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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
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Drahomir

Mehr als zwei Jahre waren vergangen.

Im Zwielichte des scheidenden Wintertages dehnte sich ein weites, ödes Tal. Grau schimmerte der alte Schnee, trübselige Weidenstrünke standen am gefrorenen Flüßlein, mit Geschrei flogen Raben über die Felder, sammelten sich im kahlen Geäste eines einsamen Birnbaumes, krächzten, hoben sich wieder von dannen und strebten zu den schwarzbewaldeten, niederen Hügeln.

Als wäre es ausgestorben, lag nahe dem Ufer des Flusses ein kleines, eirundes Slavendorf im Kranze seiner Palissaden. Gleich einer schläferig glotzenden Herde standen die niederen Hütten rings um den großen, freien Platz und stierten auf seine gefrorene Pfütze. Von den hohen, steilen Dächern war der Schnee zumeist herabgerutscht; flächenweise, graubraun schaute das moosbedeckte Stroh hervor. Kerzengerade stiegen die seinen Rauchsäulen aus den Feuerstätten in die naßkalte Luft. Da und dort kam roter Lichtschimmer aus einer Ladenritze. Da und dort quollen die schwermütigen Klänge eines Slavenliedes, die langgezogenen Töne der Geige aus einer Hütte. Ein Rind brüllte dumpf auf im wohlverwahrten Stalle – eine feiste Katze schlich sorgsam und bedächtig durch den schmelzenden Schnee – – über den Waldhügeln webten und brausten die Nebel.

Abseits vom Flüßchen, einen guten Pfeilschuß vom Dorfe entfernt, dehnte sich inmitten verschneiter Sümpfe die gefrorene Fläche eines großen Weihers, und auf einer kreisrunden Insel dieses Weihers hoben sich, umgürtet von einem Erdwalle und starken, dunkeln Palissaden, die Strohdächer und die plumpen Türme einer alten slavischen Holzburg empor.

Vom schmutzigen, tiefausgefahrenen Wege führte eine lange, schmale Brücke über den Weiher auf die Insel und mündete in einen dicken, kurzen Torturm.

Das Tor stand offen, der Wächter lehnte am Geländer der Holzbrücke und sah den Herrenkindern zu, die sich glitschend tummelten auf dem brüchigen Eise.

* * *

Unter dem Vordache des Wohnhauses hingen in Bündeln die roten Vogelbeeren, und über der Türe blinkten kleine, zauberkräftige Hufeisen im letzten Abenddämmerlichte. –

In der großen, niedrigen Herrenstube loderte das Kaminfeuer. Über dem Lichtherdlein an der Längswand brannten leise knisternd die harzigen Leuchtspäne, ihr qualmender Rauch zog sich wirbelnd in das schwarze Loch der Balkendecke, von Zeit zu Zeit fielen die glühenden Kohlenstückchen in das Wasserbecken, zischten ein wenig und erloschen. Ganz gedämpft drang aus der Ferne her durch die festgeschlossenen Läden der Jubel der spielenden Kinder. –

Es waren nur zwei Menschen in dem düsteren Gemache: nahe am Kamine saß in tiefem Lehnstuhle, in Pelz gehüllt, zusammengekauert eine Greisin, und vor ihr saß auf niederem Schemel die schlanke Boschena, die einst Gürtelmagd gewesen war bei Frau Kunigunde, der Königin von Böhmen.

»Ihr habt gut geschlafen, Ahne?« fragte das Mädchen, und gleich einem Liede flössen die Worte ihrer Muttersprache von den purpurnen Lippen.

Die Ahne murmelte eine unverständliche Antwort und spielte mit ihren Fingern. Dann hob sie das Haupt, ließ die kohlschwarzen, tiefliegenden Augen über die gedeckten Tische schweifen und lauschte.

