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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 7
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zerrissen die Wolken . . . zum Teufel die Schemen!

An. zehnten Juli im Hochsommer des letzten Baujahres überreicht der Krateringenieur William J. Caralon vom Kesselschacht »Washington« den letzten Baurapport: »Monteurschichten achtzehn Stunden . . . Gesteinförderung zweihundertundzehn Kubikmeter . . . Maurerarbeiten bei Höhenmarke neunhundertundachtzehn . . . Kesselschacht ›Washington‹ in längstens zehn Tagen betriebsfertig. Der letzte Kesselschacht, der binnen zehn Tagen vollendet sein wird . . . Lawson legt den Rapport beiseite und lächelt.

Ein gleichgültiges Symbol schließlich, die Vollendung dieses letzten Schachtes, nichts weiter! Praktisch genommen ist ja die Station Unitrusttown längst fertig, in Bale und auf Korea ist der letzte Schacht vor vier Wochen schon in Betrieb genommen, Esmeralda und die Station Jan Juanito in Kalifornien werden in längstens zehn Monaten folgen. In dem Sonnenglast blitzen auf dem grauen Betongrunde des Kraters die Glaskuppeln der Schächte: jeder hat nun seinen Namen, jeder seine Geschichte . . . »Cromwell«, dieser zuerst vollendete, denkwürdige Schacht, in dem man damals vor Jahren so viele schlaflose Nächte durchwacht hat . . . »Swiftsure« hat mit seinen vier Monaten Bauzeit einen auf keiner anderen Station erreichten Rekord geschaffen . . . in Sektion VII »Whipping-Boy«, diesem Vater aller Sünde, in dessen verdammtem Basalt ein ganzes Arsenal von Bohrern zum Teufel gegangen ist . . . alle seit Jahr und Tag nun schon in Betrieb, in allen 153 seit Jahr und Tag das Summen der Turbinen, die die Räder der Weltwirtschaft treiben. Was tut es also zur Sache, wenn »Washington« am zwanzigsten Juli des sechsten Baujahres vollendet sein wird?

Und ringsum in der unbarmherzigen Sonne der Basilicata ein versteinerter Riesenschwamm, ein graues Korallenriff, grau in grau alles, wenn man von den mikroskopischen Flecken der Parks absieht, aus Eisenbeton gegossen der Exkrementhaufen eines vorsintflutlichen Giganten: das ist nun die Siedlung Unitrusttown.

Hilf Himmel, welche Stadt . . . nie sah trotz Babylon und London dieser teuflische Erdball solche Stadt! Ich will es ja niemandem zumuten, in diesen Bratenrosten von Straßen nach den ehemaligen Großbauern Marzabotto und Malphigi und ihren Wohnstätten zu fragen, die da unter einem Vergnügungspark mit Teufelsrädern und Loopings ertrunken sind . . . ach nein, wenn sie beide noch lebten, und wenn man ihnen begegnen würde, es würden eben dann zwei taubengraue Gentlemen im schönsten Cockney die Auskunft geben, daß sie seit tausend Jahren schon Englisch sprächen und seit dem sechsten Schöpfungstage Mister Malph und Mister Marzon geheißen hätten, certainly, Sir, good bye, Sir...

Und doch . . .

Kein »und doch«! Fertig ist Unitrusttown, fertig ist Bale . . . sie werden nach Anschauung aller Kompetenten ewig stehen. Im vierten Baujahre hat Unitrusttown die dritte Million erreicht . . . San Ginepro ist längst aufgefressen und liegt im Zentrum der ganzen Stadt . . . Tortoli selbst und Siliqua, von denen die ersten Kraterleute noch nicht einmal die Namen kannten, sind schon in die Vororte einbezogen. Ja, welche Stadt!

154 Unitrusttown und Bale . . . Beide sind sie angelegt nach dem gleichen Schema, Ipan und San Juanito und Esmeralda werden nur geringfügige Abweichungen zeigen. Da ist also den Kratern zunächst so ein ganzer weitläufiger Stadtteil mit Schmelztürmen und Martinwerken und Puddelöfen . . . gigantische Mannsbilder mit Muskelgebirgen auf den Armen bevölkern ihn: wir hier, wir sind das Erz, wir sind der Stahl, wir sind das Urmaterial, und wir selbst sind die Aristokratie, die Garde unter dem Proletariat von Unitrusttown . . .

Und weiter seewärts wandern Stahl und Eisen in andere Stadtteile; und hier kreischen die Walzwerke, hier schmiedet man Automobilrahmen und hämmert Platten und formt Nieten und dreht und gießt und gibt es weiter zu den Werken, die dann nur noch große Zusammensetzspiele sind für Lokomotiven und Rennwagen und Turbinen und Konzertflügel und Raubtierfallen und weiß der Teufel was alles, womit man oben in der Arktis den letzten Samojeden beglücken muß.

Nun, es ist ganz unausbleiblich, daß diese neuen Städte Elihu Grants sich in diesen Jahren zu den größten Industriezentren entwickeln, die je die Welt gesehen hat. Kraft, Material, Werke . . . alles liegt hier dicht beieinander, alles ist so rationell nebeneinander geschaltet, daß der Rationalismus beinahe zu den Schornsteinen hinausfährt . . . es ist sehr rasch einzusehen, daß man nur noch hier produzieren kann, wenn man auf dem Schlitten bleiben will.

Und siehe, wie ein Werk nach dem andern hierher wandert, und wie diese Städte hinaus in das weite Land wuchern wie bösartige Geschwulste, da veröden die großen, alten Siedlungen der Menschheit. Einer kommt nach dem anderen an die große Quelle der Kraft und der Macht, keiner kann sich ihnen 155 entziehen, den großen Fangarmen Elihu Grants: was soll man noch in New York oder in Pittsburg Schornsteine bauen, wo hier alles beieinander liegt und eine Hand der andern die Arbeit auf dem kürzesten Wege zureicht und keiner mehr ankann gegen die surrenden Räder von Unitrusttown und Bale?

Eine teuflische Stadt, beim Zeus! Es braucht der Leuchtfeuer nicht, die mit ihren Lichtarmen von den Spitzen der Riesenmolen über die See fegen: wie Riesenfanale brennen die Schmelzöfen in die Nacht, der blinde Gott, der unsichtbar in ihrem Zentrum thront, wird nachts in dieser Feuersäule, tagsüber aber in der tintenschwarzen Rauchwolke verehrt, die undurchdringlich für die Sonne über den Schloten liegt und die nur hin und wieder der Sirokko lüftet.

Und so wächst und wuchert es in die Seitentäler, kriecht die Gebirgshänge hinan, verschlingt das Land und saugt dem alten Europa die Kraft aus dem Leib. Denn hier, liebe Freunde, wo vorgestern noch Weideland war und gestern schon eine Kleinsiedlung von Hundebuden und Fußballplätzen und Lagerhalden und Eldorados für einsame, misanthropische Raubmörder, da stehen heute schon neue Zeilen von grämlichen Miethäusern mit greulich in den Fenstern sich prostituierenden Bettsäcken und einer Kinderschar, deren Gott der Konstabler an der Ecke ist, und verkümmerten Menschen, die die nächste Jutespinnerei betreuen und gestern doch noch in Finnmarken oben als rotbackige, winterfrische Mannsbilder auf Schneeschuhen hinter dem Wolf einher waren! So wächst es und schlägt seine trüben Wellen hinaus in das Land, schiebt sich vorwärts hinter einem Wall von Unrat und Tierkadavern, von Müll und Lustmordüberbleibseln, die man in ziemlich genau eingehaltenen Zeitabständen auf den Abfallplätzen der Stadt vorfindet und registriert und vergißt.

156 Oh, diese Menschen hecken, werden geboren und registriert für die Maschinenmoloche, spielen in ihrer Jugend auf den Müllhaufen der Hauskasernen mit Tuchfetzen und Kotballen, denen sie in jämmerlichen und deplacierten Muttertrieben nach berühmtem Schöpfermuster die Form von menschlichen Figuren, von erbärmlichen Puppen geben, treten mit vierzehn Jahren an zum Dienst bei der Ankerwickelmaschine System Bamford, zerfallen in Fußballmannschaften, in politische Parteien, deren Flaggen sie auf den Lenkstangen ihrer Velos hissen, werden an Sonntagen von einem gigantischen Schnellbetrieb an die See und zurückgekarrt, kommen, wenn sie den Gentleman Tod in der Nähe fühlen, plötzlich auf den Gedanken, daß etwas in ihrem Leben gefehlt hat . . . man weiß nur nicht, was . . . rotten sich zusammen in theosophischen, in gesundbetenden und spiritistischen Zirkeln, beschwören das Jenseits und freuen sich, wenn das Medium Lizzy einen Geist erscheinen läßt, der aus mit etwas Gänseschmalz bestrichener Watte besteht, bekommen Leberkrebs und verkalkte Hirnarterien, werden fabelhaft betreut in Elihu Grants Krankenhäusern, sterben, werden eingescharrt und nach sieben Jahren, weil die Lee Mitford Company eben den Platz braucht, wieder ausgegraben . . . halli und hallo!

