Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Die Sklavin - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Silbermine
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDie Sklavin
pages5-44
created20021030
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Er hatte aber kaum die nach Bayou Sarah führende breite Straße wieder erreicht und war auf dieser einige Schritte fortgegangen, als aus dem dichten Gestrüpp, das zu beiden Seiten des Weges wuchs, zwei dunkle Gestalten auf ihn zusprangen und ihn festhielten. Schon hatte er sein Messer ergriffen und wollte sich, nichts Gutes erwartend, Bahn machen, als er Willis' Stimme erkannte, der, ihn loslassend, lachend, aber mit unterdrückter Stimme ausrief:

»Zum Henker! Einen von unseren Flüchtlingen haben wir gefangen, aber nicht den rechten; wie um Gottes willen kommst Du hierher?«

»Ich wollte erst nach St.-Francisville gehen, habe mich jedoch anders besonnen,« sagte Guston; »aber was im Namen alles gesunden Menschenverstandes thut Ihr hier, wie Straßenräuber auf dem breiten Fahrweg? Ich glaubte wahrhaftig im ersten Augenblick, ich wäre einigen entlaufenen Negern in die Hände gefallen, und wollte schon anfangen, mir mit meinem Messer Bahn zu hauen, als ich noch glücklicher Weise Deine Stimme erkannte. Wer sind Diese und was wollt Ihr Alle hier?« fuhr er, erstaunt umherblickend, fort, als er eine Menge Menschen nahen hörte, die in wenigen Secunden an seiner Seite waren und in denen er die ganze Würfelgesellschaft erkannte. Der lange Sclavenhändler und der Ankläger und Vetter des Entflohenen schienen sie anzuführen.

»Still,« sagte Willis, »wir wissen, daß der freche Schuft, der sich so schändlicher Weise zwischen uns eingeschlichen hatte, hier links am Wege bei Mutter Hoyer sitzt, wir wollen jetzt das Haus umzingeln und den Burschen fangen; er soll doch auch wissen, wie Peitschenhiebe in Louisiana schmecken.«

»Wozu den armen Teufel noch einmal aufsuchen?« fiel Guston gutmüthig ein, »Ihr habt ihn einmal abgestraft, laßt ihn laufen; er wird sich so bald nicht wieder zwischen weiße Männer hineinwagen.«

»Still, Mann, aus Dir spricht der Europäer,« entgegnete trocken Willis; »mit so leichter Strafe kommt kein Neger davon, wenn ich's verhindern kann.«

»Es thut mir nur leid, daß wir ihn nicht gleich banden und in den Fluß warfen,« fiel ärgerlich, doch mit unterdrückter Stimme der Vetter des Unglücklichen ein – »ich konnte den Jungen nie leiden; aber kommt, wir verlieren unsere Zeit und dort schimmert das Licht.«

Guston drehte den gefühllosen Menschen verächtlich den Rücken und wandte sich nach der Stadt, während der Haufe leise gegen das kleine Blockhaus hinanschlich; plötzlich aber, wie von einem andern Gedanken ergriffen, kehrte er schnell um und folgte seinen Freunden, leise dabei vor sich hinmurmelnd: »Sie sollen ihn doch wenigstens nicht tödten!«

Wenige Schritte nur war er nach der Hütte zurückgegangen, als es ihm schien, als ob eine dunkle Gestalt über den Weg glitte. Er blieb stehen und rief sie mit unterdrückter Stimme an, aber keine Antwort erfolgte und bald hatte er das Häuschen erreicht, das schon von den Männern geräuschlos umzingelt war, während die nichts Böses ahnenden Bewohner sich noch bei dem matten Schein der Lampe mit leiser Stimme unterhielten und dann und wann ein leises Schluchzen durch die Nacht drang. Willis trat jetzt vor und mit dem starken Ende einer ungeheuren ledernen Negerpeitsche, die er unterwegs mitgenommen, an die Thür schlagend, verlangte er Einlaß. Einen Augenblick herrschte Todtenstille; erst auf seine zweite Aufforderung ertönte die Stimme der Alten, die ihn ruhig bedeutete, weiter zu gehen – es sei Nacht und sie mache keinem Fremden die Thür auf, da sie nur zwei einzelne Frauen wären.

»Das wissen wir besser, Du verwünschte Hexe!« rief jetzt Willis mit voller Stimme, indem er mit aller Kraft einen Schlag gegen die Thür führte – »öffne augenblicklich, oder wir reißen Dir Dein morsches Dach über dem Kopfe zusammen.«

Die Uebrigen waren jetzt ebenfalls von allen Seiten hinzugetreten, und das Haus eng einschließend, schienen sie die Drohung im wahren Sinne des Worts ausführen zu wollen, als der Riegel zurückgeschoben wurde. Ohne das Oeffnen der Thür abzuwarten, sprang Willis mit aller Gewalt gegen dieselbe und sie aufstoßend, warf er sie mit solcher Gewalt gegen den Kopf der Mulattin, daß die Unglückliche, von dem Schlage betäubt, besinnungslos zurücktaumelte und niederstürzte. Laut aufschreiend, warf sich das Mädchen über den Körper der Mutter; ihrer jedoch wenig achtend, stürmte, so schnell es ihnen der enge Eingang erlaubte, ein Theil der Verfolger in das Gemach, um ihr Opfer zu erfassen.

