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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
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Fünftes Buch

Im Gewitter

Es war um die Mittagstunde. Fahler Schein ruhte auf der Landschaft, hinter einem Dunstflore blinkte der Sonnenball. Schlaff hingen die Blätter an den Zweigen; Gras und Kraut duckte sich unter der Schwüle des Tages. Rauch aus hundert und hundert Kaminen lag über den bleigrauen Schindeldächern der Stadt Prag.

In einer tiefen Fensternische seines Gemaches saß König Wenzel. Die schmächtige Gestalt war in ein weites Seidenkleid gehüllt. Er hatte sich in das zierliche Strohgeflechte des Armstuhles zurückgelehnt, ließ die Linke an der Armlehne herunterhängen, und mit der Rechten hielt er seinem bunten Vogel neckend einen Mandelkern vor den Schnabel. Der Sittich schaukelte sich in goldenem Ringe zwischen den glänzendweißen Marmorsäulchen des offenen Fensters und hackte nach dem Leckerbissen, schrie zornig und schlug mit den Flügeln und zerrte an der feinen Fußkette, wenn der König den Mandelkern zurückzog, und hackte wieder, wenn der König den Kern hinhielt. Sehr zornig schrie das Tier, und mit eingekniffenen Lippen saß Herr Wenzel und freute sich des ohnmächtigen Zornes.

Vor dem Könige stand mit gesenktem Haupte der tschechische Pater und sprach leise und nachdrücklich. Dabei schaute er auf den Fußteppich, und nur von Zeit zu Zeit schoß es wie ein Blitz unter seinen schweren, halbgeschlossenen Lidern zum Könige hinüber.

»Ich will zum Zawisch reiten!« sagte Wenzel heftig warf den Mandelkern aus dem Fenster, streckte die Beine, weit von sich und starrte hinaus in die dunstige Luft.

»Der Wille des Königs ist der höchste im Lande,« erwiderte der Pater und verneigte sich tief. – »Aber,« fügte er nach einer Weile hinzu, »die ihn ehren und lieben, sind verpflichtet, über der Wohlfahrt des Königs auch gegen des Königs Willen zu wachen.«

Wenzel trommelte auf dem Fenstersimse, verzog den Mund und sagte: »Und die eigene Haut zu pflegen, Pater!«

»Die sieht nicht aus, als ob sie auf Rosen läge, Herr König,« antwortete der Pater und schaute mit wehmütigem Antlitz an seinem hagern Leibe hinunter.

Der König trommelte weiter. Dann sagte er: »Ich durchschaue als König alles ringsumher und handle nach meinem Willen. Ich kenne meine Macht, ich bin der König von Böhmen. Gold habe ich in Haufen, ich winke, und hundert und hundert Gewappnete stehen in meinen Vorsälen und fragen nach meinen Befehlen. Ich bin der König von Böhmen. Ich kenne meine Macht, und alle Menschen kennen meine Macht. Der römische König ist mein Schwiegervater, ich bin der König von Böhmen. Was willst du also?«

»Könnte nicht auch ein anderer zugleich mit dem Könige die hundert Gewappneten rufen?« fragte der Pater. »Einer, dem die Krieger mit Freuden anhangen? – Oft nützt ein einziger Getreuer mehr als hundert Gewappnete, die unerprobt sind.«

»Und wer wollte solches?«

»Der Zawisch!« antwortete der Pater.

Hellauf, höhnisch lachte König Wenzel.

Der Pater verneigte sich und fuhr mit zarter Stimme fort: »Das Herz eines Königs ist groß und weit, und nur der Argwohn hat darinnen keinen Platz. Deshalb müssen andere für sein Wohlergehen besorgt sein –«

»– und deshalb gebe ich Euch zu bedenken, Herr König,« fiel Wenzel ein, zog die Beine an, richtete sich geradeaus und plapperte gleich einem Sittiche, »Zawisch hat vor Zeiten Euern Vater verraten, er hat Eure Mutter betört, er trachtet nach Herrschaft für sich und seine Sippe, er ist ein Ketzer, er hat Euch den Kronschatz geraubt, jetzt hat er noch dazu des Ungarnkönigs Tochter zum Weibe genommen, sitzt auf dem Fürstenberge und lauert auf günstige Gelegenheit! er will Euch verderben. – ? Nicht so, Herr Pater?«

»Ganz so, Herr König,« sagte der Pater, hob die Lider und nahm den König fest ins Auge, »ganz so, Herr König; aber schon mancher Mann hat am Morgen gespottet und hat am Abende seine Haare gerauft.«

König Wenzel versuchte, den Blick auszuhalten, der auf ihm ruhte. Allmählich aber glitten seine Augen ab, er griff in die Schale, steckte dem kreischenden Vogel einen Mandelkern in den Schnabel und sagte: »Keiner von euch allen gönnt dem andern die Gnade des Königs – aber ich lasse mich nicht täuschen; denn ich bin der König.«

»Will mich der König hören, oder befiehlt er, daß ich schweige?« fragte der Pater und trat näher.

