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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Unter der Erde

Eine frühe Winternacht hatte sich auf die Stadt Prag gesenkt.

Drohend, gleich einem gefährlichen Ungetüme, lag die Burg im Scheine der Sterne und bewachte die Stadt am Strome, und mit stummem Grimme streckte die bewachte Stadt ihre Türme und Giebel empor gegen die Wächterin. – Seit einer Woche war die Königin aus Mähren zurückgekehrt. Aber sie hatte den Hradschin nicht betreten, sie hatte sich und den Knaben Wenzel in den Schutz der Prager Bürgerschaft und des Witigonen Wok begeben. In die Königsburg war der Markgraf eingezogen. Frau Kunigunde hielt Hof in dem großen Steinhause, das vorzeiten König Ottokar in den Ringmauern der Altstadt erbaut hatte. –

Auf den Dächern Prags glitzerte der Schnee, die hundert und hundert Türme trugen Schneehüte, Schnee lastete auf den Dächern der Burg, und eine schmale, untiefe Moldau rieselte in breitem Rinnsale durch das böhmische Land.

Öde war's in den Gassen, festgeschlossen waren gleich den Stadttoren die Tore der Bürgerhäuser. Nur zuweilen, wenn die Richterwache mit qualmenden Fackeln einherkam, ward es lebendig zwischen den hohen Häusern: Waffen klirrten, der Schnee krachte und knirschte, pfiff und schrie, kurze Rufe ertönten, roter Schein glitt über das gebräunte Fachwerk zur Rechten und zur Linken, die langen Eiszapfen an den Dächlein der Lauben und Schwibbogen färbten sich rot und glitzerten ein wenig. Dann verhallten die Schritte in der Ferne, und dunkel wie vorher ragten die Häuser in die grimmig kalte Luft, stille wie vorher war's weit und breit.

Schon zum drittenmal hatte die Richterglocke ihren schrillen Ruf vernehmen lassen. Aber nirgends mußte ein Wirt vor seine Gäste treten und den Feierabend ansagen. Festgeschlossen gleich den Toren der Stadt und gleich den Bürgerhäusern waren die Schenken allenthalben: Zwietracht regierte unter den Geschworenen wie unter den Zünften, und gleich einem Gespenste schlich das Mißtrauen durch die Gassen bei Tag und bei Nacht.

Im weitläufigen Hause der Königin, im Saale der Edelknaben, brannte ein Helles Kaminfeuer. Am plumpen Tische, unter dem Kronleuchter, saßen zwei schwarzgekleidete Junker und ergötzten sich am Schachzabelspiele; ein dritter hatte seinen Stuhl an den Kamin gerückt und starrte in die Flammen.

»Aber jetzt – schachroch, Hinko!« sagte der eine in tschechischer Sprache.

»Das hatte ich übersehen, Onesch.«

»Noch drei Gänge, Hinko, und dein König tut den letzten Gang!«

»Witzig gesagt, Onesch; aber du könntest dich irren.«

»Ich irre mich nicht, Hinko. Da – schach!«

»Gut! Aber nun setze ich also – was meinst du jetzt, Onesch?«

»Pah! Da – schach! Und jetzt schau den Roch an, Hinko! Mit dem Roch tu' ich dir matschach.«

»Mat – verflucht! Hätt's nicht geglaubt, Onesch. – Vergeltung?«

»Morgen!« sagte Onesch, nachdem er einen raschen Blick auf die große Sanduhr geworfen hatte, blinzelte seinem Partner zu und erhob sich. »Ein sinnvolles Spiel, wie geschaffen für Edelknaben im Dienste. Möchte wissen, wie wir ohne dieses Spiel die Zeit herumbrächten!«

»Zum Sterben langweilig, dieser Dienst,« antwortete Hinko und legte die schweren Figuren in die Schatulle. »Man möchte den ganzen Tag gähnen. Vom Morgen bis zum Abende heißt es warten auf die Befehle der Königin, und die Königin befiehlt nichts vom Morgen bis zum Abende. Und diese schwarzen Kleider – wie Leichenbitter sind die Edelknaben der Königin anzuschauen!«

»Und wie ein Leichenbitter sitzt dieser Rapot nun schon den ganzen Abend am Kamin,« sagte Onesch und deutete auf den Dritten im Saale, der den beiden Tschechen den Rücken zukehrte.

