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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 5
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und nun, liebe Menschen, nun fragt man wohl: wurde denn immer nur gestorben in Unitrusttown, feierte man nie Feste, und gab es nie ein Lachen morgenfrischer Männlichkeit?

Oh, auch von Siegesfesten wird zu berichten sein – wenn es auch nur Siegesfeste waren, die der Menschenwille feierte über diesen verfluchten, unzulänglichen Leib, Siegesfeste nach jenen Kämpfen, die den Menschen von heute die Gesichter so hart schneiden, so hart wie ein Geierantlitz! Hart ist das Leben geworden und ohne Götter, und ich verschmähe es, ein schwächliches Lied auf sanfter Schalmei zu blasen. Die aber, die hinabsteigen in die große Nacht – wäre es besser, sie stürben in einem gut ausgestatteten Sanatorium an Magenkrebs, als daß sie sich so abbalgen mit Tod und Teufel und ihr Gesicht am Ende das Antlitz sterbender junger Fechter ist? . . .

Seht: fertig ist nun der Krater, nur im Nordquadranten arbeitet man noch hie und da dicht über der Sohle. Nun ist der Krater kein dampfendes Schmutzloch mehr, sauber ausgemauert sind nun seine Hänge, ausbetoniert die Sohle und abgedichtet gegen alle Dünste der Hölle . . . Ja, wenn Silk-Jonny es nicht vorgezogen hätte, vorher sich beiseite zu stehlen von Elihu Grants großer Partie, er könnte nun Tennis spielen auf der Kratersohle mit Cecily Burgeß, die nun schon mit Gott weiß wem Tennis spielt . . .

Seht: ein paar niedere Häuser ducken sich im Südquadranten der Sohle hart an die Wände des Absturzes. Drei Häuser aus Glas und Eisenbeton, und kaum ist eins fertig, 94 so dröhnt es wie ein riesiges Eisenfaß wieder von den Hammerschlägen der Zyklopen: wer weiß wohl, was das Haus birgt?

Einmal wird die ganze Kratersohle angefüllt sein von ganzen Kolonnen solch langer, niederer Hallen, in denen vor ihren Dynamos nun schon die Dampfturbinen warten; und von jeder dieser Hallen klettern dicke Kabelschlangen den Berg hinan zu den Sendeanlagen oben am Kraterrand . . . im Kranze werden sie den ganzen Krater umgeben, wenn erst einmal die Hölle dort unten dreitausend Kesselsysteme heizt! Nun gemach, noch hat es ja Zeit bis dahin: vorerst sind erst drei dieser Kesselschächte fertig, vorderhand wartet nur ein einziges System auf Dampf, vorerst ist es Tatsache, daß Lawson schlohweiße Haare bekommen hat in den letzten zwölf Monaten . . .

Zum Teufel ja: jede große Ingenieurtat ist nun einmal Wagnis allen Differential- und Integralrechnungen zum Trotz! Diese Kesselschächte von der Kratersohle aus noch achthundert Meter hinunterzutreiben – rein technisch war es, wie der selige Pearson es vorausgesagt, ein Kinderspiel: man hat sich jeden neuen Meter erobert mit flüssiger Luft, bis man unten eine große, saubere Kesselhalle geschaffen hat in einer Tiefe, in der das umgebende Gestein schon schwach glüht . . . alles gut und schön, Herr, wenn man nicht jeden Quadratdezimeter, jeden Stein dieses ausgekachelten Schachtes und dieser Halle mit einem guten Dollarschein hätte zudecken müssen!

Die Montage der Kessel: wiederum ein Kinderspiel! Für jedes Kessellager eine Kühlanlage, die es gestattet, nach Belieben ringsum das Gestein auf niedere Temperaturen zu bringen, jederzeit diese Mammutkessel auszuschalten, die Haltung des Grundwassers unter den Anlagen zu kontrollieren . . . rein technisch wiederum eine Kleinigkeit, Herr, ohne diese achtzig Dollarmillionen, die man zum Teufel geschickt hat in ein paar 95 Jahren, um mit drei solcher Kesselsysteme schließlich ein paar hunderttausend Pferdekräfte zu erzeugen . . . hier in Unitrusttown übrigens nur und allenfalls nach ein paar Wochen auch auf Sumatra, auf den beiden fortgeschrittensten Stationen! Dafür in Japan noch kein einziger Schacht fertig, in Südamerika überhaupt noch nicht einmal die Kratersohle erreicht und selbst hier in Unitrusttown noch nicht überall die Hänge gesichert! Und wachsende Sorgen mit dem asiatischen Arbeitermaterial, und die afrikanischen Wasserkraftstationen noch in den allerersten Anfängen, und die wachsenden Schwierigkeiten in der Ernährung, der Disziplinierung dieser Menschenmillionen, in einer Verwaltung, die man nicht mehr übersehen kann! Und in schlaflosen Nächten sitzt in seinem Stuhl mit brennenden, offenen Augen ein Mann mit Namen Lawson und denkt an einen zu Babel mit technisch ebenfalls durchaus einfachen Mitteln errichteten Turm, der in den Himmel wachsen sollte, und dessen Vollendung aus allerlei Gründen sich dann doch als durchaus untunlich erwies . . .

Und Lawson hat, wie gesagt, schlohweiße Haare bekommen und kann nicht mehr lachen.

Weswegen zum Teufel hat Lawson weiße Haare, und weswegen erkennen ihn von Jahr zu Jahr die Ingenieure der überseeischen Stationen nicht mehr gleich, wenn er plötzlich auf Sumatra oder oben auf Korea auftaucht?

Seht nur, seht: in meinem alten, ehrlichen New York hat frommer Puritanersinn an der neunten Straße vor vielen Jahren ein frommes Denkmal errichtet zum Andenken an fünfundzwanzig Schulkinder, die hier kurz nach dem Weltkrieg von einem einzigen Riesenautomobil totgefahren worden sind. Und auf diesem Sockel, der mit frommen Sinnsprüchen geziert ist . . . »Achte auf den Straßenverkehr, auf daß es dir wohl 96 ergehe und du lange lebest auf Erden« . . . auf diesem Sockel kräht so ein daumenlanger, galizischer Junge seine Zeitung aus. »Moloch« . . . neues Blatt, seltsamer Titel . . . wollen sehen, weiter . . .

Und verzweifelt und erfolgreich balgt sich die Kinderstimme ab mit dem Donner des Broadway. »Technische Schwierigkeiten in Unitrusttown . . . ernste Unpäßlichkeit Lawsons . . .«

Der Strom treibt weiter, frißt die Papiermassen, denen zuliebe in Utah ein ganzer Wald gefällt ist, speit sie aus in zusammengeknüllten Ballen. Merkwürdiges Blatt, seltsame Ansichten! Man bleibt schließlich doch stehen, macht bedenkliche Gesichter, lacht . . . weiter, weiter . . .

Und siehe: in den Menschenknäuel vor dem besagten Denkmal stößt ein großes Coupé, hält bei der kleinen Steininsel. Des Minenkönigs Percyval Tarquanson Bulldoggenantlitz ist zu erkennen hinter den Glasscheiben. Percyval Tarquanson, diese Strohpuppe Elihu Grants, kauft täglich den unitrustfeindlichen »Moloch«, Percyval Tarquanson lächelt, wie die umherstehenden Reporter konstatieren, nachsichtig über die Brandnachrichten . . . three cheers for him . . . Tarquansons Automobil hat sich in blaue Benzinwolken aufgelöst und ist in der Richtung von Exchange-Office verschwunden.

Und drei Wochen vergehen, und an jedem ihrer einundzwanzig Morgen quäken an tausend Ecken New Yorks tausend solcher Miniaturbürger der Union ihre Hiobsbotschaften in die Ohren: »Die Fehler in den Berechnungen Lawsons . . . unverantwortliche Vergeudung des Weltkapitals . . . Anfragen im Weißen Hause . . .«

Haarscharf geschliffene Artikel sind es, sie arbeiten mit einem ganz unwiderleglichen Material, sie arbeiten mit exakten 97 Beweisen, sie atmen eine ungeheuerliche Erbitterung gegen Elihu Grant, gegen den Krater, gegen die Mechanisierung der Welt . . . eigentlich ist es durchaus unpassend, solche Ideen zu haben. Nie wird der Verfasser ermittelt, man kommt nicht einmal dahinter, wer die Hintermänner des »Molochs« sind. Es ist aber nicht zu leugnen, daß in diesen drei Wochen die Wagen der Elihu Grant tributpflichtigen Hochfinanz zur Börse fliegen, ohne daß die Insassen verächtlich lächeln, daß die Besitzer der Trustpapiere noch viel rascher weiße Haare bekommen als der große Lawson.