»Sie spielen noch immer auf dem Eise?« kam's wie leises Grollen aus ihrem Munde. »Es muß ja schon spät am Tage sein?«

»Zwischen Lichten ist's, Ahne. Soll ich die Knaben rufen?« sagte Boschena und erhob sich. »Ihr habt ein scharfes Gehör!«

»Augen und Ohren sind gut bei der alten Drahomir, aber die Füße, Kind, die Füße –!« antwortete die Greisin. »Und der Schlaf, der Schlaf!« fügte sie hinzu und schüttelte das weißhaarige Haupt. »Bleibe, Kind, laß die Buben spielen, bleibe bei mir!«

Boschena setzte sich gehorsam auf den Schemel und schaute zur Ahne hinauf.

»Der Schlaf, Kind,« sagte diese, »der Schlaf ist ein Kobold: will man ihn nicht, dann kommt er; will man ihn, dann kommt er gewiß nicht. Die langen, langen Nächte! Kind, du weißt nicht, was alte Menschen leiden müssen. Und die Wölfe stören mich so sehr. Ich muß es deinen Brüdern sagen! Die Knechte sollen Gruben ausheben am Waldrande und sollen das Aas richtig legen. Die Wölfe heulen ja hart am Weiher jede Nacht. Sie stören mich, die Wölfe; ich bin eine alte Frau und bedarf des Schlafes.«

»Sicherlich werden die Brüder alles tun, Ahne,« sagte Boschena und legte das Haupt in den Schoß der Greisin. »Wer täte Euch nicht alles zuliebe – vom Vater bis zum letzten Knechte?«

»Weiß es, weiß es,« nickte die Ahne; »das haben die verfluchten Fremdlinge unserm Volke noch nicht rauben können – bei uns ehren die Jungen noch immer die, so alt und grau geworden sind.«

»Laßt die andern, Ahne; denket nicht an sie, Ahne! Die bringen Euer Blut ins Wallen, und dann flieht Euch der Schlaf. Laßt die andern!« bat Boschena mit schmeichelnder Stimme.

»Lassen?« grollte die alte Frau, und ihre Augen funkelten. »Wie kann ich sie lassen? Lassen sie ja auch uns nicht, Tag und Nacht nicht! Aber ich weiß, du bist auch eine von denen, die hinüber und herüber halten.«

»Ahne!« fuhr Boschena auf.

»Schweig, armes Kind!« sagte Frau Drahomir. »Sie haben dich betört wie tausend und tausend andere aus unserm Volke.«

»Sie haben mich nicht betört, ich hasse sie!« rief Boschena und warf das dunkle Köpflein zurück.

»Recht so, recht so, war auch mein Ernst nicht,« nickte die Greisin; »so bist du schön, so erfreust du mein Herz, recht so!« Und sie betrachtete unverwandt die leidenschaftlichen Züge ihrer Enkelin.

Boschena erhob sich, trat zum Kamine, ergriff den Eisenhaken und stieß ihn unter die brennenden Klötze, daß die Funken prasselnd emporfuhren.

»Boschena, Täubchen, setze dich, setze dich!« sagte die Greisin.

Boschena kam und setzte sich auf den Schemel.

»Warum wohl der Vater die Streitaxt vor sich her in die Runde geschickt hat? Warum sie wohl auf heute angesagt sind?« flüsterte Frau Drahomir.

»Wie kann ich's wissen?« lautete die Antwort.

»Geheimnisvolle Dinge gehen durch die Luft,« fuhr die Ahne fort. »Warum haben sie den Vater in der Nacht nach Eger gerufen?«

»Wie kann ich's wissen?« wiederholte Boschena und hob die Augenlider kaum.

»Mir hat geträumt, Boschena,« flüsterte die Alte und beugte sich vor, »ein schöner, goldig-schöner Traum hat mir geträumt, Kindchen: Ich bin am schwarzen Felsen gestanden und habe hineingeschaut durch den Spalt um Mitternacht. Täubchen, ich habe den Schmied gesehen! Täubchen, er stand an seinem Feuer, und der Feuerschein huschte über den Harnasch – ganz blutrot war der Harnasch, Täubchen. Wie bin ich erschrocken in Freude! Sie ist beinahe fertig, Täubchen, die Rüstung, und er hebt gerade den Arm zum letzten Schlage – hörst du, Täubchen Boschena?«

Boschena seufzte.

