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Gutenberg > Ludwig Fulda >

Die Sklavin

Ludwig Fulda: Die Sklavin - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Sklavin
authorLudwig Fulda
year1893
firstpub1892
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachf.
addressStuttgart
isbn
titleDie Sklavin
pages164
created20091027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Dieselbe Dekoration.

(Es ist Abend; die Lichter der Gaskrone brennen; die Vorhänge des Fensters sind zugezogen. Der Spieltisch ist sorgfältig gedeckt zu sechs Couverts; bei jedem derselben mehrere verschiedenfarbige Rheinweingläser.)

Erster Auftritt.

Käthe (sitzt vorn rechts; sie hat ihren Hut auf; die Mappe mit Schulbüchern liegt vor ihr auf dem Tischchen). Eugenie. (Später) Lina.

Eugenie (übersieht den Speisetisch und stellt Cigarren und Cigaretten, die sie in der Hand hält, auf den Tisch vorn links. Sie geht zu Käthe nach rechts und setzt sich zu ihr). So, mein Kind, nun wär' ich so weit. Jetzt erzähl' mir nur schnell, was es Neues gibt.

Käthe. Neues? Ich weiß nicht . . . Ja doch! Papa hat einen neuen Hut und der Karo ein neues Halsband. Und beide lassen sie dich schön grüßen. Aber die Hauptsache – die hätt' ich fast vergessen. Heut in vierzehn Tagen sind es gerade noch zwei Monate.

Eugenie. Was denn? 56

Käthe. Daß ich aus der Schule komme.

Eugenie. Das kannst du wohl gar nicht erwarten?

Käthe. Ach, das muß doch himmlisch sein – wenn einem niemand mehr etwas zu sagen hat, wenn man thun darf, was man will . . . die Freiheit! Die Freiheit!

Eugenie. Ja gewiß, das ist schön. Aber hast du auch schon darüber nachgedacht, wie du sie anwenden willst, deine Freiheit?

Käthe. Natürlich. – Papa meint, daß ich dann noch sehr viel lernen soll – und vor allem tüchtig zeichnen – nicht so fröhlich drauf los, sondern künstlerisch – verstehst du?

Eugenie. Das meint Papa – und du selbst?

Käthe. Ich auch. Ich habe nur manchmal so meine Gedanken . . . Aber darüber kann ich mit Papa nicht reden.

Eugenie. Auch nicht mit mir?

Käthe. O ja – mit dir, das ist etwas andres. Siehst du – die Mädchen bei uns in der Klasse, die wollen alle nichts mehr lernen. Die sagen immer: Wir werden uns ja doch verheiraten, und den Männern gefällt es gar nicht, 57 wenn die Frauen zu viel wissen. Und die Liebe ist doch das Höchste, sagen sie. Ist das wahr, Tante Eugenie?

Eugenie. Ja, das ist wahr, mein Kind. Aber sie kann auch das Niedrigste sein, wenn sie entheiligt wird. Und wir entheiligen sie, wenn wir sie als Mittel ansehen, uns zu versorgen. – Oder möchtest du dir einmal sagen: Ich muß einem Mann gefallen, weil ich sonst unnütz bin auf der Welt, weil ich nicht auf eigenen Füßen stehen kann?

Käthe. Nein! Nein! Nein!

Eugenie. Nun also – das ist der Grund, weshalb du etwas lernen sollst und deine Gaben verwerten. Frei kannst du nur werden durch dich selbst – frei, auch in deiner Liebe.

Käthe. Ach, Tante Eugenie, ich werde ja doch nie einen fremden Mann so lieb haben können, wie Papa und wie dich!

Eugenie. Hast du mich wirklich ein wenig lieb?

Käthe (sie umschlingend, leidenschaftlich). Ich könnte für dich sterben!

Eugenie (lächelnd). Bleib lieber für mich leben.

Lina. (tritt auf, mit einem Brotkörbchen, das sie auf den Tisch stellt, und macht sich dann am Büffet zu schaffen.) 58

Eugenie. Lina, ist das Eis jetzt gekommen?

Lina. Alles da.

Käthe. Gibt's nicht für mich noch irgend etwas zu thun?

Eugenie. Nein, Käthe. Dazu ist Lina hier.

Käthe (nimmt ihre Mappe). Ach, ich hätte gern noch viel mit dir besprochen – lauter ganz wichtige Sachen. Siehst du – warum bist du gestern nicht zu uns gekommen? Da hatte ich den ganzen Nachmittag frei.

Eugenie. Ich komme morgen. – Und noch eines, Käthe. Wirst du mir auch immer alles sagen, was du auf dem Herzen hast?

Käthe. Alles! – Aber du auch, Tante Eugenie; du mußt mir auch alles sagen. Das ist so lustig, wenn man recht viel Geheimnisse hat – nicht wahr?

Eugenie. Ja, ja. (Käthe ab.)

Zweiter Auftritt.

Eugenie. Lina.

Eugenie (den Tisch überschauend, zu Lina). Sie haben das wirklich recht gut gemacht, Lina. Ich glaube, mit der Zeit werden Sie mir's sehr erleichtern. 59

Lina. Ja – das wär' alles ganz schön – thät' ich alles ganz gern . . . aber –

Eugenie. Aber?

Lina. Nu – morgen müßten Sie's ja doch erfahren, Frau Waldeck. Morgen ist der fünfzehnte.

Eugenie. Was denn, Lina?

Lina. Da kann ich's Ihnen ja schon heute sagen – das ist egal. – (Etwas zögernd.) Ich . . . ich gehe am ersten.

Eugenie (betroffen). Sie kündigen mir?

Lina. Weil's nun mal nicht anders ist . . .

Eugenie. Was ist nicht anders? Halten kann ich Sie ja nicht. Aber darf ich wenigstens wissen, aus welchem Grund Sie schon nach vierzehn Tagen . . . Ist Ihnen vielleicht die Arbeit zu viel?

Lina. I bewahre!

Eugenie. Nun – was ist es sonst?

Lina. Der Herr . . . der Herr Waldeck . . . 60

Eugenie. Reden Sie doch nur!

Lina. Wenn Sie's partout wissen wollen – angeschnauzt hat er mich – jetzt schon das dritte Mal. Das kann ich nicht vertragen – bin ich auch nicht gewöhnt. Ich sehe auf feine Behandlung. Mädchen für alles sein und dabei nicht respektiert werden – das ist ein mäßiges Vergnügen.

Eugenie (abwinkend). Schon gut. – Zünden Sie im Salon Licht an.

Lina. Mit Ihnen wär' ich ja großartig ausgekommen. Aber wenn's einem sonst nicht paßt . . . Man ist doch sein freier Herr . . . (Da Eugenie schweigt, nimmt sie ein großes Brett auf und geht ab Mitte.)

Dritter Auftritt.

Eugenie. (Dann) Lukas.

Eugenie (starrt vor sich hin, sieht ihr dann nach und wiederholt). Sein freier Herr! – – (Kleine Pause. Es klopft.) Herein!

Lukas (eintretend). Guten Abend.

Eugenie. Sie, Herr Lukas? Noch so spät?

Lukas. Ich komme vom Bureau. Ich wollte meine Käthe abholen. War sie nicht hier? 61

Eugenie. Vor fünf Minuten weggegangen.