Noch ist es nicht jene große Panik, die New York später erlebt, noch hängt nicht der schwefelgelbe Himmel des Weltunterganges über der Stadt. Die Krise ist eben eine Angelegenheit der reichen Leute . . . mag Fifth Avenue sehen, wie sie aus der Krise herauskommt . . . New York spielt derweilen Baseball, New York interessiert sich für Maud Stonehams Brauttresor, für einen neuen Weltrekord im Rückenschwimmen, gibt allenfalls gewissenhaft die Gerüchte weiter, die die Börse rabiat machen: Anschlag auf das Trustgebäude in der Zweiundvierzigsten Straße . . . Unruhen in Eucalypto drüben . . .

Und am zweiundzwanzigsten Tage dieser schleichenden Krise, der ein Sonntag ist, predigt in Trinity-Church vor seiner erlesenen Gemeinde Reverend J. P. Bardsley über Urvater Abrahams Wohlstand: rechtschaffener Mann . . . gute Werke . . . halte dich rein, außen und innen . . . Wohlstand, zahlreiche Herden . . . wenn es irgend anginge, so würde Reverend J. P. Bardsley von dem Bankkonto Abrahams sprechen, und wenn sich da drüben beim Portal der Kirche diese abscheuliche Unruhe vermeiden ließe, so würde das der Andacht der Gemeinde durchaus zugute kommen.

98 Er sieht beim Predigen unmutig zur Tür: ein Frommer nach dem andern erhebt sich dort und verläßt plötzlich die Kirche . . . nun beginnt dort hinten sogar ein unpassendes Murmeln, nun drängt bei währender Predigt sogar ein Strom frommer Puritaner ins Freie hinaus, so daß für einen Augenblick der Straßenlärm stärker ist als Vater Abraham.

Bardsley spricht lauter; der Küster drüben macht ihm verzweifelte Zeichen, wieder öffnet sich das Portal. Und dieses Mal öffnet es sich, um jemanden hereinzulassen . . . Ja, es geschieht nun das Unglaubliche, daß in Trinity-Church, im Horte anglikanischer Mayflower-Frömmigkeit, wieder so ein galizischer Däumling, ein künftiger Jacques Pulitzer erscheint.

»Oeffentliche Untersuchungskommission unterwegs nach Unitrusttown . . . das Ende des Kraters.«

J. P. Bardsley hält es für verfehlt, weiterhin noch über den Urvater Abraham zu sprechen.

* * *

Und siehe, während die Senatoren Hyslop und Whitening unterwegs nach Europa sind – zu Schiffe übrigens, da die primitive Flugzeugkost von Stanton Hyslop nicht vertragen wird –, während New York summt wie ein aufgeschreckter Hornissenschwarm, da liegt die Kesselhalle, die ominöse Halle, über die Wallstreet sich so erregt hat, einsam da in tiefer Nacht.

Ja, nun ist die letzte Armatur fertig am letzten Kessel, und hie und da nur liegt noch ein Werkzeug herum oder eine vergessene, blaue Monteurbluse, und spärliche, trübe Lichter brennen über den großen Eisenkoffern, die morgen zum 99 erstenmal unter Dampf sein werden, und wenn man die Hand ausstreckt, so schießen die Schlagschatten lang und spukhaft die Decke der Halle entlang, die nun so öd ist wie der Saal eines Gespensterschlosses. Und durch diese Einsamkeit schreitet Lawson, geht von Kessel zu Kessel, spielt an Wasserstandhähnen und Injektoren, denkt an die Hast der letzten Wochen, in denen man unter dem Druck dieser irrsinnig gewordenen New-Yorker die Arbeit von Monaten hat leisten müssen, und denkt daran, daß er nun sehr müde ist, und wandert wieder weiter.

Kesselgruppe VI, in den letzten Wochen montiert . . . rasche Arbeit, Pfuscherarbeit nach Lawsons Begriffen. Und Lawson greift gedankenvoll nach dem Hahn der großen Lenzpumpe, die das Grundwasser aus den Kesselfundamenten saugen wird: überrasch montiert, beim Zeus . . . wehe, wenn sie dieses Wasser nicht absaugt! Dann verdampft dieses Grundwasser auf dem glühenden Gestein, stemmt sich gegen den Kesselboden, der Kessel fliegt wie eine Riesengranate aus seinen Lagern . . . nimm dich in acht, Lawson!

Und der einsame Mann mit den weißen Haaren dreht wieder an den Hähnen herum. Nun denn, so stirbt man eben, und es sterben noch ein paar Mann! Aber der Beweis ist geliefert . . . der Nächste beendet es ohne die Hetze einer wahnsinnigen Börse, und das Werk ist vollendet, das Haus ist fertig . . .

Und wenn das Haus fertig ist, denkt Lawson, und ein Sprichwort fällt ihm ein, das er irgendwann einmal dort unten in Syrien gehört hat: wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod. Und plötzlich fröstelt's ihn, und er denkt daran, daß er nun ganz allein in der Halle ist, zweitausend Meter unter der atmenden Menschheit, und er will nun endlich gehen.

Er wendet sich ab von seinen geliebten Kesseln. Die Schritte 100 hallen wider auf den Fliesen in dem leeren Raum . . . klapp, klapp . . . plötzlich hat er das Gefühl, daß jemand hinter ihm herschliche . . . klapp, klapp . . . plötzlich muß er sich umdrehen.

War dort jemand?

In dem Halbdunkel der einsamen Lichter glaubt er dort beim Kesselstande VI, wo er eben die Pumpen kontrolliert hat, einen Schatten gesehen zu haben . . . war dort jemand?

Er ruft, die Halle wirft sein Wort zurück mit unheimlichem Echo. Nun dreht er um, geht zurück, geht um den Kessel herum, kriecht unter die Treppe, die zu den Schaltbrettern führt, leuchtet die Vorwärmerbassins ab: nichts. Sie haben also Halluzinationen, Sie sind müde, mein Herr, Sie sind überhaupt verbraucht, das Haus ist fertig, und wenn das Hans fertig ist . . .

Wieder geht er durch die Halle. Klapp, klapp . . . das verwünschte Echo. Er denkt an die Sabotageakte in den amerikanischen Werken . . . hat ihm nicht erst neulich hier in Unitrusttown ein syndikalistischer Anschlag einen der kostbarsten Sprengbohrer in Splitter gelegt? Klapp, klapp . . . Unsinn, die Halle wird ja scharf bewacht, es sind die überhetzten Nerven, die ihm einen Streich spielen. Und nun dreht er sich nicht mehr um.

William Burne hält Wache am Lift . . . alter Unteroffizier der Royal Riflemen . . . eher ließe der Zerberus durch eine Zervelatwurst sich bestechen, als daß William Burne einen Unbefugten passieren ließe.

»Niemand durchgekommen?«

Der Alte sieht ihn nur fragend an; Lawson läßt sich die Kontrollmarken geben, er stellt fest, daß die ganze Crew die Halle verlassen hat.

101 Man hat also wirklich Halluzinationen, man ist alt und verbraucht. Man träumt in der Nacht von versagenden Lenzpumpen und von springenden Kofferkesseln, auf denen man sitzt, und mit denen man bis zum Mars hinaufgeschleudert wird. –

* * *

Am nächsten Tage summen sie zum ersten Male, die Kessel. Schneeweiß liegt im Bogenlicht die Halle, die Armaturen, die Hebel der Kühlventile blinken, die Lenzpumpen, elektrisch betrieben von der Kraftstation am Kraterrande oben, arbeiten exakt mit sauberen, kurzen Tönen wie gutgehende Taschenuhren. Keine Oelkanne, kein Werkzeug am unrechten Platze, auf den vorgeschriebenen Plätzen der Kesselstände die Elite der Werkmeister von Unitrusttown: auch ihre Gesichter gleichförmig wie die einer Fußballmannschaft . . . Maschinen und Menschen, alles vollkommen exakt und seelenlos . . .

Und Lawson, der das Anheizen überwacht, läuft auf und ab vor den Kesselfronten. Vor achtzig Minuten hat er die Kühlung gedrosselt, seither läuft er mit seinen unausgeschlafenen Gliedern von Manometer zu Manometer: sieben Atmosphären, neun . . . in fünfzehn Minuten wird er hinauffahren in die Turbinenhalle, wird in den Kommandostand klettern und die Hand auf einen Hebel legen, wird sehen, was sein Werk wert ist. Wieder fühlt er dieses Zerren, das seit Monaten ihm keine Ruhe läßt, stöhnt auf: ja, Lawson, jedes große Ingenieurwerk ist Wagnis . . .

