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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Hoffnungslos?

Schwarzgrau dehnte sich der langgestreckte Hügel, und über seinem niederen Rücken erlosch allgemach die Abendröte. Schneeschwer war der Himmel in seinem Zenithe und gegen Mittag und Mitternacht. Die Dämmerung sank hernieder auf das verschneite Land – aber während sie alles zu verschlingen drohte, kam auf einmal fahlglänzend in blaugrünem Dunste der große, runde Mond hinter den schwarzen Wäldern empor.

Auf dem schmalen Pfade, der sich zwischen hohen Hecken vom Dörflein herzog, schritten der Lyoner und Alheit.

»Die Nacht kommt, wir wollen umkehren!« sagte Hubald und blieb stehen.

»Wie Ihr wollt, Vater,« antwortete Alheit mit klangloser Stimme.

»Hat dich die Luft gekräftigt?« fragte der alte Mann.

»O ja,« sagte Alheit müde.

»Siehst du! Wenn wir einen Kummer haben, dann nützt es nichts, sich mit dem Kummer zu verkriechen. Nirgends drückt das Leid schwerer als im dumpfigen Hause.«

»Es wird schon wieder gehen,« seufzte Alheit.

»Freilich wird's wieder gehen!« antwortete der Lyoner.

Schweigend schritten sie nebeneinander auf das Dörflein zu.

»In meinem Herzen glaub' ich's doch nicht!« sagte Alheit plötzlich mit ganz veränderter Stimme und blieb stehen.

»Warum nicht, Alheit?«

»Ich hoffe gar nichts mehr,« antwortete das Mädchen. »Hier auf Erden,« setzte es hinzu.

»Gar nichts mehr?«

»Nein, alles ist abgestorben.«

»Wie das Land ringsumher, nicht wahr, Alheit, so meinst du's doch?«

»Ja, Vater, wie Gras und Baum und Strauch.«

Da griff der alte Mann in die Höhe, bog einen schneeschweren Zweig von der Hecke, schüttelte ihn heftig, daß der Schnee davonstäubte, und sagte: »Hierher sieh, Alheit! Bleibe doch ja bei deinem Gleichnisse und glaube diesem Bilde mit aller Kraft! Gleich diesem Zweige darf deine Hoffnung ersterben, dann wird sie wieder grünen zur rechten Zeit. Die Blätter fallen, und unsere Entwürfe verwelken. Aber kaum sind die Blätter gefallen im Herbste, schwellen schon wieder die jungen Knospen. Was tut's, wenn sich dann der Schnee drauflegt? Unter der Schneekruste ruht ja doch die Frühlingshoffnung. Bleibe du bei deinem Gleichnisse und glaube diesem Bilde mit aller Kraft!«

»Wer gibt mir meinen toten Bruder wieder?« fragte Alheit und begann zu weinen.

»Der die Blätter verdorren läßt im Herbste und sie wieder hervorruft im Lenze mit einem Hauche seines Odems, Alheit.« –

Schweigend schritten die beiden nebeneinander und kamen nahe an die ersten Hütten.

»Es wird schon wieder gehen,« sagte Alheit wie vorhin.

»Freilich wird's wieder gehen!« antwortete wie vorhin der alte Mann. Hundert- und hundertmal hatte er das Gleiche gesagt in den vergangenen Wochen. Wer ein verzagtes Herz trösten will, der bedarf großer Geduld. –

Dann begann er vor sich Hinzusummen, gleichsam unabsichtlich, als spräche er zu sich selbst:

Ich bin dein Kind!
Mir klingt es tief im Herzen:
Weil du mich liebst, mein Gott,
Schickst du mir Schmerzen.

Ein Wetter kam,
Es zuckten Feuerflammen,
Jählings in Asche sank
Mein Glück zusammen.

Was aber tut's?
Ich hebe meine Arme:
Beug, Vater, dich herab,
Erbarm, erbarme!

Ich bin dein Kind!
Wohl muß ich schluchzen leise,
Doch jubelt laut in mir
Die Siegesweise:

Ich bin dein Kind!
Mich kann das schwerste Leiden,
Mich können Teufel nicht
Von deiner Liebe scheiden.

Alheits Hand suchte die Hand des alten Mannes, und Hand in Hand schritten die beiden im Dämmerlichte durch die Dorfgasse.

»Gott behüte dich, meine Tochter! Ich werde noch in die Stadt wandern. Vielleicht erfahre ich, wonach dein Sehnen geht. Vor Mitternacht aber will ich wieder zurück sein, wenn Gott will.« So sprach Hubald, als sie vor der strohgedeckten Hütte standen, grüßte mit der Linken, setzte seinen Stab fest auf und verschwand mit großen Schritten in der Ferne.

