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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 14
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Viertes Buch

Frühjahr 1283

Vier Jahre waren verflossen, und wieder ging ein Maientag zur Rüste.

Im Frühlingskleide prangten Wälder und Fluren, in einem blaugrün-flimmernden Lichtmeere versank die Sonne, in allen Höhen jubelten die Lerchen ihre letzten und wieder ihre allerletzten Lieder, und auf den Zinnen des Hradschin blähten sich stolze Fahnen und grüßten hinaus ins abendliche Land.

Die Tore der Stadt waren geöffnet, und auf allen Straßen und Steigen strömten die Landleute heran, scharenweise, geschmückt mit ihren besten Gewändern.

Zwischen den hohen Giebelhäusern der Altstadt herrschte schon die Dämmerung, und die uralten Türme warfen ihre dunkeln Schatten in die engen Gassen. Kopf an Kopf, den Häusern entlang, stand das Volk in feierlicher Stimmung, stand Kopf an Kopf auf dem Ringe und wartete dem großen Ereignisse entgegen.

Zartgrüne Birken schmückten die Mauern der Häuser, und ihre Blättlein zitterten leise in der wohligen Abendluft. Starke Laubgewinde hingen hoch über den Gassen und verbanden Giebel mit Giebel.

Singende Kinder kamen geschritten, Mägdlein mit Blumenkränzen in den Locken, Knaben mit grünen Zweigen in den Händen. Rührend klangen die weichen Stimmen, klangen und verklangen allgemach in der Ferne.

Tiefer wurden die Schatten. In den Pechpfannen flammten die Feuer auf, und qualmender Rauch zog sich zwischen den Häusern empor.

Die Nacht brach herein.

In Geduld stand das Volk und wartete. Kein unwilliges Wort war zu vernehmen; denn man wartete dem großen Ereignisse entgegen.

Reiter in blinkenden Rüstungen zogen vom Hradschin herab, über die Moldau, durch die Gassen, über den Ring, eng aneinander gedrängt, in breiten Reihen.

Mit entblößten Häuptern standen die Männer, die Weiber hatten die Hände unter der Brust gefaltet. Vor den Reitern tanzte ein großer Rappe, ein Vornehmer in schimmerndem Festgewande grüßte mit dem Schlachtschwerte auf die Menge hernieder. In den weißglänzenden Schilden der Gewappneten leuchtete die rote Rose, und hinter dem Führer ging's flüsternd von Mund zu Mund: »Herr Witigo!«

Im Rauche der Freudenfeuer verschwanden die geharnischten Männer, in den gewundenen Gassen verklangen die Schläge der Hufe.

Neue Züge bogen herein auf den Ring: Selbstbewußt, bewehrt mit dem kurzen Schwerte und dem starken Spieße, kamen die Zünfte einher und ließen ihre Fahnen flattern in der Nachtluft und zogen hinaus vor die Stadt; in wallenden Gewändern, barhäuptig, kamen die Geschworenen, trugen die Schlüssel der Stadttore auf seidenen Kissen, trugen Wein in silbernen Krügen, trugen Brot und Salz auf silbernen Schalen, zogen vorüber und verschwanden in der Dunkelheit; in schimmernden Chorhemden kamen die Weltgeistlichen der Stadt, kam unter schwankendem Traghimmel, gehüllt in goldstrahlende Gewänder, die ehrwürdige Gestalt des Bischofs – betend zogen sie vorüber und verschwanden in Rauch und Dunkelheit.

Flüsternd unterhielt sich das Volk, die Freudenfeuer prasselten und schickten Rauchwolken zum nächtlichen Himmel empor.

* * *

Da kam's durch die lauwarme Luft fernher über den Strom durch die Nacht herunter vom Hradschin und flutete summend, dröhnend und singend und klingend und schickte eherne Grüße über die Stadt. Eine Bewegung ging durch die Menge, und über manchen Mannes und manchen Weibes Angesicht flog ein Zucken, als hätte der Wind den Rauch aus den Pechpfannen herabgedrückt. Über den Giebeln Prags aber hob sich die Antwort mit feierlichen Stimmen und rief den Gegengruß empor zur heiligen Königsburg: Sankt Nikolaus schwang seine große Glocke, Sankt Leonhard fiel mit Schalle darein, von Sankt Martin ging ein Gebimmel aus, der Wyschehrad wachte auf und sang mit dröhnender Stimme hinab auf die Dächer von Prag, hinüber zum Hradschin – immer stärker wurde das Geläute, es hörte sich an, als ob man eine alte, schreckliche Zeit zu Grabe trüge, es klang, als ob die hundert und hundert Glocken einer neuen, besseren Zeit entgegenfrohlockten, entgegenschrieen, es klang, als ob sich der nächtliche Himmel öffnen müßte, als ob Engel in die Stadt herniedersteigen und einherschreiten sollten hinter den geschmückten Kindlein, hinter den Kriegern, hinter den Männern in wallenden Talaren und hinter den Dienern des Herrn, mit Palmen in den Händen und mit dem Gesange auf den Lippen: »Friede sei mit euch!«

Regungslos stand die Menge und wußte nicht mehr, ob die Glocken klangen oder ob ein Frühlingssturm brauste über Stadt und Land, und auf einmal hoben sich aus den dichtgedrängten Massen seltsame Laute und mischten sich in die herzerschütternden, metallenen Töne: alte Männer, gebückte Weiblein, Bürger und Bauern, Herren und Knechte, Frauen und Mägde ließen ihre Tränen rinnen, und es ging ein Weinen und Schluchzen durch die engen Gassen, über den weiten Ring, ein einziges, gewaltiges Schluchzen und Weinen.

Höre, junger König, der du aus fernen Landen einreitest in die Stadt deiner Väter, höre, König Wenzel, das Schluchzen deines Volkes! Gold, edle Gesteine und Perlen bringen sie dir nicht entgegen, die Bürger von Prag, aber köstlicher als Geschmeide und Perlen sind die Tränen, die sie deiner Majestät entgegenweinen. Oft wirst du noch einreiten in eine festlich geschmückte Stadt – hebe deine Gedanken hinaus über allen Schmuck – – jede Stadt kann man schmücken zu Zeiten; oft wirst du noch einreiten, begrüßt vom Geläute der Glocken, umwallt vom Rauche der Freudenfeuer – denke nicht hoch davon – – dürres Holz und gutes Pech brennen immer, und jede Glocke hat einen Strang. Aber das Schluchzen, mit dem dich heute das Volk empfängt in der Stadt deiner Väter, das, Knabe Wenzel, ist sein eigenstes Geschenk, und dieses Freudengeschluchze sollst du nimmermehr vergessen all dein Leben lang, nimmer und nimmermehr.

* * *

Die Fackeln glühten und qualmten, die Rüstungen blinkten und funkelten, die Standarten wehten – sie kamen heran. Die Kinder sangen, die Rosse schnaubten und tanzten, die Kleriker beteten murmelnd, die Luft erzitterte, und ihre dröhnenden Schwingungen wogten von Turm zu Turm – sie kamen heran. Trompeten schmetterten, Posaunen jauchzten, Tücher wehten auf den Gassen und von den Häusern hernieder, ein Speerwald schwankte näher und näher, über den Ring brauste das uralte böhmische Lied: Hospodin, Hospodin, pomiluj ny! – und der König kam heran.

Er ritt auf einem weißen Zelter und war gekleidet in einen purpurnen Mantel. Aschblonde Locken fielen auf seine schmächtigen Schultern herab; ein schmaler Goldreif blinkte über seiner Stirne. Väter hoben ihre Kleinen in die Höhe, Frauen drängten sich nahe heran, ob sie nicht den Saum des wallenden Gewandes zu erhaschen vermöchten – und König Wenzel lächelte, wandte das bleiche, magere Angesicht zu Herrn Zawisch, der an seiner Linken ritt, ließ die Augen schweifen über das wogende Volk, hob die Rechte und winkte lächelnd nach allen Seiten. – – –

Die Fackeln glühten und qualmten, die Rosse schnaubten und stiegen, die Standarten wehten, und die glühenden Fackeln spiegelten sich im nächtlichen Strome. König Wenzel ritt empor zur Burg seiner Väter. –

Schlummere sanft, Knabe, und irre dich nicht! Wem haben sie entgegengeweint und entgegengejauchzt? Dir, Knabe, mit deinen schwachen Armen? Nimmermehr! Der Königsmantel ist ein weiter, weiter Mantel – er schlottert noch an deiner dürren Gestalt. Aber ein wundersamer Glanz geht aus von deinem Haupte und spielt auf deiner Stirne, der Glanz, der von Königshaupt aus Königshaupt wandert und nimmer erlischt, solange noch einer atmet aus dem uralten Geschlechte. Dieser Glanz von deinen Vätern her ist's, der heute schimmernd liegt auf deiner Gestalt, und dieser wundersame Glanz hat den Leuten das Wasser in die Augen getrieben. Nur dieser; nichts anderes. Irre dich nicht!

* * *

In der Bücherei des Klosters Strahow brannte ein Wachsstock, und in dem Dämmerlichte, das von ihm ausging, schien sich der mäßig große Raum mit seinen kurzen, dicken Säulen, mit seinen kunstvoll geschnitzten Gestellen und seinen hohen, schmalen Schreibpulten zu dehnen ins Weite und ins Hohe.

