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Die Söhne des Herrn Budiwoj

August Sperl: Die Söhne des Herrn Budiwoj - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeDie Söhne des Herrn Budiwoj
authorAugust Sperl
titleDie Söhne des Herrn Budiwoj
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun35. bis 38. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zawisch an seinen Bruder Witigo

Meinen Gruß zuvor. Geliebter Bruder Witigo. Ich bin fertig und kann demnächst mein Roß satteln. Ich schreibe diesen Brief in der Nacht, in der aus dem letzten Tage des alten Jahres der erste Tag des neuen Jahres wird, in der Nacht, die man die böse nennt. Pilgram hat einmal gesagt: ›Solch ein Jahr hat ein schnelles Wachstum, erst liegt's wie ein Kindlein da, hernach wächst es gar schnell, wird ein Mann, wird ein Greis.‹ Witigo, das neue Jahr schaut mich an wie das alte, das neue Jahr hat das Antlitz eines Greises.

Dennoch habe ich sie ganz besonders gerne, diese Nacht, und daß sie böse sei, habe ich schon als kleiner Knabe niemals entdecken können. Sogar in der bösen Kriegszeit ist diese Nacht noch lieblich. Wenn ich den Laden öffne und hinausschaue – wie ruhig liegt die alte Stadt Iglau unter der Burg, wie glänzt der Schnee auf ihren Dächern, wie helle leuchten die Sterne in dieser prächtigen Nacht!

Aber die Gedanken wandern heute immer in die Heimat und in die alte Zeit. Vor wenigen Stunden hast Du wohl den Umgang gehalten mit der Räucherpfanne, die Kindlein haben gesungen, wie alle Jahre, und im Krummenauer Palas brennt jetzt ganz einsam die geweihte Kerze. Andere Kindlein haben gesungen – die Kindlein von damals sind große Leute geworden, die Kindlein von damals hatten kleine Sorgen, die großen Leute von heute schleppen große Sorgen aus dem alten in das neue Jahr. Der damals die Räucherpfanne trug, der schläft bei den Mönchen, und die, zu der wir Kindlein alle unsere Sorgen trugen, die schläft auch. Gott gebe ihnen eine fröhliche Urständ!

Ich komme nicht los von meinen Gedanken. Das waren böse Jahreswenden, zuerst, als der Vater, und später, als die Mutter von uns ging. Jahreswenden mitten im Jahre. – Torheit! Da sitze ich und schreibe, als schriebe ich im Traume Lieder zum Singen. Ich will nicht singen; aber Du verstehst mich, und darum tut mir das Schreiben wohl. Es ist mir zu Mute, als ginge ich hier seit Monden nur im Harnasch umher, ja es dünkt mich, als dürfte ich ihn auch nicht vor Schlafengehen ablegen. Wie die Füchse schleichen wir umeinander herum, Böhmische, Römische, Mährische, Pfaffen, Laien, Starke, Schwache. Wir ratschlagen miteinander, wir essen, wir trinken, wir lachen, wir tun einander Abbruch, wo wir können, und lassen einander beileibe nicht merken, daß wir Sorgen tragen unter dem Harnasch. Recht so! Hart muß der Mann sein nach außen. Weil aber der Härteste und Stärkste unter dem Harnasch doch nur ein armer, schwacher Mensch bleibt, so muß er seine Sorgen in einen Vertrauten hineinreden können.

An die Knechte auf der Krummenau muß ich heute denken und an die Mägde. Die Mägde malen das Zeichen an ihre Truhen – ich wollt', ich könnte auch ein heilig Zeichen an ganz Böhmen malen in dieser Nacht – Äpfel schneiden sie und betrachten die Sterne darinnen, raunen, freuen sich, fürchten sich. Von den Knechten läuft der eine hinaus an den Kreuzweg und horcht mit seinem Dickkopf ins neue Jahr hinein; der andere geht heimlich in den finstern Stall, legt sich in die Krippe und horcht, wenn die Rosse anheben zu reden miteinander um die Mitternacht. – Mitternacht ist's, Witigo, unter mir stampfen die Rosse im Stalle – ich gehe nicht hinunter zu ihnen, ich weiß ehevor, was sie sagen in dieser Mitternacht. ›Krieg!‹ sagen sie, ›Krieg!‹ und schnauben, als röchen sie Blut.

