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Gutenberg > Ludwig Fulda >

Die Sklavin

Ludwig Fulda: Die Sklavin - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Sklavin
authorLudwig Fulda
year1893
firstpub1892
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachf.
addressStuttgart
isbn
titleDie Sklavin
pages164
created20091027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Speisezimmer bei Waldeck.

(Das Zimmer ist ein sogenanntes Berliner Zimmer. Es hat nur ein einziges großes Fenster, welches die linke, schräg abgestumpfte Ecke des Hintergrundes einnimmt, und durch welches man auf den Hof sieht. In der Hinterwand rechts ist die schmale Thür zum Flur [allgemeiner Auftritt]. In der rechten Seitenwand Thür zu den vorderen, in der linken Seitenwand Thür zu den hinteren Räumen der Wohnung. Die Einrichtung ist gut bürgerlich; ziemlich neu aussehende Dutzend-Möbel. Zwischen Fenster und Flurthür inmitten der Hinterwand ein großes Büffet; in der Mitte der Bühne ein runder Speisetisch; um denselben ein paar Rohrstühle; darüber mehrarmige Gaskrone. Rechts vorn ein Sofa und ein rundes Ziertischchen; links vorn ein Spieltisch. An den Wänden einige Photographien nach Gemälden und Oeldruckbilder. Hinter der rechten Seitenthür an der Wand großer Ofen. Vorn rechts eine kleine Wanduhr.)

Erster Auftritt.

Waldeck (liegt auf dem Sofa in Schlafrock und Pantoffeln und schläft). Eugenie (ist mit) Lina (beschäftigt, den Speisetisch, auf dem vorher zu Mittag gegessen wurde, abzuräumen; sie schleichen auf den Zehenspitzen und sprechen im Flüsterton).

Eugenie. Ach richtig, Lina – das Fleisch haben Sie heute wieder zu sehr durchgebraten. Sie hörten doch: mein Mann will es immer halb englisch.

Lina. Na ja, wenn man erst ein paar Tage wo im Dienst ist – alles auf einmal behält man nicht. 8

Eugenie. Ich sag's auch nur, damit's nicht wieder geschieht. (Während Lina das Geschirr aufpackt, ängstlich.) Vorsichtig! . . . Nur kein Geklapper . . . so! Warten Sie . . . ich mach' Ihnen die Thür auf. (Sie schleicht zur Mittelthür und läßt Lina, die mit Tellern beladen ist, hinaus. Dann kehrt sie zum Tisch zurück und stellt mit großer Vorsicht die Gläser auf ein Brett, von Zeit zu Zeit nach ihrem Manne schielend. Das letzte Glas, das sie vom Tisch aufnimmt, berührt klirrend eins der andern; sie fährt erschrocken zusammen. Leise.) Ach Gott!

Waldeck (halb aufwachend, unwillig). Was ist denn los?

Eugenie. Nichts, gar nichts . . . ich habe nur . . .

Waldeck. Donnerwetter, du siehst doch, daß ich schlafe! (er wirft sich herum und schläft weiter.)

Lina (kommt zurück, geht zum Speisetisch, flüstert). Ich wollte noch fragen . . .

Eugenie (den Finger auf den Mund legend). Pst! – (Sie deutet ihr an, nach vorn links zu kommen. Dann im Vordergrund, leise.) Was wünschen Sie?

Lina. Ich wollte fragen, wann ich ausgehen kann?

Eugenie. Ja, ich weiß nicht recht . . . Mein Mann erwartet Besuch heut Nachmittag . . . 9

Lina. Meinen Ausgang am Sonntag, den hab' ich noch bei jeder Herrschaft gehabt.

Eugenie. Den haben Sie auch hier. Bleiben Sie nur bis nach dem Kaffee; dann werd' ich mir schon allein helfen.

Lina (brummt). Wenn's nicht anders ist . . . (Geht zum Tisch, nimmt das Gläserbrett.)

Eugenie (leistet ihr wieder bis zur Thür besorgten Beistand; an der Thür). Spülen Sie jetzt ab. Das hier bring' ich selbst in Ordnung.

Lina (ab Mitte).

Eugenie (hebt das Tischtuch ab, faltet es zusammen, legt es ins Büffet, nimmt von dessen Sims die Tischdecke und legt sie auf).

Waldeck (wird inzwischen wach, reckt sich, gähnt geräuschvoll, bleibt liegen). Uah – wie spät ist es?

Eugenie (sieht nach der Wanduhr). Gleich drei.

Waldeck. Erst? – Du hast mich wieder einmal nicht schlafen lassen.

Eugenie. Du schliefst über eine Stunde. 10

Waldeck. Am Sonntagnachmittag will ich mich ausschlafen, das könntest du jetzt bald wissen.

Eugenie. Wenn du nach Tisch nur ins Wohnzimmer gehen wolltest . . .

Waldeck. Mit dem verdammten Kamin? Bei der Hundekälte? Ich danke!

Eugenie. Voriges Mal warst du böse, weil der Tisch noch nicht abgeräumt war. Du legst dich gleich nach dem Essen um – da muß ich's thun, während du schläfst. Leiser kann man's unmöglich machen.

Waldeck. Man kann nicht! Alles kann man nicht! Aber einen Mann, der die ganze Woche arbeitet wie ein Gaul, um sein bißchen Ruhe bringen – das kann man.

Eugenie (schüchtern). Ich arbeite ja auch.

Waldeck. Gib mir 'ne Cigarre.

Eugenie (holt aus der Ecke eine Cigarrenschachtel und bringt sie ihm).

Waldeck. Und Feuer.

Eugenie (suchend). Lina muß die Streichhölzer weggenommen haben. Ich kann sie nicht finden. (Ruft durch die Mittelthür.) Lina – bringen Sie doch, bitte, eine Streichholzschachtel. 11

Waldeck. Nicht einmal ein paar lumpige Streichhölzer sind da, wenn man sie braucht.

Eugenie. Das neue Mädchen weiß noch nicht recht Bescheid; ich muß sie erst anlernen.

Waldeck. Das Mädchen! Sehr bequem, die Schuld immer auf das arme Mädchen zu schieben. Du bist doch auch noch da.

Lina (bringt die Schachtel, gibt sie Eugenie und geht wieder ab).

Eugenie (ist Waldeck behilflich, die Cigarre anzuzünden).

Waldeck (thut ein paar Züge, setzt sich auf und sieht sie an). Was machst du denn für ein Gesicht?

Eugenie. Soll ich vielleicht vergnügt aussehen, wenn du mich so behandelst?

Waldeck (etwas milder). Sei doch nicht närrisch! Laß doch die dummen Empfindlichkeiten!

Eugenie Empfindlich – das bin ich nicht.

Waldeck. Nicht? Was denn sonst? Wenn du immer gleich maulst, immer gleich beleidigt thust . . . Ist das deine Rücksicht? 12

Eugenie. Ich lebe nur für dich; ich lese dir jeden Wunsch von den Augen ab . . .

Waldeck. Na, und ich? Thu' ich das vielleicht nicht – was? Wirst du knapp gehalten? Keinen Groschen hab' ich dir je abgezogen vom Wirtschaftsgeld – und du brauchst wahrhaftig Geld genug. Und dazu meine Geschenke bei jeder Gelegenheit – zu deinem Geburtstag, jetzt wieder zu Weihnachten – und sonst? Dafür werd' ich doch das Recht haben, daß ich mich in meinem eigenen Haus nicht zu genieren brauche. – Du bist ganz einfach verwöhnt. So – jetzt hol' mir meinen Rock und die Stiefel. (Während Eugenie links abgeht, steht er auf und zieht den Schlafrock aus.)