Bei Kessel III ist Oel ausgeschüttet, und am Nebenstande bemerkt er, daß der Werkmeister Leadbeater seinen Nachbarn 102 um Kaugummi bittet. Er pfeift ihn an, er kann nicht aufhören damit, obwohl es ihm selbst peinlich ist, so sehr seine Nerven bloßzulegen. Er läuft weiter.

Die Telephonscheibe am Zentralstande: ja, da oben in der Maschinenhalle, dort sitzt Elihu Grant, Elihu Grant, dem nichts schnell genug gehen kann! Ja zum Teufel, selbst das Höllenfeuer hier unten heizt ihm nicht rasch genug, und oben sitzt Elihu Grant und fragt, ob die verdammte Kaffeemühle denn nicht endlich losgehen werde, oder ob er sich inzwischen aus Krokodileiern noch rasch ein Rührei braten lassen solle, zum Donnerwetter noch einmal . . .

Und Lawson hängt verärgert den Hörer ein, sieht wieder nach den vibrierenden Zeigern: zehn Minuten noch!

Wieder auf und ab und ab und auf . . . achtzig Schritte in der Minute, und die Leute bei den Kesseln flüstern sich lächelnd zu, daß Lawson Übertouren mache. Und nun steht er wieder einmal – zum wievielten Male heute schon? – bei den Lenzpumpen, öffnet hastig die Probierhähne; läßt den Dampfstrahl zischen und nickt erleichtert mit dem weißen Kopf und beginnt das Spiel von neuem.

Ah, diese Lenzpumpen, die Hetze, die Pfuscherarbeit! Unsinn, Lawson, auch diese Pumpen sind solide Arbeit, wie alles, was im Krater steht! Er weiß es ja im Grunde selbst, er weiß, daß das, was ihn quält, eine fixe Idee ist, und kann sich doch nicht frei machen und ist wohl verdammt, bis zum jüngsten Tage von Pumpe zu Pumpe zu laufen und die Probierhähne zu drehen!

Kesselgruppe VI wieder einmal . . . das Sorgenkind! Als er den Hahn öffnet mit seinen nervösen Fingern, sieht er in ein bekanntes Gesicht: »Allright, Joe!« Das ist Mac Naughton, alter Kampfgenosse aus den ersten 103 Kraterzeiten . . . einen besseren Mann hat die Station Unitrusttown in dieser Stunde nicht auf seinen Platz zu stellen.

»Well, Mac, und gib gut acht bei den Pumpen!«

»Ohne Sorge, Joe . . . hallo, hast du auch zehn Cent in den linken Schuh gesteckt, Joe?«

Lawson wird ein wenig rot . . . unpassender Aberglaube eigentlich für den Chefingenieur des Unitrusts . . . immerhin, jede große Ingenieurtat ist Wagnis. Sie reichen sich lachend die Hände: »Zehn Atmosphären . . . Zeit für dich, hinaufzufahren, Joe!«

»Die Pumpen, Mac!«

»Fahr zur Hölle, Esel!«

Lawson geht, hundert Schritte in der Minute bereits, auf den Lift zu.

* * *

Sonne auf dem Glasdach der Halle, weißglühende Sonnenflecke auf dem Klinkerboden, Feuerbündel auf den Steuerungen der Turbinen, den Kupferringen der Dynamos, die nun bald blaues Feuer sprühen werden, wenn erst der heiße Lebensatem durch die Düsen dieser fünfzig Giganten pfeift!

Die Leute auf den Galerien der Maschinen treten ungeduldig von einem Fuß auf den andern, sehen auf die Manometerzeiger: Dampf genug . . . wenn nur Lawson käme! Die Züge spannen sich, die Hände greifen nach den Wischlappen, polieren Armaturen, an denen es nichts zu polieren gibt, probieren mit Schlüsseln an Lagerschrauben herum, die festsitzen wie die Klammern, die die Welt zusammenhalten: wann zum Teufel geht es endlich los?

104 Und inmitten dieser zitternden Indikatoren und Menschen, die sich gegenseitig ins Gehege kommen mit ihrer nervösen Geschäftigkeit, an der großen Kommandostelle mit ihren Telephonen und hundert Hebeln und Tourenmessern und Kontrolllampen sitzt in Hemdärmeln in seinem bequemen Stuhle neben dem Maschinenmeister John Mears Elihu Grant und raucht. Oh, gute Zeiten hat man eben, die Augen sehen, obwohl der Doctor Schirwind sich keine Illusionen über diese Besserung macht, wieder ein wenig klarer seit vier Wochen, und für die Schmerzen gibt es Alkaloide. Und Elihu Grant, für den dies im übrigen ein Arbeitstag ist wie jeder andere, raucht seine berühmte zweizackige Spitze . . . Ja, da eine Zigarre nicht genug Rauch hergibt, so hat man sich eine Spitze für zwei machen lassen; und in jedem Loch steckt da so eine armdicke Importe, und da sitzt das Ungeheuer, saugt, daß die Zigarren knistern, und stößt Wolken aus wie der Gesetze gebende Gott auf dem Sinai . . . go on, Jonny, erzähle, wie ich Dick Brooker verhauen habe . . .

Und Jonny Mears, der einmal vor zwei Jahrzehnten mit Elihu Grant auf der Grube »Father Sam« Heizer gewesen und ja dann in seiner Laufbahn erheblich hinter Grant zurückgeblieben ist, erzählt dem hemdärmeligen Präsidenten des Unitrusts die Geschichte, wie Elihu Grant in der Bar Dick Brooker geworfen hat wegen Peggy Swea . . . großer Gott, was hat Elihu Grant damals für Kinnhaken ausgeteilt!

Und Elihu Grant sieht wehmütig auf seine Arme: »Damals ein fixer Kerl, Jonny . . . Jetzt ein alter Kadaver . . . mußt eine Zigarre nehmen, Jonny . . .«

Und wie Jonny nach einer dieser gefürchteten Zigarren greift, die im Gegensatz zu den von Elihu Grant selbst gerauchten wie schwelende Zündkabel schmecken, da endlich leuchtet 105 die Scheibe auf: »Gruppen eins bis fünf Achtung . . . Leute an die Plätze!« Das ist Lawson, der unterwegs ist!

An die Steuerungen springen sie, das Finish beginnt! Auf der Galerie von Maschine VII ist inzwischen eine Petroleumkanne umgeworfen und tropft dem untenstehenden und mit Segenswünschen nach oben quittierenden Obermaschinisten Mattison in den Halskragen, bei Nr. II fällt es dem Schotten Mac Dougal ein, jetzt, wo die Maschinen ihm in der nächsten Minute den Arm ausreißen können, im Kupplungsgehäuse zum zehnten Male nach einem vielleicht doch noch gelockerten Bolzen zu suchen. Da endlich öffnet sich das Schott des Aufzuges, Lawson wird sichtbar, läuft nach der Kommandostelle, schiebt unsanft Elihu Grant beiseite, greift wieder nach dem Telephon: er hat während der siebzig Sekunden Fahrt an Macs Pumpen gedacht, nun muß er daran denken, daß Turbine VII ein wenig schwer anspringt, daß Mattison zu roh Dampf geben könnte . . . das Telephon zittert in seiner Hand.

»Du bist nervös, mein Junge . . . nimm eine Zigarre, mein Junge!«

»Stop your nonsens!« So weit ist es mit Lawson gekommen, daß er Elihu Grant anpfeift.

»Erledigt«, denkt Grant, beobachtet ihn durch die Dampfwolken seiner Zigarre und denkt darüber nach, wie man einen Lawson wird ersetzen können . . .

Aber da strafft sich das schlaffe Gesicht des andern, und nun hat er die Hand an den Hebel gelegt: »Slow, boys! Sanft anlassen, Mattison!«

Und horch, da beginnt es zu singen in tiefem Urbaß unter den Mänteln von Nickelstahl, wird höher und höher, 106 durchläuft chromatisch die ganze Skala bis zu einem soliden, reinlichen Ton, hat die Kupplung erwischt, jagt blaues Feuer aus den Bürsten: die erste Gruppe läuft.