Das, liebe Menschen, ist die Stadt. Was aber ist hinter der Stadt . . . dort draußen in dem Lande jenseits ihrer Mauern?

Dies ist das Schaurige und Schicksalhafte, daß kein Mensch mehr weiß, was dort draußen eigentlich geschieht. Da der Weizen und der Reis aus Indien kommen und die Konserven beinahe noch brüllen, wenn sie aus Argentinien und Packingtown ausgeladen werden auf den Kais von Unitrusttown – wer soll in Europa außerhalb dieser paar Riesensiedlungen noch ein armselig Land bestellen?

157 Dort draußen, dort ist für die Menschen von Unitrusttown eben die Oede, der Raum, der Verfall, die Barbarei, die Fußballosigkeit . . . mehr weiß man von dem Lande dort draußen nicht. In Frankreich, in Deutschland, in all diesen armseligen Provinzen sind die Gehöfte längst verfallen . . . man ist eben ausgewandert nach Unitrusttown, man schafft beim Krater in Ipan. Dann, wenn die letzten Menschen fort sind, schiebt sich das Heidekraut, das Gebüsch, der Wald heran, kommen Füchse, Wiesel, Wildkatzen wieder, erscheinen plötzlich wieder die Wölfe, die man vor zehn Jahren noch ausgerottet glaubte . . . die vier- und die zweibeinigen . . .

Bei Gott, es geht nicht immer mit rechten Dingen zu in dem verödeten Lande dort draußen! Die großen Gütertrains durchqueren zwar noch die einsamen Strecken, da aber niemand mehr die großen Räume zwischen den verbliebenen alten Siedlungen der europäischen Menschheit kontrolliert, so spukt dort alles herum, was sich in Elihu Grants großen Menschen- und Tierzirkus nicht hat einreihen lassen wollen. Man hört in Unitrusttown einmal, daß bei Orenburg der große Erztrain zum Entgleisen gebracht wurde . . . neuerdings ist wieder einmal die Bande des berüchtigten »Tschornej-Kapitan« aufgetaucht, um eine Ingenieurgesellschaft aufzuhängen, die im Ural nach Iridium gräbt . . . was aber geht das alles noch die Menschen in der Siedlung Unitrusttown an? Für den Notfall kann man ja die Riesenkräfte der Krater auf die Barbarei loslassen; man weiß, daß man nur einen Hebel umzulegen braucht, um in Tibet Wälder in Brand zu stecken . . . man sorgt am Abend auf den Baseballplätzen, daß man am nächsten Morgen frisch ist für Elihu Grants Maschinen, man erwartet gerade den großen Länderkampf Australien gegen Unitrusttown-Süd, William Stanton Bond spricht morgen in Pellham 158 Hall über Gebetsheilungen – was also geht einen der Troglodytismus der Provinz an?

Das, liebe Menschen, ist aus der Siedlung Unitrusttown geworden . . . da habt ihr sie! Aufgeschlagen für den letzten Akt ist die Bühne, die Figürchen mögen wieder erscheinen, wiederum singe ich mein Lied. Mein Lied, das doch am Ende ein fröhlich Lied ist vom nie versiegenden Leben und dem ewig neu gebärenden Schoße der Urmutter Erde! –

Was in Unitrusttown im Hochsommer des sechsten Baujahres sich ereignet, wird später nie recht geklärt. Spätere Experten behaupten, daß es bei dem Brande im Kesselschacht »Washington« sich um das simple Anbohren von unterirdischen Wasserbassins gehandelt habe, die dann unvermittelt auf heiße Gesteinsmassen gestoßen seien und im Augenblick den ganzen Schacht in einen gigantischen, unter hohem Druck stehenden Dampfkessel verwandelt hätten – eine Theorie, für die der Befund an manchen der elfhundert Toten spricht, denen die Katastrophe das Leben kostet.

Andererseits wird mit Recht auf die eigentümlichen, an den Wundrändern seltsam verfärbten Brandverletzungen hingewiesen, die den Schluß auf die Explosion eines mit unbekannten oder jedenfalls an dieser Stelle gänzlich unvermuteten Gasen angefüllten, unterirdischen Beckens, seine Entzündung beim Sprengen und seine Entfaltung zu der ungeheuren Stichflammenwirkung gestatten.

Geklärt wird das alles nie: wer so tief in der Erde wühlt, begegnet unbekannten und düsteren Göttern und muß es sich gefallen lassen, daß das Schicksal in seltsamer und unheimlicher Weise die Riesenschatten der späteren Ereignisse vorher an die Wand wirft . . .

Im einzelnen geschieht hier also folgendes: am siebzehnten 159 Juli morgens um drei Uhr, im allerersten Frühlicht steht vor der Polizeiwache in Alt-Eucalypto, die den Komplex der wenigen dort verbliebenen alten Kneipen aus der Urzeit des Ortes beherrscht, mit allen Zeichen des Entsetzens ein farbiges, junges Wesen: eben diese in mancher Beziehung noch zu erwähnende kleine Biskra, auch so eine Nachkommin eines dieser prachtvollen, im Laufe der fünf Baujahre von Elihu Grant unter die Erde beförderten Exotenstämme, deren nachgebliebene Weiber durch die schmierigen Gassen der Altstadt irren, als ewige Kinder, die sie sind, von irgendwelchen brutalen Burschen gefressen werden, ohne zu wissen, was sie eigentlich tun . . . verdorben eben samt ihrem ganzen Stamme, wie der Neger Herkules es gesagt hat . . .

Nun, was Klein-Biskra betrifft . . . Biskra ist nicht verdorben, Biskra nährt sich offenbar wie die Blumen ihrer Heimat vom Morgentau und Licht, liegt stundenlang, wenn Unitrusttown vom Schweiß dampft, auf den Rasen der Parks in der Sonne, läuft einem Schmetterling nach, wird von den Weibern gerufen, wenn die Männer krank liegen: Biskras Auge sieht mehr als anderer Augen . . . Biskra weiß, ob der Todesengel am Lager so eines Kranken steht . . .

Der Konstabler Tobias Redruht aus Cornwall, wegen seines strengen Standpunktes in allen Weibersachen »Friar Tobby« genannt, fährt bei dem Pochen aus dem Schlaf, öffnet mißmutig, sieht dieses kindlich kleine, kaum zum Weibe erblühte Geschöpf, sieht, daß ihr Gesicht, wie bei heftiger Gemütserschütterung das aller Farbigen, aschgrau geworden ist vor Schreck. Und Friar Tobby vergißt sofort alle Verbrummtheit, nimmt das zerbrechliche Wesen vorsichtig, als könne es wirklich in Stücke gehen in seinen großen Pfoten, an der Hand, zieht sie in seine Wachtstube hinein. Es ergibt sich, daß Biskra 160 am Westrande des Kraters, an der Peripherie von Alt-Eucalypto vorbeistreichend, zuerst einen gewaltigen Krähenschwarm gesehen, dann aber einen Knall gehört hat, von dem sie fast umgeworfen worden ist . . . oh, eine riesige Feuerflamme ist aufgezuckt aus dem Krater . . . menschliche Glieder sind im Flammenschein gen Himmel gefahren . . . Biskra ist davongelaufen . . .

Friar Tobby nimmt die kleine Biskra am Arm . . . seht einmal, so ist Friar Tobby beschaffen, daß er diese kleine Mohrenkönigin von Nubien und Aethiopien galant wie ein alter Großpapa durch Elevator-Street zum Krater führt: nun sieh mal, wirklich ist da ein riesiger Krähenschwarm zu sehen und zu hören . . . aber sieh, es ist doch kein Feuer da, es fliegen auch keine menschlichen Glieder umher, ganz schön und ruhig fahren die Förderkörbe den Hang hinauf . . . alles ist somit in Ordnung, kleines Niggermütterchen! Und Friar Tobby spricht noch eine Weile beruhigend ein auf die kleine Biskra. Das Mädchen, noch immer zitternd und weit die Augen öffnend, als sähe es immer noch ein großes Entsetzen, reißt sich los und läuft in den Frühmorgen hinaus.

Nun also, vier Stunden später gibt es wirklich diese furchtbare Detonation, und wirklich fahren im Flammenscheine menschliche Glieder gen Himmel . . .

* * *

Joannes, jener junge Mensch von adeliger Geburt, der vor Jahren die steinernen Heiligen von Eucalypto zu Grabe geleitet hat, tritt um diese gleiche frühmorgendliche Stunde den gewohnten Gang von dem hinter den Bergen gelegenen Kloster San Giorgio nach Unitrusttown an. Da das Kloster von 161 Elihu Grants Gnaden lebt, so haben diese jüngeren Brüder sich des großen Hauses angenommen, das Elihu Grant für die zahlreichen Blinden des Kraters, besonders aber für die Imbezillen, vor allem für die ebenso zahlreichen Aussätzigen dieses Völkergemisches angelegt hat: jeden Morgen macht sich dieser junge, glutäugige Mensch, der bei den Armen von Unitrusttown im Rufe der unbarmherzigen Selbstkasteiung und der Wundertätigkeit steht, auf den Weg, um vor einer Versammlung armer Larven ohne Nasen und Augen die Messe zu lesen.