Vergebens sahen sie sich indessen nach ihrer Beute um, vergebens leuchteten sie in jeden Winkel, hinter jeden Kasten, vergebens warfen sie selbst die Betten der armen Frauen auf den Boden, den vielleicht darunter Versteckten zu entdecken, er blieb spurlos verschwunden, und drohend wandte sich jetzt Willis an die arme Alte, die sich, noch betäubt von dem Schlage, erschöpft an die Schulter ihrer Tochter lehnte.

»Wo ist der Bursche, der noch vor wenigen Minuten hier war? Willst Du reden, Alte, oder ich drehe Dir den Hals um.«

»Laßt meine arme Mutter, Herr!« rief das Mädchen, den schon nach ihr ausgestreckten Arm des wüthenden Willis zurückstoßend – »laßt sie, Ihr habt sie ja schon beinahe getödtet.«

»Nigger!« rief dieser, sich zornig emporrichtend, »willst Du mir sagen, was ich thun oder lassen soll?« und mit der Peitsche ausholend, wollte er eben das furchtlos ihm gegenüberstehende junge Mädchen niederschlagen, als er seinen Arm von Guston gefaßt und festgehalten fühlte, der ihm leise zuflüsterte: »Du schlägst das Mädchen nicht, oder Du hast es mit mir zu thun!«

»Was zum Henker mischest Du Dich in mein Thun?« fuhr Willis heftig gegen den Freund herum; aber dessen ernstem Blicke begegnend, ließ er den Arm sinken und sagte halb lachend, halb ärgerlich: »Warum ist das dumme Ding so trotzig? ich wollte ihr übrigens kein Leid thun; sie soll nur sagen, wo der Bursche ist, der noch vor wenigen Minuten hier war!«

Einen ängstlichen Blick warf das junge Mädchen auf Guston, um zu erforschen, ob er sie verrathen habe; bald aber schien sie diese Furcht aufzugeben, denn sie schüttelte leise mit dem Kopfe und hauchte: »Ich habe Niemand gesehen.«

»Lügen!« riefen jetzt mehrere Stimmen aus dem Haufen – »er war hier, wir wissen es; seit wann ist er fort?«

»Ich habe Niemanden gesehen,« wiederholte leise das zitternde Mädchen.

»Gentlemen!« sagte jetzt Guston, sich an die ihn dicht umdrängenden Männer wendend – »Sie sehen, der Mann ist fort, wohin? darf uns für den Augenblick sehr gleichgültig sein, denn wie könnten wir dem Einzelnen in der stockfinstern Nacht folgen? Also kommen Sie mit mir in die Stadt zurück und wir wollen noch ein halb Stündchen zusammen trinken, ich tractire; morgen haben wir vielleicht mit dem Auffinden des Burschen mehr Glück. Wer geht mit mir?«

»Nun, ich denke,« sagte der Sclavenhändler, indem er sich mit großer Seelenruhe von einer breiten Tafel Kautabak ein ungeheures Stück abschnitt und in den Mund schob – »wir gehen Alle.«

»Ja, laßt uns gehen; zum Teufel mit dem Nigger!« riefen Alle untereinander und drängten sich wieder aus der Thür hinaus, um im Wirthshause ihr Gelage auf's Neue zu beginnen. Guston verließ das Haus zuletzt, und das Mädchen folgte ihm mit dem thränenden, dankbar ihm zugekehrten Blick – sie sah in ihm den Retter ihrer Mutter.

Lachend und jubelnd wanderten die Männer der Stadt zu und erreichten bald wieder das Haus, wo Guston, seinem Versprechen gemäß, sie auf seine Kosten trinken ließ, so viel sie wollten. Die Unterhaltung war sehr laut und besonders schimpfte und fluchte der Sclavenhändler auf den Entflohenen, den er versicherte, mehr als zwanzigmal gesehen, immer aber für einen Weißen gehalten zu haben, als plötzlich der Doctor mit verschlafenem, bleichem Gesicht, sich dehnend und streckend, in der Thür erschien.

Mit allgemeinem Jubel wurde er empfangen und vernahm jetzt, mit Erstaunen über die unerhörte Frechheit des Niggers, die Erzählung dessen, was, während er schlief, vorgefallen war.

»Der Nigger!« rief er endlich ganz entrüstet aus. »Ich glaubte selbst, er sei einer jener dunkelhäutigen Creolen, die man oft kaum von Mulatten, viel weniger von Quadroonen unterscheiden kann – aber Ihr habt ihn doch gleich geknebelt und abgestraft, oder wenigstens in Sicherheit gebracht?« Etwas kleinlaut erzählte jetzt Willis, daß er ihnen entkommen sei, sie aber ernstliche Nachforschungen am andern Morgen anstellen wollten. »Ich habe einen vorzüglichen Negerhund,« fuhr er in seinem Argumente fort – »und wenn wir den auf die Spur bringen –«