Lukas. Ich sehe, Sie erwarten Gäste heut abend.

Eugenie. Ja – zu einer Weinprobe.

Lukas. Haben Sie nur keine Angst; ich geh' gleich wieder. Uebrigens – warum haben Sie denn gestern Käthe abgeschrieben? Waren Sie am Ende nicht wohl?

Eugenie. Ein bißchen nervöse Kopfschmerzen, wie ich sie oft habe. Und für heute mußte ich meine Kraft zusammenhalten.

Lukas. Geht's denn heute wieder gut?

Eugenie. Danke . . . so leidlich.

Lukas. Das heißt, Sie haben sie noch, die Kopfschmerzen – leugnen Sie nicht. Da wär' es doch wirklich gescheiter gewesen, Sie hätten die Gesellschaft noch verschoben.

Eugenie. O, das war ganz unmöglich. Es ist wichtig für's Geschäft . . .

Lukas. Und Ihre Gesundheit? Der wird es wohl besonders gut thun, wenn Sie hier wieder einmal sitzen müssen – in dem Tabaksqualm – bis tief in die Nacht hinein. 62

Eugenie. Das ist meine Pflicht.

Lukas. Ihre Pflicht! – Wissen Sie – bei uns, in unserem Handwerk, da hat auch jeder Stein die Pflicht, so und so viel zu tragen. Aber wenn man ihm mehr auflädt, dann fällt der ganze Bau zusammen.

Eugenie. Was das betrifft – die Frauen können stärkere Lasten tragen als die Männer.

Lukas. Ja, das weiß der liebe Himmel. (Kleine Pause). Frau Waldeck, haben Sie eigentlich ein wenig Vertrauen zu mir? Halten Sie mich für Ihren Freund?

Eugenie. Wie können Sie nur so fragen?

Lukas. Ich frage, weil ich . . . weil ich gern irgend etwas thun möchte . . . weil ich Ihnen gern helfen möchte . . . Zum Henker auch, ist denn das gar nicht möglich?

Eugenie. O doch. – Sie haben mir ja schon geholfen, Herr Lukas.

Lukas (freudig). Ich Ihnen? Ist das wahr?

Eugenie. Sie haben mir meine Selbstachtung wiedergegeben. Sehen Sie – als Sie mir neulich so sprachen von Käthens Erziehung, – da hab' ich im stillen lange drüber 63 nachgedacht – und dabei ist es immer heller und heller in mir geworden. Ich sagte mir: Vielleicht bin ich doch noch zu etwas gut; vielleicht ist da ein liebes junges Mädel, dem ich etwas sein kann, dem ich etwas geben kann . . . was ihr sonst niemand geben kann als eine Frau . . . Und wenn das gelänge – wenn ich dazu beitragen könnte, daß die Käthe einmal so wird, wie Sie hoffen – eine Frau, die's den Männern beweist, daß wir noch zu was anderem taugen als zum Scheuern und Kochen – die jedem Mann grad und stolz in die Augen sehen kann und ihm sagen kann: Ich bin so viel wie du! – ja, wenn ich das erlebe, dann will ich daneben stehen – so glücklich, so glücklich . . .

Lukas. Das sollen Sie erleben; dabei sollen Sie mitwirken! Und ich sage Ihnen . . .

Vierter Auftritt

Vorige. Waldeck.

Waldeck (im Ueberzieher, den Hut auf dem Kopf, tritt ein durch die Mitte, überblickt den Tisch). Alles fertig – ja?

Eugenie. Wie du siehst.

Lukas. Guten Abend, Herr Waldeck.

Waldeck (kurz, aber nicht unhöflich). Guten Abend. (Er legt ab. Eugenie trägt seine Sachen durch die Thür links und kommt gleich wieder zurück.) 64

Lukas. Ich wollte mich nur erkundigen, wie's Ihrer Frau geht. Sie war gestern nicht ganz wohl . . .

Waldeck. Sehr freundlich. (Zu Eugenie.) Fehlt dir noch was?

Eugenie. Es ist besser.

Lukas. Aber Sie sollten sich doch ein wenig schonen, Frau Waldeck.

Waldeck. Ja, ganz richtig. Du solltest dich schonen. Sag' ich dir das nicht immer? – Wo sind denn die Weinkühler?

Eugenie. Noch draußen. Soll ich sie holen?

Waldeck. Hat Zeit. Oder du kannst doch lieber gleich . . . (Eugenie ab Mitte.) Zimperliches Volk – die Weiber. Alle Augenblick fehlt ihnen was. Die Nerven – immer die Nerven.

Lukas. Ich glaube, Ihre Frau ist etwas zu eifrig in der Haushaltung. Sie strengt sich zu sehr an.

Waldeck. Wieso glauben Sie das?

Lukas. Ich sehe jedesmal, daß sie viel zu thun hat, daß sie sehr stark in Anspruch genommen ist; und bei ihrer großen Pflichttreue . . . 65

Waldeck. Hat sie Ihnen vielleicht etwas gesagt?

Lukas. Was sollte sie mir gesagt haben?

Waldeck. Ich meine: hat sie sich bei Ihnen beschwert?

Lukas. Niemals; wie käme sie dazu . . .

Waldeck. Na, na, das möcht' ich doch mal untersuchen.

Lukas. Wenn ich Ihnen mein Wort . . .

Eugenie (kommt zurück mit zwei Weinkühlern).

Waldeck (geht auf sie zu). Eugenie, sag' mal – hast du hier im Hause zu viel zu thun? Hast du nötig, dich anzustrengen? Wird dir hier von irgend jemand etwas zugemutet? Was?

Eugenie (ist bleich geworden). Ich weiß nicht, wie du . . .

Waldeck. Ich will nur Antwort haben auf diese Frage – klar und bündig. Ich will nur die Thatsachen festgestellt haben – weiter nichts.

Eugenie. Aber was soll ich denn . . .

Waldeck. Hier vor dem Herrn Lukas sollst du erklären, ob du jemals irgend was zu thun hast, was du nicht gerne 66 thust; ob du irgend einen Grund hast zur Unzufriedenheit. – Nun?

Lukas (fast schüchtern). Herr Waldeck, Ihre Frau ist nicht wohl . . .

Waldeck. Ach was, nicht wohl! Reden kann sie doch; ja oder nein kann sie doch sagen. Und wenn sie das nicht augenblicklich thut, dann weiß ich, woran ich bin. Dann sag' ich ihr auf den Kopf zu, daß sie mich verklatscht hat hinter meinem Rücken, daß sie über mich herzieht bei fremden Menschen, während ich im Geschäft sitze und mich für sie abrackere! Also jetzt zum letztenmal: Hast du Grund, dich zu beklagen – ja oder nein?

Eugenie. Wenn ich dir versichere . . .

Waldeck. Ja oder nein?

Eugenie (wie mit zugeschnürter Kehle). Ich kann nicht!

Waldeck. Du kannst nicht! Gut – sehr gut! – Was hat sie Ihnen von mir gesagt, Herr Lukas? – Sie gesteht's ja zu. Jetzt werden Sie's wohl auch nicht mehr bestreiten – wie?

Lukas. Ihre Frau hat mir nichts gesagt – nicht das Mindeste. Das hab' ich Ihnen bereits erklärt, und ich denke, mein Wort wird Ihnen genügen.

