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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 16
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Hubald

Es war noch früh am Morgen. Handel und Wandel gingen auf ihren altgewohnten Bahnen in der Stadt Prag, fremdländische Kaufleute schritten durch die Gassen wie immer, auf dem Ringe saßen die Landweiber und boten ihre Waren feil, auf der Moldau schwammen die Fahrzeuge – und von den zahllosen Kirchtürmen tönten die Glocken wie immer im heiligen Prag.

Aber vor dem Dominikanerkloster bei Sankt Clemens stand an diesem Morgen das Volk in einem dichten Haufen, als wäre der Müßiggang geboten worden, als wäre es nicht notwendig, vom frühen Morgen bis zum späten Abende zu arbeiten ums tägliche Brot in der Stadt Prag. In bunter Mischung standen die Leute: Lastträger und stolze Reisige, Handwerker und Floßknechte, Deutsche und Tschechen. Wenn fremde, hohe Herren einkehrten in Prag, dann staute sich wohl auch das schaulustige Volk vor ihren Herbergen, musterte die reichgekleideten Diener, die geschmückten Rosse, gaffte und lachte, wenn einer das rechte Witzwort zur rechten Zeit hineinwarf in den Haufen, und ging in Bälde gleichgültig auseinander, dahin und dorthin. Doch vor den hohen, fensterlosen Mauern des Dominikanerklosters stand die Menge und wich nicht vom Morgen bis zum Mittage; denn hinter diesen Mauern waltete heute der Ketzerrichter seines Amtes.

In der Kühle des taufrischen Morgens kamen von allen Seiten die Kleriker der großen Stadt, und es war, als ob jeder von ihnen die verletzte Würde der römischen Kirche zur Schau trüge vor dem versammelten Laienvolke: hatte man doch einen Ketzer gefangen mitten in Prag. –

Es waren Rangunterschiede vorhanden im Klerus der Stadt; denn so tief der Dornstrauch an staubiger Straße unter der Edeltanne auf einsamer Bergeshöhe steht, so tief standen die rauhen Bettelmönche unter den stolzen Domherren, die ihre burgähnlichen Häuser besaßen in der Stadt Prag so gut wie der reiche Kaufherr und der gebietende Landherr. Aber heute fühlten sie sich alle einig als die Söhne des dreifach gekrönten Bischofs in Rom, alle, der kriegerische Johanniterkomtur und der magere Augustinerbruder vom heiligen Kreuze, der Ritter vom Kreuzherrnorden mit dem roten Sterne auf dem Mantel und der Vikar der ärmsten tschechischen Pfarre, der pflichttreue Predigermönch, der nicht rastete vom frühen Morgen bis zum späten Abende im Dienste der heiligen Kirche, und der üppige Domherr von Sankt Peter auf dem Wyschehrad, der keinen andern Herrn über sich hatte als den Papst in Rom und keine andere Arbeit vor sich als die schwierige Sorge für seines Leibes Wohlfahrt, – und die Grüße, die sie heute im Angesichte des Volkes miteinander tauschten, waren weniger demütig, weniger hochmütig als sonst. – Was Wunder? Wenn der Wolf in den Schafstall gebrochen ist, dann greift auch der Herr des Hauses zum Knüttel, nicht nur der Knecht: in der Stadt Prag hatte man Wölfe gespürt – man hatte einen Ketzer gefangen.

Wie das Volk draußen aus der Gasse, so standen im Hofe des Dominikanerklosters die Kleriker, und wie das Volk draußen flüsterte auf seine Art von Ketzern und von Kirche, so redeten auch die Männer in den schwarzen und braunen und weißen Kutten, in den wallenden Mänteln und Talaren auf ihre Art von Ketzern und Kirche.

»Wir sind noch zu früh gekommen, Herr Pfarrer,« sagte ein Templer, warf einen Blick auf die große Sonnenuhr an der weißen Mauer des Refektoriums und wandte sich an einen kleinen, dicken Herrn, der seine Stirne trocknete.

»Allereigenster Knecht, allereigenster!« antwortete der Dicke mit einer tiefen Verbeugung, rieb seine Hände und verneigte sich wieder und wieder vor dem hohen Herrn. »Etwas zu früh. – Eine schwere, schwere Aufgabe, die unser heute wartet. Entsetzlich – solche Verirrungen unter den Augen des hochwürdigsten, gnädigsten Herrn Bischofs!«

Es war ihm sehr ernst, dem kleinen, dicken Manne, seine Stimme klang, als schwitzte er nicht nur außen sondern auch innen, und unaufhörlich rieb er die zarten, weißen, gepolsterten Hände mit ihren neckischen Grüblein.

»Wer das Kreuz unter die Ungläubigen zu tragen hat, der fürchtet sich nicht vor der Torheit der Ketzerei; wie die Morgennebel vor der Sonne verdampfen, so wird die Ketzerei verschwinden in der Kirche,« sagte der Ritter und lächelte flüchtig.

»Allereigenster, Allereigenster!« antwortete der Pfarrer und schaute ehrerbietig zu dem Tempelherrn empor. »Gefahr ist keine vorhanden, aber betrübend ist die Verirrung dieser Menschen, sehr betrübend.« Er war sichtlich betrübt, der kleine Pfarrer von St. Nikolaus, und wehmütig drehten sich seine Äuglein unter der glänzenden Stirne.

»Mit Worten ist's nicht getan, ihr Herren; Tag und Nacht müssen die Diener der Kirche wachen,« sagte ein hoher, hagerer Dominikaner und trat zu den beiden.

»Wer wacht denn nicht?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus hochmütig und warf einen schiefen Blick auf den Mönch.

»Alle müssen wir wachen, Tag und Nacht,« wiederholte dieser und schob die schmalen Hände kreuzweise in die Ärmel seiner Kutte. » Vulpes enim astutae sunt simili astutia capiendae – schlaue Füchse muß man mit der gleichen Schlauheit fangen, schreibt Bruder David in capite 34 seines tractatus de inquisitione,« setzte er hinzu, machte seinen Mund ganz klein und rund, daß man ihn hätte decken können mit einem Groschen, und sah lauernd auf den Pfarrer von Sankt Nikolaus herunter.

»Geschieht alles, geschieht alles,« sagte dieser hastig und ließ seine Blicke über den Hof zum Eingange hingleiten.

Durch eine breite Gasse kam ein vornehmer Domherr vom Wyschehrad gegangen. Er grüßte leutselig nach allen Seiten, und freundlich leuchteten die Augen in seinem gesunden, roten Gesicht. Unter den Linden inmitten des Hofes blieb er stehen und reichte dem Templer die Hand. »Ah, Ihr auch, Komtur? Rare Jagd heute!«

»Allereigenster Knecht, untertänigster!« sagte der Pfarrer von Sankt Nikolaus mit fettem Lächeln und rollte nahe heran und rieb die Hände schneller und schneller. »Ein schwerer, ungemein schwerer, höchst betrübender Fall.«

»Ihr auch vorhanden, Herr Pfarrer?« erwiderte der Domherr von oben herab und bot dem Dicken die Fingerspitzen.

Ehrerbietig berührte dieser die Hand des Edelmannes und konnte sich nicht genug tun mit tiefen Verbeugungen.

Unverwandt ruhten die schwarzen Augen des Bettelmönches auf der Gruppe, spöttisch, erhaben, und es war, als zöge sich sein Mund immer runder zusammen, als schössen aus der Peripherie kleine, scharfe Fältchen strahlenförmig hervor: der Dominikaner machte sich seine Gedanken.

»Unter den Augen des hochwürdigsten, allergnädigsten Bischofs, dicht unter seinen Augen!« seufzte der Pfarrer.

Der Domherr zuckte mit den Achseln und trat mit dem rechten Fuß fest auf den Boden, als wollte er eine Schlange zertreten. »Austilgen mit Feuer und Schwert!« grollte er.

Ein alter Benediktiner trat herzu, legte den Finger an die Nase und begann in schleppendem, näselndem Tone: » Sunt Waldenses, dicuntur etium pauperes de Lugduno – Waldenser sind's, man nennet sie auch die Armen von Lyon, so eine Stadt im mittägigen Frankreich ist –«

»Seid Ihr gut heimgekommen am Sonntage, Herr Pfarrer? Es war nicht mehr allzu früh!« warf der Domherr hin und freute sich über die ängstliche Miene des Pfarrers von Sankt Nikolaus.

»In der Nähe von Lyon also,« fuhr der Benediktinerpater unbeirrt fort, »lebten vor Zeiten einfache Leute aus dem Volke, die sich rühmten, ganz nach der Lehre des Evangeliums zu wandeln, und sie baten den Papst Innocenz, er solle sie anerkennen – confirmare

»Habt Ihr am Abende des Sonntags einen Kranken besucht, Herr Pfarrer?« erkundigte sich der Tempelherr mit spöttischem Lächeln.

Hellauf lachte der Domherr: »Weit gefehlt, Komtur! Krank war einer am Montag, aber besuchen hat ihn das Pfäfflein nicht können.«

»Allereigenster, Euer Knecht, Herr,« stotterte der Dicke, »wahret meine Reputation!«

» Confirmare,« wiederholte der Benediktiner mit einer Stimme, als hätte er Brei im Munde, und wandte sich nunmehr an den Dominikaner; » ergo haben die haeretici, die Ketzer, zu Anfang noch die auctoritas des römischen Stuhles anerkannt – recte anerkannt – – ist das nicht auch deine Meinung, Bruder?«

» Nil interest!« antwortete der Bettelmönch und wandte kein Auge vom Pfarrherrn. »Die Pest ist da, was kümmert mich die Historie von der Pest?«

»Oh, oh, oh!« sagte der Benediktiner und riß die Augen weit auf. »Die Historie ist nützlich und ergötzlich überall, sowohl die heilige Historie als die historia profana

»Wißt Ihr auch die Historie vom Ketzer und seinen Flöhen, Ehrwürdiger?« fragte der Domherr den Benediktiner.

»Die habe ich noch nie gehört,« antwortete der greise Historikus. »Doch erinnere ich mich, daß auch Bruder David –«

»Die habt Ihr noch nie gehört, doctorum doctissime? Dann habt Ihr noch gar nichts gehört,« spottete der Domherr. »Höret: Die Ketzer haben viele Flöhe an ihren Leibern, das ist männiglich bekannt.«

Der Pfarrer von Sankt Nikolaus faltete erwartungsvoll die Hände über dem Bauche und lachte: »Viele Flöhe!«

»Die müssen sie ohne Murren tragen und dürfen keinen ums Leben bringen; so verlangt's ihre Lehre, die Gott verdamme.«

»Amen!« rief der Pfarrer von Sankt Nikolaus mit einem tiefen Seufzer.