Frühlicht ist's schon, als Joannes das häßliche Weichbild dieser Stadt erreicht: vereinzelt stehen Mietkasernen zuerst, schamlos ihre Brandmauern dem Blicke preisgebend, atrophische Gemüsefelder dazwischen, Fußballplätze, stumpfsinnige Vierecke der Kleingärten, endlose Perspektiven erster Reihenhäuser . . .

Und dann die Mauern mit den verblichenen Plakaten alkoholfreier Getränke, endlose Holzzäune mit maßlos vergrößerten Unanständigkeiten, die Berg- und Talbahn eines Vergnügungsparkes, häßlich und ganz sinnlos herausragend aus einer Gruppe verräucherter Pappeln, als erste Menschen zwei grölende Betrunkene, mit blaugeschlagenem Auge und schäbiger Perücke eine vom Dienst kommende, angejahrte Dirne. Im Sterben liegt ringsum die Natur, verwüstet Gottes grüner Garten . . .

Da kein Grimm in dem Herzen sein darf, das von Gott reden soll, so sucht Joannes nach dem Brevier, steigt lesend über Schuttplätze, die die große Stadt hier ablagert als ekelhaften Ringwall: verrostete Sprungfedern und Katzenkadaver, Zigarettenschachteln und verbeulte Grammophontrichter, Rübenstrünke und fortgeworfene Puppenbälge, die wie verkleinerte Lustmordleichen aussehen . . . verdorbener 162 Schund, Stoffwechselprodukte der Weltwirtschaft, Symbole eines hoffnungslosen Proletariats . . .

Wehe aber denen, denkt der Mönch, die den Menschen zum Proletarier machen . . .

Und wieder fühlt er diesen Grimm in der Brust, wieder beginnen mechanisch die Lippen ihr Spiel . . . Du Gebenedeiete unter den Weibern und gebenedeiet die Frucht deines Leibes . . . Ja sieh, plötzlich ist diese kleine, braune Biskra, die vor ihrem Entsetzen davongelaufen ist, bis hierher ins Weichbild dieser schrecklichen Stadt . . . plötzlich ist sie auf den heiligen Mann zugesprungen und hat ihm, wie es doch alle Weiber in der Stadt der Armen tun, die Hand geküßt.

Und wie er ein wenig linkisch, ein wenig verlegen vor dem Weibe da ihr diese Hand überläßt und seine Lippen noch immer den Gruß der großen himmlischen Frau murmeln – da eben geschieht es, daß dieser gewaltige Donner vom Himmel fällt und die Erde unter ihnen wankt, und daß sie von dem ungeheuren Luftdruck zur Seite geschleudert werden. Der Mönch, verstört und totenblaß, sucht sein Entsetzen abzuschütteln, rafft sich als erster auf, sieht als pechschwarzen Pilz eine gewaltige Wolke über dem Krater stehen, sieht, wie trotz des schon anbrechenden Tages ungeheuerliche Stichflammen diese Wolke erleuchten . . .

Und dann ist's totenstill für ein paar Sekunden ringsum, und dann stieben plötzlich in dieser Pause, in der das ganze große Herz der Welt stillezustehen scheint vor Entsetzen, ungeheure Wolken von Vögeln auf . . . hier und drüben sogar auf der anderen Seite des Kraters, schließen sich zusammen zu einem einzigen Ring, flattern um den Rauchpilz, der da wie eine Pinie über Unitrusttown steht . . . flattern und kreischen, wie noch nie ein Mensch hat Vögel kreischen hören . . .

163 Der Mönch, gebannt von Entsetzen, reißt sich los von dem zitternden Weib, der Mönch starrt auf diese Wolke und weiß, daß es nun etwas anderes gilt als Gebet und Mariengruß. Die Hand krampft sich zusammen, die Hand fährt nach dem Herzen . . . es ist ein Zufall, daß der Rosenkranz dabei zerreißt, daß die schwarzen Perlen in die Gosse kollern. Der Mönch, ein wenig lächerlich vielleicht in seinem langen, schwarzen Priesterrock, springt auf und rast durch die menschenleere Zeile auf die schwarze Wolke zu. –

Um diese Stunde geschieht es, daß ein Mann mit Namen Lawson, Chefkonstrukteur des Trusts und technischer Chef der Station Unitrusttown, aus dem kurzen Halbschlaf geweckt wird, der am frühen Morgen wie gewöhnlich gekommen ist mit der unsäglichen Uebermüdung, und den man längst angekleidet im Stuhle verbringt.

Es ist nicht jene Detonation, die um diese Stunde die ganze Stadt erschüttert und weiß Gott durch welche akustischen Merkwürdigkeiten dieses übermüdete Hirn nicht erreicht . . . nein, es ist das Telephon, das ihn alarmiert. Es ist ein Anruf aus dem Nordquadranten, wo man die letzten Abschnitte des Steilhanges ausbetoniert . . . Der Anruf besagt, daß im Kesselschachte »Washington« der Teufel los sei, daß aus dem Kesselschachte »Washington« Flammen und Rauch kämen, daß der ganze Kratergrund voller Rauch sei . . .

Da der Anruf nicht aus dem Schachte »Washington« selbst, sondern von einer über Tag arbeitenden benachbarten Bausektion kommt, so weiß Lawson sofort, was geschehen sein muß: im Kesselschachte »Washington« ist eine Explosion erfolgt, im Kesselschachte »Washington« muß alles tot sein!

Im gleichen Augenblick schrillt es von neuem . . . es ist Tarbell, der den Ausbau von »Washington« leitet und im 164 Schachte in hundertundfünfzig Metern Tiefe im Unterstande III von den Ereignissen überrascht ist. Tarbell meldet in der Tat, daß unten auf der Sohle eine große Explosion unbekannter Ursache stattgefunden habe, daß im übrigen er und die auf Unterstand III arbeitenden Maurer wohlbehalten seien, daß im übrigen . . .

Mitten im Satz bricht die Meldung ab.

Statt der Fortsetzung ruft es jetzt von zwei, von drei, von sieben Seiten . . . alles Anrufe aus dem Kratergrunde von den verschiedenen über Tage arbeitenden Bausektionen: ungeheure Rauchentwicklung aus »Washington« . . . zugehörige Förderanlage des Schachtes in Brand . . . weiteres Umsichgreifen des Feuers nur zu verhindern durch sofortiges Schließen des Schachtes »Washington« . . .

Alle Meldungen über Tage sagen das gleiche. »Den Schacht abschließen«, denkt Lawson und denkt im gleichen Augenblicke doch wieder an Tarbell, den er gestern unten am Badestrande mit seiner jungen Frau gesehen hat. Nichts mehr zu machen . . . Tarbell ist ja doch erledigt . . . rette gefälligst, was zu retten ist, Lawson! Als er eben den Befehl geben will, die Deckschotts des Schachtes »Washington« zu schließen, ruft es wieder, und wenn es nicht ein Geist ist, so ist es jedenfalls Tarbell, der wieder Verbindung bekommen hat: »Verlust auf der Schachtsohle auf zweihundert geschätzt . . . lebengebliebene Belegschaft mit Rauchmasken in Unterstand III in zweihundert Meter Schachttiefe vorläufig geborgen . . . Kühlung noch intakt, Luftführung aussetzend . . . leiden stark unter zunehmender Hitze und Rauch, Gefahr dringend . . . bitten um Hilfe . . .«

Gleichzeitig läßt die Hölle wieder einen ganzen Chor von Telephonstimmen auf Lawson los: wieder sind es die 165 Ingenieure von den über Tag arbeitenden Sektionen, die ein Absperren des Schachtes verlangen, wenn nicht alles zum Teufel gehen soll. Und Lawson springt an einen anderen Apparat, und Lawson preßt die Hörmuschel ans Ohr. Am anderen Ende des Drahtes sitzt ein alter, harter Mann namens Elihu Grant, den man, gelähmt wie er ist, in seinem Fahrstuhl an den Hörer gerollt hat: Kratergrund gefährdet, über Tag Werte von soundso viel Dollarmillionen in Gefahr . . . unten Tarbell mit siebenhundert italienischen Maurern eingesperrt . . . go on, Law, sperre gefälligst ab . . .

Lawsons Finger krampfen sich um den Hörer. Ein Hörer ist aus Hartgummi, man kann einen Hörer nicht zerdrücken. Lawson hängt ein.

* * *

Nach zehn Minuten steht er im Kratergrund. Versengte, die in den Bereich der Stichflamme geraten sind, und denen die Haut in Fetzen vom Leibe hängt . . . andere, denen der Shok im Leibe sitzt, und die mit irrsinnigem Lachen daherkommen . . . Bahren, unter deren Segeltuch solch ein bis auf die Knochen gebratener Menschenrest liegt . . . der gelbe, fette Qualm, der aus dem Hauptkamin der Hölle gekommen ist und das Gewimmel von Menschen umgibt mit einem zähen, bituminösen Brei . . . Aerzte, Träger, Feuerleute, Ingenieure . . . alle durch die Rauchmasken zu gespenstischen Rüsseltieren verunstaltet . . .

