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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 2
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einst, meine Lieben, war um diesen heillosen Wassersturz des Niagara der undurchdringliche Wall von Schierlingstannen, und weit, weit hinaus auf Hunderte von Meilen das Brausen der Fälle, und es ist durchaus keine Legende, daß die Mohawks, die einst hier wohnten, diesem Urton göttliche Ehren erwiesen haben.

Nun, und wenn hier jetzt auch weder Urmenschheit noch Schierlingstannen zu sehen sind, so haben wir doch noch allerlei, woran das Herz hängt: Coat-Island mit seiner Kaffeehausterrasse und dem Blick auf die stürzenden Wassermassen, die die Turbinen großmütig übrig gelassen haben. Und da ist die wunderschöne, emsige Stadt Niagara, und da sind auf der amerikanischen Seite die Hotels, in denen New-Yorker Paare ihre legitimen oder auch illegitimen Liebesgeschichten zu Ende träumen. Und die Schöllkopfwerke sind zu bewundern und die Turbinenhäuser selbst, die beinahe so schön sind wie eine aus Anker-Steinbaukasten errichtete romanische Kathedrale. Und die Maschinenschächte, wo in den marmornen Generatorhallen aus dem Poltern des Niagara nur ein leises, sauberes Summen geworden ist, und wo ein blaublusiger Troglodyt vor den blinkenden Schaltbrettern steht, und wenn er nur will, so legt er ganz einfach den großen Haupthebel um, und man hat die Vorstellung, daß in diesem Falle ganz Amerika stille steht. . . .

Nun ja, meine für amerikanische Ohren vielleicht ein wenig rückständig klingende Frage muß man schon hinnehmen: 6 ob hier nicht einmal eine Riesenfaust definitiv zufassen könnte, und siehe – plötzlich stünde ganz Amerika stille, und nicht einmal die Meldungen über den Baseballkampf Brooklyn–Ohio könnte New York dann erfahren. . . .

Gewiß, ich weiß es ja und rechne vorerst damit: noch dreht die einst angebetete Kraft des Niagara die Teufelsräder der Radauplätze, prägt Kaugummi und Benzinfeuerzeuge und andere nützliche Dinge und jagt zu guter Letzt über eine Brandmauer von phantastischen Ausmaßen eine Riesenlichtreklame für Plantagenbitter und Reverend Chestertons Patentkruzifixe mit automatisch erteiltem Segen.

Ja, da bin ich also wieder einmal angelangt in diesem Amerika, wo einfache und geradlinige Menschen einen Gott verehren, der seine Lieblinge mit Bankkonten segnet statt mit einer ewig hungrigen Seele, und wo sie allesamt glauben, dieses emsige Leben werde immer so weitergehen, bis doch wohl einmal auch dieser ganze jungfräuliche Erdteil bis auf seinen letzten Quadratmeter überzogen ist mit einem Sediment von Fabrikschlöten, Volkshochschulen, Volksbibliotheken und Hundehütten, die man dann mit schönem Optimismus Kleinsiedlungen nennt.

Ja, seht: wieder einmal bin ich also, während die deutschen Zeitgenossen aus sieben und noch mehr Mündungen ihr neues Pathos verkünden . . . wieder einmal bin ich angelangt in meinem alten Liebling New York. Ihr aufrichtigen Menschen hier, die ihr so fröhlich seid in eurer Arbeit und so rührend in eurem Glauben an den Fortschritt der Welt – vergebt mir also, daß ich zuweilen die Riesenfaust nicht zu vergessen vermag, die plötzlich einmal die Schalter eurer Lebensströme umlegen könnte.

* * *

7 Siehe: vorderhand steht es noch in vollem Saft, dieses New York. Noch immer um diese Stunde, um rush-hour, saugt es aus Kontoren und Banken und Fabriken einen nicht unbeträchtlichen Bruchteil der gesamten Erdbevölkerung in die Schächte des Subway hinab . . . galizische Strumpfwirkerinnen und irische Dockarbeiter und italienische Maurer, vermahlen alle zu einem grauen, gleichförmigen Menschenbrei, hängen, müde und abgekämpft von einem New-Yorker Arbeitstag, nebeneinander in den Halteriemen der Wagen, atmen die heiße Luft des Subway, starren mit überreizten Blicken auf das vorüberfliegende Gestein . . . in drei oder fünf Etagen schießt diese Völkerwanderung täglich der oberen Stadt zu und am Morgen wieder hinunter nach down-town in ewigem Wechsel, wie Ebbe und Flut.

Und dann, aus dem Dunkel dieses Herbstabends sich schälend das, was dieser satanischen Stadt wie der veraltete Begriff einer Feierstunde erscheinen mag: die eleganten, niedrigen Wagen der gentry die mit langgezogenem Sirenenton und den junonisch schönen, kühlen Frauen an Bord zur Oper ziehen . . . der Run auf die Abendblätter, der letzte, auf drei Worte komprimierte amerikanische Witz, den man sich, ohne einander zu kennen, im Passieren zuschreit . . . von einem soeben überfahrenen uralten galizischen Juden noch der Blutfleck, den man flüchtig anstaunt und in fünf Sekunden unwiderruflich vergessen hat: an den marmornen Wänden der Broadwayschlucht beginnt, unabänderlich wie das Planetenspiel, das erste Lichtrad für Brougham-Pneus zu kreisen.

Hier aber, an der Ecke der Zweiundvierzigsten Straße: Unitrustbuilding stürzt sich in die Nachtarbeit mit weißglühenden Fensterscheiben, mit abgelöster Bureaumannschaft, 8 mit einem offenbar frisch abgelösten, krächzenden Krähenschwarm selbst hoch oben über den Antennen seiner Station, in die nun schon aus dem eben erwachenden Europa die ersten Börsendepeschen knattern: Elihu Grant, Vulkan dieser dampfenden Werkstatt, seit zehn Jahren Herr der Weltwirtschaft, seit vierzehn Monaten Präsident dieses neugebildeten, geheimnisvollen Unitrusts – aus Chromnickelstahl gemacht, unverwüstlich noch in der neunzehnten Stunde seines Arbeitstages.

Bogenlicht zittert durch den fensterlosen Raum, über den Marmortisch, der einmal im Prado gestanden und die Staatsakten des zweiten Philipp getragen hat. »Dreiviertel Milliarden Pferde,« schreit Elihu Grant dem Chefkonstrukteur Lawson zu, er ballt wütend die behaarte Tatze des ehemaligen Grubenarbeiters, »dreiviertel Milliarden nur, wo ich drei brauche! Verstehn Sie, Lawson, ich muß drei haben!«

Der andere zuckt gleichmütig die Achseln. Er kennt die Ausbrüche dieses Vulkans. Vorderhand also siebenhundertundfünfzig Millionen . . . mehr, als alle Dampfkessel der Union erzeugen. Vorderhand . . . er wünsche das betont zu haben.

