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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 8
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und nun, Joannes, was ist von dir geblieben als eine im Staub schon vertrocknete Blutlache und dieses junge Weib, das sich wund schlagen ließ um deinetwillen?

Seht, in der Ecke der schmutzigen Kneipe liegt in ihren bunten Fetzen an diesem nächsten Frühmorgen noch immer Biskra, so verkrümmt und zerschlagen liegt sie da, daß man sie für einen Haufen farbiger Lumpen halten könnte . . .

Wirr ist der Kopf, weiß nichts mehr von dem Grauen, das sie gesehen; fremd, bunte Bilder sieht das fiebernde Hirn. Und nun ist es nicht mehr Caserios Räuberhöhle, nicht mehr der verwahrloste Weinberg des längst vermoderten Großbauern Marzabotto: bunte Bilder kreisen, es singen die Sagen der Heimat, die Biskra kaum noch gekannt . . . Märchen, erzählt von einer braunen Menschenmutter, die einst die kleine Biskra gesäugt hat: Gazna zieht durchs Tal, der König . . . hört . . . klingen von selbst die Glockentürme im Land . . . schlaf, braune Biskra . . . Und Wasser ist in Biskras Land, ein klarer See auf blitzendem Glimmergrund, eine Insel darin . . . Icala heißt die Insel . . . kein Pfeil schwirrt und keiner Kreatur Blut rötet den heiligen Boden, und Gott hat Icala zuerst gemacht von allem Land. Und Frühling kommt; und Priester wählen die Jünglinge und Mädchen, die schönsten aus dem Volk, sieben Paare. Da rudern sie hinüber nach Icala, der heiligen Insel, hören der Priester Geheimnisse, wohnen beieinander ein ganzes Jahr . . . ein Männlein, ein Fräulein . . . seht, Menschenkinder, alles ist sehr gut.

190 Schlaf, kleine Biskra.

Und Schiffe kommen übers Meer, weiße Männer kommen . . . zerstoben ist Biskras Volk . . . oh, Biskra, wo ist Icala . . .

Und plötzlich ist sie verweht, der toten Mutter flüsternde Stimme, plötzlich gellt da ein hoher, schneidender Schrei in Biskras fieberndes Hirn: aus der Hölle dort unten der Sirenenton . . . ach, wo ist nun Gottes Garten, kleine Biskra?

Nun richtet sie sich ein wenig auf, sieht sich um, weiß noch immer nicht recht, wo sie ist, erinnert sich noch nicht, daß sie ihn erschlagen haben, den Strengen, den Heiligen, der freundlich zu Biskra sprach . . . sieht nur den Mondstrahl, der durch den Raum fällt, sieht im Mondenlicht mit seinen verkrümmten Gliedern an der Wand das steinerne Kruzifix, bei dem Kuppler und Taschendiebe hier ihre Meineide geschworen haben, muß ihn plötzlich herausschreien, ihren Jammer: »Du da, was schadest du ihm, wo du doch sein Gott bist? Steinerner Mann, was läßt du ihn so leiden?«

Und vor ihren fiebernden Augen öffnet Mariä steinerner Sohn den Mund: »Gelitten und gestorben, auf daß er mich erlöse, im Himmel und auf Erden.« . . .

Und plötzlich ist Biskra wach, und plötzlich ist der Spuk fort, und plötzlich weiß sie wieder, was hier geschehen ist, sieht im Mondenlicht die Blutlache schimmern, weiß nun auch wieder, was sie gesehen hat aus ihrem Versteck: daß sie ihn fortgetragen haben, daß er nie wiederkommt.

Da heult sie auf, wie eine Hündin, der man ihre Jungen genommen hat, wirft sich mit ihren zerschlagenen Gliedern platt auf die Erde, schlägt mit dem zerschundenen Kopf, mit den flachen Händen, wie alle exotischen Weiber tun, den Boden von Caserios stinkender Kneipe . . . wieder heult eine 191 Sirene vom Kühlwerk her schneidend hinein in ihr Jammergeschrei . . .