Hinko lachte hämisch.

»Jetzt paß auf, Hinko!« flüsterte Onesch und sagte dann in deutscher Sprache mit lauter Stimme: »Sinnvoll Spiel, Schachzabel dieses. Wer ausgesonnen hat Schachzabel dieses, Hinko, meinst du Deutsche gewiß?«

Der Knabe am Kamine zuckte zusammen.

Onesch schnitt eine Grimasse: »Nix, Hinko, nix Deutsche. Haben viel gebracht in Böhmenland, Deutsche, haben gebracht Wanzen, gebracht Läus, gebracht Zwieträchtigkeit, Tod, Mordschlag, aber nix Erfinder gewest von Schachzabelspiel, Deutsche. Haben Blauaugen, haben Köpfe mit Wasser voll.«

Hinko lachte, warf sich in seinen Polsterstuhl zurück, schlug ein Bein über das andere und schaute auf den deutschen Edelknaben. Dieser hatte die Linke in die Seite gestemmt, saß hochaufgerichtet da und starrte in das Feuer.

Auf den Fußspitzen ging Onesch über den Teppich, bis in die Mitte des Saales. »Sind Deutsche jung, schlaf sie im Tag, träum sie im Tag, verdreh Augen ihriges, sing zu Mond, blas Laute, sagt Vater meiniges; wird sie älter, wird sie Rauber, Dieb, raubt sie Bauersmann schwaches, stehlt sie Edelmann starkes, was sie hat, Deutsche.«

»Laß mich in Ruhe, Onesch!« sagte der Deutsche und rührte sich nicht.

»Sing sie Mond an, wenn sie jung sein, sing sie liebe Königinne zu,« fuhr Onesch fort.

»Du bist ein Feigling,« sagte der Deutsche mit bebender Stimme und erhob sich. »Du weißt, wir müssen Frieden halten im Vorsaale.«

Noch einen Schritt näher trat Onesch. »Steht sie da, junges Deutsches, denken in Herzen seiniges: ›Ist sie so holde, sehr holdeste von alle die Königinne, ist sie wie schön! Ist schwarz Haar deiniges wie Feder vom Rabvogel. Ist sie weih, dein hohes Stirne, ist sie brennige dunkle Auge in Kopfe. Hochgebiegt wie zarte Brauen deinige! Wie die rote Rose sind gefärbet Backen deinige. Kommen Lüste am Morgen sachte, heben Schleierlein deiniges hoch, kose Schönheit königliches, wird Sonne selber bleiche. Ist sie königliche deine Wüchse, Frau Königinne, Mund rosenrote, – o bücke Mund herunter deiniges – mich – – o küssen, Rapoto Edelknaben, – einmal nur, ache, dann, holdes Königinne, gerne tot werden Rapoto!«

Hinko lachte und warf sich hin und her in seinem Stuhle. Unbeweglich stand der deutsche Knabe am Kamine.

»O Rapoto! Ist Freude groß, nicht tot werden, ist ja totgestorben König pan Otakr, können Deutsche leben, können sich sitzen neben Königin freies, können sagen leise: ›Werde Königinne meiniges!‹«

Mit verzückten Gebärden stand Onesch; dann ließ er sich auf ein Knie nieder.

»Hund,« rief der Deutsche, »laß die Königin aus deinem schmutzigen Maul!«

»Ist sie frech, dummes Deutsche,« sagte Hinko, und Onesch erhob sich.