»Weil sie überhaupt kein Blut vergießen dürfen,« sagte der Benediktiner mit wichtiger Miene.

»Gut!« fuhr der Domherr fort. »Da war nun einmal ein Ketzer, den ärgerten seine Flöhe, und er sprach zu seinem Herzen: ›Ertragen will ich sie nicht mehr, abschütteln mag ich sie nicht, sonst hüpfen sie wieder herzu, töten darf ich sie nicht – was soll ich also tun?‹«

»Was wird er getan haben?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus und machte ein entzücktes Gesicht.

»Er setzte sich in sein Herdfeuer, und also verbrannten die Flöhe ?«

»Ha, ha! Und er selber mit ihnen von hinten herauf!« sagte der Pfarrer.

»Und deshalb –,« wollte der Domherr schließen –

»In welcher Chronik habt Ihr diese Historie gelesen?« forschte der Benediktiner eifrig.

»Und deshalb,« schloß der Domherr lachend, »ist es ein gutes Werk, wenn man den Ketzern hilft und sie allesamt mit ihren Flöhen verbrennt.«

Der Templer lächelte einen Augenblick, der Pfarrer von Sankt Nikolaus hielt seinen erschütterten Bauch, der Benediktiner forschte eifrig, in welcher Chronik diese Historie geschrieben stehe, der Dominikaner aber wandte sich ab und ging.

»Hast du's gehört?« fragte er mit finsterem Gesichte einen seiner Brüder, der in der Nähe stand.

»O Bruder,« antwortete der junge Mönch und sah traurig vor sich hin, »es ist ein Jammer! Uns verzehren die Sorgen, Wir reiben uns die Kniee wund im Gebete für die heilige Kirche, riesengroß steht die Gefahr da – und diese lachen und scherzen!«

»Wölfe in der Herde und Säue im Weinberge!« murmelte der Hagere.

»Man möchte dieses Volk mit dem Kehrbesen aus unsern geheiligten Mauern fegen!« flüsterte der junge Mönch, und seine eingefallenen Wangen glühten. »Dieses Volk gehört nicht in den Gerichtsaal!«

»Sei ruhig, mein Sohn!« sagte der Hagere. » Astantes sunt – sie haben nichts zu sagen, sie stehen nur dabei, das Gericht besetzen wir. Astantes sunt – sie stehen müßig. Laß sie müßig stehen und ersticken in ihrem Fette – wir Bettelmönche arbeiten, und uns Bettelmönchen gehört die Zukunft. – – – Aber komm, es ist Zeit!«

Ein Glöcklein tönte über den Hof, und langsam strömte die Menge der Kleriker von allen Seiten in die finstere Türe des Klostergebäudes und wälzte sich über die knarrende Stiege empor zum Gerichtsaale.

* * *

»Du wünschest, Wok?« fragte der Regent um dieselbige Stunde und erhob sich von seinem Stuhle.

»Ich muß dich in dringender Sache sprechen, Bruder.«

»Soll uns Burkhard allein lassen? Ich gestehe dir, daß uns augenblicklich jede Minute kostbar ist.«

»Burkhard kann bleiben,« sagte Wok. »Aber meine Sache duldet keinen Aufschub.«

»So sprich!«

»Zawisch, ich kann – es ist mir unmöglich – ich finde keine Worte, dir alles gehörig zu erklären. Einer, den ich hoch verehre – ist in großer Gefahr – ich muß ihm helfen.« – ? »Hilf mir, Bruder,« bat Wok und hob die gefalteten Hände zum Regenten, »hilf mir, sie werden den Krämer Hubald als einen Ketzer verbrennen!«

Das Antlitz des Regenten war kalt, als er fragte: »Was kümmert dich dieser Krämer, den sie der Ketzerei angeklagt haben?«

»O Zawisch! Ich kann – ich darf – ich darf dir nicht alles erklären – – er hat – meine Alheit damals gerettet –.«

»Das erste Wort!« sagte der Regent und schaute besorgt auf den erregten Wok.

»Er hat auch mich – gerettet, Zawisch, nicht allein der Jude – ? ich durfte dir nicht alles sagen – – es ist – Burkhard, gib mir deine Hand, du wirst schweigen!«

»Bei meiner Ehre!« sagte der Mann des Herrn Zawisch, strich über sein bartloses Kinn und verneigte sich höfisch.

»Es ist das Geheimnis meines Lebens, Bruder!«

Hochaufgerichtet stand der Regent und streckte abwehrend die Rechte aus. »Nicht weiter, Wok, ich will nichts hören!« rief er mit bebender Stimme.

»Und doch mußt du, Zawisch, mußt mich hören! Dieser Krämer ist der Lehrer deiner Diemut gewesen – schon einmal hast du, hat Burkhard –«

»Ich will nichts wissen, mein Bruder,« sagte der Regent, und seine Stimme klang drohend. »Ich habe nur den Krämer Hubald gekannt und sonst niemand.«

»Und dennoch, Bruder, dennoch, beim Andenken an unsere Mutter!« flehte Wok.

»Ich will und darf nichts wissen, Wok. Ist er ein Ketzer, dann untersteht er dem geistlichen Gerichte; hat er Irrlehren verbreitet, so mag er sich verantworten.«

»Bei Gott dem Allmächtigen,« schrie Wok, »er hat keine Irrlehren verbreitet; wisse, durch diesen Mann bin ich selbst –«

»Kein Wort weiter, Unvorsichtiger, Unseliger!« rief der Regent.

»Wer befiehlt?« sagte Wok und trat zurück.

»Der Gekorene über die Einung,« antwortete der Witigone, und Herr Wok neigte das Haupt. »Der Bruder aber sagt dir dieses: Ich reite heute, reite in dieser Stunde auf die Jagd und will und darf nichts wissen. Gott befohlen, Wok! Und du, Burkhard, kommst noch zu mir, wenn ich zu Pferde gestiegen bin! Gott mit dir, Bruder, und höre meinen Befehl: Du selbst bemengst dich nicht mit diesen Mönchen!«

Wok atmete tief auf, und seine Blicke hingen am Munde des Regenten. »Gottes Segen über dich, Zawisch!«

»Höre, ich weiß von nichts!« wiederholte dieser. »Ich muß schwer kämpfen mit Zwietracht und Unbotmäßigkeit alle Tage und hasse Zwietracht und Auflehnung, wo ich sie sehe, auch in der Kirche – vornehmlich als Regent, aber auch als Sohn dieser Kirche.«

* * *

Er zählte etwa fünfzig Jahre und war massig und groß gewachsen. Gleich einem starken Wulste umkränzte das dichte, kurze, graue Haar den runden, geschorenen Schädel. Sein breites Gesicht hatte etwas Lauerndes, mochte er nun mit einem Oberen reden oder mit einem Laien aus dem Volke. Er besaß nur ein Auge; das andere hatte er in irgend einer Vergangenheit seines Lebens verloren. Der breite Rücken dieses Menschen war gekrümmt, und man wußte nicht, sprach er stets seitwärts von unten herauf, weil sein Rücken gekrümmt war, oder war sein Rücken krumm geworden, weil er stets seitwärts von unten herauf sprach. Er kannte alle Leute in der Altstadt Prag und war gekannt von allen, von Vornehmen und Geringen, von Deutschen und Tschechen, von Juden und Christen. Wenn er sprach, trat er ganz nahe heran, und laut, wie andere Menschen, sprach er niemals: die Worte kamen stoßweise, wie ein vertrauliches Zischen, aus seinem Munde. Man fürchtete ihn allenthalben, obgleich er seit Menschengedenken öffentlich keinem etwas zuleide getan hatte – aber er wußte alles, und was er nicht wußte, erfuhr er doch noch und niemals ließ er im Gespräche vermuten, wie viel er eigentlich über das alles hinaus noch wisse. Seine Oberen bedienten sich seiner Wissenschaft zur rechten Zeit und hüteten sich vor seinem einen Auge und vor seinen zwei Ohren zu jeder Zeit.

Dieser Mensch hieß Bruder Anastasius in der ganzen Stadt und war Pförtner im Kloster der Dominikaner.

* * *

Durch die flüsternde Menge drängte sich ein vollbärtiger, schäbig gekleideter Reisiger, dessen linkes Auge von einem großen Pflaster bedeckt war, trat an die Klosterpforte und schlug mit dem Dolchknaufe an die Schalltafel. Ein Schieber öffnete sich, und lauernd lugte Bruder Anastasius hervor.

»Euer Begehr?«

»Guter Freund, laßt mich hinein!«

»Kenn' Euch nicht, kenn' Euch nicht.«

»Opfern möcht' ich, ehrwürdiger Bruder.«

Die Riegel wurden zurückgeschoben, der Reisige stand in der Torhalle, und sorgfältig verschloß der Mönch das Tor hinter ihm. Dann musterte er den Fremden mit seinem lauernden Auge und stieß hervor: »Ah ja, ja, ah ja, ja, weiß schon, seid mir gleich so bekannt gewesen, weiß schon, weiß alles!«

Lächelnd stand der Reisige und schaute auf den Mönch hernieder; denn er war ein hochgewachsener Mann, zu dem der Pförtner in der Tat emporsehen mußte.

Lauernd wartete Anastasius, aber der Reisige nannte sich nicht.

»Mich schickt einer, der unmenschlich viel hat.«

»Buße tun, Buße tun! Reich sein – böse Last. Ablegen! Himmelspforte, heiliger Petrus, eng, streng, Kamel – Nadelöhr – – weiß alles, nur her!« raunte der Mönch und schnitt sein mildestes Gesicht.

»Das ist's eben,« sagte der Reisige und zwinkerte mit dem Auge.

Noch näher rückte der Mönch heran, und sein mildes Lächeln wurde zum Grinsen.

»Mein Herr ist ein Kaufmann und reist aus fernen Ländern durch diese Stadt. Auf zehn Wagen führt er seine Waren mit sich. Im Nordgau draußen haben die Räuber unsern Zug angefallen, eine starke Übermacht. Die Not war groß, und in der größten Not –«

»Gelübde getan, Gelübde, weiß alles, alles, obgesiegt,« unterbrach ihn der Mönch.

»Woher?« rief der Fremde und machte ein ernsthaftes, verwundertes Gesicht.

Noch mehr als sonst wohl krümmte sich die große Gestalt des Mönches zusammen, freundlich fletschte er die Zähne, kniff das Auge ein, hielt dem Reisigen seinen knochigen, kleinen Finger unter die Nase und sagte: »Weiß – alles

»O Heilige, Ihr könnt in der Seele lesen!« staunte der Fremde.