Ich komme nicht los von meinen trüben Gedanken, und es ist mir, als sähe ich das Spiel Lichtelschwimmen. Die zwei Nußschalen tanzen mit ihren brennenden Lichteln in dem Wasserbecken. Heia, wie sie tanzen – hie König Rudolf, hie Böheim! Kommen sie wohl beide zusammen, wie es sich geziemt? Mich will dünken, König Rudolfs Lichtel schwimmt eilig an den Rand und das arm böhmisch Lichte! flackert, als wollt' es erlöschen. Aber es soll nicht erlöschen, so wahr ich Zawisch heiße!

Holla! Es ist dennoch eine verzauberte Nacht, vornehmlich für einen, dem Kümmernis im Herzen sitzt. Ein solcher muß träumen in dieser Nacht und sinnen über das, was war, und das, was kommen wird. Aber holla! sage ich. Du weißt, bei Tage träume ich nicht, und wenn ich des Nachts träume, was kümmert's die Leute? –

Sie reden übel vom Zawisch, die Römischen; denn er hat ihnen heiße Köpfe gemacht all die Monate her, der Zawisch. Höre!

Jaroslaw, ich und die andern Boten der Königin ritten mit vielen Rossen im Monat Oktober nach Mähren zum König Rudolf und fanden ihn mit seinem Heere bei Eibenschitz im Feldlager.

Weißt du, welch einen gewaltigen Brief der römische König an alle Herren und Städte in Böhmen gesandt hatte? An jedem Stadttore stand zu lesen: ›Auf, schließet euch Uns an und dem heiligen Reiche in lauterer Ergebenheit, und Wir wollen euch erheben und wollen euch überschütten mit Unserer Gnade!‹ Im Herzen brannten mir seine Worte, und mein Herz jubelte: Er ist ein Starker, der die Schwachen regieren wird mit Sanftmut und die Widerspenstigen mit dem Stabe Wehe!

So kamen wir und fanden den römischen Rudolf. Höre, wie er aussieht: Er ist ein langgewachsener, hagerer Mann, er hat einen kleinen Kopf, ein glattes, blasses Angesicht, als wäre er ein Schreiber und kein Kriegsheld; seine Nase ist stark gebogen wie eines Geiers Schnabel, und weil sein Schädel vorn und oben kahl ist wie eine kahle Bergkuppe, so ist er auch anzuschauen wie ein alter, großer Geier, insonderheit wenn er ruhig sitzt, nichts redet und seine scharfen, blauen Augen auf einen richtet. Verzeih' mir's Gott, so sieht er aus! Ehedem habe ich mir sein Bild wohl anders gemalt, jetzt muß ich sagen: der römische Rudolf kann gar nicht anders aussehen, als er just aussieht.

Er nahm uns mit hohen Ehren auf, ließ uns prächtige Zelte bauen und hob auch gleich mit mir zu reden an von der alten Blutsfreundschaft. Sag's den Rosenbergern, daß er ihren Vater Wok gar wohl gekannt hat. Ich habe das aus seinem Munde zum erstenmale gehört.