Der Wachsstock brannte auf einem schweren Tische und stand auf kunstvoll gegossenem Bronzegestelle. Rings um ihn her lagen in abgemessener Ordnung etliche Pergamenturkunden, beschwert mit Kristallen, lagen Bimssteine und Schreibrohre, Gänsekiele und Adlerkiele und harte Rabenfedern, wie man sie nötig hatte zum Zeichnen seiner Initialen, und wohlgeglättete Wachstafeln. Starker Geruch, wie er aufsteigt von altem und uraltem Pergamente, erfüllte das Gewölbe.

Hinter dem Tische saßen zwei Mönche. Der eine von ihnen war gebeugt von der Last der Jahre und saß zusammengesunken in einen? Armstuhle; der andere, etwas jünger als sein Bruder, hatte eine große Gestalt und saß hochaufgerichtet da, trotz dem silberweißen Haarkranze, der sich ihm wie seinem Bruder um den Schädel schlang. Wenn der Gebückte das Haupt ein wenig hob und das seine, schmale Antlitz zum Lichte des Wachsstocks wandte, so sah man, daß seine Augen trübe waren; er mochte vielleicht gänzlich erblindet sein. Im kraftvollen Angesichte des andern glänzten helle, große Augen.

Vor dem Tische aber stand mit verschränkten Armen ein hoher, schlanker Mann, wie die zwei Brüder gekleidet in die Kutte der Prämonstratenser, ein junger Mönch, umflossen vom Schimmer schuldloser Schönheit.

»Du atmest, als rängest du noch immer nach Luft, fast wie ein Fischlein auf dem Sande nach Luft schnappt, Bruder Armarius!« sagte lächelnd der gebückte Mönch.

»Ist mir auch zu Mute, wie wenn ich aus dem brandenden Meere käme,« antwortete der junge Armarius. »Sie haben mich beinahe erdrückt. Es war grauenvoll.«

»Ist immer ein bestialisches Ding ums Volksgedränge,« sagte der dritte Mönch; »ein Kluger begibt sich auf die Flucht, wenn sich die Massen der Gaffer stauen in den Gassen und auf den Plätzen.«

»Ich werde noch davon träumen!« rief der Jüngling. »Gerade war der König mit seinem Stiefvater vorübergeritten, und ich fragte einen von den Burgern, warum wohl der Zawisch einen Falken auf dem Helme trage – der Mann vermochte mir keine Antwort mehr zu geben, vom Ringe herein in die enge Gasse kam ein Menschenstrom, stieß an den Haufen, in dem wir standen, preßte uns zusammen und riß uns fort, eilig fort, neben dem Zuge her. – – Frauen schrien, Männer schalten, mit aller Kraft versuchten wir, uns zu stemmen, unaufhaltsam ging der Strom weiter; mich hob es hoch empor, ich konnte den Boden nicht mehr gewinnen, und wie es mich auf einmal in eine Seitengasse hinausdrehte, das weiß ich selber nicht mehr.« – – »Aber gesehen habe ich alles, und dafür ließe ich mich gerne noch ein wenig quetschen,« sagte er mit triumphierendem Lächeln.

»Und gingest zum zweiten Male unter das Volk?« fragte der Kraftvolle.

»Auch das, Bruder Erlbold,« antwortete der Jüngling.

»Dann bist du unverbesserlich, ehrbarer Armarius,« entschied jener, »und eines Tages werden sie uns deine zerdrückten Überreste vor die Schwelle tragen. Wir aber werden dann hierher ziehen ins Armarium, werden ein gewisses Buch aufschlagen und werden auf die letzte beschriebene Seite ein Kreuzlein malen und schreiben: Obiit Bruder Hermann, der die Chronik verfaßt hat bis hierher, der beste aller Armani und Kantores, im Volksgedränge. – Warum aber ist er auch immer wieder hinausgelaufen, ist seine eigenen Wege gegangen und hat seine Nase in alles gesteckt?«

»Weil er mit Permission des Herrn Abtes glaubte, daß man eine Chronik nimmermehr schreiben könne in der Klosterzelle allein,« lachte der Jüngling, und freundlich nickte der gebückte Mönch in seinem Stuhle.

»Siehst du, mein Sohn,« sagte der Behäbige und lehnte sich zurück, »was du den Burger gefragt hast auf der Gasse, das hätte ich dir auch mitzuteilen vermocht.«

»Und warum trägt der Zawisch einen Falken?« fragte der Jüngling eifrig.

Erlbold antwortete:

Niemand sage mir noch, die Großen verbergen ihr Wesen!
Tragen sie doch, fürwahr, das, was sie sind, auf dem Helm:
Löwen und Adler zumal und schrecklich geifernde Drachen –
Alles, was jaget und raubt, alles, was mordet und sengt.

Mit ärgerlichem Lachen stampfte der Jüngling auf den Steinboden und rief: »Das ist wieder einmal einer von deinen Galläpfeln gewesen!«

Mit behaglichem Lächeln sagte der Spötter: »In eine Echterin tu sechs Lot Vitriol, drei Lot Gummi und acht Lot Gallusäpfelein – das ist das beste Tintenrezept. Gallusäpfelein sind immer das Wichtigste in der richtigen Tinte. Gallusäpfelein sind auch viel besser als der starke Wein, den du in deine Tinte gießest, mein Sohn.«

»Jeder schreibt mit dem Safte, der ihm am besten taugt,« antwortete der Jüngling und hob einen offenen Folianten vom nächsten Pulte. »Ihr hört's doch gerne, du und der ehrwürdige Prior, oder nicht?«

»Kämen wir wohl sonst alle Wochen herein zu dir?« fragte der Spötter und lachte dem Chronisten freundlich zu.

Eifrig nickte der Greis und sagte: »Beginne, mein Sohn, ich bin begierig zu hören; denn es hört sich gut an, was du in dein Buch schreibst.«

Der Jüngling hatte sich gesetzt, rückte die Leuchte zurecht und blätterte. »Wo bin ich stehen geblieben?«

»›Da kamen Boten aus Mähren, die taten uns zu wissen: Der Zawisch ist mit der Königin Kunigunde in den Ring getreten.‹ Das war der letzte Satz,« antwortete Bruder Erlbold.

»So höret weiter!« sagte der Chronist.

»Nicht nur Korn und Wein, nicht nur Leinwand und Seide, sondern auch Lügen mancherlei Art fährt man auf den Landstraßen einher und bringt sie in den Städten auf den Markt. Also kamen auch Lügen aus Mähren, die von den einen geglaubt, von den andern verachtet wurden. Ich will aber diese Lügen gar nicht in meine Feder bringen; denn es ist jetzt männiglich bekannt, daß die Königin des Zawisch ehelich Gemahl gewesen ist von Anfang und auch, wie sich's gebührt, von der Hand eines Priesters mit ihm verbunden worden war. Also hatte er nicht durch die magische Kunst ihr Herz gewonnen, wie seine Feinde wissen wollen.

»Der Überlieferung würdig aber scheint mir das zu sein, was ich, Bruder Hermann, an den Kalenden des Juni besagten Jahres des Herrn 1279 ferne von unserem Kloster auf einsamer Heide im Osten vor der alten Stadt Prag gehört habe; denn das war ein omen, wie es die Alten nannten, eine Warnung, wie ich's ansehe in meinem Herzen. Ich war zu einem Todkranken gerufen worden und hatte ihm die Wegzehrung gereicht. Auf dem Heimwege ging ich in tiefen Gedanken, sann darüber nach, wie Gott wohl alles zum guten Ende führen werde im Lande Böhmen, betete auch ein wenig. Der bleiche Mond verwandelte dazumal, weil er im vollen Lichte war, die Nacht durch seinen Schein zum hellen Tage, und leicht hätte einer in dieser Helligkeit sein Breviarium lesen können. Vor mir schritt einher der alte Mann, der Sakristan. So kamen wir nahe an einen Birnbaum, der einen Pfeilschuß weit von der Stadtmauer steht, ganz einsam. Da hob ich das Haupt, lauschte und schaute umher. ›Hast dich getäuscht,‹ murmelte ich und ging weiter. Drei, vier Schritte. Blieb wieder stehen; denn jetzt hörte ich's deutlich, ein Weinen und Wehklagen von Kindern, Weibern und, wie mich's dünkte, auch von Männern dazwischen. ›Hört Ihr's, ehrwürdiger Vater?‹ fragte mich auch der alte Mann, der Sakristan. Sprach ich: ›Wohl ist's zu vernehmen, aber zu sehen ist nichts.‹ Antwortete er: ›Ach und weh, das ist's ja, horchet, jetzt heben sie auch den Gesang an!‹ – Ganz deutlich war es zu vernehmen, unsichtbare Geister sangen in den Lüften mit vielerlei Stimmen durcheinander in Harmonie › placebo Domino in regione vivorum,‹ zu deutsch – ›ich werde Gott gefallen im Lande der Lebendigen.‹ – Das erschien mir als eine Lästerung, das griff in mein Priesteramt, ich rief mit lauter Stimme: ›Alle guten Geister loben Gott den Herrn!‹ Der Widerhall kam zurück von der finsteren Mauer, der Gesang erhob sich stärker als zuvor, und es war, als ob ein großer Chorus von Priestern sänge an einem offenen Grabe. – ›Ehrwürdiger Vater, laßt uns eilig gehen!‹ sagte der Sakristan, der alte Mann. ›Das ist der Tod und die Tödin, die klagen uns ein großes Sterben.‹ ? ›Schäme dich,‹ rief ich, ›geh zu den Ketzern und Heiden mit deinem abergläubischen Sinne!‹ – ›Ehrwürdiger Vater, ich hab's nicht böse gemeint. So nennt's das gemeine Volk. Und es ist uns sicherlich ein grausam Sterben angesagt.‹ – ›Daß du mir das Gerede nicht in die Stadt trägst!‹ sagte ich. Dann spähte ich umher, trat an den Stamm des Baumes und schaute empor in sein Geäste; ich sah niemand. ›Laß uns gehen!‹ sprach ich. ›Wie Gott will, so wird's werden. Was mahnte uns nicht ans Sterben? Alles um uns her tut uns diesen Liebesdienst. Wenn ein Blatt vom Baume fällt, was anders tut's mir kund und sagt's mir an als das Sterben?‹ – Unter währendem Gesänge schritten wir aufs Stadttor zu. Der Sakristan, der alte Mann, aber ging ganz nahe an meiner Seite, schüttelte allfort den Kopf und murmelte: ›Ein großes Sterben, ein grausam großes Sterben.‹ –

»In jenen Tagen äußerte unser ehrwürdiger Prior des Gotteshauses Strahow, der sonst immer schweigt, im Refektorium ein Wort, das ich gar wohl im Gedächtnis behalten habe.« –

»Ich?« fragte der greise Prior verwundert.