Langsam schritt Rapoto heran vom Kamine, rasch stand Hinko auf und stellte sich neben Onesch. Der Deutsche trat hart vor den Tschechen und sah zu ihm empor.

»Geh weiter, deutsches Wanze!« sagte Onesch.

Da hob der Deutsche blitzschnell die Faust und schlug den Tschechen ins Angesicht. Aber im nächsten Augenblicke rollten die Drei ringend auf dem Teppiche – wortlos – schwer keuchend.

* * *

Der kleine Deutsche lag bezwungen auf dem Boden. Er war mit Kunst gefesselt an Händen und Füßen, und in den Mund hatten ihm die Buben einen starken Knebel gespannt.

»Dummes Deutsche,« sagte Onesch, »das ist nicht gewesen wie sonst eine Spaß, das ist gewesen eine Ernst. Wir schieb dir eine Stock zwischen durch Arme und Bein und werf dich in Ecke, dummes Deutsche. Rühr dich nicht! Können dich nicht brauch jetzt.«

»Spute dich, Onesch,« sagte Hinko in tschechischer Sprache, »es ist höchste Zeit!«

* * *

Wie ein Stück Holz lag der blonde Rapoto in einer Ecke des Saales. Das Kaminfeuer war zusammengesunken. Totenstill war's im Hause. – – – – –

Aus den Gemächern der Königin aber glitt unhörbar eine dunkle Gestalt, huschte gleich einem Schatten die schwach beleuchtete Stiege hinunter und stand endlich lauschend im finstern Hausflure.

»Boschena!« flüsterte eine Stimme, und Onesch trat hinter der dicken Säule hervor, die das Gewölbe des ersten Stockwerkes trug.

»Onesch, hier!«

»Alles in Ordnung?«

»Alles. Königin und Knabe längst zur Ruhe gegangen. Auch die Herren schlafen wohl fest – hab' ihnen den Trank gut gemischt.«

»Bringst du Licht?«

»Hier,« sagte Boschena leise und zeigte eine starke Kerze.

»Wo ist Hinko?«

»Schon im Keller,« antwortete Onesch und zögerte.

»Dann vorwärts!« flüsterte Boschena. »Die Kerze zünden wir im Keller an.«

»Wenn die List nicht glückt, dann kostet's unsere Köpfe,« sagte Onesch.

»Vorwärts!« zischte Boschena. »Soll dir ein Weib den Mut anblasen, Vetter? Es muß glücken! Heute nacht ist Prag unser, und der König schläft samt seiner Mutter morgen abend auf dem Bösigberge. Vorwärts!«

»Um dich habe ich Sorge, Boschena; für Hinko und mich sorgt der Markgraf.«

Verächtlich lachte Boschena: »Der sorgt auch für mich, wenn's fehlschlägt – ich habe mich nicht vergessen, verlaß dich darauf!«

»Dann vorwärts!« – –

Im untersten Keller standen die Junker und die Gürtelmagd der Königin von Böhmen.

»Hinter diesem Fasse ist die Türe – hurtig, Onesch, Hinko!« sagte Boschena.

Die beiden stemmten die Schultern an das schwere Faß und rückten es zur Seite. Eine kleine Türe ward sichtbar.

»Stoßet den Riegel auf,« befahl das Mädchen.

Onesch öffnete die Türe und spähte in die Finsternis. Moderluft drang aus dem Gange hervor.

Onesch krümmte Daumen und Zeigefinger, legte sie an die Zähne und stieß einen gellenden Pfiff aus.

Lauschend standen sie und spähten.

Da kam's von fernher mit leisem Klirren. Das Licht in Boschenas Hand begann zu flackern. Das Klirren wurde stärker und stärker.

Boschena lächelte lautlos, triumphierend. »Da, nimm, Onesch!« befahl sie flüsternd und gab dem Vetter die Kerze. »Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Ich bin dein Knecht, Boschena!« antwortete Onesch und warf einen glühenden Blick auf das Mädchen.