»Du glaubst mir nicht,« flüsterte Frau Drahomir; »ich weiß, ich weiß. Aber ich irre mich nicht, die Augen sind helle, und das Gehör ist scharf, ich irre mich nicht. Der Schmied holt aus zum letzten Schlage. Dann tut sich der Blanikberg auf – hörst du, Boschena, Täubchen?«

»Ich höre, Ahne.«

»Der Blanikberg, Kindchen!« fuhr die Greisin fort und strich kosend über das blauschwarze Haar ihrer Enkelin. »Da sitzen sie, Täubchen, und schlafen, und die weißen Rosse stehen gesattelt in den goldenen Ställen weit hinten im Berge, sie aber schlafen, und mitten unter seinen Rittern schläft Er –.« Die Ahne hielt inne, bekreuzigte sich und murmelte unhörbare Worte. – »Der heilige Wenzel!« sagte sie mit fliegendem Atem. »Ist's an der Zeit? Ist's an der Zeit? Ja, er tut gleich, gleich den letzten Schlag, der Schmied hinter Budweis. Zeit ist's, Täubchen, der Berg will sich öffnen, aufstehen wird Er, wird die Fahne mit dem schwarzen Adler nehmen in die Hand und wird reiten ins Feld über Bach und Strom.« – – – »Hast du sie gesehen, die Verfluchten?« rief Frau Drahomir. »Er reitet heran und bläst sie in den Wind, wie man die Spreu bläst von der flachen Hand. – Er steckt das Schwert ein und reitet zurück in den Berg zum ewigen Schlafe. – Das glaubst du doch?«

»Ich will's glauben, Ahne.«

»Du mußt!« grollte Frau Drahomir und hob ihre funkelnden Augen zur schwarzen Balkendecke. »Glauben mußt du, glauben, Täubchen! – – Aber mich friert, Kindchen; es ist naßkalt Wetter draußen.«

»Das Buschweibchen kocht auf den Hügeln, der Schnee schmilzt,« sagte Boschena, erhob sich, warf einen starken Klotz in die Glut und lauschte.

»Sie kommen, ich höre die Rosse über die Brücke poltern.«

»Ich auch, ich auch,« nickte die Greisin.

»Will die Ahne in der Halle bleiben oder sollen wir Euch in die Kammer tragen?«

»Eia, was meinst du, Täubchen? Bleiben will ich, die Jungen will ich sehen, will sehen, wie sie schmausen, will hören, was sie sagen. Bleiben will ich, Täubchen. Lange nicht müde zum Schlafengehen! – – Da sind sie – hörst du? Da trappeln sie im Schnee. Küsse mich, Kindchen, so, so –! Nicht zagen, sondern glauben, Täubchen! Drahomir glaubt mit allen Kräften ihres alten Herzens. – – Boschena, geh dem Vater entgegen und den Gästen – eile doch!«

* * *

Sie sprangen von den Rossen, warfen ihre Pelze den Knechten zu, traten mit Geklirre in die Halle. Sie verneigten sich vor der Ahne im Lehnstuhle, und wie eine Fürstin nahm diese ihre Huldigungen entgegen, lächelte den meisten freundlich zu und bot den Vornehmsten ihres Volkes die schmale, magere Hand zum Kusse. Dann ließen sich die Herren nieder an den plumpen Tischen und schmausten, und lächelnd saß die Greisin in ihrem Stuhle, musterte die grauhaarigen Männer und die schwarzlockigen Jünglinge und lauschte auf die kurzen Rufe, die von Tisch zu Tisch flogen.