Elihu Grant spuckt grimmig aus, hüllt sich in gewaltige Dampfwolken: »Geben Sie her, was Sie haben, Lawson.« Dann beugt er sich über den Plan auf dem Tische des Spanierkönigs, ergreift plötzlich, trampelnd vor Wut wie ein gereizter Elefantenbulle, die tönerne Isispriesterin, die ihm sein zurzeit in Medinet-Habu grabender Archäolog erst vor drei Tagen geschickt hat, schlendert sie auf den Estrich, daß die Scherben der Pharaonentochter umherfahren. »Ich kann nichts sehn!« schreit Elihu Grant und reibt sich die Augen. »Weshalb brennen Tranlampen in meinem Zimmer?«

9 Der andere sieht ihn fragend an: der Raum ist schon jetzt unerträglich hell. Diese Wutausbrüche über die angebliche Dunkelheit in seinem Arbeitszimmer zeigen nun seit Wochen schon Elihu Grants neuesten Spleen an . . . mag er also in einem elektrischen Lichtbade sitzen. Lawson dreht zwei Schalter . . . neue Bogenlampen zischen auf, ein normaler Mensch müßte eine grüne Brille tragen unter dieser Zentralsonne. Dann beugen sich beide von neuem über die Papiere.

Ja siehe, da wäre es also endlich fertig, das Projekt Lawson III, die dritte, die endgültige Fassung eines Planes, der diesem Menschen da auf den Hörerbänken von Harvard schon zum Lebensziel geworden ist: in die Erde sich hinunterzuwühlen mit den Kesseln seiner Dampfturbinen, dem Erdzentrum die Wärme zu stehlen, an einer einzigen Stelle in einer einzigen Hand Energien zu häufen, wie sie nie zuvor vereint waren in einer einzigen Hand! Der Traum also, den vor Jahren, schon vor dem großen Kriege, der Brite Pearson träumte – nun kein Traum mehr: Wirklichkeit, System, Gegenwart!

Hier die Bohrversuche, Temperaturmessungen, geologischen Daten. . . . Ergebnisse dreier Jahre, die Lawson in Süditalien zugebracht hat, dort unten, wo man in der Peripherie des sizilischen Vulkansystems dem tellurischen Wärmezentrum mit den geringsten Mitteln am nächsten kommen könnte. Hier endlich auf einem Konvolut von Plänen die technische Durchführung der Arbeit selbst: der Aufmarsch von Menschen- und Maschinenkraft, die Wasserhaltung, die Kühlanlagen vor allem für die Arbeiten dort unten in der infernalischen Glut, die Wärmeisolation der Kesselschächte und Turbinenräume. Klarheit und Akkuratesse bis zum letzten Nietenkopf . . . alles bereit für den Wink der größten 10 Kapitalsmacht. . . . Lawson expects that every man will do...

Grant schiebt die Papiere beiseite: »Alles in Ordnung, Lawson, alles gut. Aber nur siebenhundert Millionen Pferde, wo ich drei Milliarden brauche . . . nicht wahr, mein Junge, du wirst sie mir schaffen?«

Er hat den anderen, zärtlich beinahe, ans Ohrläppchen gefaßt. Dann aber bricht der Krater von neuem los, Elihu Grant schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Die Baugründe, Lawson . . . seit zwei Monaten verhandle ich mit diesen Idioten in Rom über lumpige fünfhunderttausend Acres! Man wird es ihnen mit Gewalt nehmen müssen . . . man wird . . .«

Er vollendet nicht, die rote Scheibe an der Wand leuchtet auf: das Zeichen, daß die Station oben eine ihn persönlich angehende Nachricht für ihn hat. Er wartet den Boy nicht ab, er reißt die kleine Eisentür neben seinem Schreibtisch auf und springt die enge, zur Station führende Treppe hinan.

Ein wenig milder brennen die Lampen in diesem höchsten Raume des Unitrustturmes, durch die Glasscheiben kann man die ruhigen, großen Sterne des Siebengestirnes sehn: ja, auch über New York scheint wahr und wahrhaftig noch immer dieses altmodische, weiße Ding, das doch schon allerlei Kulturen zu Objekten der archäologischen Forschung hat werden sehen! Landwind heult in den Antennen, wird mit dem Tosen des Broadways zu einem starken, tiefen Orgelton, oben krächzen diese verfluchten Dohlen, die nun seit Wochen schon über dem Gebäude kreisen . . . weiß der Teufel, weswegen. Elihu Grant ballt grimmig die Faust zu ihnen hinauf, tappt sich, da er seltsamerweise bei dieser für einen Normalmenschen schließlich ausreichenden Beleuchtung nichts 11 sehen kann, zu dem Tisch des Telegraphisten: nichts von den italienischen Verhandlungen . . . auf dem Blatt steht nur die Nachricht, daß Cambridge, sich für die neugestiftete Bibliothek bedankend, ihn zum Ehrendoktor ernannt habe.

»Stuß und Nonsens!« Er zerreißt den Streifen, er konzentriert seine Wut neuerdings auf diesen verfluchten Dohlenschwarm dort oben, er verlangt von dem Telegraphisten urplötzlich eine genaue Auskunft, seit wann, in welcher Zahl, zu welcher Tageszeit sie da sind . . . es fehlt nachgerade noch, daß er von dem kleinen Iren den lateinischen Namen der Spezies samt allen übrigen zoologischen Daten wissen will. In jedem Falle notiert er in seinem infernalischen Hirn, daß man einen Fachmann für Dohlenvergiftung werde auftreiben müssen . . . gleich darauf sind seine Gedanken wieder bei Lawsons Plänen.

Er versinkt in dem engen Schraubenschacht der Wendeltreppe. Pferdestärken . . . Löhne . . . wieder diese verfluchten Baugründe in Italien, die alles verzögern . . . was soll plötzlich dieses verfluchte Flimmern vor seinen Augen, dieser ekelhafte, nachtschwarze Schwindel, der ihn nun seit Wochen schon immer wieder überfällt? Er stöhnt leise auf, tastet sich durch das Dunkel, in das er für Sekunden versunken ist, hört oben wieder diese verfluchten Dohlen schreien, stößt wütend die kleine Eisentür auf und hat den Anfall überwunden. Gleich darauf stürzt er sich, ohne an das eben Geschehene noch zu denken, auf den unten wartenden Lawson: »Die Kraftsysteme, Mensch . . . ich will Ihre Entwürfe sehen! Glauben Sie, daß ich Konfitürenschachteln zu fabrizieren gedenke mit Ihren siebenhundert Millionen?«

Der andere rollt, ohne auf überflüssige Fragen zu antworten, einen neuen Plan auf. So groß ist dieser hier, daß 12 man ihn auf dem Fußboden ausbreiten muß . . . . Elihu Grant legt sich neben Lawson auf das Riesenpapier, wie einst der große Napoleon auf seine großen Kriegskarten.

Ja, da wäre also der Entwurf für die Fernleitung des Stromes . . . die Wellensysteme, vor Jahrzehnten noch eine europäische Spielerei, haben nun längst amerikanisches Format angenommen. Hier die Berechnungen für die meteorologischen Fehlerquellen, die zu überwindenden tellurischen Hemmungen, die Sendeanlagen dann, Lawsons eigne Konstruktion, unerhört sparsam, mit einem Minimum an Energieverlust arbeitend. Und die Relaisstationen endlich, über den ganzen Planeten verteilt, in Java, in Japan, in Südamerika die von den Kratern gesammelte Erdwärme, in Afrika das ganze Stromsystem ausnützend . . . ein Gewirr roter und grüner Kraftlinien, die den Erdball umspannen. Und plötzlich starrt Elihu Grant auf diese peinlich sauberen Zahlenkolonnen, murmelt in leisem Rechnen, springt auf, rüttelt den anderen an der Schulter: »Dies ist ja mehr, Lawson! Eineinhalb . . . zwei . . . vier . . . mehr, als ich brauche . . . weswegen, Mensch, sagen Sie mir das jetzt erst?«

Der andere lacht sein fröhliches amerikanisches Lachen: Siebenhundert Millionen allein aus der europäischen Station. . . . Elihu Grant habe vorhin nicht geruht, die Ziffern der Relaisstationen abzuwarten. Gleich darauf sieht er erschreckt seinen Herrn an: Was hat Elihu Grant, weswegen zittern seine Hände, weswegen hält er sich wieder, wie schon so oft seit Wochen, plötzlich stöhnend die Hände vor die Augen?

