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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 9
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ja, unsichtbar schleichen Schemen durch die Gänge von Unitrustpalace. Vorüber an den verdoppelten Wachen, ungehindert durch die Stahltüren, bis in das Turmgemach Elihu Grants . . . Ja, noch immer schreien die Geier, die man am Morgen der Katastrophe im Schacht »Washington« sah, über dem Krater . . . ach, schon vor jener denkwürdigen Katastrophe haben sie es getan . . .

Ein paar Wochen nämlich vor jenem siebzehnten Juli ist es gewesen, daß der regelmäßige Verbindungsflieger zwischen Bombay und Bale – irgend so ein Silk-Jonny in zweiter Auflage – stundenlang während seines regelmäßigen Fluges durch rätselhaften Brandqualm gefahren ist. Die Rauchschleier zerreißen, man hat sich die Augen aus dem Leibe gesehen, man hat schließlich unten auf diesen fruchtbaren Ebenen von Siam, von Bengalen, Dekhan große Feuerschlangen durch den Glast der Mittagshitze schleichen sehen . . . weiß der Teufel, was dort unten brennt!

Man hat berichtet, der amtliche Apparat, angefangen von dem atrophischen Vizekönig, den Elihu Grant der britischen Regierung belassen hat, bis zum letzten Sheriff, hat relativ schnell gearbeitet: es hat sich ergeben, daß in diesen entlegenen, riesigen Ebenen, die aber doch nun einmal die Magen des amerikanischen und europäischen Proletariates stopfen, die Weizenfelder, diese alljährlich mit Fowlers Pflügen umgebrochenen und ganz industriell bewirtschafteten Felder, in Brand stehen.

Weshalb zum Teufel verbrennt Indien seine Ernte?

204 Ja, daß man untersucht, Gipsabdrücke von Fußtapfen macht, einen Kommissar ernennt, zur Bewachung die indischen Truppen des britischen Staates aufbietet, die in den ungeheuren Räumen naturgemäß unwirksam bleiben, daß man hier und da ein paar fanatische Priester aufhängt und ausnahmsweise auch einen wirklichen Attentäter erwischt, daß endlich der Sicherheitschef von Bale fliegt . . ., das alles nützt zu gar nichts: in den asiatischen Großstädten mahnen wohl loyale Priester zur Einsicht, sogar die nationalistische Presse Indiens scheint abzuwiegeln, die eingeborene Intelligenz macht sanfte, mandelförmige Augen und weiß nichts von Sabotage und Tücke. Aber wenn man in Dekhan, wo eigentlich alles in Asche liegt, Herr der Lage zu sein glaubt, so geht es am nächsten Tage in Haiderabad und in Panschab los. Aus dem südlichen China sogar, wo die einheimischen Bauern längst verdrängt sind durch Grants Riesenfarmen, wird nun der gleiche Unfug gemeldet. Die großen Mammutdreschsätze, die um diese Jahreszeit längst über den Kornkammern der Welt zu heulen pflegten, stehen still. Statt einer Flotte liegen ganze sechs jämmerliche Getreidedampfer auf der Reede von Unitrusttown.

Elihu Grant heult auf vor Wut: ja glaubt man etwa, dieses riesige Proletariat, dessen zarte Mägen nur noch Reis und Weizen und Büchsenfleisch vertragen, werde sich von Wurzeln und Baumrinde ernähren lassen?

»He, Law?«

Ja, der alte Kampfgefährte ist ja heute, vier Wochen vor dem ominösen siebzehnten Juli, wohl noch am Leben; aber auf Grants Einwand, daß diese asiatischen Gibbons sich doch selbst dem Hungertode auslieferten, hat H. G. Lawson nur solch eine müde Geste von altindischer Resignation . . . nein, es ist wirklich nichts mehr anzufangen mit Lawson!

205 Und dann, während dieses titanische Hirn schon einen Plan gebiert, wie wenigstens für das laufende Jahr der längst erschöpfte amerikanische, der verödete Boden Europas von neuem mobilisiert werden könne, während Unitrustpalace die Bestände erheben läßt und die ersten Rationierungsmaßnahmen trifft, kommt dieser pestige siebzehnte Juli: elfhundert Mann und mit ihnen auch der alte Mitkämpfer Lawson tot . . . eine Katastrophe, wie sie jedes große Werk einmal treffen kann, und die in ein paar Wochen auch überwunden wäre, wenn diese Troglodyten nicht von der neumodischen Pest des Maschinenkollers befallen worden wären: nach ein paar Wochen wäre der ausgebrannte Schacht aufgeräumt, in zwei Monaten fertig, die alberne Episode von Eucalypto ist für Two ein Kinderspiel . . . Ja, was wollen sie denn nun noch, diese Leute? Weswegen verweigert heute noch die Hälfte der gesamten Kratermannschaft die Arbeit, obwohl man sofort nach der Räumung von Eucalypto die Löhne erhöhen will, verbesserten Schutz, Witwenpensionen, eine Volkshochschule verspricht . . . zum Teufel, weswegen?