* * *

Im taghellen Mondlichte kam der alte Mann zum Stadttore und ging hinein zwischen die hohen Häuser. Er kannte sich gut aus in dem Wirrsale von Gassen und Gäßlein und er besaß wohl viele Freunde in Prag; denn da und dort klopfte er an, bald an einer Werkstätte, bald an der Hinterstube eines Kramladens, bald schlug er auch auf die blinkende Schalltafel eines hochgetürmten Herrenhauses. Aber je länger er auf diesen Pfaden ging, desto nachdenklicher wurde sein Antlitz, desto hastiger schritt er einher. – – –

»Es wird spät, ich muß heim,« murmelte er endlich, blieb stehen und fuhr mit der Hand über seine Stirne. »Armes, armes Kind!«

»Gott meiner Väter,« flüsterte da jemand und trat schnaufend an seine Seite, »was habt Ihr grausig lange Beine, zu machen Schritte, wie sie hat gemacht Goliath, der Riese!«

»Was wollt Ihr?« fragte Hubald verwundert und betrachtete den Mann, der neben ihm stand.

»Hab' ich Euch gesehen hingehen an den Häusern über den Ring – – – aber wollen wir nicht bleiben stehen, wollen wir gehen ruhig nebeneinander wie gute, alte Freund', weil's ist gefährlich, beisammenzustehen in dieser Zeit!«

Sie gingen nebeneinander in der menschenleeren Gasse.

»Was wollt Ihr denn? – Ich kenne Euch nicht,« wiederholte der Lyoner.

»Kann mich einer kennen, den ich nicht kenne, kann ich kennen einen, der mich nicht kennt,« sagte der Jude und drückte sich an den Lyoner und machte würdevolle Schritte. »Bin ich doch der Muschlin, und habt Ihr doch nicht gefunden, was Ihr habt gesucht, und habt nicht erfahren, was Ihr habt gefragt da und dort in großen Häusern, in kleinen Häusern und zuletzt beim Tausendmark, wo's aber zugesperrt ist und gar sehr gefährlich.«

»Ihr seid mir nachgeschlichen, Muschlin?« fragte der alte Mann.

»Wie heißt nachgeschlichen? Hab' ich reden wollen mit Euch, habt Ihr gemacht lange Schritte; bin ich Euch nachgelaufen, seid Ihr verschwunden; hab' ich gewartet, seid Ihr wieder gekommen und habt gemacht noch längere Schritte – wie heißt nachschleichen? Aber er ist gewesen kein voraussichtlicher Mann, der Tausendmark. Warum hat er den Juden gerettet aus der Gefahr und hat selber den Hals so nahe hingestreckt, wo er doch war ein Handelsmann? Handelsmann ist Handelsmann und ist nicht Kriegsmann – pumps, ist der Kopf gewesen herunten und gelegen auf dem Ring im Schnee!«

Muschlin schüttelte sich; dann blieb er stehen und fragte lauernd: »Weiß sie's, die Rose von Saron, die Lilie im Tale?«

»Von wem sprecht Ihr?« fragte der Lyoner, und seine Brauen zogen sich zusammen.

»Von wem werd' ich haben geredet, wenn ich habe geredet vom toten Tausendmark?« fragte der Jude ärgerlich. »Von der Alheit, wo ist seine Schwester doch!«

»Warum glaubt Ihr, daß ich Kunde habe von diesem Weibe?«

»Kenn' ich Euch doch,« sagte Muschlin und zupfte den alten Mann vertraulich am Ärmel. »Weiß ich doch, Ihr seid ein Krämer und sonst noch etwas anderes, Hubald, weiß ich doch, was ich weiß. Ihr kommt und geht in Prag und könnt nicht verbergen Eure großmächtige Gestalt und Euer Gesicht, was keiner mehr vergißt, wenn er's hat gesehen einmal, und seid zu treffen in Wien und in Breslau, in Olmütz und in Passau. Und weiß ich doch, daß die einen beten in prächtigen Kirchen in der Öffentlichkeit ohne Angst, und singen und beten die andern tief unter der Erde an finsteren Örtern mit Angst und mutigem Sinn. – Wen hört er lieber, der Herrgott, die einen, die andern? – Was weiß der Jud'? Viel weiß er, das weiß er nicht!«

»Muschlin,« fragte der Lyoner, »wollt Ihr das alles auch zu andern Leuten sagen?«

Da blieb der Jude stehen und flüsterte: »Speien täte ich auf meinen Vater und auf meinen Großvater, auf meine Mutter und auf meine Großmutter, wollten's diese verraten oder jene verraten auch um viel Geld. Sind wir doch die Verfolgten von gestern, seid ihr die Verfolgten von heut'. Haben sie gestern uns verbrannt mit Haß, verbrennen sie euch heute mit Wut. Darum, warum soll der Jud' verraten, was ihn nichts angeht – was er nicht weiß von die guten Leut'?«

»Saget nicht ›gute Leute‹, Muschlin!«

Zwei Gewappnete kamen klirrend herangegangen, und mit lauter Stimme sagte der Jude in tschechischer Sprache: »Ist es gut, das Leder, sag' ich, es ist gut. Ist es schlecht, das Leder, sag' ich, es ist schlecht. Ist es sehr schlecht, sag' ich nichts mehr und geh'.«

Die Gewappneten waren vorüber, und Muschlin flüsterte: »Weiß sie's, die Rose, die da betet lieber mit wenigen und mit geringen Leuten unter der Erde als über der Erde mit vielen, die Lilie, die barmherzig gewesen ist mit dem David, dem Sohne des Muschlin, dem kleinen, dem schwachen, und ihn geschützt hat im vorigen Jahre vor die Buben, die ihn wollten werfen mit Steinen?«

»Sie weiß es,« antwortete der Lyoner.

