Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Reck-Mallaczewen >

Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 12
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Ich muß verzagen, keine Seele liebt mich,
Und sterb' ich, wird sich kein Geschöpf mit mir erbarmen.
Wie solltens andre auch? Wen soll ich um Erbarmen bitten?
Der nicht Erbarmen hatte mit sich selbst?
                                      Richard III, V/3.

Was geht mich die Gewitterwolke an, die unentladen in diesen letzten Tagen über dem Schicksal von Völkern und Rassen hängt, was dieser »sack of coal«, aus dem das Schicksal, der blöde Zufall kommt – was schert dies alles mich, der ich von einem alten, harten Manne nur zu erzählen habe?

Genau zehn Wochen nach der großen Katastrophe im Kesselschachte »Washington«, acht Tage, bevor in Bale Hoogstraaten sein ominöses Frühstück servieren läßt, erreicht Elihu Grant wieder Unitrusttown. Er hat noch gegen Ende der Fahrt mit One gearbeitet, er hat wieder, wie jeden Tag, die große Feder seines Werkes aufgezogen, er ist eigentlich ganz besonders frisch gewesen nach der ungeheuren Strapaze von New York . . .

Hier aber, als er schon im Wagen sitzt, der ihn vom Landungsplatz nach Hause bringen soll, hier geschieht es, daß er plötzlich die Arme hochwirft, aufbrüllt wie ein Stier, der mit dem stumpfen Axtende den Betäubungsschlag empfangen hat, hintenüber dem neben ihm sitzenden Doctor Schirwind in die Arme fällt.

Ein peinliches, ein abscheuliches Ereignis – man muß es bedenken, daß es sich auf dem Landungsplatz abspielt, hinter 251 einer Konstablerbarriere, vor der das streikende Unitrusttown erschienen ist, um Elihu Grants Ankunft zu begaffen. Und während der Doctor Schirwind an dem Bewußtlosen die Zeremonien seines Handwerks ausübt, beginnt die Menge unruhig zu werden, zu heulen, zu johlen über die Todesnot eines Verhaßten, den man ja leider nicht erreichen kann mit all seinem Haß . . .

Und Elihu Grant liegt inzwischen bewußtlos da mit offenen, großen Augen, liegt mit einem seltsam sardonischen Lächeln . . . ach, einem ganz furchtbaren Lachen, das aus einem Pfuhl von Bitternis, von Menschenverachtung, das aus der Hölle zu kommen scheint. One kann es einfach nicht ertragen, dieses stumme, gefrorene Grinsen, er stottert und ist grüngelb im Gesicht, unser alter, ehrlicher One, er macht lauter Unsinn bei den ersten Hilfereichungen, Schirwind muß ihn anschreien . . . Ja, aber selbst der Doctor Schirwind, der doch allerlei verträgt, vermeidet es nach Möglichkeit, in dieses entsetzliche Menschenantlitz zu sehen . . .

Ja, dies ist wirklich eine ganz abscheuliche Szene: die Absperrung, nicht berechnet in ihrer Haltbarkeit auf einen so langen Aufenthalt an dieser Stelle, gibt langsam dem Druck nach, die Menge kommt dem Wagen verzweifelt nahe, vom langen Hunger gedunsene, käsige Gesichter starren auf die Blöße des Wehrlosen, dem man in der ersten Verwirrung die Kleider vom Leibe gezerrt hat für die Hilfeleistung . . . Weiber mit obszönen Bemerkungen . . . Pfiffe . . . ach, eine ganze Kloake von Haß und Unflat, ausgegossen über den wehrlosen Allmächtigen . . .

Nach einer Viertelstunde erst ist man so weit, daß man weiterfahren kann, und bei der Ankunft in Unitrustpalace ist der abscheuliche Anfall wieder vorüber: Elihu Grant ist wieder 252 bei vollem Bewußtsein, spricht, fragt, fährt im Gespräche mit One da fort, wo die Störung ihn unterbrochen hat. Und Schirwind klopft, prüft Reflexe, schüttelt den Kopf, findet eigentlich nichts: vielleicht ist es wirklich nur eine einfache Übermüdung, ein simpler Kräftekollaps nach der ungeheuren Anspannung der letzten Wochen gewesen?

Und zurück bleibt in den folgenden acht Tagen, die der ominösen Nachricht von Bale vorausgehen, nur eine ganz seltsame Änderung in dem Wesen dieses Mannes und ein Anflug dieses entsetzlichen Lachens . . . Erscheinungen, über die sich der Doctor Schirwind im Laufe dieser acht Tage allerlei Gedanken macht . . .