Und der Rauch wird dichter, und ab und zu geht drüben bei den Sprengdepots eine neue Stichflamme hoch, und Lawson steht bei dem Befehlstand der Bausektion XXXII, steht mit den Ingenieuren, die hier kommandieren, steht unter dem Trommelfeuer ihrer Vorwürfe: ja, zum Teufel, mag also 166 doch der ganze Krater verbrennen, wenn Lawson sich weigert, die Schotts von »Washington« schließen zu lassen . . . die Männer starren finster in den Rauch, in dem jetzt die Flammen eines neuerdings in Brand geratenen Kabellagers aufbrausen . . .

Und Lawson greift zum letzten Male nach dem Sprachrohr: »Ist Tarbell da?«

Die Stimme aus der Unterwelt meldet, daß Tarbell noch immer zuversichtlich und ganz geduldig auf Hilfe wartet in seinem brennenden Grab, daß sie sehr unter dem Rauch leiden, daß die Kühlung immerhin noch leidlich funktioniert, daß ein Teil der Leute bewußtlos sei. Zwischen Tarbells Worten hört Lawson ein seltsames Singen . . . Ja, nun unterscheidet er ganz deutlich die fremden Worte eines Chorals, eines Liedes . . . was, beim großen Gott, hat das zu bedeuten, Tarbell?

Und Tarbell gibt Auskunft: Sie singen, Law . . . es sind die italienischen Maurer, die ihre Totengebete, das Miserere singen . . . nicht war, Law, du wirst uns hier nicht umkommen lassen, Law?

»Wir holen dich, Tarbell.«

Und Lawson hängt ein, sieht auf den Brand, der jetzt die ganze Förderanlage frißt, wendet sich an den neben ihm stehenden Chef der Feuerleute: »Schließen Sie den Schacht ab.«

Der Mann geht. Der Krater ist gerettet.

Unten im feurigen Ofen singen siebenhundert Männer ihre Sterbegebete.

* * *

Der Mönch Joannes läuft inzwischen durch Elevator-Street, sieht am äußersten Ende der ungeheuer langen, öden Straße einen Menschenpfropf, sieht aus einer Seitengasse 167 allerlei Gefährte mit Löschmannschaften heranjagen . . . Rücken an Rücken sitzen die Leute mit starren Gesichtern, wie die Bleifiguren eines Spielzeuges . . . die Wagen preschen rücksichtslos gegen die Menschenmauer, die Mauer spaltet sich, schließt sich stumm hinter den Gefährten.

Herankommend sieht der Mönch sich einer soliden Wand von Menschen gegenüber, die hier, wo die unbekannte Straßenseite den Blick auf den Krater gestattet, mit finstern hoffnungslosen Gesichtern hinabstarren in die pechige Wolke, die dort unten alles verhüllt. Schlampige, grauhaarige Weiber in Nachtjacken . . . langgezogenes, trostloses Weinen . . . schweißiger Brodem, der aus den geöffneten Fenstern der Schlafräume kommt . . . in Hemdärmeln ausgemergelte Männer, halblaute Bemerkungen: Zanelli dabei . . . hinterläßt Säuferin mit sieben Kindern . . . Richards ebenfalls heute unten in »Washington« . . . nein, Richards liegt gottlob mit Hexenschuß im Bett, ist heute nicht eingefahren . . . vierhundert Tote mindestens; werden abrechnen mit Grant . . .

Halblaute Flüche, das Keifen eines Weibes, das in hysterisches Kreischen übergeht und in einem langgezogenen, eintönigen und gänzlich hündischen Heulen erstirbt . . .

Vorwärts also mit dir, Joannes!

Die Menge steht stur und starr, man muß bitten, man muß seine Arme gebrauchen, um diese Mauer zu teilen. Die Menge, aufgerüttelt durch den ungewöhnlichen Anblick des priesterlichen Kleides, erwacht aus ihrer Lethargie: »Was der wohl will?« und dann ein unnennbares Scheltwort aus Weibermund, das hinter ihm hergellt, und dann ein Fauststoß, von hinten geführt: »Nichtstuer . . . Tagedieb . . .«

Ein zweiter Stoß läßt ihn ein paar Schritte vornübertaumeln; da man gleichzeitig auf sein Gewand tritt, fällt er 168 gänzlich um, liegt am Boden, wird sofort niedergehalten von hundert Händen: »Blutfresser . . . Hurentreiber . . . bezahlt von Grant . . .«

Faustschläge, Fußtritte . . . eine Megäre, die sich niederbeugt, ihm ins Gesicht speit . . . das Bild des Dornengekrönten, das plötzlich auftaucht vor den Augen . . .

Da Christus augenblicklich schwächer ist als der natürliche, männliche Grimm, so reißt er sich hoch, schlägt um sich, entkommt schließlich mit zerschundenem Gesicht und zerrissenem Rock. Steine sausen hinter ihm her . . . Ja, irgendwann hat er einmal gehört, daß dieses feudale Kloster, dessen Gewand er trägt, von der Milde dieses Elihu Grant lebe . . . sehr begreiflich, die Wut der Leute. Wieder das Bild des Großen, Sanften, der alles mit königlicher Milde ertrug . . . der Mönch weint vor Wut und Scham, als er weiterläuft . . .

In zehn Minuten ist er am Ziele, man bittet ihn, den Ueberlebenden geistlichen Beistand zu leisten bei der Besichtigung der Toten. Ein Sicherheitsmann geleitet ihn an Ort und Stelle: ein großer Lagerschuppen, von einem Eisengitter umgeben, vor dem Gitter die Menge, Gesichter gegen die Stäbe gepreßt . . . hinter diesem Gitter mit ihrer heiseren Stimme die Ingenieure, die die Aufgabe haben, die Weiber vor dem Gitter zu beruhigen: »Zweihundert höchstens tot . . . alle von der Montagesektion . . . bei den Bauschichten niemand verletzt . . .«

Die Menge murrt. Im Schacht oben bei den Maurerschichten alles geborgen, wo der ganze Schacht brennt? »Schwindel . . . Unsinn!« Paarweise läßt man die Weiber zu den Toten.

Ja dort in der Halle mit ihrem Dunst von gebratenem Fleisch, da laden nun die Träger ihre Lasten auf den Boden, 169 ziehen das Segeltuch fort: da liegen nun die Männer, die gestern einen Mund küssen, um ein Weib sich raufen konnten . . . liegen die Beschützer, die heute in der Nacht fortgegangen sind in frischer Männlichkeit, liegen sie, sind arme Mumien geworden mit leeren Augenhöhlen . . . kein Mund mehr zum Küssen . . . keine Hand mehr zum Liebkosen, zum Mißhandeln . . . arme, verbrannte Skelette . . .

Da gehen die Weiber die Reihen entlang, tasten hastig nach den Erkennungsmarken, nach den paar Habseligkeiten, die man neben jeden gelegt hat: er ist es, ohne Zweifel ist er's . . . Was aber hat das hier mit dem zu tun, der heute früh gegangen ist?

Stumm stehen die Weiber, zucken die Achseln, starren wieder, starren mit großen, mit brennenden, mit gänzlich trocknen Augen . . . erbarme dich, großer Gott – wenn sie doch wenigstens weinen wollten!

Und eine Stimme draußen krächzt immer wieder, daß höchstens zweihundert tot seien, daß in den Maurerschichten von »Washington« niemand . . .

Der Mönch Joannes geht von einer zur andern, hält ihr in seiner Not das Bild des Gekreuzigten hin: »Auferwecken wird ihn der Herr am Jüngsten Tage . . .«

Nicht wahr, Joannes . . . brauchst es ihm nur zu bestellen, deinem Gott . . . sofort wird Gott sie auferwecken! Siehe, ein Weib ist da, eine alte Megäre, steht vor den Leichen der beiden Söhne . . . mag er ihr nur kommen, dieser Pfaffe mit seinem Gott, der die verbrannten Knochen da wieder wird zu blühenden Menschen machen am Jüngsten Tag . . .

»Der Herr wird sie auferwecken!«

Da geschieht es, daß das Weib, das böse, alte Weib nach dem metallenen Kruzifixus greift, die Kette zerreißt, das 170 Messingkreuz zu Boden schleudert, herumtrampelt auf dem Gekreuzigten: »Verflucht sei er, dein Gott . . . selber schläft er, dein Gott . . .«

Durch den Raum gellt die Stimme, der Konstabler kommt gelaufen, sie alle, diese vergrämten, erbitterten Weiber umringen die Alte, sehen auf den Mönch.