»Sicherlich,« antwortete lächelnd der Chronist, und Bruder Erlbold sagte: »Auch ich habe es gehört; lies, ob du's richtig gemacht hast!«

Bruder Hermann fuhr fort: »Etliche Jahre wird's währen, die Dinge werden sich verwirren, als spielten die Katzen mit einem Wollknäuel; die Herren werden einander Abbruch tun im Lande weit und breit; die Wolken werden sich öffnen, das Wasser wird uns bis zum Halse steigen, wird Tausende wegschwemmen von unserer Seite; die Blitze werden uns ängstigen, der Donner wird uns schrecken mit seinem Grollen; wenn wir dann gar keine Rettung mehr sehen, wird sich einer über alle andern erheben, aus einmal, mit großer Macht, und wird den Frieden bringen unversehens; der Herr wird's ihm heißen zu seiner Zeit, der Allmächtige wird seinen Friedensbogen spannen über dem Lande nach Sturm und Wetter, und es wird ganz stille werden.«

»Träumst du, Bruder Armanus?« fragte der Prior.

Der Jüngling aber sagte: »Bruder Erlbold?«

Dieser beugte sich ein wenig vor und sah den Prior an: »So war's, Wort für Wort, und mir ist, als sähe ich dich stehen mitten unter den Brüdern an jenem Abende.«

Der Prior schüttelte gedankenvoll das Haupt. Endlich sprach er leise: »Keine Silbe weiß ich mehr davon.«

»Dann hat's wohl ein anderer durch Euern Mund geweissagt!« rief der Chronist.

»Wird so sein, wenn ihr es sagt,« versetzte der Greis.

Der Jüngling aber fuhr fort:

»Und also geschah es auch; wortwörtlich ging's in Erfüllung. – Wie die Eimer eines Brunnens auf und niedergehen, so steigen und sinken die Parteien in den Städten der Menschen. Wer kann sagen, auf welche Weise der Wechsel vorgeht? In den Adern wirket das Blut, ganz verborgen; ganz im Verborgenen handeln die Menschen, und immer sind's ihrer nur wenige, die herrschen: die Menge läuft dem Erfolge nach. Hatten die Tschechen die Oberhand gewonnen zu Prag und dem Brandenburger den jungen König, Herrn Wenzeslaus, in die Hände geliefert, so gewannen nach Umlauf etlicher Monate die deutschen Burger die Obmacht. Herr Tobias, der Bischof, und Herr Hynek von Duba setzten die Sache ins Werk; ist aber leicht zu vermuten, daß ein anderer aus der Ferne die Fäden regierte. Die Altstadt Prag schrieb dem Brandenburger ab und gelobte im Monat August des Jahres des Herrn 1279 dem Könige allein die Treue. Damals saß der Brandenburger noch auf dem Hradschin; bald hernach aber machte er sich heimlich auf und zog mit dem jungen Könige, Herrn Wenzel, aus dem Lande Böhmen in sein Land. An seiner Statt regierte Herr Eberhard, Bischof von Brandenburg, auf dem Hradschin.

»Da erhoben sie sich ringsumher im Lande mit großer Macht, die Deutschen, schrien und sprachen: ›Der Markgraf hat uns den König geraubt, die Tschechen haben die Schuld daran!‹ Und sie begannen zu kriegen gegen die tschechischen Barone und gegen die brandenburgischen Söldner.

»Nun könnte ein Unerfahrener denken, es sei leicht für einen Bischof, mit einem Bischöfe Frieden zu schließen und in Frieden zu leben, sintemalen es heißt › clericus clericum non decimat‹ – Priester nehmen keinen Zehent untereinander. Weit gefehlt! Herr Eberhard hatte den Ringpanzer lieber als das Meßgewand, und das Schwert handhabte er besser als das Pedum. Unser hochwürdigster Bischof ging selbst empor zur Burg, demütig zu Fuß, mit etlichen wenigen Klerikern. Sagte: ›Siehe, mein Bruder, wir sind in unsere Ämter gesetzt, damit wir Wunden heilen. Du aber schlägst dem Lande schwere Wunden. Deine wilden Reiter traben hierhin und dorthin, rauben und morden und sengen. Willst du nicht dem Markgrafen schreiben, das Volk verlange nach seinem Könige, es sei nicht gut, wenn ein junger König ferne von seinem Volke aufwachse? Willst du nicht hinausrufen von deinem Sitze, daß man Frieden halte?‹ Herr Eberhard aber tobte gleich einem wilden Eber, schrie und sprach: ›Wer trägt die Schuld, wenn die Kriegsfurie über die Felder rast? Du, mein Bruder! Unterwerfet euch dem Willen des Markgrafen, dann werdet ihr Frieden haben. So aber werden wir euch das Blut aus dem Leibe, das Mark aus den Knochen pressen und werden euch den Gehorsam lehren.‹ – Herr Tobias, der hochwürdigste Bischof, ging weinend aus der Königsburg und stieg hernieder ins Tal. Unterwegs aber sagte er zu seinen Begleitern: ›Ich gedenke des Lämmleins, das dem Wolfe das Wasser trübte. Es ist immer die alte Geschichte.‹ – Dieses habe ich, Bruder Hermann, selber gehört von einem seiner Begleiter. –

»Die Flammen des Krieges schlugen bis an den Himmel empor. Wußte bald keiner mehr im Lande, wer Freund und wer Feind sei. Burg stand gegen Burg in den Waffen, Dorf gegen Dorf, wie auch Prag, die Altstadt, in Waffen gerüstet stand gegen den Hradschin. Schwere Drangsale erfuhren wir, die Mönche vom Strahow-Kloster; doch von diesen will ich schweigen.

»Beklagenswert war das Schicksal der Bauern. Der Ritter hat sein festes Haus, der Burger zieht die Brücken seiner Stadt in die Höhe – der Bauer kann sich nimmer schützen. Damals flohen die Bauern in die Wälder, in die Berge, verkrochen sich in Höhlen, duldeten Hunger und Kälte. Andere wieder zogen in Scharen vor die Städte, heischten Einlaß, und so geschah es, daß manche Städte voll wurden von Hungerleidern bis unter die Dächer. Wieder andere rottierten sich, wählten einen Hauptmann, riefen, ›es ist alles hin und verloren!‹ und wurden Räuber – ärgere, als die Räuber zu Roß. Aber wer will richten den Armen, der in der Not vom geraden Wege abweicht? Weinen muß man. – Wachet und betet!

»Zu Anfang waren die Parteien im Lande Böhmen scharf voneinander geschieden: deutsche Bürger und Herren – tschechische Herren und der Markgraf von Brandenburg. Hernach aber war's, als ob alles in ein einziges wildes Gewässer zusammenströmte. ›Die Deutschen haben das Dorf verbrannt, die Deutschen haben den Kaufmann niedergerannt!‹ so hieß es nach jeglicher Gewalttat. Hörte man näher hin, so waren's gar oft die brandenburgischen Reiter gewesen, und die deutschen Herren hatten keine Schuld daran. Also standen Deutsche gegen Deutsche, Tschechen gegen Deutsche, und gleichwie die Raben zum stinkenden Aase, so kamen heimatlose Abenteurer aus dem Reiche, aus Österreich, aus Polen, ja die ungarischen Falben streiften etlichemale bis vor Prag, seltsam anzusehen in ihren pelzverbrämten Scharlachgewändern, mit den Pfauenfedern auf den silbergestickten Mützen, mit den Perlenschnüren, die ihre Vornehmen durch die langen Bärte schlingen. Gott bewahre uns vor diesen windschnellen Falben, die man auch Kumanen nennt! Heil dem Zawisch und seinem Bruder Witigo, die sich aufmachten vom Schlosse Grätz und sie zu dieser Zeit in Mähren aufs Haupt schlugen mit großer List und Waffengewalt! Hernach sah man diese Wilden auch nie mehr im Lande Böhmen.

»Was aber den Klerikern geschah in Prag und an anderen Orten, das will ich verschweigen. Im Kampfe steht die Kirche mit vielen Feinden und wird kämpfen müssen bis ans Ende der Dinge. Sollte ich da nun schildern, wie ein fremder, arger Bischof handelte im Lande Böhmen? Nein, ich werfe einen großen Mantel darüber. Sonst möchten in späten Tagen Feinde der Kirche meine Chronik lesen und auf meine Worte deuten und sagen: ›Sehet, das ist die Kirche gewesen in jenem Säkulo!‹ – Und es war dieser doch nur ein Unwürdiger unter vielen Wohlgesinnten! – – Wer nähme solche Verantwortung auf sich? Bruder Hermann nicht. Er sagt: Hüte dich, zu verdammen, Historice! –«

»Das ist recht, mein Sohn,« sagte der Prior und nickte freundlich.