Boschena glitt durch den Keller und verschwand auf der finsteren Treppe – aus der Tiefe des Ganges aber quoll eine endlose Schar gewappneter Männer, erfüllte den weiten Keller, stieg wortlos die gewundene Steintreppe empor, erfüllte auch den ersten Keller und stieg hinauf in den Hausflur und erfüllte das ganze Haus. –

Im Saale vor den Gemächern der Königin stand Boschena, als wäre sie soeben aus ihrer Kemenate getreten, hielt einen Leuchter in der hocherhobenen Rechten und schrie mit gellender Stimme in deutscher Sprache: »Helfio! Räuber! Mörder!«

»Schweig, Dirne!« donnerte ein vornehmer Kriegsmann, dem der rote Bart bis an den Gürtel reichte. Aber noch stärker schrie Boschena: »Helfio! Mörder!«

Schlaftrunkene Höflinge stürzten auf die Gänge und wurden von den lautlos Harrenden niedergeschlagen. Fort und fort aber schrie Boschena: »Helfio! Mörder!«

Die Königin erschien auf der Schwelle ihres Gemaches und schaute mit Entsetzen auf die Gewappneten. Fortwährend schrie Boschena mit gellender Stimme: »Helfio! Mörder!«

Die Königin sagte mit tonloser Stimme: »Euer Begehr, Herr Markgraf?«

»Vergebt, Frau Königin, daß ich Euere Nachtruhe störe! Gebietet dieser Dirne, daß sie schweige, und dann folget mir mit dem Könige!« antwortete Herr Otto, den sie den Langen nannten, und bückte sich tief.

Die Königin legte die Hand auf die Schulter ihrer Magd und suchte sie zu beruhigen. Boschena sank zusammen und wand sich vor den Füßen ihrer Herrin im Weinkrampfe.

»Und wohin, Herr Markgraf?« fragte die Königin.

»Das wird sich zeigen, erhabene Frau. Ihr und der König werdet den Wohnsitz verändern – das ist alles. Hüllet aber Euch und das Kind in warme Pelze; denn die Fahrt ist weit!«

»Ich gehorche der Gewalt,« sagte Frau Kunigunde mit Hoheit, »doch es wird Euch gereuen, Herr Markgraf.«

Dieser lachte und verbeugte sich abermals.

»Kann meine Dienerin mit mir gehen?«

Wieder lachte Herr Otto: »Wenn Euch an der Heulerin gelegen ist – warum nicht?«

»Boschena, willst du mit mir gehen, armes, treues Kind?« fragte die Königin.

Das Slavenmädchen rutschte auf den Knieen heran, bedeckte die Hand der Königin mit Küssen und schluchzte: »In den Tod mit Euch, hohe Herrin!«

* * *

Aus dem Hause der Königin stürzten die Sarjanten des Markgrafen; über die Moldaubrücke galoppierten seine gepanzerten Reiter und rasselten durchs weit geöffnete Stadttor; langgezogene Hornrufe hallten durch die Altstadt Prag; aus allen Gassen und Gäßlein stürmten die Mannen der Witigonen, stürmten die wehrhaften Zünfte; das Getöse des Nachtkampfes stieg empor zu den funkelnden Sternen.

* * *

Zu der Zeit, als die tschechischen Junker mit dem Deutschen rangen im Saale, ehe der Brandenburger mit den Seinigen durch den Keller in das Haus der Königin gedrungen war, brannten in Marquart Tausendmarks tiefstem Keller, drei Stockwerke unter dem Erdgeschosse, auf weiß gedecktem Altartische zwei Wachskerzen und strahlten ihr schwaches Licht über eine Versammlung, die in andächtigem Schweigen den Worten Hubalds, des Lyoners, lauschte.