Nieder beugt sich der Mönch zu dem Weib: »So schreie und klage, Menschenmutter, daß Gott wieder erwacht.«

Das Weib, das böse, alte Weib sieht den Mönch ungläubig an, sinkt zusammen . . . kläglich verzieht sich der alte Mund . . . seht, plötzlich beginnt sie bitterlich zu weinen um ihre Toten.

Der Mönch sieht sich um, sieht sie plötzlich allesamt knien ringsum in der weiten Halle, weiß nun, was er ihnen zu sagen hat: »Tot ist Gott . . . die eure Söhne gemordet haben, sie haben auch Gott gemordet. Unter die Erde verbannt ist Gott . . . Euch, die ihr selbst verbannt seid unter die Erde . . . euch wird er begegnen, den Unterirdischen!«

Die Menge zuckt zusammen, die Menge beginnt schreiend zu schluchzen . . . nun gibt es keinen mehr, der nicht kniet: seht, arme Sklaven, Fußballspieler, Nietenhämmerer, der Seele beraubt von den Eisenautomaten . . . seht, auch wir werden ihn schmecken, den Tod, dem wir heute entgangen sind . . . wie aber soll es sein, daß wir sterben können, ohne Sinn und ohne Seele?

Am Boden liegen die Weiber . . . ach, früh gealterte Weiber, zu deren grauen, dünnen Haaren das Kind auf den Armen nicht passen will . . . Mütter, denen man den Sohn verbrannte, weil man dieses Loch in die Erde grub . . . ach, glaubte nicht jede, als sie ihn einst trug, sie würde von neuem den Gottessohn gebären?

171 Der Mönch hört das Schluchzen, der Mönch schließt die Augen, sieht einen auf sich zukommen . . . wieder so einen Zimmermannssohn, solch einen Kreuzträger: Joanne... iterum eo crucifigi... Ja, wiederum gehe ich, mich kreuzigen zu lassen . . .

Der Mönch fühlt, wie es ihn zu tragen beginnt: nun spricht er nicht mehr zu diesen Jammernden in einer Halle, nun ist es die ganze Menschheit, zu der er spricht . . . die Menschheit, die nicht mehr weiß, wofür sie lebt und leidet und stirbt . . . die jammernde Kreatur, die ganze geschändete Schöpfung. Und nun ist es geschehen, daß er einem der knienden Weiber das Kind genommen hat, nun hält er's hoch empor auf den Armen: »Gott ist tot . . . wehe denen, die ihn getötet haben. Gott lebt . . . gegrüßet seist du, Menschenweib, das von neuem ihn gebären wird . . .«

Seht, da liegen sie zu seinen Füßen . . . Eisendreher, Arbeitskrüppel, Kinobesucher, gewohnt, acht Stunden zu arbeiten und acht Stunden Baseball zu spielen und Magazine zu lesen . . . zu schlafen, eine neue Generation von Baseballspielern und Magazinlesern zu zeugen . . . plötzlich sollen sie nun an Gott glauben!

Da steht dieser Mönch . . . ach, er ist ja nur ein exaltierter Fanatiker, er wird wohl sehen, was er anrichtet, wenn er diesen Sturm heraufbeschwört!

Da ist, mitten in dem Schluchzen der Weiber, plötzlich Lärm da draußen . . . die monotone Stimme, die da immer wiederholte, daß alles lebe in den Maurerschichten, bricht plötzlich ab, mitten im Satz. Und der Lärm kommt näher, und der Lärm rüttelt an den Türen; die Wachtmänner, die in der Halle patrouillieren, sind plötzlich verschwunden. Auf fliegen die Türen, herein bricht die Flut . . . Menschen mit 172 versengten Haaren und geschwärzten Gesichtern, rasende Menschen, die den Tod der Gefährten gesehen, die Sterbelieder der Eingeschlossenen gehört haben . . . Werkmeister, Kesselmonteure, Maurer . . . Weiße, Neger . . . alle geeint von heulender Todesangst und Erbitterung: »Tausend tot . . . Schotts abgesperrt . . . siebenhundert noch werden unten gebraten . . . siebenhundert singen Totenlieder . . . siebenhundert klopfen an die Eisentüren . . . laßt uns hinaus . . .«

Die Welt steht stille einen Augenblick, die Welt heult auf: »Abrechnen mit Grant . . . zur Hölle mit Cancer . . .«

Der Mönch, auf die Schultern gehoben, wird zur Halle hinausgetragen, er weiß nicht, wer ihm dieses Messer da in die Hand gedrückt hat: »Geh du mit uns . . . rechne du ab für uns mit Cancer . . .«

Der Mönch, der eben von Gott gesprochen hat, geht an der Spitze eines Zuges von Irrsinnigen, die unterwegs Zäune niederrennen, einen Schuppen in Brand stecken, Leitungsmaste umstürzen, ein paar unvorsichtige Ingenieure halb zu Tode prügeln.

Dort, wo Pellham-Street sich senkt gegen Unitrustpalace, biegt ein Teil in den kohlenbeschotterten Weg, der die große Förderhalle mit den technischen Bureaus verbindet . . . man hat dort in der Sackgasse der kleinen, verräucherten Villen jemanden gesehen, den man jetzt gerade dringend zu sprechen wünscht.

»Haltet Lawson . . . schlagt Lawson tot!«

Lawson sieht sich plötzlich umringt, an den Zaun gedrängt. Er sieht Gesichter, die nichts Menschliches mehr haben, sieht Messer in den Fäusten, sieht, lang wie er ist, daß drüben auf dem gegenüberliegenden Zaun ein großes Plakat für 173 Kaugummi »King Edward« angebracht ist. King Edward ist darauf in eigener Person abgebildet; man sieht, daß King Edward ein schöner Mann ist mit Kinnbart und gut gebürstetem schwarzen Rock von fabelhaftem Schnitt . . .

Lawson, der müde, unsäglich traurige Lawson, muß plötzlich lächeln. Da er als Brite zu sterben weiß, als die Megäre . . . dieselbe, die vorhin so bitterlich geweint hat . . . ihm das Messer in die Brust stößt, da er nichts mehr gehofft hat und mithin auch nichts Wesentliches mehr fürchtet, so behält sein Gesicht dieses bitterliche, traurige Lächeln auch im Todeskampf.

Dann freilich wird es marmorn und streng.

Oben in der verlassenen Halle liegen die Toten, die ebensowenig wissen, wofür sie gestorben sind.

* * *

Dafür liegt oben in dem Turmzimmer von Unitrustpalace in seinem Stuhle ein gelähmter, blinder Mann, der durchaus weiß, was er zu tun hat. One, der Sekretär, ist da, und Two, der Polizeichef, der seine Agenten überall in der Stadt an jeder Ecke stehen hat . . . auch unter den Meuterern, versteht sich . . . und von hier aus die Sicherung von Unitrustpalace leitet. Und beide Männer berichten, und Elihu Grant liegt unbeweglich in seinem Sessel: Tausend Mann Verluste vielleicht . . . dafür hat der Krater auch bisher in allen Jahren ungewöhnlich wenig Menschen gefressen . . . Dinge, die nun einmal unvermeidlich sind!

Lawson, gewiß . . . bedauerlich sein Tod . . . immerhin, Lawson hat seine Aufgabe gelöst, war verbraucht . . . Lawson wird ersetzt werden . . . weiter!

174 Ein paar Materialschäden unten auf der Kratersohle, ein paar Schuppen, die der Pöbel angezündet hat . . . gut, sie mögen kommen, Two: Unitrustpalace ist gesichert, im übrigen wird man vernünftigerweise sich erst einmal ordentlich austoben lassen . . . dann wird man sie, wenn sie müde sind, in die Altstadt Eucalypto treiben. Da man ihnen dort das Wasser absperren wird, so werden sie kapitulieren nach drei Tagen . . . man wird ihnen Lohnerhöhungen geben, die Toten begraben, die Schäden reparieren . . . alles wird in Ordnung sein . . . gut, im übrigen will Elihu Grant noch einmal von diesem merkwürdigen Mönch, von seiner Predigt da oben in der Totenhalle hören.

Und während die Telephonscheiben aufleuchten, während die Meldungen von den Sicherheitsposten einlaufen, dreht Elihu Grant die Importe zwischen den Zähnen: Mönch . . . religiöser Fanatiker . . . wird wohl ein Hellseher, Gesundbeter, Spiritist sein, Two . . . gibt derlei, Two . . . höchst interessant . . . mußt ihn zum Vortrag bestellen, mein Junge . . .

Um fünf Uhr prasseln bei dem Hohlweg, dort wo die Baumruinen des versengten Waldes noch immer zu sehen sind, ein paar Schüsse, fünf Minuten später ist der Haufe vor den Portalen von Unitrustpalace angelangt. Unitrustpalace starrt von Waffen, Unitrustpalace erwidert trotzdem auf höhere Anordnung nicht eine einzige dieser albernen Knallereien . . . Wait and see, wir wissen, wer recht behält!