»Bah,« rief der Doctor ärgerlich, »glaubt Ihr, der wird sich lange hier in den Büschen oder Sümpfen herumtreiben, wo so viel Boote am Ufer liegen? Der stiehlt diese Nacht eins, wenn das nicht schon jetzt geschehen ist, und hat bis morgen Früh wenig Spuren zurückgelassen, dafür steh' ich. Nun« – tröstete er sich endlich – »er kommt uns vielleicht ein ander Mal wieder in den Wurf, und – »wir kennen den Burschen jetzt. – Aber glaubt Ihr, ich sei ein Pulvermagazin, daß Ihr Euch hier Alle um mich her drängt und mich so trocken haltet, als ob mich ein Tropfen Spiritus verderben könnte? Heh, Wirth! etwas zu trinken! Ihr habt doch mein Mädchen ordentlich aufgehoben?«

»Alles in Sicherheit,« entgegnete dieser, dem Doctor ein Glas und eine Flasche hinschiebend; »aber, Doctor, die Fährleute werden gleich zum letzten Mal hinüberfahren, Punkt zehn Uhr will Mr. Taylor am Ufer sein.«

»Mr. Taylor,« sagte der Doctor, sein Glas halb füllend und leerend, »mag zu – Grase gehen! – – Es wird aber doch besser sein, ich fahre mit; so bringt das Mädchen herunter und laßt sie sich bereit halten.«

»Ihr Bündel liegt in der Küche,« sagte der Yankee; – »viel hat sie zwar nicht, aber –«

»Ihr Yankees werdet auch einen Sclaven viel Plunder mitnehmen lassen!« unterbrach ihn lachend der Doctor, »da müßte man Euch nicht kennen; nun, wenn sie fleißig und ordentlich ist, kaufe ich ihr ein paar neue Fähnchen.«

Guston hatte, an das Billard gelehnt, eine Zeit lang starr vor sich niedergesehen und dem Gespräch gehorcht; als er aber hörte, daß das Mädchen vor die Thür geführt ward und der Doctor sich selbst zum Ueberfahren rüstete, trat er auf diesen zu und bat ihn, einen Augenblick mit ihm zu gehen, da er ihm etwas zu sagen habe. Der Doctor folgte und Beide standen bald in der sternhellen Nacht auf der offenen, menschenleeren Straße unfern des unglücklichen Mädchens, das, die Hände auf dem Rücken befestigt, an einen Balken, der eigentlich zum Anhängen der Pferde diente, gebunden war und, an diesen gelehnt, in ihrem dünnen weißen Kleide traurig empor zu den goldenen Sternen blickte.

»Nun, was wollen Sie von mir, Sir?« fragte endlich der Doctor, nur wenige Schritte von der Sclavin stehen bleibend.

»Ich wünsche Ihnen dies Mädchen abzukaufen,« antwortete Guston fest und ruhig.

»Den Teufel auch!« rief erstaunt der Doctor; »was fällt Ihnen auf einmal ein?«

»Sie gefällt mir,« entgegnete in gleichgültigem Ton der junge Pflanzer.

»Mir auch,« sagte der Doctor lachend, »und ich verkaufe sie nicht wieder; nein, meine Frau wollte lange ein Hausmädchen haben und die scheint mir wie geschaffen dafür: leicht, behende, hübsch und stark.«

»Doctor, es kommt mir auf einige Dollars nicht an; ich möchte aber das Mädchen haben und wenn Sie nicht einen zu horrenden Preis fordern, so –«

»Nein, nein,« unterbrach ihn der Doctor, »aus unserem Handel wird nichts; wenn ich das Geld nöthig brauchte, ja, dann wär' es vielleicht etwas Anderes, ich habe aber just gestern einen Wechsel von tausend Dollars bekommen, gut wie Silber und da ist mir jetzt das Mädchen nicht feil. Fragt jedoch Weihnachten einmal wieder nach und – ich stehe Euch nicht dafür, daß das Geld so lange ausreicht – vielleicht noch früher; nur für den Augenblick wird nichts daraus.«

Das Mädchen hatte im Anfang, da sie hörte, wie nahe sie die Unterhaltung anging, erschrocken aufgehorcht, und versuchte vergebens, eine Zeit lang mit ihren scharfen Augen die Finsterniß zu durchdringen, um die Züge Dessen zu erforschen, der sie zu erhandeln wünschte; da sie das aber unmöglich fand, verfiel sie wieder in ihre träumerische Stellung, wenig den Fortgang des Gesprächs und die Folgen, die es für sie haben mußte, beachtend. Sie war daran gewöhnt, als ein Stück Waare betrachtet und verhandelt zu werden, und ihr schien es gleichgültig, wer von den Beiden ihr neuer Herr werde, da Alfons doch unwiederbringlich für sie verloren war; nur zwei große Thränen traten ihr in die dunkeln Augen und fanden, von anderen gefolgt, ihre Bahn die sammetweichen Wangen der Unglücklichen hinab. – Sie konnte sie nicht abtrocknen, ihre Hände waren gebunden.