Seltsame Tage, diese acht – seltsam und inkonsequent auf den ersten Blick im Leben dieses konsequenten Mannes, seltsam in der Geschichte dieser Siedlung Unitrusttown, die einmal in nun schon so ganz vergessenen Zeiten ein friedliches Dorf war und Eucalypto hieß. –

Herbststürme fegen nun schon über das Land, scheuchen Schwärme von Zugvögeln und Hagelböen vor sich her, schieben große, eiterfarbene Wolken vorüber an einem greulichen abnehmenden Mond – hilf Himmel, nie hat man doch diese alte, zuverlässige Sichel so jämmerlich auf dem Rücken liegen sehen!

Seht, die Menschen können nicht schlafen in diesem roten Schein, drängen sich zusammen vor ihren Häusern, schreien aufeinander ein mit blutunterlaufenen Augen, reden von ihrem Hoffen und ihren Ängsten, von der Arbeit, die sie verlassen haben und nie mehr in die Hand nehmen werden, von der großen Gewitterwolke, die im Osten über den Rassen hängt, schütteln die Fäuste gegen die große Zwingburg Unitrustpalace, die ihre Zerstörungskräfte unerbittlich bereit hält . . . stehen und 253 stehen, irren schweigend umher in den endlosen Mondnächten . . . die Weiber, doppelt abgehärmt in diesen zehn Wochen der Arbeitslosigkeit und des Hungers, zerren vergeblich an den Röcken der Männer, können sie doch nun einmal nicht mehr zurückzerren in das Leben von einst . . .

Und durch die große Taxusallee von Elihu Grants Garten fahren die Herbststürme, stemmen sich an gegen die Portale, brechen irgendwo ein durch eine ungesicherte Tür, fahren breit und polternd durch die Korridore, heulen, wenn sie sich zusammenpressen müssen in den engen Gangröhren, fahren mit ihren letzten Atemzügen die kleine Schraubentreppe vor dem einsamen Turmgemach hinan . . . fortgeworfenes Papier ist's wohl nur, das mit dem Windzug die Treppe hinauftanzt . . . Schemen sind's, die im Mondlicht Kreiseltänze vor Elihu Grants Schlafgemach tanzen . . . die Wache auf dem Gang dreht sich ab, mag es lieber nicht sehen . . .

Und Mondlicht fährt dort oben in der Schalterzelle des Turmes durch die Sehschlitze, spielt auf den Drehkurbeln, bricht in tausend Farben durch die Gläser jener wundervollen Mechanismen, die vor zwanzig Jahren zum Heil der Menschheit einmal so ein unentwegter und nun schon ein wenig vergessener Optimist namens Lawson erfunden hat. Und der lange Marriot, der sich einmal für Elihu Grants ersten Kesselschacht die Hände verbrüht und Karriere gemacht hat . . . der lange Marriot hat heute die Wache oben bei den Sendern und späht durch die Sehschlitze: da liegt nun diese ganze, seit zehn Wochen nun schon aufsässige Stadt mit ihrer Bevölkerung von grauen Troglodyten, die aus unbekannter Ursache nicht arbeiten wollen. Wie von einem Kirchturm kann man hier hineinsehen in die Stadt, kann mit dem Glase dort unten bei St. James einen Straßenredner sehen, der von einem 254 Laternensockel aus die Fellachen bearbeitet . . . jetzt, mitten in der Nacht!

Und Marriot runzelt die Stirn, geht nach der anderen Seite, sieht in den Krater hinunter, sieht den Mond spielen auf den Glaskuppeln der Schächte, der Maschinenhallen . . . haarscharf im Mondenlicht mit ebenso scharfen Schatten winzige Menschenfigürchen, die dort umhergehen: da unten im Schacht »New Sealand« kommandiert heute Marchbanks, und Kimber beaufsichtigt die Turbinenreparatur in »Ismael Gould«; und da sind alle diese anderen Schächte . . . nicht mehr als fünfzig in Betrieb seit vier Wochen . . . trotzdem schicken sie ihm, Marriot, genug Energien herauf, um Unitrusttown binnen einiger Minuten in einen Haufen Asche und glühenden Gesteines zu verwandeln. Die Kontakte an diesem Zentralschalter sind einander so nah . . . so nah, gerade auf St. James sind die Sender eingestellt, gerade auf das Zentrum des Streiks . . . man legt den Schalter um, St. James beginnt zu glühen wie ein Lavaberg, man dreht die Mikrometerschraube, man stellt einen anderen Sektor ein . . . Jetzt verbrennt Hamstow, jetzt Bromley mit seinem infernalischen Asiatenpöbel . . . sukzessive rasiert man den ganzen Troglodytismus fort . . .