Die Zahlenkolonnen verschwimmen vor Elihu Grants Blick: alle diese Titanenkräfte des Weltballs vereint in seiner Hand . . . zu Riesenblitzen vereint . . . bestimmt, in die Räder 13 der menschlichen Werkstätten zu fahren, sie zu beleben oder sie zu hemmen auf seinen Wink! Dies ist der Gipfel technischen Denkens, die letzte, äußerste Vervollkommnung dieser dilettantischen Weltenschöpfung, seit ein behaarter Urmensch zur Nützung der Windkraft ein Bastsegel auf seinem Einbaum hißte! »Zwei Milliarden,« sagt Elihu Grant und reißt die fiebernden Augen weit auf, »so sind wir die Herren der Welt. Vier Milliarden aber, Mensch, wie Sie sie hier errechnen . . . wir werden in den Äther hinaus damit, in den Weltenraum, Lawson . . .«

Er bricht plötzlich ab mit einem wütenden Schrei, preßt die Hände vor die Stirn, reibt sich wieder verzweifelt die Augen: »Ich kann nicht sehn, Lawson, man soll neue Lampen . . .«

Ein jaches Entsetzen, das über dieses gedunsene Gesicht läuft, reißt den Satz entzwei. Ein zweites Mal schreit Elihu Grant auf mit tierischem Schmerzenslaut, krallt die Finger in Lawsons saubere Papiere, wälzt sich mit dem massigen Körper des ehemaligen Grubenarbeiters über den Boden. »Die Käufe,« murmeln die trockenen Lippen, »sie wollen nicht, diese Troglodyten . . .« Elihu Grant liegt da in tiefer Bewußtlosigkeit.

Lawson verriegelt die Tür und nimmt das Hörrohr. Es ergibt sich, daß La Boissière, die Modegröße New Yorks, in der Oper sitzt . . . der Doctor Schirwind an der Ecke der Vierundvierzigsten ist der nächste. Dann birgt er seine Pläne, schiebt ein Lederkissen dem andern unter das Haupt, stellt fest, daß Elihu Grant nur friedlich zu schlummern scheint . . . Ja, seht einmal, auch Elihu Grant ist einst als hilfloses, kleines Wesen in einer Wiege gelegen und ist 14 von einem Menschenweib in Windeln gebettet worden und hat nach einer Blume gehascht oder einem Sonnenstrahl . . .

Der Doctor Schirwind kommt. Er würdigt Lawson keines Blickes, er spricht überhaupt kein Wort. Er hockt vor dem daliegenden Koloß wie ein Geier über seinem Funde, er läßt sich in seinen Hantierungen nicht im mindesten stören, als der Kranke aus seiner Ohnmacht erwacht und mit Stierstimme schreit, daß man italienische Devisen zusammenhauen solle, daß es viel zu dunkel sei hier im Raume, daß er vor allem Hunger habe, zum Donnerwetter noch einmal: Schildkrötensuppe, ein Meter Räucheraal, ein Goldfischbassin Whisky . . .

Jetzt erst bemerkt Elihu Grant den kleinen, schwarzen Zwerg, der ihm eben mit dem Perkussionshammer auf die Sehnen schlägt. Er brüllt auf, er wird dieses Ekel, das ihn da anzurühren wagt, sofort vom Dach hinab auf den Broadway befördern . . . ach nein, er fühlt, als er auffährt, eine tödliche Schwere in seinem Arm, zuckt zusammen unter dem Blick dieses kleinen Mandrill da und sinkt stöhnend auf den Boden zurück.

Und dann, gerade als der Kleine des Augenspiegels sich bedienen will, kommt La Boissière. Lawson schält ihn wie einen kostbaren Gegenstand aus seinem Pelz, der Franzose erledigt peinlich alle Zeremonien, die er einem Elihu Grant schuldig zu sein glaubt. Elihu Grant knurrt vernehmlich, der Arzt macht sich, ohne seinen unbedeutenden Kollegen auch nur eines Blickes zu würdigen. mit pathetischen Handwerksgesten, wie bei einer Monstrevorstellung ein Zauberkünstler, an die Arbeit. Und dann gibt es wieder Sehnenklopfen und leise ausgetauschte termini technici . . . der Franzose läßt plötzlich, totenblaß geworden, den Augenspiegel 15 sinken, besinnt sich eine Weile, stellt schließlich mit leisem, stotterndem Englisch eine Frage an Elihu Grant. Eine ganz verfluchte Frage, muß man wissen, eine Frage, die sich für Puritanerohren absolut nicht eignet . . . sollte man es wirklich für möglich halten, daß dieser Franzose bei dem großen Elihu Grant sich nach so heiklen Dingen erkundigen würde?

Und plötzlich geschieht es, daß der Kranke auffährt mit Zornesgebrüll. Lawson kann es gerade noch verhindern, daß Grant den unverschämten Frager an der Kehle faßt: er wolle diese Narreteien nicht, er wolle wissen, was los sei mit ihm . . . Jetzt, sofort wolle er es wissen, wenn dem andern seine schäbige Existenz lieb sei . . .

Der Franzose, weiß wie die Wände ringsum, stottert etwas Unverständliches, die Augen des Kranken wandern fragend zu dem kleinen Lemuren hinüber. Der Doctor Schirwind antwortet, kurzerhand den Franzosen beiseite schiebend, daß Elihu Grant binnen kurzem blind und wohl auch gelähmt sein werde . . . in zwei Jahren, in dreien allenfalls.

Elihu Grant hält sich eine kleine Weile an dem Tisch fest, er zittert ganz seltsam, wie ein Baum, dem die Axt an den Splint kommt, nimmt den schweren Siegelleuchter und schleudert ihn nach dem kleinen Mann, der mit Müh und Not dem Wurfe ausweicht, dreht sich auf den Hacken, ist blitzschnell hinaus, wirft hinter sich die Tür ins Schloß.

Niemand wagt es, ihm zu folgen. Er nimmt, ehe die da drinnen sich von der Katastrophe erholt haben, den Lift, der für ihn allein bestimmt ist, versinkt in dem Abgrund. Unbemerkt verläßt er das Haus durch die kleine, ihm allein zugängliche Pforte . . . irgend so ein blaublusiger Mensch, der dort irgendwelche Elektrikerarbeiten erledigt, ist der einzige Zeuge seines Ausmarsches.