Eugenie (kommt zurück mit Rock und Stiefeln, hilft ihm in den Rock und nimmt, während er die Stiefel anzieht, Schlafrock und Pantoffel).

Waldeck. So! – Hör' mal, Eugenie, du kannst gleich das neue Armband anlegen für heute Nachmittag.

Eugenie. Im Hause?

Waldeck. Wozu hab' ich dir's denn gegeben, wenn's niemand zu sehen kriegt?

Eugenie. Wie du willst. (Ab links.)

Waldeck (gähnt noch einmal, raucht und trommelt auf den Tisch).

Eugenie (kommt zurück mit einem goldenen Armband). 13

Waldeck. Gib mal her! (Er legt es ihr an.) Wenn die Steffens kommen – die haben für so was das richtige Verständnis. Daß du mir ja sehr freundlich zu Steffens bist – sehr freundlich!

Eugenie. Er sieht mich immer so unverschämt an – so herausfordernd.

Waldeck. Ach, das ist nur Gethue. Das meint er nicht schlimm. Die Hauptsache ist, daß man sich Geschäftsfreunde warm hält. Wo sollen denn die feineren Sorten getrunken werden, wenn nicht in seinem Hotel? Ein Geschäft mit dem – das bringt so viel ein, wie bei fünfzig kleinen Kunden zusammen. Und heute – (sich die Hände reibend) na, wenn der erst meinen neuen Keller sieht . . .

Eugenie. Und die Frau – kommt die auch, um den Keller zu sehen?

Waldeck. Natürlich! So was interessiert doch jeden gebildeten Menschen.

Eugenie. Ich glaube, die interessiert sich für ganz andre Sachen.

Waldeck. Laß sie doch; was geht's dich an? Lustige Leute, die ihr Leben genießen; sie haben's ja auch dazu. Bist du von zu Haus vielleicht an feinere Gesellschaft gewöhnt? So ein Umgang ist 'ne Ehre für uns, und gerade die Frau Steffens – von der kannst du eine ganze Menge lernen. Ueberhaupt, ein für allemal – wer mein Freund ist, der ist auch dein Freund – oder vielleicht nicht? 14

Eugenie. Ich hoffte nur, daß ich heute Zeit hätte, um mit Käthe Lukas –

Waldeck. So? Kommt die schon wieder? Und wahrscheinlich ihr Vater auch? So viel sag' ich dir gleich: den ganzen Nachmittag will ich die Sippschaft nicht auf dem Hals haben.

Eugenie. Das Mädchen hat keine Mutter mehr, und ich – ich habe kein Kind mehr. Da ist es doch sehr natürlich . . . Und Frau Lukas war meine Jugendfreundin.

Waldeck. Den Menschen – den Lukas, den kann ich nicht ausstehen. Ein affektierter Kerl – mit seinem ewigen Trauerflor; wer ihm das wohl glaubt? Und was der sich einbildet – weil er Baumeister ist! Da ist er auch was Rechtes! – Nicht einmal seinen Wein kauft er von mir: dann braucht er ihn auch nicht an meinem Tisch zu trinken. In meinem Haus will ich nur Leute sehen, die mir angenehm sind; das ist doch das Wenigste, was ich verlangen kann. – (In anderm Ton.) Es ist kalt; leg noch ein bißchen nach im Ofen! (Während Eugenie sich dazu anschickt, klopft es.) Herein!

Zweiter Auftritt.

Vorige. Steffens. Susanne Steffens.

Steffens (ein Mann von etwa fünfzig Jahren, gesucht jugendlich gekleidet). Bonjour!

Waldeck (sehr liebenswürdig, mit einem Schlag sein ganzes Wesen verändernd). Ach – das ist reizend! 15

Susanne (über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann; in eleganter Toilette). Guten Tag, Herr Waldeck; guten Tag, meine Liebe! Ich fürchte, wir kommen zu früh; aber mein Mann . . .

Steffens. Ja, ich dachte, wir könnten uns nachher einen kleinen Skat leisten.

Waldeck. Famos! Ganz einverstanden! Wenn sich ein dritter Mann findet . . .

Steffens (Eugenie zudringlich liebenswürdig die Hand küssend). Wie geht's, reizende Frau? Immer wohl? Immer fidel?

Eugenie. Ich danke – so, so.

Steffens. Eine Bärenkälte draußen.

Waldeck. Jawohl, strenger Winter das. Deshalb empfangen wir Sie auch hier und nicht im Salong; es heizt sich besser. – Liebe Eugenie, sei doch so gut und sag dem Mädchen, daß sie noch ein bißchen nachlegt.

Eugenie. Das kann ich ja selbst. (Sie geht zum Ofen und legt Kohlen ein.)

Waldeck (zu Steffens). Donnerwetter, wie Ihre Frau wieder elegant ist. Kolossal geschmackvoll!

Susanne (lächelnd zu Eugenie). Immer galant – Ihr Mann. 16

Waldeck. Nur aufrichtig, gnädige Frau – nur aufrichtig.

Susanne. Ein ganz einfaches Winterkostüm.

Waldeck. Eugenie, so eines mußt du dir auch machen lassen. Das ist sicher das Feinste.

Steffens. Aber auch unverschämt teuer – parbleu.

Waldeck. Teuer? Für Herrn Theodor Steffens? Sie Spaßvogel. – Na, wir thun auch, was wir können. – Eugenie, zeig doch mal dein neues Armband. Hast du's an? Ja? Nun, da hören wir endlich ein maßgebendes Urteil.

Eugenie. Hier.

Susanne. Wirklich ganz allerliebst.

Steffens (nimmt Eugeniens Arm, den sie ihm ungern überläßt). Dazu gehört aber auch so ein Händchen – und so ein Arm. –

Waldeck. Für meine Frau ist mir nichts zu viel.

Susanne. Da hörst du's, Theodor; nimm dir ein gutes Beispiel dran. (Setzt sich.) 17

Steffens (bis jetzt in Betrachtung des Armbandes versunken). Wie?

Waldeck. Was macht das Hotel? Immer gesteckt voll – was?

Steffens. Die Masse bringt's nicht.

Waldeck. Aber Sie haben doch nur hochfeines Publikum!

Steffens. Schlechte Zeiten! Es wird nichts mehr getrunken.

Waldeck. Nun – das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ich hätte für Sie ein paar Marken . . . Wollen Sie jetzt gleich meinen neuen Keller sehn – oder erst nach dem Kaffee?

Steffens. Toute même chose. – Sie glauben also, daß wir einen dritten Mann bekommen?

Waldeck. Aber sicher. Mein Schwiegervater – oder sonst jemand. Eugenie – Frau Steffens wünscht vielleicht ein Fußbänkchen.

Susanne. Nein, ich danke. Das ist gar nicht mehr modern.

Waldeck. Wenn Sie jetzt vielleicht mit hinunter wollen . . . 18

Susanne. Ich schlage vor, wir warten noch ein wenig, Herr Waldeck. Da ist nämlich noch jemand, der diese Exkursion gern mitmachen möchte.

Waldeck. Ei! Wer denn?

Susanne. Herr Doktor Ebeling. Sie kennen ihn doch?

Waldeck. Der Advokat?

Steffens. Mein Anwalt.

Susanne. Ein großer Freund von Wein und speziell von dem Ihrigen. Als ich ihn vorgestern traf, sagte ich ihm so beiläufig, daß wir heut Ihren Keller zu sehen bekommen. Da meinte er, das würde auch ihm viel Vergnügen machen.