»Boschena!«

»Ahne?«

»Boschena,« sagte sie flüsternd, »den allerbesten Wein!«

»Die Knechte wissen's.«

»Den von Anno dreiundsechzig!«

»Er steht bereit.«

* * *

Der Burgherr trat zur Ahnfrau, beugte das Knie und reichte ihr den goldenen Becher, daß sie den ersten Trunk nähme. Und die Greisin ergriff den Becher mit zitternden Händen und ließ die Blicke schweifen über die Tische. Lautlos saßen die Herren ringsumher. Die Ahnfrau aber raunte über dem funkelnden Weine:

Wo ist wohl die Sonne von gestern?
Gesunken ist sie am Abend,
Gesunken ins Meer –
Ins Meer – –
In die Nacht.

Wo sind wohl die Blätter von gestern?
Gefallen sind sie im Reife,
In den Boden gedrückt – –
Von den Wölfen – –
Zertreten.

Wo ist wohl die Hoffnung von gestern?
Wie ein Lichtlein ist sie erloschen –
Wie ein Blättlein zertreten – –
In die Meerflut
Gesunken.

Aber die Männer, sag an –
Die Männer von gestern – –
Die Helden?

O weh! Die sanken zumal mit der Hoffnung.
O weh! Die sanken zumal mit der Sonne.
O weh! Die liegen
Wohl unter den Blättern –
Von der Wolfbrut – ?
Zertreten.

Ein Murren ging durch den Saal. Finster starrten die Alten und die Jungen in ihre Becher. Mit abgewandtem Antlitze stand der Burgherr neben der Ahne.

Diese aber legte die Linke ans Ohr, schaute von Tisch zu Tisch mit ihren funkelnden Augen und sprach singend:

Eia, was hör' ich?
Eia, es wehet,
Eia, es brauset
Ein Wind übers Land!

Windhauch des Morgens,
Ruf mir die Sonne –
Nächtlicher Sturmwind,
Wecke den Lenz!
Wecke die Blätter
Am kahlen Geäste,
Wecke die Helden
Im Lande des Tschech –
Breite die Flügel,
Trage in Eile,
Trage die Hoffnung,
Die Hoffnung
Zurück!

Sie umspannte ihn fest mit den knochigen Fingern, den goldenen Becher, sie hob ihn hoch empor und rief:

Den Söhnen des Tschech
Das herrliche Land –
Und den Wölfen das Elend
Und der Wolfbrut den Fluch!

»Den Fluch! Den Fluch!« schrien sie ringsumher, sprangen auf, drängten sich heran zu der Ahne und stießen ihre Becher an den uralten, goldenen Becher, daß es klirrte, daß der feurige Wein in ihren Schoß sprühte.

»Ahne,« rief einer aus der Schar der Männer, »nicht alles in Euerm Liede hat uns gefallen!«

»Mir auch nicht,« sagte die Greisin mit spöttischem Lächeln. »Gerade deshalb habe ich's geraunt, Kinderchen.«

»Ihr solltet uns loben, hört Ihr, Ahne?« rief ein Greis aus der Ecke des Saales.

»Loben?« fragte die Greisin, schüttelte das Haupt und gab dem Burgherrn den goldenen Becher zurück. »Loben? Weil ihr reitet auf verschneiten Wegen, weil ihr da einkehrt und dort einkehrt, euch die Hände drückt und dahin horcht und dorthin horcht und die Fäuste ballt in euern vier Pfählen?«

»Die Ahne weiß viel, aber sie weiß nicht alles, und zuweilen irrt sie sich,« sagte der Greis Sezima.

Mit trockenem Lachen antwortete Frau Drahomir: »Der Sperber geriet in die Fänge des Adlers und gab die Hoffnung auf; als er dann gegen seine Hoffnung dennoch entwischte, da sagte er: ›Ich habe mich sehr gerne geirrt.‹«

Jetzt stand Sezima von Kraschow auf und sprach: »Sind wir müßig gelegen alle die Jahre her? Fast könnte man's glauben, wenn die Herrin Drahomir nur den Mund auftut. Aber glaubet es nicht, ihr Vertrauten! Sie, die für unseres Volkes Wohl sich verzehrt in Glut, die uns anstachelt mit jedem Worte – sie glaubt das selber nicht, ihr Herren, ihr Schupane, ihr Ritter allesamt –«

Beifallrufe unterbrachen den Redner. Die Ahne aber lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoße, senkte die Lider und lauschte.