Das ist so: die Leute, die sich nach der Hungerkur in Eucalypto zuerst mal gehörig satt gegessen und ausgeschlafen haben, fahren mit den besten Vorsätzen ein, arbeiten zwei Tage, hören das Gejammer der Witwen vom siebzehnten Juli, sehen ein paar Verletzte, sehen wohl auch, obwohl man alles in größter Heimlichkeit aufräumt, die letzten Leichentransporte, erscheinen am dritten Tage auf den Bureaus, erklären, daß sie nicht mehr einfahren wollten . . . nein, unter keinen Umständen. Wenn man sie nach dem Grunde fragt, machen sie ein finsteres Gesicht, drehen die Mützen in der Hand, schweigen.

Was ist denn mm eigentlich los?

Ja, was ist! Seit einem Jahrhundert hat die Menschheit 206 technisch gedacht, technisch gehandelt, um der Technik willen sich um Freude, natürliche Lebensbedingungen und Seele gebracht, ein unerträgliches und mit dem Leben nun einmal auf die Dauer unvereinbares Wirtschaftstempo geheizt. Nun ist die von Biologen, von Aerzten, von wissenschaftlichen Ketzern längst vorausgesagte Ermüdung gekommen – ja, Elihu Grant, genau so, wie vor fünf Jahrhunderten die Menschen es einmal satt hatten, Dome zu bauen und um Gott zu leben . . . ewiger Wechsel, Elihu Grant . . .

»Verbraucht, Doktor, nur noch für den Schinderhaufen gut . . .«

Und trotzdem, nie war er größer als in diesen Wochen, wo Welt und Schicksal sich gegen ihn verschworen haben! Er empfängt den Mönch Joannes, um etwas zu erfahren über diesen unsichtbar durch die Zeit witternden Feind, er diktiert schon in der nächsten Viertelstunde neue Börsenbefehle, Anweisungen für die Station Bale, wo Hoogstraaten sich mit einem Sympathiestreik für die Opfer von Unitrusttown abbalgt . . . Tarquanson in New York muß finanziell gestützt werden . . . weiter, weiter!

Nun muß man sich ohne Lawson behelfen, man muß Two, der zu scharf ins Zeug geht und bei der Säuberung von Eucalypto Dummheiten macht, scharf auf die Finger sehen, man muß die täglichen Hiobsbotschaften aus Asien verdauen, das Gejammer der Ernährungsdezernenten anhören können, muß, während draußen Twos Leute sich wieder einmal mit streikenden Italienern herumschießen, Arealkäufe in Tambow und Samara abschließen, für Wyoming und Nebraska Düngemittel und Säemaschinen beschaffen . . . gerade jetzt, im geeignetsten Augenblick, ergeben sich bei der afrikanischen Wasserkraftstation Konstruktionsfehler an den Sendern. Und Featonby, 207 Lawsons provisorischer Nachfolger, präsentiert die Streikliste: es waren anfangs fünfzigtausend Mann, es ist jetzt, in der zweiten Woche, eine Drittelmillion! Und da man mit diesem Personal allenfalls die Hälfte der Turbinen laufen lassen kann, da den großen Fabrikarealen draußen der Strom des Kraters fehlt, so wächst dadurch die Zahl der Arbeitslosen dort draußen, die feiernden Massen fluten in die Innenstadt, das Geschrei der Agitatoren, der Weiber saust wie eine Peitsche in die Menge, der Pöbel heult auf vor Angst und Wut . . . wie Bildsäulen stehen Twos Leute vor den Portalen von Unitrustpalace.