»Sprich, aber mach es kurz!«

Der Pater hüstelte und begann leise: »Einmal muß es ihm ja doch kund werden, dem Könige mit dem großmütigen Herzen, das eine, was alle sich zuraunen, das eine, was er noch nicht weiß – – und doch wissen muß – – –!«

Er hielt inne, strich über die Pergamentrolle, die er in der Linken trug, blies ein Stäubchen von seinem Ärmel und schaute dem Könige wieder voll ins Angesicht. Der Vogel schaukelte sich im Ringe und schlug mit den Flügeln und kreischte. Wenzel griff lässig an die Schnur, ließ den Ring herab auf das Gesimse und schob dem Tiere die Schale mit den Kernen zu. »Es ist so schwül im Gemache, drückend schwül!« sagte er und atmete tief auf.

»Es ist schwül, Herr König,« antwortete der Pater ganz leise und fuhr lispelnd fort: »Die Erde ist weit, und doch begibt sich's dann und wann, daß sie für zwei Menschen zu enge wird, die auf dem gleichen Wege gehen, viel zu enge. So war's auch einmal in Böhmen, Herr König. Ein großer König starb und hinterließ einen Sohn, einen Knaben, einen schwachen Knaben –«

»Wer nennt mich schwach?« brauste Wenzel auf.

»Euch, Herr König? Ich spreche von einem Knaben, und vor mir sitzt ein Mann, ein König, ein mächtiger König. Ich erzähle eine alte Geschichte – darf ich sie erzählen oder soll ich schweigen?«

»Sprich!«

»Der Knabe schritt auf rauhen Wegen, und Hunderttausende schauten auf sein Haupt. – Es ist ein Unglück, wenn ein Knabe, wenn ein Königsohn den Vater verliert, Herr König! – Und zu dem Knaben gesellte sich ein Kriegsheld, ein fremder Mann. Selbander gingen sie auf dem gleichen Wege. Der Knabe lief und pflückte Blumen, und vorwärts schritt der Kriegsheld. Der Knabe hinderte den Mann im Gehen und wußte es nicht in seiner Unschuld. Auf dem Haupte des Knaben funkelte eine Krone, er hatte keine Ahnung von diesem Kleinode und ging spielend dahin und las Steinchen vom Wege und sah den andern nicht, der hinter ihm ging, und sah die Augen des andern nicht, die furchtbaren Augen, die heimlich auf seinem Scheitel ruhten – Herr König! Und er sah auch nicht, wie der andere mit seinem Schwerte spielte, wie er es heimlich hob und heimlich ins Leder zurückstieß – Herr König! Es war ja ein unschuldiges Kind, das da vor den Füßen des andern herlief.« –

Noch einen Schritt näher trat der Pater, und seine Stimme wurde zum Zischen. Gespannt horchte der König und starrte ihm in die Augen und konnte jetzt den Blick nicht mehr von ihm wenden. – Vor der Schale stand der Sittich und zerbiß die Kerne, einen nach dem andern.

»Aber das Eisen,« fuhr der Pater fort, »das Eisen bringt das Blut zum fließen, und das Blut fließt auf die Erde und von der Erde schreit es zum Himmel – –« – laut hob er die Stimme und rief, daß es gellte – » Mörder

Dann sprach er wieder leise, leise: »Mörder! Das klingt schmachvoll, ein Held – der Mörder eines wehrlosen Kindes, eines Königskindes! Darum durfte kein Blut fließen auf dem Wege, den die beiden dahinschritten. – – –«

»Wißt Ihr, wie es die Schlange macht?« fragte er und trat nun dicht an den König. »Wißt Ihr's?« Und es war, als wollte er sich in die eigene Gestalt zusammenziehen, so tief sank er in die Knie, und auf einmal fuhr er in die Höhe, und seine Augen flammten über dem fahlen Gesichte des Königs, und er zischte: » Gift

»Geh, geh!« schrie Wenzel.