16 Südwärts läuft er den Broadway entlang, stürmt mit solcher Hast, daß die Sicherheitsleute, die ihn sofort ins Auge fassen, ihn im Nu aus der Sicht verlieren. Blind und gelähmt sein . . . Unsinn und Idioterei: der Broadway heult und donnert doch wie sonst, wie sonst leuchten die Flammenzeichen der Telegramme auf: Cradock hat dem Schwergewichtsmeister Bomberton das Genick gebrochen, Ethel Barry heiratet den Fürsten zu Wied, in Sibirien ist ein Heiliger aufgetaucht, der Wunder tut und Kranke heilt, das Medium Peggy Croy hat den Geist Washingtons befragt und ermittelt, daß er seine Erfolge dem Gebrauch von Doctor Robertsons Nierentee verdanke . . . alles wie sonst, alles wie sonst!

An der Ecke der Fünften Straße bleibt er eine Weile stehen, sieht sich um: der Monteur von vorhin scheint sich von Elihu Grants Spuren nicht trennen zu wollen, man sieht ihn, ohne daß man dem besondere Beachtung schenkt, hinter den riesigen Papierwänden der »Manhattan-Post« verschwinden. Inzwischen wird die riesige Eisenbahnkatastrophe von Nebraska ausgeschrien, ein irischer Zeitungsjunge hat vor fünf Minuten ein unbeaufsichtigtes Kind aus der Brandung der Automobile gerissen, er wird für die Morgenblätter photographiert, von einem Reporterschwarm nach seiner Vergangenheit, seiner Ansicht über Tammany-Hall, nach den Mädchennamen und den Lieblingsgerichten seiner Urgroßtante gefragt und wird in fünf Minuten von irgendeinem ehrenhaften Bürger adoptiert sein . . . ganz unten, wo dicht bei Battery der Unitrust seine neuen Siloanlagen bauen läßt, sieht man in dem höllischen Scheinwerfergebläse kleine Figuren wie Eichkater über das Gebälke hüpfen.

New York, Arbeit, Menschheitsfortschritt und 17 Optimismus . . . nein, es ist unmöglich, hier an Tod und Auflösung zu glauben! Und trotzdem läuft er, von irgendeinem Dämon getrieben, die Straße hinab, kehrt, ohne es zu wissen, um, biegt ganz mechanisch nach Osten ab, irrt eine halbe Stunde herum, sieht sich plötzlich in stillen, seltsam farbenfreudig beleuchteten Straßen mit Orchestriongedudel und hermetisch geschlossenen Fensterläden an den niederen Häusern: ja bei Gott, der große Elihu Grant, der seit mehr als einem Jahrzehnt keinem Weib mehr Beachtung geschenkt hat als einem gut gezüchteten King-Charly-Hund, er ist in den Tenderloin-Distrikt, in das Zentrum des Mädchen-Weltmarktes, geraten!

Es riecht nach Schminke und Weiberfleisch, Sicherheitsketten klirren an verstohlen geöffneten Türen, ein mulattischer Dandy wird in übler Verfassung irgendwo von Weiberfäusten exmittiert. Die Geheimpolizei patrouilliert im Häuserschatten, einem britischen Steuermann ist die Brieftasche gestohlen worden, er trompetet Rache, Vernichtung, Weltuntergang . . .

Elihu Grant begreift allmählich, wo er ist. Und nun sind es vielleicht diese rosenfarbenen Ampeln, die obszönen Intervalle der Gassenhauer, die Wolken von billigem Parfüm: plötzlich muß er an die unverschämte Frage dieses La Boissière denken . . . aus der längst verblaßten Erinnerung des ehemaligen Kesselheizers taucht das emaillierte Gesicht einer billigen Dirne auf . . . irgendein erhandeltes Liebesabenteuer, das er vor Jahrzehnten erlebt hat.

Nun steht er still, denkt nach. Hier war es, ja! Muß er wirklich erblinden, trägt er wirklich, wie diese beiden Ärzte es behaupten, die Pest im Blute . . . hier war es, hier kam es über ihn!

18 Er heult auf vor Wut, er rennt plötzlich wie ein gereizter Büffel gegen ein rosaberocktes und patschuliduftendes Wesen an, das, flankiert von zwei imitierten Wildwestjünglingen, ihm entgegenkommt, er rüttelt sie in seinem Grimm gegen alles Weiberfleisch an den Armen, staucht das kreischende Geschöpf schließlich auf das Pflaster nieder.

Er ist wahnsinnig genug, die allgemeinen amerikanischen Ritterlichkeitsbegriffe samt den speziellen des Tenderloin-Distriktes zu verletzen. Im nächsten Augenblick muß er mit seiner ganzen Bärenkraft zwei stirnlockige Gentlemen abschütteln, die sich an seine Kehle gehängt haben, in seiner Wut bemerkt er es kaum, daß es die Geheimpolizei ist, die diese Rauferei beendet, nachdem sie nun einmal mit einigem Befremden die Anwesenheit des Unitrustpräsidenten hier im Bordellviertel festgestellt hat.

Und weiter rennt er in seiner Wut über diesen gottverfluchten Körper, der nicht mehr gehorchen will . . . rennt durch die endlosen Straßen der östlichen Unterstadt, wo in engen Wohnungen der New-Yorker Mittelstand seinem Schicksal entgegenreift, an den Folgen der Arbeitshetze, an Leberkrebs oder verkalkten Herzarterien zu sterben . . . rennt durch die verödete Wallstreet, kommt an Exchange-Office vorüber. Still ist nun dieses Herz der Welt, die Börse liegt mit ihren erloschenen Fensterhöhlen da wie ein Spukhaus, kalter Wind pfeift von Nassau-Street herüber, jagt wie Irrwische Zeitungsfetzen, zusammengeballte Telegramme, Kurszettel. Elihu Grant steht und starrt hinauf: es ist nicht gut, allein einen Ort zu betreten, zu dem ein Menschenstrom gehört . . . oben, in den Fenstern, so erzählt der New-Yorker Aberglaube, zeigen sich nächtlings zuweilen die Klagegeister derer, die nach amerikanischem Recht eine 19 verfehlte Spekulation auf den Rädern des Subway bezahlt haben.

Tritte sind in der stillen Straße hinter ihm her . . . Tritte, Tritte. Bei Nassau-Street bleibt er stehen, dreht sich, erinnert sich flüchtig des Elektrikers, der mit ihm zusammen Unitrust-Building verlassen hat, glaubt ihn zu erkennen, hat ihn im nächsten Augenblick schon aus dem Auge verloren.

Da der Gedanke an den Tod hinter ihm her ist wie der Tritt dieses Unbekannten da, so läuft er weiter, läuft durch anonyme, verschollene Gassen mit unbewohnten Ruinen, findet sich schließlich in einem dürftigen, ziemlich schmutzigen Winkel wieder, ganz nahe bei dem westlichen Kopf von Brooklyn-Bridge.