Der Lyoner stand vor den niederen Holzbänken, auf denen greise Gestalten und kraftvolle Gestalten in bunter Mischung saßen, gebückte Männlein und Weiblein, dem Grabe nahe, Jünglinge und Jungfrauen im Morgen ihres Lebens, Väter und Mütter in der heißen Mittagszeit ihres Daseins. Die Wände des Kellers glitzerten von der Feuchtigkeit, die an ihnen herabrann, und der Atem drang sichtbar aus dem Munde des Redners.

Hubald hob die Hände empor und segnete die Gemeinde mit dem göttlichen Gruße des Moses. Dann sagte er: »Und nun gehet hin in Frieden, forschet im heiligen Buche, ob ich euch auch heute in Wahrheit Gottes Wort gelehrt habe, und wandelt vorsichtig, auf daß ihr nicht euch selbst oder andere in Anfechtung bringet in dieser bösen Zeit. Gehet hin mit dankbarem Herzen und lobet Gott, der uns immer wieder die Pforte eines sicheren Ortes öffnet. Gehet in großen Zwischenräumen einer nach dem andern durch die verschiedenen Gänge und schweiget; denn die Gefahr ist groß. Wer eine Gabe auf dem Altare opfern will, der trete heran, und wer ein Anliegen auf dem Herzen hat, der sage mir's öffentlich jetzt oder im geheimen hernach. Gehet hin und meidet die Lüge wie das höllische Feuer; denn aller Sünden Ursprung ist die Lüge!«

Die Ältesten der Gemeinde erhoben sich und stellten sich hinter Vater Hubald, die Leute gingen an den Altar und legten ihre Gaben in das Zinnbecken, und als erste trat ein schönes Mägdlein vor den Lyoner, verneigte sich züchtig und blieb mit gesenktem Haupte vor dem alten Manne stehen.

Die klaren Augen des Lehrers ruhten forschend auf ihr, freundlich fragte er: »Wie geht es deiner Mutter, meine Tochter?«

»Sie liegt noch immer, mein Vater,« antwortete die Jungfrau, und während ihre Blicke fast unvermerkt zur Rechten und zur Linken schossen, sagte sie mit erhobener Stimme: »Mein Gewissen ist beschwert, Vater Hubald.«

»Ei, so? Wodurch, meine Tochter?« fragte der alte Mann und verzog keine Miene.

»Ich war meiner Mutter ungehorsam,« antwortete die Jungfrau. »In einer geringfügigen Sache,« setzte sie schnell hinzu.

»Und nun, meine Tochter?«

Wieder schossen die Blicke des Mägdleins zur Rechten und Linken. Männer und Frauen standen in der Nähe und hörten der Unterredung zu. Wieder senkte das Mädchen die Augenlider; dann öffnete sie ihr Handbeutelein und holte eine Goldspange hervor.

»Was soll's?« fragte der Alte mit großem Ernste.

»Dies möchte ich opfern für meinen Ungehorsam,« sagte das Mägdlein mit erhobener Stimme; »hier, nehmet das Kleinod!«

Da legte sich die Rechte des Lyoners schwer auf ihren Scheitel, und fast grollend klang seine Stimme, als er sagte: »Stecke deine Spange ein; die Brüder bedürfen ihrer nicht! Und merke dir, meine Tochter, Gehorsam ist besser als Opfer!« – Ganz leise aber, so daß es niemand hören konnte, setzte er bei: »Die Hoffnung der Heuchler wird verloren sein.«

Totenblaß stand die Jungfrau vor dem alten Manne und getraute sich nicht, zu ihm auszuschauen. Der aber hob ihr Kinn in die Höhe, schaute liebreich in die erschrockenen Augen und sagte freundlich wie zu Anfang: »Grüße deine Mutter, mein Kind, und geh hin mit Frieden!«

* * *

Nacheinander traten sie vor den Lehrer, und dieser stand wie ein Prophet unter ihnen allen, tröstete, mahnte, strafte, beugte nieder und richtete auf und gab einem jeglichen, was ihm not tat.