»Nein,« rief Herr Sezima, »wir sind nicht müßig gewesen! Nein, Frau Drahomir, die Männer sind noch nicht ausgestorben im Lande des Tschech! Sie haben gelitten und klaglos geblutet für ihr Volk und werden mit Freuden bluten zu jeder Zeit. Oder täusche ich mich?«

Gellende Rufe unterbrachen den Redner.

»Wir sind im Unglücke,« rief der Greis, »aber wir stehen aufrecht im Unglücke. Die Heiligen haben uns ein wenig verlassen –«

»Ein wenig!« Die Ahne lachte höhnisch.

»– aber sie wenden uns das Antlitz wieder freundlich zu,« sagte Herr Sezima mit Nachdruck. »Haben wir das Unglück verschuldet? Ich denke, es ist gekommen, wie die Gewitter kommen oder wie die Pest heranschleicht. – Es war ein König, der öffnete der Pest die Tore –«

»König Ottokar!« riefen sie da und dort.

»– aber die Pest fraß den König. – Wir begehrten sein Kind für uns; denn wir wollten einen Tschechen zum Könige und keinen Zwitter. Andere waren vorhanden, die wünschten, einen Deutschen zu machen aus dem letzten Enkel der Libuscha. Der Kampf entbrannte. Unsere Feinde waren mächtig und einig, wir waren zerrissen und schwach; unsere falschen Freunde plünderten das Land aus –«

»Der Markgraf!« riefen sie da und dort mit grimmigen Gebärden.

»– und verrieten uns. Der eine aber, der gefährlicher ist als alle anderen zusammen, der wurde Herr im Hause des Königs und Herr im Lande.«

»Der Zawisch! Fluch dem Zawisch!« riefen sie und sprangen empor.

»Haben wir da die Hände in den Schoß gelegt, Ahne?« fragte Herr Sezima.

»Ihr habt gekämpft!« kam die Antwort langsam von den Lippen der Greisin.

»Ja, wir haben gekämpft und haben geblutet und sind erdrückt worden von der Übermacht,« fuhr Herr Sezima fort. »Erdrückt? Nein, ihr Freunde, verdrängt, sonst nichts! Der König zog ein in die Burg seiner Väter. Wo aber waren wir, die Kinder des Tschech? Zerstreut in alle vier Winde! Die fremde Rotte machte sich breit, in alle Ämter setzte der Zawisch seine Gesippten, das ganze Land beugte sich unter seinem Stirnrunzeln – er war der König in Böhmen und streckte die Hand nach der Krone aus. – – Königin Kunigunde starb eines plötzlichen Todes. Ein Strahl der Hoffnung leuchtete bis in die letzte Slavenburg. Wer die Waffen tragen konnte, der griff zu den Waffen. In Böhmen und in Mähren erscholl der Ruf: ›Fort mit Zawisch!‹ Auf allen Straßen sangen sie, was Frau Drahomir einst gesungen hatte zu guter Stunde in der Halle vor den Männern ihres Volkes:

»Den Söhnen des Tschech – «

Brausend erhob sich der Gesang und übertönte Sezimas Stimme.

Den Söhnen des Tschech
Das herrliche Land –
Und den Wölfen das Elend
Und der Wolfbrut den Fluch!

»Es war vergeblich,« rief Sezima. »Viel Blut floß und ist heute noch ungerochen: Meine Zunge bäumt sich und will den Namen nicht nennen – aber ich muß ihn nennen – Pilsen! Pilsen! – ? Das Wort brennt mir auf den Lippen, und wo ich Freunde sehe, da muß ich schreien: Rache für Pilsen!«

Totenstille war's, und die Schatten von Pilsen zogen durch die Herrenstube.