Und siehe, nachdem das erste Gebrüll abgeprallt ist von den niedergelassenen Eisentüren, werden drüben weiße Tücher geschwenkt . . . man will also verhandeln! Ja, mit Vergnügen . . . in Unitrustpalace liegt niemandem daran, auf Leute zu schießen, die ein wenig aufgeregt sind, die man aber doch im übrigen zu schätzen weiß.

175 Der Mönch Joannes, er allein auf Elihu Grants Wunsch, wird eingelassen. Der Mönch, dem dieses Haus bisher unbekannt gewesen ist, der nie Zeit hatte, auf die Legende von Unitrustpalace zu hören, wird durch die Gänge mit diesen Bewaffneten entlanggeführt . . . Augenbinde auf, Augenbinde ab, Schotts heben sich und schließen sich wieder geräuschlos hinter ihm, ohne daß eine menschliche Hand sichtbar wäre . . . wie sehr muß der verfolgt sein von Menschenhaß, der in solchem Hause wohnt!

Der Mönch steht schließlich vor einem sehr fetten, blassen Mann, der seinen Rollstuhl ausfüllt wie ein Baal. Der Neger hinter dem Stuhl, der einzige Mensch, den Elihu Grant im Zimmer gelassen hat, ist am Ende auch nur ein Steinbild . . .

Und große, blaue Augen starren in das Zimmer, suchen den Mönch, ohne ihn zu finden. Der Mönch, der nicht weiß, daß der Baal blind ist, schaudert vor dem großen, leeren Blick. Da steht er nun, weiß nicht, wie er's beginnen soll.

»Komm nahe heran,« sagt der Baal.

Der Mönch kommt, fühlt, wie weiche, weiße Hände sein Gesicht betasten . . . Elihu Grant weiß nun, wie dieser Joannes aussieht.

»Gelobt sei Jesus Christus.« Der Mönch, an die Klostergeste nur gewöhnt, weiß kein anderes Wort zu sagen.

»Gut,« sagt Elihu Grant, »es ist freundlich von dir, daß du gekommen bist . . . Du hast Wünsche zu überbringen?«

»Die Toten,« sagt Joannes, » . . . oben liegen die Toten, klagen dich an . . .«

»Werden nicht mehr lebendig,« sagt Elihu Grant.

»Die im Schacht . . . die andern . . . pochen an die Eisentüren, die du versperrst . . .«

»Sind längst tot.«

176 Da faßt den andern, der diesen Zynismus der Sachlichkeit nicht kennt, der Zorn: »Der Unfriede bist du . . . bist es, der Gottes Welt zerstört . . . hassest die Schönheit, hassest die Liebe . . . verkriechst dich hinter Eisentüren, bist unnatürlich in deiner Macht . . .«

Elihu Grant wartete geduldig, bis der andere sich ermüdet hat.

»Du bist ein Sozialist?« fragt freundlich Elihu Grant.

Der Mönch, geschlagen von dieser unfaßbaren Frage, schweigt.

»Ich habe die Macht,« sagt leise Elihu Grant, »ich bin der Wille, ich bin der Mittelpunkt, ich bin das, woran die Welt glaubt . . . woran soll sie glauben, wenn nicht an mich?«

»Christus,« schreit fassungslos der Mönch, . . . »Jesus Christus . . .!«

»Ist vor zweitausend Jahren als Verbrecher gestorben, mein Junge!«

Da verläßt den andern die letzte Besinnung: »Ja, du bist Satan . . . bist Baal, der gerichtet ist!«

Und nun tastet er, der linkische, junge Priester wirklich nach dem Messer, das man ihm zugesteckt hat, sieht hinter dem Rollstuhl des andern diesen unbeweglichen Neger, sieht nur, wie dieses weiße Tierauge jede seiner Bewegungen verfolgt, verbirgt die Hand mit dem elenden Messer verlegen hinter seinem Rücken, steht nun doch vor dem Manne im Rollstuhl, bleibt verwirrt stehen: weshalb flieht der andere nicht? Weswegen rührt sich nicht der Neger? Weswegen geschieht nichts? Um Gottes willen, was ist dies für ein Spuk, daß nichts geschieht?

Nein, es geschieht nichts, außer daß der Blinde die Unruhe des Negers hinter sich bemerkt.

177 »Was tut der Mönch, Herkules?«

»Hat ein Messer in der Hand.«

»Weshalb wehrst du dich nicht?« stammelt der Mönch.

»Sehe dich nicht, bin blind.«

»Weshalb fliehst du nicht?«

»Kann nicht fliehen, bin gelähmt.«

»Der andere . . . weswegen hilft er dir nicht?«

»Darf sich nicht rühren . . . ohne meinen Willen.«

Der Mönch steht starr. Blind und gelähmt ist der Mann, der die Welt beherrscht, ein Ohnmächtiger zieht die Menschen auf, wie Marionetten!

»Weshalb stichst du nicht zu?« fragt Elihu Grant.

Der Mönch schweigt stille.

»Du mußt nun wieder gehen,« sagt Elihu Grant ruhig und beinahe sanft.

»Gott sei dir gnädig,« sagt der Mönch und weiß nicht, was er sagt.

Dann geht er, zerbrochen von Entsetzen und Grauen.

* * *

Drei Tage rast der Pöbel in Unitrusttown, drei Tage tobt er sich aus nach Herzenslust. »Schlagt die Maschinen zusammen . . .«

Ja, zuerst ist es dieser Schrei . . . ein Urlaut, das Gebrüll einer lange gehegten und bisher gar nicht einmal geahnten Wut . . . endlich, endlich abzurechnen mit den eisernen Quälgeistern!

Man schlägt mit Äxten auf Dynamowicklungen ein, man kappt die Seile der Förderwagen, lacht ein tausendstimmiges, 178 besoffenes Lachen, wenn die schweren Maschinen die Kraterhänge hinabsausen, beim ersten Weichenwechsel sich überschlagen und verschwinden in dieser stinkenden Brandwolke, die noch immer die Tiefe verhüllt. Und dann alle diese Kühlmaschinen, die man sprengt, die Pumpen, die man sorgfältig mit Schmirgelsand verpackt, in den Laboratorien die feinen Meßinstrumente, die man kurz und klein hackt, daß es aussieht, als hätte ein Ungeheuer sie zerkaut und wieder ausgespien . . . endlich die Abrechnung, die Befreiung von jahrelangem, geheimem Groll . . .

Der Mönch Joannes: wer denkt noch inmitten dieser heillosen Orgie an ihn, der sich irgendwo verkrochen, den doch eigentlich niemand ernst genommen hat . . . Ja, weiß Gott, wo er geblieben ist . . .

Drei Tage verwüstet man die Wohnungen der Ingenieure, tut sich gütlich an den Vorräten ihres Kasinos, zerstört in Down-Town sämtliche Tingeltangel, behängt sich, betrunken wie man ist, mit allem phantastischen Zeug, das man dort findet, wirft schließlich alles – Hausrat, Seidenröcke, Akten, Rauchmasken, zerbrochene Weinflaschen auf die Straße, überflutet zum Schluß, indem man ein paar Hydranten zerstört, die Unterstadt, verbrennt schließlich unter festlichen und freundlichen Ansprachen eine Strohpuppe, die Elihu Grant darstellen soll.

Wer denkt noch an den Mönch, wer an seine Predigt?

Drei Tage sehen Twos Konstabler den Dingen untätig zu . . . freundlich und vorsorglich stehen sie da, wie ein Wachtmann der Londoner City, wenn ein unbeschwerter Landmann nach Fenchurch-Street fragt . . . es fehlt nachgerade noch, daß sie dem Pöbel bereitwilligst Auskunft erteilen: »Die Werkzeugdepots? Bitte rechts, Washington Square! Alhambra 179 Theater? Pelham Road, Down-Town. Und die Dirnenlisten, die Erkennungsakten, die Mappen mit den Fingerabdrücken, die Instrumente des Bertillon-Dienstes . . . bitte, da wir Duplikate haben, nur freundlichst zuzulangen . . . das Sheriffamt kennt jeder . . . bitte, sich nur gehörig auszutoben!«

Verboten sind nur die Zugänge zum Krater, wo die Ingenieure, wenn man von dem völlig ausbrennenden Schachte »Washington« absieht, des Feuers schon am vierten Tage Herr sind – verboten sind ferner die Wege, die auf Unitrustpalace zuführen. Höfliche, bis an die Zähne bewaffnete Prätorianer stehen dort wie Bildsäulen – man hat schließlich auch Amüsanteres zu tun, als dort unten Elihu Grant zu ärgern!

Am fünften Tage aber kommt Leben in diese bewaffneten Standbilder. Am Morgen dieses Tages sieht der Pöbel, der bisher alleiniger Herr der ganzen Oberstadt gewesen ist, ihre Posten noch bei Tiffany-Road, wo die technischen Bureaus liegen; am Mittag wehren sie plötzlich sehr energisch den Zutritt zu den Sprengdepots . . . Ja, zum Teufel, wo man sich schon so auf ein allerliebstes Feuerwerk gefreut hatte. Am Abend stehen sieben solcher Bleisoldaten da, wo am Morgen nur einer gestanden hatte: ohne daß sie es recht weiß, wie es geschieht, sieht sich die Menge am Abend des gleichen Tages in den engen, am Fuße der ehemaligen Weinberge wagrecht führenden Gassen der Altstadt zusammengepfercht, gibt dem Drucke nach, beginnt langsam die Geröllpfade der verlassenen Höhen hinanzusteigen. Weshalb soll man sich's hier nicht gutgehen lassen?