Halt, Marriot! Was, um Gottes willen, tust du, Marriot?!

Und William G. Marriot ertappt sich dabei, daß er vor dem großen Schaltbrett steht, den Hebel des Vorschalters in der Hand hält, ganz bedenklich festhält . . .

Er schüttelt sich. Es ist die Überreizung, die Übermüdung gewesen, die ihm den Streich gespielt hat . . . der Mond vielleicht auch, dieser verfluchte Mond, der so närrisch hereinscheint. Und Marriot, der sonst so klare und besonnene 255 Marriot, sieht sich veranlaßt, zur Rekonstruktion seiner fünf Sinne erst mal alles ringsum ordentlich ins Auge zu fassen: die violetten Kontrollampen bei den Schaltern, die Indikatoren für die Gesamtmaschinenleistung, die andern für die einzelnen Kesselschächte, den puritanischen Eisenschemel vor dem Schreibpult da, das Fenster, den gerade vorüberkommenden Demonstrationszug bei der Parkmauer. Dann geht er zur Wasserleitung, hält den Schädel unter den kalten Strahl, bedient die Kontrolluhr, sieht, daß das Lichtsignal bei der Tür aufleuchtet, weiß, daß es Two ist, der seine Runde durch Unitrustpalace macht, öffnet, wechselt, obwohl er eben noch ganz närrisch gewesen ist, mit Two ein paar vernünftige, eines Gentlemans durchaus würdige Worte.

Und Two verabschiedet sich wieder, das Eisenschott schließt sich . . . auf Katzensohlen schleicht Two wieder die Treppe hinab . . . leise, leise: unter ihnen, hinter den Stahlwänden, schläft ja der große, kranke Cäsar, den sie bewachen . . .

Schläft nicht . . . schläft nicht . . .

Sitzt mit brennenden, großen Augen in seinem Stuhl, schaut blind in den Mond.

Und am Fenster steht der Neger, muß Ausschau halten für den blinden Herrn, späht in die Gasse bei der Parkmauer hinab.

»Sag', Nigger, was du dort siehst?«

Ach dieses Mal sind es nicht schreiende, tobende Kraterleute, die dort unten vorüberziehen . . . es ist in dieser furchtbaren Mondnacht ein anderer, ein schrecklicherer Zug . . .

»Ich will wissen, Nigger, was dort zu sehen ist . . .«

Herkules berichtet. Es sind die Krüppel des Kraters, die dort vorüberziehen am Park, die Blinden, die Aussätzigen, die 256 Kretins . . . der ganze von dem gesunden Unitrusttown abgesonderte Bodensatz der riesigen Stadt, freigekommen bei dem allgemeinen Chaos vor zehn Wochen und noch immer nicht eingefangen . . . Oh, sieh nur, sie haben sich bei den Armen gefaßt, die Blinden, sie tappen die Mauer entlang; sie ziehen hinter sich kleine Wägelchen, da sitzen andere darauf . . . die, denen die Maschinen Arme und Beine ausgerissen haben wie einer Fliege . . . wenn sie vorüberziehen an der Bogenlampe, die tief unten am abschüssigen Straßenhange brennt, dann gleiten ihre Schatten, grotesk vergrößert, als getreuliche Spukbilder vorbei auf der weißen Mauer.

»Singen sie, Herkules?«

Nein, sie singen nicht. Die andern, die Gesunden, die mögen schreien, drohen, toben, wenn sie hier vorbeiziehen. Diese hier, die kein Streikführer losgelassen hat, sie, die ratlos umherirren in der verwirrten Stadt durch die Mondnächte – sie sind stumm.

Und plötzlich bäumt sich in seinem Stuhl dieser arme Leib, als wolle er aufspringen, sich losreißen von seiner toten Hälfte . . . plötzlich schreit er wieder wie in alten Zeiten durch das enge Gemach, daß es schauerlich in die Nacht gellt bis zu den Wachen draußen auf den einsamen Gängen von Unitrustpalace: »Sie sollen nicht schweigen . . . hast du mich verstanden, Nigger . . . ich will nicht, daß sie schweigen!«

Ach, man kann Gespenstern nicht befehlen, daß sie wieder zu Menschen werden! Und wenn dann ein armer, einfältiger Neger ratlos steht vor den unausführbaren Befehlen seines Herrn, dann geschieht es, daß plötzlich Elihu Grant nach etwas anderem verlangt.

»Die Braune, ich will, daß sie hierher gebracht wird.«

Herkules schellt, draußen setzt sich der Apparat von 257 wachthabenden Domestiken in Bewegung, Biskra wird geweckt, Biskra kommt, Biskra verneigt sich demütig vor dem Blinden.