Tut nichts: Elihu Grant steht! Er mustert seine Hilfskräfte – es ergibt sich, daß so ziemlich alles, was angelsächsischer Zunge ist, treu zum Krater steht. Ingenieure stehen an den Steuerungen der Turbinen, in Amerika wird von neuem die große Werbetrommel für den Krater gerührt – nie erledigte die Kanzlei von Unitrustpalace so rasch alle Geschäfte, nie flogen bei Elihu Grants Lever so wenig Parfümflaschen durch die Luft, nie war er, was dem Doctor Schirwind und auch dem Neger Herkules zu denken gibt, absonderlicher in seinen Neigungen: »Eine Farbige, die hellsichtig ist? Sie werden sie mir hierherschaffen, Two! Dreitausendfünfhundert Magalhaesmines heute in Wallstreet . . . der Butler soll schon heute die Zimmer für die Farbige bereit halten . . . nicht so scharf bürsten, Nigger . . . noch einmal die Stelle vorlesen, Doktor, die Stelle mit dem Leid und den Bataillonen . . .«

Und der Doctor Schirwind, der bei diesen Levers neuerdings als Vorleser fungieren muß, liest die Stelle:

»Oh Gertrude,
When sorrows come, they come not single spies
But in battalions...
«

208 Der Doctor Schirwind schüttelt den Kopf über diesen neuen Elihu Grant, der sich Shakespeareverse vorlesen läßt; der irische Butler, der weitere Befehle für die Aufnahme der kleinen Biskra wissen will, bekreuzigt sich: so seltsam verändert ist der Mann, der in diesen Tagen Tod und Teufel trotzt, und den in diesen Tagen der schwerste Schlag trifft, der ihn unter diesen Umständen noch treffen kann.

Am sechsundzwanzigsten Juli, am Sterbetage des Mönches Joannes, hat dort unten bei San Juanito, wo sich an der kalifornischen Westküste die Füchse herzlich und endgültig gute Nacht wünschen, in dem großen Felszirkus der einsamen Zepitabucht der Leuchtturmwärter Bromley von Hobbys Points graue Schiffe mit Gittermasten ankern sehen, die im Verzeichnis der Unionsflotte nun einmal nicht enthalten sind. Am gleichen Tage hat er sich ans Telephon gehängt, am folgenden hat in aller Heimlichkeit schon der große amtliche Apparat gespielt, am nächstfolgenden steht in Tokio mit Schiffshut und goldgebiesten Hosen der amerikanische Botschafter und fragt, was die Lotungen kaiserlicher Kreuzer in amerikanischen Gewässern zu bedeuten hätten.

Am Freitag wird als Antwort in Yokohama eine Wannemaker-Filiale vom Pöbel zerstört, am Montag schon revanchiert man sich in der Union, indem in den Weststaaten alle gelben Arbeiter entlassen werden, am sechsten Tage heult auf beiden Seiten die Presse in heller Wut auf, am siebenten werden beiderseits alle bösen Hunde zurückgepfiffen und amtliche Friedensschalmeien geblasen . . . Ja, nun ist's klar, daß eine ganz große Gewitterwolke am Himmel steht.

Die politische Krise trifft leider ein durchaus unvorbereitetes New York. Man hat in den Seebädern von Long Beach gelegen, man hat die verzehnfachten Schauermärchen der 209 Katastrophe von Unitrusttown gehört, die Geschäfte sind sowieso schlecht genug gegangen in den letzten Jahren . . . es fehlte noch gerade, daß diese große politische Krise sie vollends verwirrt!

Amerika reagiert amerikanisch; es amüsiert sich zwei Tage lang, indem es zunächst vor den asiatischen Konsulaten gehörig demonstriert, zehntausend Schulkinder mit zehntausend kleinen Sternenbannern und patriotischem Sing-Sang durch die Straßen schickt, ein paar gelbhäutige Studenten verprügelt.

Im übrigen: kochender Asphalt, aller Hygiene zum Trotz befremdliche Höllendünste über der Stadt . . . Violet Tarqansons letzte Skandalgeschichte . . . leichte Kursrückgänge . . . Elihu Grant wird schließlich schon alles einrenken . . . wer wird denn gleich an eine wirkliche Katastrophe denken?

Aber siehe: in der zweiten Woche klemmt allen amtlichen Peacemakern zum Trotz im Panamakanal die große Gatunschleuse, sie klemmt maliziöserweise gerade in dem Augenblick, als das südatlantische Geschwader in den Pazifik hinübergetrimmt wird, und in der Bucht von Manila muß es ein unseliger Zufall gerade jetzt fügen, daß irgendein uralter chinesischer Teeklipper mitten im Fahrwasser fortsackt und den auf der Reede liegenden Unionskreuzern den Weg versperrt.