»Guter Weg, fester Weg, sicherer Weg, Klosterpforte, Himmelspforte; Wohltat, große Wohltat, versteht mich? Wohltat für reiche Leut', reiche, versteht mich?« zischte der Pförtner freundschaftlich. »Wann denn, was denn?«

Der Reisige antwortete nicht, sondern wandte sich, ging langsam durch die Torhalle und warf einen scharfen Blick über den weiten, leeren Hof.

»Da kann sich ein Wagen ganz gut wenden,« sagte er, als spräche er mit sich selber. »Ein vierspänniger? O ja, geht zweimal für einmal.« – – – »Warum stehen denn so viele Leute vor Eurem Kloster, Ehrwürdiger?« fragte er plötzlich.

Über das Gesicht des Mönches legte sich ein tiefer Schatten. »Ihr seid auch fremd,« sagte er und kam nahe heran. »Böse Menschen, Ketzer, Ketzer, versteht mich –?«

»Die alle vor dem Tore?« rief der Fremde und schlug die Hände zusammen.

»Ah was! Müßt recht verstehen, recht verstehen, gefangen ist einer, Ketzer, wird heut' noch verhört – jetzt grad' die Zeugen.«

»Hui!« sagte der Reisige, schüttelte sich und sah sich ängstlich um.

Ein Wohlgefallen legte sich über das Angesicht des Bruders.

»Recht habt Ihr, grauset Euch, grauset Euch,« murmelte er und ballte die knochige Faust und stampfte mit der Holzsandale, daß sie klapperte auf dem gepflasterten Torwege.

»Heiden und Mohren sind nicht ärger als diese, hab' ich oft sagen hören,« meinte der Reisige des Kaufmanns.

»Recht, recht!« zischte der Mönch, rollte das sehende Auge und brachte den Mund nahe an das Ohr des Fremden. » Ich, ich – der Bruder Anastasius – versteht mich? Nur ich

»Ihr?«

»Ganz allein,« flüsterte Anastasius, »ganz allein, kenn' meine Leut', hab' meine Leut', weiß alles, hör' alles: War schlauer Ketzer, Oberer, Oberer, Fuchs, alter. Ich immer näher, ich – ha ja! Ketzerschul' in einem Keller, ganz versteckt – ha ja!« – ? Bruder Anastasius schwieg, dann sagte er mit verächtlichem Lächeln: »Verhören, überführen – leicht, ganz leicht; aber aufspüren, ha, auskundschaften, das kann nicht jeder. Versteht mich?« Und vorsichtig schaute er um.

»Dem wird's nicht gut gehen?« fragte der Fremde.

»Die Gnade der Kirche ist unerschöpflich wie das Meer, und segnend streckt sie die Hände aus über den selbst, der dem Tode verfallen ist,« sagte der Mönch mit gesenktem Haupte, salbungsvoll, in fließender Rede. Dann aber begann sich sein Auge zu röten, und zischend stieß er hervor: »Hier ist's aus – versteht mich? – verbrannt, verbrannt wird er, Galgenberg, Holzstoß, Pfahl, gebunden – versteht mich? – Rauch, Feuer, Feuer gut, gut, machet das Unreine rein – ffft! Seine sündige Asche wird in das fließende Wasser gestreut, damit das Volk bei der Wahrheit bleibe immer und ewiglich.«

»Amen!« sagte der Fremde mit kräftiger Stimme. »Da bin ich aber zu ungelegener Stunde gekommen.«

»Nicht ungelegen, nicht ungelegen!« beruhigte ihn der Mönch.

»Ketzer verstehen sich aufs Zaubern; will nichts mit ihnen zu tun haben,« meinte der Fremde und sah sich scheu um.

»Ah ja, ja, versteh' Euch, versteh' Euch. Ist gesorgt, gesorgt! Geweihte Ketten – versteht mich? Drei Kreuze, starke Tür', sehet hin, dritte Tür' dort schräg drüben – kann nichts machen, versteh' Euch, gar nichts!« sagte Bruder Anastasius.

»Hinter der Türe hockt er wohl?« fragte der Reisige und schaute über den Hof.

»Alleweil, wird heut' noch verhört, versteht mich? Hernach sitzt er wieder – bis er brennen muß,« antwortete der Pförtner.

»Also, der Wagen darf kommen,« sagte der Fremde und wandte sich zum Gehen; »gleich oder heute abend – oder wann?«

Der Pförtner sann einen Augenblick. »Jetzt nicht, jetzt nicht!« zischte er vertraulich. »Höret, nicht am helllichten Tag! Versteht sich – gute Menschen, böse Menschen, unterschiedliche Menschen, alle Kostgänger vom lieben Herrgott, aber unterschiedliche. Die Braunen, versteht sich, die Franziskaner, versteht sich – brauchen nicht alles zu wissen – – versteht mich?« Wohlwollend und vertraulich zugleich rollte das sehende Auge.

»Versteh' Euch,« sagte der Bote lächelnd. »Kümmert keinen Menschen 'was. Ist's Euch recht heute nacht?«

»Gut, gut!« nickte Bruder Anastasius.

»Um Mitternacht?«

»Gut, gut!«

»Abgemacht?«

»Abgemacht!«

»Gott halt' Euch!«

»Gott vergelt' Euch!«

Die Riegel rasselten. Lautlos drehte sich die Türe. Der Reisige verschwand im Gewühle des Volkes.

* * *

Die Leute hatten sich verlaufen, in der Ruhe des Mittages lag das Kloster der Dominikaner, in der Ruhe des Mittages lag die weite Stadt.

Im schattigen Kreuzgange schritten die beiden Dominikaner, der große, hagere Mann und der feurige Jüngling, auf und nieder und sprachen eifrig miteinander.

»Wie er sich wohl verhalten wird vor diesem Richter?« fragte der Jüngling.

»Zuerst demütig und hernach, wenn er seine Sache verloren sieht, frech,« antwortete der Ältere.

»Er wird sich nicht herauswinden können,« fuhr der Jüngling fort. »Alle Heiligen, dieser Bruder Johann hat die Zeugen mit eisernen Zangen gepackt! Wenn er etwas wissen will, dann bohrt er immer auf denselben Punkt, immer auf denselben Punkt – es ist etwas Bezwingendes, etwas Fürchterliches um seine Inquisition.«

»Warum nennst du sie fürchterlich, Bruder?« unterbrach ihn der andere.

»Ich habe mich einen Augenblick in die Seele eines Ketzers gedacht, Bruder Konrad.«

»Das kannst du nicht, so wenig du dich in die Tiefen der Hölle zu denken vermagst,« antwortete Konrad.

»Er ist von allen Seiten umstellt, er kann nicht entrinnen, er wird sich beugen,« fuhr der Jüngere fort.

»Beugen!« lächelte der andere finster. »Du täuschest dich bitter, mein Bruder. Diese Art beugt sich nicht, eher bricht sie. Und sie soll brechen!«

»Es wäre der erste nicht, der sich in den Schoß der heiligen Kirche zurückbegäbe,« meinte der Jüngling.

»Du hast's ja gehört, du hast's ja selber geschrieben, was alle Zeugen einstimmig sagen: er ist ein Oberer in seiner Sekte, vielleicht sogar der Oberste. Wähne nicht, daß sich ein solcher jemals unterwerfe! – Du wirst's auch gleich erkennen, wenn er heute nachmittag vor dem Richter steht –«

»Woran?«

»Schwört er, dann ist er einer von der Herde; verweigert er den Schwur, dann ist er ein Lehrer.«

»Ist das ein sicheres Kennzeichen?«

»Das sicherste nach der Erfahrung aller Inquisitoren,« antwortete Bruder Konrad. »Ihre gottverfluchte Lehre verwirft den Eid, und so haben sie früher überhaupt nicht geschworen. Mit Leichtigkeit konnte man sie dann überführen und aus dem Wege räumen. Jetzt ist es dem großen Haufen erlaubt zu schwören, aber niemals schwören ihre Lehrer.«

»Bruder Konrad,« sagte der Jüngling und blieb stehen, »werden die Ketzer ihre Lehre nicht am Ende doch da und dort zum Siege bringen?«

»Da und dort, Benedikt, ja; aber auch nur auf eine kleine Zeit,« antwortete Konrad und schaute über seinen Bruder hinaus in den grünen Klostergarten. »Da und dort, wo das Holz faul geworden ist; denn auf dem faulen Holze wachsen die Schwämme. Aber das Ganze« – der Mönch lächelte – »das Ganze können sie niemals überwinden – – es ist auf einen Felsen gegründet, den die Pforten der Hölle nicht überwinden werden nach der Verheißung.«

»Bruder,« begann der junge Mönch aufs neue mit gedämpfter Stimme, »Bruder Konrad, mich quälen schwere Zweifel.«

»Sprich, Benedikt!«

»Bruder Konrad, glaubst du, daß mir nichts auf Erden über die Ehre unserer heiligen Kirche geht?«

»Ich weiß es,« antwortete Konrad. »Du würdest mit Freuden sterben für diese unsere heilige Kirche.«

»Jeden Tag!« nickte der Jüngling und schaute wie im Traume vor sich hin. »Aber, Bruder Konrad, diese Ketzer sind ja auch bereit, ihr Leben hinzugeben für ihre Lehre?«

»Was willst du damit sagen, Benedikt?«

»Ich und die Ketzer müssen Todfeinde sein,« antwortete der Jüngling, »und dennoch ist mir der Ketzer, der für seinen Irrtum zu sterben bereit ist, ehrwürdiger als der Pfaffe, der nicht einmal seiner Kirche und seinem Glauben leben will und in der ersten Anfechtung abfiele wie eine vollgesogene Zecke.«

»Fürs erste,« sagte Bruder Konrad und sah überlegen auf den Jüngling herab, »hat auch der Teufel seine Anhänger, die für ihn zu sterben bereit sind. Fürs zweite – wer ist die Kirche? Wir sind die Kirche, wir stehen auf dem Felsen, und die andern sind schon längst von diesem Felsen abgeglitten. Fürs dritte, grüble nicht, die Grübelei lähmt die Tatkraft! Hast du das prophetische Wort vergessen, das Wort von den Wölfen in Schafpelzen? Ecce – siehe da! Hier sind solche Wölfe! Mit demütigen Gebärden kommen sie einher, nennen sich Freunde Gottes, mores habent compositos, sagt Bruder David, sie halten etwas auf ehrbare Sitten, sie sprechen viel von Gott, von der Tugend, von den Fallstricken des Bösen – cavete, hütet euch! In ihren Herzen tragen sie Unrat und Gift, verhöhnen die Heiligen, verspotten die Wunder, verwerfen das Fasten, verschmähen die letzte Ölung, nennen sich Christi Kirche, Christi Schüler und lehren in summa: Sündige nur immer wacker darauf los, halte dich zu uns, und du wirst das ewige Leben haben!«

»Bruder Konrad, neige dich hernieder zu meinen armen Gedanken!« sagte Benedikt. »Ich hasse die Ketzerei wie die Hölle, und doch – sollten wir nicht den Ketzern selbst als Irrenden mit allen Schätzen der christlichen Liebe entgegenkommen?«

»Wir tun's doch!« antwortete Konrad.

