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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 6
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drei Kesselschächte . . . zwanzig, dreißig Schächte! Hat man beim dritten die technische Erfahrung gewonnen, so stürmt beim vierten die Arbeit im dreifachen Tempo voran!

Nun laufen in Japan und in Bale auf Sumatra längst die ersten Turbinen, nun hat man hier in Unitrusttown schon genug Energie . . . nicht nur, um einen armseligen Waldstreifen zu verbrennen: nein, bis über das Gebirge, in die Campagna hinein reichen nun schon die unsichtbaren Arme der Sender, heute schon könnte man mit ihrer Kraft die ewige Stadt samt Kathedralen, Kardinälen, nebst Heiligen, Sündern und dem Nachfolger Christi vom Erdboden fortblasen, wenn es Elihu Grant gefiele, den großen Hebel umzulegen . . .

Gemach, Elihu Grant hat ganz andere Ziele!

Agenten sind gekommen, Agenten belagern die Bureaus von Unitrustpalace, Agenten der Industrien, die sich um das große Kraftzentrum von Unitrusttown sammeln . . . von den Schmelzöfen des Stahltrusts bis zu Fabriken für Geduldspiele, Abendmahlgeräte und Taschenkompasse findet sich alles ein, was von den Titanenkräften des Kraters einen Motor treiben lassen will.

Und der Trust säuft Gold: vor Jahren, ganz im stillen hat Grant den letzten Quadratmeter hier aufkaufen lassen . . . nun, es war ja kein Kunststück damals, die vom Uebersee-Export bedrängten Bauern zu Hörigen zu machen. Nun aber werden die dürren Eselswiesen mit Dollarscheinen ausgelegt, nun fließen die Goldströme zurück aus den Tresors der 129 Broadwaybanken, nun ist mit der technischen auch die finanzielle Krise überwunden.

Und wieder stehen da draußen in den Karsthängen des Gebirges auf den armseligen Äckern der letzten Bauern die bunten Meßstangen der Geometer, nach allen Richtungen wuchern ins Land hinaus die neuen Siedlungen, fix und fertig aus dem Hirn der Architekten geboren, mit Kirchen, Werken, Kinderhorten und Bumskneipen. Hier bauen Fowlers in Zukunft die Riesenmaschinen, mit denen sie die Kultivierung Afrikas in Angriff nehmen werden; mit fünfzigtausend Arbeitern zieht der Lokomotivkönig Hower über den Ozean; die Oneida-Aviatic-Company findet sich ein, und wenn das so weiter geht, so wird in einem einzigen Jahre die Basilicata, in der einst die lächerlichen Reiterheere dieser Staufer herumklirrten, überzogen sein mit einem Sediment von Beton, Asphalt und Puritanismus . . .

Lawson aber inspiziert inzwischen die Station Bale auf Sumatra.

Es ist jährliche große Revision, vor der fünftausend Beamte zittern, bei der zwei Monstre-Unterschlagungen ans Licht kommen, ein paar Mummelgreise und Hohlköpfe fliegen, unter den jüngeren Werkmeistern ein neuer Arbeitsnapoleon entdeckt und befördert wird.

Kesselschächte inspiziert, Turbinenanlagen im Betriebe besichtigt . . . man stöbert noch in ein paar Nebenbetrieben herum und hat nachher noch mit Hoogstraaten und den Chefingenieuren zu dinieren. Und Lawson schleudert durch die Elektriker-Werkstätten, spricht mit ein paar britischen und japanischen Volontären, die so tüchtig sind, daß ein Knallgasgebläse von Energie und Wissen und Trefflichkeit aus ihnen hervorzischt, wenn man sie nur anschaut . . . Ja, schließlich ist 130 Lawson in den Saal der neuen Ankerwicklungsmaschine System Bamford gekommen.

Abspulende Kabelrollen, eine messerscharfe Führungsrinne, das langsame Rotieren der Anker, der Draht endlich, der hin und her wandert . . . her und hin den ganzen Tag von einem Ende des Eisenkernes zum andern: der ganze Saal ist voll von diesen Automaten, der Mensch, der vor jedem steht, hat nichts zu tun als den Draht hin und her zu begleiten mit seinem Auge und auf etwaige Hemmungen zu achten.

Und dann, während Lawson mit dem kleinen, jodoformfarbigen Tonkinesen spricht, der hier die Oberaufsicht hat, schrillt es in einer Saalecke Alarm, man ruft in dreiundzwanzig Sprachen durcheinander, im Galopp läuft die Sanitätswache durch die Kolonnen der unentwegt weiterarbeitenden Maschinen.

Was ist?

Ach, irgendein Arbeiter hat seinen Arm in die Führungsrinne seiner Maschine gesteckt; mutwillig, wie man Lawson berichtet – seltsamerweise soll das oft vorkommen in diesem Saale.

Und Lawson steht vor einem baumlangen Russen, der seinen zerfetzten Vorderarm ohne die Miene zu verziehen dem Heilgehilfen hinhält. Es ist alles da, was hierhergehört: eine schneeweiße amerikanische Schwester mit der schrillen Stimme einer Steppenstute, ein wundervoller Verbandkasten, ein japanischer Arzt, an dem jeder Kleiderknopf von Wissenschaft und Fortschritt zeugt, die Spritze, die man eben für die Tetanusinjektion ansetzt – gleichmütig sieht der Russe auf das Gewirr zerrissener Sehnen da an seinem Arm.