Dann, nach einer Weile, richtet sie sich auf, hockt auf dem Boden, hat die Knie an den schmächtigen Leib gezogen, ist zu Stein erstarrt, stiert vor sich hin mit großen, mit weit aufgerissenen Augen . . . bei Gott, keinem von denen, die den Mönch Joannes fortgetragen haben, wäre es gut, in diesem Augenblick sich dem kleinen, schwachen Geschöpf da zu nähern . . .

Und Morgenlicht kommt, enthüllt die nackten Obszönitäten des schmählichen Ortes, an dem sie nun alleine wacht: Unrat in den Winkeln; auf den Dielen die Kothaufen von Hunderten, die man hier tagelang eingesperrt hat; an den Wänden um schmierige Whiskyplakate die dunklen Bahnen klebrigen Fliegenkotes; mit roter Kreide geschmierte, maßlose Unanständigkeiten. Es ist ihr nicht gut, daß sie hier sitzt, an dem verlassenen Ort uralter Untaten: wieder beginnt das Hirn wirre Bilder vorzugaukeln . . . Fratzen mit massigen Kiefern und zerschlissener Wange starren von leeren Tischen sie an . . . Biskra fröstelt, Biskra springt auf, Biskra läuft hinaus. –

Noch ist es früh, noch ist es erste Schicht, die Scheinwerfer vor der großen Förderhalle balgen sich noch ab mit dem Morgen. Sie läuft die Steintreppen des alten Weinberges hinab. An den Wänden der morschen Winzerhäuschen prangen noch frisch die Kreideinschriften, mit denen man noch vor zwei Tagen sich hier oben gegenseitig ermuntert hat: Nieder mit Grant, nieder mit dem Krater . . . Was weiß die kleine Biskra überhaupt von Elihu Grant?

An den Villen der Ingenieure läuft sie vorüber . . . ein Kindchen weint sich in Schlaf, Läden sind herabgelassen, ein 192 über Nacht grauhaarig gewordenes Weib schlägt dort hinter den Jalousien den Kopf an die Eisenstäbe: was weiß Biskra von der verstörten Witwe des armen Tarbell, der so jämmerlich um Hilfe bettelte in seinem Schacht und so geduldig wartete und dann doch abgeschlossen wurde mit seinen siebenhundert Leuten, die die Sterbegebete sangen?

Was weiß sie denn überhaupt davon, daß zur Stunde schon das Schicksal selbst hinter ihr her ist, daß Elihu Grant hellsichtige, kleine Exotinnen sammeln kann, wie er alte, berühmte Violoncello sammelt und böhmische Rubingläser und spätägyptische Porträtbüsten, die er doch nie gesehen hat?

Sie weiß nichts davon, nichts von der großen, erwachenden Stadt, deren Sinn sie ja nie begriffen hat, läuft nun die breiten, gepflasterten Straßen entlang, die zur Unterstadt führen, begegnet ein paar Lastautomobilen, die mit verschlafener und fröstelnder Mannschaft vom Hafen heraufdonnern, läuft wie ein gehetztes Hündchen, fühlt, daß sie, die seit drei Tagen nichts gegessen hat, nun sehr matt ist, setzt sich ein Weilchen auf den Straßenbord.

Eine Arbeiterkolonne marschiert heran, aufrechte, riesige Amerikaner . . . richtige Kolosse, eine Garde ihres Standes, die nicht mit dem gemischten Pöbel von Unitrusttown zusammen gestreikt hat: Dampfschwaden aus den Pfeifen und ein Pfund Ochsenfleisch im Magen und fester Männerschritt . . . get up!

Und Biskra sieht sie kommen, dreht sich um, wendet sich, ohne es recht zu wissen, in eine gänzlich unbebaute, nur von Zäunen flankierte Gasse, läuft und läuft.

Einsam ist es hier, kein guter Ort eigentlich für ein junges Weib . . . der Mann dort, der mit einem Paartopf in der Hand ihr entgegenkommt, wird immerhin ein paar trockene Feigen für Biskra übrig haben! Sie spricht ihn an, sieht 193 unter einem schütteren, schmutzfarbenen Bart verfaulte Zahnstummel, die Tatze mit den abgebrochenen Nägeln wühlt in der Tasche, stopft ihr ein paar Maisbrotreste zu, greift im nächsten Augenblick in das schwarze Krollhaar des jungen Weibes, zerrt ihr den Kopf zurück, gurgelt sie an mit stöhnenden, gierigen Lauten, Pesthauch bläst sie an aus diesen trockenen, rissigen Lippen.