»Hört mich gnädig an, Herr König!« sagte der Pater, trat einen Schritt zurück und verbeugte sich tief. »Die Liebe ist's, die mich zum Reden treibt.« Dann erzählte er eintönig und langsam: »Eines Abends ging ein Geschrei aus durch die ganze Burg, und alles, was da laufen konnte, lief in die Halle, wo sie sich drehten im Tanze. Da lag der Knabe auf einem Polster und krümmte sich, schrie und warf sich hin und her in seinen Schmerzen – Herr König! Und die Leute hoben ihn auf an den Beinen, daß sein königliches Haupt zur Erde hing und sich dunkelblau färbte. Und die andern ringsumher lagen auf den Knieen und flehten zu den Heiligen. Da kam Herr Zawisch! –«

»Und gab mir Milch,« stöhnte Wenzel.

»– und herrschte die Leute an: ›Herunter mit ihm und auf das Polster!‹ Und sie gehorchten dem Gewaltigen. Der aber ging hinaus – ?«

»Und brachte mir Milch,« stöhnte Wenzel.

»– und brachte dem Knaben« – flüsterte der Pater – »Milch? O ja, Herr König – Milch! Bis heute hat's der Knabe, der König, nicht anders gewußt – und es ist ja wahr – – Milch – und in der Milch – ahnet Ihr's? – Das zweite Gift!« – –

Der Pater beugte sich herab auf die zusammengesunkene Gestalt des Königs, und es war, als ließe er langsam schwere, heiße Tropfen in seine weitaufgerissenen Augen fallen: »So gewiß da hinten von Mähren her ein Wetter zieht, so wahr ist, was ich sage. Er hatte dem Königskinde das erste Gift gegeben, und als die Leute den Vergifteten retten wollten, da verhinderte er die Rettung und schüttete das zweite Gift in die Milch. Seine Schuld war's nicht, daß man die Schale unter seinen Händen mit einer andern vertauschte, seine Schuld war's nicht, daß Sankt Wenzel seine Hände breitete über den Letzten seines Geschlechtes und das erste Gift mit der reinen Milch aus den Eingeweiden des Kindes hob – seine Schuld war's nicht, daß der Königssohn genas.«

Bewegungslos stand der Pater, und seine Augen starrten jetzt hinaus in die Landschaft. Der König folgte seinem Blicke und richtete sich empor, seine Nasenflügel blähten sich, auf seiner schmalen, weißen Stirne perlten Schweißtropfen, und zitternd fragte er: »Glaubst du, daß ein Gewitter kommt?«

Langsam trat der Pater in die Fensternische, beugte sich weit hinaus, netzte den Finger und prüfte die Luft. Aber die Luft rührte sich nicht. Da kehrte er sich um und kreuzte die Arme über der Brust. »Es ist das zehnte seit zwei Wochen,« sagte er, »das zehnte, das von Osten kommt. Seltsam – von Osten! Wißt Ihr, wo der Fürstenberg liegt, Herr König?«

»Dort!« antwortete Wenzel.

»Nein, dort!« sagte der Pater, wandte sich, wies nach Morgen und kehrte sich wieder zum Könige. »Seht Ihr die gelbe Wolke?«

Wenzel war aufgestanden und in die Mitte des Gemaches getreten.

»Sehet Ihr die große, gelbe, furchtbare Wolke?« wiederholte der Pater.

»Ja!« kam es aus dem bebenden Munde Wenzels.

»Die zehnte Wetterwolke seit zwei Wochen,« sagte der Pater mit dumpfer Stimme. »Sie kommt vom Fürstenberge. – Was tut Ihr der Schlange, die sich an Eure Ferse heranwinden und Euch stechen will, Herr König?«

»Beweise mir's!« stöhnte Wenzel.

»Was tut Ihr dem Feuermolche, der bergabwärts kriecht und das Gewitter zusammenbraut?« fragte der Mann im Fenster.

»Beweise mir's, daß er mich vergiften wollte!«

»Gut – ich werde es beweisen!« rief der Pater, ging eilig mit gesenktem Haupte durchs Gemach und verschwand unhörbar hinter dem Teppiche der Türe.

Zitternd stand Wenzel, seine Hände waren geballt, angstvoll schaute er vor sich hm. Der Sittich im Fensterbogen versuchte, sich zu schwingen, aber klirrend stieß der Goldreif an die Säule.