Man lagert sich also – zwanzig verschiedene Rassen, Eisendreher, Mineure, Elektriker, Strolche, Dirnen, 180 entsprungenes Gesindel – zwischen den paar verfallenen Osterien, die dort oben die Erinnerung an Alt-Eucalypto wahren: ganz lustig solch ein Biwakleben zur Abwechslung, nicht wahr?

Ein Gewitter, das in dieser ersten Nacht niedergeht, dämpft die Begeisterung für die Rückkehr zur Natur schon erheblich. Der Teufel hole die nassen Kleider, der Teufel hole die Weiber, die einem mit ihrem Geplärre in den Ohren liegen, er hole vor allem diesen elenden Mönch, der allein die Schuld daran trägt, daß man sich hier befindet, und der sich da nun ganz oben im Berg in der Schenke des Caserio mit allerlei Gesindel verkrochen haben soll!

Und wenn es noch in der Nacht zuviel Wasser gegeben hat, so gibt es am folgenden Tage schon zu wenig: sieh mal, nun geben die Hydranten plötzlich kein Wasser, Cancer hat sie natürlich sperren lassen . . . der Teufel hole diese Leute Twos, die einen hier einsperren, die jenseitige Straßenmauer besetzt halten, einem um die Ohren knallen, sowie man den Hang der Weinberge verläßt . . . den Mönch hole der Teufel, der alles dies verschuldet hat, ja ihn vor allen anderen Übeln der Welt!

Man ist nüchtern geworden an diesem Tage, und man wird, je höher die Sonne steigt, immer nüchterner, je weniger das bißchen trüben Wassers wird, das man in den alten Zisternen vorfindet. Und je höher die Sonne steigt, desto näher kommt einem noch etwas anderes: seht, dort unten im Krater haben sie nun endlich den ausgebrannten Schacht »Washington« geöffnet . . . nun finden sie dort unten die Toten, finden hinter den Eisenschotts Tarbell mit den anderen, die sich allesamt schon gerettet glaubten . . . miserere, erbarme dich, Herr . . . ach nein, nun ist es ja schon ganz stille geworden da unten.

Und nun trägt man sie dort unten heraus, und bis 181 hierher, bis zu den in Eucalypto Eingeschlossenen schleicht sich durch die windstille Glut des Tages der süßliche Duft, und bis hierher hört man den Vogelschwarm krächzen, der über dem Totenschacht kreist . . . oh, seht nur, nicht Unglücksdohlen sind es jetzt, nun sind es fremde, rosafarbene Geier mit ekelhaft nackten Hälsen . . . nein, nie hat ein Mensch diese eklen Gespenster über Unitrusttown gesehen!

Und bis hierher hört man das Hämmern der Särge, die man rasch zusammenschlägt an diesem Abend, und von hier, von den zerbröckelnden Mauern der Weinberge sieht man in der Nacht beim Schein der Bogenlampen dort unten seltsame Gerüste anwachsen, sich aufrecken im Nu: »Puh,« sagt Elihu Grant . . . steht am nächsten Tag ein nagelneuer Leichenofen da . . . transportables System Klingenstjerna für Massenbetrieb . . . Ja seht einmal, überall schafft Elihu Grant Rekorde: in der Zahl der Opfer und in der Schnelligkeit ihrer Beseitigung . . .

Und der dritte Tag dieser Gefangenschaft kommt, die Sonne brennt, die Sonne wirft die Schatten so kurz, so kurz, daß man sie gar nicht mehr sehen kann. Und die Zisternen sind nun leer, und die Brüste der säugenden Weiber sind schlaff, und verdurstende Kinder weinen ein langgezogenes, klägliches, leises Weinen, vor dem man sich die Ohren zuhalten muß. Und drüben bei dem großen Hydranten am Fuß des Berges amüsiert sich so ein Konstabler Twos, indem er den Filzhelm volllaufen läßt voll klarem, hellem Wasser bis zum Rande und ihn ausgießt vor den Augen der Verdurstenden: seht mal, so viel Wasser gibt es auf der Welt . . . gelt, schönes, helles Wasser?

Der Elektriker Blaire, der das nicht mit ansehen kann, läuft, brüllend vor Durst, auf den Mann zu, nun ist er bei 182 ihm, nun ist er ihm an den Hals gefahren, nun fallen sie beide um im Ringen; und dann gibt es Blitz und Knall dort drüben, und nun liegt der arme, kleine Blaire schon seit ein paar Stunden da unten in der Sonne – seht einmal –, daß schon die Fliegen um ihn summen . . .

Am Abend stehen sie, deklassierte Proletarier, eng aneinandergepreßt auf der Mauer, schauen hinab: nun tragen sie die Särge da drüben vorüber . . . hundert Särge . . . fünfhundert . . . nun hört man das Psalmodieren der Priester, nun rauchen sie, Elihu Grants Menschenöfen. Nun schieben sie die toten Brüder da hinein wie frische Brote, nun gaffen sie hier oben und weinen vor Wut und vor Scham, daß sie doch nur ein Nichts sind . . . arme Hasen vor der großen Front der Weltwirtschaft!

An diesem Abend erscheint in Twos Auftrag mit einem weißen Taschentuch auf der gegenüberliegenden Mauer der Polizeikapitän Jackson, der nämliche, der vor Jahren auf Anordnung des Doctor Schirwind die Büffel von Eucalypto ausgerottet hat: aussichtsloser Widerstand . . . nutzloses Leiden der Weiber . . . bitten, Vernunft anzunehmen . . .

Die erbitterten Männer auf der Mauer stieren nur auf den Leichenofen da drüben, sehen die lange Zeile von Elevator-Street den gigantischen Kreis des Kraters ummessen, sehen die Hasenställe, in denen sie gehaust haben: Schicht machen, essen, schlafen, Kinodramen sehen, Fußballspiel, todmüde ins Bett fallen, wieder zur Schicht . . . nein, sie finden den Weg nun nicht mehr zurück dorthin, und der gute, alte Jackson muß sich, kaum daß er gesprochen hat, vor ihren Steinwürfen hinter die Mauer retirieren.

Und die Männer sitzen in dieser Nacht und stieren finster in die Feuer und hören das Jammern der Weiber und wissen 183 selbst nicht, weswegen sie ihn nicht mehr zurückfinden, den Weg in das kleine, handliche Leben von früher. »Wo ist er, der Mönch?«

In dieser Nacht nun geschieht es, daß der Mineur Jacquelin, früher Nummer I bei dem Sprengbohrer von Silk-Jonnys Sektion, wütend über die Moskitos, die ihn nicht schlafen lassen, wütend darüber, daß Laurent neben ihm so laut schnarcht, wütend eigentlich über die gesamte Schöpfung mit seiner eigenen Ausnahme . . . Ja, da geschieht es also, daß dieser Jacquelin sich hinaufschleicht in die obersten Steigergänge bis zu der verrufenen, alten Weinkneipe, die dort einmal der Schankwirt Caserio betrieben hat.

Und Jacquelin pirscht sich heran, und Jacquelin preßt die Belleviller Stumpfnase gegen die Scheiben. Seht einmal . . . hier also ist er zu finden, der fortgelaufene Mönch Joannes, in diesem schmierigen Beisel . . . dieses braune Frauenzimmer zu seinen Füßen, ringsum diese Blinden und Aussätzigen und Krüppel, vor denen er bislang die Messe gelesen hat . . . angenehme Gesellschaft für einen ehemaligen Mönch von San Giorgio!

Und Jacquelin schleicht sich zur Tür und lauscht. Seht einmal, so steht es also mit diesem Joannes: er selbst sei nichts, aber hinter ihm, da komme einer, der sei stärker als er! Und nun gar diese allerliebste Geschichte aus dem Evangelium . . . Weib, aufgegriffen im Ehebruch, Christus, mit dem Stabe im Sande Figuren zeichnend . . . gehe und sündige hinfort nicht mehr . . . Jacquelin, der fortgelaufene, ehemalige Ministrant von Saint-Sulpice, kennt sehr wohl diese unanständigen Geschichten, über die die Priester in den Sakristeien bisweilen obszöne Witze machten! Und Jacquelin schleicht sich zurück und erzählt das Haarsträubende, das er da gesehen hat, 184 den andern, den Verzweifelten, den Rabiaten, die um diese Stunde nicht von Christus, sondern nur von Wasser hören wollen, und wie man da wieder den Weg zurückfinden könnte in die Stadt hinunter . . .