Waldeck. Nun recht; Sie sind also von selbst auf diese Idee gekommen – ich weiß wahrhaftig nicht, wodurch. Aber 67 dann soll meine Frau Ihnen auch beweisen, daß Sie im Unrecht sind. Hörst du, Eugenie; das ist das wenigste, was ich verlangen kann.

Lukas. Lassen wir die Sache auf sich beruhen, Herr Waldeck. Ich habe ja auch wirklich nichts behauptet, was . . .

Waldeck. Schweigst du noch immer? Hab' ich das um dich verdient, daß du mich bei der ersten besten Gelegenheit im Stich läßt? Daß du nicht einmal für mich Partei nimmst? Ich, dein Mann, ich fordere von dir, daß du hier erklärst . . .

Eugenie. Alles, was du willst.

Waldeck (immer ärgerlicher). Nicht, was ich will – sondern was du verantworten kannst! Das ist denn doch eine Halsstarrigkeit . . .

Lukas. Ich bitte Sie, Herr Waldeck, lassen wir's gut sein.

Waldeck. Gut sein! Wenn sie mich nicht verteidigt, das heißt accurat so viel, als wenn sie mich verklagt.

Lukas (sich kaum mehr beherrschend). Sie selbst verklagen sich, Herr Waldeck; sonst niemand.

Waldeck (auffahrend). Was?! Ich?

Lukas. Ja – das thun Sie, wenn Sie in meiner Gegenwart Ihre Frau solch einem Kriminalverhör unterwerfen. 68

Waldeck. Herr, Sie erlauben sich . . .

Eugenie (mit erhobenen Händen). Herr Lukas, ich bitte Sie . . .

Lukas. Jawohl, ich erlaube mir. Ich bin ja nicht eine Frau, die man mit ein paar Blicken und ein paar Worten einschüchtert. Mir imponiert das gar nicht – aber absolut nicht. – Und im übrigen: Ich weiß schon lange ganz genau, wer Sie sind, und wer Ihre Frau ist. Dazu brauche ich keine Geständnisse und keine Verteidigungen.

Waldeck. Was wissen Sie? Was?

Lukas (ihn nicht mehr beachtend, geht zu Eugenie). Verzeihen Sie, liebe Frau Waldeck. Ich bin nicht schuld, daß es zu diesem Auftritt gekommen ist. Weiß Gott nicht! Aber ich bedaure es von ganzem Herzen. – Auf Wiedersehen! (Er ergreift schnell ihre willenlose Hand und schreitet dann zur Thür.)

Waldeck (bisher sprachlos vor Zorn, vertritt ihm den Weg). Halt! Nur noch ein Wörtchen im Vertrauen! Sie haben den Mut, in meinem eigenen Hause . . . Sie mischen sich in meine Ehe; Sie wollen mir wohl am Ende Vorschriften machen, wie ich meine Frau zu behandeln habe. Nun, dann merken Sie sich: Hier im Hause bin ich der Herr – ich ganz allein; hier lass' ich mir von niemand dreinreden. Und kurz und gut – ich verbitte mir ein für allemal Ihre weiteren Besuche. 69

Lukas. Sie hab' ich überhaupt noch niemals besucht, Herr Waldeck. Auf den Verkehr mit Ihnen lege ich nicht den allergeringsten Wert. (Rasch ab Mitte.)

Fünfter Auftritt.

Eugenie. Waldeck.

Eugenie (wie aus einer Betäubung erwachend, will zur Thür). Um Gottes willen – Herr Lukas – hören Sie . . .!

Waldeck. Du schweigst!

Eugenie. Aber wenn er nun glaubt . . .

Waldeck. Der soll jetzt glauben, was er mag. Mir vollständig egal! Der soll erzählen, was ihm beliebt; dann werd' ich erzählen, daß ich ihn 'rausgeworfen habe – ganz glatt 'rausgeworfen. Das fehlte mir gerade noch, daß so einer mir im Hause 'rumspioniert! Das könnte mir gerade passen! Aber, natürlich – wenn die eigene Frau so ihre Pflicht vergißt . . .

Eugenie (sich aufrichtend). Wann hab' ich meine Pflicht vergessen?

Waldeck. Eben – hier! Wenn dein Mann dich vor Zeugen fragt, ob du dich zu beklagen hast, dann ist es deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zu sagen: Nein – und nochmals nein! 70

Eugenie. Dann hätt' ich gelogen.

Waldeck. Was? Sind wir schon so weit? Hoho, ich sehe, ich muß andere Saiten aufziehn, wenn ich der Herr in meinem Hause bleiben will. Gelogen hättest du? Hast dich also zu beklagen über mich – über mich zu beklagen! Wo hab' ich dich denn eigentlich hergeholt, daß dir nichts gut genug ist – daß ich dir nichts recht machen kann? Ich glaube, ich hab' 'ne Gräfin geheiratet, 'ne Prinzessin. Fünf Treppen hoch hab' ich sie heruntergeholt – die Herzogin. Ihre Eltern hätten sie dem ersten besten Hungerleider gegeben und wären noch froh gewesen. Statt dessen bekam sie mich – mit ihren paar Groschen einen Mann wie mich! Sie braucht so viel Geld, daß ich manchmal nicht weiß, wie ich's auftreiben soll; aber das ist alles noch gar nichts. Ich werd' ihr noch sechs Lakaien halten müssen – und 'ne Hofdame, die ihr die Schleppe trägt! – Oder fehlt dir sonst noch etwas? Wie?

Eugenie. O ja!

Waldeck. Nun, was denn?

Eugenie. Das sag' ich dir nicht.

Waldeck. Warum nicht?

Eugenie. Weil du es nicht verstehst. 71

Waldeck. Nicht? Bin wohl zu dumm dazu? Aber der Herr Lukas versteht es; sein Gänschen von Tochter versteht es?

Eugenie. Das Kind laß aus dem Spiel! Das Kind hab' ich lieb – mehr als mein Leben.

Waldeck. Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dich mit denen noch verkehren lasse, daß die noch einmal über meine Schwelle kommen! Mit denen ist's aus – mit Vater und Tochter! Mit denen duld' ich keine Beziehungen mehr – verstehst du? Weder hier, noch anderswo! Weder jetzt, noch später! Und auf der Stelle gibst du mir dein Wort . . .

Eugenie (von jetzt an mit steigender Entschlossenheit). Nein!

Waldeck. Was? Wenn ich dir verbiete . . .

Eugenie. Das lass' ich mir nicht verbieten!

Waldeck. Wenn ich dir befehle . . .!

Eugenie. So gehorch' ich dir nicht.