Jetzt traten auch die übrigen Pflanzer und Kaufleute aus dem Hause und wanderten zusammen dem nicht fernen Flußufer zu, um den Doctor noch auf das Boot zu begleiten. Guston wandte sich ab und schritt schweigend an Willis' Seite, der ihm tausend tolle Streiche und Schwänke erzählte und sich wenig darum bekümmerte, ob sein Gefährte ihm zuhörte oder nicht, dem kleinen Städtchen St.-Francisville zu, um dort zu übernachten und am nächsten Morgen seines Vaters Pflanzung zu erreichen.

Das Schicksal der beiden Unglücklichen hatte Guston, da er lange Zeit von den Sclavenstaaten entfernt gelebt, wirklich geschmerzt und manch' gutmüthiger Plan für die Zukunft der Beiden seinen Kopf durchkreuzt, als er dem Doctor das Mädchen abkaufen wollte. Da dieser aber nicht darauf eingegangen war, so glaubte er das Seinige gethan zu haben und vergaß bald das Unglück von Leuten, denen er doch nicht helfen konnte. Noch hatte er nicht die Höhe des Hügels und mit ihm die ersten Häuser des Städtchens erreicht, als er schon ganz in Willis' Laune einstimmte und diesem von seinen Reisen und Wanderungen erzählte.

Unterdessen waren die Passagiere, die noch nach Pointe-Coupé übersetzen wollten, auf der Dampffähre eingeschifft und Selinde wurde ebenfalls an Bord gebracht, jetzt jedoch, als das Boot vom Lande abstieß, losgebunden, und sie stand vorn am Bugspriet des kleinen, breiten Fahrzeugs, schaute über das niedere Geländer hinab in den dunkeln, reißenden Strom und hing ihren trüben, traurigen Gedanken nach.

In der Kajüte hatte sich indessen der Doctor mit noch zwei anderen Pflanzern zu Taylor's Familie gesellt und erzählte diesen von den heutigen Vorfällen, während das Boot langsam am Ufer hinauflief und eben vor der kleinen Bayou, von der das Städtchen seinen Namen hat, vorüberfahren wollte.

»Geht denn der Herr nicht mehr mit, der da noch am Ufer steht?« rief plötzlich der Steuermann, ein Deutscher, dem Master des Boots zu, der unten, unfern der Sclavin, am Geländer lehnte.

»Nein, hat sein eigenes Boot,« war die lakonische Antwort, und der Ingenieur, der auch zugleich die Stelle des Feuermanns mit vertrat, gab dem Boote die ganze Kraft, um so schnell wie möglich die nächtliche Fahrt zu beenden.

Das Boot erreichte jetzt die ungefähre Höhe, von der aus sie hoffen durften, die gegenüberliegende Landung zu gewinnen; der Steuermann ließ also den Bug nach der Backbordseite abfallen, und bald zeigte das stärkere Rauschen am Bugspriet, daß es in reißendere Strömung gerathen sei. Langsam bewegte es sich der Sandbank zu, die sich in den Sommermonaten, mitten im Flusse von einer kleinen Insel unterhalb ausgehend, wohl zwei Meilen hinauszieht, und welche die Fähre, um an dem gewöhnlichen Landungsplatze in Pointe-Coupé anzulegen, umfahren mußte. Das Boot mochte kaum dreihundert Schritt von dem waldigen Ufer ab sein, als von der Mitte des Stromes aus dreimal der Ton eines LoonLoon (Wassertruthahn), eine Art Taucher, der sich in großer Anzahl in den südlichen Bewässern Nordamerikas, besonders auf dem Mississippi aufhält. klagend über die glatte Wasserfläche herüberschallte. Der Master schien die oft gehörten Töne wenig zu beachten; Selinde aber fuhr schon beim zweiten Rufe, wie von einem plötzlichen Schreck durchschauert, auf und lauschte mit verhaltenem Athem dem dritten. Wenige Minuten war Alles still, und dann schallten wieder dieselben drei wehmüthigen Rufe des menschenscheuen Wasservogels zu ihr herüber, während sie mit vorgebeugtem Oberkörper und weitgeöffneten Augen die Finsternis zu durchdringen suchte, wie um den Urheber dieser Töne zu entdecken.

»Der Loon schreit recht kläglich heut Abend!« rief der Steuermann.

»Ja, wir bekommen Regen,« sagte der Master, indem er einen prüfenden Blick nach oben warf. Der Himmel schien aber seine Wetterprophezeiung nicht zu rechtfertigen, denn kein Wölkchen umhüllte die Myriaden Sterne, die in glühender Pracht von dem dunkelblauen Firmament herniederschimmerten.

Das Boot durchschnitt jetzt, in die Nähe der Sandbank und dadurch in etwas stilleres Wasser kommend, mit größerer Schnelle den Strom, während der Loon noch zweimal in kurzen Zwischenräumen seinen Ruf ertönen ließ, aber schwieg sobald die Fähre heranrauschte.

»Halte stromauf!« rief der Master jetzt dem Steuermann zu, »Du rückst dem Sande zu nahe. So – das wird genug sein!«

Sie liefen von da an ziemlich geschwind in ganz todtem Wasser an der Sandbank hinauf und näherten sich mehr und mehr der Spitze, als der Steuermann ausrief, er sähe etwas Schwarzes vorn auf dem Wasser, das einem Kahne gliche.