Wie eine wütende Katze wehrt sie sich, klettert hoch an ihm, schnappt um sich und erwischt seinen ekelhaften Finger mit den Zähnen, beißt zu, bis er aufbrüllt vor Schmerz und sie freigibt. Dann läuft sie fort.

Sie ist nicht weiter beeindruckt von dem, was ja in diesen einsamen Winkeln von Unitrusttown alle Weiber bedroht, sie keucht nur vor Anstrengung und Mattigkeit. Der Kopf schmerzt, die Wunde unter dem Haar brennt . . . es täte jetzt wohl sehr gut, sich irgendwo zu verkriechen, zu essen, zu schlafen: im Augenblick hat sie wirklich den Toten ganz und gar vergessen.

Aber dann läuft sie wieder durch bebaute Gassen . . . Slawen und eingeborene Welsche wohnen hier in Kaninchenställen. Noch ist die Arbeit nicht im Gang in Unitrusttown, noch hat man sich hier, nach dem Abenteuer in Eucalypto oben, nicht entschließen können, wieder einzufahren . . . hohläugige Weiber starren Biskra nach, Männer rekeln sich vor den Türen, reden aufeinander ein . . . Stille dann wieder . . . aus den geöffneten Fenstern irgendwo schallt der Lärm eines sich prügelnden Ehepaares in den Morgen.

Und dann wieder jagt mit hängenden Zitzen eine verhungerte Hündin an ihr vorüber, bettelt mit wirren Augen um das bißchen Fraß, das man selbst nicht hat. Und dann kommt man auf der Wanderung auf seinen brennenden Füßen wohl auch 194 an große, vergitterte Gärten, sieht, wie in seltsam gestreiften Kitteln ältliche Männer mit seltsam welker Haut und sturen Gesichtern umhergeführt werden in den Gartengängen . . . vor sich hinstieren, zitternd stehen bleiben, plötzlich zu greinen anfangen mit hilfloser, jämmerlicher Greisenstimme. Ja, kleine Biskra, es gibt unten im Krater allerlei Dinge, die stattlichen Mannsbildern für immer das Hirn vergiften können . . . Gase, die Höllenglut, die Ankerwickelmaschine System Bamford, was weiß ich . . . Es gibt Narrenhäuser in Unitrusttown, und am Ende würdest du hier auch den Mineur Chutberson aus Silk-Jonnys verschollener Sprengsektion wiederfinden, ihn, den gewesenen Preisboxer, der nun ein Tier geworden ist und unter sich läßt . . .

Sie starrt eine Weile durch das Gitter, fährt plötzlich zusammen, läuft zitternd weiter durch die erwachende Stadt.

Sie bemerkt es nicht, daß die kümmerlichen Menschen, denen sie hier begegnet, hinter ihr die Köpfe zusammenstecken, sie bemerkt es auch nicht, daß hier, wo der riesige Zirkel von Elevator-Street beginnt, wo ehrliche Viertel anfangen mit Hydranten und Asphalt . . . daß ein dicker Konstabler sich vergeblich bemüht, auf ihrer Spur zu bleiben. Ach, es gilt heute so viel zu sehen mit den fiebernden Augen. Hier zum Beispiel vor den riesigen Schlachthofanlagen von Unitrusttown die kleinen, braunweißen Kälbchen, die man in den Hof treiben will, und die nun urplötzlich die weißen Beine vor sich stemmen und keinen Schritt mehr weiter wollen . . . riesige, müde Lastpferde auch, die gestern noch pflichttreu ihren letzten Klepperdienst getan haben und nun am ersten arbeitsfreien Tage ihres Lebens zum Tode geführt werden . . . Bei Gott, kleine Biskra, wenn du sie anschaust, so wirst du sehen, daß sie große Tränen im Auge haben . . .