»Auch ich lobe deinen Sinn,« sprach Bruder Erlbold. »Aber so ganz ungerupft solltest du den bösen Vogel doch nicht aus deinem Buche entwischen lassen – nur etliche Pröbchen setze hinein – – mehr Gallusäpfelein könnten nicht schaden in deinem Schreibsafte.«

Mit ernstem Angesichte saß der jugendliche Chronist vor seinen Brüdern. »Mich will's oftmals bedrücken, wenn ich ganz allein hier stehe am Pulte und schreibe, und ich sage mir daher vor jedem Satze: Tauche deine Feder in Vorsicht, Chronist, und stelle dich hoch über deine Arbeit. Chronika schreiben heißt Richteramt üben. Darum bedenke, daß du einst Rechenschaft ablegen mußt von jedem deiner Urteile. Meinungen darfst du nicht schreiben, wenn du sie nicht beweisen kannst. Muß nicht der Richter den Angeklagten hören, ehe er den Spruch fällt? Eia, hast du den Mann gehört, den du hinrichtest in deinem Buche? Nein! Siehe, jetzt schreibst du in Heimlichkeit deine Sätze und verschließest dein Buch in der Truhe. Die Geschlechter, die da gekämpft und gelitten haben, vergehen, und du vergehst mit ihnen. Dein Buch aber bleibt als Zeugnis, bleibt, wenn ein Jahrhundert sich aus dem andern emporgehoben hat, bleibt, wenn ein Geschlecht ums andere versunken ist im Staube der Jahrhunderte. Aus seinen leichten Blättern werden eherne Tafeln. Vielleicht warst du der einzige, der diese Geschichten beschrieb, und die Freunde jenes Mannes waren des Schreibens nicht kundig. Hätten sie doch auch zu schreiben vermocht – in zwei Gestalten käme er auf die Spätgeborenen! So nur in der einen häßlichen, die sich in deinen Augen gespiegelt hat. – Wenn du aber vollends ein Feind dieses Mannes warst, wenn du oder die Deinen Schaden erlitten hatten durch ihn, dann schweige ganz und gar – denn wie kann ein Richter den Spruch fällen in seiner eigenen Sache?«

»Du hast dem wilden Eber nichts angehängt, er steht noch da als ein unschuldiges Kindlein,« sagte Erlbold mit Unmut.

»Und dennoch werde ich wohl den Bimsstein nehmen und mein hartes Urteil ausreiben, und ich gedenke, etwa einen Psalm an seine Stelle zu schreiben,« sagte der Jüngling mit Festigkeit. »Aber höret weiter, meine ehrwürdigen Brüder!

»Nicht allein mit den Falben muhte Herr Zawisch kämpfen im Lande Mähren, sondern auch mit Herzog Nikolaus, dem Bastarden des Königs Ottokar, seinem bittersten Feinde, und mit vielen Edeln, die aus Eifersucht von der Partei der Witigonen abgefallen waren; aber es gelang ihm, alle Feinde der Königin zu bezwingen.

»Mit Sehnsucht schauten die Deutschen in Böhmen, vornehmlich die in der Stadt Prag samt dem hochwürdigsten Herrn Bischöfe, aus nach der Ankunft des Zawisch. Lange verzog er mit seiner Hilfe; dann aber sandte er mit Heeresmacht Herrn Ctibor von Lipnitz, Herrn Witigo von der Krummenau, Herrn Spatzmann von Kosteletz, sowie einen aus dem Geschlechte der Seeberger, und diese Helden schlugen den Bischof Eberhard samt seinen gepanzerten Reitern nahe bei Prag aufs Haupt. Zawisch selbst aber war in Mähren geblieben als Schutzherr der Königin und des Söhnleins, das sie ihm geboren hatte.

»Jubel herrschte in Prag, als die Sieger ihren Einzug hielten. Jubel erfüllte auch die sonst so stillen Räume des Klosters Strahow. Aber, o Mensch, sei gelassen in deiner Freude und bedenke, daß du ohnmächtig bist! Du kannst wohl sagen: die Sonne scheint, ich will im guten Wetter über Land gehen. Aber der Allmächtige im Himmel ruft die finsteren Wolken, wann er will, und schüttet Schlössen in die grünende Saat nach seinem Verhängnisse.

»Als die Witigonen gesiegt hatten, kam auch der römische König mit einem kleinen Heere über Brünn herein. Da brach dem Bischof Eberhard der Mut. Er stieg hernieder vom Hradschin und verhandelte mit seinen Feinden im Namen des Markgrafen. Viele Tage lang saßen die Herren zu Prag und bekämpften sich mit Worten. Da waren die Helden, die den Sieg errungen hatten, da waren die Boten des römischen Königs, da war Herr Witigo, des Herrn Zawisch Bruder, ein Mann, gewaltig im Kriege und bedächtig im Rate, da waren viele andere, Deutsche und Tschechen.

»Endlich ritt der Herold durch die Straßen der Stadt – es war zu Anfang des Jahres der Menschwerdung 1281 – und rief die frohe Botschaft ins Volk: ›Von nun an erkennet Herrn Tobias, den Bischof, und Herrn Diepold, den Edeln von Riesenburg, als Regenten über Euch an des Königs Statt und wisset, daß im Monat Mai der König, Herr Wenzel, einziehen wird in der Stadt Prag!‹ Und dazu läuteten alle Glocken.

»Als der Bischof Eberhard aus der Königsburg und aus dem Burggedinge geritten war, zog der ehrwürdige Herr Tobias, Bischof, zogen alle Kleriker der Stadt Prag singend und betend hinauf in die Kirche des heiligen Veit, der Bischof ließ die große Bischofskerze, die zweihundertundzwanzig Pfund wiegen muß, auf den Leuchter stecken und zündete sie an zu Ehren der heiligen Märtyrer Veit, Wenzel und Adalbert. Und das Licht brannte gut.

»In jenen Tagen begab sich's, daß ich, Bruder Hermann, dem Sakristan, dem alten Manne, im Klosterhofe zurief: ›Guter Freund, was ist's nun geworden mit deiner Prophezeiung? Ist das große Sterben gekommen? Mit nichten – der Friede ist gekommen!‹ – Da trat der alte Mann zu mir heran und sagte mit großer Traurigkeit: ›Hab' etwan ich gesungen in den Ästen des Birnbaums? Hab' etwan ich das große Sterben angesagt? Ich hab's nur gehört, wie auch Ihr, ehrwürdiger Vater, und seit jener Nacht sitzt mir die Angst im Herzen.‹ – Da ging ich, Bruder Hermann, meine Wege und mochte nicht spotten über den Sakristan, den alten Mann.

»Am Abende dieses Tages aber wurden auf einmal meine Augen geöffnet, und ich ersann zwischen Lichten diesen Psalm:

Ohne Sorgen schritt ich dahin,
Am Abgrunde wandelte mein Fuß.

Ein Tag kommt, wie der andere gegangen ist, so wähnte ich;
Und was da wachsen soll, das wächst, so sagte ich zu meinem Herzen.

Gott aber sprach: Ich muß nicht immer wachsen lassen!
Und seine Stimme rief mit Macht: Verdorre!

Da verdorrten meine Säfte vor deinem Zorne, o Herr,
Da ward ich sehr elend und fürchtete mich.

Aber wohlan, ich will mich nicht fürchten,
Ich hebe meine Hände hoch empor!

Gottes Gerechtigkeit schlägt die Menschen blutig mit Hagelschlossen,
Gottes Barmherzigkeit streut goldenes Korn unter die jauchzenden Kinder.

Warum sollte ich mich ängstigen vor meinem zürnenden Gotte?
Kenne ich doch auch meinen gnädigen Gott aus dem Buche der Verheißung.

Sei getrost, meine Seele: Frost und Hitze müssen sein auf Erden;
Laß dir nicht grauen: Fülle und Mangel haben einen Herrn.

Denn siehe, unter dem Schnee schläft die junge Saat,
Und zu ihrer Zeit wachsen die schlanken Ähren hervor.

Die Zeit brennt ab gleich einer Kerze – sei doch getrost, Seele,
Harre aus, auch dein Jammer wird zerfliehen wie Wachs.

Denn nimmer kann vergehen das gottgeborene Licht:
Über den Nebeln leuchtet die Sonne, hinter den Wolken glänzen die Sterne.

»Rede ich in Bildern? Nein, ich schreibe die Wirklichkeit. Den König erwarteten wir, da kam der Hunger über unsere Stadt, über unser ganzes Land. Er kam langsam, so leise und sachte, wie der Schnee fällt am Winterabende, fast unvermerkt; und als wir erwachten und unsere Augen rieben, da lag er knietief auf uns mit seiner Last.

»Wer kann auch ernten, wo er nicht gesäet hat? Und wer kann säen, wo nicht gepflügt ist? Wer aber hatte pflügen können im Lande Böhmen mit dem Schwerte in der Hand? Also muhte die Not, mußte der Hunger kommen.

»In der Not werden die erwachsenen Leute zu Kindern; hinter dem Hunger muß alles zurückstehen, er macht alles gleich, ganz gleich. Wächst aber die Not weiter und weiter, dann werden aus den hungrigen Kindern reißende Tiere. Das haben wir erfahren im Lande Böhmen ein Jahr lang.