»Du hast das mutwillig getan? Warum?«

Der Mann wirft einen finstern Blick auf die Maschine nebenan: »Hier geht es hin . . . dort geht es hin . . . siehst 131 du, Herr, immer geht es hin und her, den ganzen Tag und jede Stunde und jede Minute . . . selbst wirst du so ein Stück Eisen, das hin und her geht . . . verlierst deine Seele dabei . . .«

»Wie, mein Junge . . weswegen verlierst du deine Seele dabei?«

Ein tödlich-feindseliger Blick trifft Lawson: »Nun ja, verlierst deine Seele dabei. Konnt' es nicht mehr ertragen, habe ein Ende gemacht. Verlierst deine Seele dabei.«

Mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen. Und Lawson geht in das Hotel zurück. –

Es ist schon spät geworden, und das abendliche Gewitter steht schon drüben über dem Festlande; malaiische Fischerboote mit übergroßem Bastsegel balgen sich ab mit dem Monsun, die Motorbarkassen der Europäer bringen diese armen, anämischen, weißen Weiber, die das Klima nicht vertragen, hinaus aus der Höllenglut des Tages aufs Meer in das bißchen Kühle der Abendbrise. Und blutrote Plakate an den Ecken rufen in zehn Sprachen zu einem Arbeitermeeting in die Altstadt hinauf nach Sirak, und gigantische Chinesen schütten hier am Hafen einen neuen Damm und tragen singend nach Asiatenbrauch die Erdlasten in Körben auf dem Kopfe, und der Schachtmeister berichtet dem fragenden Lawson, daß man ihnen wohl Schubkarren angeschafft habe, daß sie da aber eben die ganzen Karren samt der Erde auf dem Schädel getragen hätten, da es nun einmal seit Jahrtausenden so chinesische Sitte sei, daß man Lasten auf dem Kopfe befördere . . . Jawohl, Herr, merkwürdiges Land, seltsame Leute, diese China-Nigger . . .

Und Lawson steht wieder in seinem puritanischen Hotelzimmer und überlegt, was noch zu tun übrig ist für diesen Tag: erstens, mit Cliffax, dem Elektrikerchef von Palembang, 132 den Kraftlinienplan besprechen – Zusammenwirken der beiden asiatischen Stationen mit dem Stromsystem von Unitrusttown, höchst diffizile und heikle Fragen, für die man sich einen Plan mit schönen roten und grünen Kraftlinien mitgebracht hat; zweitens, sich zum Diner umziehen und mit der Gentry der Station speisen; drittens und viertens schlafen, wenn man schlafen könnte . . .

Er durchwühlt die Koffer nach dem Plan: verwünschte Unordnung, in der man nichts finden kann . . . hm ja, merkwürdiger Kerl, dieser Russe mit seiner verlorenen Seele, als ob Elihu Grant für solche Angelegenheiten nicht auf jeder Station schöne, nagelneue Kirchen gebaut hätte!

Er sucht wieder, er kann im Augenblick den Plan nicht finden, er ist müde von diesem höllenheißen Tage, setzt sich nieder mit einer Zigarette, schläft ein wenig ein, erwacht wieder, reißt sich die Kleider vom Leib, bestellt ein eisgekühltes Bad, fühlt sich ein wenig erfrischt. Draußen geht nun wirklich schon die Abendbrise, draußen setzt die Korsomusik ein, die große Parfümflasche Asiens schickt eine Wolke von Gerüchen zu Lawson herüber . . . Pfeffer und Heliotrop und Rauch von fernen, in den Vorstädten brennenden Feuern, die man mit getrocknetem Dünger heizt. Der Teufel hole diese Koffer, in denen man sich heute nicht zurechtfindet, der Teufel hole für heute Cliffax samt seinen Kraftlinien, der Teufel hole dreifach dieses Diner! Und Lawson fühlt, daß er für heute fertig ist mit der Station Bale und allem, was mit dem Krater zusammenhängt, und Lawson läßt Hoogstraaten bestellen, daß er erst später nach Tisch kommen werde. Good bye, far well, Lawson ist ein freier Mann heute abend . . .

Ja, wohin?

Ohne die Direktive des weißen Herrn trabt der Rikscha durch 133 das Europäerviertel, das Hoogstraaten für die weißen Arbeiter angelegt hat: angenehme Einheitssteinkasten mit Einheitsbalkonen und Einheitspalmen sogar in den Vorgärten – blutrot leuchten auch hier die Plakate für das Meeting in Sirak von den Ecken.

Merkwürdiger Kerl, dieser Russe von vorhin, merkwürdiges Unterfangen . . . Ja, da hat man schon die Grenze des Chinesenviertels passiert; und ohne zu wissen warum, entläßt Lawson den Rikscha, wandert weiter zwischen den vom Trust aus der Erde gestampften, kobaltblauen und kanariengelben Mietkasernen. In Sakkoanzügen und kirschroten Lackschuhen promenieren gelbe Dandys und spielen Europa und finden sich durchaus unwiderstehlich. Neunhundert Grammophone kreischen in offenen Fenstern. Und Antennen haben sie nun auch schon und einen asphaltierten Korso, und zum Schluß haben sie dann doch das alles: Häuser, Asphalt und Hoogstraatens moderne Arbeiterhygiene, mit ihrem chinesischen Urdreck überzogen, und aus den verschmierten Löchern rechts und links lugen die Totenköpfe dieser gelben Weiber hervor – hol's der Teufel, daß alle diese Mongolen doch eigentlich wie Henker aussehen!

Und Lawson geht . . . geht durch Wolken von zweifelhaften Gerüchen und durch ein Sediment quäkender Chinesenjugend, die auf dem Asphalt mit toten Ratten spielt, kommt in Gassen mit niederen Holzhäusern, weicht einer Kette amerikanischer Matrosen aus, die Arm in Arm und mit genügender Alkoholladung die Straße entlanggrölen, fühlt sich den höhnischen Blicken irgendeiner chinesischen Schönheit ausgesetzt, die in der Sänfte vorübergetragen wird, sieht ein ältliches, weißes Weib, das halbnackt vor einer Hundebude hockt und Kußhände zu ein paar schwarzen Trimmern hinüberwirft, streicht vorbei an Bambusgittern, hinter denen, wie kleine, bunte Vögel, Japanerinnen 134 zwitschern: »Come into, come into, we give you fine pleasure...«

Plötzlich konstatiert Lawson, daß dieses Viertel keine Promenade für einen älteren Herrn von gemessenen Grundsätzen ist, fühlt, daß es unerträglich schwül ist in diesem Brodem, biegt stracks in den Hafen ab.