Waldeck. Aeußerst schmeichelhaft. Hätte ich nur gewußt . . . ich hätte ihn eingeladen . . .

Susanne. Ich habe es in Ihrem Namen gethan – auf eigene Gefahr. Ich hoffe, Sie werden mir Absolution erteilen.

Waldeck. Aber selbstverständlich. Ist mir 'ne große Ehre.

Steffens. Sonderbar. Von dieser Passion hab' ich bei dem Doktor nie was bemerkt. 19

Susanne. Doktor Ebeling ist von seltener Vielseitigkeit. Er hat Sinn für alles. Aber seine Spezialität – das ist die Frauenfrage. (Zu Eugenie.) Haben Sie ihn einmal reden hören?

Eugenie. Nein, noch nicht. Ich habe so wenig Zeit . . .

Susanne. Glänzend, sage ich Ihnen – und überzeugend. Sein Vortrag neulich über die Frau der Zukunft – ich versichere Ihnen, da kann es den Frauen leid thun, daß sie nicht hundert Jahre später auf die Welt gekommen sind.

Steffens. Ihren Männern auch – hä hä!

Waldeck (laut lachend). Ausgezeichnet! Das haben Sie gut gemacht. Ihren Männern auch! Das nehm' ich in Kommission.

Steffens. Wenn's zur Emanzipation kommt – mir kann's recht sein. Da sind die Frauen überall mit dabei, beim Reichstag und beim Militär. Das gibt ein Soldatenleben! Was meinen Sie, Frau Waldeck, wenn wir beide zusammen in den Krieg ziehen? Das wird fidel – sapristi!

Waldeck. Sehr fidel – ha ha!

Susanne. O nein – die Frauen werden allein in den Krieg ziehen – gegen die Männer. 20

Waldeck. Dann lassen wir uns alle gleich gefangen nehmen.

Steffens. Großartig! (Sie lachen.)

Susanne (zu Eugenie). Da lachen unsere gestrengen Herren. Aber wir wollen ihnen schon beweisen, daß es einmal anders wird.

Eugenie. Ich glaube, es wird so bleiben, wie es ist.

(Es klopft.)

Waldeck. Aha, da kommt er. – Herein!

Dritter Auftritt.

Vorige. Ebeling.

Ebeling (Mann im Anfang der Dreißig, in seinem Auftreten durchaus Weltmann, mit einem Stich ins Kokette). Ich weiß wirklich nicht, ob ich wagen darf . . .

Susanne (ihm entgegengehend). Nur Mut, Herr Doktor. (Mit leichter Beziehung.) Sie werden bereits mit Ungeduld erwartet.

Ebeling (ihr die Hand küssend). Ah! – (Tauscht einen Gruß mit Steffens.)

Susanne (stellt vor). Herr Rechtsanwalt Ebeling – Herr und Frau Waldeck. 21

Ebeling. Verehrter Herr Waldeck – Sie sind mir kein Fremder mehr. Es steht schon in der Bibel: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«.

Waldeck (lacht). Sehr gut! – Die Früchte sind flüssig – was?

Ebeling. Das versteht sich. (Zu Eugenie.) Gnädige Frau, Sie verzeihen dem Eindringling; aber das begreifliche Interesse für die Fortschritte unserer Industrie . . .

Eugenie. Sie sind willkommen, Herr Doktor.

Waldeck. Meine Frau nimmt mir das Wort vom Mund. Sie werden Augen machen! Alles neueste Einrichtung – und elektrisches Licht dazu. Hat noch keiner von der Konkurrenz.

Steffens. Sagen Sie, Doktor – Sie spielen doch Skat?

Ebeling. Selbstverständlich.

Steffens. Süperb! Da hätten wir ja gleich den dritten Mann.

Ebeling (wechselt einen raschen Blick mit Susanne). Heute? – Nein, das ist mir leider unmöglich. Ich habe noch allerlei Verpflichtungen . . .

Steffens. Schade! 22

Waldeck. Also – dann könnten wir jetzt hinuntergehen.

Steffens. Pardon – nur eine Minute. – Ich wollte Sie noch etwas fragen – was Geschäftliches. (Er zieht ihn nach dem Vordergrund links, während Eugenie vorn rechts Ebeling und Susanne zum Sitzen einladet.)

Waldeck. Was denn?

Steffens (halblaut). Wissen Sie – es liegt mir viel dran, daß der Skat zu stande kommt. Ich kann sonst meine Frau nicht gut los werden.

Waldeck. Aha, Sie Schwerenöter!

Steffens. Eine kleine Verabredung zu heute Abend – in lustiger Gesellschaft – ganz unschuldig, parole d'honneur. Aber sie braucht nicht gerade zu wissen, wo ich hingehe. Und wenn ich hier allein zurückbleiben kann . . .

Waldeck. Wollen wir schon machen.

Steffens. Aber so, daß sie nichts merkt. Ich denke mir, am besten – – (Er nimmt ihn unter den Arm und geht mit ihm nach hinten zum Fenster, wo sie miteinander flüstern und ab und zu lachen.)

Susanne (vorn rechts zu Ebeling). Ich bin schon fertig mit dem Buch, das Sie mir geliehen haben. Ich habe es mitgebracht, um es Ihnen 23 hier zurückzugeben – mit schönstem Dank. (Sie nimmt aus ihrer Muffe ein broschiertes Buch und gibt es ihm.)

Ebeling. Hat es Ihnen gefallen?

Susanne. Jedes Wort ist mir aus der Seele gesprochen.

Eugenie. Was ist es denn?

Ebeling. »Die Hörigkeit der Frau« – die berühmte Schrift von John Stuart Mill, dem geistvollen Vorkämpfer für die Frauenrechte.

Eugenie. Glauben Sie, daß ich das auch verstehen könnte?

Ebeling. Aber warum denn nicht?

Susanne. Es ist ziemlich schwer geschrieben.

Eugenie. Ich komme so selten zum Lesen; ich bin ganz aus der Uebung. – (Zu Ebeling.) Wäre es sehr unbescheiden, wenn ich Sie ersuchen würde, mir das Buch zu borgen?

Ebeling. Bitte sehr, mit dem größten Vergnügen. (Er gibt es ihr.)

Susanne (sucht ihr Erschrecken zu verbergen; zu Eugenie). Ach, meine Liebe, es wird hier doch ein wenig heiß. Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben? 24

Eugenie. Sogleich. (Sie steht auf, legt das Buch auf das Tischchen und geht nach der Mittelthür.)

Waldeck (es bemerkend). Eugenie, sag bitte gleich dem Mädchen, daß sie nachher den Kaffeetisch deckt. (Er spricht weiter sehr angelegentlich mit Steffens.)

Eugenie (ab Mitte).

Susanne (halblaut und sehr schnell, wie überhaupt der ganze folgende Dialog in raschestem Tempo). Herrgott, bin ich erschrocken! Es ist ja ein Brief in dem Buch.

Ebeling. An mich? Wie unvorsichtig! (Nimmt behutsam den Brief aus dem Buch und steckt ihn schnell ein.)

Susanne. Ich wußte ja nicht, ob wir hier einen Moment allein sein könnten.

Ebeling. Weshalb dann die ganze Komödie mit dem Weinkeller?

Susanne. Das müssen wir in den Kauf nehmen. Erst hier werd' ich erfahren, ob ich heute frei bin. Mein Mann hat schon so was gemunkelt von heut Abend; ich wette, er hat wieder ein Rendezvous – und dabei glaubt er, ich ahne nichts.