Und plötzlich beginnen die Raben zu kreisen über der Kapitale des unentwegten Optimismus, und plötzlich ziehen alle Versicherungssätze um siebenzig Prozent an, und plötzlich entschließen sich ebensoviel Prozent sämtlicher Shopkeeper, in diesem Sommer nicht nach Trouville zu gehen, und plötzlich ist, während zwischen Washington und Tokio die Funken knistern, über Nacht der Tarquansonkonzern ins Wanken gekommen.

210 Tarquanson . . . wer ist am Ende Tarquanson? Alter, abgelebter und todkranker Roué . . . schönes Weib, das ihn betrügt . . . zum Teufel ja, aber die Minen dieses Tarquansonkonzerns liegen dort unten im Magalhaesarchipel, an der Westküste, direkt unter den japanischen Kreuzerkanonen!

Es ist ein höllenheißer Tag, als Wallstreet die erste Niederlage erleidet; ein Gewitter, das sich nicht entladen kann, steht seit Stunden über Hoboken, die Wagen ziehen Spuren in dem klebrigen Asphalt. Es sind sehr, sehr ernst aussehende Leute, die diese Wagen verlassen, es ist still in Exchange-Office, als gingen Geister dort um . . . den Namen des Tarquansonkonzerns wagt man eigentlich nur zu flüstern in der Nähe des Pitts.

Stützungsaktionen Grants . . . Aufkäufer beobachtet, es wird so schlimm nicht werden!

In der dritten Stunde dieser unglückseligen Börse geschieht es, daß Whitenings »Manhattan-Post« Enthüllungen über den Tarquansonkonzern bringt, die alles umwerfen: falsche Bilancierungen, anfechtbare chemische Analysen der geförderten Erze, leichtsinnige Investierungen auf asiatischem Boden . . . Ja, bitte, es sind Eisendreher, Fährenführer, Wannemakers bildsaubere Ladenmädchen, denen man einst mit ganz kleinen Bonds das Geld dieses famosen Konzerns aus der Tasche gelockt hat . . . Whitening ist der Mann des Volkes, Whitening bekämpft die Korruption, Whitening allein kann den Weltuntergang verhindern!

Oh, es liegt mir fern, die Geschichte dieses unglückseligen Börsentages aufzuschreiben, der das Gewitter zum Ausbruch kommen läßt: alles hat sich verschworen, die Welt von gestern umzuwerfen . . . Ernsthafte Demarche Tokios in Washington . . . Storrer und Scott schon seit drei Tagen unpünktlich 211 regulierend . . . Panikverkäufe. Am Abend liegt der Tarquansonkonzern als Leiche auf dem glühenden Pflaster von Down-Town, drüben in Blythebourne ist es notwendig, eine Konstablerkette um Tarquansons Haus zu ziehen . . .

Ja, es ist wirklich das unterirdische New York, das an diesem Tage sein Geld verliert. East-Side hat umsonst gespart für sein Alter, für die Patentierung der neuerfundenen Transformatorenkühlung, mit der man sein Glück machen wollte, für die Heimkehr aus Amerika nach irgendeinem galizischen Gettonest . . . umsonst, alles zum Teufel gegangen mit Tarquanson!

Noch in der Nacht fliegen die Hilferufe über den Ozean zu dem alten Mann in Unitrusttown, der seit ein paar Wochen einsam ankämpft gegen das Schicksal . . . nein, Elihu Grant darf nicht versagen in dieser Stunde!

Oh, er hilft, soweit er kann, er wirft großzügig seine Reserven in diesen Kampf. Aber wenn Wallstreet in den nächsten Tagen wirklich etwas aufatmet, so ist am dritten Whitening mit neuen Enthüllungen bei der Hand, und die Union sieht sich veranlaßt, in Tokio anzufragen, was die Mobilisierung der kaiserlichen Territorialarmee, was die Flottenkonzentration in der Südsee, in nächster Nähe der amerikanischen Besitzungen, zu bedeuten hätte. Und dann kommen die Nachrichten von Grants eigenen Schwierigkeiten über den Ozean geflogen . . . Streiks, verbrannte Ernten . . . Alles vereint sich zu einer lächerlichen Angstneurose: beide Gesandte schon abberufen . . . nein, nicht doch, wird soeben dementiert . . . Nordatlantisches Geschwader unterwegs nach dem Pazifik . . . ebenfalls Unsinn, geh nach Navy-Yard, wo es vor seinen Bojen liegt . . .