Ungeheuerlich ist New York . . . Völkerwanderungen vollziehen sich hier, Jahr für Jahr, von denen kein Mensch etwas weiß: vor kurzem waren diese Gassen noch von Ungarn bewohnt, nun hat der letzte Schub ruthenischer Juden Besitz ergriffen von den armseligen Höhlen. Durch alle Stille ringsum psalmodiert ein Chorus von Männerstimmen . . . deutsche, englische Brocken schwimmen vereinzelt im jiddischen Slang: dort unten hinter den erleuchteten Kellerfenstern, vor zerlumpten Vorhängen und alten Journalbildern, die man mit Brotteig an die Kalkwände geklebt hat, steht zwischen Tombakleuchtern ein Sarg aus ungehobelten Brettern. Alte Juden mit stechenden, hoffnungslosen Augen starren auf das Haus des toten Gefährten, mechanisch sprechen die Lippen die monotonen Totengebete, daß es einsam und ganz greulich in die Stille schallt: durch die heiße, baumlose Ebene Syriens schreitet mit dem Schwerte der Todesengel, Steingrüfte sperren ihre Kiefer auf, zermalmen das strotzende 20 Menschenfleisch und seine Hoffnung auf Ewigkeit und Auferstehung . . .

Ein Schwaden wie von moderndem Laub kommt, weiß Gott woher, zu dem lauschenden Wanderer da draußen, er schüttelt sich und läuft davon. Durch neue, ganz unmögliche Gassen läuft er, stolpert über den Kadaver einer vergifteten Katze und rennt in einem neuen Schwindelanfall gegen den morschen Pfahl einer Petroleumlaterne. Endlich, als es vorüber ist, sieht er die Lichter des Osthafens, sieht in den Scheinwerferbahnen der Schlepper die fröhlichen, ausgeruhten Gesichter der Führer, der Schauerleute, der Dockarbeiter, die zur Nachtschicht auf die Staatswerften ziehen und noch so viele Tage frohgemuten Männerlebens vor sich haben. Abermals wendet er sich ab, läuft stracks über die Brücke, durchrast eine kurze Straße, steht plötzlich vor den Riesenmassen des Krankenhauses, das er vor drei Jahren gestiftet hat.

Ein nicht zu Ende gedachter Wunsch zuckt durch sein Hirn, er tritt ein. Ein Pförtner fährt aus dem Schlaf, eine verwirrte Oberin wird gerufen, ein diensttuender Arzt begrüßt den Gewaltigen. Elihu Grant schnauft, spuckt respektlos aus in weitem Bogen auf die heiligen Fliesen: Krankensäle – Unsinn! Den Tod will er sehen, die Sektionsräume sollen geöffnet werden!

Der Arzt verneigt sich stumm vor dem letzten Spleen des Hünen da, der mitten in der Nacht eine Sektion anbefiehlt, irgendwo wird ein fluchender Prosektor aus dem Schlafe gerüttelt, nach zehn Minuten ist man dort, wo man sein will.

Gut also, hier in dem eisgekühlten Raume liegen auf ihren blitzsauberen Marmortischen splitternackt die Stillen, die Elihu Grants Hospital demnächst für immer zu verlassen gedenken, die Kreideschrift auf den Holztafeln zu ihren Häupten 21 verzeichnet ihre Namen und wohl auch ihr überwundenes Leiden: der Italiener Magioni, dem auf der Central-Station ein Pullman die Brust eingedrückt hat . . . der Depeschenbote Mac Linton, in Wallstreet vom Schlagfluß getroffen . . . die arme junge Dolly Morell endlich, die von einer bösartigen Geschwulst gemordet ist: ach, Schmerzen, grimmige Schmerzen . . . erblindete Augen . . . alle Märtyrerleiden gehäuft auf dieses junge Geschöpf, dem der Tod einen Schimmer seiner Schönheit noch gelassen hat! Elihu Grant horcht auf bei dieser Krankengeschichte, er weist mit dem Finger auf die kleine arme Dolly Morell. Der Prosektor streift die Gummihandschuhe auf, der Wärter, äußerlich berstend vor Diensteifer, innerlich fluchend über diese verrückte Störung seiner Nachtruhe, greift in das tote Frauenhaar, das Messer zieht seine Schnitte, eine derbe, lebende Hand faßt scharf zu . . . ach, ach habt ihr je den Jammer eines Menschenantlitzes gesehen, das man von hinten, von innen gewissermaßen erblickt?

Die Säge knirscht, das Stemmeisen knackt, wie eine Nußschale öffnet sich die Schädelkapsel, der Arzt beginnt zu erklären: hier in der Stirnhöhle die weißen Knoten, mit denen der Tod sein Werk begonnen hat, in den Lymphsträngen der Schädelbasis hier, in den Hirnwindungen die feinen Tochtergeschwülste . . . die Zerstörung der Retina, der Jammer, das Martyrium . . .

Aufmerksam schaut Elihu Grant auf die Arbeit des Messers; man kann nicht sagen, daß er, dem solche Bilder noch fremd sind, die Farbe gewechselt hat. Er unterbricht kurzerhand den Arzt: »Das Leben, Doktor . . . die Seele . . . ich will wissen, wo das Leben gesessen hat.« Er hat noch immer sehr primitive Vorstellungen, der ehemalige Kesselheizer . . .

Der Arzt schweigt verlegen, der Wärter überspült Dolly 22 Morells blutiges Fleisch mit einem mitleidigen Wasserstrahl. Der Arzt rafft sich endlich zu einer Erklärung auf, daß es solchen Sitz der Seele, wie Elihu Grant ihn sehen wolle, überhaupt nicht gebe, daß eben die Zelle, die Summe der biologischen Prozesse gewissermaßen . . .

Elihu Grant legt eine Banknote für den Diener auf den Tisch, erklärt wie ein regierender Fürst dem Prosektor, daß er zufrieden sei und daß er danke – er dreht den verdutzten Leuten den Rücken und verläßt urplötzlich, wie er gekommen ist, das Haus.

Im Schatten des Portales . . . sieh einmal, wieder ist da dieser lange Mensch, der ihn bis hierher verfolgt hat, durch alle diese weiten Irrgänge von Unitrust-Building! Und nun ist es Elihu Grant zuviel, nun vertritt er dem andern, der sich beiseite drücken will, den Weg . . . man weiß, daß er noch immer harte Fäuste hat, der Präsident des Unitrusts! Der andere reißt sich los, er gleitet wie ein Aal durch Elihu Grants Hände, er verschwindet wie ein Nachtspuk . . . weiß Gott, wo nun seine Tritte verhallen.

Es ist völlig gleichgültig, ob es ein Mensch oder ein Spuk ist: man hat soeben von dem zuständigen Fachmann gehört, daß es eine Seele nicht gibt, die da irgendwo im Hirn hockt und beim Tode wie ein flinkes, graues Mäuslein der Verwesung sich entzieht. Es gibt derlei nicht, die Sache ist erledigt, es ist alles höchst sinnlos, was er hier noch treibt.

Er läuft zurück über die Brücke, steht plötzlich vor dem Schacht der nach dem Westen führenden Subwaylinie, atmet den heißen Brodem von Oel und den brenzlichen Duft der Stromschienen, sieht hinab in die Eingeweide der Station: übermüdete Menschen fahren von hier, von der Umschlagstelle des Ostens hinauf in die übervölkerten Quartiere des 23 Nordens, sie kommen von den Werften, von den großen Eisengießereien der Außendistrikte, von den Rangierbahnhöfen. Es riecht nach Schmutz und dem verwehten Duft von allen Nationalgerichten der Welt . . . es sind keine Menschen, es sind nur noch arme, verquollene Schemen, sie werden in den Zug verstaut, fallen zu Hause in ein armseliges Bett und zeugen mit übermüdeten, dumpfen Sinnen vielleicht ein ebenso graues, häßliches Leben, werden zu neuer Fron verfrachtet bis zum letzten Tage, wo sie auf einem Marmortische liegen und man bei ihnen mit allen Seziermessern und Mikroskopen der Welt keine Seele finden kann . . .