Waldeck (durch ihre Festigkeit verblüfft). Offene Widersetzlichkeit – das ist neu; das ist vollständig neu. 72

Eugenie. Ja freilich, neu. Das erstaunt dich, daß ich noch einen Willen habe; du hast ihn ja mit Füßen getreten neun Jahre lang. Du hast verboten, und ich habe gehorcht; du hast befohlen, und ich habe gehorcht. Bevor ich deine Frau wurde, hatte ich viele große und kleine Freuden; du hast mir eine nach der andern genommen. Mein Streben, mich weiterzubilden, hast du verspottet und bekämpft; ich gab es auf. Die Zeichenstunde erschien dir überflüssig; ich gab sie auf. Das Klavierspielen mochtest du nicht hören; ich gab es auf. Du hast mich verurteilt zu jeder geistigen Entbehrung, und ich habe gehorcht. Du hast mir Geschenke gemacht und mir befohlen, mich zu freuen; ich habe gehorcht. Du hast niemals den Menschen in mir geachtet; selbst vor unserm Kinde hast du nicht die Mutter in mir geehrt. Das Kind ist tot; in mir selbst ist fast alles erstorben – nur nicht der brennende Durst nach etwas Zärtlichkeit, nach etwas kindlicher Liebe. Daß die mir zu teil wird von einem süßen unschuldigen Geschöpf, daß ich sie erwidern und vergelten kann mit ganzer Seele – das ist das letzte, das allerletzte. Auch dies letzte willst du mir rauben. Du befiehlst es mir – und ich gehorche nicht.

Waldeck. Also wirklich alles umsonst! All meine Mühe umsonst! Da hab' ich mich nun geplagt und geschunden, um dir deinen verschrobenen Frauenzimmerkopf zurecht zu setzen, um eine halbwegs brauchbare Hausfrau aus dir zu machen – alles für nichts! An dir ist Hopfen und Malz verloren. Und wenn man dir tausendmal sagt: So ist es! So gehört sich's! – in den Wind hat man geredet. Aber warte nur – dich kurier' ich noch! Unterkriegen lass' ich mich nicht. Und wenn du mir so kommst – wenn du mir sagst: Ich gehorche nicht, dann sag' ich dir: Ich werde dich dazu zwingen. 73

Eugenie. Das wirst du nicht!

Waldeck. Will sehen, wer mich daran hindert.

Eugenie. Aber es ist ja unmenschlich – es ist ja unerträglich, so ganz in eines Menschen Gewalt zu sein!

Waldeck. Der Mensch ist dein Mann – zufällig. Jawohl – du bist in meiner Gewalt! Du bist mein angetrautes Weib! Vor Gott und vor dem Gesetz hast du dich mir unterworfen. – Bitte mich, wenn du etwas von mir willst; bitte mich recht freundlich. Dann will ich mir's überlegen. Aber mit Trotz, mit Widerspenstigkeit – damit erreichst du nichts – gar nichts – das merke dir!

Sechster Auftritt.

Vorige. Susanne.

Susanne (etwas unsicher eintretend). Um Vergebung – ich habe schon dreimal geklopft . . . Ich komme wohl etwas zu früh . . .

Waldeck (höchst verlegen, bemüht sich seinen Gesellschaftston zu finden). Im Gegenteil! – Aeußerst liebenswürdig! – Wir haben faktisch ganz überhört . . . Wir sprachen gerade . . . (Auf seine Uhr sehend.) Wahrhaftig! Schon acht Uhr! Nehmen Sie doch Platz – hier – oder (die Thür rechts öffnend) hier im Salong. Wo Sie wollen.

Susanne (sich setzend). Danke sehr. 74

Waldeck. Aber wo haben Sie denn Ihren Herrn und Gebieter?

Susanne. Keine Ahnung. Ich habe ihn seit heute mittag nicht gesehen. Wir wollten uns hier treffen.

Waldeck. Dann wird er wohl gleich . . . Ja so, der Wein! Den muß ich ja . . . (Man sieht ihm an, daß ihn etwas beunruhigt; er geht ein paar Schritte nach links, kehrt wieder um; dann mit einiger Ueberwindung.) Ich habe vorhin wohl etwas laut gesprochen – was?

Susanne (rasch). Ich habe nichts verstanden.

Waldeck (jovial). Ich bin manchmal ein bißchen hitzig – ein alter Brausekopf. Aber mein Frauchen weiß schon, wie's gemeint ist: Strohfeuer – weiter nichts. Sie hat's gut bei mir – das dürfen Sie mir glauben, Frau Steffens.

Susanne. Das weiß ich ja.

Waldeck. Und herrschsüchtig sind die Damen alle. Sie möchten uns alle gern unter dem Pantoffel haben.

Susanne. Können Sie uns nicht verdenken.

Waldeck. Aber nun müssen Sie schon ein paar Minuten mit meiner Frau vorlieb nehmen. Das Geschütz muß jetzt 75 angefahren werden – von unten herauf. – Sie haben doch 'nen tüchtigen Durst mitgebracht?

Susanne. Ausreichend.

Waldeck. Heute lass' ich was draufgehen. (Ab links.)

Siebenter Auftritt.

Eugenie. Susanne.

Eugenie. Verzeihen Sie eine Frage, Frau Steffens. Sie sprachen neulich so allerlei von einem Kampfe der Frauen. War es Ihnen damit ernst?

Susanne. Außerordentlich ernst, meine Liebe. Ja, noch mehr – ich bin in diesen Kampf bereits eingetreten.

Eugenie (erstaunt). Sie? –

Susanne. Ohne Besinnen. Und Sie – hätten Sie Lust, sich unsrer Fahne anzuschließen?

Eugenie. O ja, die hab' ich! – – Aber wie wird es für uns möglich sein . . .

Susanne. Alles ist möglich, sobald wir geschlossen vorgehen, sobald wir zusammenhalten. Ein Damenkomitee ist im 76 Entstehen begriffen. Wir beabsichtigen zunächst einen Verein zu gründen – nach Doktor Ebelings praktischen Vorschlägen – den Verein zur Hebung der sozialen Lage der Frauen.

Eugenie. Und Ihr Mann – wird er Ihnen das gestatten?

Susanne. Warum sollte er nicht?

Eugenie. Ich denke, es gilt den Kampf gegen die Vorrechte der Männer.

Susanne. Aber doch nur ganz im allgemeinen! Es handelt sich ja auch nicht um die verheirateten Frauen, sondern um die armen Unfreien und Unterdrückten.

Eugenie. Die verheirateten Frauen sind also schon frei?

Susanne. Das fragen Sie noch! Ja – weshalb heiraten wir denn sonst? Außerhalb der Ehe ist uns nichts erlaubt, innerhalb der Ehe alles.

Eugenie. Ich verstehe Sie nicht.

Susanne (mit frivolem Lächeln). Wirklich nicht? – 77

Achter Auftritt.

Vorige. Kolb. Ebeling.

Kolb (noch vor der Thür, die ihm Ebeling geöffnet hat, komplimentierend). Nach Ihnen, Herr Doktor!

Ebeling. Nein, nach Ihnen, Herr Oberpostsekretär! Immer zuerst das Alter. (Sie treten ein und begrüßen die Frauen; Ebeling küßt Eugenie die Hand.) Meine Gnädigste.

Kolb (zu Eugenie). Du weißt schon? Deine Mutter wollte nicht mitkommen. Sie fürchtet sich vor dem Trinken. Aber ich fürchte mich nicht; ich bin ein Mann – ha ha! Rheinwein gibt's nicht alle Tage!

Susanne (etwas abseits rechts, zu Ebeling, flüsternd). Ich dachte, du kämst früher. Ich muß dich sprechen.

Ebeling. Was denn? Nur vorsichtig!

Kolb (mehr links, zu Eugenie). Na, wie steht's bei euch? Wieder klarer Himmel?

Eugenie. Ja, nun ist es klar geworden zwischen uns.