Dunkel ist es nun schon geworden, im Schein der Bogenlampen rumoren drei große Dampfer mit ihren Winden, rattern vorn die Lokomotiven einer Feldeisenbahn aus ihren Bäuchen, verschlingen in den anderen Luken Kakao . . . singende Sikhs und Anamiten rennen mit Säcken die Laufstege hinan. Und Lawson starrt in das trübe Hafenwasser, sieht den vorübertreibenden Abfall der Schiffsküchen . . . Artischockenstrünke und Hammeldärme, um die sich mit den Möwen diese spaßigen Malakkaschollen balgen . . . hört plötzlich neben sich das Wort, das von all den blutroten Plakaten da an den Ecken schreit:

»So geh' nach Sirak . . .«

Lawson sieht sich um nach dem Manne, der es gesprochen hat: ein Weißer, ein Strolch eigentlich, der da zwischen den farbigen Schauerleuten herumschleicht . . . zerlumpter Mensch, Arbeiteranzug, halb und halb russischer Bauernkittel . . . Augen, die forschend zu Lawson herüberspähen. Nun ist er bei den Indern drüben, die sich auf den Steinen herumlümmeln: »Und du . . . dein Großvater, dein Ahn, war er nicht frei . . . nicht gar ein Fürst?«

Der Sikh nickt, der Fremde rüttelt ihn an der Schulter: »Und jetzt . . . schleppst Säcke, Fürstensohn . . . komm' nach Sirak!«

Er ist schon weiter, man sieht ihn mitten in einer Gruppe von Niggern gestikulieren, die in ihren europäischen 135 Proletarieranzügen auf dem Kai herumlungern, mit japanischen Torpedomatrosen und russischen Trimmern redet er, er redet alle Sprachen des Orients . . . immer ist der Refrain: dieses »Nach Sirak geh'«. Der Mann verschwindet in dem Arbeiterstrom, der jetzt, um rush hour, aus dem Kabelwerk der Station hervorquillt.

Wer ist der Mensch, was ist's mit diesem Meeting?

In Sirak war er vor Jahren einmal bei den Vermessungsarbeiten . . . prähistorische Ruine, ein halb vom Urwald gefressener Trümmerhaufen . . . reichlich merkwürdiger Platz für ein Arbeitermeeting!

Er geht zur Station zurück, spricht mit dem Polizeichef Sweat – Sweat zuckt die Achseln über Lawsons seltsames Interesse an diesem Unfug und gibt ihm einen Agenten mit.

In der Dunkelheit gehen sie durch die Vorstadtgassen des gelben Proletariats, vorbei an schlitzäugigen Meergreisen, die ihre Werkstatt auf der Straße aufgeschlagen haben und zehn Jahre an einer undenklich vollkommenen Billardkugel schnitzen, mitten durch die Gruppen hockender Glücksspieler, durch Schweineherden und Höllengestank, die beinahe greifbar die Straße versperren. Rechts und links in diesen menschlichen Behausungen, die wie Kaninchenställe aussehen, sitzt beim Scheine der Schusterkugel solch eine Familie versteinerter, gelber Gespenster bei einem Nachtmahle, das wie gekochter Hundekot aussieht . . .

Dann prasselt in den Reisfeldern draußen ein gotteslästerlicher Regensturz herunter, hinter den Wolken räsonieren mit kurzen, zornigen Schlägen die Vulkane. Naß bis auf die Haut bergen die beiden sich in irgendeiner Wärterhütte, scheuchen die obligate, aufgeregte Kobra von der Schwelle, sehen draußen in 136 den Regenschleiern gestikulierende Menschen vorüberziehen, können nichts unterscheiden in all der Finsternis.

Dann, als der Guß vorüber ist, der kurze Gang durch den Wald . . . vermoderte Luftwurzeln, über die man klettert, obszön wuchernde Lianengehänge, hinter denen etwas raschelt, was man besser nicht sieht. Dann Fackeln hinter ihnen und die Stimmen der Wanderer, die des gleichen Weges ziehen, mächtige Feuerbrände dann, endlich, mitten im Walde sich enthüllend zwischen tropfnassen Pisangwänden, grell beschienen von den Flammen, die tote, zerbrochene Stadt: Quadern und Stufen und Säulenstümpfe und schlingpflanzenumsponnene Steinbilder, die zerfressenen Ornamente der Tempelreste, auftauchend aus dieser gottlosen Botanik wie kariöse Backzähne, titanische, von den Baumwurzeln dennoch auseinandergesprengte Steinmassen . . . so unfaßbar groß, daß man die Menschen zuerst gar nicht sieht . . .

Da hocken sie auf Stufen, auf Säulen, auf den obszön ausgestreckten Gliedern steinerner Götter, hocken wie eine Versammlung von gaffenden Vorstehhunden, Weiße und Farbige durcheinander: von Syrien bis Singapur, die ganze vielfarbige Palette Asiens: Malaien mit Hüten aus Pisangblättern und Afghanen mit schwarzblauen Bärten und schmutzfarbene Chungusen sogar . . . russische Kesselheizer und italienische Maurer und verbrauchte australische Steinmetzen mit zerfetzten Lungen . . . Asiaten dann wieder, Asiaten und wiederum Asiaten.

Ein Holzfeuer in der Mitte, auf einem Steinsockel ein schwarzer Gorilla mit Pfannkuchenmütze und einem riesigen Megaphon: einst Bauern mit Herden und Land . . . weiße Ansiedler dann, europäische Durchdringung. Männer gemordet, Weiber verdorben . . . Seuchen und Schande . . . Land 137 verloren . . . geplündertes, demoralisiertes Volk: dem weißen Räuber das Herz aus dem Leib!