Vor Exchange-Office sieht man in diesen Tagen Gestalten, die, allen amerikanischen Gepflogenheiten und allem 212 Stoizismus zum Trotz, den Partner, mit dem sie eben sprechen, an den Rockklappen herumreißen, zu gestikulieren, zu schreien beginnen, mit graubleichem Gesicht plötzlich in einen Wagen springen und davonfahren.

Die Frauen dieser Männer sind ja wohl noch immer schöne exotische Luxuswesen, die in ihren Limousinen vorüberhuschen, als ginge sie das alles nichts an . . . die Tabogans von Coney-Island dröhnen noch immer in den Nächten ihre Synkopen, noch immer wahrt man wenigstens außerhalb der Börse das Gesicht. Aber draußen, in den Vorstädten, ist zu der Armee der Arbeitslosen die Armee der in Wallstreet nun ausgeplünderten kleinen Leute gestoßen . . . es gibt in East-Side jetzt schon kleine Kramläden, die man geplündert hat, in der Innenstadt, auf geheiligtem amerikanischen Boden, erscheinen in diesen Tagen abgründige Gestalten, drängen sich vor die Bankschalter, schlagen die Scheiben ein, werden wieder hinausgeworfen, ziehen brüllend durch Nassau-Street, werden mit Müh und Not in die stillen Gassen am Osthafen abgedrängt, veranstalten dafür am Abend ein Meeting im Central-Park . . . mitten in diesem schreienden Pöbel erscheint zu Pferde und in einem reichlich auffallenden Kostüm Violet Tarquanson, wagt es, als man ihr den Weg versperrt, nach unverletzlichen amerikanischen Bürgern mit der Reitgerte zu schlagen, hat, als man sich eben die Ärmel zurückschlägt, um sie allen amerikanischen Grundsätzen zum Trotz vom Pferde zu holen, den Menschenring durchbrochen . . . Urplötzlich hat der kopflose Pöbel alles vergessen, drängt nach dem Broadway, belagert das »World«-Gebäude, wo eben die letzten Nachrichten aus Tokio zu lesen sind . . .

Unerträglich wird diese Krise, unerträglich für die Wirtschaft, für die Nerven einer maschinenzerrütteten Menschheit . . . 213 nein, lieber den Untergang als die Fortsetzung dieser Ungewißheit!

Genau vier Wochen nach dem siebzehnten Juli hat sich in der Nähe der Williamsbrücke, wo er mit seinen wallonischen Pferden eingeklemmt ist in einer horrenden Verkehrsstockung, der Lastkutscher Haycock über ein Cab geärgert, das sich an ihm vorüberdrängt . . . sitzt da wirklich solch ein gelbhäutiger Vater aller Sünde in dem Cab! Haycock ist Patriot und kann nun einmal in diesen Tagen keine Asiaten sehen . . . es ist leider der japanische Marine-Attaché, dem William Haycock an diesem Morgen die Peitsche um die Ohren zieht. Und der Pöbel tut das Seine dazu, indem er den Fremden, ohne zu ahnen, wer er ist, aus dem Wagen zieht und verprügelt . . .

Dies muß gerade am Montag, am Tage vor der Eröffnung des japanischen Parlamentes geschehen . . . die Funken knattern, drüben rasen die Setzmaschinen . . . der Teufel ist nun los von der Kette, er ist nicht mehr zu halten.

Am nächsten Morgen belagern ungeheure Menschenwälle die Zeitungen: Verlobung des Prinzen von Wales . . . Stürme in der Nordsee . . . hole sie doch der Teufel, diese verdammte Nordsee . . . kein Wort über die asiatische Krise . . . keine Zeile aus Tokio . . .

Kopfschüttelnd geht New York schlafen, soweit es noch schlafen kann. Es wacht auf unter dem schwefelgelben Himmel des Weltunterganges, braust nach Down-Town, sieht, was noch kein Sterblicher auf diesem Boden gesehen hat: daß Wallstreet abgesperrt ist von einer soliden Konstablerkette, daß man in Nassau-Street, in den schäbigen, kleinen, vom Hafenviertel hierher führenden Zugangsstraßen das gleiche erleben kann. Exchange-Office ist geschlossen, das Herz der Welt steht stille.