Ein neuer Hebel nun und eine neue Gruppe, wieder der tiefe, volle Baß und das gewaltige Crescendo der Düsenräder, und Lawsons Gesicht, das plötzlich wieder jung geworden ist, allen weißen Haaren zum Trotz, lächelt, lacht wie das eines großen Jungen, dessen neuer Drache den Probeaufstieg besteht: »Get up, Johnston!«

Neue Maschinen singen, die Halle beginnt zu beben, und Lawson denkt, als er die nächste Gruppe eingreifen läßt, an das glückbringende Zehncentstück in seinem Schuh, an Mac, an die Kesselgruppe VI, an die Lenzpumpen . . .

Verfluchte Angst, verdammte Nerven! Er greift nach dem Telephon, läßt es wieder sinken: die letzte Gruppe erst anlassen, das volle Spiel der großen Orgel hören, mögen sie dann wieder kommen, die Sorgen!

Und wieder die blauen Feuer, und nun der heiße, brenzlige Duft der entfesselten Kräfte . . . Aetherhauch, Atem der Sonnenräder! Und wieder die schönen, vollen Akkorde der Maschinen, und endlich, vom Himmel fallend und alles Singen übertönend, das Geheul der Sirenen oben, die das vollendete Werk grüßen: Sphärenmusik . . . Triumphgesang . . . Ja, wer jetzt sterben könnte, Lawson!

Und wie er dasteht und hinüberwinkt zu den alten Kampfgenossen auf den Maschinen und doch wieder mit hastigem Blick diese verdammten Indikatoren streift, da sieht er plötzlich den Zeiger zittern und sieht, daß die Touren der letzten fünf Turbinen absinken. Pumpen bei Gruppe VI . . . Fünfcentstück im Schuh . . . Sprechtrichter hoch . . . weswegen meldet Mac sich nicht?

107 Und wie er ungeduldig mit dem Fuße stampft und vergebens auf Macs Antwort wartet, da leuchtet plötzlich die große, gelbe Scheibe vor ihm auf, und nun mischt sich ein fremder, ein ungehöriger Ton in das saubere Summen der Maschinen: Signal aus dem Schacht . . . das große Alarmsignal!

Was ist geschehen, was?

Er legt seufzend den Haupthebel um, das Summen der Turbinen wird tiefer, die Baßstimme verstummt, nur dieses verwünschte Signal bleibt, das Heulen des Alarms. Und Lawson kann es nicht hören . . . Es geschieht, daß er einen Augenblick die Hände vor die Ohren hält . . . nichts hören, ach, nichts hören . . .

Kopf hoch, Lawson, hinein in den Lift und hinunter mit dir in den Höllenpfuhl! Erst als er die Türen hinter sich geschlossen hat und draußen schon die Höhenmarken vorüberfliegen, merkt er, daß da noch ein anderer bei ihm ist, und daß eine Hand sich auf seine Schulter legt: »Go on, old boy . . . Law-Law . . .« Noch hat kein Sterblicher den großen Elihu Grant so weich und zärtlich beinahe gesehen als jetzt, wo er seinen alten, vom Schicksal verfolgten Kampfgefährten zu trösten versucht.

»Nimm's dir nicht zu Herzen, mein Junge . . . way in the world not?« Da schlägt Lawson hier, wo sie allein sind, die Hände vors Gesicht: kann nicht mehr . . . erledigt . . . verbraucht! Und der andere, der halbblinde, kranke Mann mit dem Satanswillen weiß nun, daß er diese Schicksalsstunde seines Werkes wird allein bestehen müssen.

Halt nun, und auf die Türen!

Da liegt schon die Bescherung vor ihnen: die ganze Halle voller Dampf, Bogenlampen brennen mit rötlichem Schein in 108 der trüben Sauce, irgendwo im Hintergrund donnert und zischt es . . . man kann nichts sehen.

Dann plötzlich stehen Leute mit verzerrten Gesichtern vor ihnen, drängen nach dem Lift: Horson, Featonby, Masterton, Smart . . . die Elite der Ingenieure und Werkmeister, erprobt in hundert Gefahren, in eine hirnlose Hammelherde nun verwandelt von der Panik: Kessel bei VI hochgegangen . . . Mac verbrüht . . . alles verloren . . . Und die Leute drängen in den Förderkorb.

Lawson vertritt ihnen den Weg, er hat die Waffe gezogen und droht Dummheiten zu machen; Elihu Grant zieht ihm den Arm herunter: »Ruhig, Law!« Dann wendet er sich zu den andern: »Wer gehen will, soll gehen, keiner, der auskneifen will, wird gehalten . . . glückliche Reise . . .«

Unschlüssig stehen die Leute da, sie wissen, daß Elihu Grant morgen schon fürchterliche Musterung halten wird. Dennoch: sie haben unter ihren Kesseln die Kühlventile abgestellt, sie haben ihre Pflicht also getan – sie können schließlich nichts dafür, wenn Macs Kessel in die Luft gehen! Hinausgeworfen werden von Elihu Grant . . . Ja . . . besser immerhin, als hier ein paar tausend Fuß unter der Erde gesotten werden wie ein Krebs! Farwell . . . sie drängen in den Förderkorb . . . Kimber, der lange Marriot und Featonby sind die einzigen, die bleiben.

Vorwärts also: es gilt die Halle, es gilt, da nach drei Tagen diese New-Yorker kommen, den ganzen Krater vielleicht! »Du mußt mich ein wenig führen, Law!« Und auf Lawson gestützt, der augenblicklich zu nichts gut ist, als den Führer eines halbblinden, kranken Mannes zu spielen, marschiert Elihu Grant vorwärts in das römisch-irische Bad, dem Donnern der unsichtbaren Ströme entgegen.

109 Ein fortgeworfener Gummistiefel zuerst, Werkzeug hier und da, eine abgestreifte Maschinistenbluse. Dann das Bassin des Vorwärmers und dahinter ein Mensch, der die Hände vor das Gesicht hält und herumirrt wie ein Blinder. Mac.

»Hallo, Mac!«

Der andere horcht auf, nimmt die Hände fort: ein ganz verschwollenes Gesicht kommt zum Vorschein, auch die Augen sind verschwunden unter der aufgetriebenen Haut; das Ganze sieht wie eine Melone aus, und da Mac außerdem Oelspritzer in hübscher, ornamentaler Anordnung in diesem Antlitz hat, und da er offenbar nicht ernsthaft verletzt ist, so muß man eigentlich lachen über seine Metamorphose.

»Kessel hoch, Mac?«

Ach was, kein Gedanke einer Explosion: die Pumpe ist zum Teufel, er hat sie vergebens zu flicken versucht. Dafür eine hübsche Menge Grundwasserdampf unter dem Kessel . . . Ventile des Fundamentes blasen ab . . . die ganze Sauce ihm ins Gesicht: blind für acht Tage, Herr! Und Mac meldet sich krank und versucht zu grinsen mit seinem Melonenantlitz.

Lawson atmet auf: »Kühlventile angestellt, Mac?«

Mac besinnt sich: nicht so einfach, nach der Backpfeife da seine Gedanken beisammen zu haben! Kühlung? Ja, Mac hat's versucht, hat sich hingetastet an den Schieber trotz der blinden Augen . . . tolle Geschichte, Herr: Sperrad hat Leerlauf, Herr, weiß nicht, warum . . .

Lawson horcht auf: Was ist das? Was Mac da sagt, klingt wie ein Unsinn, und doch ist Mac zuverlässiger als das Planetensystem! Und plötzlich fällt Lawson die gestrige Szene in der Halle ein: der Mensch, den er dort bei den Kesseln zu sehen geglaubt hat . . . der Verrat, die heimtückische Zerstörung, gegen die man machtlos ist!

110 Und Lawson stöhnt auf. Verflucht . . . oh, als Narr gebrandmarkt, wer sich auf Menschen verläßt!

Elihu Grant rüttelt ihn an der Schulter. Lenzpumpe bei VI zum Teufel, Grundwasserdampf unter den Kesseln, Kühlung defekt . . . keine Philosophie jetzt, wenn man nicht mit dem eigenen Feuerwerk in die Luft gehen will! »Thanks Mac . . . holen dich!«

Im übrigen: vorwärts und dem Feind in die Zähne gehauen! Auf Featonby gestützt, marschiert er in das Grau hinein, sieht vor sich die Front der Kessel, tastet sich zu Gruppe VI, bleibt stehen: zwei Dampfstrahlen aus den Ventilen des zum Bersten belasteten Kessels, Manometer ein paar Grade über dem ominösen Rotstrich, zischende, mächtige Dampfgarben aus den Bodenventilen – man hat die Wahl, gesotten zu werden wie ein Krebs oder hochzugehen mit den Kesseln!