»Hab' ich's gelockt heraus mit List, weiß ich, daß sie ist, wo Ihr's wißt!« sagte der Jude mit triumphierendem Lächeln. »Wollt Ihr gehen mit mir?« fragte er lauernd.

»Wohin, Muschlin?«

»In enge Gäßlein, in finstere Gäßlein, wo sie wohnen nahe beieinander armselig.«

»Und was soll ich dort tun?«

»Könnt's nicht sein, daß sie weint um einen, mit dem sie oft hat gesehen gehen im Sonnenschein über den Ring der Jud'? Könnt's nicht sein, daß einer ist gestochen worden todwund und hat ihn getragen sein Roß, das wilde, in die engen Gäßlein und in die finsteren Gäßlein und hat sich gelegt auf den Schnee und hat gestreckt von sich alle Viere? Könnt's nicht sein, daß sie gestritten haben miteinander und haben gesagt: ›Laßt ihn liegen, den Hund‹ –? Ist gekommen einer aus seinem Hause und hat auch gesagt: ›Laßt ihn liegen, es ist zu gefährlich!‹ Hernach aber in der Finsternis ist er gekommen abermals mit seinem Knecht und hat ihn aufgehoben in Heimlichkeit – könnt's nicht sein also?«

»Ihr habt den Grafen Wok aufgehoben, Muschlin?« rief der Lyoner und packte den Arm des Juden. »Ihr seid ein barmherziger Mann, Muschlin!«

»Hab' ich genannt seinen Namen? Hab' ich gesagt, wie er heißt, der gepflegt ist worden mit Unkosten zur Genesung? Was weiß der Jud'? – ›Barmherzig‹ habt Ihr mich geheißen? Hab' ich Euch geheißen ›gut‹, habt Ihr mir's nicht erlaubt – weiß ich doch nicht, warum Ihr's nicht habt erlaubt! – ? Ist es nicht das gleiche, Gutheit und Barmherzigkeit? Wer ist ein guter Mensch? Ein barmherziger Mensch ist ein guter Mensch. Keiner ist gut, der nicht ist barmherzig; es faßt sich alles zusammen in der Barmherzigkeit. Und warum sind zuhause in der Welt Jammer und Herzeleid? Ist e dumme Frag': weil die Hartherzigkeit regieret. Sagen sie offen in ihren Kirchen, daß Gott sei die Barmherzigkeit. Gott ist die Barmherzigkeit, das hat auch gelernt der Jud'. Sagen sie, daß die christliche Religion sei die Religion der Barmherzigkeit – ist eine schöne Religion, wenn sie ist beschaffen also.«

»Sie ist die Religion der Barmherzigkeit, Muschlin!« antwortete der Lyoner mit Nachdruck. »Und wer da unbarmherzig ist und nennt sich einen Christen, der lügt.«

»Und warum denn sind sie dann unbarmherzig, sind sie grausam gegen uns Juden, die Gojim, die Kirchengojim?« fragte Muschlin mit funkelnden Augen. »Ist's ihnen geheißen von ihrem Herrn? Barmherzig habt Ihr den Juden genannt, und wohl hat's getan dem Juden. Was aber soll's werden, wenn sich verhärten die Herzen von unsern Kindern, und wenn sie werden gemacht steinhart mit Gewalt die Herzen von unsern Kindeskindern? Es ist schwer, es ist sehr schwer, wenn einer will bleiben barmherzig mitten in der großen Unbarmherzigst.«

»Ihr habt barmherzig gehandelt, und Gott trocknet Tränen durch Eure Hand, Muschlin,« antwortete der alte Mann, und seine Stimme zitterte.

»Da sind wir angekommen bei den engen Gäßlein, bei den finsteren Gäßlein – tretet ein!« sagte der Jude. »Ich verehr' Euch, ich verehr' Euch. Beinahe möcht' ich gehen in Euern Fußtapfen und möchte mich setzen in Eure Schule und möchte zuhorchen, wenn Ihr redet weise mit den Leuten und lasset singen wehmütige Psalmen« – »wenn ich nicht wäre einer aus Abrahams Samen,« setzte er hinzu, warf das Haupt mit dem hohen, spitzigen Hute in den Nacken und schritt neben dem Lyoner dahin zwischen den Häusern der Judenstadt.

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