Ebeling. Um so besser. 25

Susanne. Jawohl. Mein Glück, daß er ein böses Gewissen hat . . .

Ebeling. Still!

Eugenie. (kommt zurück mit einem Glase Wasser; zu Susanne). Hier.

Susanne. Schönsten Dank. (Sie trinkt.)

Ebeling (das Buch in der Hand, wie aus einem andern Gespräch fortfahrend, ein wenig rhetorisch). Diese Zustände sind, wie gesagt, unerträglich, und deshalb hat John Stuart Mill recht, wenn er versichert: So darf es nicht weitergehen.

Eugenie. Sie sprechen noch immer von den Frauen? Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Doktor: Glauben Sie, daß diese Bestrebungen jemals Erfolg haben werden?

Ebeling (fließend). Unbedingt, meine Gnädige. Ganz zweifellos. Das ist nur eine Frage der Zeit – bis eben die Frauen das Entwürdigende ihrer sozialen Stellung selbst eingesehen haben werden und sich zusammenscharen zu gemeinsamem Kampf. Diesem Ansturm werden die Männer, werden die Parlamente, die Regierungen nicht widerstehen. – Sie wenden mir vielleicht ein: Haben es die Frauen denn so schlecht? Sind sie nicht die Herrinnen im Haus, die Königinnen in der Gesellschaft? Ja, Sie, meine Damen, Sie kommen da freilich nicht in Betracht. Sie haben Ihre angenehme Häuslichkeit! Sie sind glücklich 26 verheiratet; Sie wissen nicht, was unsereiner täglich im Bureau und in den Gerichtssälen erfährt. Bedenken Sie die Tausende, deren Ehe eine unbefriedigende ist, die Hunderttausende, die überhaupt gar nicht zur Heirat gelangen, die Millionen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen. Und deshalb rufen wir: Freie Bahn für die Frauen; freier Wettbewerb in allen Berufszweigen; freie Entfaltung auf jedem menschlichen Gebiet.

Susanne (zu Eugenie). Begreifen Sie nun, wie Doktor Ebeling von der Tribüne herab wirkt?

Eugenie. Wenn man das so hört, das klingt sehr verführerisch. Und dennoch . . .

Waldeck (im Gespräch mit Steffens laut auflachend). Haha – grandios!

Ebeling. Was ist denn so komisch? Ich lache auch gerne.

Waldeck. Was Geschäftliches.

Steffens. Was rein Geschäftliches.

Waldeck (mit Steffens vorkommend). Sind wir jetzt so weit? Dann also los! Wir gehen gleich über die Hintertreppe. (Er nimmt vom Büffet ein großes Schlüsselbund und geht nach links. Die übrigen außer Eugenie folgen ihm. Es klopft.) Wer kommt da noch?

Eugenie. Herein!

Vierter Auftritt.

Vorige. Lukas. Käthe.

Lukas (etwa vierzigjährig; dunkles, an den Schläfen schon leicht ergrautes Haar; in seinem Benehmen schlicht, aber männlich sicher). Ach, wir stören gewiß. Wir können ein andermal . . .

Käthe (fünfzehnjährig; eilt auf Eugenie zu und küßt sie). Guten Tag, Tante Eugenie.

Eugenie. Guten Tag, Käthe. (Zu Lukas.) Sie stören nicht, Herr Lukas. Mein Mann ist zwar eben im Begriff . . .

Waldeck. Jawohl, was Geschäftliches . . . Bitt' um Entschuldigung. (Er geht mit Susanne und Ebeling links ab.)

Steffens (der ihnen folgte, dreht an der Thür um und geht auf Lukas zu. Sich vorstellend). Mein Name ist Steffens.

Lukas (gleichfalls). Lukas.

Steffens. Spielen Sie Skat?

Lukas. Nein – ich hab' es nie gelernt.

Steffens. Nie gelernt? – Merkwürdig! – – War mir sehr angenehm. (Er folgt schnell den andern.) 28

Eugenie. Nun laß dich mal anschauen, Käthe – Nehmen Sie doch Platz, Herr Lukas. Sie müssen mit meinem Mann Nachsicht haben; denn wo es sich um seine Geschäftsinteressen handelt . . .

Lukas. Bitte sehr. Macht nichts. – Nun, wie finden Sie, daß sie aussieht?

Eugenie. Sehr gut – viel besser als im vorigen Winter.

Lukas. Das kommt von der frischen Luft. Ich gehe jetzt alle Tage mit ihr in den Tiergarten – bei jedem Wetter. Und Schlittschuhe läuft sie auch. Das härtet ab.

Eugenie. Freilich! – Und ich glaube wahrhaftig, Käthe, du bist schon wieder ein Stück gewachsen.

Käthe. Nein, Tante Eugenie, das geht nicht immer so fort. Wenn ich fünfzehn Jahre bin, dann wachse ich nicht mehr.

Eugenie. Da hast du also noch einen ganzen Monat Zeit.

Käthe. Und wenn ich aus der Schule komme – zu Ostern – da müssen die Leute überhaupt Fräulein zu mir sagen – Fräulein Käthe. Nicht wahr, das kann ich dann verlangen? 29

Eugenie. Ganz gewiß, mein Kind.

Lukas. Nun kommt die große Neuigkeit!

Käthe. Nichts sagen, Papa! – Sieh mich mal genau an, Tante Eugenie! Merkst du gar nichts Besonderes?

Eugenie. Was denn?

Käthe. Ich, Käthe Lukas – ich habe Geld verdient!

Eugenie. Geld verdient – du? Wie hast du denn das angefangen?

Käthe. Ja, so leicht ist das nicht. Volle zwanzig Mark hab' ich eingenommen. Und der Papa hat sie mir in eine neue Sparbüchse gelegt und gesagt: Das ist dein Privatvermögen.

Eugenie. Aber von wem hast du denn das viele Geld?

Käthe. Von Müller und Baumann – weißt du – die große Luxuspapierfabrik. Weil ich doch viel zeichne, da hab' ich immer die hübschen Neujahrskarten nachgezeichnet, die Papa bekam. Und neulich – weil ich grad nichts zu thun hatte – da fiel mir ein, ich wollt' einmal probieren, ob ich nicht selbst so was erfinden könnte. Da hab' ich etwas hingemalt, wie mir's grad in den Kopf kam. Papa hat es Herrn Baumann gezeigt, und Herr Baumann 30 hat mich kommen lassen und mir zwanzig Mark dafür gegeben und gesagt, ich soll nur so fortfahren. Wenn ich ihm andre Sachen bringe, die gerade so hübsch sind – die will er mir alle abkaufen, und später bekäme ich noch mehr dafür.

Eugenie. Das ist ja prächtig. Da kannst du ja ordentlich stolz sein, Käthe.

Käthe. Und wie! Furchtbar stolz! Man steht doch gleich ganz anders da in der Welt, wenn man Geld verdient.

Lukas (lächelnd). Sie hat wirklich viel Geschick dafür und ganz originelle Einfälle.

Käthe. Ich hab' auch schon wieder ein neues fertig – siehst du, hier! (Sie zieht ein kleines Blatt hervor und zeigt es Eugenie.) Wie gefällt dir das? Hier das ist ein See, und das ist ein Schwan, und da oben scheint der Mond. Und – weißt du – das wird dann zum Aufklappen gemacht; da hat dann der See wirkliche Wellen, und der Schwan schwimmt leibhaftig im Mondschein herum, und darunter steht mit goldenen Buchstaben: »Die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahr.«

Eugenie (das Blatt betrachtend). Aber Käthe – das ist ja großartig.