Ein Inder dann, elegant beinahe, vornehme, überschlanke Glieder bewegend: Indiens Fürsten nicht mehr, wie einst, gebunden vor britische Kanonen . . . Indiens Fürsten nun gekauft von Londons Geld! Entheiligte Götter . . . gemeuchelte Führer . . . erschöpfter Boden . . . rasierte Wälder . . . geschändete Weiber, geschändete Heimat: dem weißen Herrn das Messer ins Herz!

Und dann Europa: mit langen Haaren ein französischer Syndikalist, beweisend, daß Europa, das ausgesogene, fabrikverseuchte Europa verhungere, wenn die Exotik keinen Weizen, keinen Reis schickte. Ein Monteur vom Krater dann, und er beweist, daß es für Asien eine Kleinigkeit sein werde, sich der großen Kraftstationen zu bemächtigen. Und dann endlich ein junger Mensch, ein Slawe wohl, mit den Augen eines verzückten Mönches: Tot ist Europa! Gestorben seine Götter . . . verderbt seine Säfte, gemordet seine letzten Seelen, sinnlos geworden das Leben: ja, kommt, Asiens junge Völker, macht ein Ende mit uns!

Hysterische Schreie, ekstatisch ausgestreckte Arme, das Beifallskreischen einer müden Rasse, die sich den eigenen Leib aufreißt . . . oben, mit altklugen, schweigenden Gesichtern sitzen wie kleine Kapuzineraffen Japaner und hören aufmerksam zu.

Und Lawson weiß genug, und Lawson geht wieder.

»Kraterleute?«

Der Agent neben ihm zuckt die Achseln: mindestens die halbe Station! Hinter ihnen kreischen noch immer die Stimmen der Menschheit, die an sich selbst verzweifelt . . .

Lawson ist durchnäßt, fühlt, daß er sich erkältet hat, gießt, als er im Hotel ist, ein großes Glas Whisky hinunter, denkt 138 plötzlich wieder an den verdammten Plan, den er doch noch mit Hoogstraaten und Cliffax besprechen muß, sucht wieder vergeblich in den Koffern, klingelt dem Boy, fragt überflüssigerweise nach einem großen Papier mit roten und grünen Linien, geht schließlich resigniert hinunter in den Speisesaal.

Die Gentry der Station, Nachtisch, Importenqualm, schwerkalibrige Kolonialwitze, Hoogstraatens dröhnendes Lachen, hinten mit den Platten des Desserts diese japanischen Kellner, von denen Two einmal bei einer gemeinsamen Inspektion behauptet hat, daß sie vermummte Offiziere und Agenten ihrer Regierung seien . . .

Lawson denkt an das, was er vor einer Stunde in Sirak gehört hat, denkt unwillkürlich wieder an seinen verschwundenen Plan . . . Ja zum Teufel, er kann doch Hoogstraaten nicht gestehen, daß er Geheimpapiere des Kraters verloren habe!

Er springt auf aus dem Sessel, stürzt wieder auf sein Zimmer: auf dem Tisch, den er zehnmal visiert, unter der Reisetasche, die er zwanzigmal aufgehoben hat, liegt das verschlossene Portefeuille mit dem Plan! Lawson ist starr, klingelt dem Boy. Chinaman weiß von nichts, chinaman grinst verbindlich und bohrt sich dabei in der Nase herum . . . Lawson wird angesichts dieser ungeheuerlichen Asiatenfrechheit rabiat, zerrt den gelben Gentleman an dem kunstvollen Scheitel und befördert ihn mit einem Fußtritt zur Tür hinaus. –

Er geht hinunter, hat seine Konferenz mit Cliffax und Hoogstraaten . . . nein, er geniert sich, den beiden etwas zu sagen.

In der Nacht schüttelt ihn das Fieber der Erkältung, er trinkt wieder, gerät in Schweiß, lenkt den kalten Strom des Windfächers auf den überhitzten Körper, hört draußen im Garten das Geschmatze der Geckos, hört das Schwärmen abenteuerlicher Riesenkäfer, die mit Kontrabaßtuben brummen, 139 lauscht auf die wollüstigen Geräusche dieser unbändigen Natur da draußen, steht auf und schaut hinaus: schöne, nagelneue Stadt eigentlich . . . Schwimmbäder, Bibliotheken . . . Jeder Eisendreher ein Gentleman nach der Schicht . . . weswegen also stecken die Neger die Hände in die Ankerwicklungsmaschinen System Bamford?

Lawson weiß es nicht, Lawson ahnt nur, daß da etwas fehlt, was er nicht versteht, er schläft, während draußen wieder die Regenstürze niedergehen, traurigen Herzens ein.

Schwerer Kopf am nächsten Tage, als man auf den Flugplatz fährt, noch immer der Schüttelfrost der Erkältung in den Gliedern! Da man viel wird arbeiten müssen während der Reise, so gießt man einen Bottich höllischen, starken Kaffees hinunter, läßt sich berichten, daß die Reise, weil über Indien schwere Unwetter stehen, auf der Nordroute durch die Mongolei gehen wird, beugt sich, während die Mechaniker Henderson und Grindot noch an ihren Spanndrähten herumschrauben, über die Diagramme der neuen Parker-Turbine.

Und dann steigt der Silbervogel aus den Sümpfen, und die Maschinen singen . . . Stunden, Tage . . . Die Straße da unten fliegt vorüber mit ihren kleinen, schmierigen Küstendampfern, die mit überanstrengter Maschine gegen die Strömung anprusten . . . das theatralische Gewitter dann über der Bergkette im Süden, die höllenheiße Ebene des Kambodja dann und die Sümpfe, die ihre Fieberdämpfe bis zu ihnen hinaufschicken. Und Lawson beginnt zu grübeln über seiner Arbeit, sieht durch die Marienglasscheiben die giftgrünen Felder der Gummiplantagen, Reispflanzungen mit Wassergräben und dem Gewimmel kleiner, gelber Arbeitsameisen, übervölkerte Riesenstädte, den unchristlichen Wasserschwall der Ströme mit 140 dem Belag der Wohnflöße: die ganze Wochenstube der Welt mit ihrem Brodem unbändiger Fruchtbarkeit . . .