»Ich kann nichts erkennen,« rief der Master, seine Augen anstrengend und sich vorn überbiegend.

»Kommt hierher, es muß ein losgerissenes Boot sein, was dort auf den Sand getrieben ist. Wenn wir unsere Jolle mit hätten, könnten wir es fangen.«

»Schändlich!« rief der Master ärgerlich, »die Burschen, die hinter uns mit dem Ruderboote kommen, werden es jetzt finden; wir dürfen aber nicht näher hinfahren, sonst bleiben wir sitzen.«

Sie waren unterdessen in gleiche Höhe mit dem dunkeln Gegenstande gekommen, der sich wirklich als ein Kahn auswies, aber nicht als ein leerer, sondern ein einzelner Mann saß darin und ruderte, etwas vor dem Boote, auf dasselbe zu, als ob er dicht an demselben vorüberfahren wollte. In demselben Augenblick ließ sich auch der Loonruf, doch ganz in der Nähe und äußerst leise hören.

»Habt Acht! Ihr kommt unter die Fähre!« schrie der Master vom Verdeck aus dem einsamen Ruderer zu, der jetzt fast auf Kahnlänge herangekommen war; die Warnung wurde aber nicht beachtet, und – »Selinde!« rief der fremde Mann leise herüber. In dem Augenblick berührte auch sein Kahn die Dampffähre, und mit einem Sprung lag das Mädchen an der Brust des Geliebten, glitt aber, wohl wissend, daß dieser seine Arme jetzt nöthiger brauche, als sie zu umfassen, behende in den Stern des Boots, und dasselbe mit einem dortliegenden kurzen Ruder abstoßend, trieb der kleine Nachen, ehe sich die Fährleute nur von ihrer Ueberraschung erholen konnten, schnell in das Fahrwasser des Dampfers.

»Halt! verdamm' Euch! Hülfe! haltet sie!« riefen der Master und Steuermann zu gleicher Zeit, und ersterer sprang, mit Hintansetzung der Furcht für seine Gliedmaßen, mit einem Satz vom Steuer aus das untere Deck hinunter, um das Entkommen des Boots zu verhindern; aber zu spät, schon verschwand es in der dichten Finsterniß, und deutlich hörten sie, wie es, von kräftigen, regelmäßigen Ruderschlägen getrieben, schnell über die Fläche des Stromes dahinschoß.

»Was schreit Ihr denn so, als ob Ihr am Spieße stäkt?« rief der Doctor, als er jetzt mit den anderen Männern aus der Kajüte kam – »ist das nicht ein Höllenlärm –«

»Die Negerin ist fort!« rief der Master.

»Was ist sie?« schrie der Doctor und war mit wenigen Schritten an der Seite des selbst zum Tode erschrockenen Masters, der seinem Steuermann nur schnell zurief, das Boot zu wenden und stromab den Flüchtigen zu folgen, und dann dem Doctor mit wenigen Worten den ganzen Vorfall erzählte. Fluchend und tobend aber sprang dieser zum Steuer, bot dem Steuermann zehn Dollars, wenn er die Entflohenen wieder einhole, und vertrieb sich dann die Zeit damit, daß er, auf- und abgehend, überdachte, wie er die Beiden, wenn er sie erst wieder eingefangen hätte, züchtigen wollte.

Der Master war indessen auch zu ihm herangetreten, und den Doctor in seinem Eifer und seinen Gesticulationen unterbrechend, rief er ihm zu, einen Augenblick ruhig zu sein, denn er glaube, er höre Ruderschläge. Sie horchten jetzt mit gespannter Aufmerksamkeit und vernahmen deutlich das regelmäßige Einschlagen von Rudern in das Wasser; es konnten aber nicht die Flüchtlinge sein, denn es kam von Bayou Sarah herüber, und der Steuermann brach endlich das Schweigen, indem er versicherte, daß es das Segelboot wäre.

»Gut,« rief der Master, »die wollen wir doch bei unserer Jagd zu Hülfe rufen, es müßte dann mit dem Bösen zugehen, wenn wir das Pärchen nicht einfingen, ehe es Waterloo erreichen kann.« Und die Hände trichterförmig an den Mund haltend, schrie er mit kräftiger Stimme sein »Boot ahoy-y!« über die ruhige Stromfläche hinüber.

Schon sein zweiter Ruf wurde von drüben beantwortet, und bald tönte auch auf sein langsam und deutlich ausgestoßenes »Kommt herüber!« ein befriedigendes»Ay – Ay!« zurück.

Die Dampffähre schoß unterdessen mit bedeutender Schnelle an der Sandbank hin, gleichwohl immer sich etwa hundertfünfzig Schritt von ihr entfernt haltend, um nicht aufzulaufen, und aufmerksam beobachteten die Männer den zwischen ihnen und der Bank liegenden Wasserstreifen, da sie nicht ohne Grund vermutheten, daß der Entflohene eher versuchen würde, ihnen unter dem Schutze der Nacht zu entgehen, als sich auf seine eigene Kraft zu verlassen und die Mitte des Stromes zu suchen, wo ihm, wenn entdeckt, auch nicht die mindeste Hoffnung auf Entrinnen geblieben wäre.