»Bis an eine gewisse Grenze,« sagte der junge Mönch schüchtern.

»Bis an die äußerste Grenze,« antwortete der ältere mit Nachdruck.

»Vergib mir, mein Bruder, und hilf mir über meine Zweifel!« begann Benedikt aufs neue. »Die heilige Geschichte im Evangelium tritt mir vor die Seele: Jesus gedachte, Herberge zu nehmen in einem Markte der Samariter; aber die Samariter nahmen ihn nicht auf. Jakobus und Johannes wollten sie durch Feuer vom Himmel vernichten. Aber Jesus sagte zu ihnen: Wisset ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?‹ – – ›Vergib mir, mein Bruder, und zeige mir, wenn ich irre: Wandelte Christus der Herr noch unter uns, ließe er wohl die Ketzer verbrennen?«

»Du irrst, mein Bruder,« sagte Konrad feierlich. »Wir halten die Gebote unserer heiligen Kirche, wir verbrennen keinen Ketzer, da sei Gott vor, und wir haben auch nie einen verbrannt. Aber sieh selber zu, und die heilige Jungfrau erleuchte deinen Verstand: Ketzerei ist ein peccatum spirituale. Geistliche Vergehen können nur von schriftgelehrten Richtern beurteilt werden. Ergo stellen wir den Ketzer vor das geistliche Gericht und laden das odium auf uns. Nur aus diesem einzigen Grunde? Nein, auch aus einem zweiten Grunde: wir vergelten Böses mit Gutem, wir lieben den Ketzer, unsern grimmigsten Feind, nach der Vorschrift, wir lassen ihm Raum bis zum letzten Augenblicke, wir halten den Goldhort der göttlichen Gnade vor seine kurzsichtigen Augen, solange es geht. Deshalb stellen wir den Ketzer vor das geistliche Gericht, überführen ihn und verurteilen sein Verbrechen – immer bereit, dem Reuigen zu vergeben; denn über Himmel und Erde bis nahe an die Pforten der Hölle erstreckt sich das Reich der göttlichen Liebe. Aber freilich, jedes Reich hat seine Grenzen, also auch dieses größte unter allen Reichen: wo die Liebe aufhört, da wohnt der Zorn. Ist einer überführt und beharrt er in Verstocktheit – was bleibt zu tun übrig? Man schneide das brandige Glied vom Leibe der Kirche, auf daß nicht die gesunden Glieder ergriffen werden von der gleichen Fäulnis! Wir handeln nach dem Worte des heiligen Paulus: › utinam abscindantur, qui vos conturbant‹, zeichnen den verstockten Ketzer mit dem Kreuze, stoßen ihn aus dem Schoße der Kirche und überantworten ihn der weltlichen Obrigkeit, damit sie das Werk vollende. Wir verbrennen den Ketzer nicht, da sei Gott vor! Was der weltliche Richter über den Ausgestoßenen verhängt nach der Richtschnur seiner Gesetzbücher, ob er ihn verbannt aus seinem Vaterlande, ob er ihn auf Lebenszeit in den Kerker wirft, ob er ihm eine andere Strafe auferlegt, das alles kümmert uns nicht weiter: wir haben unsere Pflicht getan, wir haben den Flecken vom Brautgewande der Kirche abgewaschen – mögen die Toten ihre Toten begraben! Wir aber schreiten vorwärts mit dem Kreuze in der hocherhobenen Hand, vorwärts, dem Siege entgegen.«

»Du hast recht, Bruder Konrad, du hast immer recht,« flüsterte der junge Mönch und neigte in Demut sein Haupt. »Deine Logik ist ohne Lücken und zwingt den Gedanken von Stufe zu Stufe. Ich aber will beten, damit ich nicht mehr in unnütze Grübelei verfalle.«

»Tu das, mein Sohn,« sagte Bruder Konrad und hob segnend die Rechte, »wache und bete! Dann wird die heilige Jungfrau deine Sinne schärfen und deine Tritte sicher machen. Unbeirrt wirst du dahinschreiten, nichts anderes denken Tag und Nacht als das eine: Zukomme uns dein Reich!«

* * *

In der Hitze des Nachmittags füllte sich der Klosterhof aufs neue. Wie am Morgen standen die Kleriker in Gruppen, aber gleich dem Sande unter ihren Füßen und der Luft um sie her waren ihre Gemüter erhitzt, erregte Worte flogen, und wie dumpfes Grollen brandete es zwischen den hohen Mauern.

»Habt Ihr's nicht bemerkt, Herr Komtur?« fragte händereibend der Pfarrer von Sankt Nikolaus. »Das Volk steht in bedrohlicher Menge vor der Pforte.«

»Fürchtet Ihr Euch?« kam die Antwort spöttisch zurück.

»O ganz und gar nicht, gar nicht!« beeilte sich der Pfarrherr zu beteuern. »Aber dem Volke ist nicht zu trauen, man sollte sich vorsehen.«

»Sie sollen etwas wagen!« rief der Komtur, und seine Züge wurden hart wie Stein.

»Mit Gewalt werden sie uns wohl nicht angreifen, aber mit bösen Reden tun sie uns großen Schaden,« flüsterte der Pfarrer. »Man hat mir's zugetragen.«

»Und was hat Euch Eure Kocherin zugetragen?«

Der Pfarrer von Sankt Nikolaus überhörte den Spott, schaute sich vorsichtig um und sagte: »Böse, gottlose Reden. Im Volke heißt's, der bei den Dominikanern liegt, sei ein barmherziger Mensch, das habe man in währender Hungersnot erfahren; er sei ein harmloser Krämer, niemand könne ihn mit Recht einen gottlosen Ketzer schelten; im Gegenteil, er sei ein heiliger Mann, falsche Zeugen seien wider ihn gekauft worden. So geht das Geschrei.«

»Was kümmert Euch das Gebläse?« fragte der Komtur verächtlich.

»Ich denke, die Dominikaner,« flüsterte der Dicke, »ich will nichts gesagt haben, doch die Dominikaner treiben's zu stark, die Leute werden kopfscheu, wir Pfarrer können davon reden! – – Es geht nichts über den Frieden in der Gemeinde.« –

»Bösartige Hitze!« sagte der Domherr vom Wyschehrad und trat langsam herzu. »Setzen wir den Ketzer eine Stunde lang in den Sand, dann verbrennt er von selber zu Asche.«

»Habt Ihr nicht auch die bedrohlichen Gesichter an der Pforte bemerkt?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus und verbeugte sich fortwährend.

»Ich komme von der Mahlzeit hieher,« antwortete der Domherr, »und habe nichts bemerkt. Nach der Mahlzeit pflege ich überhaupt nichts zu bemerken, Domine paroche. Die Ruhe der Seele beruht auf der ruhigen Verdauung – das ist die Summe aller Philosophie, domine paroche

* * *

Hochaufgerichtet stand der greise Ketzer inmitten seiner Feinde. Hart und scharf und eintönig klangen die Fragen des Inquisitors, klar und bestimmt kamen die Antworten aus dem Munde des Angeklagten zurück.

Dumpf war die Luft in dem niederen Saale, und auf der Stirne des Pfarrers von Sankt Nikolaus glänzten dicke Tropfen.

»Viel zu viele Umstände – nicht auch Eure Meinung?« flüsterte er dem Domherrn vom Wyschehrad zu.

Dieser nickte.

»Ist ja längst überführt, hat gestanden, also punctum!« fuhr der Pfarrer fort.

»Ruhe!« zischte ein Dominikaner, und mit einem schiefen, bösen Blicke schwieg der Pfarrer.

»Noch immer kannst du dich retten, haeretice,« sagte der Inquisitor, und die Federn der Schreiber neben ihm raschelten über die Pergamente.

Der Ketzer aber schwieg, und seine dunkeln Augen schauten über den Saal; furchtlos stand er da, als stünde er weit über dem Treiben der Menschen auf einem hohen Berge und schaute hinein in die untergehende Sonne.

»Unerschöpflich wie das Meer ist die Gnade der heiligen Kirche,« begann der Inquisitor aufs neue. »Und siehe, ich fülle eine Schale aus diesem Meere und reiche sie dir entgegen – trinke, und du wirst genesen!«

Langsam senkten sich die Augen des Ketzers aus der weiten Ferne hernieder und hefteten sich auf das Angesicht des Dominikaners. »Was wollt Ihr noch hören – habe ich Euch nicht alles gesagt?«

»Du hast alles bekannt, was dich selber betrifft,« antwortete der Richter.

»Und Ihr glaubt, ich würde Euch andere verraten?« sagte der Greis und lächelte.

»Verraten?« rief der Dominikaner. »Da sei Gott vor! Dein Unrecht sollst du gut machen, so lange du noch Raum dazu hast.«

»Welches Unrecht?« fragte der Ketzer und kreuzte die Arme über der Brust. Ringsumher aber entstand in den Reihen der Kleriker ein Murren.

»Aus dem Munde der Zeugen wissen wir,« fuhr der Richter fort, »daß du ein Oberer, ein Bischof dieser Sekte bist und daß deinem Worte Tausende und Tausende gehorchen in Österreich, Böhmen und über die nördlichen Grenzen Böhmens hinaus.«

»Ihr täuschet Euch,« unterbrach ihn der Greis.

»Die Zeugen haben den Eid geleistet vor diesen allen: du bist ein mächtiger Oberer in deiner Sekte!« rief der Inquisitor.

»Ihr täuschet Euch,« rief der Greis zum zweitenmal.

»Stoße die Hand nicht zurück, die sich dir und vielen Tausenden entgegenstreckt. Tritt morgen auf den Ring dieser Stadt und schwöre deinen Glauben ab, du Oberer in deiner Sekte, und die andern werden dir folgen!«

Wieder lächelte der Ketzer und senkte einen Augenblick das Haupt auf die Brust. Dann richtete er sich hoch auf, streckte gebieterisch die Hand aus und rief: »Ihr habt recht, ich muß Euch noch einiges sagen; denn Ihr seht noch nicht klar in dieser Sache. Darf ich frei weg aus meinem Herzen reden?«

»Sprich!«

»Ihr sagt, ich sei ein Oberer in meiner Sekte, und Ihr beruft Euch auf Eure Zeugen, die ich nicht kenne. Ich aber sage Euch: Wir haben nur einen einzigen Oberen, und der ist Christus.«

Ein Murren ging durch den düsteren Saal und wollte nicht aufhören, bis der Richter die Ruhe gebot.