214 Die Menge steht stur und starr, die Wagen stauen sich, in die gespenstische Stille kreischen die Unglücksvögel: »Botschafter Marquis Sato aus Washington abgereist« . . . Ja, dieses Mal ist es wahr. »Atlantikgeschwader über Nacht ausgelaufen« . . . »Wyoming«, »Texas«, »Maine« . . . Ja, geh nur hin, dieses Mal sind ihre Bojen leer.

Das Ende der Welt ist nahe.

* * *

Dies alles vollzieht sich – um endlich auf den alten Mann in Unitrusttown zurückzukommen – zwei Tage vor dem in Unitrustpalace angesagten Fest, einen Tag vor dem Abend, an dem Biskra schreiend davongelaufen ist aus den Festsälen. An diesem Tage hat die Station Bale ihre gewohnten Klagelieder über die Zunahme des Sympathiestreiks gesungen, hat die Station auf Korea genaue Verhaltungsmaßregeln für den Fall eines politischen Konfliktes erbeten, ist – ein zerbrochener und erledigter Mann – Mallison, der Sekretär Tarquansons, erschienen, um Hilfe zu erbitten, wünscht der Chef der Hausverwaltung, Elihu Grants Dispositionen für den bevorstehenden Empfang zu erfahren, hat die amerikanische Regierung, haben die New-Yorker Handelskorporationen beinahe kniefällig das persönliche Eingreifen Elihu Grants in New York erfleht. Und Two hat mit einer dicken Ader auf der Schläfe erklärt, daß er als alter Soldat seine Leute nicht länger ungestraft vom Mob verhöhnen lasse, und Mallison hat nach einer zwei Stunden dauernden Unterredung einen Weinkrampf bekommen, angesichts der Tatsache, daß jede Hilfe ein Ende haben muß, certainly, Sir.

215 Zwischenein hat man hinter den Kulissen, überwunden von grimmigen Schmerzen, eine Attacke dieser verfluchten Neuralgien herunterwürgen müssen: das Finish, Elihu Grant, der Endspurt, die Peitsche saust . . . wer niemals Erbarmen mit andern hatte, darf wohl auch mit sich nun kein Erbarmen haben. –

Oh, wir halten uns gut auch jetzt, wir bleiben eiseskühl, wir schütteln Mallison ab, wir diktieren, während durchschnittlich alle drei Minuten eine neue Depesche über diesen pestigen japanisch-amerikanischen Konflikt kommt, ein mustergültiges Reglement für die Station auf Korea. Zwischenein werden wir, da wir auch ein Menschenkind nur sind und als kleines Bündel einmal in Windeln in einem Weiberschoße gelegen haben . . . zwischenein also werden auch wir sehr müde, denken an die menschlichen Rechte auf Ruhe und Frieden, die nicht für uns, sondern nur für jene grauen, gleichgültigen Läuse da unten geschrieben sein mögen. Dann gießen wir einen Bottich schwarzen Giftes hinunter, das der Doctor Schirwind strenge verboten hat, fragen den Neger Herkules, was die Farbige macht, die wir vor ein paar Tagen unserer Kuriositätensammlung einverleibt haben, die wir nie gesehen haben und nie sehen werden.

Wieder einmal schreit draußen der Pöbel. Dann schillern diese blauen, dem körperlichen Verfall zum Trotz noch immer schönen blauen Augen in bösem Schimmer, suchen nach dem großen Zentralschalter, mit dem wir die Welt, die Canaille, den Troglodytismus bändigen. Dann beugen wir wieder den Nacken unter die große Geißel . . . weiter, weiter!

Um sechs Uhr abends ist eine Meldung eingelaufen, daß Washington mit einer friedlichen Lösung nicht mehr rechne, eine Viertelstunde später hat Grant dem Butler seine 216 Instruktionen gegeben für dieses Fest, das dem Weltuntergange zum Trotz morgen stattfinden wird. Dann ist Featonby mit dem Tagesbericht gekommen – man hat wieder Leute einstellen können, um morgen vier weitere Schächte laufen zu lassen, ein bescheidener Lichtblick . . .

Dann hat sich etwas sehr Seltsames ereignet.

Mit dem sinkenden Licht hat Elihu Grant sich von Herkules wieder einmal erzählen lassen, wie es sei, wenn im Schilf des Stromes die Niggergötter weinen; ob Herkules eine Liebste . . . nun, Herkules, eine Mammy heißt so etwas in deinem Niggerenglisch . . . habe; man hat gefragt, wo eben Biskra sei. Dann ist es stille geworden.