Und plötzlich, mit blitzschnellem Entschlusse schiebt Elihu Grant sich durch diese Menge zur anderen Perronseite hinüber, dorthin, wo als schwarzes Loch der zweite Tunnel sich öffnet. Die Menge stolpert vorüber, die Beamten der Station bemühen sich um ein herrenloses Baby, das plötzlich in dem ungeheuren Labyrinth des unterirdischen New York gefunden ist: ganz unbemerkt geschieht es, daß er auf den anderen, den abseits führenden, leeren Strang hinunterspringt zu den Schienen und in der Tunnelöffnung verschwindet.

Rissige Felswände und von Zeit zu Zeit der bleiche Mond einer Bogenlampe! Still ist es nun wie in einer ägyptischen Grabkammer, es wird sich gut sterben lassen hier! Er wandert und wandert, bleibt stehen, schaut auf die Wände: eine gigantische Schnecke im Gestein, vor Jahrtausenden versunken in der kalkigen Schlammflut, vor Jahrmillionen, ehe es ein New York und eine Andeutung von Elihu Grant gab, und hier hat der Troglodyt, der hier unten die Bohrmaschine durch die Felsen trieb, in großen Lettern mit roter Mennigfarbe das Wort »Addio« auf das Gestein gemalt . . . sinnlos, sinnlos . . .

24 Elihu Grant liest, lacht auf, will weiter wandern, zuckt zusammen, lauscht angestrengt rückwärts: Schritte hinter ihm . . . Tritt für Tritt der Gang eines unsichtbaren Wanderers. Er späht zurück: der Stollen ist leer, es ist der Tod, der hinter ihm her ist, unsichtbar, immer näher, immer näher. Und wie er so lauscht und unnennbares Grauen nach ihm greift, da gehen die Tritte unter in einem machtvollen, tiefen Ton . . . stärker und stärker das Brausen, der Fels beginnt zu beben. Es ist nun wirklich der Tod, es ist der nächste Train, der ihn zerreißen wird . . . gleich werden die Lichteraugen dieses eisernen Biestes dort um die Ecke sein.

Er denkt an John Dudgeon, der in Wallstreet vor zwanzig Jahren an dem großen Getreidecorner scheiterte und sich auf die Subwayschienen warf . . . er hat die Ueberreste von John Dudgeon gesehen . . . oh, oh, die Räder hatten sein Inneres nach außen gerissen! Die Augen treten Elihu Grant aus den Höhlen vor Entsetzen, er beginnt zu laufen wie der Frosch vor der Schlange in lahmen, hoffnungslosen Sätzen, er stolpert über eine Schiene und liegt zitternd eine Sekunde da und rafft sich von neuem auf mit schweren Gliedern. Und wie er es tut, da ist es heran . . . ohne Lichter ist es heran, die Schienen hallen den metallenen Rhythmus wider, und Gesteinsplitter bröckeln oben ab. Dann wird es leiser und verhallt schließlich in tiefem Baß: in irgendeinem Parallelstollen dieses Dachsbaues ist es vorübergeflogen, geäfft hat ihn der Tod, wie die Katze die Maus neckt!

Elihu Grant richtet sich auf: unerträglich ist das; man wird ein Ende machen müssen! Dort neben ihm, eingebettet in ihren Holzlatten, das ist die dritte Schiene mit ihren zehntausend Volt . . . man greift zu, das Leben zerfliegt in Atome. Er steht auf, geht auf die andere Seite, er sieht das 25 spiegelnde Metall. Und wie er sich vorbeugt, um nach dem Tode zu fassen, und wie er im voraus schon dieses tödliche Zucken spürt, das ihn vernichten wird, da hat es seinen Arm ergriffen und reißt ihn zurück. Er liegt auf dem Rücken: über ihm kniet dieser Mensch, der ihn bis hierher verfolgt hat den ganzen Weg seiner Wanderung.

Elihu Grant springt auf, schlägt die Aermel zurück. Aber ehe er losschlägt, erkennt er das alterlose, faltige Gesicht des andern: Bird ist es . . . Ja zum Donnerwetter, der Agent Bird, der über seine Sicherheit zu wachen hat und sich erlaubt hat, Elihu Grants Spuren zu verfolgen . . . oh, nur auf dieser vermaledeiten Subwaystation hat er sie verloren für einen Augenblick! Da es nicht gerade angenehm ist, einen Mann wie Elihu Grant bei einem Selbstmordversuch zu ertappen, so hilft sich Bird nach altem angelsächsischen Rezept über die heikle Situation hinweg: ja wohl, schönes Wetter, angenehme Gegend hier . . . zweifellos habe Elihu Grant lediglich die nach den neuen Siloanlagen des Unitrusts führende Subwaylinie besichtigen wollen . . . Ja, im übrigen gestatte er sich, darauf aufmerksam zu machen, daß die dritte Schiene noch ohne Strom sei . . .

Elihu Grant sieht ihn scharf an . . . Bird weiß nun, daß er gut tun wird, in alle Zukunft über die Angelegenheit zu schweigen. Sie reichen sich die Hände und gehen schweigend nebeneinander. Siloanlagen, neue Subwaylinie . . . Elihu Grants Hirn klammert sich fest an diese Worte, die aus einer anderen Welt kommen. Richtig, ja . . . die neue private Subwaylinie des Unitrusts, bestimmt, den Arbeitermassen, die oben bei Hunters Point in der Oststadt eingesogen werden, ein paar Minuten früher zum Westhafen zu verhelfen. Während er im stillen zum hundertsten Male die 26 Kosten, die Arbeitsstunden errechnet, beide Ziffern gegeneinanderhält, tauchen farbige Lichter vor ihnen auf . . . man stolpert über die Gummikabel der Kraftleitungen, der Weg steint ein wenig: sie sind bei der westlichen Durchbruchstelle des Stollens angelangt.

Die fauligen Gase der Sprengungen lagern auf dem Boden, in das tiefe Donnern des Broadway oben pfeift hier unten – eine höllische Fuge von Kontrafagott und Pickelflöte – das Kreischen der Bohrmaschinen, neben dem halb ausgemauerten Einsteigeschacht der Station ragen die himmelhohen Gerüste der Silobauten in die Nacht hinauf.

Elihu Grant läßt sich von den Ingenieuren rapportieren, schüttelt ein paar Schachtmeistern die Hand, er steigt zur Oberwelt empor.

Ja hier, wo einmal West- und Bakerstreet waren mit ihren lächerlichen und unpassenden Kleinkrämerbuden, hier stecken nun seit zwei Monaten schon die Pfahlroste für Elihu Grants Bauten im Mergel des Westhafens – siehe, schon schießen dreihundert Fuß hinauf in den Nachthimmel die Eisenrippen der Wände. Ein Meer von Bogenlampen, Batterien von Betonmischern, die seit dem ersten Spatenstich unablässig kreisen . . . tausend Menschen dazu bei Tage und tausend bei Nacht! Die höchsten, die gewaltigsten Siloanlagen der Welt in der kürzesten Frist erbaut . . . Rekordzahlen auf der ganzen Linie, bis man den Weltenschöpfer übertrumpft hat samt seinem Stümperwerk . . .