Seltsam ist seine Art zu reden; noch seltsamer ist seine Art zu schweigen. Sicherlich hat er schon die geheimsten Dinge aus den Menschen herausgeschwiegen, dieser König. Denke dir, da sitzt der König, und hier stehst du. Deine Sache hast du vorgebracht, lang und breit. Er hat dich kein einzigmal unterbrochen in deiner Rede, und jetzt schweigst du und horchst, was er sagen werde. Aber nichts sagt er, ruhig sitzt er und schaut dich an. Bist du ein heuriger Hase, so fängst du nach einer Weile aufs neue an, sagst ihm das Ding zum zweitenmal, nur nicht so klärlich wie zuerst, und sagst dazu wohl auch das und dies, was du zu Anfang nie gesagt hättest. Aber der Zawisch hat eine gute Witterung, er ist kein heuriger Hase, er ist überhaupt kein Hase, und so schwieg er, als er fertig war. Nach kurzer Bekanntschaft schon taten wir uns leicht miteinander: wenn ich schwieg, dann hob er zu reden an, wie sich's gebührt, der römische König.

Ein großer Zusammenlauf war im Lager bei Eibenschitz. Da waren Geschworene aus den mährischen Städten; die kamen, huldigten und trugen starke Schutzbriefe von dannen. Da kamen die Herren vom Lande, einer nach dem andern, Große und Kleine, kamen wie die Mücken zum Lichte, verbrannten sich aber die Kleider nicht, sondern gingen mit großen Ehren davon. Da kamen Boten aus Polen und aus Ungarland, da kamen Boten aus Österreich, Steier, Kärnten und aus dem Reiche. Da kamen Geschworene aus den böhmischen Städten. – Um die Weihnachtszeit reitet der römische König in Prag ein, dachte ich in meinem Herzen und war frohen Mutes.

Er überlegt ein Ding lange, der König Rudolf, und wer etwas bei ihm durchsetzen will, der muß seine Lippen oft trocken reden. So wurde auch lange hin und her gesprochen über unsere Angelegenheiten. Unter den Räten des Königs ist der vornehmste der Burggraf Friedrich, der Nürnberger, ein kluger, aber ein hartköpfiger Mann. Als ich den herumgebracht hatte, war der größte Teil getan. Zu uns hielt mit Rat und Tat getreulich der Oheim Bruno, der viel gilt beim römischen Könige. Er ist hochbetagt, aber frischen Geistes. Er ist ein guter Reichsgenosse, er meint es treu mit der Königin – zuerst und zuletzt aber ist er der Bischof von Olmütz. Seine Weisheit ist groß. Zuweilen aber mußte ich mir denken: Wenn ein Ding eine Spitze hat, mußt du ihm doch nicht noch eine zweite machen, Bischof Bruno: ein Haar kann leichtlich in die Suppe fallen – wenn du es spaltest, dann werden aus dem einen Haare zwei Haare!

Also – im Oktober wurde geteidingt vor Pfaffen und Laien: Der junge König Wenzel tritt in den Ring mit Guta, König Rudolfs Tochter, und wiederum treten in den Ring König Rudolfs Sohn mit Namen Rudolf und die böhmische Agnes. Eine segensreiche Verbindung, Bruder Witigo! Der eine Vater hat dem andern Vater den Schädel einschlagen lassen, und etliche Monate hernach gibt man ihre Kinder zusammen, daß sie sich dereinst lieben und ehren und neue Geschlechter zeugen miteinander.

So wurde geteidingt. Aber zuvor hatte ich noch hart zu kämpfen gehabt für die Königin: ›Die Königin führt die Vormundschaft!‹ sagte ich und stritt darum eine halbe Nacht mit dem Burggrafen. Der hatte hundert und hundert Einreden, und ich kam nicht vom Flecke. Da ging ich des andern Tages zum Könige. Er schritt auf und ab im Zelte mit gesenktem Haupte.

Ich: Herr König, da steh' ich und heische das Recht für meine Königin. Sie hat sich in Euern Schutz begeben; entweder Ihr regieret selber als Vormund in Böheim, oder Ihr lasset die Königin regieren; den Schimpf wollet der Königin nicht antun, daß sie und der kleine König und das ganze Böheim vom Brandenburger oder vom Breslauer regieret werden!

Er: Ich bin der römische König und kann nicht als Vormund regieren in Böheim.

Ich: Also übergebt der Königin das Regiment.