Kolb. Siehst du, was hab' ich dir gesagt? Das müßt ihr allein ausmachen; da kann dir niemand helfen. Hab' ich recht gehabt? 78

Eugenie. Ja, niemand kann mir helfen – außer ich selbst.

Kolb. Gottlob, jetzt redest du vernünftig. Handle nur auch nach deinen Worten.

Eugenie. Das werd' ich! Verlaß dich drauf.

Kolb. Wo ist dein Mann?

(Eugenie zeigt nach links, wo er abgeht.)

Lina (sieht durch die Mittelthür und ruft). Frau Waldeck . . .

Eugenie (zu Susanne und Ebeling). Entschuldigen Sie. (Schnell ab Mitte.)

Neunter Auftritt.

Susanne. Ebeling.

Ebeling (nimmt mit Susanne vorn Platz, leicht verstimmt). Liebes Kind – du bist wirklich sehr unvorsichtig! Wenn man Verdacht schöpft . . .

Susanne. Man denkt nicht daran. Laß nur erst unsern Verein recht im Gange sein. Dann können wir uns sehen, so oft wir wollen. Da gibt es Sitzungen, Beratungen, Vorbesprechungen . . . alle Tage etwas anderes.

Ebeling. Sehr zu wünschen. Denn – offen gesagt – der 79 fortgesetzte Umgang mit meinem Freunde Waldeck – der reizt mich weniger.

Susanne. Der Zweck heiligt die Mittel.

Ebeling. Aber es ist doch verteufelt ungemütlich – dieses fortwährende Auf-dem-Qui-vive-stehen – und dabei die Angst . . .

Susanne. Nun, solange ich nicht ängstlich bin . . . Ich setze ja mehr aufs Spiel.

Ebeling. Gerade darum. Wir müssen sorgfältig jeden Eklat vermeiden – deinetwegen.

Susanne. Oder auch deinetwegen.

Ebeling. Wieso?

Susanne. Das will ich dir sagen, mein Freund. Du fürchtest, es könnte zwischen mir und meinem Mann zur Scheidung kommen.

Ebeling. Wie kannst du glauben!

Susanne. Nur keine Heuchelei zwischen uns. Oder – Hand aufs Herz – wenn ich mich heute losmachte – würdest du mich dann vielleicht heiraten?

Ebeling. Ich versichere dir . . . 80

Susanne. Du darfst ganz ruhig sein – mein Wort darauf. Ich werde mich hüten, solch einen dummen Streich zu machen. Ich habe nicht die geringste Lust, einen Skandal zu provozieren. Mein Mann und ich – wir vertragen uns ausgezeichnet. Und überdies – mich fesselt an ihn auch die Dankbarkeit. Denn er hat mich aus meinem Gefängnis befreit.

Ebeling. Gefängnis?

Susanne. Jawohl! Meine Jugend im Elternhaus war nichts andres. Ein goldener Käfig – und als das Gold alle wurde, nur noch ein Käfig. Je weniger Geld im Hause war, desto feiner ging's zu. Ich wurde den ganzen Tag sorgfältig erzogen; ich durfte nicht allein über die Straße gehen, nicht allein zu Hause bleiben, kein Theater besuchen, keinen Roman lesen und die Zeitung nur, wenn sie Mamas Censur passiert hatte. Und immer hieß es: Habe Geduld; warte ab, bis du dich verheiratest; am Tage deiner Verheiratung wird alles Verbotene erlaubt. Nun – daran konnte man sich halten; dafür war kein Opfer zu groß. Und als es richtig nicht mehr zum Aushalten war – da kam Steffens. Er war nicht mehr der Jüngste; man sah ihm auf zehn Schritt den früheren Oberkellner an; aber – er riegelte mir die Thür auf – und eins, zwei, drei, war ich draußen.

Ebeling. Meine angebetete Susanne, du hast wohl selbst keine Ahnung, wie verdorben du bist?

Susanne. Ihr wollt es ja nicht anders. 81

Zehnter Auftritt.

Vorige. Waldeck (mit) Kolb, (der ihm einem Korb voll Flaschen nachträgt, von links). Eugenie (durch die Mitte. Dann) Steffens.

Waldeck. So! Da bin ich wieder. (Begrüßt Ebeling.) Ah – guten Abend! Guten Abend! (Während er den Korb neben den Tisch stellt und in die Weinkühler je zwei Flaschen setzt:) Aber warum sind Sie denn nicht im Salong? – Eugenie, wir wollten doch eigentlich im Salong empfangen? Herr Steffens noch immer nicht da? (Steffens tritt ein.) Aha, da ist er schon! (Eilt ihm entgegen.) Willkommen, lieber Freund. – Mir 'ne ganz besondere Ehre, daß Sie das Haus Ihres Hoflieferanten . . .

Steffens. Ich war aufgehalten. Mußte erst dem Prinzen Liechtenstein die Honneurs machen. Soeben bei mir abgestiegen. (Er überreicht Eugenie ein paar Blumen.) Reizende Frau, ich gestatte mir. (Begrüßt flüchtig seine Frau.)

Eugenie (gleichgültig). Ich danke. (Nimmt sie und legt sie beiseite.)

Waldeck. Ei, wie galant!

Lina (kam während der letzten Worte durch die Mitte mit einigen Schüsseln voll kalter Küche; sie stellt sie auf den Tisch und geht wieder ab).

Waldeck (zu den übrigen am Tisch). Also – gruppieren wir uns malerisch. – Eugenie! (Er nimmt sie beiseite und geht mit ihr nach vorn; halblaut, schnell.) Sei jetzt nicht dumm! Das von vorhin verzeih' ich dir noch mal. Aber dafür mußt du jetzt auch vernünftig sein. 82 Wenn alles klappt, mach' ich heut ein Riesengeschäft – verstehst du? Also – sei ein bißchen nett, sei ein bißchen zuvorkommend . . .

Steffens (tritt zu Eugenie und bietet ihr den Arm). Schöne Hausfrau, darf ich um den Vorzug bitten?

Eugenie (nimmt mechanisch seinen Arm und läßt sich von ihm zu Tisch führen).

Waldeck. So ist's recht. (Plätze anweisend.) Frau Steffens zwischen dem Herrn Doktor und mir; Sie, Schwiegervater, mir gegenüber. (Alle nehmen nach dieser Anordnung Platz. Waldeck öffnet ein paar Flaschen.) Genötigt wird nicht. (Schenkt ein.). Numero eins – so zum Vorgeschmack – ein Gläschen Rauenthaler Berg – vierundachtziger. Den ersten Schluck auf ein gemütliches Zusammensein! Nach des Tages Last und Mühe ein guter Trunk am eigenen Herd – ganz unter Freunden – das ist nun mal meine Passion! Prost! (Man stößt an und trinkt. Nur Eugenie läßt ihr Glas unberührt.) Wie schmeckt Ihnen der? Was?

Kolb (begeistert). Ah – das ist was Delikates!

Ebeling. Guter Tropfen.

Waldeck (zu Steffens). Nun – was sagen Sie? (Zu Susanne.) Ihr Mann – der versteht's. Der größte Weinkenner in ganz Berlin. Hut ab!

Steffens (nachdem er bedächtig geprüft). Sehr trinkbar. Aber noch nicht ganz flaschenreif. Arbeitet noch. 83

Kolb (sein Glas ansehend, verwundert). Der arbeitet? Ja, wie merken Sie denn das?