Elihu Grant sieht zu den stählernen Strebepfeilern hinauf, die da oben im brandroten Himmel sich verlieren, sieht die Monteure, die dort oben die Verbindungsnieten hämmern, von Balken zu Balken hüpfen über dem Abgrund . . . könnte man es ihnen wohl gleichtun, ohne von diesem tödlichen Schwindel 27 überwunden zu werden, aus dem dieser elende, kleine Jude dem großen Elihu Grant den Tod zu prophezeien gewagt hat? Ein neuer Balken wartet eben und wiegt sich in den Ketten, die drei Leute schwingen sich eben auf das fußbreite Eisen – ob man es ihnen wohl noch gleichtun könnte an Unbekümmertheit und Gesundheit?

Und plötzlich ist Elihu Grant bei dem Balken, er wechselt ein paar Worte mit dem Mann an der Winde, er setzt seinen Fuß auf die Hand des Maschinisten und läßt sich hinaufheben . . . ganz gemessen, und keiner soll es merken, mit welchen Göttern Elihu Grant umgeht in diesem Augenblick! Drei Reporter stürzen sich auf ihn, das Licht eines bei seiner Ankunft bereits alarmierten Filmoperateurs blitzt auf. Im letzten Augenblick drängt sich Bird heran, bittet dringlichst um Gehör, es gelingt ihm schließlich, seinem Herrn ins Ohr zu flüstern, daß die drei Monteure gänzlich unbekannte Individuen seien, daß er, Bird, keinesfalls die Verantwortung tragen wolle, wenn sie die Gelegenheit . . .

»Stop your jabber.« Redensarten kann Elihu Grant nicht brauchen in diesem Augenblick. »Get up« und »three cheers für Elihu Grant« . . . langsam hebt sich der Balken.

Die Räder, durch die die Kette läuft, surren, die eisernen Horizontalen des ungeheueren Turmes, unausgefüllt noch von den Betonmassen, versinken. Da sitzen sie rittlings auf der schmalen Eisenschiene, haben keinen anderen Halt über der Tiefe als die Kettenschlinge, sehen das gigantische New York zusammenschrumpfen unter sich zu einem wirren Kreisel von Lichtblitzen und mürrischen Geräuschen. Die Broadwayschlucht . . . ein weißglühendes Lichtlineal, die Marmortürme des Presseviertels . . . Trinity Church, die in dem Gipfelmeer der Wolkenkratzer jammervoll versäuft. Wind beginnt zu gehen, 28 er wird, als sie die Firsthöhe des Speicherbaues erreicht haben, zum Sturm. Zu schwingen beginnt der Balken unter seinen Stößen, man ist plötzlich in einer riesigen Luftschaukel, wenn man die Hand nun losließe von der Kettenschlinge, man würde in riesigem Bogen hinabgeschleudert werden in diesen hundert Meter tiefen Abgrund . . . o ja, ja, bis Battery würde man fliegen wie ein Meteor durch die Leere . . .

Die Vorstellung beginnt ihn nun doch zu würgen, er fühlt, wie seine Haare sich sträuben. Durch den Lärm der Winde schreit ihm einer der Mitfahrer von dem anderen Ende der Schiene zu, daß er herüberkommen und ihn festbinden werde mit seinem Karabinerhaken; Elihu Grant brüllt, den Angstschweiß auf der Stirn, dem Manne zurück, daß er ein Idiot sei und sich in die Hölle begeben solle. Da stoppt der Lärm der Winde ab, die dunkle Gestalt, die dort auf den Rippen des Firstes kauert, langt mit ihrem Haken nach der Schiene, die Schiene landet, exakt dirigiert durch den Mann bei der Winde, auf ihren Lagern; die drei turnen zu Elihu Grant hinüber, sie stehen hier, wo man durch den ganzen abscheulichen Schlund des leeren Turmes direkt auf die Eisenwinden hinabsausen kann, freihändig da mit flatternden Haaren und lachendem Gesicht und blitzenden Goldplomben vor ihm und schütteln ihm die Hand: three cheers für Amerika, für Freiheit und Fortschritt . . . three cheers für Elihu Grant . . . kann nicht jeder von uns ein Gentleman sein wie er, nach der Arbeit?

Dann beugen sie sich – keinen überflüssigen Gefühlsaufwand, wenn wir bitten dürfen – über ihre Schiene, sie haben sie – Elihu Grant stellt es mit der Uhr in der Hand fest – in zwölf Minuten und siebenunddreißig Sekunden vernietet und damit einen kleinen Rekord geschaffen. Dann haken sie sich die riesige Kettenschlinge heran, in der sie, aneinandergepreßt 29 wie Büchsenfische, zur Tiefe fahren . . . sie werden Elihu Grant, der offenbar noch länger hier oben sitzen will, den Förderkorb hinaufschicken. Sie versinken in der Nacht – noch eine Weile hört man ihr fröhliches, zuversichtliches Lachen.

Und nun ist er allein mit New York. Die verwahrloste Altstadt dort beim Osthafen, dieses lächerliche Hoboken drüben mit seinen gemütvollen deutschen Bierstuben wird man binnen kurzem abgerissen haben: Marmor her und Eisen . . . Wohnmaschinen von dreihundert Fuß Höhe . . . Fortschritt für immer!

Er schaut hinab in die Tiefe zu seinen Füßen: tausend Menschen, die dort unten wie graue Maden in den Fundamenten des Baues wimmeln . . . einer seiner tausendfältigen Arme nur, und doch: jeder Mann ihm gehörig, dem großen Kapitän. Unitrust-Building im Norden, Exchange-Office, ganz Wallstreet: seine Werkzeuge. Das Presseviertel dort unten in seinem irrsinnigen Lichtbade: fünfhundert erlesene Schreiber, die seinen Willen niederschreiben, Hunderte von Linotypemaschinen, die ihn zu Blei erstarren lassen . . . es sind Elihu Grants Befehle, die dort unten die Zeitungsjungen ausschreien.

Feuchter Wind kommt vom Hafen, schön und tief und vorweltlich heult der Ozeandampfer dort bei Ellis-Island. Dreitausend Menschen an Bord . . . Russen, Skandinavier, Ungarn, syrische Schafhirten und württembergische Tabakbauern, alle noch voller Heimweh, mit pochendem Herzen vor die Schranken der Auswandererinsel tretend . . . morgen schon eine graue, formlose Masse mit puritanischem Einheitshirn, Elihu Grants Kesselfeuer heizend, Elihu Grants große Räder drehend: die Menschheit gehört Elihu Grant!

Weiter späht er nach Osten, wo die letzten Lichter im Ozean versinken: ah, dieses Europa . . . die überalterte Welt! Drei 30 Jahre nur, und die größte Energiemenge ist in seine Hand gegeben . . . Milliarden von Krafteinheiten. Wenn man es will, lenkt man den Dampfer drüben mit seiner Menschenfracht in die Eiswüste der Antarktis hinab . . . Europa verdorrt, wenn man will . . . alles verdorrt, wenn es Elihu Grant sich widersetzt . . . die altmodischen Gestirne selbst . . .