Er: Sie ist ein Weib.

Ich: Die alte Königin Libuscha war auch ein Weib.

Er: Und was war das Ende? Die Königin begab sich unter die Vormundschaft eines Mannes.

Ich: Rings um die Königin stehen wir, Herr König, und geben ihren Worten Nachdruck mit unseren Schwertern. Also kann und wird sie regieren wie ein Mann.

Da blieb der König stehen, schoß einen Blick aus mich und fragte schnell: Ihr begehret, die Macht zu haben in Böhmen, Herr Zawisch. Da liegt's!

Nun hätte sich ein anderer wohl verneigt und hätte einen Brei gemacht um das Ding mit schönen Worten. Meines Vaters Sohn aber richtete sich stracks auf und sagte: O ja, Herr König! Bis König Wenzel zu seinen Jahren kommt, wollen wir, die von der Rose, das Heft in der Hand behalten für Kaiser und Reich; denn wir Rosenherren sind die Mächtigsten in Böhmen.

Er: Und die anderen Herren in Böhmen?

Ich: Die werden sich beugen, wenn wir in Euerm Namen stehen.

Er: Und wenn der Brandenburger Vormund wäre?

Ich: Dann hätten die Tschechen das Heft in der Hand, und dann wehe den Deutschen in Böhmen!

Er: Was kümmern mich eure Händel?

Ich: Was? Viel, Herr König! Wer hält zum Reiche? Die deutschen Herren, die deutschen Städte. Bruder Tschech haßt Kaiser und Reich. Herr König, das möchte Euch bitter gereuen, wolltet Ihr die Deutschen zurückstoßen. Unsere Händel sind Euere Händel. Gebt dem Brandenburger nach, und in Böhmen wird ein Feuer zum Himmel schlagen! –

So stritt ich den ganzen Tag bis in die Nacht hinein mit Hitze und mit Kälte. Ich wies dem Könige unser gutes Recht und seine heilige Pflicht, und ich erfocht den Sieg, Bruder Witigo. In derselbigen Nacht ward der Vertrag geschrieben und besiegelt; die Königin hatte die Vormundschaft. Daß ich aber also kämpfen mußte um den endlichen Sieg, ich mit dem römischen Könige – Bruder Witigo, das Ding war mir sehr verwunderlich. Jetzt wundert's mich jedoch nicht mehr.

Gegen Morgen suchte ich mein Lager und dankte Gott. Nun ist's getan! – so sagte ich zu mir. Die Deutschen haben den jungen König in der Hand und seine Mutter, und über dem Könige und den Deutschen und ganz Böheim wacht der römische Rudolf. So sagte ich, Bruder. Da hob sich ein böser Wind aus Böheim her, und das Wetter schlug um über Nacht. Will einer das Wetter loben, so soll er vorerst immer den Finger naß machen und den nassen Finger in die Luft recken. Der Wind ist's, der das Wetter regiert – überall, vornehmlich an eines Königs Hofe. In meinem Leben will ich nichts mehr loben, was ich nicht mit meinem Schwerte decken kann, gar nichts mehr, Bruder Witigo. –

Des andern Morgens werde ich in des Königs Zelt entboten. Da sind alle Herren versammelt zum Rate. Der König ruft mir entgegen: Böse Briefe, böse Briefe, Herr Zawisch! Wißt Ihr's?

Ich: Nichts weiß ich.

Er: Der Brandenburger rückt mit Heeresmacht heran.

Ich: Eia, so weiset ihm das Gewaffen!

Er: Mit Heeresmacht, Herr Zawisch!

Ich: Um so besser, Herr König. Da habt Ihr Eure Feinde alle auf einem Haufen.

Der Burggraf: Nichts da, es ist genug Blut geflossen!

Ich: Ihr auch, Herr Friedrich? Das will mich wunder nehmen.

Der Bischof Bruno: Zawisch, das Ding schaut anders aus. Der Herr König hat recht.