Steffens. Beim Wein – da macht alles die Uebung, die Erfahrung – grad wie bei den Frauen – hä hä!

Waldeck. Aber bei den Frauen sind Sie mehr für die jüngeren Jahrgänge – was?

Steffens. Parbleu!

Waldeck. Lassen Sie den da nur ein paar Jahre liegen – und ich garantier' Ihnen – das wird ein Weinchen! – – Na, dann probieren wir gleich daneben mal den Rüdesheimer – den von neulich. (Er schenkt ein.)

Ebeling. Vorteilhaft bekannt.

Waldeck. Den müssen Sie abwechselnd mit dem ersten trinken, meine Herrschaften. Einmal einen Schluck von dem – und dann wieder von dem – damit Ihnen der Unterschied klar wird.

Kolb (folgt dieser Weisung). Alle Wetter – wahrhaftig!

Steffens. Auf Ihr ganz Spezielles, Frau Waldeck!

Eugenie. Danke sehr. 84

Steffens. Aber Sie trinken ja gar nicht.

Waldeck. Ja, Eugenie, warum trinkst du denn nicht?

Eugenie. Du weißt – ich bin es nicht gewöhnt.

Waldeck. Dann mußt du dich daran gewöhnen. Wär' mancher froh, wenn er's könnte. (Zu Steffens.) Wie? Hab' ich nicht recht?

Steffens. Selbstredend. Davon ein Fläschchen – und Sie sollen mal sehen, wie fidel Sie werden.

Kolb. Man darf nichts umkommen lassen, meine Tochter.

Eugenie. Ich vertrag' es wirklich nicht.

Steffens. Nur Mut! Was kann da viel passieren? So ein kleiner Schwips, der macht eine hübsche Frau noch viel hübscher.

Waldeck. Sehr richtig.

Susanne. Ja, das gefällt euch Männern.

Steffens. Da wohnte mal bei mir im Hotel eine Gräfin, die trank jeden Tag zum ersten Frühstück eine halbe Flasche 85 Portwein und zum zweiten eine ganze Flasche Sekt. Eine pikfeine Dame.

Kolb. Sie soll leben!

Ebeling. Wenn sie nicht inzwischen am Delirium tremens gestorben ist.

Steffens. Denkt nicht d'ran.

Kolb. Ich habe vierzig Jahr' dem Staat gedient; aber Rüdesheimer hat's nicht oft gegeben, und bei uns zu Hause schon gar nicht. Und meine Alte – die ist accurat wie meine Tochter. Hat sich gefürchtet vor dem Wein – lächerlich. – Ich fürchte mich nicht; ich hab' ein reines Gewissen. (Trinkt.)

Waldeck (zu Steffens). Nun also, lieber Freund, ich frage Sie jetzt nicht als Geschäftsmann, sondern rein freundschaftlich . . . Sie wissen, wie viel ich auf Ihr Urteil gebe: Ist das nicht für diese Preislage was ganz Exquisites?

Steffens. Hors concours. Sehr viel Körper und hübsches Bouquet. Dürfte nur ein bißchen süßer sein.

Waldeck. Ich bitte Sie – ein Achtundsechziger! Darf gar nicht süßer sein – darf nicht. So einen Wein gibt's überhaupt nicht mehr; gar nicht mehr zu kriegen. Das war reine Glückssache. – Uebrigens – da hab' ich auch einen süßen. (Schenkt aus einer neuen Flasche ein.) Marcobrunner. 86

Kolb. Muß man den auch durcheinander trinken. – Alles durcheinander! Macht mir gar nichts.

Steffens. Glücklicher Mann, dieser Waldeck! Solche Weine und solch 'ne Frau!

Waldeck. Und solche Freunde! Ja, das muß ich wirklich sagen – so 'nen schönen Abend hab' ich lange nicht gehabt. Da wird's einem doch mal wieder wohl; da geht einem das Herz auf. Nehmen Sie sich ein Exempel d'ran, Doktor; machen Sie's uns nach!

Ebeling. Inwiefern?

Waldeck. Heiraten sollen Sie! Haben Sie denn keinen Neid? Hier sehen Sie eine behagliche Häuslichkeit und drei glückliche Ehemänner. Auf Ihre Zukünftige!

Susanne (stößt mit Ebeling an). Sie soll leben!

Ebeling. Ich danke in ihrem Namen.

Steffens. Fallen Sie nur nicht 'rein, Doktor! Nehmen Sie nur keine Emanzipierte!

Ebeling. Warum nicht? Wenn sie hübsch ist . . . 87

Waldeck. Nein, Doktor, heiraten Sie eine gute Hausfrau, die ordentlich für Sie sorgt und nichts anderes im Kopf hat, als Ihnen das Leben zu verschönern. Ich sage immer: Es geht nichts über das Familienleben.

Kolb (der viel getrunken hat). Das Familienleben hoch! – Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang – kennen Sie das? – Da hatten wir einen auf der Post – der hatte 'nen wunderschönen Tenor – wunderschön. Der sang dem Teufel das Ohr weg. (Singt:)
    An den Rhein, an den Rhein, geh' nicht an den Rhein,
    Mein Sohn, ich rate dir gut – – ich rate dir gut . . .
Na, wie geht's denn weiter? Na, einerlei – das sang er. Wunderschön sang er das.

Eugenie. Vater, trink nicht mehr!

Kolb. Warum denn, mein gutes Kind? Warum soll ich nicht mehr trinken? Ich bin ein alter Mann – und deine Mutter weiß nichts davon. Ich bin noch lange nicht flaschenreif – noch lange nicht. (Steht schwankend auf, wie um eine Rede zu halten) Sehen Sie – meine Herrschaften – das Postwesen hat ganz ungeheure Fortschritte gemacht – das glaubt man gar nicht. Deshalb bin ich auch so glücklich – so ungeheuer glücklich! Ich habe vierzig Jahr' dem Staat gedient, und meine Söhne sind nun bald versorgt – und meine Tochter ist so ungeheuer glücklich. Komm an mein Herz, meine Tochter! (Er umarmt sie.)

Ebeling. Der erste Invalide. 88

Waldeck (zu Eugenie). Laß ihn ein bißchen sich aufs Sofa legen.

Eugenie (geleitet Kolb zum Sofa).

Kolb. Ja – du bist die Stütze deines alten Vaters. Wenn ich dich nicht hätte – dich und deinen braven Mann . . . (Er liegt auf dem Sofa, trällert vor sich hin.) »An den Rhein, an den Rhein, geh' nicht an den Rhein . . .« (Schläft allmählich ein.)

Eugenie (besorgt). Wenn es ihm nur nicht schadet. (Setzt sich wieder.)

Waldeck. Was soll's ihm denn schaden?

Steffens. Einen Brummschädel wird er morgen haben. Voilà tout.

Waldeck. Von dem Wein? Keine Spur! Den können Kranke trinken; der weckt Tote wieder auf. (Zieht Papiere aus der Tasche, immer mehr erhitzt.) Da muß ich Ihnen doch Scherzes halber zeigen, was ich für Anerkennungsschreiben habe. Da ist ein alter achtzigjähriger Oberst; den hat schon zweimal der Schlag getroffen, und hier schreibt er, daß ihn der Wein buchstäblich am Leben erhält. (Liest.) »Schicken Sie mir wieder hundert Flaschen von dem Rüdesheimer zu acht Mark.« – Für Sie berechn' ich ihn zu netto fünfeinhalb; Freundschaftspreis; an Ihnen will ich nichts verdienen. Nun – wie?