Als er es denkt, prescht es heran mit tausendstimmigem Krächzen, prescht beinahe an gegen ihn und zerstiebt schreiend und ist im Dunkel verschwunden. Dohlen . . . Aasbrut . . . Ungeziefer! Aber als er seine Wut hinter ihnen herbrüllen will, siehe, da faßt ihn plötzlich wieder dieser tödliche Schwindel, daß er die Hände vor das Gesicht schlägt. Nun hat er den Pfeiler losgelassen, eine Sekunde steht er frei über dem Abgrund. Ein Windstoß fegt heulend heran, zerrt an seinem Körper, wirft ihn beinahe in die abscheuliche Tiefe des Schachtes, im letzten Augenblick findet die tastende Hand den Halt wieder. Als das Auge wieder sehen kann, schießt Nerv York vorüber in irrsinnigem Kreisel: schief stehende Wolkenkratzer, die wie betrunkene Liebespaare sich gegeneinander neigen, . . . Wolworth samt seinen Lichterreihen zu einer Korkzieherlinie verkrümmt . . . tanzende Dampfschwaden und irrsinnige Pfeifenschreie, alles zu gelben und roten Funken verwandelt, die vorüberrasen und verpuffen in tödlichem Dunkel . . .

Und wie diese Stadt um ihn kreist in wahnsinnigem Jagen, kommt mit dem Winde süßlicher Brodem herauf zu ihm. Er steht da mit weit aufgerissenen Augen, er atmet ihn mit geblähten Nüstern: süßlich und unbeschreiblich abscheulich . . . der Tod nicht und doch auch das Leben nicht mehr . . . Ja, ja, um die Stillen dort unten auf ihren Eisbarren war dieser Duft . . . der Hauch des Sterbens, das heute über ihn verhängt ward!

31 »Aasgeier . . . Schurke!«

In die Nacht hinaus schreit er seine Wut über den Tod, über den tyrannischen Gott, der ihm seinen letzten Triumph aus der Hand schlägt: »Henker . . . Schinderknecht!«

Er ist wieder einmal der ehemalige Grubenarbeiter, seine Wut steigert sich zu obszönen, zu unwiedergeblichen Worten.

Da ist es vorüber. Vorbei der Anfall, zerrissen der Spuk, der Nachtwind ist wieder rein und voll kräftigen Meerhauches, New York liegt wieder mit festen, klaren Linien vor seinem Auge: das Feuer von Hell-Gate weit, weit drüben . . . Hunters Point, Navy Yard, Governeß-Island, Jersey-City . . . alles klar und wohlgeordnet. Der letzte Europaflieger landet auf der Plattform des Astorhotels, über die Riesenfront von Rubber-Building jagt eine Reklameserie für den Automobilproviantkorb »Agemo«, beruhigend streicht der Lichtarm des Leuchtfeuers von Robbins Riff über sein Gesicht.

Nun gut, man wird also sterben . . . was weiter? Darauf nur kommt es an, für ein paar Jahre stärker zu sein als der Tod!

Die Schiene zu seinen Füßen blitzt auf in dem Scheinwerferspiel, das von drüben, von den Marinedocks im Osten kommt . . . in Elihu Grants Hirn taucht plötzlich ein verzweifelter, ein verbissener Gedanke auf: wie die Jungen, die Gesunden vorhin hinüber über den Abgrund auf dem fußbreiten Stahl, dem Schwindel, dem unsicheren Blicke zum Trotz! Ja, ja, das ist es: gelingt es, so ist der Wille stärker als der Tod, man wird mit ihm fertig werden, wie man mit diesen Anfällen fertig wird!

Er läßt den Strebepfeiler los, wieder steht er ganz frei. Das Herz geht mit wehem, überschnellem Schlag, von neuem 32 will der Schwindel nach ihm greifen. Er faßt den gegenüberliegenden Pfeiler, der sich, drei Meter von ihm entfernt, von dem brennenden Nachthimmel abhebt, fest ins Auge, er würgt mit übermenschlicher Gewalt den Anfall hinunter. Er macht den ersten Schritt, er fühlt, wie die ungeheure Tiefe an seinem Leibe zerrt, stampfend tritt er auf, daß der Stahl fest und klar widerhallt. Während er geht, sieht er tief unten, hundert Fuß unter sich, ein einsames Licht sich bewegen . . . ein Werkmeister wohl, der dort in den leeren Zwischenetagen des Turmschachtes noch irgendwelche Vernietungen kontrolliert. Elihu Grant, einen Schritt entfernt von dem Strebepfeiler, von dem er sich eben getrennt hat, denkt an die Stahlrippen dort unten, auf die er fallen würde . . . denkt daran und schaudert und muß, spleenig und abergläubisch wie alle Maschinenmenschen, es dennoch tun: Schritt für Schritt . . . man spürt das Zittern der Knie, man klammert sich mit dem Blick an den jenseitigen Pfosten, man kommt schließlich dennoch in bedenkliches Schwanken und erreicht ihn gerade noch im rechten Augenblick.

Er ist drüben. Er hat gesiegt.

Er sieht hinunter: die Stadt schickt die obszönen Rhythmen ihres Lärmes herauf, der Broadway mit den Flammenbändern seiner unzähligen Querstraßen ist nun ein Riesenthermometer aus Licht . . . an der Ecke der Fünften Straße steht, überflutet von Lichtkatarakten, in seiner ganzen Monstrosität das »Bügeleisen«, diese häßliche Urmutter des ganzen Wolkenkratzergeschlechtes. Eine häßliche Stadt, eine satanische Stadt, eine Stadt für Puritaner.

»Gut, denn . . . ich hasse die Freude, ich hasse das Weib, ich hasse die Liebe und hasse die Natur . . . ich bin nichts als die Kraft und die Macht . . .«

33 In der Tiefe surrt es: der Förderkorb, den man ihm heraufgeschickt hat . . . der blaublusige Mensch da drinnen weiß es nicht, kein Mensch weiß, was sich hier oben abgespielt hat!

Dann ist er wieder unten bei den Menschen, das satanische Hirn beginnt, kaum daß er wieder Boden unter den Füßen spürt, wieder zu arbeiten: für den Ankauf dieser verwahrlosten Altstadt bei Wallstreet eine Gesellschaft gründen. La Boissière, der ein Esel ist, durch diesen kleinen Juden ersetzen, der den Mut gehabt hat, Elihu Grant die Wahrheit zu sagen. Diese römische Regierung, die sich in ihrem lächerlichen Nationalismus noch immer sträubt . . . man wird morgen schon auf allen Börsen der Welt ihre Banknoten zusammenhauen . . .

Dann sieht er sich umringt von Menschen und Lärm: auf dem Bauzaun dreizehn Photographen, Stanford von der»Morningpost«, der wissen will, wieviel Einwohner der Mond hat, Cheers, das Kreischen der Mischmaschinen, ein Mensch, der sich zu Elihu Grant mit einem Brief drängt . . . man hat in Unitrust-Building inzwischen Elihu Grants Eintreffen auf der Baustelle erfahren . . . es ist Lawson, der den Sekretär da geschickt hat.

Elihu Grant öffnet: Rom willigt endlich ein. Die Bahn ist frei. Er steckt das Blatt fort, steigt mit dem Sekretär in den wartenden Wagen. »Notieren Sie,« sagt Elihu Grant, während der Motor anspringt.

Um den Turm von Wolworth kreist der Dohlenschwarm. 34

 


 

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