Und Lawson beginnt auf und ab zu wandern in der Kabine, sieht draußen Henderson exakt wie eine wundervolle Maschine an seinen Hebeln arbeiten, nimmt die Mikrophone, hört beruhigt auf die schönen, klaren Töne der neuen Station, die der Trust auf den Pescadores gebaut hat: »Astarte« im Derby siegreich gegen »Thunderer« . . . Prinz von Wales hat das Schlüsselbein gebrochen . . . Unitrust hat in Afrika erste Turbine angelassen . . .

Und Lawson beugt sich wieder über die Pläne mit den grünen und roten Linien, lächelt, denkt an die großen Kraftarme der Stationen, die sich in ein paar Monaten schon dort unten, über den großen Völkerbecken der Welt, überschneiden werden: was will die Exotik gegen diese Macht?

Wieder eine Arbeitsorgie, und dann zwei Veronaltabletten und tiefer, dumpfer Schlaf. Erst in Hankau erwacht er, wo sie gelandet sind; im Fieber, das ihn noch immer schüttelt, sieht er durch das Kabinenfenster einen gelben Totenschädel, der durch die Scheiben lugt. Nein, es ist nur irgendein chinesischer Monteur, der auf die Maschine geklettert ist, auf der er absolut nichts zu suchen hat . . . Grindot verscheucht ihn mit grimmigem Fluchen . . .

Weiter . . . weiter! Neue Alkaloide für die müden Nerven, Arbeit von neuem und wieder Arbeit! Wie Bleibarren stehen, als sie sich ostwärts wenden, schwere Wolken am Horizont, kalt wird es nun, Schneeflocken wirbeln gegen die Scheiben. Einsamer wird unter ihnen das Land und rauher . . . spärliche Bauernhöfe, auf Paßpfaden ein Zug Lastkamele, hier und da ein zerbrochener Burgturm, von unbekannten Geschlechtern gebaut . . . Menschen, die den steinigen Boden mit dem 141 gleichen ehrwürdigen Holzinstrument bearbeiten wie ihre Väter vor fünftausend Jahren, als wenn Fowlers keine Dampfpflüge bauten, zum Donnerwetter noch einmal . . .

Dann wird es schneidend kalt, und Lawson stellt die Heizung an, freut sich der behaglichen Kabine: hier drinnen ist es warm, draußen ist der Abgrund, die Leere, das eisige Nichts! Und Lawson schaut noch einmal hinunter, sieht die große Mauer mit verlassenen Wachttürmen und Riesenbreschen und zerbröckelten Zinnen weit hinausziehen in das menschenleere, unbekannte Land, streckt sich hin, schläft wieder.

Träumt von großen Feldern, über die Fowlers ihren neuen Pflug ziehen lassen . . . Menschen sprießen plötzlich aus den Furchen . . . dicht bei dicht, gelbe Menschen in blauen Kitteln mit Totenschädeln . . . hilf, Himmel, nun ist die ganze Erde voll von ihnen! Wind geht . . . wie Wellen wogt die entsetzliche Menschensaat, wogt gegen das kleine Haus, das Lawson in Unitrusttown bewohnt . . . ein Donnerprall nach dem andern! Lawson erwacht bei diesen seltsamen Stößen, hört draußen die Schrauben im Leergang rasen, sieht, wie der große Vogel sich niederduckt, hält sich fest, um nicht von seinem Lager herabzustürzen, sieht die beiden Mechaniker seelenruhig auf ihren Plätzen sitzen. Lawson springt auf und sieht hinunter: wie in einem großen Waschzuber brodeln unter ihnen schwere, graue Dämpfe, stemmen sich gegen den Leib des Fahrzeuges, zerreißen wieder für Augenblicke, lassen für Sekunden den Blick frei auf die heroische Landschaft dort unten. Tiefe Täler tun sich auf, deren Boden man nicht sieht, kahle Bergkegel mit spärlicher, von der Erdkrume durchbohrter Erddecke, alles einer Riesenradierung gleichend in seiner grauen Farblosigkeit.

Lawson tritt hinaus . . . sonderbares Land . . . Ja, wo sind sie eigentlich? Grindot läßt sich nicht stören durch die Frage, 142 Henderson deutet energisch abwärts . . . im selben Augenblick kommt die Bö von unten mit hartem Schneegestöber und Ohrensausen . . . gleich darauf setzen sie auf auf der Grasnarbe der kleinen Hochfläche da.

»Wo sind wir?«

Keiner der beiden antwortet zunächst, sie haben sich sofort auf den Motor gestürzt. Fernes Hundegebell ist derweilen zu hören . . . hier und da wohl auch ein Laut, der wie Herdengebrüll klingt . . . dann versinkt das alles in einem ganz ungehörigen Schneetreiben, das sich plötzlich auf sie niederstürzt aus den grauen Wolken.

Was ist?

Ach, irgendein Magnetdefekt, der in ein paar Stunden behoben sein wird, und peinlich dabei ist nur, daß die Maschine stillsteht, daß es keine warme Kabine gibt unter diesen Umständen, daß man erkältet ist und klappert vor Frost!

Und Lawson beschließt, sich Bewegung zu machen während dieser Pause, und Lawson stapft hinaus in den Schnee, der schon fußhoch liegt über der ärmlichen Weide. Ein großer, greulicher Mond kommt inzwischen über den Rand des kleinen Plateaus geklettert, wieder ziehen Ungeheuer von Schneewolken auf, Windstöße stöhnen wie verlorene, arme Seelen . . . plötzlich, als Lawson bis zu der einsamen Wettertanne gekommen ist auf dem Gipfel des Bergrückens, plötzlich setzt wieder dieser höllische Schneesturm ein. Und plötzlich steht er da, ist eingehüllt in dichte, weiße Schleier, sieht nichts um sich als dieses farblose Chaos. Die andern . . . Ja, man war doch nur ein paar hundert Schritte von ihnen entfernt! Man schreit, man brüllt an gegen diesen Sturm, man hört nichts als das Stöhnen dort oben in den Ästen des Baumes, die sich wie Gespensterarme in die einsame Winternacht recken, man sitzt da 143 irgendwo mitten in der Mongolei oder in Sibirien, hat kein Ziel mehr und auch keine Operationsbasis und mag sich gefaßt machen auf ein stilles Begräbnis in diesen Schneelasten.