Dennoch, da es nun einmal sein muß: an die Handpumpen und das Wasser unter dem Kessel hervorgeholt . . . Ja, liebe Jungen, es ist ein wenig heiß, man kann ebensogut in einen Topf mit kochendem Wasser fassen . . . aber es muß wohl sein!

Und da steht der ehemalige Heizer von der Grube »Father Sam«, hat sich die Hände mit Putzwolle umwickelt und arbeitet wie in alten Tagen, umzischt von der Hölle. Hollo ja, damals ein fixer Kerl, nun ein unnützer, halbblinder Kadaver . . . tausendmal besser, hier zum Teufel zu fahren, als in einem Rollstuhl zu krepieren!

»Vorwärts, Jungen, der Krater!«

Die drei Jungen stehen zögernd, suchen verlegen nach einem Schutz für die Hände. Halbblind und vom Tode gezeichnet ist keiner von ihnen – jeder hat so eine Cecily Burgeß in der 111 Oberwelt, jeder ein junges Leben zu verlieren. Und dennoch: da steht der alte Mann, der große Kapitän, der Gottseibeiuns, der Held, steht über der dampfenden Hölle und ficht für sein Werk – ein Schweinehund, wer ihn im Stiche läßt!

Featonby, der zierliche, kleine Australier, ist der erste, Kimber folgt und der gigantische, lange Marriot. Da stehen sie, schaffen an den Handpumpen, sehen, wie auf den Armen, auf den Händen die Haut verquillt zu einer weißen, gekochten Masse, fühlen, wie es Blasen zieht auf dem Gesicht, wie die Augen zu verschwellen drohen. Man beißt sich die Lippen wund und arbeitet, arbeitet, bis der Schmerz der Glieder allmählich schwindet, und verbeißt sich in sein Werk. Vor hundert Jahren hat man sich für Wellingtons Standarten zu Tode gerauft, nun ist es ein anderes Symbol geworden: das Menschenwerk, das bißchen Berufsehre inmitten der allgemeinen Sinnlosigkeit . . . vorwärts, besser mit einem Schlage zum Teufel gehen, als in einem erstklassigen Sanatorium an Magenkrebs zu sterben als alter Mummelgreis!

Und sie arbeiten. Die Pumpen stöhnen, Ströme kochenden Wassers lecken über die Fliesen. Und dennoch zischt es immer stärker hervor aus den Bodenventilen, dennoch steigt dort unter ihren Füßen der Druck, dennoch werden sie zum Teufel fahren! Und verzweifelnd an ihrem Beginnen, verzweifelnd an den armen jungen Kerlen, die da für ihn und sein Werk fechten, beginnt der ehemalige Kesselheizer, der harte, böse Elihu Grant, um den drei die Katzbalgerei mit dem Tode leichter zu machen, unter der Arbeit die dürftigen Anekdoten seiner Jugend zu erzählen: »'n Raubmörder soll im Februar hingerichtet werden . . .«

»He, wo ist eigentlich Lawson?«

Lawson ist unbrauchbar, Lawson hat sich überflüssigerweise 112 und natürlich ohne jeden Erfolg bemüht, die elektrische Pumpe in Gang zu bringen – nun arbeitet er da mit Schraubenschlüssel und Hammer an der defekten Steuerung der Kühlventile herum, jetzt, wo sie doch alle Hände für die Handpumpen brauchen!»He, Law?«

Lawson hämmert.

»He, Law . . . hol' dich der Teufel . . . Du könntest ebensogut in unserer Gesellschaft zur Hölle fahren!«

Lawson schraubt, antwortet nicht.

Gut also: »'n Raubmörder soll im Februar hingerichtet werden, verlangt seine Henkersmahlzeit . . . die muß er bekommen. Verlangt der Kerl . . .«

»He, Law, was treibst du eigentlich?«

». . . verlangt der Kerl also Himbeeren. Frische Himbeeren! Im Februar frische Himbeeren . . . haha, im Februar . . .«

»Aushalten!«

Das ist Lawson gewesen, er überbrüllt das Knattern des strömenden Dampfes. Inzwischen ist der lange Marriot fertig, hat ein versagendes Herz und liegt auf den Fliesen . . . Ja, Marriot, ein großer Mörser schießt nicht weit! Und unter den Fliesen donnert es nun und schlägt wie ein eingesperrter Riese gegen die Betonfundamente, die Stahlplatten, drängt gegen die Abblaseventile . . .

»Fertig . . . gleich!«

Ist Lawson verrückt? Es ist zu Ende, zu Ende, meine Jungen, wir fahren zur Hölle mit zehn Atmosphären unterm Hintern und brauchen nicht an Magenkrebs zu sterben! Vorwärts, meine Jungen, singen wir uns eins, meine Jungen:

»A Yankee boy is trim and tall
And never over fat, Sir!
At dance and frolic, hop and ball
As nimble as a rat...
«

113 Die beiden noch aufrecht stehenden Jungen starren ihn an, ein Grauen überkommt sie nun doch: das ist kein Mensch, dieser gealterte, feiste Mensch mit den toten Augen, der da singt . . . es ist ein Dämon, es ist der Satan selbst! Und wie sie an den Pumpen stehen, diese Männer im feurigen Ofen, und ihr höchst gottloses Gebet gen Himmel singen, da beginnt es plötzlich zu heulen und zu pfeifen unter ihnen, und dann knattert und faucht es eine höllische Begleitung zu ihrem Gesang, und Lawson dreht an der Steuerung und bemüht sich, ihnen irgend etwas zuzuschreien, und man kann doch nur sehen, wie er sein Gesicht dabei verzerrt. Und plötzlich begreift man auch, was er inzwischen getrieben hat: daß er die Steuerung der Ventile wieder klar bekommen hat, daß es die Kühlung ist, die unter ihnen in das Höllenfeuer bläst! Er, der arme, überalterte Lawson, dessen Haar so früh gebleicht ist . . .

Und Elihu Grant sieht, wie die beiden Jungen erschöpft zur Erde fallen, und macht innerlich eine grimmige Bemerkung über diese Jugend, die auch gar nichts mehr verträgt. Und dann, wie das Brodeln der Hölle allmählich verstummt, steuert er auf Lawson zu: »Das hast du ganz gut gemacht, Law-Law . . . du hast dich gewiß angestrengt, mein Junge, du mußt rauchen . . . du sollst eine Zigarre haben.«

Und wahr und wahrhaftig langt das Ungeheuer mit den verbrühten Händen nach seiner Tasche und holt die Belohnungszigarre heraus, wie Napoleon das Kreuz der Ehrenlegion: eine Giftnudel, ein Zündkabel . . . Aus Brusttee bestehen die Zigarren, die Elihu Grant seinen Lieblingen offeriert, und als Deckblatt wird, wie es scheint, eine ausrangierte Guttapercha-Isolierung verwendet.

Lawson sieht ihn verständnislos an, hält ihm zitternd ein Eisenstück entgegen, mit dem Elihu Grant nichts anzufangen 114 weiß. Und Lawson, der erledigte, ausgepumpte Lawson, zeigt mit bebenden Fingern auf den tiefen Feilenschnitt mitten im Sperrbolzen, und gerade hier bei diesem Feilenschnitt ist der Bolzen gebrochen.

»Weißt du, was das ist . . . weißt du? Verrat . . . Sabotage . . .« Lawson kann nicht mehr, ein Weinkrampf schüttelt den einst unverwüstlichen Lawson.

Der Teufel, schon wieder eine frische Importe paffend, sieht ihn verständnislos an: »Verrat? Warum?«

* * *

Ja, warum?

Im Kesselschacht sitzt in den nächsten Tagen ein alter, weißhaariger Mann, dreht ein paar angefeilte Eisenstücke in der Hand und wird diese folternde Frage nicht mehr los. Nein, nicht die Sperrbolzen der Kühlungssteuerung allein waren durchfeilt, tiefe Feilkerben haben an ihren Bruchstellen auch die geknickten Hubstangen der Lenzpumpen gezeigt. Die Ventile haben ordnungsmäßig abgeblasen, die Maschinen wundervoll gearbeitet, die Kesselfundamente eine nie wiederkehrende Belastungsprobe ausgehalten, nichts war Pfuscherarbeit, nichts hat versagt – ausgenommen die Menschen!

Warum dieser Verrat? Woher dieser Haß gegen sein Werk, gegen die Maschine, gegen den Fortschritt?