Käthe. Wirklich? Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen. Vor dir hab' ich die größte Angst gehabt.

Eugenie. Angst – vor mir? 31

Käthe. Ja – weil du so schrecklich viel Geschmack hast.

Eugenie. Ich, Kind? Wo denkst du hin! Ich habe wohl auch ein bißchen gezeichnet in meiner Jugend. Aber eine verheiratete Frau, die hat dazu keine Zeit. Ich habe längst alles verlernt – sogar den Geschmack.

Käthe (eifrig). Dann mußt du's wieder lernen. Wenn ich selbst recht geschickt geworden bin, dann geb' ich dir Stunde. Und wenn du's auch kannst, dann treiben wir das Geschäft zusammen und teilen alles, was wir verdienen. Willst du, Tante Eugenie?

Eugenie (zieht sie an sich und küßt sie). Du kleines Närrchen!

Lina (tritt auf). Kann ich jetzt decken?

Eugenie. Ach so! – Legen Sie nur die Kaffeeserviette aus, Lina; das übrige mach' ich allein. (Lina nimmt aus dem Büffet die farbige Kaffeedecke und breitet sie über den Speisetisch. Eugenie zu Lukas.) Sie trinken doch nachher eine Tasse mit?

Lukas. Nein, ich danke. Wir kommen einmal, wenn nicht so viel Gäste da sind.

Eugenie. Bis die den ganzen Keller gesehen haben – inzwischen könnten Sie im voraus . . . 32

Lukas. Danke wirklich. Mir ist lieber, wir plaudern so noch ein wenig.

Lina (kommt vor, zögernd). Entschuldigen – es ist jetzt gleich vier. Ich dachte . . . .

Eugenie. Den Kaffee müssen Sie erst noch machen, Lina. Dann können Sie gehen.

Käthe (gibt Lina heimlich einen Wink; dann zu Eugenie). Ach, Tante, da hätt' ich eine große, große Bitte!

Eugenie. Was denn, mein Kind?

Käthe. Kaffee kochen, das thu' ich für mein Leben gern. Darf ich?

Eugenie. Wenn dir das wirklich Vergnügen macht . . .

Käthe. Riesig!

Eugenie. Also, Lina, dann gehen Sie in Gottes Namen. (Lina ab Mitte.)

Käthe. Nun sollt ihr mal einen Begriff bekommen, was Kaffee ist. (Eilt Lina nach.) 33

Sechster Auftritt.

Eugenie. Lukas.

Eugenie. Ach, Herr Lukas, wie sind Sie zu beneiden!

Lukas (mit leuchtenden Augen). Nicht wahr – ein Prachtmädel? – Und Sie machen sich gar keinen Begriff, wie sie an Ihnen hängt.

Eugenie. Und ich erst an ihr, Herr Lukas! Wenn ich sie nur mehr haben könnte! Sie ist ja meine größte Freude, meine einzige . . . Freilich, wenn ich denke, daß mein Aennchen jetzt auch ins neunte Jahr gehen könnte und . . . (Die Stimme versagt ihr.)

Lukas (bewegt). Frau Waldeck . . .

Eugenie (sich beherrschend). Dem Kind ist ja wohl. – Und nun sind's schon anderthalb Jahre . . . Zeit genug, um sich hineinzufinden – nicht wahr? Aber ich weiß doch nicht, ob ich's ausgehalten hätte, wenn die Käthe nicht gewesen wäre.

Lukas. Und die Käthe, liebe Frau Waldeck? – Ein Kind verlieren, das trägt sich schwer. Aber eine Mutter verlieren, das ist das Härteste, was es auf der weiten Welt gibt.

Eugenie. Ach, sie hat sie ja kaum gekannt. 34

Lukas. Aber Sie haben sie gekannt. Sie können's ermessen, was mein Kind an ihr verloren hat.

Eugenie. Sie war mir damals ein Vorbild – in allem.

Lukas. Das war sie jedem, der sie kannte. Und auf Sie hat sie stets die größten Stücke gehalten, bis zuletzt.

Eugenie. Ich war ein junges Ding, weit jünger, weit weniger gebildet als sie. Was konnte ich ihr viel sein?

Lukas. Sie sind ihr viel gewesen, und Sie wissen – ihr Vermächtnis, das halte ich heilig.

Eugenie (reicht ihm die Hand). Herr Lukas, ich . . . (Plötzlich erschrocken.) Um Gottes willen, ich vergesse ja ganz . . . Wenn mein Mann zurückkommt und der Tisch noch nicht in Ordnung ist . . .! (Sie eilt zum Büffet und ist während des Folgenden beschäftigt, Teller, Tassen, Löffel, Gebäck &c. herauszuholen und auf den Tisch zu stellen.)

Lukas (folgt ihr und ist ihr behilflich).

Eugenie (während sie hantiert). Nein, daß die Käthe sich schon etwas verdient – das ist doch zu nett! Das muß Ihnen doch großen Spaß gemacht haben.

Lukas. Ei, können Sie sich vorstellen! Meine Frau und ich – wir waren schon darüber einig bei Käthens Geburt: wir wollten das Kind so erziehen, daß es später 35 einmal gerüstet wäre gegen was auch kommen mag. Meine Frau konnte nichts mehr dazu thun. Aber ich – ich sagte mir: Das Mädel soll ein richtiges Mädel werden. Und wenn einmal einer kommt, den sie liebt, und der ein ganzer Kerl ist, den soll sie nehmen – auf dem Fleck. Aber sie soll nicht auf die Ehe angewiesen sein; sie soll nicht auf die Heirat lauern müssen, weil sie zu nichts anderem taugt. Und deshalb soll das Mädel vor allem selbst ein ganzer Kerl werden.

Eugenie (noch immer am Tisch beschäftigt). Das wird sie auch – wahrhaftig!

Lukas. Ja, soviel ich dazu thun konnte – da ist nichts versäumt worden. Ich habe gleich dafür gesorgt, daß sie im Zeichnen eine tüchtige Grundlage bekommt; denn was sie davon in der Schule lernt, ist ja doch keinen Groschen wert. Und die Haushaltung – damit geht es auch ganz gut voran, soviel ich verstehe. Aber je älter sie wird, desto mehr mach' ich mir Sorgen. Ein Vater ist doch immer nur ein Vater – und überdies – drei Viertel vom Tag hab' ich meine Arbeit und kann mich nicht um sie kümmern. Ich habe schon oft überlegt, ob ich ihr nicht, wenn sie aus der Schule kommt, so was wie eine Erzieherin nehmen soll – oder Gesellschafterin. Das könnt' ich ja zur Not noch erschwingen. Aber Gott weiß, wen man da ins Haus kriegt.

Eugenie (ist mit dem Decken fertig). Das ist freilich wahr. Wissen Sie was, Herr Lukas – Sie sollten wieder heiraten.

Lukas. Wen, Frau Waldeck? Eine Mutter findet sich noch schwerer als eine Erzieherin. Und wenn man einmal so glücklich war . . . 36

Eugenie. Ja – das ist auch richtig.

Lukas. Aber es ist mir doch schon ein rechter Trost, daß Käthe Sie hat. Das Kind ist Ihnen so zugethan, so ergeben, und wenn Sie nur wollen – da können Sie wirklich viel Gutes thun.

