem Saale. Und Zawisch ging zurück und hob den Teppich von der Türe, durch die er gekommen war.

»Der Hund hat mich eingeschlossen!« schrie er und sprang zurück in die Mitte des Saales. »Wer da? Es ist hier jemand verborgen! Hervor unter's Licht!«

Da regte sich's klirrend in den finsteren Ecken des Saales, da bewegten sich ringsumher im Dämmerlichte die schweren Wandteppiche, als würden sie lebendig auf einmal, und hoben sich und teilten sich – – – und im weiten Kreise um den Landherrn standen dunkle gewappnete Gestalten, als wären sie aus dem Boden gewachsen.

»Was wollt ihr im Harnasch? Tragt ihr mir Minne oder Haß?« rief der Witigone, und seine Stimme grollte, und seine Rechte fuhr an die Schwertseite und sank hernieder. »Hebet euch von hinnen!« befahl er und streckte den unbewehrten Arm aus.

»Gib dich, Zawisch, du bist des Königs Gefangener!« sagte der Neuhauser und trat aus einer Ecke hervor.

»Du, Ulrich?« rief Zawisch, und seine ausgestreckte Hand ballte sich, und mit weit aufgerissenen Augen stand er da.

»Nochmals gib dich!« sagte der Neuhauser und zog sein Schwert.

»Der Saal stinkt, du bärtiges Schandgesicht!« schrie Herr Zawisch, sprang mit zwei Sätzen gegen den Vetter, schlug ihm das Schwert aus der Faust, daß es krachend zu Boden fiel, umschlang ihn, hob ihn hoch empor und schmetterte ihn auf die Dielen, daß ihm die Sinne vergingen.

»Drauf!« schrie einer aus der Schar, und ein anderer sprang hinter dem Rücken des Helden hervor, gab dem Schwerte auf der Diele einen Stoß, daß es in die Ecke flog, und sprang zurück, – und von allen Seiten rückten die Gewappneten langsam heran.

»Rühre mich keiner an –« rief Herr Zawisch und setzte den rechten Fuß auf den Hals des Gestürzten, oder ich trete dem da die Gurgel ab! – Acht gegen einen!«

Die Gewappneten standen.

»Alle Heiligen!« röchelte Ulrich. »Du würgst mich doch nicht?«

»Gib dich, Zawisch, und kein Haar soll dir gekrümmt werden!« rief ein anderer.

»Höllischer Trug!« schrie Zawisch. »Die Stimme kenne ich – aber sag an, du bist's nicht!«

»Ich bin's,« antwortete Herr Dietrich Spatzmann und trat einen Schritt vor, daß das Licht der Kerze auf ihn fiel. »Gib dich, du bist gefangen!«

»Ja, wenn ich will!« schrie Herr Zawisch mit gellender Stimme, blickte sich, riß dem Neuhauser die Eisenhaube vom Schädel und warf sie dem andern ins Angesicht, daß er taumelte, sprang ihm mit wuchtigem Satze an die Gurgel und würgte ihn.

Da rückten die Gewappneten von allen Seiten heran.

Herr Zawisch warf den Röchelnden von sich, wandte sich blitzschnell, strauchelte und stürzte dröhnend auf das Angesicht.

»Ergebet Euch!« schrieen die Ritter auf allen Seiten und schlossen einen engen Kreis um den Gefallenen. Aber keiner getraute sich, Hand an ihn zu legen.

Herr Zawisch rührte sich nicht, und totenstille war's im Saale.

Da ward die Türe zum Gemache des Königs leise geöffnet, und mit angstvoller Stimme rief Herr Wenzel aus dem schmalen Spalte: »Nicht töten, um der Jungfrau willen nicht töten!«

»Er regt sich nicht, du hast's getan, du hast ihm das Bein gestellt, Hanusch!« flüsterte einer, und scheu wichen die Gewappneten zurück.