Nein, Lawson, der seit jenem Tage bis auf weiteres unten in der Kesselhalle schläft, weiß keine Antwort und versteht seine Zeit nicht mehr. Die Schäden sind sehr bald repariert; in drei Tagen, wenn die New-Yorker hier sind, werden die Maschinen wieder laufen. Und die Halle wird bewacht und das ganze Arbeiterheer von Unitrusttown bis auf die Maurer an den neuen Kaibauten unten am Meer durchsetzt mit Twos 115 Geheimagenten. Aber der Attentäter läßt sich nun einmal nicht aufspüren – weder hier noch in New York, wo in diesen Tagen an den Piers von Hoboken über Nacht ein großer Unitrustliner mit geöffneten Bodenventilen wegsackt, wird etwas entdeckt.

Und in seinen Nächten fährt Lawson aus dem Halbschlaf, fährt auf die Wache los, die vor den Kesselfronten patrouilliert, erfährt zum zwanzigsten Male, daß alles in Ordnung sei, legt sich wieder, träumt, daß Grant ihm aufgegeben habe, binnen drei Tagen absolut zuverlässige Menschen aus Chromnickel zu konstruieren, fährt wieder auf, starrt mit brennenden Augen in das Halbdunkel, fragt sich wieder, warum man sein Werk so haßt, findet keine Antwort und versteht, wie gesagt, seine Zeit nicht mehr.

Dafür gibt es in Unitrusttown einen anderen Mann, der seine Zeit desto besser versteht!

Dort oben in dem Turm, der sich eigenwillig aus den grauen Steinmassen des Florentiner Palastes aufreckt, dicht unter dem Dachhelm liegt ein kleiner, schmuckloser Raum. Leicht ist es nicht, ihn zu finden hinter dem Dachsbau der Gänge und Treppen – nicht fünf Menschen gibt es, die ihn betreten haben. Stahlwände und Stahltüren, die sich schließen wie die eines Banktresors – das Ganze sieht aus wie der Turm eines Panzerschiffes.

Nehmt euch in acht: dies ist das Hirn der Welt, hier wohnt die Macht! Tag und Nacht bückt sich da mit seinem Hörhelm einer dieser geplagten wirelessmen über seinen Tisch, in irrsinnigem Wechsel knattert es oben in die Antennen: Börsenkurse, Huldigungstelegramme, Bittgesuche europäischer Ministerien, Hiobsbotschaften und anonyme Drohungen, die aus den Tiefen der geknechteten Menschheit kommen.

116 Gemach, noch etwas anderes birgt dieser Raum: grüne und rote Drähte kriechen durch enge Schlitze unter dem Dach, vereinigen sich in seltsamen Apparaten, verlassen sie als dicke Kabelschlangen, finden sich wieder zusammen unter Schaltbrettern mit Hebeln und Kurbeln und Indikatoren – alles das ist wiederum nur da für den einen stählernen Riesenhebel, mit dem man die Welt bändigt! Noch sind es ja die Kräfte eines einzigen Kesselschachtes, die in dieser Teufelsmaschinerie wohnen . . . wehe der Welt, wenn erst die ganze Höllenmacht des Kraters in ihr zittert: den Hebel herum – die Welt steht in Flammen!

Hier oben empfängt der sieche Mann Lawson. Was denn? Irgend solch ein Höhlenmolch hat ein paar Maschinen beschädigt; auf der südamerikanischen Station ist unter irgendeiner wertvollen Maschine eine Sprengpatrone hochgegangen, in Hoboken haben ein paar schlecht bezahlte Heizer zehntausend Tonnen versenkt: was weiter?

»He, Law . . . wann also werden deine Maschinen wieder laufen?«

Es ergibt sich, daß morgen schon die Kessel von neuem unter Dampf sein werden. »Und wenn die New-Yorker kommen, Law, dann nimmst du den Wald!«

Lawson spielt an der Kurbel des Senders, sieht den andern erschreckt an: »Der letzte Wald in Eucalypto . . .«

»Den Wald, habe ich gesagt.«

Die Tür geht, der Sekretär One erscheint: Hyslop und Withening . . . endlich sind sie eingetroffen, mit drei Riesenautomobilen, einem Stab von Sekretären und Reportern, die sie nach sich ziehen wie der Komet den Schwanz, mit Vollmachten und dem lebhaft geäußerten Wunsch, bei Elihu Grant 117 vorgelassen zu werden . . . in einer Stunde spätestens, sofort, wenn es beliebt . . .

Elihu Grant sieht die Spitzmaus One an: »Vorlassen? Sie wagen es, mir diesen Unsinn auszurichten, Sie unterstehen sich . . .«

One hat es bereits vorgezogen, das Zimmer wieder zu verlassen.

Und drei Tage vergehen, und die Kommission weiß eigentlich nicht, was sie anfangen soll in Unitrusttown. Man öffnet ihr wohl, damit sie sich von der Verwendung der amerikanischen Staatssubventionen überzeugen kann, ein paar Bureaus . . . Man treibt es so weit dabei, daß man sie auf Grants ausdrücklichen Befehl nicht einmal zum Sitzen nötigt. Der Krater? O nein, die Wachen, die vor der Förderhalle stehen, sind mit einer solchen Besichtigung durchaus nicht einverstanden, und da alle nach Washington gesandten Telegramme zunächst nichts nützen, so hält der Tribun Reginald Hyslop es für angebracht, in den nächsten Tagen inkognito die öffentlichen Institutionen von Unitrusttown zu besichtigen – Alhambra, die Kasinos in der Unterstadt, die öffentlichen Anstalten des Doctor Schirwind. In später Stunde kehrt Reginald Hyslop inkognito, aber ein starkes Lied singend, als fröhlicher Landmann von der Arbeit heim.

Und da der andere, da der mit einer Rückenverkrümmung, einem Riechfläschchen, einem Lorgnon und einem theosophischen Weltbild behaftete Präsident des Kolumbiapressekonzerns Ward Whitening an Migräne leidet und in den nächsten drei Tagen seinen gelbseidenen Schlafrock und seine Piecen im Grand-Hotel nicht verlassen kann, so arbeitet die Maschinerie Elihu Grant in diesen Tagen weiter mit ungeminderter Tourenzahl: bei Gott, es weht ein scharfer Wind in diesen Tagen 118 durch den Krater, und er trägt alle fort, die nicht mehr fest am Aste sitzen! Alle fliegen, die neulich im Kesselschacht versagt haben . . . Bramley, Horson, Smart, der große Smart sogar, dessen neuem Kühlsystem man soundso viele Monate Zeitgewinst verdankt . . . sie lernen das Fliegen ohne Rücksicht auf Alter und Verdienst: got to the devil! Dafür liegen da im Spital die braven Jungen, diese drei, die nicht versagt haben . . . Ach was, gegen verbrühte Hände gibt es Essigumschläge, und wenn diese Hände selbst für Lebenszeit deformiert bleiben sollten: Elihu Grant vergißt nicht!

Niemand sieht in diesen drei Tagen Elihu Grant – niemand, der nicht jenes verborgene, einsame Zimmer kennt in dem großen Dachsbau von Unitrustpalace. Man steht nicht ungestraft eine Stunde in kochendem Dampfe, wenn man die Pest im Blute hat, man ist nicht ungestraft für eine Stunde stärker als die Jungen, die Kraftstrotzenden, wenn man ein siecher Mann ist: am vierten Tage nach diesem denkwürdigen im Kesselschachte Nr. I beginnt es wieder zu flimmern vor diesen armen Augen, und der Doctor Schirwind legt achselzuckend den Augenspiegel fort. Und dann, während Lawson unten durch die Kesselhalle geistert, kommt wieder die große Nacht über Elihu Grant und mit der Nacht wütende, entsetzliche Schmerzen, die wie Blitze durch die Glieder fahren und den Starken, den Sieger, den Helden in ein brüllendes, armseliges Bündel verwandeln:

»Schinder . . . Hund . . . Henker . . .«

Und dann ist endlich am Morgen des fünften Tages, an dem den Senatoren Whitening und Hyslop das Spiel der Kraterkräfte gezeigt werden soll, die Erschöpfung gekommen und mit der Erschöpfung ein wenig Schlaf. Und da sitzt in seinem kahlen, weißen Zimmer unter den zischenden 119 Bogenlampen in seinem großen Stuhl wie ein feistes asiatisches Götzenbild der Herr der Welt und schlummert ganz friedlich.