Eugenie. Ach, wenn's nur an meinem Willen läge! Mein Leben würd' ich für sie lassen; das können Sie mir glauben. Aber die Käthe, die wächst mir über den Kopf; die hat mich heute schon nicht mehr nötig.

Lukas. O nein – das wissen Sie besser.

Eugenie. Sie schätzen mich zu hoch, Herr Lukas; Sie sehen mich immer noch so, wie ich früher war – als junges Mädchen. So bin ich schon lange nicht mehr. Mir macht jetzt alles Schwierigkeiten – manchmal das einfachste Buch – wenn ich überhaupt zum Lesen komme. Ich erschrecke oft selbst, wie ich zurückgegangen bin.

Lukas. Das geht uns allen so, wenn wir erst im Leben drinstecken, in unserem Beruf, unseren täglichen Sorgen . . .

Eugenie. Und dann – wie oft kann ich die Käthe sehen? Vielleicht ein- oder zweimal die Woche – und immer nur so auf dem Sprung. Ich bin froh, wenn ich fertig werde mit der Haushaltung. Wir haben nur das eine Dienstmädchen, und dabei muß alles am Schnürchen 37 gehen. Mein Mann hat so viel kleine Gewohnheiten, so viel Bedürfnisse . . .

Lukas. Ja, ich weiß, wie gewissenhaft Sie sind.

Eugenie. Was bleibt mir denn andres übrig? Auf so ein Mädchen ist ja kein Verlaß. Und dabei die Angst, daß sie etwas falsch macht . . . An die Luft komm' ich schon gar nicht mehr, außer um was einzukaufen. Mein Mann überläßt mir das alles; aber er verlangt auch, daß ich seinen Geschmack immer treffe. Da muß ich fortwährend denken, wie ich's ihm recht mache . . .

Lukas. Und Sie selbst, Frau Waldeck – Sie selbst?

Eugenie. Ich?

Lukas. Denken Sie denn gar nicht an sich?

Eugenie (mit niedergeschlagenen Augen). O doch – – mehr als gut ist. –

Siebenter Auftritt.

Vorige. Käthe.

Käthe (kommt zurück mit einer großen Kaffeekanne). Schon fertig, Tante! Die Lina ist weggegangen. Ich hab' ihn wirklich ganz allein gemacht – Ehrenwort!

Eugenie. Danke schön, Käthe. 38

Lukas. Ja, nun wollen wir uns auf den Weg machen.

Käthe (enttäuscht). Schon?

Lukas. Die andern werden wohl gleich zurückkommen. Da kann sich deine Tante doch nicht mit dir befassen.

Käthe. Aber ich hätte gern gehört, was die Leute zu meinem Kaffee sagen.

Lukas. Das wirst du schon noch erfahren. – Auf Wiedersehen, Frau Waldeck.

Eugenie. Auf Wiedersehen, Herr Lukas.

Käthe. Tante – was meinst du – soll ich dich nicht mal abholen zum Schlittschuhlaufen? Auf dem Halensee – da ist jetzt eine prächtige Bahn.

Eugenie. Aber Käthe! Ich und Schlittschuhlaufen!

Käthe. Warum denn nicht? Du kannst es doch sicher noch. Aber eines mußt du mir jedenfalls versprechen!

Eugenie. Was denn?

Käthe. Wenn ich erst aus der Schule bin, da müssen wir 39 jeden Tag zusammen sein – einmal hier und einmal bei uns. Nicht wahr?

Eugenie. Wir wollen sehen. – Leb wohl, mein Kind. (Sie umarmt und küßt sie. Lukas und Käthe ab.)

Achter Auftritt.

Eugenie. (Dann) Kolb, Frau Kolb.

Eugenie (allein; sie setzt sich an den Kaffeetisch, stöhnt auf und schlägt die Hände vors Gesicht. Während dessen hört man, daß draußen Worte der Begrüßung gewechselt werden. Gleich darauf kommen Kolb und Frau Kolb durch die Mitte).

Frau Kolb (noch in der Thür). Der hat jetzt auch bald eine große Tochter.

Kolb. Jawohl.

Eugenie (fährt empor). Ihr? – Ich habe gar nicht . . .

Kolb. Ja, wir sind es, meine Tochter.

Eugenie. Wie seid ihr nur hereingekommen?

Frau Kolb. Herr Lukas hat uns geöffnet. (Sie ansehend.) Was hast du denn?

Eugenie (hastig). Nichts – gar nichts. 40

Kolb. Was hat sie denn? (Sieht die Kanne.) Da ist ja Kaffee. (Er setzt sich, schenkt sich Kaffee ein und ist während des Folgenden beschäftigt, ihn zu trinken und ein Stück Gebäck zu essen, das er vorher hineintaucht.)

Eugenie. Am Ende wird der noch kalt! Hätte ich gewußt, daß die so lange unten bleiben . . .

Frau Kolb. Wer ist denn da?

Eugenie. Die Steffens und ein Rechtsanwalt. Trink doch auch, Mutter.

Frau Kolb. Ein halbes Täßchen. (Sie setzt sich. Eugenie schenkt ihr ein.) Genug! – (Sieht ihrem Mann in die Tasse.) Kolb! Du trinkst ihn schon wieder ganz schwarz; das bekommt dir doch nicht. (Gießt ihm noch Milch nach.) Wie ich auf deinen Vater jetzt acht geben muß, Eugenie – du machst dir keinen Begriff. Ganz leichtsinnig ist er geworden.

Kolb (behaglich schmunzelnd). Wenn man nicht mal die Gottesgaben bei seiner leiblichen Tochter . . .

Frau Kolb. Ja, es geht immer nobel zu bei Waldecks. Da fehlt nichts. – Wo habt ihr denn das schöne Kaffeeservice wieder her?

Eugenie. Das alte war zerbrochen. 41

Frau Kolb. Fein! – Kostet gewiß ein schönes Stück Geld. – Und sieh mal an – das Sofa ist auch ganz neu überzogen.

Kolb. Ja, ja – richtig. Es kam mir doch gleich so ungewöhnlich vor.

Frau Kolb. Dein Mann muß viel verdient haben im letzten Jahr.

Eugenie. Ich weiß nicht.

Frau Kolb. Nun, so was merkt man doch. Zuletzt fließt alles in die Wirtschaft – und der Frau kommt's zu statten. Was meinst du wohl, wenn wir's so hätten haben können . . .

Kolb. Jawohl, meine Tochter; an der Wiege war dir's nicht gesungen. Ich habe vierzig Jahr' dem Staat gedient; aber irdisches Gut hab' ich nicht gesammelt. Und was ist das höchste Ziel für einen Vater? Daß es seinen Kindern besser ergehe als ihm. Ja, das ist das Höchste. (Er ist gerührt und wischt sich mit einem farbigen Taschentuch die Augen. Dann schenkt er sich wieder ein.) Ich trinke noch 'ne Tasse.

Frau Kolb. Wenn man's erleben darf, daß einem die Opfer vergolten werden . . .

Kolb. Ja, so weit wären wir bald. Der Gottlieb ist auf der Universität, und der Wilhelm ist in der Lehre, und 42 du – ja, du hast das große Los gezogen. Nun – wir haben das Unsere dazu gethan. An deiner Erziehung – da ist nichts gespart worden – und zweitausend Thaler Mitgift – die wollten auch zusammengebracht sein – Gott weiß es! Aber dafür bist du nun auch ein für allemal versorgt – besser als wir's uns träumen ließen. Die Jungens müssen sehen, wie sie sich durchschlagen.

Frau Kolb. Ja, du solltest alle Tage Gott danken.