Ein Windstoß fuhr durch die Baumkronen, und ihr Rauschen drang hinein in das dämmerige Gemach. Die Türe ging auf, der Teppich hob sich, und hinter dem Pater kam Boschena über die Schwelle.

»Diese wird die Wahrheit bezeugen,« sagte der Pater und verneigte sich tief.

»Frage sie, aber mach's kurz!« befahl Wenzel, der noch in der Mitte des Gemaches stand.

»Du hast gehört, wie Herr Zawisch mit Frau Kunigunde, der Königin, der Gott gnädig sei, gesprochen hat über die Krone?«

»Ich hab's gehört,« antwortete Boschena.

»Wann?«

»Am Tage nach dem Einzuge des Königs, vor fünf Jahren.«

»Wo standest du, Boschena?«

»Hinter dem Teppiche an der Wand.«

»Der heilige Wenzel hat dein unheiliges Lauschen zum Besten gewendet – Herr Zawisch nahm damals die Krone – wo lag sie?«

»Auf dem Tische im Gemache der Königin.«

»Er nahm die Krone und sprach, er wolle die Krone halten – nicht?«

»Er nahm sie und sprach, er wolle sie halten.«

»Halten?« wiederholte der Pater.

»Halten mit seinen Händen,« antwortete das Mädchen.

»Und hernach sahst du die Krone auf dem Haupte des Herrn Zawisch?«

»Ich sah durch einen Riß und sah sie funkeln auf seinem Haupte.«

»Sprach Herr Zawisch an diesem Abende noch etwas? – Bedenke deine Worte und hüte deine Zunge, Weib!«

»Er sprach, sie könnte herrenlos werden,« antwortete das Mädchen zögernd.

»Wer – sie?«

»Die Krone.«

»Und wie sah er aus, als er davon sprach?«

»Er atmete tief auf, und –«

»Und –?«

»– seine – Augen – – – leuchteten.«

»Weiter! Als sich etliche Wochen später der vergiftete König auf dem Polster wand, da kam Herr Zawisch –«

»Da kam Herr Zawisch,« wiederholte die Gürtelmagd.

»– und goß Milch in eine Schale?«

»Und goß Milch in eine Schale.«

»Und der König genaß, als er diese Milch getrunken hatte?«

»Als er die Milch aus einer zweiten Schale getrunken hatte, genas er.«

»Wußte das Herr Zawisch?«

»Er sah es nicht, als man die andere Milch in eine andere Schale goß.«

»Sie lügt!« sagte Wenzel.

»Kannst du das alles beschwören?« wandte sich der Pater aufs neue an das Mädchen.

»Ja,« antwortete Boschena.

»So sprich mir nach und lege deine Hand auf diesen heiligen Schrein, hieher – so! – Ich schwöre bei dem dreieinigen Gotte und allen Heiligen –«

»Ich schwöre bei dem dreieinigen Gotte und allen Heiligen –«

»– daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

»– daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

»Und wenn ich gelogen habe –«

»Und wenn ich gelogen habe –«

»– so soll mich das Wetter erschlagen!«

»– so soll mich das Wetter erschlagen!«

Ein Beben ging über das aschgraue Angesicht des Königs. Dämmerig war's im Freien draußen, dunkel war's im Gemache. Ein blendender Wetterstrahl fuhr hernieder, und in blauem Lichte flammte das Gemach. Der König bekreuzigte sich, ein Donnerschlag erschütterte die Luft, der Sittich flatterte angstvoll, und totenstill war's.

Der Pater winkte, Boschena sank in sich zusammen und entwich durch die Türe. Blitzstrahl auf Blitzstrahl flammte über das Firmament, der Donner grollte und rollte und dröhnte über der Stadt und über der Königsburg.

»Sie hat nicht gelogen,« sagte der König und lief in die Ecke, wo der goldgeschmückte Altar ragte, schlug das weiße Tuch empor, riß die niederen Türen auf und kroch in die finstere Höhlung.

Ein Lächeln zuckte über die Züge des Paters, kurz, wie Wetterleuchten; unhörbar ging auch er über den Teppich, rückte einen Schemel an den Altar und setzte sich.

»Sie hat nicht gelogen, Herr König. Bedenket, dieser Eid in diesem Unwetter!«

»Bete!« rief Wenzel aus dem Kasten hervor.

Und der Pater bekreuzigte sich und begann die Gebete zu murmeln.