195 Es ist zu bemerken, daß bis hierher, seit sie Vater Caserios Kneipe verließ, keines der Bilder dieses Morgens in ihrem Hirn haften geblieben ist, daß sie nicht einmal an den Toten gedacht hat . . . nein, auch an ihn nicht. Aber nun geschieht es doch, daß sich alles Geschaute mit einem Male auf sie stürzt, daß das wilde Weh über den Strengen, den Guten mit einem Schlage wieder über sie kommt, daß sie die Arme hochhebt und dasteht mit einem einzigen, langgezogenen Weheschrei und in sich zusammensinkt.

Es geschieht wenige Augenblicke später, daß die Konstabler die verhungerte und zu Tode erschöpfte Biskra erreichen.

Wer kennt in diesem Winkel Biskra nicht . . . Biskra, die den Tod sieht, wenn er zu Häupten der Kranken steht? Es gibt Neugierige rund herum, als man sie aufhebt, es gibt Flüche und Steinwürfe, die den Konstablern gelten . . . Wer weiß, was Elihu Grant im Sinne hat mit ihr?

Aber da beugt sich über sie ein rundes, gutmütiges Gesicht, das sie doch schon einmal gesehen hat: »Nun so komm schon, Mütterchen, und leg' das da fort . . . sollst es später ja wieder haben . . .«

Und Friar Tobby, der auf Twos Befehl seit zwölf Stunden die ganze große Siedlung Unitrusttown nach Biskra durchstöbert hat, nimmt sie auf den Arm, und dann fegt der Wagen davon, hinunter auf Unitrustpalace zu.

Hilf Himmel, die Welt steht nun stille!

In Unitrustpalace, in dieser Hochburg des Puritanismus, um die in diesen der Katastrophe folgenden Wochen noch mancherlei Stürme brausen . . . in Unitrustpalace ist ein Weib, eine Farbige eingezogen!

Ja, in jenen Tagen nämlich, die dem Besuch des Mönches Joannes in Unitrustpalace gefolgt sind, ist eine ganze Kolonne 196 von Agenten mit Erhebungen über diesen Mönch, seinen Einfluß auf die Menge, über angebliche Wunder betraut worden, die man ihm geschwinde andichtet: Mein Gott, Elihu Grant ist alt geworden zwischen Kesselfeuern, Kreiselbohrern und Turbinen; weswegen also soll Elihu Grant nicht seinen okkultistischen Spleen haben?

In Elihu Grants Zimmer liegen, kaum daß der Leib dieses Mönches erkaltet ist, sein Rosenkranz, sein Brevier, weiß Gott nicht, was sonst noch . . . weswegen soll Elihu Grant nicht derartige Kuriositäten sammeln, wie er eine Zucht tropischer Giftschlangen, eine Monstreorgel, eine Violoncellosammlung hat?

Aber ein Weib in Unitrustpalace, eine Farbige noch dazu? Die Clerks, die grau und verwittert geworden sind mit diesem Riesenbau, stecken die Köpfe zusammen, wenn sie unten in den Gärten von Unitrustpalace mit ihrer Zofe diese braune Empress of India sehen, mit ihren Ohrringen, so groß, daß Elihu Grants Barsois bequem hindurchspringen könnten . . . die rotgoldenen Butler, die auf höheren Befehl für dieses Geschöpf eine ganz erlesene Zimmerflucht bereit halten müssen, sagen Pestilenz, Erdbeben, das Jüngste Gericht voraus, wenn die kleine Biskra durch die Korridore der Männerburg geht: Befehl Elihu Grants; man kann nicht an dagegen!

Es ist zu bemerken, daß Elihu Grant zunächst sich gar nicht kümmert um den schönen, bunten, wilden Vogel, den man ihm gefangen hat: Elihu Grant hat ganz andere, gleich zu erörternde Sorgen in diesen Wochen, Elihu Grant ist unsichtbar. Es gehen wunderliche Gerüchte um in den weiten Gängen von Unitrustpalace, sie schleichen wie Gespenster durch die Eisentüren sogar, sie passieren ungehindert die Wachen, die Geheimagenten, die Two verdoppelt hat seit der Katastrophe im 197 Kesselschacht »Washington« . . . Es bestehen wenig Gründe für die Annahme, daß Unitrustpalace ein anheimelnder Ort ist seither . . .