Und Elihu Grant lächelt, und Elihu Grant träumt vielleicht von einem kleinen Bauernhause am Lochneß oben, ohne Antennen und Stahlwände . . . Septembersonne, harter Boden, Forellen im Bach . . . Und der schwarze Leiblakai Herkules nimmt behutsam seinem Herrn die Importe aus dem erschlafften Munde, schleicht sich zum Schalter: es ist zwar streng verboten, die Lampen zu löschen . . . vielleicht schlummert aber der Herr, dem ja noch immer ein Lichtschein verblieben ist, ein wenig besser im Dunkel . . .

Auf Zehenspitzen schleicht der Neger, der seinen Herrn die ganze Nacht gestützt hat, zu seiner Kabine nebenan, wirft die Livree ab: zwanzig Stunden ist er, wie einst der berühmte Mameluck Rustan, der Diener des Herrn der Welt, ist er selbst ein Machtfaktor gewesen. Nun ist ein armer, müder Nigger, ein Halbaffe mit melancholischen Augen übriggeblieben . . . der rotsilberne Rock liegt am Boden, die schwarze Hand netzt die Stirn mit Wasser, der gigantische Leib neigt sich gegen Ost: Gott ist der Anfang, Gott ist das Ende . . . groß ist trotzdem Elihu Grant, man weiß nicht, ob er am Ende nicht größer ist als Gott . . .

Und dann liegt der Neger Herkules in tiefem, tierischem Schlafe, sieht den schimmernden Strom durch den Wald ziehen und ganz fern die Insel, auf der die Götter wohnen. Ganz still ist es dort, wie am siebenten Schöpfungstage . . . Tiere und Menschen, ein Männlein und ein Fräulein . . . siehe Herkules, alles ist sehr gut.

Und nun schläft wirklich ganz Unitrustpalace. Wind heult oben in den Drähten, kommt mit starkem Salzhauch von der 120 See, bringt Schlaf und Erquickung über müde Nigger, schlummert selbst ein und verstummt.

Zwei Stunden ist es so, und erst um fünf Uhr in der Frühe geschieht es, daß Herkules in seinem Schlafe ein langgezogenes Heulen hört. Noch immer träumend, denkt man an das Nächstliegende: der Dorfälteste Makito ist in den Wald gegangen . . . vielleicht, daß der Tiger ihn erwischt hat, daß er so heult. Und wenn es nicht Makito ist, so sind es die Götter, die sitzen im Schilf am Strom, weinen laut, wenn die Schiffe der Weißen kommen und die junge Mannschaft der Dörfer aus dem Lande führen . . . oh . . . oh . . . Plötzlich ist Herkules wach, er weiß nun, daß es kein Negergott ist, der dort heult: er ist in seine Livree gefahren und steht neben seinem Herrn.

»Die Dunkelheit, Nigger . . . Hund . . . Satan . . .«

Grants Fuß trifft ihn vor die Brust, der Neger krümmt sich demütig zusammen, geht zum Schalter, der Raum liegt wieder in seinem kreidigen Licht. Die Tür geht, der Doctor Schirwind erscheint, der Kranke brüllt ihm seinen grausamen Schmerz entgegen: »Schinderknechte, Troglodyten . . . versteht keinen Ochsen zu kurieren . . . gar so'n Menschenbein . . . oh . . . oh.«

Der ehemalige Kesselheizer tobt, der Doctor Schirwind neigt sich mit leise ironischem Lächeln über den kranken Koloß, die Spritze klirrt leise, das erlösende Gift schleicht sich durch die Adern . . . plötzlich, befreit von diesen Schmerzensblitzen, beginnt dieser fürchterliche Motor wieder zu surren: »Das Frühstück . . . wo nur das Frühstück bleibt, Nigger . . . gönnt mir nächstens auch das wohl nicht mehr?«

Der Pantry öffnet sich, das Frühstück, dieses für das Gebiß und den Magen eines Nilpferdes berechnete, vom 121 Küchenchef des Teufels mit allen Gewürzen der Höllenapotheke paprizierte Steak von der Größe einer Schießscheibe ist da. Elihu Grant beginnt zu schlingen, wirft nach den ersten Bissen mit einem Wutschrei Messer und Gabel durch die Lüfte: »Die Zähne, Doktor, weswegen sind die Zähne stumpf? Weswegen sorgen Sie nicht, daß sie scharf sind? Weswegen zahle ich meine Leute umsonst, wenn meine Zähne nicht scharf sind?«

Der Doctor Schirwind murmelt etwas, was überhört wird. »Eine Feile, Nigger . . . will euch zeigen, wie man sich hilft.« Von den Elektrikern, die oben in der Zentrale den großen Sender auf den letzten Wald von Eucalypto einstellen, wird eine Feile gebracht; das Ungeheuer beginnt, während der Doctor Schirwind sich die Ohren zuhält, an seinem amerikanischen Pferdegebiß herumzukratzen, schlingt sein Frühstück, greift, während die Toilette beginnt, nach der Importe: »Stärker bürsten, Nigger . . . One, Lawson . . . wo sie nur bleiben . . . bezahle alle umsonst. Augen besser heute, Doktor, sehe, daß Sie 'n Gorilla sind . . . stärkere Bürste, Nigger . . . so . . . so . . .«

Und dann erwacht allmählich in dem ganzen Riesenbau das Leben, und wenn Elihu Grant nicht gar so viel Verachtung für die Senatoren Hyslop und Whitening hätte, denen man heute das Spiel der Lawsonschen Sender vorführen wird . . . beim Zeus, es würde kein geringerer Tag für die Siedlung Unitrusttown als der, an dem man die Turbinen hat laufen lassen! Und drüben im Grand-Hotel präpariert Whitening, der heute vor Grant stehen wird, seine große Rede . . . unerhörte Provokation der Staatsautorität, Mißachtung ihrer Repräsentanten. Und oben in der Zentrale sind die Elektriker fertig, und unten laufen die Turbinen, und oben die Hügel sind schwarz von Menschen: Reporter, Gaffer 122 aus allen Erdteilen, Operateure, Arbeiter . . . Ja, zum ersten Male seit vier Jahren ruht, wenn man von Kesselhallen und Maschinenräumen absieht, im Krater für ein paar Stunden die Arbeit!

Und oben in der Zentrale steht Elihu Grant, denkt an die Morgendepeschen aus New York, wo die Morgenblätter noch immer das Fiasko des Kraters verkünden: »Das Ende des Projektes Lawson-Three . . . das Ende Cancers . . .«

Cancer, sein Börsenspitzname . . . Cancer, der Krebs, der die Untauglichen frißt! »Führ' mich zum Schalter, Nigger.«

Und Grant liebkost das kühle Metall. Ja, heute zittern schon Gigantenkräfte durch die Drähte . . . Segen oder Verderben, mögen sie wählen, die da draußen! »Sag' mir, Nigger, wie viele von deinem Volk noch leben?«

Es ergibt sich, daß die Somali der Arbeit unter Tag nicht gewachsen gewesen sind . . . Herkules der letzte . . . Weiber leben noch, verkaufen sich an weiße Männer . . . nichts Gutes von ihnen zu sagen, Herr . . .

»Geh ans Fenster, Nigger, sag', was du siehst.«

Herkules späht durch den Schlitz, sieht die surrenden Wagen unten auf den Wegen, die Menschen sieht er, die vor dem Park sich drängen, die Tausende, die drüben auf den verödeten Weinbergen des ehemaligen Eucalypto das große Schauspiel erwarten. Den Wald endlich sieht er . . . Herkules liegt dort oft, wenn er in Unitrustpalace nicht gebraucht wird, Herkules denkt dort an die ewigen Wälder seiner Heimat . . .

Elihu Grant steht noch immer bei seinem Hebel: »Wenn ich das Eisen hier umlege, verbrennt dein Wald zu Asche.«

Der Neger sieht ihn fassungslos an, kriecht in sich zusammen vor dem Blinden, küßt Elihu Grants Hand: »Für deine Sünde, Herr!«

123 Da steckt Lawson den weißen Kopf herein: »Sie sind da.« Unten auf der Wendeltreppe hört man den Tritt vieler Menschen.

»All right, Law?«

Die Elektriker, die Lawson mitgebracht hat, hantieren noch einmal an den Mikrometern: »All right!«

»Gut, dann mögen sie kommen.«

Reginald Hyslop zwängt seinen dicken Bauch durch das Türschott. Whitening, Brust nach hinten, Rücken nach vorn, Kopf auf der Achsel, pflanzt sich auf vor Grant: nun fang' mal deine Philippika an, Whitening!

»Sitzen alle?«

Ja, alle sitzen, außer der Kommission, für die man auch hier keine Stühle besorgt hat. Hyslop, der zunächst auf ein feierliches Frühstück gehofft hat, wirft seinen Leib von einem Bein auf das andere.