»Ihr sagt ›tritt morgen auf den Ring, schwöre deinen Glauben ab, und die andern werden dir folgen!‹ Ich aber sage Euch: Täte ich das morgen oder übermorgen, meine Brüder würden das Angesicht verhüllen vor mir aber folgen – folgen würde mir wohl keiner. Was bedeutet auch der eine Halm im Ährenfelde? Was bedeutet der eine alte Mann im Lande Österreich, Böhmen, Mähren, der eine, der vielleicht etliche Jahre lang am Brunnen des Heils gesessen ist und beauftragt war von der Gemeinde, das lebendige Wasser vor aller Augen in Krüge zu schöpfen? An meine Stelle wird ein anderer treten und seinen Brüdern dienen. Nirgends werden die leeren Stühle rascher besetzt, als im Reiche Gottes.«

Stärker wurde das Murren ringsumher. Mit erhobener Stimme und mit erhobenen Händen aber rief der Richter: »Heilige Jungfrau, vergieb uns, wir müssen die Lästerung hören!«

In den Augen des Ketzers loderte ein Blitz auf, und noch höher richtete er sich empor:

»Ihr wähnt, daß Tausende und Tausende auf mein Wort hören in diesen Ländern – ich aber sage Euch: Hunderttausende sind's, Hunderttausende, die nicht auf meine armselige Stimme, sondern auf die Stimme des Herrn hören, der sich selbst genannt hat den Weg und die Wahrheit und das Leben.«

Fette Gesichter, hagere Gesichter, brennende Augen, glotzende Augen waren ringsumher auf den Ketzer gerichtet. »Es ist genug!« schrie einer aus dem Haufen. »Es ist genug!« schrieen zehn, schrieen zwanzig.

»Ruhe!« donnerte der Inquisitor und erhob sich von seinem Sitze. »Alles, was ich ihn reden lasse, das lasse ich ihn reden kraft der mir vom heiligen Vater gegebenen Vollmacht, zur Ehre der einen, heiligen Kirche. Wer den Feind nicht kennen lernt, wie kann der den Feind bekämpfen?«

»Ihr habt recht,« sagte der Ketzer; »wer den Feind nicht kennt, wie kann der den Feind bekämpfen?« – »Und warum bekämpfet ihr uns?« fragte er plötzlich.

»Weil wir nicht ruhen dürfen, bis daß wir alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht haben,« antwortete der Ketzerrichter kalt.

»Ihr – uns!« wiederholte der Lyoner, und seine glühenden Blicke flogen über den ganzen Kreis der Kleriker. »Die ihr mit allen Kräften eurer Seelen nach dem Reiche Gottes trachtet – uns, die nach dem gleichen Ziele laufen; ihr, die Hungrigen, uns, die den gleichen Hunger haben; ihr, die Knechte, uns, die Knechte des gleichen Herrn; ihr, die ihr prediget auf allen Gassen, wie auch wir predigen, daß nur Eines notwendig sei in dieser Welt!«

»Täusche dich nicht, zwischen uns und deinesgleichen ist ein Abgrund befestigt,« sagte der Ketzerrichter, und unaufhörlich raschelten die Federn seiner Schreiber über die Pergamente.

»Glaubt ihr, daß wir mit verbundenen Augen einhergehen?« fuhr der Lyoner fort. »Da sitzet ihr, da stehet ihr rings um mich her, da lauert ihr auf jedes Wort aus meinem Munde, in weichen Gewändern, in härenen Kutten, mit goldenen Kreuzen auf der Brust, mit Striemen auf dem gegeißelten Rücken, Herrenkinder mit geschliffenen Schwertern und Knechtessöhne, und fühlet euch alle als Glieder eines einzigen Leibes – ? ich sage euch: Abgründe sind befestigt, aber diese Abgründe durchschneiden eure eigene Kirche, die ihr die einzige, die heilige nennt.«

Wieder brach der Unwille aus der Masse der astantes hervor, wieder gebot der Dominikaner die Ruhe.

»Und abermals frage ich euch, warum bekämpfet ihr uns?« rief der Lyoner. »Ich will's euch sagen: Der Fürst dieser Welt verblendet eure Augen.«

»Wie meinst du das?«

»Wie ich das meine? Als unser Herr auf Erden ging, da führte ihn der Satan auf einen hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: ›Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.‹«

»Spare deine Worte, haeretice; es ist keiner im Saale, der diese heilige Geschichte nicht genau kennete!« rief der Inquisitor.

»Ich weiß es, ihr alle kennt sie,« sagte der Ketzer, und seine Stimme klang grollend. »Ich will auch eure Geduld nicht lange mißbrauchen. Der Herr trieb den Bösen von sich, und der Böse entwich. Aber nur etliche Jahre wartete er, dann kam er wieder und versuchte des Herrn Magd –«

Wieder entstand ein Murren unter den Klerikern ringsumher.

»– und siehe da, die Magd strauchelte – – und setzte sich auf den römischen Berg und gewann die Herrschaft über die Erde. Wohlan, warum dient ihr Predigermönche dieser Kirche?«

Tosend brach der Lärm los, Fäuste ballten sich, Schwerter klirrten, Verwünschungen flogen gegen das Haupt des Ketzers – der aber stand mit gekreuzten Armen wie vorher und lächelte seinen Feinden entgegen.

»Ruhe!« donnerte der Inquisitor und erhob sich. Dann wandte er sich zum Ketzer: »So beantworte mir noch dieses! Deine Sekte besitzt nach deiner Meinung die Wahrheit –«

»Sie besitzt den Schlüssel der Wahrheit, die heilige Schrift,« unterbrach ihn der Greis.

»Warte mit deiner Antwort, bis ich meine Frage gestellt habe!« rief der Dominikaner mit drohender Stimme. »Deine Sekte ist Tag und Nacht bei der Arbeit, sie untergräbt die Mauern unserer heiligen Kirche, sie heuchelt mit ihrer Armut und ringt nach der Herrschaft. Ist's nicht also?«

Regungslos stand der Greis, schlug die Augen zu Boden und sann. Darauf aber erhob er die Lider und antwortete mit klarer Stimme: »Ihr da droben, schreibet auf eure Pergamente, was ich euch sage! Gott bewahre die Armen in Ewigkeit, daß sie reich werden in dieser Weise und die Hungrigen, daß sie satt werden auf eure Art. Das Geheimnis ist groß – wer kann's ergründen? Mensch bleibt Mensch, der Satte lacht über den Hunger, der Reiche verhärtet sein Herz, und beide ersticken im Fette der Selbstgerechtigkeit. Kämen die Armen zur Herrschaft in aller Welt, was anders würden ihre Diener als eure Nachfolger? Himmelsgüter waren in die Hände der Kirche gelegt zu Anfang, eine Haushälterin sollte sie sein, sie aber hat sich zur Herrin gemacht. Darf die Kirche herrschen? Nein! Christus hat gesagt – ›Die Ersten werden die Letzten sein.‹ – – Darf sie kämpfen mit Feuer und Schwert? Nein! Der Geist kämpft für sie, und Christus hat gesagt – ›Stecke das Schwert ein, Petre!‹ – – Was aber sollen Christi Diener? Lehren und leiden sollen sie. Christus hat gesagt – ›Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der kann nicht mein Jünger sein.‹ Zu denen, die ihr Leid tragen und nicht murren, hält sich der Geist des Herrn und Meisters; Kreuzträger sind die Lieblinge Gottes in allen Zeiten gewesen und werden die Lieblinge Gottes sein in aller Zukunft. Solange meine Brüder Verfolgung leiden, solange werden sie Christi Jünger sein. Ich bete täglich, daß die Verfolgung nicht aufhöre – und daß wir nirgends die Herrschaft erlangen

»Das ist leicht gesagt mit schönklingenden Worten,« rief der Inquisitor.

»Ich habe es nicht leichthin gesagt und bin bereit, zu leiden,« antwortete der Lyoner.

»Weißt du, was deiner wartet?«

»Ich weiß es; das wird uns gelehrt von Kindesbeinen an.«

»Du hoffst, aus deinem Gefängnisse zu entrinnen. Wir wissen's aus Zeugenmunde, du hast einen starken Zauberspruch!«

Wie Wetterleuchten flog es über die Züge des Greises, und wieder richtete er sich hoch empor. Es war Dämmerung auf die Versammlung herniedergesunken, und ganz stille war's, als der Lyoner langsam fragte: »Wollt ihr den Zauberspruch hören?«

»Sprich!« sagte der Dominikaner und bekreuzigte sich, und ringsumher entstand ein Rascheln der Gewänder, denn alle Kleriker schlugen das Kreuz.

Der Ketzer aber faltete die runzeligen Hände, hob die Augen und rief mit lauter Stimme:

»O du lieber Vater, Herr Jesu Christe! Unter dein heiliges Kreuz verbirg mich, mit deinen heiligen fünf Wunden beschließ' mich, Gott Vater vor mich und Gott Sohn hinter mich und Gott heiliger Geist über mich – wer stärker ist als diese Drei, der gehe her und greife mich an! Das helf' mir Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiliger Geist jetzt und in alle Ewigkeit, Amen!«

»Zum Ende! Zum Ende!« schrieen die clerici astantes und drängten heran von allen Seiten.

»Zurück im Namen des heiligen Vaters!« schrie der Inquisitor. »Man zeichne ihn!«

Teilnahmslos stand der Ketzer und ließ sich zeichnen mit dem Ketzerkreuze, streckte die Hände vor und ließ sich fesseln, und wortlos schritt er zwischen den Wächtern durch seine tobenden Feinde – dem Tode verfallen.

* * *

Die Ruhe der Nacht umfing das Kloster, in Ruhe lag die weite Stadt.

Auf Adlerdaunen schlief der Pfarrer von Sankt Nikolaus, eine seidene Decke umhüllte seine Glieder, aus weichem Wangenkissen, gleichsam auf einem mildblinkenden Heiligenscheine, schlummerte sein glänzendes Haupt. Friedlich wie das gute Gewissen brannte das Nachtlicht zu seinen Füßen, auf dem Tischlein neben seinem Bette stand der Becher, aus dem er den würzigen Schlaftrunk geschlürft hatte, auf seinem rundlichen Kinne schimmerte es noch feucht wie rötlicher Weinrest, um seine lächelnden Lippen spielten noch die Worte seines stillen Abendgebetes – »Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie diese Leute!« – und zuweilen zuckten seine kurzen Hände, als wollten sie einander auch noch im Traume reiben.