»Henderson . . . hallo!«

Kein Grindot, kein Henderson! Dafür Hundegebell und, deutlich zu unterscheiden zwischen den Stößen der Bö, das Brüllen von Rindern. Wenn man auch nicht annehmen kann, daß es Henderson ist, der sich zu diesen akustischen Signalen herbeiläßt, so kann man doch auf die Nähe von menschlichen Behausungen schließen, und da man zittert vor Frost und Fieber und alle Aussicht hat, verschlungen zu werden für immer von dem heulenden Schneesturm, so geht man dem Schall entgegen. Es ist nicht leicht, man sinkt bis zu den Knien schon bei jedem Schritt ein, man fühlt schließlich, daß es ein wenig abwärts geht, kommt in den Windschutz des Hauses, sieht hier, wo die Flocken ganz spärlich nur fallen, vor einem Erdloch einen angeketteten Köter, der sich wie irrsinnig gebärdet vor dem fremden Manne . . . sieht dicht daneben etwas, was wie ein Maulwurf sich aus der Erde herausarbeitet. Ein Windstoß fährt den Hang herab, überschüttet alles mit einer neuen Schneelawine, daß keines das andere mehr sieht. Dann, als alles vorüber ist, steht ein baumlanger Mensch vor Lawson . . . langbärtig, Gesicht ertrinkend in Haarmassen, wie das eines Anthropoiden, stechende Augen: »Sah euch kommen . . . he, mein Lieber, vom Himmel gefallen, wie? Nun immerhin, komm herein in Christi Namen.«

Ein zweiter Maulwurf hat sich inzwischen aus dem Boden gearbeitet, ein zweiter Waldmensch steht wie ein Geist da. Da es nicht abzusehen ist, wie viele noch folgen werden, und da Lawson nicht in der Lage ist, die Situation als angenehm zu bezeichnen, so tastet er nach der Waffe, tritt ein paar 144 Schritte zurück, wird sofort mit dem gleichen, unangenehmen Lachen abgefertigt: »He du, Freundchen . . . nicht nötig; brauchst dich nicht zu fürchten . . . komm nur, wenn es gefällig ist.« Die beiden tauschen leise ein paar Worte miteinander, der zweite verschwindet im Schneetreiben wie der Böse.

Da die Bö sich verstärkt, da man vom Fieber geschüttelt wird, und da man doch schließlich nicht an diesem unpassenden Orte das kommende Frühjahr erwarten kann, so kriecht man dem Manne da in das Erdloch nach, stößt sich mehrfach den Kopf an der rissigen Steinwand der Dachsröhre, sieht dann, wie der andere eine Bastmatte zur Seite schlägt, und sieht nun vor sich eine vom offenen Feuer beleuchtete Höhle: ein Lotterbette von Heu, undefinierbare Gegenstände an den Wänden ringsum, ein ziemlich sauberer Kessel über den Flammen, Rauch, der das alles für Sekunden verhüllt, wenn draußen der Sturm auf das Erdloch des Abzuges drückt . . .

»Nun immerhin, du wirst Hunger haben . . .«

Ist man nun eigentlich eine halbe oder ist man zehn Stunden durch den Schnee gegangen? Man fühlt, daß der Frost bis auf die Knochen gegangen ist, man fühlt ein ganz und gar tierisches Verlangen nach Essen, man fährt gierig mit dem Holzlöffel in den Topf mit dem undefinierbaren Inhalt, schlingt wie eine Boa constrictor, vergißt ganz und gar, daß man ein Gentleman ist, und läßt zwischen einem Löffel und dem andern neugierig die Blicke über den seltsamen Schmuck der Wände schweifen: Waffen, Tierschädel . . . ein barbarisch geschnitzter, riesiger Kruzifixus . . . Weiberröcke mit undefinierbaren großen Flecken . . . ein Lanzenfähnchen . . . der soignierte Lawson stiert und schlingt.

Der andere schaut ihm zu mit großen Augen: »Den Himmel entlanggefahren, Freundchen . . . haha . . . durch die Luft. 145 Wieviel Rubel verdienst du im Monat? Dreißig? Fünfunddreißig? Nun also, mögen es selbst siebenunddreißig Rubel sein! Siebenunddreißig Rubel Verdienst im Monat . . . fährt durch die Luft, wagt, nicht an Gott zu glauben!«

Unangenehmes Lachen . . . schwer, auf solch merkwürdige Dinge zu antworten für einen reinblütigen Amerikaner und Konstruktionschef Elihu Grants! Immerhin fühlt Lawson wieder das Leben erwachen in seinem Körper, fühlt wenigstens wieder, daß er Arme und Beine hat, legt mechanisch eine Fünfdollarnote für das Souper auf den schmutzigen Boden, fragt, wie man wieder zurückkäme zu den andern . . . Henderson, Grindot he? . . .

Der Waldmensch kichert: »Dein Geldchen . . . hehe, nun, laß das nur. Wer vom Teufel ißt, speist umsonst. Hehe, schönes Feuerchen, wie du siehst,« er wirft die Banknote in die Flammen, »schönes Licht . . . Ja, sieh dir gefälligst nur alles genau an, mein Täubchen.«

Er wirft einen Kaddigbusch auf die Glut, plötzlich lodert das Feuer mannshoch auf, daß die Höhle taghell vor Lawson liegt. Der andere macht sich an den Wänden zu schaffen . . . überlange Schlagschatten huschen an den Wänden hoch . . . es ist wirklich ein riesiger Gorilla, der an den Wänden herumhantiert, alles an sich rafft, vor Lawson niederwirft: den Kruzifixus, der wohl einmal als Schießscheibe gedient hat mit seinem zerspellten Kopf und den Kugelspuren in dem bemalten Holz . . . Weiberröcke, steif von schwärzlichen Blutflecken.