Schon hatten sie sich auf wenige hundert Schritt der kleinen Insel genähert, als der Master plötzlich des Doctors Arm faßte und gerade sich gegenüber nach der Sandbank deutend, die hier etwa drei Fuß über die Wasserfläche herausragte, ausrief: »Dort sind sie, so wahr ich ein Christ bin; seht Ihr dort?«

»Wo? wo?« rief der Doctor, der nur das dunkle Boot mit den Augen gesucht hatte.

»Dort der weiße Punkt,« rief der Master – »das Kleid des Mädchens!« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, sprang er mit einem Satz an das Steuerrad, und das Boot schnell wieder stromauf wendend, führte er es gerade auf den weißen Punkt zu. Der Flüchtige war aber hier allerdings in der Hoffnung angelaufen, unter dem mehrere Fuß hohen steilen Sandufer unbemerkt liegen zu bleiben und, wenn die Fähre vorbeigefahren wäre, schnell die Mitte des Stroms zu erreichen, wonach er dann, stromab, bald aus dem Bereiche augenblicklicher Verfolgung kommen konnte.

»Jetzt haben wir sie!« rief der Master aus, als er sich, etwas näher rückend, wirklich überzeugt hatte, daß es die Flüchtigen waren; »hier ist das Wasser tief und ich müßte mich sehr irren, wenn wir nicht an den Burschen dicht heranlaufen könnten; auf alle Fälle wollen wir's versuchen.«

Die armen Flüchtigen befanden sich unterdessen in einer gar mißlichen Lage, denn in der That hätte die nicht sehr tief im Wasser gehende Dampffähre gerade an dieser Stelle an sie heranlaufen können. In diesem kritischen Augenblick verließ aber den in der Schule des Unglücks Gestählten die so nöthige Geistesgegenwart nicht; mit raschen Ruderschlägen flog er, etwa fünfzig Schritt, seinen Verfolgern gerade entgegen, und als diese schon, in der Hoffnung, ihn bald in ihrer Gewalt zu haben, laut aufjubelten, der Doctor sogar ein Tau zurechtlegte, um den »damned nigger,« wie er sich ausdrückte, zu knebeln, schoß dieser plötzlich, einen schmalen Streifen seichten Wassers benutzend, der sich zwischen zwei langen Sandzungen hinzog, in seinem kleinen Boote rechts von der Fähre ab, die gleich nachher, durch das nur wenige Zoll tief gehende Boot irre geführt, in zu seichtes Wasser kam und auflief. Im nächsten Augenblick waren die Flüchtigen in der Alles umlagernden Finsternis verschwunden.

Da schallte plötzlich ein nahes deutliches »Hallo!« herüber, und das angerufene, von Bayou Sarah kommende Segelboot lag wenige Augenblicke später neben dem auf dem Sande sitzenden Dampffährboote.

»Hallo!« rief noch einmal der im Stern des ersteren behaglich hingestreckte Creole – »was flucht Ihr denn hier so gotteslästerlich durch die stille Nacht? Das ist der Doctor, nicht wahr?«

»Beauvais!« rief dieser, »Euch sendet uns der Himmel!«

»Wohl durch Euer Beten erweicht?« lachte Beauvais.

»Kommt schnell heran, nehmt uns auf; mein Negermädchen ist mir hier vom Boote weg durch den weißen Nigger gestohlen, und vor kaum drei Minuten sind sie erst fort, wir müssen sie einholen.«

»Kommt herein denn, schnell!« rief der Creole, das Boot an die Fähre anlenkend – »und wenn meine vier Burschen den bleichen Schurken nicht in zehn Minuten haben, so will ich mein Leben lang keinen Gumbo mehr anrühren und, Doctor,« fuhr er lachend fort, »das würde mir so sauer werden, als Euch, wenn Ihr dem Brandy entsagen solltet.«

Mit unglaublicher Schnelle verließ das Segelboot, das den Doctor, den Master und den andern Pflanzer aufgenommen, die gestrandete Fähre und flog der Mitte des Stromes zu, um die Flüchtigen einzuholen.

»Ich höre das Ruder!« rief der Master, der, die Hände hinter die Ohren haltend, einen Augenblick gelauscht hatte – »ich höre das Ruder deutlich, gerade unter jenem hellen Stern. So – noch ein wenig rechts!« rief er, als Beauvais schnell seinen Lauf danach änderte – »so – jetzt sind wir auf der Spur; nun, meine Burschen, streckt Euch!«

Das Boot berührte kaum die Wasserfläche und hochauf spritzte der weiße Schaum am Bugspriet.