Auf harten Lagern ruhten die rauhen Bettelmönche in finsteren Zellen und maßen ihren Leibern eine karge Rast zu, damit sie am Morgen wieder tüchtig wären zum Kampfe für die heilige Kirche.

Auf hartem Lager ruhte ein junger Mönch, ruhte und schlief nicht und schloß die Augen nicht in dieser Nacht.

Und auf den kühlen Steinplatten seines Gefängnisses kauerte der Lyoner, gebunden mit sichtbaren Stricken – einer der wenigen, die frei waren in der Stadt Prag.

* * *

In der Pförtnerstube an der Torhalle brannte ein Licht, und Bruder Anastasius harrte auf den Wagen des fremden Kaufherrn.

Er hatte große Unruhe, lief ans Tor, öffnete den Schieber, schloß ihn und lief wieder in seine Zelle, kam zurück, öffnete den Schieber wieder und hing sein Ohr in die stille Gasse hinaus.

»Hast dich narren lassen, narren lassen, Anastasi; böse Leut', böse Leut', allesamt, allesamt; gut, daß der Prior, der Prior nichts weih, lacheten alle, die Brüder, alle – – –.«

Bruder Anastasius irrte sich. Über die Moldaubrücke rollte ein hoher Frachtwagen gegen die Altstadt heran, im Mondlichte glänzte die schmucke Leinwanddecke über seinen Reifen, zwei starke Rosse stampften vor ihm, zwei bewaffnete Reisige schritten hinter ihm.

»Vorwärts, auf!« rief der stämmige Fuhrknecht am Altstädter Brückentore und wies mit der Peitsche zurück auf die Leinwanddecke, über der das Fähnlein des Königs flatterte.

»Das kommt auch zu allen Zeiten des Tages und der Nacht!« brummte der Kreuzherrenbruder, dem die Torwache oblag, schloß den Schiebladen und hob den Schlüsselbund vom Nagel.

»Schönen Dank!« sagte der Knecht, als er neben dem polternden Wagen durch die Torhalle schritt, und pfiff vor sich hin.

»Ist ja kein Königsgut!« rief der Mönch.

»Wer redet von Königsgut?« schrie lachend der Fuhrknecht.

»Und habe doch das Fähnlein flattern sehen mit meinen leiblichen Augen!« rief der Mönch.

»Fähnlein? Da habt Ihr geschlafen und geträumt!« schrie der Knecht.

»Wohinaus geht die Reise?« rief der Mönch. – »Wohin? – – Sag's noch einmal, kann's nicht verstehen!«

Da umschlangen zwei starke Arme seinen Hals, im Nu lag er auf der Erde, einer von den Reisigen kniete auf seiner Brust, schob mit unwiderstehlicher Kraft einen Knebel zwischen seine Zähne, fesselte seine Hände und Füße und raunte: »Stille halten! Geschieht dir kein Leid.« Dann hob er den Mönch empor und trug ihn wie ein Kind in die Pförtnerzelle, legte ihn sorgsam aufs Lager, schlüpfte in eine Kutte, ging heraus, schloß das Tor und benahm sich würdig als Bruder Pförtner im Kloster der Kreuzherren.

Langsam rollte der Wagen weiter, hinein zwischen die hohen Giebelhäuser. Neben den Rossen schritt wie vorher der Knecht, hinter dem Wagen ging der andere Reisige. Aber vom Königsfähnlein war nichts mehr zu sehen. – –

»Gleich aufmachen, gleich aufmachen!« stieß Bruder Anastasius in freudiger Erregung hervor. »Gute Leut', gute Leut'!«

»Noch ein Wort!« flüsterte der Reisige, während der Knecht auf der andern Seite der Gasse pfeifend neben seinen Rossen hielt. »Der Schwarzkünstler, der Ketzer, kann er uns kein Leid zufügen?«

»Ohne Sorg', ohne Sorg'!« antwortete der Mönch. »Kann nicht 'raus. Starke Ketten. Versteht mich?«

»Noch immer am nämlichen Orte?« forschte der Reisige und machte ein ängstliches Gesicht.

»Nimmer lang, nimmer lang,« grinste der Mönch. »Morgen, übermorgen – ffft! Versteht mich?«

»Vorwärts!« befahl der Reisige. »Hüh!« rief der Knecht.

Durchs Tor rollte der Wagen in den Hof – auf dem Pflaster zappelte Bruder Anastasius, stöhnte hinter seinem Knebel und rollte angstvoll das eine Auge. Unter der Leinwanddecke des Wagens aber sprangen Bewaffnete hervor, einer nach dem andern, eine ganze Schar.

»Schrägrechts über den Hof, die dritte Tür!« rief der Reisige, der auf des Mönches Brust kniete, mit verhaltener Stimme. »Tor schließen, alle inneren Türen besetzen!«

Über den Hof stürmten die Reisige, der Wagen wurde gewendet und Pförtner Anastasius gleich seinem Bruder vom Kreuzherrnstifte sänftiglich auf sein Lager gebracht.

* * *

Im Rücken einer kleinen Schar stieg die Sonne empor. Eilig, eilig ritten die Männer, und um sie her wirbelte der Staub.

»Du bist ein leidlicher Reiter, trotz deinem hohen Alter, Krämer,« sagte Burkhard. »Freilich, die Mähre geht wie eine Wiege. Herr Wok hat sie selbst herausgesucht.«

Hubald lächelte ein wenig und nickte. »Dennoch ist mir's gar sehr beschwerlich.«

»Höre, Krämer, du verwunderst mich! Ein anderer an deiner Stelle brächte den Mund nimmer zusammen vor lauter Freude. Wie vortrefflich hat sich alles gemacht: daß ich noch nicht fortgeritten war aus Prag, daß ein Gewisser die Augen zudrückte, daß die Mönche feige hinter den Türen blieben. Freu dich, weil du lebst! Oder hättest du gerne gebrannt wie eine Fackel als Märtyrer?«

»Nein, Herr; denn ich habe noch viel zu arbeiten auf Erden, wenn Gott will, daß ich lebe.«

»Wenn Gott will – freilich will er, das siehst du doch!«

»Wenn Gott will!« sagte Hubald zum zweitenmal mit Nachdruck.

»Ein gutes Roß, ein starkes Schwert, ein frischer Mut, ein kräftiger Segen – diese vier Patrone helfen, daß unser Herrgott selber mithelfen muß,« rief Burkhard lachend.

»Ich bin Euch großen Dank schuldig, Herr; mit Lebensgefahr habt Ihr mich nun zum zweitenmal den Händen meiner Peiniger entrissen – gewährt mir noch eine Gunst – – spottet nicht über Gottes Hilfe!«

»Eia, spotten!« sagte der Ritter leichthin. »Ich spotte nicht; jeder Reiter bedarf unseres Herrgotts.« – »Sonderlich wir auf unserer Fahrt,« setzte er ernsthaft bei. »Bis Beraun bin ich ohne Sorge, dahin können wir im Haufen reiten. Von Beraun nach Pilsen aber müssen wir verkleidet schleichen auf Seitenpfaden; denn unsere Feinde lauern auf allen Wegen. Von Pilsen nach Cham können wir wieder reiten.«

»Wenn Gott will,« sagte Hubald.

»So laß doch deinen Spruch – freilich will er!« rief Burkhard. »Am besten wär's, du könntest dich in Beraun verbergen, und ich schliche allein weiter mit meinen Briefen.«

»Die Feinde sind mir seit Monaten auf den Fersen,« sagte der Lyoner. »Von Beraun bin ich nach Prag geflohen, und in Prag haben sie mich aufgegriffen. In Beraun bin ich am wenigsten sicher; ich ginge gern mit Euch nach Cham.«

»Alle Teufel,« rief Burkhard, »hätte ich das gewußt! Da mußt du meinen falschen Bart nehmen, ehe wir in Beraun einleiten.«

»Das will ich tun,« antwortete Hubald.

* * *

Lange trabten sie schweigend dahin im Morgensonnenscheine. Auf einmal sagte der Ritter: »Was du glaubst, weiß ich nicht, Ketzer; kümmert mich auch nicht, warum sie dich nun zum zweitenmal gefangen haben. Käm's auf mich an, so könnte jeder glauben, was er wollte. Solch ein gefährliches Handwerk hinge ich aber nun doch an den Nagel, Ketzer!«

»Reitet Ihr nicht auch mit frischem Mute hinein in die Gefahr, Herr?«

»Das ist meine ehrenvolle Pflicht,« antwortete der Mann des Herrn Zawisch mit Stolz.

»Auch meine Ehre und meine Pflicht gebieten mir, Not und Tod zu verachten auf meinen Wegen,« sagte Hubald, der Lyoner.

Und wieder ritten sie schweigend nebeneinander, bis die Türme von Beraun aufstiegen vor ihnen.

 

Der Morgenwind strich leise über das dunkle Waldmeer, aus dem sich der massige, felsige Berg erhebt, und trug den Harzduft über die grauen Schindeldächer des Dorfes, das zu Füßen der Burg lag.

Die Sonne sandte ihre ersten Lichtgrüße über die erwachende Erde, in den düsteren Tannen wallten die grauen Nebel, auf den rotbraunen Ziegeldächern, auf Türmchen und Ringmauern der Burg glitzerte Tau, trotzig ragte der Bergfried empor in die klare Luft.

Gleich Schuppen eines Riesenpanzers waren die rohgemeißelten Buckel seiner Quadern anzusehen, gleich dem Helme eines Gewappneten saß der Dachhut auf dem Steinkolosse, und wie eine Helmzier glänzte auf seiner Spitze die kupferne Kugel mit dem blinkenden Fähnlein ins Land hinaus. Unter dem Dachrande aber waren nebeneinander zwei Türen durch die dunkeln Mauern gebrochen und schauten gleich starren Augen hinaus über die Wälder, die auf der Grenzmark zwischen Böhmen und dem Nordgau stehen, schauten tief hinein ins weitmächtige Böhmenland, wo die Morgennebel lagerten über Städten und Dörfern, bis zur fernen Burg hin, die sich ausbreitet über dem hunderttürmigen Prag.

Finstere, fürchterliche Augen waren es, die da überdeckt vom Kranze der Hohlziegel starrten, unter ihnen aber sprangen nebeneinander zwei schmale Steine in die Luft hinaus, Steinbalken, auf denen ein Mann zur Not sich um sich selber wenden konnte.