Kurz vor sieben hat One gemeldet, daß man oben ein soeben von New York eingelaufenes Telegramm von zweihundert Gruppen dechiffriere . . . in zwanzig Minuten wird es entziffert vorliegen. Elihu Grant sitzt im Dunkeln, Elihu Grant schweigt. One hat gemeldet, was er zu melden hatte, One geht.

Nach einer Viertelstunde ist er wieder da mit dem Telegramm. Er ist totenblaß, er zittert – in der Hand das Telegramm da meldet, daß Washington seinen Botschafter endgültig zurückgepfiffen habe; es sagt, weswegen man heute früh Wallstreet abgesperrt habe, weswegen die Bojen von »Texas«, »Wyoming« und den anderen leer seien. One ist sich bewußt, daß es das Signal zum Jüngsten Gericht ist, was er da in der Hand hat.

Dunkel, Schweigen. Da es eilt, zum Donnerwetter, so dreht One den Schalter, sieht Elihu Grant im Stuhle sitzen, den Neger unbeweglich dahinter stehen, tritt vor den Stuhl, fährt beinahe zurück: Elihu Grant schläft, Elihu Grant lächelt im Schlaf.

Bei Gott – kein Sterblicher hat Elihu Grant lächeln sehen 217 seit Jahren, beim großen Gott, auch Elihu Grant hat das Recht, einzuschlummern vor ungeheurer Übermüdung, im Schlaf Sonne zu sehen und über blitzendem Glimmer einen Bach . . . Buchenwald, Haus, harte Arbeit mit dem Pflügen, junges Weib, erfreuliches Lager . . . alles sehr natürlich, One, da auch Elihu Grant einmal in einer Wiege gelegen und nach einem Sonnenstrahl gehascht hat, One . . .

Da das Jüngste Gericht keinen Aufschub duldet, so rüttelt One Elihu Grants Arm . . . zweimal, dreimal. Elihu Grant wird wach, lächelt noch immer, hebt den Arm, tastet über Ones Gesicht, erkennt ihn: »Es ist gut, One . . . Du kannst es mir gleich vorlesen, One.«

Und One liest. Er trägt es mit der Stimme eines Generalprokurators vor, der ein Todesurteil, fix und fertig für zehn Personen, liest, er wird pathetisch . . . Wenn One ein Stäbchen, einen Federhalter nur bei sich hätte in diesem Augenblick, er würde ihn als Stab zerbrechen über dem Haupte Elihu Grants, eine imaginäre Staatsanwaltsrobe raffen und Elihu Grant dem Nachrichter übergeben.

Grant nickt: »Es ist gut, One, nach einer Stunde, One . . .«

One steht entgeistert: »Nach einer Stunde?«

»Nach einer Stunde. Den Doktor, Nigger.«

One sperrt den Mund auf, denkt an die merkwürdigen Dinge, die man in letzter Zeit von Elihu Grant erzählt hat, geht mit dem vom Delinquenten selbst um eine volle Stunde verschobenen Todesurteil als ein gebrochener Staatsanwalt zur Tür hinaus.

Und dann kommt der Doctor Schirwind, und dann rollt der Fahrstuhl durch die Gänge . . . bei Gott, so sehr aus den Fugen gegangen ist schon die Welt, daß es Lakaien gibt, die grinsen hinter dem Blinden, dem Gelähmten, der sich zu 218 diesem farbigen Frauenzimmer karren läßt in seinem Krankenstuhl . . .

Elihu Grant sieht es ja nicht, an ganz andere Dinge denkt Elihu Grant: die Welt stürzt um – mag sie! Stürzen wir mit, wir werden nicht jammern! Dies aber, was versunken ist in den Jahrzehnten der Kasteiung, der Möncherei . . . fühlen, daß es etwas anderes noch gibt als Kesselschächte und Streiktableaus . . . Ja, einmal Wärme zu spüren, Leben, Jugend . . . Ja, du, wo bist du . . . komm her, ganz nah . . . komm, ich will fühlen, daß du schön bist . . .

Oh, feinnervig sind die Finger derer, die nicht sehen; sie fühlen, daß das Weib zittert, daß es erstarrt ist vor Grauen, vor Ekel . . . o ja, man weiß ja, daß man ein räudiger, alter Hund ist! Und dennoch, man fühlt die Jugend, man trinkt die Schönheit, die Wärme, das Leben mit den welken, weichen Händen, man ist bitter über diese Erstarrung des jungen Weibes, man lächelt trotzdem, man ist beinahe glücklich . . . Man nickt, man läßt sich wieder davonfahren.