Was weiß die braune Biskra von Elihu Grant?

Hinter den Eisentüren des Turmes, die niemand passieren darf, soll ein alter, böser Mann wohnen – das ist alles, was man weiß! Man hält den schwarzen Leiblakaien Herkules, den man zuweilen sieht, für einen sehr wichtigen Fürsten, man hat dafür dem Doctor Schirwind, ohne daß er es ahnt, eine große Papierrosette an den Rock gezaubert . . . dort hinten, wo man sonst Kokarden und Embleme nicht zu tragen pflegt. Man hat geschlafen vor ungeheuerlicher Erschöpfung in den ersten Tagen, man hat alles Elend, alle Not, über die man so gellend dort in Elevator-Street geschrien hat, vergessen . . . es ist so, als ob man auch nichts mehr weiß von dem Strengen, dem Heiligen, den sie in Eucalypto erschlagen haben, nichts von dem steinernen Manne am Kreuz, der da sagte, man solle ihn erlösen im Himmel und auf Erden . . .

Nichts mehr davon, kleine Seherin . . . verwischt, vergessen . . . weiß Gott, wo alles geblieben ist!

Man schläft, liegt am Morgen wie eine fremde, eben aufgeblühte Blume in dem großen Bett, man jubelt beim Erwachen über den Sonnenschein, nimmt das Wohlleben, das man doch nie gekannt, schon wie eine Selbstverständlichkeit hin, schießt wie ein fröhliches Hündchen die Gänge entlang, läuft Schmetterlingen nach, treibt Unfug mit den Wasserkünsten im Park – ist nach all diesen Kindereien wieder das erblühte, junge Weib, ein prachtvolles, träges Tier der fernen Heimat, das wie eine Tigerkatze in der Sonne liegt . . . hat alles vergessen, alles, alles. Und dann plötzlich geschieht es, daß sie, die eben noch ein verspieltes Kind war, aufspringt, sich wie dort oben in Caserios Kneipe verkrampft zu einem Medusenbild, mit 198 zitternden Gliedern dasitzt: nun ist's kein Kind mehr, nun sind die Züge plötzlich gealtert, nun ist's eine schreckliche Sibylle, die ins Leere starrt mit Augen, die ein unsichtbares Grauen sehen!

Was ist mit Biskra?

Die Zofe, die ihr beigegeben ist, weiß es natürlich nicht; der Doctor Schirwind, dem man alles berichtet, hat ein fremdes Wort dafür und weiß es im übrigen auch nicht; Elihu Grant, dem man es pflichtgemäß meldet, hat offensichtlich an ganz andere Dinge zu denken; die Gärtner, die sie so versteinert dasitzen sehen, wagen nicht, sich ihr zu nähern, und bekreuzigen sich. Da löst sich plötzlich der Krampf, die Meduse wird wieder ein großes, spielendes Kind . . . alles ist vorüber.

Wochen geht es so . . . die Tage verfliegen, man lebt wie ein Tierchen des Paradieses, aus dem man gekommen ist . . . lebt, weiß nichts von jenen Stürmen, die durch die Welt brausen in diesen Tagen, von diesen Zyklonen, von denen gleich allerlei zu berichten sein wird.

Und dann kommt jener seltsame Tag, an dem in dem großen Mittelbau, eben in jenem Stein für Stein hierhertransportierten Florentiner Palast eine Kompagnie von Dienern in der mächtigen Flucht der einsamen Festsäle des Erdgeschosses die Vorhänge hochziehen, die eingesperrte Luft der vergangenen Jahrhunderte hinauslassen, die Bezüge von den Möbeln ziehen, die einmal in der Hofburg, im Petersburger Winterpalais, in Trianon gestanden haben . . . Ja, wo man einen jener großen Empfänge Elihu Grants vorbereitet, obwohl, wie gesagt, gerade jetzt sehr seltsame Gerüchte die verdoppelten Wachen auf den Gängen passieren, obwohl die Zeiten seit ein paar Wochen eigentlich nicht auf Feste gestimmt sind . . . oh, ganz und gar nicht!