In den Hütten des Dorfes, am Fuße des Burgberges, regte sich das frische Leben des Tages, und in vielhundert Stimmen tönte es empor aus den grünen Waldrevieren. Der wilde Falke verlies; den Horst und stieg hoch hinauf, hoch über die jubelnde Lerche, hinein in den Morgenhimmel, und tief unter ihm schrumpfte die Burg zu einem Häuflein zusammen und der Bergfried mit seinen finsteren Augen zu einem Pünktlein.

Aber auch hier regte sich das Leben, das fröhliche Leben. Unter dem Kranze der Hohlziegel klebte ein Schwalbennest. Der Ort war gut gewählt, er war geborgen vor Wetter und Wind, und selbst der scharfäugige Falke konnte die kleine Heimat nicht erspähen, über die sich das Dach des Turmes so schützend herauslegte. Auf einem der vorspringenden Steine saß der blaugefiederte Vogel und trank aus dem Grübchen, in dem noch Wasser vom Regen des vorigen Tages glänzte, er trank und hob das Köpflein mit den klugen Augen zu den finsteren Eichentüren empor, trank wieder und hob das Köpflein wieder. Über dem Vogel aber, im kleinen Neste, streckten sich gelbe, weitaufgesperrte Schnäbelein und piepsten jammernd um die Wette in die Morgenlust hinaus. Da hob der Vogel die glänzenden Schwingen und schoß lautlos hinweg über die Dächer der Burg.

Zwitschernd warteten die nackten Kreaturen und rissen die Schnäbel auf, die hungrigen Schnäbel – als könnte sie jemand hören da droben unter dem Dache, in der ungeheuern Einsamkeit zwischen Himmel und Erde.– –

Höher stieg die Sonne, immer tiefer sank der Nebel zwischen die Tannen hinein, weit drüben gegen Mitternacht, über den schwarzgrünen Forsten, zog der Falke seine Kreise, an der Berghalde kletterten Ziegen, und ganz von ferne her klangen ihre Glöcklein, so fernher, wie die dünne Stimme des Hirtenbuben, der ein Lied sang und die Geißel knallen ließ. –

Die gelben Schnäbel hatten sich heiser geschrieen und waren ermattet zurückgesunken, das Wasser im Grübchen auf dem Steine war vertrocknet im Morgenwinde.

Aus der Tiefe empor schoß die Schwalbe, setzte sich auf den Nestrand und ließ die erste Atzung in die Schlünde gleiten – aber jäh fuhr sie zusammen und, husch, war sie entflohen.

Und wieder hoben sich die gelben Schnäbelein im Neste und schrieen mit neuen Kräften nach Futter.

Unter ihnen aber wich knarrend die eine von den finstern Türen zurück, rauhe Stimmen klangen aus der Tiefe des Turmes hervor, mit wuchtigen Schritten kam's herauf. Ducket euch, Schwälblein, ducket euch tief hinein ins Nest, ducket euch, der Mensch ist in der Nähe, so ducket euch doch, der Mensch! – – –

»Halt!« rief einer keuchend. »Da sind wir, da ist die Tür', da ist der Rosengarten. Die Tür' steht offen, nur hinaus, Alter! Da, vorwärts, nur in die Mauer hinein – so! Jetzt die Hände her, daß ich dir die Riemen durchschneide! Siehst du die vier Speere da? Also mach keine Narrheiten und versuch's nicht, mit uns zurückzugehen! So – eins, zwei – durchgeschnitten! Bist jetzt ein freier Herr, kannst dich lagern im Rosengärtlein. Nur hinaus, aber fein aufgepaßt, den Zaun hat der Gärtner vergessen! Willst dich lagern oder die Herrlichkeit stehend beschauen? Holla, du schleichender Bote des Zawisch?«

»Des Herrn Wille geschehe!« sagte der Lyoner.

»Holla, da heroben bin ich der Herr!« lachte der andere. »Und so denk' ich, wir setzen den grauen Hansen in die Rosen, daß er die alten Beine hängen lassen kann. – So, laß dich nieder, so, wir halten dich, so, nur hinaus! – Greif mit den Händen an den Stein, tu nit so zittern! Und jetzt noch den Wasserkrug her, da nimm, und das Brot – tu sein das Wasser nit verschütten, das Rosengärtlein brauchst nit gießen, so, und jetzt viel Vergnügen, heut' wird's ein schöner Tag – –!«

Mit Wucht fiel die Türe zu, und mit dumpfem Geräusche legten sich die schweren Riegel in das Gemäuer.

Angstvoll strich die Schwalbe vorüber und getraute sich nicht mehr zu ihrem Neste, polternd gingen die Männer die Stiegen im Turme hinab, der Greis aber sah nicht die Schwalbe, hörte nicht das Poltern der Männer, nicht das angstvolle Piepsen unter dem Dache. Er saß zitternd da und hielt sich krampfhaft am Steine, hatte die Augen niedergeschlagen und murmelte: »Herr, dein Wille geschehe, dein Wille geschehe!«

* * *

Wildes Schreien, Waffengeklirre drang aus der Tiefe des Turmes, wieder kamen dumpfe Schritte näher und näher, von der zweiten Türe wurden die Riegel zurückgerissen, pfeifend drehte sie sich in den rostigen Angeln.

»Hunde, verfluchte Hunde, schlechter als Heiden und Kumanen!« schrie eine mächtige Stimme. »Verrat! Er hat gelobt, mir den besten Weg zu zeigen, – – Hunde!«

»Wird auch Wort für Wort gehalten, in die Rosen sollst du gebettet werden, Rosenknecht!« keuchte der andere. »Speere vor! Drängt ihn hinaus! So – willst du gehen? So – noch einen Schritt! Jetzt halt! Mit dem nächsten Schritt liegst du drunten in den Felsen.«

Wutschnaubend stand der Getreue des Herrn Zawisch auf dem Steine. Hinter ihm gähnte die Tiefe, vor ihm aus der Fensterhöhle starrten fünf blinkende Speere.

»Hände vorstrecken und nicht rühren!« rief es von innen heraus.

Knirschend hielt der Gefangene die gefesselten Hände hin, ein Krug, ein Messerlein und ein Laib Brot wurden an seine Füße geschoben, eine Lanzenspitze senkte sich zwischen seine Gelenke, zog sich blitzschnell zurück – krachend flog die Türe zu, die zerschnittenen Riemen fielen auf den Stein – – und mit den Fäusten schlug Burkhard gegen die Eichenbohlen. – – – Lachen und dumpfes Dröhnen der Schritte kam aus der Tiefe des Turmes, ward leiser und leiser und verklang in der Ferne. –

Schweigend saß der Alte und hielt sich fest am Steine, und seine Augen waren geschlossen. Schweigend stand Burkhard mit gekreuzten Armen und starrte hinaus über die Wälder und Dörfer und Städte, hinein ins weite Böhmen.

Unter dem Dache piepsten die gelben Schnäbel, immer kecker wurde die Schwalbe, immer näher schoß sie vorüber. Gleich Standbildern waren die Ausgesetzten anzusehen – da überwand der Vogel die Furcht, schwang sich auf den Nestrand und atzte seine Jungen.

* * *

»Warum stehst du nicht, Krämer?« begann Burkhard mit bebender Stimme. »Komm, gieb mir die Hand – steh auf! Laß uns ein Paternoster beten – und dann, kurz bedacht, hinunter in die Felsen!«

»Ich kann nicht stehen, ich habe das Zittern,« flüsterte der Alte.

»Du armer Tropf!« sagte Burkhard.

»Habt Ihr keine Angst, könnt Ihr hinunterschauen?«

»Ich? Kennst du den Dachfirst auf dem Krummenauer Palas? Ich denke, der hat eine tüchtige Höhe. Siehe, über den laufe ich heute noch wie vor Zeiten als wilder Bub'.«

»Wollt Ihr mir behilflich sein? Ich möchte mich wenden, damit ich nicht immer die Augen schließen muß,« sagte der alte Mann.

»Auf!« rief Burkhard, trat mit einem Beine auf den Stein hinter den Alten, griff ihm unter die Achseln, lehnte sich mit aller Kraft rückwärts und zog den Zitternden empor, stellte ihn auf die Füße, wandte ihn sorgsam um, griff nochmals unter seine Arme, befahl ihm, die Beine zu spreiten, lieh ihn langsam nieder und trat an seinen Ort zurück.

So saß nun der Lyoner rittlings mit dem Angesichte gegen die Türe gewendet, hielt sich an den Kanten des Steines, hob die dunkeln Augen zu Burkhard empor und sagte: »Gott vergelt's Euch, das tut wohl!«

Der stand mit verzerrtem Antlitze und geballten Fäusten, zerbiß seine Unterlippe und spie von Zeit zu Zeit das Blut von sich. »Ich merk's,« grollte er, »Gott vergilt mir's jetzt schon – dir auch!«

»O Herr,« bat der Krämer, »lästert den Heiligen nicht, von dem alles Gute kommt, der auch das Böse zuläßt eine gemessene Zeit und die Menschen hinstellt, wo er will!«

»Müssen aber nicht stehen bleiben,« murrte der andere und lehnte sich an die Türe, kratzte an den granitenen Mauern und spähte mit rollenden Augen in die Tiefe. »Von diesem Steine führt ein gar kurzer Weg zu Tal!«

»Seid Ihr schon in vielen Schlachten gewesen?«

»Was weißt du von Schlachten, Krämer? Ich war in manchem heißen Kampfe!«

»Habt Ihr schon einmal in solch einem heißen Kampfe Euer Roß zur Flucht gewendet?«

»Daß mich mein Patron verlassen und Gott verdammt hätte!«

»Und jetzt?« fragte der Greis.

Der Recke schwieg und kratzte am Granit – »Lieber wollte ich allein reiten gegen hundert, als daß ich da heroben stünde,« brachte er endlich hervor; »da heroben ist's grausig. Und sie wollen's ja selber, daß wir hinunterspringen, die meineidigen Hunde!«

»Wißt Ihr, ob auch Gott es will?«

»Was soll ich da wissen? Du aber weißt auch nicht, daß uns jetzt niemand mehr helfen kann. Schreien darfst du und wenn du zu schreien vermöchtest mit der Stimme einer Posaune, immer wären's nur ihre Knechte, die dich hören.«

»Alles weiß ich,« sagte der Alte, »und ich weiß auch, daß Ihr aushalten werdet.«

»Woher?« kam's trotzig zurück.

»Weil ein alter Mann neben Euch aushalten will,« vollendete der Krämer mit großem Ernste. – »Alles weiß ich,« fuhr er fort, »wir werden sitzen vom Morgen bis zum Abende und vom Abende bis zum Morgen, die Sonne wird auf uns brennen, der Tau wird auf uns fallen, die Zunge wird uns am Gaumen kleben – –«

»O, sie haben uns ja den Krug hingestellt!« rief Burkhard dazwischen, hob den Fuß, stieß an das Gefäß und stieß es hinab in die Tiefe.