»Damals,« fuhr der Greis fort, »kam ich mit Wunden bedeckt auf der Flucht in dieses Haus. – ›Alles ist verloren!‹ sagte ich und kauerte mich in jene Ecke und stierte vor mich hin und fürchtete mich auf ein hartes Wort von Frau Drahomir, die in ihrem Stuhle saß. Sie aber murrte: ›Nichts ist verloren!‹ – ›Er herrscht, und wir liegen auf dem Boden‹, klagte ich. – ›Was schnell emporwächst, das vergeht schnell,‹ antwortete sie; ›gestern war ein Ungewitter, heute nacht schoß der Schwamm in die Höhe – komm wieder in etlichen Tagen – wo ist der Schwamm?‹ – – O, sie kann nicht nur schelten, die Frau mit dem unauslöschlichen Feuer, sie kann auch sanft und linde trösten! So hat sie mich damals getröstet, so hat sie einen Verzweifelnden aufgerichtet – und heute stehe ich hier, Freunde, Herren, Schupane, Ritter, und sage: Recht hat sie gehabt.« –

Herr Sezima hielt inne. Dann fuhr er fort: »Niemals vergessen wir Männer, was wir den Frauen schulden, die uns geboren, nicht nur geboren, die uns erzogen haben im Geiste der Alten – Heil ihnen!«

»Heil! Heil!« riefen die Herren und Ritter.

»Und Heil den Jungfrauen, die da glühen für unser Volk, die Kette der Dienstbarkeit tragen und in der Stille wirken und die Wege ebnen da und dort – Heil ihnen! Was wären wir ohne diese rastlosen Helferinnen im Streite?«

Tosender Jubel erschütterte die Luft. Tief verneigte sich Sezima nach der Richtung, wo Boschena saß auf ihrem Schemel mit halbgeschlossenen Lidern, mit unbewegtem Angesichte.

»Heil allen, die an der Rettung gearbeitet haben!« rief der Greis. » Ehe der Frühling ins Land kommt, ist der Zawisch Regent gewesen, Frau Drahomir

Hochauf horchten die Herren ringsumher. Die Ahne aber sagte kurz: »Hat er Euch das selber zu wissen getan?«

Sezima schwieg und trommelte leise mit der Rechten auf dem Tische. Der Burgherr aber antwortete statt seiner: »Verlaßt Euch darauf, Ahne, wir haben's ehegestern zu Eger mit Gewißheit erfahren!«

Drahomir hatte sich aufgerichtet. Heftig pochte die Schlagader an ihrem Halse, weit geöffnet waren ihre Augen, krampfhaft krallten sich ihre Finger in den Pelz auf ihren Knieen. »Seid ihr allwissend, oder haben euch die Witigonen in ihre Einung aufgenommen?« rief sie.

»Wir haben's auf natürliche Weise gehört, und als wir's gehört hatten, da sandten wir die Axt vor uns her in die Runde und entboten die Wissenden auf diesen Abend in mein Haus,« sagte der Burgherr.

»So sprich, sprich!«

»Im Frühjahr zieht des römischen Rudolfs Tochter auf den Hradschin,« antwortete jetzt der greise Sezima, »und ehe sie einzieht, muß der Zawisch weichen.«

Höhnisch lachte die Ahne. »Muß? Wann hat der Zawisch nach dem Willen eines andern gefragt?«

» Der Zawisch hat schon vor vierzehn Tagen von seinem Könige den Urlaub geholt,« sagte der Burgherr und ging langsam zu seinem Sessel.

Wilde Rufe brachen aus der Versammlung. Frau Drahomir aber versuchte zitternd, sich zu erheben, und sank kraftlos zurück.

»Ruhe! Ruhe!« hieß es von allen Seiten, und es ward totenstille.

Mit verzerrtem Antlitze rief die Greisin: »Erzählet ihr Märlein, weil der Abend lang ist? Ich weiß ältere Märlein, höret ihr? – Wer hat's euch verraten?«

»Nun ist die Reihe an Euch, Herr Pater,« sagte Sezima, verneigte sich vor der Versammlung und setzte sich.

Ein freundliches Lächeln huschte über die runzeligen Züge der Greisin, und fast unmerklich nickte sie dem neuen Redner entgegen.