»Nun, sieh es dir also nur an, wirst schauen! Vor dreißig Jahren . . . he, hast du vorhin Andrej Iljitsch gesehen? Nun also, vor dreißig Jahren setzten in Moskau die Roten Menschen gefangen . . . siehst du, feine Leute, aus warmen Zimmern 146 gerissen, mitten hinein nun in Dreck und faules Stroh . . . Läuse, mein Lieber, rascheln im Stroh . . . Suppe aus verfaulten Kartoffeln und Pferdeohren . . . nichts für Herren, wie? Nun also, sollen erschossen werden am dritten Tage . . . unser Andrej Iljitsch soll sie erschießen lassen. Stehen denn also am dritten Tage auch an der Kellerwand, sehen die Kugellöcher, die Blutspuren von denen, die hier schon gewesen sind, zittern, schreien, bitten ums Leben . . . haha, Dickbäuche, mein Lieber, selbst fett wie Läuse! Und unser Andrej Iljitsch stößt sie zurück, die Genossen lachen . . . ho, wie sie lachen können über den Jammer der andern! Ist da nun so ein Kind unter denen an der Wand . . . siehst du, so ein Mädchen von zwölf Jahren . . . fällt auf die Knie, beginnt zu beten mit lauter Stimme für die Henker: ›Rechne es ihnen nicht an . . . um Christi willen vergib ihnen!‹ Werden die andern, die bis dahin gejammert haben, plötzlich still, schicken sich in den Tod. Stehen die Unsern, die roten Kameraden, verwirrt da: ›Wie denn, betet sie für uns? Vergib ihnen in Christi Namen!‹

Siehst du, Freundchen . . . die Unsern, die Roten, werfen das Gewehr fort, bekreuzigen sich, schreien ein auf unsern Andruschka: ›Erschieß du sie selbst . . . wir nicht, mein Lieber, nicht wir!‹ Und unser Andruschka geht auf die Kleine zu, greift in das Haar, nimmt die Pistole . . . hier, mitten ins Herz. Hier ihre Kleider, mein Lieber . . . hier, mitten ins Herz um Christi willen! Und da Andruschka schon solch ein Teufel ist, so sind es die andern denn auch: ›Heda, ihr Dicken, ihr Läuse . . . um Christi willen vergebt, daß wir euch zu Tode bringen!‹ Und dann die Salve . . . Herr, erbarme dich . . . Alle sind sie tot.

Und Andruschka steht vor dem Kindchen . . . das hat noch die Hände gefaltet: ›Vergib ihnen um Christi willen.‹ Und 147 Andruschka weiß fortan, daß er ein Teufel ist, Andruschka nimmt die Kleider da, gräbt sich eine Höhle bei uns, bei den andern Teufeln . . . nun, mein Lieber, hast Andrej Iljitsch gesehen vorhin? Dort, wo euer Wagen vom Himmel gefallen ist, dort wohnt Andrej Iljitsch . . .«

Der Hund schlägt an, der Waldmensch lauscht hinaus in die Nacht: »Dachte, sie kommen schon . . .«

Wieder setzt er sich, beginnt in den Trophäen zu kramen, wirft alles durcheinander, springt abermals auf, reißt von der Wand die rostige Lanze mit dem Fähnchen:

»Nun . . . andere sind noch bei uns, viele, viele . . . Der Weiße fängt den Roten, der Rote den Weißen . . . die Hände haben nichts zu tun, man blendet den Feind, treibt ihn hinaus in den Wald. Fjodor Iljitsch wirft Kinderchen ins Feuer, und Arkadji Fomitsch geht umher und reißt Kranke aus den Betten, und Pawel Petrowitsch ersticht ein junges Weib, bloß, weil seine Hände gerade nichts zu tun haben: wie denn, hätte diese gerade nicht den Erlöser gebären können?

Und wieder einer schießt mit den andern durch ein Kellerfenster auf den Gesalbten Rußlands, wirft die Toten ins Feuer. Geh hin, Bruder . . . sieh selbst: kein Gras wächst an jener Stelle!

Radion Alexandrowitsch aber . . . was ist die Untat der andern gegen Radion Alexandrowitschs Sünde, gegen ihn, der die andern die Roheit lehrte!

Radion Alexandrowitsch war ein Soldat, Radion Alexandrowitsch ritt im Anfang des großen Krieges mit den andern zusammen gegen diese Deutschen da . . .

Sieh mal, solch ein großes Getreidefeld im Sommer . . . im Mondschein reiten auf der einen Seite diese Deutschen, auf 148 der andern die Unsern . . . einer hinter dem andern im Vollmond auf dem Grenzrain.

Die Menschen haben noch nicht geschossen aufeinander . . . wer wird auf Gottes Kreatur schießen? Die Pferdchen treten nicht ins Getreide . . . wer wird Gottes Brotchen zertreten? Radion aber reitet mitten durch das Feld . . . hu, wie er reitet . . . reitet auf diese Deutschen los . . . siehst du, rennt dem ersten die Lanze in den Leib. Wie das dann nun einmal so ist: alle beide fallen sie aus dem Sattel . . . unser Radjuschka zieht an der Lanze . . . will sie dem andern aus dem Leibe ziehen. Nun, wie das immer so ist . . . verbogen hat sich die Lanze . . . siehst du, da hast du sie! Der verwundete Deutsche ist mal so ein Gottesmensch, streichelt unserm Radjuschka die Hand: ›Nun, nimm es dir doch nicht zu Herzen, Lieber!‹ Und Radion beginnt zu schreien und zieht wieder an der Lanze und weint und weiß, daß er ein Teufel ist. Und dieser Deutsche stirbt . . . nun, nimm es dir schon nicht zu Herzen, Bruder! Radjuschka steht da mit seiner Lanze, schreit und tobt. Die Deutschen lassen ihn, da er so tobt und wohl ein Wahnsinniger ist, stehen; müssen wohl weiter.