Eugenie. Redet doch nicht so! Wofür soll ich denn Gott danken? Daß ich satt zu essen habe? Ist denn das wirklich so viel wert? Ist denn das alles?

Kolb. Was? Wieder mal diese Tonart?

Eugenie. Weil ihr immer so thut, als wär' ich wunder wie glücklich, wunder wie zu beneiden. Ihr wißt doch recht gut, daß ich's nicht bin.

Frau Kolb. Eugenie, du versündigst dich noch.

Eugenie. Ich will ja zu allem schweigen; ich will ja alles erdulden. Nur redet nicht immer von meinem Glück. Sonst sag' ich euch: Lieber möcht' ich hungern; lieber möcht' ich betteln gehen als so ein Leben.

Frau Kolb. Herr Jesus! 43

Kolb. Nun ja, ich merke schon – ihr habt euch hier wieder mal gezankt.

Frau Kolb. Ich kann gar nicht begreifen – wenn man so lange verheiratet ist wie du . . .

Eugenie. Nicht wahr, da sollte schon alles erstickt sein, alles abgestumpft – und man sollte nicht einmal mehr den Mut haben, sich zu beklagen.

Kolb. Ich sag's ja – die Frauenzimmer . . .!

Frau Kolb. Du warst doch zufrieden – bis vor kurzem – die ganze Zeit.

Eugenie. Die ganze Zeit, wo ich mein Kind hatte – jawohl. Da wußt' ich wenigstens, wofür ich mich plagte. Da hab' ich nur an das Kind gedacht und mich darüber vergessen. Aber jetzt – jetzt hab' ich wieder angefangen, an mich zu denken. Schlimm genug! Mir wäre lieber, ich hätt's verlernt.

Kolb. Erlaub' mal; da muß ich dich doch fragen: Warum hast du ihn denn damals geheiratet? Gezwungen haben wir dich nicht – es war dein freier Wille.

Eugenie. Was hab' ich damals gewußt? Hab' ich ihn überhaupt gekannt vorher? Ihr habt mir gesagt, es wäre das größte Glück für mich und für euch; zugreifen müßt' 44 ich mit beiden Händen; denn so was fände sich nicht wieder. Aber dann – schon im ersten Jahr – da wollte ich manchmal zu euch laufen und euch kniefällig bitten: Laßt mich zu euch zurück!

Frau Kolb. Das hat Gott verhütet!

Kolb. Erlaub' mal; nun rede doch endlich mal deutsch. Was ist denn passiert? Was hat dein Mann dir denn eigentlich gethan?

Eugenie. Was er mir gethan hat? Er hat das aus mir gemacht – langsam, langsam – das, was ich heute bin.

Kolb. Nun also – was bist du denn?

Eugenie. Eine Magd bin ich! Ein elendes Haustier bin ich, das keine Freiheit hat – nicht einmal einen Willen. Geistig verkommen bin ich – nicht mehr fähig, mit gebildeten Menschen zu verkehren – nicht mehr im stand zu irgend einem vernünftigen Gedanken.

Frau Kolb. Himmlischer Vater!

Kolb (aufstehend). Wenn du so redest – freilich – dann kann ich's deinem Manne nicht verdenken, daß er die Geduld verliert.

Eugenie. Und ich – und ich – darf ich sie denn niemals verlieren – die Geduld! 45

Frau Kolb. Eugenie – aus dir spricht der Geist der Auflehnung; den hast du bei mir nicht gelernt. Ich habe dir immer gesagt: Das Weib ist auf der Welt, um zu dienen und zu gehorchen. So ist es Gottes Wille.

Kolb. Und von mir hast du's auch nicht gelernt – wahrhaftig nicht. Ich bin ein Mann und habe auch gedient – dem Staate hab' ich gedient – vierzig Jahre lang. Da erfährt man's, was der Gehorsam ist. Ohne Gehorsam fällt alles auseinander!

Frau Kolb. Reg' dich nicht auf, Kolb; das bekommt dir nicht.

Eugenie. Ich will ja dienen; ich will ja gehorchen, ich will mich für ihn quälen – wenn's sein muß, Tag und Nacht. Aber ich bin doch keine Maschine. Ich habe doch meine eigenen Bedürfnisse, meine Neigungen, meine Wünsche – so gut wie er, so gut wie jeder Mensch.

Kolb. Nun, wenn du vernünftige Wünsche hast, so wird er sie dir erfüllen. So weit kenn' ich ihn; knauserig ist er nicht, mein Schwiegersohn. Und wenn du unvernünftige Wünsche hast, da hat er ganz recht, wenn er sie dir verweigert. Was, Alte – ist's nicht so?

Frau Kolb. Ja – ich weiß es nicht anders.

Kolb. Und schließlich – sieh mal deine Mutter an. Ich hab' ihr mehr versagen müssen als dir dein Mann. 46 Leider! Und wenn wir uns heute gezankt hatten, dann haben wir uns morgen wieder versöhnt. Denn zuletzt hat sie doch immer eingesehen, daß ich recht habe.

Frau Kolb. Ach ja wohl.

Eugenie. Aber mein Mann – wenn er nun unrecht hat – das ist doch möglich – nicht wahr? Wenn er mich schilt ohne Grund; wenn er seine Launen an mir ausläßt; wenn ich zittern muß, in welcher Stimmung er nach Hause kommt; wenn er mich unwürdig behandelt . . .

Kolb. Mag dir schon manchmal hart ankommen, meine Tochter. Aber so was gibt's überall. Bei andern ist's wieder was andres. Er ist nun einmal dein Mann; da mußt du dich in ihn schicken. Laß ihn brummen und denk' dir das Deinige. Wenn er genug hat, hört er wieder auf. Ein Mann kann nicht immer in rosiger Stimmung sein – besonders wenn er aus dem Geschäft kommt.

Frau Kolb. Und er verdient ja auch das Geld.

Kolb. Natürlich verdient er das Geld. Das wollt ihr Weiber nie einsehen, was es heißt, eine Frau ernähren. – Ja, wenn du einen schlechten Mann hättest, wenn er nicht für dich sorgte, wenn er dich – Gott sei davor – hinterginge, da solltest du mal deinen Vater kennen lernen; da würd' ich zu ihm gehen und sagen: Herr Schwiegersohn . . . Jawohl, das thät' ich ganz gewiß. Aber solche Sachen – wo er im Recht ist – da werd' ich mich nicht hineinmischen. Ich sage dir nur so viel: Sei froh, 47 daß du nicht bei uns hocken geblieben bist. Da wär' dir's schlechter gegangen.

Eugenie (stürzt ihrer Mutter an die Brust). Ach, Mutter! Mutter!

Frau Kolb (sanft). Hör' auf deinen Vater, mein Kind. Der kennt das Leben. (Kleine Pause.)

(Man hört links hinter der Scene Waldecks Stimme.)

Eugenie. Herr Gott, da sind sie! – Jetzt ist der Kaffee ganz kalt. Ich will nur schnell neuen machen. (Sie nimmt die Kanne vom Tisch und eilt damit hinaus, durch die Mitte.)

Neunter Auftritt

Kolb. Frau Kolb. Waldeck. Steffens. Susanne. Ebeling.

Waldeck (im Auftreten). Ja – der Rüdesheimer . . . aber das ist noch gar nichts.

Steffens. Ganz passabel. (Die Paare Steffens und Kolb begrüßen sich.)

Waldeck. Na, wenn Sie erst den zweiundsechziger Johannisberger . . . Guten Tag, Schwiegereltern. (Vorstellend.) Herr und Frau Oberpostsekretär Kolb – mein Freund, Herr Doktor Ebeling.