Unterdessen war Alfons nicht müßig gewesen; große Schweißtropfen perlten ihm an der durch die übermäßige Anstrengung des Ruderns erhitzten Stirn, und lange war kein Wort zwischen den Liebenden gewechselt; jetzt brach Selinde das Schweigen und flüsterte leise und bebend:

»Ich habe Dich verrathen, Alfons, mein weißes Kleid zeigte den Verfolgern unser Versteck; – oh, wie bin ich unglücklich!«

»Mein armes Mädchen,« tröstete sie Alfons, ohne einen Augenblick in seiner Arbeit nachzulassen, »beruhige Dich, ich entgehe ihnen dennoch; wäre nur das Segelboot nicht; ich hörte aber, wie sie es anriefen, und ich fürchte, wir werden landen und uns im Sumpfe verbergen müssen. Ich möchte ihnen nicht gern auf dem Wasser in die Hände fallen.«

»Aber sie müssen uns hören, Alfons,« seufzte das Mädchen, »die bösen Ruder knarren so, das tönt gar weit über das Wasser; ich höre das Boot ebenfalls hinter uns.«

»Ich habe nichts, um die Ruder zu umwickeln, – jeder Augenblick, den ich verzögere, bringt uns dem gewissen Verderben näher,« sprach leise Alfons.

»Mein Kleid hat uns verrathen, mein Kleid mag uns retten,« lächelte das Mädchen unter Thränen hervor, riß das dünne Zeug in Streifen herunter und legte es unter die Ruder. Geräuschlos glitt jetzt das Boot über die ruhige Wasserfläche, und leise betend sank die schlanke Gestalt des armen Kindes im Stern des kleinen Boots nieder.

»Verdamm' die Hunde!« rief der Doctor, als die Neger einen Augenblick rasteten und Alle aufmerksam, aber vergebens horchten, um auf's Neue einen Ruderschlag der Entflohenen zu hören – »nichts rührt sich mehr.«

»Dort unten treibt ein Flatboot,« rief der Master, »vielleicht haben die Leute darauf etwas von den Flüchtigen gesehen.«

Sie steuerten, als kein Laut weiter gehört ward, schnell auf das unbehülfliche Fahrzeug zu, das sie auch gar bald erreichten, und der Doctor rief es ohne Weiteres an:

»Habt Ihr ein Boot gesehen?«

»Etwa hundert Schritt an uns vorbei ruderte eines.«

»Welche Richtung?«

»Mehr nach dem Lande zu.«

»Wer saß darin?«

»Weiß nicht,« rief der Flatbootmann. »Ihr sucht einen weggelaufenen Sclaven?«

»Ja wohl, Freund,« antwortete Beauvais; »woher wißt Ihr das?«

»Gut, ich denke, Ihr seid auf der rechten Fährte; der Bursche, der hier hinunterging, hatte die Ruder umwickelt, kam mir gleich verdächtig vor.«

»Sie sind es!« schrie der Doctor; »jetzt tapfer, meine Burschen, streicht aus!«

»Ihr sagtet, sie hielten sich nach dem Lande zu?« frug der Master noch einmal zurück, als das Segelboot von dem Flatboot hinweg schoß.

»Ja,« lautete die Antwort; und zum dunkeln Ufer hin, aber immer noch in etwas die Strömung benutzend, eilten die Verfolger dem unglücklichen Alfons nach, der sich wirklich näher dem Lande zugewendet hatte, um im Nothfall das schützende Dunkel des Waldes zu erreichen.

Mehrere Minuten war das Segelboot so im wahren Sinne des Worts über die Stromfläche fortgesprungen, als der Master, der im Vordertheil kauerte und aufmerksam über den Wasserspiegel hinschaute, in die Höhe sprang und ausrief:

»Dort sind sie, ich sehe das Boot!«

»Hurrah, meine Burschen, greift aus!« schrie der Doctor, »und Ihr, Master, gebt mir Euer Messer, ich will dem bleichen Nigger einmal zeigen, was es zu bedeuten hat, in Louisiana einen Neger zu stehlen.«

Der Angeredete griff auch, ohne weiter ein Wort zu erwidern, unter seine Weste, holte sein langes Jagdmesser hervor und reichte es dem Doctor, der es aus der Scheide riß und jubelnd schwang.

Alfons hatte mit fast übermenschlicher Anstrengung seine Bahn verfolgt, als er aber die Ruderschläge der Verfolgenden immer näher und näher kommen hörte und nun einsah, daß er selbst nur noch eine kurze Zeit das seine Kräfte übersteigende Rudern würde aushalten können, wandte er sich näher zum Ufer. Hatte er den Wald einmal erreicht, so war alle Verfolgung im Dunkeln und ohne Hunde unmöglich gemacht. Da – als Alfons seine letzten Kräfte anstrengte, das Werk zu vollenden, als er die Verfolger schon dicht hinter sich sah – brach ihm das rechte Ruder und sein Boot flog herum.

Beauvais und der Master erkannten augenblicklich, daß der Flüchtling in ihren Händen sei, und stießen ein Freudengeschrei aus. Der Erstere wandte sich nur noch an den Doctor und rief diesem ermahnend zu: »Bringt ihn nicht um!« als das Boot auch schon an das andere hinanschoß und jener mit erhobenem Messer jubelnd hinübersprang.

Er sollte aber seinen Triumph nicht lange genießen; Alfons, wohl wissend, daß für ihn alle Hoffnung verschwunden sei, und fest entschlossen, nicht lebendig in die Hände seiner Peiniger zu fallen, war, mit dem Ende des abgebrochenen Ruders in der Hand, das er hochgeschwungen über seinem Kopfe hielt, auf das Sitzbrett gesprungen, und von schwerem Schlage getroffen stürzte der Doctor rückwärts in das Boot, während das Messer seiner Hand entfiel und in die Fluthen versank.