»Siehe, so gehts: Die Machthaber brechen den Frieden und fangen Krieg an. Hernach, wenn sie sich satt gekämpft haben, möchten sie wieder Frieden haben; da wendet sich der Krieg gegen sie und erwürgt sie. Friede wird, wenn Gott will. Hütet euch, den Frieden zu brechen! Den Anfang sehet ihr, das Ende ist euch verborgen.

»Wer könnte jauchzend in den Krieg ziehen? Wende dich doch, du Jauchzender, schau dir die Gefolgschaft des Krieges an – ihre Namen sind Hunger, Pest, Mord!

»Ich, Bruder Hermann, tauche meine Feder tief ein und schreibe, was ich gesehen habe im Gefolge des Krieges.

»Ich sah die Bettler stromweise fahren auf allen Straßen gen Prag und sah die Prager Burger Almosen spenden mit vollen Händen. Dann sah ich den Mangel heranschleichen, sah, wie die Gaben kleiner wurden und die Haufen der Bettelnden größer und wilder von Tag zu Tag. Ich sah sie lagern auf dem Anger vor unserm Kloster und sah sie lungern in den Gassen der Stadt zu Tausenden. Zwei feindliche Teile standen einander gegenüber – Arme, die nichts hatten, und Reiche, die kaum mehr den Hunger stillen konnten. Damals kaufte man zwei Eier um einen Pfennig und war froh, wenn man sie bekommen konnte. Etliche Jahre vorher hatte man fünfzig Eier mit einem Pfennig bezahlt.

»Da begannen die Bettler in die Häuser einzudringen und die Töpfe vom Feuer zu stehlen. Mit gewappneter Hand mußten die Hausväter ihre Nahrung verteidigen. Wer kann ihnen Böses nachsagen, weil sie fortan ihre Häuser verrammelten und keinen Fremden mehr aufnahmen an ihren Herdstätten? So mußten die Bettler, Männer, Weiber und Kinder, Tag und Nacht in den Gassen liegen, und als der Winter kam, da deckten sie sich mit Dünger zu.

»Alles wurde damals gegessen in Prag und im ganzen böhmischen Lande: Gras, Heu, Leder. Roßfleisch, Hunde und Ratten waren begehrte Leckerbissen; ja fast scheue ich mich zu schreiben, daß der Leib des Schächers am Galgen nicht sicher war.

»Vieles könnte ich erzählen, was gräßlich zu hören wäre. Von Menschen könnte ich schreiben, die ihre Brüder mordeten und fraßen im wahnsinnigen Hunger, von der Mutter, die ihr Kind von der Brust nahm und kochte und mit seinem Körperlein ihr elendes Dasein fristete etliche Tage. – Eine Bettlerin schlich durch die Gassen der Stadt. Da sah sie einen reich gekleideten Knaben, ging an ihn heran und lockte ihn mit einem geringen Äpfelein in ihren Schlupfwinkel. Dort erschlug sie ihn, zog die Kleider von seinem Leibe und trug sie auf den Markt. Da ward die Mörderin von einem Fleischer gesehen, der erkannte die Kleider des Kindes und überantwortete das Weib den Knechten des Richters. – Ein anderes Weib, eine Bürgerin, hatte ihren Gatten und alle ihre Kinder begraben bis auf eine Tochter. Diese ging Tag für Tag durch die Gassen um ein Stücklein Brot, ja, was schreibe ich, eine Krume Brot zu erlangen. Was sie bekam, teilte sie mit ihrer Mutter. Als sie aber einmal zum Tode ermüdet mit leeren Händen zurückkehrte, fand sie die Türe verschlossen, und die wahnsinnige Mutter rief aus dem Guckloch: ›Warum bist du zurückgekommen? Du bist ja bleich wie der Tod und wirst sterben in der Hütte und niemand wird dich hinaustragen können. Bleib du draußen!‹ Auf der Schwelle mußte das Mägdlein übernachten. Und die Mutter hauchte ihre Seele aus nach wenigen Stunden, das Mägdlein aber. lebt heute noch und hat weiße Haare seit jener Zeit. – Ich schließe die Erzählung von diesen grausigen Dingen. Möge alles versinken in Vergessenheit hinter uns!

»Nur eines will ich noch schreiben, ich, Bruder Hermann, das Schwerste:

»Zum Hunger kam die Pest, wie der Sakristan, der alte Mann, gesagt hatte damals unter dem Birnbäume. Und der Sakristan war der Ersten einer, die an der Pest starben. Sechs Monate lang dauerte diese Not. Damals hörte man zu jeder Stunde des Tages und der Nacht die Totenwagen fahren, und kein anderer Wagen fuhr mehr in Prag, und das Volk entsetzte sich. Deshalb traten die Geschworenen zusammen und beschlossen, man solle die Wagenräder mit Lumpen umwickeln. Das geschah. Dann wurden die Friedhöfe zu enge. Da traten sie abermals zusammen und beschlossen, Gruben zu graben, acht an der Zahl. Das geschah, und jede dieser Gruben war drei Klafter tief und lang und zehn Ellen breit und faßte tausend Menschenleiber. Diese acht Gruben wurden voll innerhalb sechs Monaten. Also groß war das Sterben. – Damals begab es sich, daß man mich an einem Winterabende zu einem Todkranken rief, der wohnte im Osten vor der alten Stadt Prag. Ich ging allein meines Weges, gab dem Kranken, was sein Herz verlangte, und machte mich auf den Heimweg, als es Nacht war. Schritt für Schritt ging ich fürbaß, selber gar schwach vor Hunger. Es war sehr finster. Da verlor ich auf einmal den Boden unter meinen Füßen und stürzte in eine Tiefe. Die Sinne schwanden mir. Als ich aufwachte, kannte ich mich nicht aus, weil es noch immer Nacht war. Ich tastete mit meinen halberstarrten Händen umher und kam auf eines Menschen Antlitz; das war kalt und tot. Ich zog die Hand zurück und wollte mich erheben, da griff ich in die Haare eines Toten. Ich ward gewahr, daß ich in einer Leichengrube lag. Ich raffte mich auf und schwankte über die Toten, die da übereinander geschichtet waren wie die Holzscheiter, und kam an die Wand der Grube, tastete und erkannte, daß die Wand viel zu hoch sei. Da ergab ich mich in mein Geschick, hockte mich nieder und wartete. War keine gar kalte Nacht. Aber diese Nacht war sehr lang, sehr lang. Des andern Morgens rollte der Totenwagen heran und brachte neue Bürger für die Grube. Die Männer traten an den Rand der Grube und hoben einen Leichnam, daß sie ihn hinabwürfen. Da regte ich mich und rief mit schwacher Stimme. Die Männer entsetzten sich; dann aber erkannten sie mich und halfen mir heraus und gaben mir zu essen. Ich aß und schaute umher – da gewahrte ich nahe bei der Grube den großen Birnbaum, in dessen Geäste ich einstmals den Gesang gehört hatte › placebo Domino in regione vivorum‹. Ich schaute umher und sah die Männer ihre Arbeit tun und ward gepackt von eiskaltem Grausen, ging heim zu meinen Brüdern und ward sehr krank.

»Die Gewässer stiegen uns bis an den Mund,
Ihr Brausen erfüllte unsere Ohren.

Die Angst lag auf unsern Herzen gleich einem Felsen;
›Diese Not erdrückt uns!‹ so seufzten wir.

Da kamst du, o Herr, geschritten aus den Gewässern,
Und deine Fußsohlen blieben trocken in der Nässe;

Da streckte sich deine Rechte über die tobenden Wellen,
Und deine Stimme gebot ihnen Einhalt;

Da sanken die Gewässer und flössen eilig auseinander,
Da ward aus dem wütenden Strom ein Bächlein.

Sei gelobt, du allmächtiger Gott,
Sei gepriesen, du gütiger Vater!

»Wo waren die Machthaber des Landes, die Herren mit ihren Reitern und Sarianten, als Gott dieses Gericht abhielt? Sie lagen danieder gleich den Armen und Geringen; denn was ist ein Starker, wenn ihn hungert? O vergeht doch nicht, wie hinfällig ihr seid, Menschenkinder! Aber was sage ich? Tagtäglich ja sehet ihr eure Brüder in die Grube sinken, ihr kennet euer Reiseziel und dennoch schreitet ihr einher klirrend, geschmückt mit Seide und sehr köstlichen Federn. Hättet ihr bei den Toten gelegen, wie ich, Bruder Hermann, von euern Stirnen wäre der Ernst nimmermehr abzuwischen. –

» Anno Domini 1282 gab das Land reichlich, und die Not wandte sich. Über den acht Gruben hatte sich die Erde gewölbt, und langes Gras wuchs auf den Hügeln. Die hohlen Wangen der Menschen füllten sich, die Augen der Überlebenden wurden trocken. Die Jungen freiten und ließen sich freien, die Alten gedachten wieder des Erwerbes. Auf den Straßen rollten die großen Wagen, kamen aus fernen Ländern und fuhren in ferne Länder. Tugend und Laster blühten nebeneinander und untereinander, Gute und Böse hatten Brotes die Fülle. Die Nächte des Schreckens versanken hinter uns.

»Am heiligen Stephanstage, am Tage nach Weihnachten, stieg ein kleines Gewitter auf, und ein wenig zuckten die Blitze über der Stadt; ein gar seiner Sprühregen netzte das Land. Dann brach auf einmal die Sonne durch die Wolken, und über die alte Stadt spannte sich ein Bogen, herrlich anzuschauen. Der Bogen stand mit seinem einen Ende auf der mittägigen Stadtmauer, war gegen Mitternacht gerichtet und stand mit seinem andern Ende im Moldaustrome.