Ich schrie: Herr König, ist's wahr, Ihr scheuet Euch vor dem Brandenburger und vor den tschechischen Herren, die Euch Trotz bieten? Saget, Herr König, es ist nicht so!

Da schlug der König mit der flachen Hand in die Luft und schwieg.

Ich schrie abermals: Herr König, lasset Euch nicht ein mit dem Brandenburger! Hier knie' ich vor Euch. Ihr werdet dieser Stunde gedenken. Habe ich Prag genommen mit etlichen wenigen Reitern, so werdet Ihr nicht umkehren vor Böhmen mit einem Heere. Sprechet, im Namen der Königin bitte ich Euch!

Der römische König schwieg.

Ich: Herr König, habt Ihr nicht Unterwerfung gefordert von allen Herren und Städten in Böhmen? Soll Euer Wort zum Gespötte werden?

Der römische König schwieg.

Der Burggraf Friedrich: Ihrer sind etliche Tausend, Herr Zawisch. Sie ziehen gen Kolin heran.

Ich: Und wenn ihrer dreitausend sind, was ich nicht glaube, so seid Ihr, Herr König, dennoch der römische König. Gebt mir tausend Reiter, und ich jage sie in alle Winde.

Der römische König: Ich will mir's näher bedenken, ihr Herren. –

Da ging ich mit den andern und war in schweren Sorgen. Der König mißfiel mir unsagbar, Bruder Witigo.

Es kamen böse Tage. Der König rückte langsam vor bis gegen Sedletz und schlug ein Lager. Boten ritten ein vom Brandenburger, verhandelten im geheimen und ritten wieder ab. Ich sah sie; es waren alte Bekannte darunter. Ich biß die Zähne aufeinander und beobachtete und schwieg. Dann forderte ich die gesiegelte Urkunde in des Königs Kanzlei. Ich bekam höfische Worte, aber das Pergament bekam ich nicht. Ich wandte mich an den Burggrafen; der Burggraf vertröstete mich. Ich bat den Bischof Bruno um Hilfe; dieser sprach viel von Frieden und Klugheit und Sanftmut. – Zum Teufel mit dem Frieden, wenn er ein fauler Friede ist, zum Teufel mit der Klugheit, wenn sie stracks gegen das Recht geht, zum Teufel mit der Sanftmut, wenn die Sanftmut nichts ist als Schwachheit! – Ich verlangte zum Könige; ich wurde nicht vorgelassen. Ich besprach mich mit Jaroslaw und den andern – ich ward gewahr, sie hatten den Mantel nach dem Winde gedreht, und ich stand allein.

Es wollte mir sorglich werden: ich hatte lange keine Nachricht von der Königin, ich wußte nicht, war Prag noch unser oder nicht. Ich machte mir schwere Gedanken, wie ich Prag halten könnte, wenn sich der römische König mit dem Markgrafen und seinen Strauchdieben verglichen hätte. Da kam mein Burkhard und brachte mir Botschaft von Wok und von der Königin. Prag war ganz ruhig. Burkhard hatte sich als Krämer ins Lager des Brandenburgers geschlichen. ›Vierhundert verdeckte Rosse hat der Brandenburger, die tschechischen Herren sind mit tausend Rossen bei ihm. Wenn der römische König rasch zuschlägt, dann können sie nicht standhalten. Aber Eile tut not; der Brandenburger hat einen starken Zulauf.‹ So sagte er.

Ich stürmte zum Burggrafen. Ich hielt ihm alles vor. Tod und Teufel über das Ränkespiel am Hofe eines Königs! Es war zu spät. Am selbigen Tage ritt der Brandenburger ein im Lager zu Sedletz. Am selbigen Tage ward meine Urkunde zerschnitten. Am selbigen Tage schloß König Rudolf mit dem langen Otto einen Vertrag, weil er ihm mit Heeresmacht entgegengetreten war – und wohl auch, so hörte ich raunen, weil der Brandenburger und die Tschechen schwere Geldbeutel bei sich trugen, und weil der römische Rudolf borgen muß bei Laien und Pfaffen. Und so ist der lange Brandenburger Vormund über den jungen Wenzel seit dem Tage von Sedletz. – ›Pfuch!‹ sagt Witigo von der Krummenau, und ›pfuch!‹ sage ich, Zawisch.