Radion aber ist ein Teufel, geht mit seiner Lanze, die die andern die Sünde gelehrt hat, zu den andern Teufeln: vor dir, mein Lieber, steht Radion Alexandrowitsch!«

Lawson hält das verbogene Eisen in der Hand: Longinus war ein Kriegsknecht, stand und wachte, stieß dem Erlöser die Lanze in den Leib . . . Der Rauch macht Lawson wohl betrunken, daß seine Gedanken so ungehörige Irrwege gehen!

Der andere ist aufgestanden, lauscht in die Nacht hinaus. Nun ist es stille, in einzelnen Stößen nur klagt der Wind, arme, verflatterte Seelen klagen. Und zwischen den Stößen in der Stille ein dumpfes Tönen, im gleichförmigen Rhythmus, 149 die Schläge ferner Pauken vielleicht . . . Hundegekläff wieder und abermals die letzten Stöße der entschlummernden Bö . . .

Der Fremde, der Wahnsinnige, faßt Lawsons Arm: »Warst bei den Teufeln zu Gast . . . Ja, geh' und erzähle es nur. Das aber, mein Lieber, das sage du auch: da es solche Teufel gibt wie wir, die wir hier leben, so muß es auch Gott geben. Ja, Bruder, Nacht ist nicht ohne Sonne . . . der Teufel nicht ohne Gott. Da die Welt schon so voll ist des Bösen, so muß sie das Gute wieder gebären . . . Ja, sage es nur, daß jener Große wiederkehren wird! Denn wenn sie bei euch schon nicht an Gott glauben können . . . so sag' ihnen, daß man an Christus glauben muß! Nicht an solchen westlichen Christus, nicht an den euern: ›Auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden‹ . . . nein, mein Lieber . . . nein, nein, den wahrhaften Christus, den der östlichen Menschen . . . Ja, geh' und sündige hinfort nicht mehr! Ja, sieh, so tief muß man am Boden liegen . . . so tief, wenn man sehen will, wie hoch Gott ist! Ja, geh' du nur, sage, daß du bei den Teufeln warst, die an Christus glauben . . .«

Da beschleicht ein Entsetzen Lawson, er fühlt, wie das Fremde, das Wahnsinnige, ihn faßt, er fühlt das Feuer in seinen Gliedern rasen, er schüttelt den andern am Arm: »Zurück zu meinen Leuten . . . den Weg . . . ich finde den Weg nicht zurück . . .«

Der andere geht ruhig zum Ausgang, kriecht voran, zieht Lawson an der Hand. Dann stehen sie in der hellen Winternacht unter den bösen, hellen Sternen, die grausam und hart am schwarzen Himmel stehen, lauschen hinaus in die Unendlichkeit: wieder das ferne Tönen . . . die dumpfen Rhythmen . . . das Unbekannte, der Wahnsinn . . .

Der Fremde hält Lawsons Hand: »Sieh!«

150 Dort unten im Talgrund, das der volle Mondstrahl nun erreicht, ziehen über den hellen Schnee Reiter ihres Weges . . . einsame, gespenstische Reiter . . . einer hinter dem andern. Und wieder von dort unten die dumpfen Paukenschläge zu dem Ritte der Unbekannten, Hundegebell und das Gebrüll der großen Herden, die man dort unten vor sich hertreibt . . . Reiter wiederum und immer neue Scharen Reiter in unendlicher, schweigender Kette.

Und Lawson steht und starrt hinunter, sieht sie, weiß dennoch . . . weiß es nach Monaten noch immer nicht, ob er Wirklichkeit sieht oder Schatten. Der andere schüttelt seinen Arm: »Die Trommeln, Bruder . . . Asiens Trommeln. Dort ziehen sie . . . ziehen Tag um Tag . . . Nacht um Nacht, ziehen nach Westen . . . Jahre wird es dauern, ehe sie euch erreichen! Wehe dann euch Armen, die ihr keine Seele habt . . . wehe denen, die an die Maschine und nicht an Gott glauben!«

Da reißt sich Lawson, der müde, früh gealterte Lawson, der nicht weiß, ob er ein Spukbild vor sich hat oder Wirklichkeit . . . da reißt er sich empor aus seinen Fieberschauern . . . der Mann britischen Blutes wird wach . . . empörend ist es, von einem Waldmenschen, einem Barbaren dergleichen Dinge hören zu müssen: »Wait and see!«

Der andere mit seinen irren Blicken streicht ihm die Hand: »Nun, Bruder, auch du wirst ja sterben . . . wirst dich beugen müssen vor Gott, wirst sehen, wie hoch Gott ist.«

Er geht voraus, geht durch den Schnee, der ihm nun schon bis zu den Hüften reicht. Sie arbeiten sich den Hang hinan, sehen auf dem kleinen Plateau aus der Ferne schon den silbernen Wagen, der vom Himmel gekommen ist. Da steht also wirklich so ein Aeroplan System Swift, und Henderson und Grindot haben einen defekten Magneten repariert, während 151 man in der Hölle gewesen ist. Da bleibt der andere stehen, reicht Lawson noch einmal die Hand: »Nun so geh' schon, und Christus sei mit dir!«

Und während man sich diese letzte Wegstrecke durch den Schnee arbeitet, hämmern unten in dem tiefen Schneetale noch immer die Pauken der stummen Reiter . . . der Scharen Dschingiskhans, die nach Westen ziehen . . . ach, vielleicht ist es auch nur ein Pochen des fiebernden Blutes!

Als Lawson dann endlich bei den andern anlangt, ist er fertig und fällt ohnmächtig Grindot in die Arme.

Und der große Vogel steigt auf, schüttelt die Schneelasten ab, surrt durch schwarze Nacht mit strahlenden Lichtern, fliegt und fliegt nach Westen zu.

Die Pauken dröhnen, die Reiter ziehen . . . 152

 


 

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