»Als das die Leute sahen, freuten sie sich, zogen durch die Gassen und riefen: ›Die Ankunft des Königs ist nahe!‹ Also prophezeiten vornehmlich die Frauen, Christenfrauen und Judenfrauen ohne Unterschied. O wie gerne glaubten wir dieser Rede!

»Im Frühjahre aber des Jahres 1283 rückte ein schöner, hellstrahlender Stern nahe an den Mond, wunderbar anzuschauen, und tags darauf ritt die Königin mit Herrn Zawisch und unzähligen Herren deutscher und böhmischer Nation durch die Stadt Prag auf den Hradschin.

»Gelobet sei Gott! sage ich, Bruder Hermann, und schreibe es dankbar in mein Buch. Jetzt ist der König nicht mehr ferne. Ein Gewaltiger sitzt auf der Burg, und der wird ihn bringen zur rechten Zeit. Die Wasser brausten und wollten uns alle verschlingen; viele strebten nach dem Felsen – einer nur konnte die Fluten durchschwimmen, der schwang sich auf den Felsen und rettete seine Brüder.

»Kann ich, Bruder Hermann, in der Zukunft lesen? Gott bewahre mich vor solchem Wahnsinne! – Kenne ich des Zawisch Herz und Gedanken? Ich sehe nur sein Antlitz – das aber ist hell und freundlich, und Gedanken des Friedens spiegeln sich darauf. Du, Herr, bist groß und führst uns wunderbar: Tauben sendest du zur rechten Zeit und Löwen lassest du heranschreiten zum Schutze deiner Kinder, wenn's not tut.«

* * *

»Amen!« sagte Bruder Erlbold mit starker Stimme und erhob sich. Der Prior saß mit gefalteten Händen und sann. Bruder Hermann aber schloß das Buch und legte es an seinen Ort.

Die Mitternacht war herangekommen, und wiederum begannen alle Glocken zu läuten in der alten und neuen Stadt, auf dem Hradschin und auf dem uralten Wyschehrad. Aus ihren Häusern zogen die Menschen in die Kirchen und dankten nach dem Befehle des Bischofs Gott und den Heiligen für des Königs Errettung.

Auch die Mönche im Kloster Strahow erhoben sich von ihren Ruhelagern und schritten durch die langen Gänge in ihre Kirche. Zu ihnen gesellten sich Bruder Erlbold und Bruder Hermann, die den blinden Prior in ihrer Mitte führten. Wie frischgefallener Schnee blinkten die weißen Kutten im Kerzenlichte.

Mit Macht ertönte die Orgel, und gleich dem Frühlingsturme im Hochwalde brauste der Mönchgesang zwischen den wuchtigen Säulen in jener Nacht.

* * *

Zur gleichen Zeit standen die Söhne des Herrn Budiwoj in dem Gemache, das einst König Ottokar bewohnt hatte, und lauschten dem Geläute, das hereinflutete durch die offenen Fenster, und lauschten, bis der letzte Ton verklungen war.

»Du bist am Ziele, Zawisch,« sagte Wok in tiefer Bewegung.

»Durch eure Hilfe, ihr meine Brüder,« antwortete der Regent.

»Durch Gottes Hilfe!« sagte Wok mit Nachdruck. »Nun aber möchte auch ich meinen Zielen näher kommen, Zawisch.«

»Auf diesen Augenblick habe ich alle die letzten Tage her gewartet und habe mich darauf gefürchtet, Wok,« sprach der Regent.

»Warum, Zawisch?«

»Weil die Arbeit jetzt beginnt,« sagte Herr Witigo und kam aus einem der Fenster heran. »Der Stall ist unser, aber knietief liegt der Unrat darinnen, und Ströme Wassers müssen zu seiner Reinigung hindurchgeleitet werden.«

»Witigo hat auf seine Art gesagt, was ich nicht besser sagen könnte, Wok,« versetzte lächelnd der Regent. »Ich bedarf deiner – allenthalben murren und grollen die tschechischen Großen – – schwere Kämpfe drohen uns.«

Wok schwieg.

»Trotzdem sage ich, du bist dein eigener Herr, Wok, und ich übergebe dir dein Erbe zu jeder Stunde,« fuhr der Regent fort.

»Eia, Wok, könntest du nicht auf den Hradschin heiraten statt in die Krummenau?« rief Witigo und lachte. »Du hast ja doch nur das eine Ziel!«

Wok streckte die Rechte aus, schüttelte das Haupt und sagte mit großem Ernste: »Nimmer und nimmermehr führe ich meine Alheit nach Prag, und läge der Hradschin hundert Meilen entfernt van Prag, ich führte sie auch nicht auf den Hradschin!«

»Besser ist die Luft im Walde,« sagte Witigo leichthin; »aber dennoch solltest du uns nicht verlassen, Wok.«

»Und dennoch muß ich euch verlassen; denn meine Ziele liegen nicht auf euerm Wege.«

»Oho, Wokbruder – du sprichst in Bildern wie ein Predigermönch! Zawisch will ein Volk glücklich machen und einen Jungen zu einem Könige erziehen, und ich will ihm helfen dazu mit Besen und Reinlichkeit – sind das geringe Ziele?«

»Herrschaft und Macht sind hohe Ziele, und ihr beide könnt Böhmen zum Segen werden. Aber Gott hat noch höhere Wünsche in das Menschenherz gesenkt Ich denke an das Wort ›Unser Herz ist unruhig, bis es seine Ruhe findet in Gott‹.«

Witigo saß mit offenem Munde da: »Willst du also heiraten und ins Kloster gehen?« sagte er endlich.

»Quäle mich nicht, Witigo,« bat Wok. »Hierin verstehen wir uns jetzt doch noch nicht; später vielleicht einmal. – Du aber, Zawisch, gib mir mein Erbe! Bis zum Herbste bleibe ich bei dir, dann führe ich Alheit von Cham in die Krummenau. Ihr Haus zu Prag wird sie nie mehr betreten und schenkt es den Witigonen – das möchte ich dir gleich heute gesagt haben.«

»So es denn sein muß,« antwortete der Regent und legte die Hand auf die Schulter des Bruders, »jage du deinen Zielen nach – «

»Jagen?« unterbrach ihn Wok. »Ringen, Bruder, danach ringen Schritt um Schritt!«

»Wenn ich nun aber,« sagte Zawisch, und seine Stimme klang sehr ernst, »in Gefahr käme, in Not käme, Wok?«

»Dann wäre der Dritte von den Söhnen des Herrn Budiwoj an deiner Seite und stünde zu dir bis zum letzten Atemzuge.«

»Das war ein gesundes Wort!« sagte Herr Witigo.

* * *

Zawisch und Witigo waren allein im Gemache.

»Ein seltsamer Mensch, unser Wok,« sagte der Regent; »klar und durchsichtig wie ein Kristall –«

»– und seit Jahr und Tag verschlossen wie eine Schnecke im Winter,« vollendete Witigo. »Ich mache mir längst meine Gedanken über ihn, komme an kein Ende und werde folglich alles Denken nach dieser Seite hin aufgeben. – Aber, Zawisch, auch ich muß dir etwas vermelden.«

»Willst du dich auch beweiben?« fragte der Regent.

Herr Witigo lachte kurz auf.

»Allzu frühe wär's am Ende nicht,« sagte Zawisch. »Worauf wartest du eigentlich? Bis dir eine an den Hals fällt?«

»Sicherlich solange, bis ich einer an den Hals fallen möchte,« antwortete Herr Witigo und schnitt ein spöttisches Gesicht. – Dann setzte er auf seine gemütlichste Art hinzu: »Warum sollte ich mich beweiben? Eine Frau, wie unsere Mutter war, gibt's nicht mehr – ein Weib, wie Diemut war, habe ich noch nicht gesehen – und das Mägdlein Alheit hat mir der da weggeschnappt, der die großen Ziele in der Brust trägt. Beklage mich, Zawisch, aber Iah mich ungeschoren – ich bin ein Unglücklicher!«

Der Regent lachte. »Eia, sieh mich an! Ich habe es zum zweitenmale gewagt und habe ein Weib gefunden, das mich liebt mit aller Glut.«

Witigos Antlitz hatte sich völlig verändert. Er stand auf und verneigte sich leichthin. »Die Königin,« sagte er, »fürwahr, ich habe gar nicht an sie gedacht! Königinnen stehen aber auch sehr hoch – man schaut zu ihnen empor wie zur Sonne mit blinzelnden Augen.«

Das Antlitz Witigos war noch immer völlig verändert, und mit großem Ernste fuhr er fort: »Der Knabe Wenzel gefällt mir nicht – das wollte ich dir vermelden.«

»Auch ich habe ihn seit gestern unablässig beobachtet,« sagte der Regent, und seine Stirne umwölkte sich; »er ist völlig verwahrlost.«

»Er ist mehr als das, Zawisch; ich bin mit meinem Urteile über ihn fertig.«

»Dazu habe ich weniger Eile, Witigo; ich vertrete Vaterstelle an dem armen Kinde und hoffe, aus dem Verwahrlosten dennoch einen Mann und einen König zu erziehen.«

»Arge Buben – brave Männer,« sagte Witigo und lachte kurz auf. »Volksweisheit, zu der ein Körnlein Salz gehört. Ich sage: Wie der Knabe, so der Mann; ein verlogener Bub', ein verschlagener Mann. Und der Knabe Wenzel gefällt mir nicht, weil er verlogen ist und furchtbar dumm dazu.«

* * *

Am Abende des nächsten Tages stand zwischen Lichten Boschena, die edle Gürtelmagd, im Gemache der Königin und lauschte auf die Musik, die vom Palas durch das offene Fenster hereinkam.