Weißt Du jetzt, warum ich nicht zu den Rossen gehe heute nacht, Bruder? Ich weiß, was mit dem neuen Jahre ins Land kommt – der Krieg kommt, Witigo. O über diesen römischen König!

Ich begab mich noch einmal zu ihm, versuchte, ob ich nicht das Unheil wenden könne. Er empfing mich huldreich.

Ich: So wollt Ihr also die Königin und die deutschen Städte preisgeben, Herr König? Ich kann's noch immer nicht glauben!

Er: Preisgeben? Ich habe gute Ordnung hergestellt im Lande Böheim. Ich dächte, man sollte mich loben!

Ich: Ist das gute Ordnung, wenn Ihr den Wolf über die Herde setzet?

Er: Zawisch, laßt Euch das Ding nicht grämen! Glaubet mir, über viele Länder ist der römische König gesetzt, doch über ihm selber steht die Klugheit.

Ich stand da und verschluckte ein unziemliches Wort. Der König aber legte mir die Hand auf die Schulter und schaute mich scharf an. ›Ei, Zawisch, was kümmert Euch Böheim? Haltet Euch mehr herüber zum Reiche!‹

Ich: Das tu' ich, Herr König, aber von Böheim lasse ich nicht.

Er: Ich bedarf getreuer Männer, haltet Euch abseits von diesen böhmischen Händeln! Was Ihr dort verliert, das kann ich Euch zehnfach geben an andern Orten. Schlaget ein!

Ich: Zu Kaiser und Reich stehe ich, Herr König, und von Böhmen lasse ich nicht. –

Und ich ging.

Warum habe ich also gesprochen, Witigo? Ich sage dir, es war mir lieb, daß mich der König versuchte. Denn als er mir Ehre und Land bot, da ward mir's ganz klar, was ich will: Das Schicksal der Deutschen in den Städten und auf dem Lande will ich wenden und mein und meiner Sippe Schicksal will ich mit ihrem Schicksale verbinden. Witigo, das Schicksal der Deutschen brennt mir auf dem Herzen. Und wenn der römische König sein Lichte! mit sich hinausträgt ins Reich und läßt uns in Kampf und Drangsal, dann soll die rote Rose leuchten in Böhmen. So ist mir's lieb, daß mich der König versucht hat; denn jetzt kann ich mir klar und deutlich sagen, was ich will. –

Da sitze ich und bin zu Ende. Und dabei ist mir zumute, als wäre ich eines Kaufmanns Knecht, säße in der Fremde und hätte schlechte Geschäfte gemacht. Lächerlich – wie kann ich wissen, was sich eines Kaufmanns Knecht denkt? Aber siehe, in dem einzigen Worte liegt's: Zum Könige bin ich geritten und einen Kaufmann habe ich gefunden.

Siehe, da liegt's und da liegt's: Der König schneidet heute nacht keinen Apfel und also sieht er auch keinen Stern, und das arm böhmische Lichtel, das da mitten auf dem Wasser schwimmt und flackert, was kümmert's ihn? Sorgt er doch nur, ob sein Lichtel brennt und leuchtet. – Könige kann man nicht wählen, Könige müssen Könige sein von ihren Vätern her, Könige werden geboren. Siehe, da liegt's: Der junge Schmied muß auf einen alten Schmied schauen, wenn er sein Handwerk recht lernen will; der junge Sarjant muß bei einem alten Sarjanten in die Lehre gehen; und so sollte der neue römische König zum wenigsten hinschauen auf die großen alten Kaiser, wollte er das Regieren recht betreiben. Aber die alten Kaiser sind längst tot, der Drachentöter Sankt Georg ist auch längst tot, und der Graf von Habsburg hat das Regieren von ihm selber gelernt.