Steffens. Pardon – kann man sich jetzt nicht eine Cigarre leisten? Heißt das, wenn die Hausfrau gestattet . . . 89

Waldeck. Aber natürlich. Bei der Cigarre redet sich's besser . . . Eugenie! (Er gibt ihr einen Wink, worauf sie sich erhebt, Cigarren und Cigaretten holt und aufwartet.) Echte Bock! Was Extrafeines.

Susanne. Darf ich um eine Cigarette bitten?

Steffens. Und Sie, Frau Waldeck – befehlen auch ein kleines Cigarettchen – nicht wahr?

Eugenie. Nein, ich danke.

Steffens. Warum denn nicht? Ich versichere Ihnen, das ist tout-à-fait chic.

Susanne. Nur nicht ängstlich, meine Liebe. Es schadet Ihren Zähnen nichts.

Waldeck. Wenn's Frau Steffens thut, kannst du's auch thun. Frau Steffens weiß ganz genau, was sich paßt. (Zu Susanne ) Ich sag's meiner Frau immer: An Ihnen soll sie sich ein Beispiel nehmen. Da kann sie nur was profitieren.

Steffens. Pardon – ich lass' auf Ihre Frau nichts kommen. Das ist ein Juwel von einer Frau, und wenn sie nur ein bißchen fidel sein wollte . . .

Waldeck. Ja, ich weiß wirklich nicht, Eugenie, wie du dich heute anstellst. Wir sind alle so seelenvergnügt, und du . . . 90

Steffens. Sapristi, wir müssen jetzt sehen, wie wir dies Frauchen in Stimmung bringen. Was könnten wir denn noch unternehmen?

Susanne. Ich hab' eine Idee. Heut abend ist der erste Maskenball im Wintergarten.

Steffens. Und da willst du . . .

Susanne. Ja, ja, gewiß. Ihr braucht euch nicht immer allein zu amüsieren. Wir wollen auch einmal dabei sein.

Steffens. Mir recht. Aber nur, wenn Frau Waldeck mitkommt.

Eugenie. Ich glaube, das ist nichts für anständige Frauen.

Steffens. Warum denn nicht? Im Domino, wenn's niemand weiß . . . Wir verraten Sie nicht.

Susanne. Liebste, Beste, was haben Sie für antediluvianische Ansichten!

Waldeck. Wozu brauchen wir den Maskenball? Wer weiß, was man dort zu trinken bekommt! Hier wissen wir, was wir haben. Können wir hier nicht grad so gut lustig sein? Können wir nicht auch hier die Maskenfreiheit erklären – was? 91

Steffens (geräuschvoll). Bravo! Brillant! Maskenfreiheit. Es lebe Prinz Karneval! Allgemeine Verbrüderung. Das Haus Waldeck soll leben!

Waldeck. Sollst auch leben, Bruder!

Steffens. Und du auch, alter Schwede! (Sie umarmen sich.) Und nicht zu vergessen die Herrin des Hauses, die in diesen Räumen das Scepter führt! Dies Glas aufs Wohl deiner Frau! – Darf ich ihr einen Kuß geben, Bruder? Hast du was dagegen?

Waldeck. Maskenfreiheit!

Steffens. Einen Kuß in Ehren kann niemand verwehren.

Eugenie. Ich verwehr' ihn!

Steffens (etwas zudringlicher). Ach . . .

Eugenie (ist aufgestanden, energisch). Nein!

Steffens. Mon Dieu, sind Sie grausam!

Waldeck. Eugenie, wenn ich's erlaube . . . 92

Steffens. Wenn Ihr Beschützer es erlaubt . . . (Geht auf sie zu.)

Eugenie. Dann muß ich mich selbst beschützen. (Sie geht rasch ab links.)

Elfter Auftritt.

Vorige (ohne) Eugenie.

Steffens (ihr starr nachsehend, nach einer Pause allgemeiner Verblüffung). Das ist mir noch nicht passiert.

Waldeck (ist aufgestanden, geht nach links). Sie muß augenblicklich wiederkommen und Sie um Entschuldigung bitten!

Steffens. Nein – lassen Sie, lassen Sie . . .

Waldeck. Sie kann wirklich nichts vertragen. Das bißchen Wein, das ist ihr zu Kopf gestiegen. Sonst wär's unerklärlich . . .

Steffens. Hm – ja, ja. (Sieht auf seine Uhr.) Sapristi! Schon so spät! – Wenn wir noch auf den Maskenball wollen . . .

Waldeck. Sie werden doch nicht! Jetzt kommt ja erst die Hauptsache – der Johannisberger.

Steffens. Das nächste Mal. 93

Susanne (mit Ebeling aufstehend). Ja, es war des Guten schon zu viel . . .

Waldeck. Nur noch ein Gläschen!

Steffens. Danke, danke. (Auf Kolb zeigend.) Wir wollen lieber den Toten da nach Hause fahren.

Waldeck (weckt Kolb). Schwiegervater! Schwiegervater!

Kolb (noch im Halbschlaf). Das kostet Strafporto. – (Zu sich kommend.) Wie? – Ja gewiß. (Steht auf.) Ja, ich wache über meine Tochter! Der soll mal einer was thun. Ich wache über sie.

Susanne (im Vordergrund zu Ebeling). Machen wir, daß wir fortkommen. (Sieht ihn an.) Warum bist du denn auf einmal so stumm geworden?

Ebeling (sehr verstimmt). Weil – weil ich mich schäme.

Susanne. Vor wem denn?

Ebeling. Vor mir.

Susanne. Willst du damit vielleicht sagen . . . 94

Ebeling. Nichts will ich sagen. Nervös bin ich. Nach Hause geh' ich jetzt.

Susanne. Ganz wie Sie wollen, mein Herr. (Ruft Steffens.) Theodor, gib mir deinen Arm.

Steffens (gehorcht). Mit Vergnügen! – Kommen Sie mit in den Wintergarten, Doktor?

Ebeling. Nein, ich fahre nach Hause.

Steffens. Na, dann können ja Sie den Oberpostsekretär mitnehmen. Das ist ein Weg. (Mit Susanne am Arm.) Guten Abend.

Waldeck (ihnen das Geleite gebend). Ich bin untröstlich, daß dieser Zwischenfall . . . (Verschwindet mit ihnen in der Mittelthür.)

Ebeling (geht zu Kolb, der sich an den Tisch lehnt, und nimmt ihn unter den Arm; melancholisch). Kommen Sie, Herr Oberpostsekretär; ich will Sie nach Hause bringen.

Kolb (ihm willenlos folgend). Ja, bei meinem Schwiegersohn ist's immer gemütlich. War ein hübscher Abend – wie?

Ebeling. Ein sehr hübscher Abend. (Sie gehen ab Mitte.) 95

Zwölfter Auftritt.

Waldeck. Eugenie.

Waldeck (kommt nach einer kleinen Pause zurück. Man sieht durch die offene Thür, wie er im Flur das Licht ausdreht. Dann tritt er ein, geht zum Tisch und trinkt – dann zur Thür links, findet sie verschlossen, ruft). Eugenie! Ich bin's. Sie sind fort. – Mach auf! Wirst du wohl augenblicklich aufmachen?