Lange stand sie da, und fest zusammengepreßt waren ihre Lippen, finster zusammengezogen ihre Brauen.

An der Türe klopfte es leise.

»Was wollt Ihr, Herr Schreiber?« fragte Boschena und trat in den Vorsaal. »Hier sind die Gemächer der Königin, Ihr seid fehlgegangen.«

»Gerade hieher soll ich diese kleine Truhe bringen, Boschena,« sagte der alte Mann. »Die Frau Königin hat's befohlen.«

»Ah so, ja, sie hat mir davon gesagt. Gebet mir die Truhe, Herr!«

»Sie hat Euch nichts davon gesagt, edle Boschena,« antwortete lächelnd der Greis. »Alles wißt Ihr auch nicht, bildet Euch das nicht ein!«

»Oh!« rief Boschena und warf ihr Köpflein zurück.

»Das meiste, gewiß, gewiß!« beruhigte sie der Geheimschreiber. »Doch wo kann ich die Truhe abstellen? Die Frau Königin wird sogleich kommen.«

»Die Frau Königin?« fragte Boschena hastig. »Traget die Truhe herein ins Gemach, stellet sie auf diesen Tisch! Ich werde Licht machen, es ist schon ganz finster.«

Und während der Geheimschreiber seine Last abstellte, schloß Boschena die Läden, entzündete einen Wachsstock am ewigen Lichte, lieh den Kronleuchter in der Mitte des Gemaches herab und entzündete den Kranz seiner Kerzen, entzündete die Kerzen ringsumher an den Wänden, und das Gemach erstrahlte im Lichte.

»Was ist in der Truhe?« fragte die Gürtelmagd und betastete die starken Eisenspangen.

»Ich meine, die Frau Königin habe es Euch gesagt?« lachte der alte Mann.

Boschena biß sich auf die Lippe. »Ihr könnt jetzt gehen!« sagte sie hochmütig.

»Ich sollte diese Truhe wohl in die Hände der Königin geben,« warf der Schreiber ein.

»Dann wartet im Vorsaale; hier schickt sich das ganz und gar nicht!«

Der Alte ging, und hinter ihm schlossen sich Teppich und Türe.

»Ich muß wissen, was in der Truhe ist,« sagte Boschena. Sie hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand vornübergebeugt und betrachtete die Truhe. »Wohlverschlossen ist sie und versiegelt obendrein mit dem Siegel der Königin. – Ich muß! ? –«

Ein Geräusch drang aus dem Vorsaale herein. Lautlos glitt die Slavin an die Wand, hob den Teppich, schlüpfte darunter und preßte sich an die Mauer.

Die Türe wurde aufgerissen, Edelknaben hielten Windlichter in hocherhobenen Händen: Herr Zawisch führte die Königin in das Gemach.

»Gehet!« befahl er den Knaben. – – ?

»Aber jetzt sage mir, Kunigunde – was willst du?« fragte er lächelnd. »Aus der Mitte unserer Gäste muß ich hieher gehen – seltsam!«

»Ich habe dir etwas zu zeigen, Zawisch,« antwortete die Königin, trat neben den Tisch unter den Lichterkranz und legte die Hand auf die Truhe. Die Ringe an ihren Fingern und die Diamanten über ihrer weißen Stirne funkelten und blitzten, das schneeweiße Kleid schimmerte im Scheine der Kerzen. Hochaufgerichtet stand sie und schaute dem Landherrn voll ins Angesicht.

»Ich bin bereit, zu sehen,« sagte Zawisch und trat näher. Doch die Königin streckte die Linke aus und wehrte ihn ab. Lächelnd stand er mit gekreuzten Armen. »Ich warte!«

Frau Kunigunde prüfte das Siegel. Dann zerschnitt sie die Schnüre, zog aus dem Gewande einen kleinen Schlüssel, öffnete das Schloß und hob den Deckel.

»Schau her!« sagte sie, trat zur Seite und sah unverwandt auf ihren Gemahl.

»Du hast mich neugierig gemacht, Kunigunde,« scherzte Herr Zawisch, kam heran, hob ein rotseidenes Tuch, warf einen Blick in die Truhe und fuhr zurück: »Weib – die Krone!«

»Die Krone,« kam es von den Lippen der Königin.

»So sprich, so sprich!« drängte der Witigone. »Wo war die Krone, wer hatte die Krone geraubt?«

»Niemand hatte sie geraubt – ich hatte sie verborgen,« antwortete die Königin ruhig und gelassen.

»Du? Alle Heiligen! Wann? Wo?«

»Als die Nachricht vom Tode des Königs auf den Hradschin gekommen war, trug ich des Nachts mit eigenen Händen die Krone aus dem Gewölbe von Sankt Veit herüber, legte sie in diese Truhe und verbarg sie im tiefsten Keller der Burg, den nur ich kenne und der alte Schreiber,« sagte die Königin.

Abermals trat Herr Zawisch an die Truhe und stützte sich auf den Tisch und schaute mit weitgeöffneten Augen hinein. »Die heilige Krone, die Wenzelkrone!« murmelte er.

Unbeweglich stand die Königin.

»Weib,« fuhr der Witigone fort, griff in die Truhe und hob die Krone heraus, »das hättest du mir sagen sollen!«

»Die Krone lag an einem sicheren Orte, Zawisch.«

»Wie oft habe ich an diese Krone gedacht!« sagte Zawisch und setzte das Kleinod behutsam auf den Tisch, zog das rote Tuch aus dem Schreine, hob den Schrein herab vom Tische auf den Boden, formte ein Kissen aus dem Tuche und setzte die Krone darauf. Dann trat er zurück, kreuzte die Arme und schaute die Krone an.

»Hast du oft an die Krone gedacht, Zawisch?« fragte die Königin.

»Warum hast du mir das nie erzählt, Kunigunde?« forschte der Regent, wandte das Haupt zur Königin und schaute dann wieder auf die Krone.

»Das hatte Zeit,« kam die Antwort zurück.

»Ich sollte dir zürnen und kann doch nicht,« sagte Zawisch; »denn ich sehe die Krone!« Seine Stimme bebte, und seine Brust hob sich in einem tiefen Atemzuge. Zwei blitzende Augen ruhten auf ihm – er bemerkte es nicht. Das Gold der Krone gleißte, ihre Gesteine glühten in allen Farben der Erde, auf dem Antlitze der Königin lag ein sonniges Lächeln – er sah das Lächeln nicht. Wie im Traume stand er und sah nur die Krone.

Stille war's im Gemache; ruhig brannten die Kerzen.

»Wenn diese Steine reden könnten!« sagte Zawisch in tiefem Sinnen, als spräche er zu sich selber. »Uralt bist du – ? mit deinem Glänzen ziehst du mich zurück – in ferne Zeiten. Dein Gold – wo mag es aus der Erde gekommen sein – ? welche Hand hat deinen Reifen und deine Bogen geformt? – – – Es ist nicht auszudenken, wer dich zuerst nahm und auf die Locken drückte! – ? Wie viele sind's wohl gewesen vor dem Herrn, nach dem du genannt bist – ? vor dem Heiligen unter den Prschemisliden, Wenzel? – Welche Last liegt auf diesem Tische! – – ? Ich freue mich; denn ich sehe die Krone – ein fürchterlicher Glanz tut meinen Augen wehe – – vor mir liegt die Krone –«

»Zawisch!«

»Was willst du?« fragte der Witigone, wandte langsam das Haupt und sah die Königin an wie ein Träumender, wandte das Haupt von ihr und schaute auf die Krone. »Laß mich!«

»Du glänzest und funkelst – und bist doch kalt. – – Schwarze Haare sind grau geworden unter deiner Last, du aber – – hast dir den alten Glanz bewahrt durch alle Zeiten. – – – – Einer nach dem andern ist unter dir in die Gruft gesunken – mit Gefunkel bist du weiter gewandert, bist herabgekommen auf unsere Tage. – – – Ich schaue zurück – in buntem Gewimmel sehe ich die Enkel und die Enkelsenkel der Libuscha – – von Haupt zu Haupt bist du gegangen – – – die Stürme sind durch den Wald gefahren, und als die Stürme schwiegen, da stand noch einer von allen den ragenden Bäumen – – einsam stand er, stille war's rings um ihn her – – – auch er fiel. – – Was ist noch vorhanden aus alter Zeit? – – Du, Krone, und mit dir ein unmündiger Knabe.

* * *

»Krone, ich möchte dich fragen, funkle mir doch die Antwort zu! Der heilige Wenzel kam ohne Argwohn in die Stadt des Bruders – da schlugen ihn aus den Kirchenstufen die Mordgesellen zu Boden. – – – Krone, weißt du das noch? Der Mörder kam und sprang vom schaumigen Rosse – – – mit zitternden Händen hob er dich aus der Truhe, du warst der Mordpreis – – ich sehe ihn, er wägt dich und er drückt dich auf sein Haupt! – Krone, mir graut vor deinem Gefunkel, mir ist, als sähe ich die Augen funkeln im Schädel Boleslaws, des Mörders. – – – – Auch ihm graute, er legte dich zurück – – – in den finsteren Schrein – – – ihm graute vor deiner Pracht – – und vor seinem Elende. Ein Menschenalter lang regierte er ohne dich, Krone. – – – – Seine Augen wurden trübe; er starb. – – Du aber stiegst funkelnd – empor – – und rücktest weiter von Schädel zu Schädel. – – – Krone, warum hatte Boleslaw, der Enkel, unter allen den schwarzhaarigen Männern seines Geschlechtes – ? rote Haare? Warum hoben die Brüder ihre Hände – gegeneinander – – – – warum fürchteten sich die Großen des Landes vor deinem Träger – – und gaben dich einem Fremdlinge, Krone? – – – – – Du könntest erzählen, Krone, vom dritten und vom vierten Glieds! – Ruhig gingst du deine Bahnen und schmücktest den, der nach dir griff! –«

»Der nach dir griff,« sagte die Königin; aber das Lächeln war längst von ihren Zügen verschwunden.