Die Leute tun ihre Arbeit mit einer gewissen Scheu, sie bleiben gerne beisammen bei ihrer Arbeit, sie vermeiden es, 199 allein zu sein in den leeren Räumen. Es sind ja nüchterne Leute, mit Radiohörern auf den Ohren zur Welt gekommen und durchaus keine Gespensterseher . . . gewiß, aber alle diese Dinge ringsum sind so alt; vor diesen großen Tintorettos ist ein Kaiser ermordet worden, die Diwane wissen etwas von ungekannten Sünden . . . man stellt sich in später Nacht, wenn die paar Wachskerzen ertrinken in den ungeheuren Räumen, nicht gern vor Spiegel, die man reinigen muß, vor denen aber einmal eine geköpfte Königin von Frankreich gestanden haben soll . . . oh nein, man bittet Angelo, einem zu helfen dabei, und Wilkinson soll in Gottes und drei Teufels Namen noch ein paar Wachskerzen anzünden, wenn man sich in diesen Rumpelkammern schon einmal nicht auf die Institution des elektrischen Lichtes besonnen hat!

Es geschieht, daß an diesem unsäglich schwülen Abend, der nach Wochen unerhörter Dürre voll ist von üblen, aus den Spalten des geborstenen Bodens gestiegenen Dünsten – an diesem Abend, an dem man bis Unitrustpalace herauf die wilden Haßgesänge der noch immer streikenden Mineure hören kann . . . an diesem Abend also geschieht es, daß Biskra die schiefe Ebene herabkommt, die man für Elihu Grants Fahrstuhl gebaut hat. Nie ist sie in diesem Teil des Hauses gewesen, sie läuft neugierig den Lakaien nach, die eben die berühmten Tiepoloschen Gobelins vom Depot herbeischleppen, sieht hinten in der weit, weit sich erstreckenden Flucht der Säle im ungewissen Kerzenlicht die Figürchen der dort arbeitenden Leute, kommt näher, passiert den ersten, betritt den zweiten Saal mit den riesigen Pfeilerspiegeln, bleibt plötzlich stehen, wittert wie ein Tier in der Luft mit geblähten Nüstern, reißt weit die Augen auf, schreit gellend und läuft davon.

Sie läuft, galoppiert die schiefe Ebene hinauf, rennt im 200 Oberstock einen mit einem Aktenstoß und einem Bottich von Tinte beladenen Sekretär um, kümmert sich nicht im geringsten um alle diese Verwüstung, rast, noch immer mit gellenden Schreien, auf ihr Zimmer zu, stürzt auf ihre alte Negerzofe Marion, verbirgt sich, ein zitterndes Tier, in den Röcken der Alten.

»Ayasha... ah...« Sie hat das Englisch, das sie mit dem singenden Ton ihres Stammes spricht, als wäre sie eine kleine Gälin, gänzlich vergessen, sie hat nur diese leisen Jammerlaute ihres Volkes . . . nichts ist allen Fragen zum Trotz aus ihr herauszubringen von dem, was sie dort unten so erschreckt hat. Draußen singt und tobt es . . . wieder einmal zieht solch ein Zug von streikenden Desperados vorüber an Unitrustpalace . . . bis hierher hört man den Lärm, mit dem Twos Leute das alles auseinanderjagen. Das junge, zitternde Weib hat sich zu der alten, schwarzen Mutter geflüchtet, da liegt sie, aschgrau geworden, wie damals, als sie die Geier über dem Krater kreisen und Flammen und Rauch sah, liegt, birgt sich an dem großen Busen der Alten, scheint nun zu schlummern vor Erschöpfung.