Eugenie (tritt heraus, bleich, aber mit dem Ausdruck fester Entschlossenheit). Was willst du von mir?

Waldeck. Na, was glaubst du wohl? Schönen Dank will ich dir sagen – dafür, daß du meine Freunde beleidigst und aus dem Hause treibst.

Eugenie. Wir sind allein. Du brauchst dir keinen Zwang mehr anzuthun. Schilt mich doch! Beschimpfe mich doch! Ich erwarte es nicht anders.

Waldeck. O nein, ich werde dir Komplimente machen für so ein Benehmen! Ich werde mir's ruhig gefallen lassen, daß du mir die ganze Geschichte verpfuscht hast – gründlich verpfuscht und verdorben. Keine freundliche Miene den ganzen Abend, kein freundliches Wort, wo ich dir ausdrücklich gesagt habe, um was es sich handelt! Und dann – wie alles im besten Zuge ist – nicht einmal einen kleinen harmlosen Scherz verstehn! Die Gekränkte spielen! Vom Tisch weglaufen! Du bringst es noch so weit, 96 daß ich keinen anständigen Menschen mehr einladen kann. Bedanken werden sie sich für das Vergnügen! Der Steffens war drauf und dran abzuschließen. Das ganze Geschäft zum Teufel; der ganze teure Wein hinausgeworfen für nichts und wieder nichts! (Trinkt sein halbvolles Glas aus. Auf sie zugehend, laut.) Wirst du mir vielleicht den Schaden ersetzen? Möchte wissen, womit?

Eugenie. Mit meiner Ehre nicht!

Waldeck. Was?

Eugenie. Bist du denn wirklich so blind, so stumpf, so gefühllos, daß du dies elende Spiel nicht durchschaut hast? Oder bist du so nichtswürdig, daß du Handel treiben willst mit der Gunst deiner Frau?

Waldeck (stark). Eugenie! – (Bricht in ein Gelächter aus.) Hahaha, das ist wirklich gut! Das ist zu komisch! Handel treiben! So ein überspanntes Frauenzimmer! Weil der Steffens in seiner Weinlaune als mein guter Freund . . .

Eugenie. Dein Freund, nicht meiner! Meinen Freunden hast du die Thür gewiesen; meine Freunde hast du mir verboten. – Meinen freien Willen hast du mir genommen und gibst mir dafür nicht einmal deinen Schutz.

Waldeck. Hoho, mein sanftes Täubchen! Beiß mich nur nicht! Glaubst du, ich lasse dir von irgend jemand etwas zuleide thun? Glaubst du, ich lasse dir ein Härchen 97 krümmen? (Schlägt auf den Tisch.) Donnerwetter auch, das soll mal einer wagen! (Er setzt sich an den Tisch, schenkt sich ein, trinkt.) Ein frecher Kerl ist er ja, der Steffens. (Legt die Beine auf einen Stuhl.) Ein Mensch ohne alle Bildung. Redet sich ein, ich hätt' ihn nötig! So ein aufgeblasener Kerl! So ein Prahlhans! – Meinetwegen soll er den Wein nicht kaufen; den werd' ich noch zehnmal los; dadurch lass' ich mir noch lang nicht die Laune verderben, noch lang nicht! – Und Johannisberger können wir auch allein trinken – ohne ihn. (Trinkt.) Nur noch ein Wort hätt' er sagen sollen – nur noch ein einziges Wort! Meiner Frau soll mal einer zu nahe kommen. Dazu habe ich allein das Recht – haha! – ich ganz allein. (Er schenkt für Eugenie ein Glas ein.) Na, komm her! Da setz dich zu mir!

Eugenie. Ich bitte dich, laß mich jetzt zur Ruhe gehn.

Waldeck. Nur Geduld! Alles zu seiner Zeit. Der Johannisberger ist doch mal offen. So ein Gläschen – das wird dir gut thun auf den Schrecken. Na, so komm!

Eugenie. Wenn ich dich bitte . . .

Waldeck. Ja, ein Kuß von dir – das könnt' ihm gefallen. Hat gar keinen schlechten Geschmack, der Lump! – Hast du noch Angst! Ich thu' dir ja nichts! (Er ist aufgestanden.) Na komm! Trink! (Er umfaßt sie.) Wir wollen uns wieder vertragen – was?

Eugenie (schauert zusammen, reißt sich los). Nein – lieber tot! 98

Waldeck. Bist du toll?

Eugenie. Schilt mich! Mißhandle mich! Es wird mich weniger entwürdigen als deine Zärtlichkeit.

Waldeck. Unerhört! Unglaublich! Willst du mir wohl auch davonlaufen wie ihm – mir, deinem Mann! Willst du mir wohl auch verwehren . . .

Eugenie (flehentlich). Laß mich! Nur jetzt laß mich!

Waldeck. Meinen Kuß will ich haben!

Eugenie. Kannst du mich auch dazu zwingen – auch dazu?

Waldeck. Ob ich das kann? Großartig! Bist du mein Weib oder nicht?

Eugenie. Niemals war ich dein Weib. Ich war nur deine Magd!

Waldeck. Hast du am Altar nicht ja gesagt?

Eugenie. Nenne nicht den Altar!

Waldeck. Hast du damals ja gesagt? 99

Eugenie. Ich habe ja gesagt als ein unwissendes, überredetes, eingeschüchtertes Kind. Ich habe dieses Ja gebüßt mit neun Jahren Folterqual, mit neun Jahren Kerker, mit tausend durchweinten Nächten. Damals habe ich ja gesagt und heute sag' ich nein!

Waldeck. Hoho, das wird dir auch viel helfen! (Geht auf sie zu.)

Eugenie. Rühr' mich nicht an!

Waldeck. Und wenn ich's doch thue – was?

Eugenie. Dann verlass' ich das Haus.

Waldeck. Sehr einfach! Das Haus verlassen! Eine verheiratete Frau das Haus ihres Mannes. Es gibt noch Gesetze – Gott sei Dank.

Eugenie. Ja, es gibt noch Gesetze!

Waldeck. Willst du mir drohen, mein Schatz?

Eugenie. Ich will mich von dir befreien. (Sie eilt nach der Mittelthür.)

Waldeck (stellt sich davor). Versuch's! (Deutet nach der linken Thür.) Da hinein! Das ist dein Weg! – Dich bring' ich noch zur Raison. 100

Eugenie (zögert einen Augenblick; dann von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, schnell ab links).

Waldeck (sieht ihr nach, thut einen tiefen Atemzug und reckt sich). Ab . . . (Er schenkt sich noch ein Glas ein und leert es auf einen Zug. Dann löscht er die Flammen; wie er die letzte ausdrehen will, besinnt er sich und ruft nach links.) Eugenie, bring mir den Leuchter! – (Lauter.) Hörst du? Den Leuchter! – – (Er eilt durch die linke Thür. Man hört ihn drinnen poltern und rufen:) Eugenie! Eugenie! – (Er kommt zurück, außer sich vor Schreck und Zorn.) Fort – über den Hof! (Er stürzt ans Fenster, reißt es auf, sieht hinunter.) Fort! (Schlägt das Fenster zu; mit Zuversicht.) Du kommst wieder. 101

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