Der sprang empor, wiegte die kleine, schlanke Gestalt hin und her, setzte an, brach ab, suchte das richtige Wort, und nun floß die Rede wie ein Sturzbach von seinen schmalen Lippen:

»Wir sind allein, Freunde; wehe, wenn ein Verräter unter uns wäre! Aber ich sehe ringsumher, ich kenne alle diese Gesichter – es ist kein fremdes unter ihnen. Herr Sezima hat gesprochen von unsern Kämpfen, er hat gesagt, daß wir an der Arbeit seien Tag und Nacht – er hat die Wahrheit gesagt. – Und ich denke, wir haben das Unglück fast schon gewendet. Die alte Zeit war böse, und sie wurde böser und böser, als wir den einen nicht mehr hatten, den einen, der zur Unzeit starb, – Peter, den Kanzler. Es ist Torheit, zu klagen. Laßt die Toten ruhen! – Aber je böser die Zeit wurde, desto klarer wurde es den Alten und den Jungen: Was vermögen viele, die auch mit Ernst ein Ziel verfolgen, – wenn der eine, der Führer, fehlt? Denn immer ist's zuletzt nur einer, der sein Volk zum Ziele führen kann, und der eine muß am richtigen Orte stehen, wie einst Peter, der Kanzler, der das Ohr König Ottokars gewonnen hatte. – Darum stemmte man die Schultern gemeinsam an das große Werk und hob einen – einen, von dem die Feinde keine Ahnung haben – an den richtigen Ort. Soll ich den Ort nennen? Ihr kennet ihn! Tschechen und Deutsche in Böhmen schauen mit der gleichen Erwartung an den Hof des römischen Königs, von wannen die junge Königin kommen soll. Die Tschechen waren klüger als die Deutschen – an diesen Ort haben sie ihren Mann gestellt. – Da steht er jetzt, und bald werden die Söhne des Tschech erfahren, ob der richtige Mann am richtigen Orte steht. Ich kenne diesen Mann gar wohl; höret, was ich durch ihn weiß: König Wenzels Brief an den römischen König liegt beim Burggrafen zu Eger; unser Mann hat ihn selber gelesen – der Zawisch geht

»Warum geht der Zawisch?« rief die Ahne.

»Das steht nicht in dem Briefe geschrieben,« antwortete der Pater, »und das weiß kein Mensch.«

»Wenn er gegangen ist, dann kann er auch wieder kommen,« sagte Frau Drahomir. »Sicher sind wir dann erst, wenn dieser Mensch vernichtet ist.«

»Und wir werden ihn vernichten!« rief der Pater.

»Vernichten, den Mann, hinter dem die mächtige Einung steht!« höhnte Frau Drahomir.

»Die mächtige Einung!« lachte der Pater und warf das Haupt zurück. »Es rollte ein Felsen vom Berge ins Tal und lag dann mitten im Ackerlande. Niemand konnte den Felsen heben. ›Für alle Zeiten liegt er da!‹ klagten die Leute. Aber sie irrten sich: Es war ein schmaler Riß in dem Gesteine, kaum zu erkennen, aber ein tiefer Riß. Der Herbst kam, die Wasser fielen auf den Felsen und drangen in den Riß, in den schmalen Riß, und der Frost kam, und das Wasser erstarrte zu Eis, und das Eis dehnte sich und sprengte den Felsen, daß er in viele Teile zerbarst. Die Leute kamen, setzten Hebebäume an und schoben die Trümmer aus dem Ackerlande. – Gesegnet sei der Riß und das Wasser und der Frost! – ? Es war unnötig, daß die Leute klagten.«

»Ein Riß?« sagte Frau Drahomir und richtete sich in die Höhe.