Und plötzlich weiß es auch der Sanfteste unter diesen armen Eingesperrten, wer schuld ist an allem, und plötzlich schreien sie aus allen Winkeln dieses nächtlichen Lagers auf, die Verwünschungen gegen den Mönch: »Mag er uns Wasser zaubern, wenn er sich auf du und du steht mit seinem Jesus . . . Schlagt ihn tot, den Mönch, her mit ihm!«

Auf den Beinen ist plötzlich alles, rennt den Zickzackweg hinauf, bewaffnet sich mit alten Rebenlatten und Steinen, umringt die alte, morsche Kneipe, ist nun doch plötzlich unschlüssig geworden, pirscht sich vorsichtig heran, lugt durch die Scheiben und lauscht.

»Als Jesus durch die Wüste ging, lief ihn ein Hund an, der war verstoßen von seinem Herrn und hungrig und wütend, und räudig war er auch. Da sprang er Christus an und biß nach des Erlösers Hand. Lachte Jesus und sprach: ›Ach du Dummer, Grimmiger.‹ Und strich den Hund. Da war er sanft. Und kroch unter des Herrn Rock, ging mit ihm durch die Welt . . .«

Bei Gott, da sitzt also Joannes und erzählt, während unten alle verdursten, sanfte Geschichten . . . einer erlesenen Gesellschaft erzählt er sie: da ist dieses kleine Niggerweib, das ja jeder kennt in Unitrusttown . . . Bettler, die ehemaligen Kneipengäste des Vaters Caserio . . . Benetti, der vor drei Jahren den Schachtmeister Farfadet im Streite erstochen hat . . . die entkommenen Insassen dann von Elihu Grants Leprosenhaus, allerliebste Fratzen ohne Nasen und mit verschwollenen Augen . . . das ganze Gelichter zusammengedrängt 185 in dieser Kneipe, die vor zehn Jahren in Eucalypto schon verrufen war, lange ehe es einen Krater und eine Siedlung Unitrusttown gab.

»Und der Herr nannte seinen Hund ›Surab‹, und Surab heißt der Aussätzige und der, den niemand mag. Und Christus ging und Christus litt, und als sie ihn fingen in Gethsemane, saß Surab vor ihm und bellte und biß nach den Häschern . . .«

Die Menge draußen starrt, weiß nicht, was sie anfangen soll damit, die Männer drehen die Mützen in der Hand. Und Jacquelin läuft vergebens umher und fragt, ob man vielleicht deswegen Wasser in den Leib bekäme, he? Nein, niemand hört im Augenblick auf Jacquelin.

»Und alle gingen fort von ihm, und nun gab es keine Apostel mehr und keine Schmerzensmutter, und der Herr war ganz allein und litt. Und Surab saß und heulte, saß zu seinen Füßen, leckte von den lieben Wunden das Blut und heulte.«

»Willst zu saufen haben, Lindgren . . . hast Durst, Lindgren?«

»Sprach zuletzt der Herr: ›Komm mit mir, mein Räudiger.‹ Und mit dem Herrn zusammen starb der räudige Surab.«

»Tritt die Tür ein, Lindgren . . . hau zu.«

Ja, da haben wir, da alle die übrigen verlegen und stille geworden sind, unseren Lindgren aus Südschweden . . . Lindgren, der stark wie ein Ochs und dumm wie ein Schuhnagel ist, Lindgren, der einfach tut, was ihm mit dem nötigen Nachdruck klargemacht wird . . . eine führerlose Schnellzuglokomotive könnte man ebenso anhalten wie den Nieter Lindgren, wenn er erst einmal in Bewegung gesetzt ist.

Und nun hat Jacquelin es erreicht, und da die Türe sich als fest und stark erweist, so tritt der lange Lindgren sie 186 ein mit einem einzigen Fußtritt; und nun ist es geschehen, und da nun einer vorangegangen ist, so drängt alles nach, und da erscheint plötzlich diese ganze heulende Gesellschaft mit dem dummen Riesen an der Spitze in Caserios Trattoria.

»Hau zu, Lindgren . . .«

Auseinander stiebt plötzlich die kleine Gemeinde, jammernd in den Ecken drängen sich diese armseligen Trottel und Fratzen und Ohnenasen, denen doch kein Mensch etwas tun wird. Benetti allein ist vor den Mönch gesprungen . . . nein, es ist unklug von Benetti, mit Lindgren aus Gotland anzubinden . . . seinen Fausthieb hat Benetti, liegt am Boden, Blut fließt über die Steine.

Und da es nun geschehen ist, und da man sich seines Elends wieder besinnt, und da vor allem nun einmal Blut fließt, so heult die Menge auf . . . Kinder dursten, alle verkommen . . . vorwärts Lindgren, auf den Mönch . . .

Aber siehe, wie sich Lindgren eben Joannes nähert, der sich in diesem Augenblick über den daliegenden Benetti beugt, da ist es diese kleine Biskra, die den Schweden anspringt . . . seht, wie ein Tier klettert sie empor an dem Goliath, krallt sich fest an ihm, beißt und kratzt, Blut fließt über Lindgrens Gesicht. Der Schwede, aufschnaubend vor Wut und Schmerz, schüttelt sich, im weiten Bogen fliegt sie zur Erde, schlägt im Fallen hart auf mit dem Kopf . . . seht, mit dem Stiefel tritt der Gotländer nach ihr in seiner Wut . . . Als klägliches Bündel liegt Klein-Biskra hilflos auf den Steinen . . .

Eine Sekunde nur hat das gedauert, blitzschnell geht das alles. Und nun, wie sich der Schwede dem Mönch nähert, der sich da eben erst aufgerichtet hat, nun schweigt alles ringsum . . . totenstill ist es wie vor einem Blitzschlag. Die 187 Männer starren, die Weiber von hinten recken sich, um besser sehen zu können, und gaffen. Der Mönch, der jetzt erst begriffen zu haben scheint, was das alles zu bedeuten hat und wie es gekommen ist, steht stille da, sieht den Nieter Lindgren auf sich zukommen – nein, nun ist er nicht mehr der Eiferer, der Prophet mit den glühenden Augen – ganz stille ist sein Antlitz, und es scheint fast, als lächle er ein wenig in einer stummen, großen Trauer.

»Auf den Schädel, Lindgren . . .«

Da ist es schon geschehen, und da hat er schon seinen Schlag, diesen Metzgerhieb mit der schweren Latte, die Lindgren aus der zertrümmerten Tür gebrochen hat, sinkt blitzschnell zusammen, liegt. Und plötzlich ist es, als sei jetzt erst die Menge aufgewacht aus ihrer Erstarrung, und plötzlich tobt es mit Schreien, die nichts Menschliches mehr haben . . . ein einziges Gebrüll, mit dem man seiner Spannung, seiner Verzweiflung, seiner Erbitterung Luft macht.

Und nun ist es geschehen, und nun durchstöbert man wohl noch gemeinsam diese schmierige Kneipe, treibt mit ein paar Steinwürfen die Krüppel und Blinden, die sich jammernd vor dem Hause zusammendrängen, in die Weinberge hinauf.

Dann sieht man sich ratlos um auf dem Kampfplatze . . . Jetzt erst kommt es einem recht zum Bewußtsein, was hier geschehen ist, als man den Toten sich ansieht. Man dreht ihn um und um, gafft ihm ins Gesicht, erinnert sich, daß es gut sein könnte, nicht allzulange mehr hier zu bleiben.

Einzeln und ein wenig kleinlaut stiehlt man sich die Stiege hinunter: nun gut, man ist aus einem Fieber erwacht, man hat das beseitigt, was einen so außer Rand und Band gebracht hat . . . man kann wieder daran denken, ein ordentlicher Mensch zu werden.

188 Es geschieht noch in dieser Nacht, daß man Jacquelin, der sich dazu erbietet, hinüberschickt zu dem Offizier, der drüben die Wache hat. Und Jacquelin kommt rascher zurück, als man sich's dachte, er bringt mehr, als man zu hoffen gewagt hat: höhere Löhne, die man bietet, besseren Schutz, Versorgung der Witwen, weiß Gott, was nicht noch alles.

In den ersten Morgenstunden, die dieser Nacht folgen, hat auch der letzte den Weinberg verlassen mit dumpfem Hirn und mit dem Gefühl, geradeaus in den Leichenofen System Klingenstjerna zu marschieren . . . aber doch mit der dunklen Hoffnung, wieder ein ordentlicher Mensch zu werden.

Es geschieht an diesem nämlichen Morgen, daß der Kapitän Jackson, der sich nun den Schauplatz dieser seltsamen Belagerung ansieht, ganz oben in der Trattoria Caserio den verwundeten Benetti und den toten Mönch Joannes findet, der einmal die steinernen Heiligen von Eucalypto zur Erde bestattet hat.

Und der alte Krieger sieht lange in dies unaussprechlich traurige, magere Antlitz, das nun ganz jung und knabenhaft ist.

Es liegt wohl an der Nachdenklichkeit des alten Jackson, daß man die kleine Biskra, die sich wie ein wundes Tierchen verkrochen hat hinter Vater Caserios ehemaligen Schanktisch, gänzlich übersieht. 189

 


 

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