Beauvais, der im Begriff war, dem Doctor zu folgen, würde ein gleiches Schicksal mit dem Ersteren getheilt haben, hätte nicht der Master, der sich wohl hütete, in den gefährlichen Bereich des Ruders zu kommen, eine Pistole gezogen und sie schnell und besonnen auf den frei Dastehenden abgedrückt.

Beim Krach des Gewehres zuckte der Schwergetroffene zusammen, das wiedererhobene Ruder entfiel seiner Hand, und für einen Augenblick stand er aufrecht da, starr und fest zum Himmel emporsehend, dann stöhnte er »Selinde!« und sank rückwärts in die Fluth.

»Alfons!« rief das Mädchen mit herzerschütterndem Schrei und folgte mit Gedankenschnelle dem Sinkenden, aber Beauvais, dies noch zur rechten Zeit gewahrend, sprang in das kleine Boot und das weiße flatternde Unterkleid erfassend, ehe es verschwand, zog er mit Hülfe seiner Leute die Ohnmächtige an Bord zurück.

Vierzehn Tage waren nach diesem Abend verflossen, als der Doctor zuerst wieder nach Bayou Sarah hinüberfuhr, sich aber dort sehr mäßig hielt, seine Geschäfte schnell besorgte und dann wieder hinüber nach Pointe-Coupé fahren wollte. Er sah sehr blaß aus, und eine breite, noch nicht ganz zugeheilte Narbe zog sich über seine Stirn.

Als er dem Flußufer zuschritt, um das Fährboot zu erreichen, das eben anlandete, hörte er seinen Namen rufen, und sich umwendend, erkannte er Guston, der ihm winkte und bald an seiner Seite war.

»Nun, Doctor, wie geht's?« fragte er diesen, die ihm entgegenstreckte Hand schüttelnd, »was macht die Stirn? Das muß ein höllischer Schlag gewesen sein!«

»War's auch, Guston, war's auch; warf mich nieder wie ein Stück Holz; der Hund hat aber seine Bezahlung bekommen.«

»Er soll über Bord gefallen und ertrunken sein?« fragte Guston, den Doctor von der Seite fixirend.

»Verdammt will ich sein, wenn ich weiß, wie er fortgekommen; als ich ihn zuletzt sah, stand er noch fest genug auf der Ruderbank, um mich mit dem scharfkantigen Holz zu Boden zu schlagen, aber der brave Master – Ihr geht mit nach Pointe-Coupé, nicht wahr?« unterbrach er sich plötzlich selbst.

»Der Master soll ihn erschossen haben – wie mir gesagt wurde,« fuhr Guston, die Zwischenfrage nicht beachtend, fort.

»Die Neger wissen nichts und können kein Zeugniß vor Gericht ablegen; ich wollte übrigens, ich hätte an jenem Abend Euern Vorschlag angenommen und Euch das Mädchen überlassen; ich wollte, ich hätte es!«

»Nun, seid Ihr nicht mit ihr zufrieden? Ich nehme mein Wort selbst jetzt noch nicht zurück – wenn auch nicht mehr aus derselben Ursache wie neulich.«

»Leider,« fuhr der Doctor ärgerlich heraus – »habe ich sie heute Morgen begraben lassen.«

»Begraben?« frug Guston, erstaunt einen Schritt zurücktretend; »begraben? das junge kräftige Mädchen?«

»Lieb wär' mir's, ich hätte weder sie noch den nichtswürdigen langen Yankee je mit Augen gesehen; die Dirne kostet mich ein schmähliches Geld, und dann legt sich der kleine weibliche Teufel hin und wird krank. Erst glaubte ich, sie wolle mich nur zum Narren haben, und ließ sie auf Anrathen meiner Frau züchtigen, sie mukste aber nicht und wurde zuletzt ohnmächtig; nun ließ ich sie in ein Krankenhaus bringen und gab ihr eine alte Frau zur Pflege; ich mochte sie doch nicht gern verlieren, sie war wenigstens ihre fünfhundert Dollars werth. Da setzt sich der schwarze Racker in den Kopf, nichts mehr zu essen, legt sich hin und liegt da und rührt sich nicht. Umsonst ging ich selbst zu ihr und versuchte Alles, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, umsonst drohte ich ihr mit den fürchterlichsten Strafen und ließ ihr wirklich, nur um ihr zu beweisen, daß es mein Ernst sei, einige Hiebe geben; es blieb vergebens; sie ließ Alles ruhig mit sich anstellen und gestern Mittag, als ich zu ihr ging, um noch einmal zu versuchen, ob stärkere Drohungen vielleicht einen größeren Einfluß auf sie haben möchten, richtet sie sich plötzlich auf ihrem Bette in die Höhe, schwatzt allerlei dummes Zeug von Alfons, Vater und Mutter, und fällt um – sie war todt.«

»Ich wollte doch, Ihr hättet sie mir damals überlassen,« sagte Guston, nachdenkend und verstimmt vor sich niedersehend – dann wandte er sich von dem Doctor ab und schritt langsam nach Bayou Sarah zurück.

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.