Da sprang Zawisch in die Höhe, warf den Nächsten in furchtbarem Anpralle, daß er gegen die Wand taumelte, und stürzte sich auf die Türe des Königsgemaches. Aus Leibeskräften rüttelte der Held – in ihrem Gefüge krachte die Türe – – aber sie wich nicht. Herr Zawisch lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Keuchend ging sein Atem. Von seiner hohen Stirne rann Blut.

Mühsam raffte sich Ulrich von Neuhaus empor und rief mit heiserer Stimme: »Was stehet ihr? Greifet ihn – wenn's nicht im guten geht, so brauchet die Schwerter!«

»Waget es!« schrie Herr Zawisch.

Schritt für Schritt drangen die Gewappneten heran, hielten inne und standen im Halbkreise, und ihre Schwerter funkelten. –

Die Türe zu den Vorsälen öffnete sich, ein neuer Haufe Gewappneter drang herein. – –

Hochaufgerichtet stand Herr Zawisch an der Wand.

Da bewegte sich der Wandteppich neben und hinter ihm am Boden, geschwinde griffen zwei Eisenhandschuhe hervor, umklammerten die Knöchel des Helden und rissen ihn zu Boden – – – und auf der Brust des Herrn Zawisch kniete Herzog Niklas, würgte ihn und keuchte: »Das ist die Rache für den Tag von Hohenfurt und für alles andere!«

Zwanzig, dreißig Gewappnete stürzten sich heran.

Herr Zawisch war gefesselt an Händen und Füßen.

* * *

Hoch oben an der Wand des Königsgemaches klafften die Teppiche eine Spanne breit, und durch die engen Holzgitter der kleinen geheimen Schreiberstube schaute der Pater in den Saal herab, lauschte auf das Getümmel und das Waffengeklirre der Schar, die sich mit dem Gefangenen fortwälzte durch die lange Flucht der Säle, rieb die schmalen, weißen Hände und sprach vor sich hin: »Dem Wolfe gräbt man eine Grube und legt den Köder darauf.« – – Dann erhob er sich, reckte die hagere Gestalt und murmelte: »Der Verstand ist König allzeit, und krumme Wege führen zuweilen sehr geschwinde zum Ziele.« – Nochmals bückte er sich an das Guckgitter und schaute nochmals hinunter in den öden Saal. Die letzten Schritte waren in der Ferne verhallt, ruhig brannte die einsame Kerze, weit offen stand die Türe des nächsten Saales.

»Jetzt vorwärts gegen den Mörder, den Räuber, den Lyoner mit den Waffen des Rechtes!« sagte der Pater, öffnete geräuschlos das Türchen und schlich die enge Wendeltreppe hinunter.

* * *

Graue Wolken zogen über Prag, ein kühler Morgenwind wehte. Und der Morgenwind trug auf seinen Flügeln entsetzliche Gerüchte von einem Ende der Stadt zum andern. Keiner mochte die Rede glauben, und dennoch erzählte einer dem andern: »Der Zawisch ist gefangen!« –

Die Bürger nahmen die verwelkten Kränze und Laubgewinde, die bunten Teppiche und Lappen von den Häusern und raunten bei ihrer Arbeit.

Und der Morgenwind ward stärker, fuhr in die Haufen verwelkter Kränze, daß das Laub raschelte, trieb vor sich her das verwelkte Gras, die toten Blumen, den Staub der Gasse.

Er fuhr auch in die goldbraunen Locken eines Kindes, das vor dem Hause des seligen Marquart kauerte und eifrig dürres Gras in sein Schürzlein stopfte. Er fuhr in diese goldbraunen Locken und zauste sie, daß sie sich wirr über das erhitzte Gesichtchen legten. Und er fuhr weiter, der kühle Morgenwind; denn er hatte es eilig an diesem Tage. –

Das Pförtlein des hohen, finsteren Hauses öffnete sich.

»Gretlin, so komm doch! Was treibst du denn im Winde?«

»Gleich, Ahne, gleich!«

»Eile doch!«

»Da bin ich schon, Ahne. Ich muß doch Gras haben, wenn mir der Manne das schneeweiße Häslein bringt. Kommt der Manne bald? Sag doch!«

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