»Krone,« sagte Zawisch – »Krone, es ist mir, als könnte ich die Augen nicht wenden von dir. – – – – –Tausend und tausend Augen haben nach dir geschaut – – – tausend und tausend werden noch schauen auf dich. – – – Schatten und immer wieder Schatten legen sich – – zwischen deinen Glanz und meine Augen. – – – – – – – – – – – Söhne sehe ich warten und schief hinschauen auf dein Gold – und beneiden – – – das Haupt, das du drückst – mit deiner Last. – – – Warten sehe ich sie ungeduldig auf einen fröhlichen Todfall – – greifen sehe ich sie mit Hast nach dir. – – – Enkel wachsen empor, strecken verlangend die Hände nach dem Erbe ihres Blutes – – vergelten ihren Vätern den alten Neid – mit Haß. – – – – – Nur Schatten? – – – Nein, ich sehe auch lichtvolle Zeiten, sehe ein beglücktes Volk – dankbar emporblicken auf dich, Krone! – – Ehrwürdige Häupter gehen einher unter deiner Last – sinnen über deine Last – – handeln nach ihrer Pflicht. – ? Du aber funkelst in hellen und in dunkeln Zeiten – – und deine Steine spiegeln sich in vollen Bechern sorgloser Gesellen – die deine Last weit aus der Stirne schieben – – – wie die Zecher den Hut – – die da pochen auf ihre Rechte und verschlungen werden von den Tagen ihres Lebens. – – Du funkelst ruhig über ihrem Treiben. – Krone, wie oft magst du in den Kot gefallen sein mit allen deinen Steinen – – wenn dein Träger mit seinen Knechten rannte von Lust zu Lust? – – – Sie hoben dich auf, sie putzten dich sauber – – wer sieht noch Flecken an dir? Keiner! – – – Krone, mir graut vor deinem Gefunkel.

* * *

»Es ist mir, als kämen sie hervorgegangen – aus ihren Grüften – – alle, die jemals dich getragen haben. – – – Ich frage sie der Reihe nach – wollt ihr sie wieder nehmen, die Krone da, vom Tische – wollt ihr? – – – – Warum schüttelt ihr die Häupter und – ziehet – – vorüber?

* * *

Und dennoch – mein Herz erbebt bei deinem Gefunkel –«

Hochauf horchte die Königin, unhörbar trat sie hinter den Tisch, unverwandt schaute sie ihrem Gemahle ins Angesicht. Herr Zawisch aber stand, und das Haupt war ihm auf die Brust gesunken, er sah die Krone nicht mehr an und sprach leise weiter:

»Wer dich frei und froh tragen könnte, Krone – – du höchstes Ehrenkleinod – – auf dem freien Haupte! – – – Wie mag die Kraft wachsen unter deiner Last – – – – wie mag das Herze schlagen! – Mit der Krone auf dem Haupte stehe ich auf dem Gipfel des Berges – – nichts steht zwischen mir und den Sternen – als mein Gewissen. – – Unrecht will sein – Recht muß sein – darum muß Kampf sein. – Herrschaft muß sein, wenn Recht sein soll – ? aber zur Herrschaft gehört die Krone. – – – Wehe dem Manne, der da herrschen wollte um des Rechtes willen – – – und die andern sähen keine Krone über seinem Schwerte! –«

»Zawisch!«

»Kunigunde?«

»Wachst du auf aus deinen Träumen?«

»Sprich, ich träume nicht!«

»Zawisch!« sagte die Königin, hob die Krone vom Tuche, drehte sie in den schlanken, weißen Fingern und lächelte. »Zawisch, komm heran, sieh her, sie ist von wunderbarer Schöne, diese Krone ... Zawisch, wen möchte wohl eine Krone am besten schmücken?«

»Einen, der stark wäre,« sagte der Witigone, »so stark, daß er sich selber bezwänge jeden Tag. – Einen, der gerecht wäre, so gerecht, daß er die Gerechtigkeit höher schätzte als sein eigen Fleisch und Blut. – – Einen, der weise wäre, so weise, daß er allezeit die Wahrheit hören könnte. – – –«

»Zawisch!« begann das Weib. »Sieh nur, wie schwer sie ist, und wie weit der Reif ist – und, Zawisch, diese Krone soll das Kind Wenzel tragen?«

»Der Knabe wird in die Krone wachsen,« antwortete Zawisch.

»Ist es nicht seltsam?« fuhr die Königin fort. »Im Volke raunt man, König Ottokar sei über Heide und Moor geritten, da sei die Krone von seinem Haupte gerollt und im Moore versunken. Und jetzt liegt die Krone da zwischen uns beiden, kein Mensch auf der weiten Welt weiß von ihr, nur du und ich – da liegt sie, Zawisch!« Und sie legte das Kleinod auf das rote Tuch. – – »Seltsam, Zawisch! Sind wir nicht beide Fremdlinge in diesem Lande? – Und da liegt die Krone zwischen uns beiden – – nahe – – – zum Greifen nahe.«

»Wir wollen sie hüten, Kunigunde; mir ist, als hätte ich jetzt erst die Macht – denn ich sehe die Krone. Die Krone bedeutet die Herrschaft. – – Ihre geheimnisvolle Kraft treibt mich vorwärts –«

»Vorwärts!« sagte die Königin, und ihre Blicke hingen am Munde des Landherrn.

»Vorwärts!« wiederholte Zawisch. »Ich will das Kind führen an der Hand, ich will ihm die Wege gangbar machen, ich will ihm langsam die Augen öffnen für die Hoheit der Königsmacht, ich will ihm das Herz bilden!«

»Will!« rief die Königin zornig. – »Frage doch zuerst, ob du können werdest!« setzte sie leise hinzu. »Zawisch, diese Krone wird das Kind Wenzel erdrücken mit ihrer Last.«

»Darum will ich ihm zur Seite gehen, will die Krone halten mit meinen Händen über seinem Haupte,« sagte Zawisch, trat an den Tisch und griff nach der Krone; »– halten, bis daß sich seine Stirn wölben, bis daß sein Nacken die Kraft haben wird ? –«

»Zawisch, wie leichtlich hätte das Kind verkommen können! – – Und wes wäre dann diese Krone?« fragte die Königin und ging langsam um den Tisch und trat nahe an ihren Gemahl.

»Es ist nicht auszudenken,« antwortete Zawisch. »Darum habe ich Tag und Nacht gearbeitet – das Kind mußte einziehen in Prag – – eine herrenlose Krone ist ein Unheil für das ganze Volk.«

»Und wenn es nun dennoch umgekommen wäre?« fragte die Königin und nahm die Krone spielend aus der Hand des Witigonen. »Wenn sie herrenlos geworden wäre? Was dann?« –

Stille war's im Gemache, ruhig brannten die Kerzen, und um die Wette mit den Steinen der Krone funkelten die Augen des Weibes. Doch die Steine funkelten offen nach allen Seiten – über die Augen des Weibes hatten sich die langen schwarzen Wimpern gelegt.

»Wenn sie herrenlos geworden wäre?« wiederholte die Königin.

»Ja – jetzt verstehe ich dich!« rief Zawisch. »Wenn« – wieder hob sich seine Brust in einem tiefen Atemzuge – »dann wäre ich vor einem Scheidewege gestanden, Kunigunde!«

Ein frohes Lachen flog über das Antlitz der Königin, und plötzlich hob sie sich auf den Fußspitzen, hob die Krone hoch empor und – drückte sie auf das Haupt ihres Gatten.

»Wie herrlich du –«

Das Wort kam nicht mehr von ihren Lippen. Mit beiden Händen hatte Zawisch nach der Krone gegriffen und hatte sie von seinem Haupte genommen.

»Auch nicht im Scherze, Kunigunde!« sprach er finster und legte die Krone auf den Tisch.

* * *

Die Königin stand allein unter dem Kerzenkranze. Sie hüllte die Krone in das rote Tuch, legte sie in die Truhe, sperrte das Schloß, öffnete einen Wandschrein, hob die Truhe vom Tische, schob sie in den Schrein und verschloß ihn.

Langsam schritt sie zur Türe, ganz langsam. Bleich war ihr Angesicht, gesenkt trug sie das Haupt, ihr Seidenkleid raschelte. Und als sie die Türe öffnete, murmelte sie: » Nicht im Scherze, Zawisch! – Ich habe dennoch in deiner Seele gelesen, Zawisch!«

* * *

Stille war's im Gemache, ruhig brannten die Kerzen lange Zeit. Dann hob die Slavin vorsichtig den Teppich, huschte hervor, blies die Lichter an den Wänden aus, ließ den Kerzenkranz hernieder an der vergoldeten Kette, löschte die flackernden Flämmchen und schlüpfte aus dem Gemache.

In der Dunkelheit lag die heilige Krone.

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