* * *

Der Keller war leer geworden. Nur Marquart Tausendmark saß noch auf einer der Holzbänke und sah bekümmert vor sich hin, und neben ihm stand seine Schwester Alheit; sie hatte die Hände gefaltet, und ihre Augen waren tränenschwer.

»Nun, Herr Marquart, warum so trübe?« fragte der Lyoner und trat mit freundlichem Lächeln heran.

»Eia, ich treibe auf stürmischem Meere,« antwortete Marquart.

»Über Länder und Meere streckt Gott der Herr seine Hand Tag und Nacht,« sagte Hubald.

»Und dennoch scheitern die Schiffe,« murmelte der Kaufherr und starrte vor sich hin.

»Tröstet meinen Bruder, Vater Hubald!« bat Alheit.

»Wir haben Trost, wir müssen ihm nur die Augen öffnen,« sagte Hubald mit freundlichem Ernste.

»Wollet heute in meinem Hause nächtigen, Vater!« rief plötzlich Herr Marquart und schaute flehend ins Angesicht des Lyoners empor. »Ich möchte mit Euch reden, ich bedarf Eures Rates.«

»In welcher Sache?«

»Die Gefahr wächst von Stunde zu Stunde, ich weiß mir nimmer zu helfen; die Altstadt ist in zwei Parteien gespalten, und jede dieser Parteien, zumeist aber die unsere, ist in sich zerfallen,« kam es hastig von Tausendmarks Lippen.

Der Lyoner aber wandte sich ab, streckte die Hand aus und sagte: »Gerne will ich eine Nacht unter Euerm Dache zubringen, aber niemals werde ich mich in Eure Händel mengen. Dem Herrn aller Herren diene ich – wie könnte ich da auch einem irdischen Herrn dienen mit meinem Rate in irdischen Händeln gegen andere irdische Herren?« – – –

Die Türe des Kellers ward aufgestoßen, und aus die Schwelle trat der alte Knecht und schrie: »Herr Marquart, die Brandenburger sind in der Stadt; es ist Mord und Totschlag in den Gassen!«

Der Kaufherr richtete sich straff in die Höhe: »Wo ist Herr Wok?«

»Er ist halbgewappnet aus dem Hause gesprengt,« jammerte der Knecht; »sie werden ihn erschlagen!«

»Marquart, bleibe!« sagte Alheit und klammerte sich in Todesangst an den Bruder.

Marquart Tausendmark stand da, und seine Augen leuchteten, als wäre er plötzlich ein anderer geworden. »Das ist dein Ernst nicht, Alheit!«

»Marquart, bleibe, ich werde euch beide verlieren!« bat das Mädchen zum zweiten Male mit bebender Stimme.

Marquart drückte einen Kuß auf ihre Stirne, löste sich aus ihren Armen und sprang auf die Stufen: »Nein, Alheit, er wird nicht untergehen,« rief er, »und du wirst glücklich mit ihm werden.«

»Laß mich mit!« flehte Alheit und stürzte ihm nach.

»Du bleibst!« sagte Marquart. »Und in Eure Hände, Hubald, gebe ich meine Schwester; seid ihr ein Vater! – Wollt Ihr's geloben?«

»Das gelobe ich, Herr Marquart,« sagte der Lyoner, trat herzu und legte die Hand auf den Scheitel des Mädchens.

»Laß mich mit!« flehte Alheit mit aufgehobenen Händen.

»Ehre meinen Willen, wenn du mich lieb hast, und Gott segne dich!« sagte der Kaufherr, wandte sich und drückte hinter sich leise die Türe ins Schloß. – – –

»Sturmwind und Nacht, finstere Nacht!« murmelte der weißhaarige Knecht und keuchte mit seinem Herrn die Stiege empor.

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