Was ist noch viel zu sagen? Die Königin ist auf dem Wege und wird in den nächsten Tagen hier in Iglau einreiten mit Jung-Wenzel und Agnes. Das wird eine frohe Hochzeit werden! Für die Fackeln dürfen sie nicht sorgen – alle Nacht geht ein anderes Dorf in Flammen auf: die Königischen und die Brandenburgischen brennen miteinander um die Wette, und ihre Herren zucken die Achseln, wenn die Bauern heulend ins Lager laufen. Pfuch! – Von Wien herauf zieht die römische Königin mit ihren Kindern. Heisa! Tandaradei! Die Alten werden einander beschmunzeln, und die Brautleute werden Honigstücklein essen, werden von ihren Puppen und von ihren Steckenpferden reden. Tandaradei! – Und der Brandenburger stolziert durch die Stadt – hat auch ein gutes Recht dazu, ist er doch Herr über Böhmen und König Rudolfs Schwäher obendrein. Lachen möchte man, Weinen muß man: Herr Rudolf ist ein kluger Mann, allezeit auf Handelschaft bedacht – er hat mit dem Brandenburger ein großes Geschäft abgeschlossen und als Drangeld hat er seine Tochter Hedwig mit des Brandenburgers Bruder verlobt. Warum lachst du nicht, Zawisch? Weil Länder keine Heringtonnen sind und Fürsten keine Krämer sein sollen? Du Tor, der römische König ist klüger als du!

Lebe wohl, Witigo! Was ich tun werde, liegt noch im Dunkeln. Zunächst werde ich mir anschauen, wie sie die Kindlein zusammengeben. Dann werde ich der Königin scharf zusetzen. Sie ist eine kluge Frau, und ich vermag viel über sie. – Ob ich Prag halten kann? Was weiß ich?

Nichts weiß ich, als daß der Morgen fahl dämmert über dem mährischen Lande. Kampf und Not werden kommen. Aber wie hat Pilgram gesungen? › Tritt fest auf, mein Sohn!‹ Fest will ich auftreten. Den Tag von Sedletz will ich dem Brandenburger einreiben – will! – Ich trage Sorge, du denkst: er spricht große Worte im voraus gleich dem römischen Könige. Aber schreie ich denn das ins Land hinaus? Bist du ein Stadttor, an das ich's hefte? Still sitze ich und schreib's in einen Brief und schreib's an meinen Bruder. Lebe wohl! Halte die Brücken aufgezogen! Mich brennen meine Augen; ich will noch etliche Stunden schlafen. Lebe wohl, Bruder Witigo! Weißt du, was der römische König heimlich bei sich denkt? Ich will dir's sagen: ›Das Feuer unter dem Kessel brennt; ich lass' es brennen, kann ich's doch nicht löschen ohne Gefahr. Ist's gar heruntergebrannt, dann trete ich vorsichtig herzu, hebe den Deckel und schaue in den Kessel – wer kann alles wissen? – vielleicht hat mir das Feuer eine gute Suppe gekocht!‹

Es zuckt mir in allen Fingern, in den Adern klopft mein Blut, mich dünkt, jeder Zaunpfahl spitze sich vor meinen Augen zu einem Speere, mich dünkt, nichts mehr auf Erden habe recht als das Schwert, eine unsichtbare Gewalt treibt mich vorwärts. – Was ist's denn? – Rauflust! – Lebe wohl, mein Bruder Witigo!

* * *

Droben im Walde, in der Krummenauer Burg, las Herr Witigo den Brief des Bruders. Dann trat er ins Fenster, schaute lange hinunter auf das verschneite Tal und sagte vor sich hin: »Rauflust? – Du hast niemals gerauft aus Lust. – – – – Aber hüte dich vor dem römischen Könige, Zawisch!«

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