Ebeling. Sehr erfreut. Ihr Schwiegersohn hat uns da eben einen Tropfen gespendet – geradezu begeisternd. 48

Waldeck. Und dazu die elektrische Beleuchtung – wie?

Ebeling (tauscht mit Susanne einen Blick). Für einen Keller eigentlich viel zu hell.

Waldeck. Nun, weil Ihnen der Rüdesheimer so geschmeckt hat, da sollen Sie ihn mal ordentlich zu schmecken bekommen – und den Johannisberger auch – damit Sie sehen, daß noch was drüber geht. Sie müssen wiederkommen – alle miteinander – zu einer kleinen Weinprobe.

Ebeling. Nicht übel.

Steffens (zugleich). Süperb!

Waldeck. Sie auch, Schwiegereltern!

Kolb (mit der Zunge schnalzend). Hm!

Frau Kolb. Kolb – da trinkst du am Ende wieder mehr, als du vertragen kannst.

Kolb. I, wo werd' ich denn!

Waldeck. Also Donnerstagabend – das paßt Ihnen doch allen? – Abgemacht! (Sich die Hände reibend.) Wird ganz gemütlich werden. Hier in meinem einfachen Heim – das ist doch was andres wie im Wirtshaus. 49

Ebeling. Zweifellos.

Waldeck. Ja, das können Sie als Junggeselle gar nicht so beurteilen. Ich gehe ja auch abends oft in die Kneipe – schon aus Geschäftsrücksichten. Aber, wenn man verheiratet ist – es geht nichts über die Häuslichkeit. Da hat man seine Ordnung; da hat man seine Bequemlichkeit . . . Ist's nicht wahr, meine Herren Ehemänner?

Kolb, Steffens (eifrig zustimmend). Ja, ja!

Waldeck. So, nun trinken Sie hier noch 'ne Tasse guten Kaffee.

Ebeling. Auf den Wein? Das verträgt sich nicht, Verehrtester.

Steffens. Nee – nicht um 'ne Million.

Waldeck. Ganz, wie Sie wollen.

Steffens (zu Kolb). Herr Oberpostsekretär, nun möcht' ich mal wissen, ob die Fama recht hat.

Kolb. Die Fama?

Steffens. Sie sollen doch so ein ganz brillanter Skatspieler sein.

Kolb. O – es geht – es geht. 50

Waldeck. Jawohl, Schwiegervater – zeigen Sie sich mal in Ihrem Glanz.

Kolb. Hm, ich möchte wohl . . . Aber wir wollten eigentlich noch 'nen Trauerbesuch machen. Die Frau von meinem Kollegen Schmidt . . . Was meinst du, Alte?

Frau Kolb. Spiele du nur Skat. Ich gehe allein hin und sage, du kämst morgen.

Kolb. Wenn du glaubst . . .

Steffens. Wir lassen ihn gar nicht fort.

Frau Kolb. Nun ja, dann geh' ich. – Mach dich nachher warm zu, Kolb, und komm nicht zu spät zum Abendessen. (Sie geht ab Mitte.)

Steffens (zögernd). Susanne, du wartest am Ende nicht gern so lange . . .

Susanne. Allerdings – daß ich dabei sitzen soll, wenn ihr Skat spielt – das wäre doch zu viel verlangt.

Ebeling. Gnädige Frau, wir haben ja einen Weg. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Sie begleite . . .

Steffens. Ach ja, Doktor – da thun Sie mir wirklich einen großen Gefallen. 51

Ebeling. Herr Waldeck, ich bin kein Freund von Phrasen; aber Sie haben mich wirklich verpflichtet.

Waldeck. Ganz meinerseits. War mir ein Vergnügen.

Susanne. Grüßen Sie Ihre Frau.

Waldeck. Danke. – Ich weiß gar nicht, wo sie steckt. – Also Donnerstag . . .

Ebeling. Donnerstag der Johannisberger. – Gnädige Frau . . . (Geht mit Susanne ab Mitte.)

Zehnter Auftritt.

Waldeck. Steffens. Kolb. (Dann) Eugenie.

Steffens. Na, gottlob – endlich! (Er setzt sich an den Spieltisch, linke Seite.)

Kolb. Aber hoch spiel' ich nicht. (Setzt sich ihm gegenüber.)

Steffens. Den Point einen Pfennig.

Kolb. Einen halben – ist auch genug.

Steffens. Mir egal. 52

Waldeck. Ich muß nur erst einmal sehen, wo meine Frau . . . (Er geht zur Mittelthür und ruft.) Eugenie! Eugenie!

Eugenie (durch die Mittelthür, mit der Kanne). Jawohl – da ist der Kaffee schon.

Waldeck (an der Thür, mit gedämpfter Stimme, heftig). Der Kaffee? Was? Wer hat dir denn den Auftrag gegeben . . .?

Eugenie. Du sagtest doch vorhin . . .

Waldeck. Was hab' ich gesagt? Der Tisch soll gedeckt werden, hab' ich gesagt. Weiter nichts!

Eugenie. Aber das heißt doch so viel . . .

Waldeck. Konntest du's nicht abwarten? Kein Mensch will Kaffee. Du kannst ihn zum Fenster hinausschütten. (Er geht zum Spieltisch, während Eugenie die Kanne auf den Tisch stellt.) So! – (Laut.) Eugenie, bitte, gib uns doch die Karten. (Setzt sich an den Tisch, zwischen beide.)

Eugenie (nimmt vom Büffet die Karten und reicht sie ihm). Fehlt sonst noch etwas?

Waldeck. Nein. Aber du mußt jedenfalls hier im Zimmer bleiben. Wenn wir nachher irgend was brauchen . . . 53

Eugenie. Gut. (Sie geht nach rechts, setzt sich an das Tischchen, nimmt das Buch zur Hand und schlägt die erste Seite auf.)

Steffens (hat gemischt). Sie heben ab, Herr Oberpostsekretär. (Während er Karten austeilt, zu ihr hinübersehend.) Was lesen Sie denn da Schönes, Frau Waldeck? Gewiß 'ne Liebesgeschichte.

Eugenie. Nein, das ist ein Buch, das mir der Herr Doktor Ebeling geliehen hat – über die Frauenfrage. »Die Hörigkeit der Frau.«

Steffens. Hörigkeit der Frau? Sapristi! Solche Sachen lesen Sie?

Kolb (sich zu ihr umwendend). O – o! Gewiß wieder eins von den heillosen Büchern, von den volksverführenden Schriften!

Eugenie. Ich weiß ja noch nicht, was drin steht.

Waldeck. Ist auch gar nicht nötig.

Steffens. Wozu wollen Sie Ihr Köpfchen beschweren mit solchem verrückten Zeug?

Kolb. Das ist Gift – reines Gift, meine Tochter.

Waldeck. Da hörst du die Ansicht vernünftiger Männer, Eugenie. Mir würdest du's nicht glauben. Du weißt, ich bin immer 54 für die Bildung; aber so etwas . . . zeig doch mal das Buch her – zeig's mal her.

Eugenie (gehorchend). Hier ist es.

Waldeck (nimmt es ihr ab und legt es neben sich). So! – Viel gescheiter, du siehst zu, wie wir Skat spielen. (In die Karten blickend, zu Kolb.) Sie reizen.

Kolb. Passe.

Steffens. Passe.

Waldeck. Pique-Solo.

(Während sie anfangen zu spielen, fällt der Vorhang.) 55

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