»Well, Whitening, Sie sind gekommen, um zu sehen, ob der Krater ein Bluff ist. An das Fenster . . .«

Lawson dirigiert die beiden an den Schlitz.

Der Blinde steht an dem Zentralschalter.

»Go on, Law!«

Und nun ist die Verbindung da mit den Dynamos, die dort unten summen, wo sonnenübergossen der Riesentrichter des Kraters liegt. Nun klettern die Zeiger, nun glaubt man ihn wieder zu spüren, den Aetherduft der Riesenkräfte, die durch die Drähte zittern.

»Der Wald drüben, Whitening!«

»Get up!«

Elihu Grant hat den Hebel herumgelegt. »Dort . . . dort!« Diese Elektriker dort an den Suchern – blasierte Burschen wahrhaftig, wenn sich's um technische Künste handelt – sie recken die Hälse, zeigen mit zitternden Händen nach der 124 Brandwolke, die sich dort über dem Felshang, über den einstigen Weidegründen des Bauern Malphigi erhebt!

»Dort . . . dort!«

Bei Gott, dies ist entsetzlich: man hat an ein langsam beginnendes Feuer, ein schwächliches Schwelen vielleicht gedacht. Nun stehen dort plötzlich Bäume, die vor drei Sekunden noch grün waren, wie Zündhölzer in Flammen . . . Ja, eine riesige, explodierende Zündholzschachtel ist der ganze Wald . . . da, seht, die Felswand dort hinten selbst scheint zu glühen . . . aufgereckt wie eine Riesenhand steht die Brandwolke über dem Lande, verdeckt die Sonne, wirft das schwefelgelbe Licht des Weltunterganges über die Erde.

Und die entsetzten Herden in ihren Pferchen brüllen auf, und weit fort bis zum Meere pflanzt sich das Rufen der Menschenmassen dort unten: ja, Lawson, erst diese ist die Stunde des Triumphes.

»Genug, Law!«

Der Schalter gleitet zurück, die Zeiger sinken, die Welt dort draußen liegt in Asche. Und dann geht man hinunter, geht hinüber zur Brandstätte, geht durch die Spaliere jubelnder Menschen, durch die Cheers und die Akkorde der Blechmusiken und die Hupen der Wagen, durch diesen ganzen Brei von Akustik und menschlichem Jubel: der alte, blinde Kapitän und sein Kampfgenosse. Und in all diesem Tönen und Posaunen und Schreien hört Lawson nur die Worte, die der Blinde da an seiner Seite immer wieder murmelt: »Ich werde nichts sehen, Law . . . nichts.«

Und plötzlich stehen Lawson Tränen in den Augen.

Aus der Brandwolke loht der knisternde Wald, dunkelrote Gesteinsmassen scheinen zu glühen . . . es wird sehr heiß, nur ein paar hundert Meter noch wird man gehen können.

125 »Der Friedhof, Law, haben wir ihn schon?«

Ja, sie sind schon bei der kahlen Hochfläche, wo die Toten des Kraters schlafen: Weiße und Farbige, Russen mit dem Schrägbalken der Kirche, die Christi Bild rein bewahrte durch alle Jahrhunderte, und Juden mit den trostlos aufrechten Steinen . . . Silk-Jonny schläft wohl auch hier und der ehemalige Kürassier Ilja Fomitsch Gontscharow . . . Mohammedaner und Parsen und die wunderlichen Grabkegel der Neger: gestorben für einen Mann und eine Tat. Hier liegen wir!

Elihu Grant bleibt stehen.

»Wieviele, Law?«

»Neunhundert.«

»Nicht zu viele für vier Jahre, Law.«

Weiter. Nun laufen schon wie schwarze Schlangen die ersten Spuren der Grasbrände über den Boden, eine Füchsin – das letzte Wild vielleicht in diesem letzten Bezirk von Grün – lichtert verwirrt herüber, läuft mit heiserem Bellen dem johlenden Pöbel in die Fänge; der Boden glimmt noch . . . man muß dicksohlige Amerikanerschuhe haben, um hier gehen zu können.

»Ich kann nichts sehen.«

Den Augenblick völlig verkennend, in dem Elihu Grant stehengeblieben ist, steht Whitening in dem Halbkreis staunender Menschen, beginnt eine Ansprache, erinnert an die Vorsorge der Union, die das Werk erst ermöglicht habe, beglückwünscht sich selbst, mit so positiven Resultaten heimkehren zu dürfen kraft des Opfermutes der tausend Helden, die für das Werk gestorben seien . . .

Helden der Arbeit, Selbstverleugnung . . . oh, Helden unserer Tage, Whitening sitzt fest in einer Kunstpause, sieht sich hilfesuchend um, wird abgelöst durch eine tiefe, knarrende Stimme: »Ich kann nicht sehen, Whitening, ob Sie noch 126 immer ein Höhlenmolch sind, ein Troglodyt, Herr, eine seelische Mißgeburt . . .«

Und dann, mitten in der allgemeinen Erstarrung von tausend Zuhörern fährt Elihu Grant fort: »Sie können sich alles ansehen im Krater, von heute an . . . Sie können frühstücken nach Belieben in meinem Hause, Hyslop, Sie können auch Reden halten vor meinen Leuten. Aber heute . . . hier, hier haben Sie nichts zu suchen! Oh . . . was sind Sie? Nichtstuer, Herr . . . Schwätzer . . . ich kann Sie nicht brauchen! Ich will nicht, daß Sie sich vor mir noch einmal sehen lassen! Ja, bestellen sie in Washington, daß ich die nächste Kommission von Schwätzern in dem nächsten Wald festbinden lasse, den ich verbrenne! Ich will Sie nicht sehen« . . . er beginnt plötzlich zu schreien . . . »sie sollen fort! Two, in ihre Wagen sollen sie!«

»Ich werde Ihnen beim Einsteigen behilflich sein«, sagt mit aller Höflichkeit der Polizeichef Two. Die mitgeführten Wagen kommen nur langsam vorwärts samt der fassungslosen Kommission in der johlenden Menge . . .

»Nichts kann ich sehen!«

Mitten auf dem verbrannten Feld steht Elihu Grant allein, nur Lawson ist bei ihm, ehrfürchtig ist die stumme Menge zurückgeblieben.

Und Elihu Grant faßt die Hand des andern: »Sag' mir nun, was du siehst.«

Und Lawson erzählt: Glühendes Gestein . . . Bäume zu Aschkegeln verkohlt . . . ein paar Judasbäume noch brennend samt ihren Krähennestern wie Fackeln des Nero . . . um die verbrannte Brut kreischen die Alten . . .

Elihu Grant horcht auf: »Krähennester verbrannt?« Die Augen funkeln böse: »Weiter, Law.«

127 Vorn hier alles versengt . . . auf zwei Quadratkilometern alles versengt . . . hier vorn . . .

Lawson hat etwas entdeckt: hier zu ihren Füßen liegt eine Igelfamilie . . . eine säugende Igelmutter mit ihren toten Jungen an den Zitzen . . . von den Grasbränden überrascht, erstickt, verbrannt die ganze kleine Familie . . . vom großen Schöpfer hineingestellt in die Welt und von den Menschen zertreten. Und Lawson stockt plötzlich.

Elihu Grant reißt die blinden Augen auf: »Tot?«

»Tot.«

»Verbrannt?«

»Verbrannt.«

»Alles tot hier, mein Junge . . . oh, sag' mir doch, ob wirklich alles tot ist . . . siehst du: Gras, Bäume, Tiere . . . du mußt es mir alles sagen.«

»Alles tot.«

»Gib mir den Igel.«

Und Lawson hebt sie auf, die Leiche der kleinen Mutter, die vergebens die Hände ausstreckt nach dem Erbarmen des großen Schöpfers . . . reicht sie dem andern.

»Tot«, sagt der Blinde und betastet das Tier, und es klingt fast, als erleichtere ihn seine Feststellung.

Da stehen sie herum, steht seine Gefolgschaft, wagt nicht, sich zu rühren vor Grauen und Bewunderung.

Du da, denkt Elihu Grant, du vor zweitausend Jahren . . . wolltest die Liebe sein . . . warst ja nur ein Untauglicher, ein Exaltierter . . . gekreuzigt mit Fug und Recht. Ich bin die Tat. Ich bin die Macht. Ich bin die Zerstörung. Ich bin ewig.

Elihu Grant wirft die kleine Leiche von sich. 128

 


 

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