Aus der Stadt empor kam ein langgezogener Hornruf, und von den Zinnen der Burg tönten Hornrufe ins Tal, von allen Türmen, nahe und ferne, bliesen die Wächter dem Gewitter entgegen, und hell klangen die Wetterglocken darein; gleich feurigen Schlangen fuhren die Blitze, und der Donner rollte von einem Ende des Himmels zum andern.

Die weißen Tücher des Altares teilten sich, und Wenzel reichte eine Kerze heraus. »Pater, ich bitte dich, zünde die Donnerkerze an! Sie ist am Lichtmeßtage geweiht.«

Bedächtig erhob sich der Pater; hielt die Kerze an das ewige Licht, das in der Ampel brannte über dem Altare, steckte sie in einen Leuchter und stellte diesen mitten in das Gemach auf den Fußteppich.

»Schließe doch die Läden!« bat Wenzel.

»Frische Luft ist gut gegen Blitzgefahr,« sagte der Pater und schob seinen Schemel noch näher an den Altar.

»Glaubst du, daß mich die Heiltümer schützen?« kam es aus der Tiefe hervor.

»Die Könige und Fürsten dieser Erde stehen in der Hand des Allerhöchste», und der Euch errettet hat von dem zwiefachen Tode durch Gift, der wird Euch im Wetter auch schirmen – aber,« sagte der Pater mit tiefer Stimme, »es ist ein Wetter, wie ich noch keines erlebt habe.«

Blitz folgte auf Blitz, Schlag folgte auf Schlag, der Sturm heulte um die Mauern der Burg, die Bäume rauschten. Der Sittich im Fenster schrie und schlug mit den Flügeln, und das Licht der Kerze flackerte heftig.

»Vom Fürstenberge ist's gekommen, Herr König, das zehnte Wetter seit zwei Wochen, das Euch der Zauberer zusammengebraut hat!« rief der Pater mit lauter Stimme, beugte sich tief herab und fuhr leiser fort: »Und jetzt hat er Euch eingeladen. Merkt Ihr noch nichts, Herr König? Noch immer nichts? Ihr sollt ihm den Sohn aus der Taufe heben – eia, so reitet doch, so reitet doch, Herr König! Aber zuvor tretet ein beim heiligen Veit, suchet Euch den Ort heraus, laßt Steinmetzen kommen und zeiget ihnen, wohin sie die Inschrift meißeln sollen – › Hier liegt König Wenzel, der Letzte aus dem Geschlechte der Libuscha‹ – und dann reitet nach dem Fürstenberge, Herr König!«

In Flammen schien das Gemach zu stehen, es war, als sollte die Burg versinken mit einem einzigen Donnerschlage.

Bedächtig machte der Pater das Kreuz, erhob sich und schritt in das Fenster.

»Nicht ins Fenster!« schrie Wenzel.

Unbeirrt schritt der Pater auf die Bühne, trat in die Nische und beugte sich hinaus. »Die Linde brennt!« rief er zurück, kam durch das Gemach gegangen und setzte sich ruhig wieder vor den verkrochenen König. »Herr Zawisch sendet Euch seine Fackeln schon heute zum Geleite, sputet Euch, reitet heute abend noch, schaut ihm zu, wie er die Wolken zusammenballt und sie ausschickt vom Fürstenberge – – hat's das Gift nicht vermocht, weil Eure Diener wachsam waren, es gibt noch andere gute Mittel! Wenn der Blitzstrahl einen Leib versengt, dann verbrennt auch das Blut in den Adern, es fließt nicht auf die Erde, es schreit nicht zum Himmel empor. Eia, so reitet doch nach dem Fürstenberge, Herr König!«

»Sterben soll er!« stöhnte der Mann im Schreine.

Der nächste Blitzstrahl beleuchtete ein grinsendes Angesicht. Aber in tiefen Tönen quoll es zwischen den schmalen Lippen hervor: »Sterben, Herr König? Es steht geschrieben – ›Du sollst nicht töten!‹«

Rauschend strömte der Regen.

»Aufheben, Herr König, den Zauberer unschädlich machen an einem sicheren Orte!« sagte der Pater und saß ganz stille. – – –

Dämmerig war es im Gemache, nur von ferne her grollte der Donner. Heftig strömte der Regen.

* * *

Neben der flackernden Kerze stand König Wenzel, und am heiligen Schreine stand der Pater. Des Königs Antlitz war verzerrt, tief in den Höhlen lagen seine Augen, in wirren Strähnen hing sein langes, blondes Haar.