Und die Alte steht behutsam auf, um draußen zu sagen, was sich hier begeben hat. Da aber der Schrecken nicht genug sind an diesem Abend, so ist plötzlich Lärm draußen auf dem Gange zu hören und Männerstimmen, und plötzlich schnellt Biskra auf wie eine Gerte, starrt nach der Tür. Und zuerst ist es ja nur der Doctor Schirwind, dem man eine Kokarde hinten auf den Rock gezaubert hat, und auch des Negers Herkules Stimme ist zu hören. Aber dann – abermals ist Biskra aschgrau geworden – dann kommt etwas Entsetzliches zur Tür herein . . . nein, nein, kein Mensch kommt so, auch wenn er im Stuhl gefahren wird . . . etwas Unförmliches quillt herein . . . es würde zu Gallerte zerfließen, wenn man es nur 201 anfaßte . . . es ist das Grauen, der Zauber, der große Schreck . . . An die Wand ist Biskra geflüchtet, preßt den binsenschlanken Leib dicht an die Mauer, streckt, als wenn sie gekreuzigt und an die Wand geheftet wäre mit unsichtbaren Nägeln, die Arme, die Hände mit den entsetzt gespreizten Fingern weit von sich . . .

Oh, es wird noch später von dem zu berichten sein, was Elihu Grant in dieser und gerade in dieser Stunde zum ersten Male zu dem schönen, wilden Vogel treibt, der in seinem Käfig sitzt . . . später, später! Da sitzt er, unförmlich dick geworden, wie er nun ist, unbeweglich in seinem Stuhl, der Kopf mit dem ungeheuerlich aufgeschwemmten Gesicht bleibt unbeweglich, die Stimme ist das einzig Menschliche an dem fleischernen Götzenbild: »Wo bist du?«

Biskra steht an der Wand, starrt die schreckliche Giftschlange an, blitzschnell vor Angst trampeln die zierlichen Füße.

»Hinaus alle!«

Der fleischerne Gott hat gesprochen, sie ist allein mit Elihu Grant.

»Komm her!«

Es gibt keine Widerrede für eine gefangene Sklavin; die Arme sinken herab, die Starre des Entsetzens löst sich, ganz demütig kommt sie heran mit geneigtem Haupt.

»Bist du schön?«

Biskra steht, schweigt.

»Hierher . . . ganz nah . . . nieder!«

Sie kniet vor dem Stuhl, sie atmet das scharfe Parfüm, mit dem man den Gelähmten stündlich überschüttet.

»Ich will sehen, daß du schön bist.«

Und nun, während ihr Herz in rasend wehen Schlägen geht wie bei einem kleinen Vogel, den man in der Faust hält, 202 nun kommen die Hände, große, entsetzlich weiche Hände, tasten über Biskras Gesicht, betasten Nase und Lippen, fahren durch das schwarze Krollhaar, tasten über den feinen Hals, wandern zurück zur Stirn, ruhen dort eine Weile . . . oh . . . oh . . . kalte, entsetzlich weiche Hände . . . Das ist das Entsetzlichste, daß diese Hände, während sie dort ruhen, Biskras junges, warmes Leben zu trinken scheinen . . . es ist ein Vampir, der ihr Leben an sich saugt!

Da ist, während der Schreckliche die Hände auf ihrem Fleisch ruhen läßt eine lange Weile, der Ekel da, die Wut, der Haß gegen einen, den sie doch zum ersten Male sieht in dieser Minute. Und nun geistern nicht mehr wirre Schemen durch ihr Hirn, nun sieht sie den Großen, den Strengen, den Gütigen, den dieser zu Tode hat schlagen lassen . . . sieht den Mann von Stein am Kreuz, sieht allen Jammer der Welt, den ihre Kinderaugen je gesehen . . . Icala . . . oh, dieser ist's, der alles zerschlagen und geschändet hat . . .

Und nun wird es sehr klar in ihrem Hirn, nun tastet sie heimlich unter das Kleid . . . das Messer, das Friar Tobby ihr fortgenommen und das sie sich dann doch wieder erbettelt hat, dieses untaugliche, kindische Messer!

Nein, es ist anders beschlossen: »Ja, du bist schön«, sagt Elihu Grant.

»Es ist gut,« sagt Elihu Grant, »du kannst wieder die andern rufen.«

Und Biskra, fassungslos, verwirrt und zerstört, ruft die andern. Die andern kommen, die andern gehen wieder mit Elihu Grant.

Und Biskra, geschändet, wie nie ein Weib vor ihr geschändet ward, liegt auf dem Boden, heult und zittert vor Wut und vor Scham. 203

 


 

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