Nach einer Stunde fliegen die Funken über den Ozean: man ist zwar müde, man versagt aber nicht. Man wird kommen, man wird, woran man selbst nicht mehr glaubt, versuchen, die Welt einzurenken: »Notieren Sie, One . . .«

Die Nacht ist lang, Licht brennt einsam in dem Turmzimmer von Unitrustpalace.

* * *

Am nächsten Abend fliegen mit ihren hellen Sirenenschreien die Wagen der Gäste die große Rampe von Unitrustpalace herauf, rotgoldene Lakaien mit geflochtenen Fangschnüren am 219 Arm klappen zusammen wie Taschenmesser. Und dann klopfen, wie einst bei den Empfängen des alten, vornehmen und nun ins Bodenlose versunkenen Europa, die Zeremonienmeister mit den Stäben, es beginnt die Defilierkur vor dem Götzenbild, das dort hinter Parfümwolken unter dem riesigen Tizian thront . . . unbeweglich, maskenhaft . . . man weiß nicht genau, ob nicht am Ende nur ein wächserner Elihu Grant dort sitzt.

Und siehe, da ziehen sie vorüber, die Gäste: draußen vor den Parktoren sind ihre Automobile vom Pöbel mit Steinen bombardiert worden, man hat diese überzüchteten, orchideenhaften Weiber mit abgründigen Namen belegt . . . J. P. Gould ist sogar tätlich insultiert worden . . . alle ahnen sie schon im stillen, daß sie nun ihr letztes Fest feiern.

Da ziehen sie nun vorüber, diese Schemen: müde Bourbonenprinzen, deren Lilien nun auf Petroleumfeldern wachsen, und großkiefrige, feiste Herren mit Brillantgeschwüren an den Fingern . . . Leute, denen alle Lupanare zwischen Kairo und Marseille tributpflichtig sind, und deren Namen doch wie die Fanfaren von Cressy und Hogue klingen. Unter dem ekstatischen Franziskus des Mantegna hochgewachsene aristokratische Kardinäle, die doch gestern über irgendwelche der Kirche einzuräumenden Vorzugsaktien verhandelt haben, eine kleine Prinzessin mit einem Namen über dem die Gloriole von Austerlitz und Wagram strahlt, und die nun diesen Namen mit dem Stallknecht ihres Gatten verewigt . . . Falschspieler dann, Hetären, dickbusige, fette, ältliche Weiber, Fünfzigjährige, deren Gesichter erstarrt sind unter Emailschichten, Herren mit Hahnentritt und Paraffinnasen . . . wiederum das Heer von Gemästeten, von Snobs, Gesundbetern, Schlotbaronen mit Vollblutställen, professionelle Bibliotheks- und Universitätsstifter, alte Wohltätigkeitshuren, 220 Absinthsäufer, kokainfressende Dichter, Chikagoer Schweinemetzger mit Christusvisionen . . .

Da defilieren sie vorbei im Schein der Wachskerzen, heucheln Form, obwohl sie selbst die Formlosigkeit sind, lügen Festlichkeit vor und Gesundheit und Jugend, obwohl sie vor Angst schlottern, die Pest im Blut haben, Leichen sind . . . hilf Himmel, Masken, Fratzen defilieren vor einem alten fleischernen Götzen, von dem man nicht weiß, ob er noch lebt . . . hilf, Himmel, uns armen Gespenstern, daß wir sterben können . . . oh, daß wir sterben könnten!

Zu Ende das Fest, Wagen schwirren durch die Nacht, Pöbel heult in der Ferne, Kerzen erlöschen, eine nach der andern . . . Lakaien gehen, löschen sie aus, gehen zu zweien und zweien zwischen dem knackenden Hausrat des alten Europa.

Im Turm brennt einsames Licht, im Turm richtet man für die Reise her den armen, müden Atlas, der die Welt auf den Schultern tragen soll, die Welt von Betrogenen und Betrügern . . . o du, hab Erbarmen mit ihnen, allzu lang ist es her, daß du sie leben lehrtest und sterben. –

Im Frühlicht atmet der Ozean . . . Salzhauch geht, wilde Schwäne ziehen.

Der große Silbervogel mit dem Herrn der Welt fliegt nach Westen, immer weiter nach Westen. 221

 


 

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