»Zu allen Dingen ist der Eid nütze, Herr König; er ist es, der den Menschen auch fest macht gegen das eigene Herz,« sagte der Pater, und seine Blicke schweiften sorglich am Könige vorüber, hinaus an den Himmel, der zusehends heller und heller wurde. »Schwöret, Herr König, daß Ihr der Gerechtigkeit den Lauf lassen, daß Ihr Eure Getreuen nicht hindern werdet in ihrer Sorge für Euch!«

Hochauf atmete Wenzel und wandte das Haupt gegen das Fenster. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen, und in ihrem Lichte erstrahlten die weißen Marmorsäulchen.

Da warf der König das Haupt zurück und stieß hervor: »Ich will mir's noch näher bedenken.«

Mit zusammengekniffenen Lippen, mit halbgeschlossenen Augen stand der Pater da. Starr und unbeweglich war sein Angesicht, vornübergebeugt lauschte er.

Ein dumpfes Grollen tönte ins Gemach. Herr Wenzel zuckte zusammen. Aus der Stadt und von der Burg erklangen von neuem die Wetterglocken, und mit raschen Schritten ging der Pater in das Fenster. Dort wandte er sich, reckte sich hoch empor und rief: »Herr König, vom Fürstenberge her jagt mit der Windsbraut das elfte Wetter gegen Euer Haupt!«

Und brausend fuhr der Sturm in die Bäume, stieß an die Mauern, lief über die klappernden Ziegel, und das flackernde Licht erlosch – aufs neue zuckten die Blitze, aufs neue knatterte und rollte und brüllte der Donner.

* * *

Am heiligen Schreine stand zitternd der König und wiederholte mit stockender Stimme den Schwur, den ihm der Pater vorsprach. – »Den Zawisch fahen zu lassen« – – »den Zawisch fahen zu lassen« – ? »und nichts zu hindern« – – »und nichts zu hindern,« klang es in dumpfer Wechselrede. –

Erschöpft hielt der König inne und zog die Hand vom heiligen Schreine. Die Blitze flammten, der Donner grollte von ferne her. Der Pater aber trat hart an den König, faßte ihn scharf ins Auge, ergriff seine Hand und legte sie auf den Schrein. Dann sagte er drohend: »Und das nächste Fürstenberger Wetter soll mich erschlagen, wenn ich den Eid breche!«

Zögernd kam es zurück von den blutlosen Lippen: »Soll mich erschlagen, wenn ich den Eid breche!«

* * *

In heller Pracht sank die Sonne hinter die Hügel. Ein wolkenloser Abendhimmel spiegelte sich in den Wassern des Stromes. Auf allen Türmen der Stadt lag es wie Funkeln und Blinken und Leuchten. Aus den Gärten des Königs stieg Lilienduft empor und flutete mit dem Windhauche des Abends in die Fenster der Burg. –

Von seinem Schreibpulte erhob sich der Pater und murmelte lächelnd: »Das war ein guter Tag – – und wie ein Fahrender hast du deine Rolle gespielt!«

Zwischen seinen schlanken, weißen Fingern wog er ein frischbeschriebenes Pergament, ging sinnend ins Fenster und lehnte den Rücken an das Säulchen.

Auch ihn umfloß der Lilienduft, und nach seiner Gewohnheit las er murmelnd, mit halbgeschlossenen Augen die schwarzglitzernde Schrift:

»– – – Gruß dem Lieben und Getreuen, Unserm Vater, Herrn Zawisch von Falkenstein. Heil und Glück dem Neugeborenen! Möge Dein edles Geschlecht blühen und wachsen zunächst dem Königsthrone – –«

»Zunächst dem Königsthrone,« wiederholte der Pater und hob sinnend die Augen von dem Briefe. »Ja,« sprach er vor sich hin, »zunächst, das kann ich schreiben – sie sind die Mächtigsten nach dem Könige« – er lachte auf – »nach diesem Könige! – – Die Mächtigsten sind sie weit und breit im Lande.« – – »Nicht mehr lange!« setzte er finster hinzu und las weiter:

»Wir werden gerne nach dem Fürstenberge reiten und das Kind aus der Taufe heben und bitten Dich, daß Du selber Dich aufmachest zu uns gen Prag und Uns das Geleite gebest mit Deinen Getreuen. Wir erwarten Dich in Gnaden am Montage nach dem Tage St. Petri und St. Pauli, der heiligen Zwölfboten. Und dieser Brief ist gegeben in Unserer Stadt Prag am Samstage nach dem heiligen Pfingsttage, da man zählt von Christi unseres Herrn Geburt 1288.«

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