»Das Wasser wird meine Qual verlängern, ich weiß auch dieses,« sagte der Greis ruhig und nahm ein Schlücklein aus seinem Kruge. »Ihr hättet es nicht verschütten sollen, das war ein Unrecht.«

»Wäre es nur Feuer gewesen, daß ich's hätte werfen können auf ihre Dächer!« grollte Burkhard.

»Verdorren wird uns die Zunge, und der Schlaf wird uns anrennen,« fuhr der Greis fort. »Wir werden kämpfen müssen, Herr Burkhard, und Ihr werdet auch tapfer kämpfen in diesem Streite, ich kenne Euch darauf. Aber der Kampf wird nicht lange währen – wir werden schwanken und träumen und erschrocken emporfahren, und wieder werden uns die Lider zufallen – und dann kommt die Erlösung.«

* * *

Die Sonne leuchtete hoch am Himmel, und die Steinwand warf ihre heißen Strahlen zurück. Aufrecht stand Burkhard, auf seinem Sitze hing der Krämer. Tief unten zog sich in vielen Krümmungen gleich einem glänzendweißen Bande der schmale, schattenlose Reitweg zur Burg empor. Ein Knabe und ein Mägdlein kamen vom Dorf her; der Knabe trug einen Korb und schritt rüstig vorwärts, das Mägdlein pflückte Blumen am Wege und, selbst wie ein wandelndes Blümlein anzuschauen, nickte sein rotes Kopftuch bald da, bald dort zwischen den grauschwarzen Felstrümmern. Vor dem äußersten Tore der Burg blieb der Knabe stehen, setzte den Korb auf die Erde, rief das Schwesterlein zu sich heran und deutete mit der kleinen Hand auf die zwei Menschen, die unter dem Dache des Bergfrieds klebten. Lange standen die Kinder und sprachen eifrig miteinander. Dann hob der Knabe den Korb auf, nahm das Mägdlein an der Hand und stapfte mit ihm unters Tor. – – –

Im Dorfe erklang die Mittagsglocke. Trotzig schlug Burkhard das Kreuz und fuhr mit der Hand über die heiße Stirne.

»Wollt Ihr mich halten, daß ich einen Bissen Brot zu mir nehme?« bat Hubald.

Schweigend ließ sich Burkhard nieder, setzte sich rittlings auf seinen Stein und stützte den Greis.

»Noch eine kurze Weile, dann steht die Sonne hinterm Dache, und wir sitzen im Schatten,« sagte er.

»Dem Herrn sei Dank; die Hitze war groß!« antwortete der Krämer und netzte die Lippen mit dem Wasser. »Trinkt!« fuhr er fort.

»Nein, ich danke dir,« sagte Burkhard. »Dazu kann mich niemand zwingen. Ich weiß nicht, wie du zu essen vermagst!«

»Ich bin mein Leben lang auf solchem Steine gesessen, habe still gehalten und habe Frieden gehabt. Ich habe auch jetzt Frieden,« antwortete der Greis.

»Stille gehalten,« murmelte Burkhard, »stille gehalten habe ich niemals.«

* * *

Der Abend kam heran. Goldglanz der untergehenden Sonne legte sich auf das Land da draußen und auf die schwarzgrünen Wipfel der Fichten und auf die hellgrün leuchtenden Buchen da drunten ringsumher – es war große Stille allenthalben, nur eine Wildtaube gurrte in der Ferne, nur ein paar Amseln schluchzten traumverloren im Schatten des Bergwaldes, und weithin über die Halde und über das Dorf im Grunde warfen Palas und Bergfried ihre riesigen Schatten.

»Krämer,« begann Burkhard, »die Leute sagen, du könnest die Menschen verzaubern, das; sie deinen Willen tun, ob sie mögen oder nicht. Ich weiß nicht, warum stehe ich denn ohne Hoffnung vom Morgen bis zum Abend? – Ich meine fast, auch mir hast du es angetan.«

»Da sei Gott vor!« erwiderte der alte Mann, hob das Haupt und heftete die dunkeln Augen auf den Recken. »Das lügen die törichten Leute. Ich sage den Menschen, was Gottes Wille ist, und die da Ohren haben, zu hören, die tun danach. Sie wollen selber, wie auch Ihr heute gewollt habt, Herr.«

»Und doch weiß ich nicht, ob ich die grausige Nacht noch aushalte,« sagte Burkhard.

»Ihr haltet aus,« versetzte der Lyoner. »Mich dünkt, wir haben einen mächtigen Schutzherrn; der wird uns dienende Geister schicken, und sie werden uns heben und in die Freiheit tragen!«

»Eia, bete doch; das wollte ich auch gerne erleben!«

»Ich meine die ewige Freiheit; die wird er uns schenken, wenn wir ausharren, und wird uns im Schlafe das Heil schicken,« sagte der Greis mit klarer Stimme, und seine Augen leuchteten.

Und nach kurzer Zeit begann er zu singen, erst leise, dann immer lauter und lauter, daß es weithin klang:

Halte fein stille in deiner Bedrängnis,
Blicke nach oben aus deinem Gefängnis,
Laß dich dein Elend nicht drücken –
Stille, Gott will dich beglücken!

Freilich tut's wehe im Herzen zu tiefest,
Weil er die Hilfe, um die du ihn riefest,
Wollte noch immer nicht schicken –
Stille, Gott will dich beglücken!

Nächtliche Tränen, nagender Jammer,
Satansbesuche in finsterer Kammer:
Laß dich von ihm nicht berücken –
Stille, Gott will dich beglücken!

Gott der Allvater, der die Millionen
Vor dir geführt durch all die Äonen,
Wendet dir nimmer den Rücken –
Stille, Gott will dich beglücken!

Schäme dich, tritt es zu Boden, das Zagen,
Gott will dich heben, mit Freundlichkeit tragen –
Will dich im Leiden beglücken,
Will mit der Krone dich schmücken!

* * *

Lange war der letzte Ton vom Liede verklungen. Noch immer regte sich Burkhard nicht. Dann sagte er: »Hast du das Lied heute zum erstenmal gesungen?«

»Nicht zum erstenmal, aber wohl zum letztenmal,« erwiderte der alte Mann mit freundlichem Lächeln. »Ich habe seiner oft bedurft in meinem langen Leben – und dieses mein Leben ist gar oft heißer gewesen als der Stein da heute unter tags.«

* * *

Die Nacht breitete sich aus, die Sterne traten hervor, einer nach dem andern. Warm und wohlig war die Luft. Die Vöglein des Tages schliefen, das Getier der Finsternis kam aus seinen Löchern, strich geräuschlos am hohen Palas hin, flog schwerfällig hinaus, senkte sich in die schweigenden Wälder. Klagende, langgezogene Rufe ertönten aus unsichtbaren Verstecken. Die Sterne funkelten in ihrer Pracht.

Zusammengekauert jaß der Lyoner, vornüber war sein graues Haupt gesunken. Mit festem Griffe hielt ihn Burkhard am Arme, auf daß er sicher zu schlummern vermöchte, und starrte mit weitgeöffneten Augen hinaus in die Nacht und in die Gefahr. – – –

Um die Mitternacht fuhr der Greis mit einmal aus und begann vor sich hin zu singen:

Ob ringsum Teufel höhnten:
Vergessen hat er dich! –
So hielt' ich still und flehte:
Herr, schütze mich!

Ob aus dem eignen Herzen
Käm' hundertfaches Nein –
Ich hielte still und flehte:
Gedenke mein!

Und wollte gar erlöschen
Mein flackernd Lampenlicht –
So hielt' ich still und flehte:
Verlaß mich nicht!

Wenn alle Tiefen gähnten,
Wenn ich am Abgrund hing
Und wenn in wilden Stößen
Mein Atem ging –

Mein letztes Röcheln seufzte
Zu dir, mein Herr und Gott:
Trag mich auf deinen Armen
Durch diese Not!

* * *

Langsam, tropfenweise rann die Zeit ab.

Der Greis war aufs neue zusammengesunken, stöhnte im Traume und murmelte unverständliche Worte, hob den freien Arm in die Luft, fuhr zitternd empor, sank wieder zusammen und schlummerte weiter.

* * *

Ein Windhauch kam heran, zog seufzend über die Wälder und erstarb in der Ferne.

* * *

Die Hähne im Dorfe krähten. Der Wächter auf dem Torturme der Burg sang dem Morgen entgegen.

Die Sonne stieg empor, der Tag trat seinen Gang an über die Erde.

Der Tag wuchs hinein in den heißen Mittag, senkte sich nieder zum schwülen Abend. Und noch immer klebten die Gefangenen auf ihren Steinen: der eine stand fest und schaute hinaus mit brennenden Augen, der andere saß in sich zusammengesunken, müde und matt, als könnte ihn der Lufthauch des Abends in die Felsen wehen.

* * *

Wieder kam die Nacht und brachte dem einen bleischweren Schlummer, dem andern einsames Wachen und einsame Gedanken.

Schwere Wolken zogen heran, drückend war die Luft. Im Osten flammten die Blitze eines fernen Gewitters. Fürchterliche Stille lag über den ungeheuern Wäldern.

Dichter und dichter ballten sich die Wolken, die Sterne erloschen. Leise begann der Donner zu grollen. – Das Grollen kam näher, ward lauter, stieg höher – – – pfeifend sauste der Wind heran, lief über die Ziegeldächer, fuhr in die Wälder und wühlte sie auf. –

Die Blitze zuckten, in Flammen schien die Burg zu stehen, ward jählings verschlungen von schwarzer Nacht, flammte wieder auf, und der Donner brüllte, der Sturm heulte, die Wälder rauschten.

»Freund, halte dich fest! So – so!« schrie Burkhard.

»Bist du's?« lallte der Greis und schwankte.

»Ich, Burkhard, bin's!« schrie der Recke mit heiserer Stimme. »Wach auf!«

Wieder lallte der Greis, fuhr in die Höhe und lieh sich schwer auf die Seite fallen.

»Ihr Heiligen,« schrie Burkhard, »noch einmal, und ich kann ihn nimmer halten – –!«

Die Blitze zuckten, der Sturm tobte, in Strömen ergoß sich der Regen auf Palas und Türme und Dächer.

* * *

Der Tag dämmerte heran. Grau war der Himmel. Aus den Wäldern stieg ein berauschender Duft.

Die Steine waren leer, und aus dem Grüblein trank die Schwalbe wie ehegestern. Es war ein wenig Wasser darinnen stehen geblieben vom Regen der Nacht.

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