»In dem Felsen war ein Riß,« antwortete der Redner. »Die furchtsamen Leute! – Wäre kein Riß in dem Felsen gewesen, dann hätten sie Löcher bohren müssen und hätten arbeiten müssen an einem Risse mit aller Kunst – ? so aber war der Riß von selber gekommen über Nacht.«

»Weiter, weiter!« mahnte die Greisin. »Das Beste sagten sie zuletzt, diese Redner, und lassen ein alte Frau vergehen in Ungeduld!«

»Ungeduld?« lächelte der Pater und verneigte sich gegen die Ahnfrau. »Ich glaube, die Leute sollten geduldig warten; der Riß allein tut's nicht.«

»Sieht er den Riß deutlich, der – geheimnisvolle Mann?« forschte Frau Drahomir.

»Er kann diese Hand legen in den Riß und er kann Keile treiben in den Riß, wenn der Felsen einst morsch geworden ist,« antwortete der Redner. »Und bei Gott, er wird's tun, er wird's tun am Hofe des römischen Königs, und er wird's tun, wenn er im Gefolge der Königin Guta wohnen wird auf dem Hradschin!«

»Hilft alles nichts,« sprach Frau Drahomir; »der Zauberer rollt Euch neue Felsen vor die Füße, alle Kräfte der Natur gehorchen ihm.«

Wieder warf der Pater das Haupt zurück und sagte: »In der Tiefe arbeiten die Gewässer, und aus der Tiefe brechen die Quellen. Quellen, Bäche und Flüsse rinnen zusammen in den Strom. Wer kann dem Strome widerstehen? In der Tiefe arbeitet die Rache Tag und Nacht, und aus der Tiefe steigen die Schatten alter Verbrechen, Schuld und Rache heften sich an seine Fersen. Wer kann der Vergeltung entlaufen? – Schlafet ruhig, Frau Drahomir! Wenn ihn der Strom verschlingt, dann werden wir Euch wecken lassen. – – – Aber einen Auftrag habe ich noch zu bestellen: Der römische König will unserm Volke wohl und wünscht, daß sich seine Tochter umgebe mit edeln Dienerinnen aus dem Stamme des Tschech –«

»Heil! Heil!« riefen sie da und dort.

»Er wünscht, daß seine Tochter die Sprache lerne, in der Libuscha und Prschemisl miteinander gekost haben –«

Jubelrufe erschütterten die Luft.

»– und ich bitte Euch,« schloß der Pater, »entlaßt morgen Euere edle Enkelin Boschena, daß wir sie an den Hof des römischen Königs geleiten! Sie soll der Fürstin Guta – böhmische Lieder lehren.«

Der Pater setzte sich. Frau Drahomir aber beugte sich zu ihrer Enkelin, hob ihr Kinn empor, sah ihr lange in die großen, schwarzen Augen und sagte nur die Worte: »Du hast's gewußt?«

»Ich hab's gewußt«, flüsterte das Mädchen.

Frau Drahomir schüttelte das weiße Haupt. »Seid alle gesegnet! – Ich will mich jetzt schlafen legen. Große Dinge sehe ich kommen, aber ich fasse sie nicht. Wecket mich, wenn der Morgen herannaht! Ich möchte das Licht noch einmal trinken mit meinen alten Augen. Seid alle gesegnet! Traget mich hinauf in meine Kammer!«

* * *

»Die heißen Steine tun wohl,« sagte Frau Drahomir und dehnte sich behaglich in ihrem Bette. »Aber falsch bist du, Boschena, unsagbar falsch!«

Boschena schwieg.

»Unsagbar falsch!« wiederholte Frau Drahomir. »Lege mir doch den Pelz um den Kopf. So! – Unsagbar falsch, mein Täubchen, unsagbar falsch! – – – Hätte es aber auch so gemacht. Was heimlich geschehen soll, das dürfen nur wenige wissen. Gott segne dich! – Entbehren werde ich mein Kindchen Boschena; habe mich so sehr an dich gewöhnt. Will's gerne tragen. Gott segne dich! – – Huh, da kommen sie wieder – hörst du sie heulen? Die Knechte müssen das Aas legen. Ich bin eine alte Frau und bedarf der Ruhe.«

* * *

Die Wölfe heulten um die Slavenburg her in der Winternacht, und in der Halle tranken und schrieen die Söhne des Tschech.

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