»Hinaus mit dir, Nigger!«

Herkules geht, geht durch die Vorzimmer, wo die diensthabenden Lakaien sich herumekeln . . . er hat eine Träne im Auge, der dumme, einfältige Neger Herkules.

Und drinnen ist Biskra allein mit dem Alten in diesen teuflischen Mondnächten.

Die Lakaien in den Vorzimmern gähnen, bohren sich in der Nase, erörtern grinsend, was er mit dem jungen Weibe dort drinnen wohl treiben mag, der alte Mann.

So, Freunde, sieht es in diesen acht Tagen, die auf die Rückkehr aus New York folgen, in Unitrustpalace aus: ein anderer Elihu Grant ist aufgewacht aus jener rätselhaften, tiefen Ohnmacht – der Sekretär One kann ein Lied singen von dieser Änderung!

Gewiß, es ist nach Ones Auffassung seit dem ominösen siebzehnten Juli unaufhaltsam abwärts gegangen mit Elihu Grant: er hat sich bei seinen Levers von Schirwind Shakespeareverse vorlesen lassen, hat nicht mehr mit Parfümflaschen um sich geworfen, er hat es fertiggebracht, als One ihm sein Todesurteil, die Nachricht vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Tokio vorlegte, sich statt einer sofortigen Antwort zu dieser Negresse schieben zu lassen.

Aber er war doch nie ein größerer Arbeiter als in jenen ersten Wochen nach dem siebzehnten Juli – damals, als er Streik, indische Getreidebrände und amerikanische Krisennöte zu gleicher Zeit meisterte, und er hat schließlich in New York noch einmal ein glanzvolles Finish gehabt.

Und jetzt?

258 Wie ein gieriger Brand rast in der Stadt der Streik, nun hat diese Pest auch die Garde der Kraterleute, die Arbeiter angelsächsischen Blutes infiziert. Jede Woche muß Featonby eine neue Gruppe von Schächten stillegen, Featonby hat gerade noch genug Strom, um das Grundwasser unter den stilleliegenden Kesseln zu halten und im Notfalle mit den Sendern Unitrustpalace zu schützen. Featonby wünscht Orders, er wünscht eine neue, energische Propaganda zur Bekämpfung des Streiks, er hat sogar eine Liste von Ingenieuren, die nicht mehr als unbedingt zuverlässig gelten können, deren Zurückziehung aus den Kesselschächten mithin . . .

»Es ist gut, mein alter Junge . . . ich weiß, du hast dir einmal die Hände verbrannt für mich?«

Featonby sperrt den Mund auf – die alte Geschichte im Kesselschacht I hat er längst vergessen.

»Es ist ganz gut, alles, was du sagst – du wirst das schon ganz gut allein machen, mein Junge.«

Lawsons Nachfolger ist starr, macht eine Verbeugung, die Elihu Grant nicht sehen kann, geht, weiß nicht, wo ihm der Kopf steht. –

Und da ist noch unser alter Two und bringt zu seinem ersten Vortrag gleich ein ganzes Verzeichnis von Ungeheuerlichkeiten mit, die sich während Elihu Grants Abwesenheit in Unitrustpalace zugetragen haben: An einem schönen Morgen hat man, allen auf den Gängen stehenden Posten zum Trotz, die Wände eben dieser Gänge völlig überklebt gefunden mit Plakaten der Streikenden, Aufforderungen an Twos Leute, den Gehorsam zu verweigern . . . Man weiß nicht, wie die Uebeltäter Unitrustpalace überhaupt haben betreten können, alle Nachforschungen sind vergeblich gewesen, Two senkt den Kopf und macht sich auf ein ungeheuerliches Gewitter gefaßt.

259 Der Alte in seinem Stuhl lächelt nur ein wenig schmerzlich: »Ich glaube, es gehen nun Gespenster um in Unitrustpalace, alter Two?«

Two senkt den Kopf, ein Wutausbruch im alten Stil wäre ihm lieber gewesen! Kreuzdonnerwetter, hier sind noch ganz andere Dinge: religiöse Wahnsinnserscheinungen bei den Streikenden in der Stadt . . . verrückte adventistische Straßenprediger an jeder Ecke . . . Elihu Grant als Antichrist verschrien, Christus wiederkehrend . . .

Wieder das seltsame Lächeln, der Blick der schönen großen, blauen Augen trifft den alten Söldner: »Christus kommt wieder? Es ist gut, geh nur wieder, mein Junge.«

Two geht, man hört ihn den ganzen Vormittag grimmig in seinem Bureau wettern, er läßt seine ganze Wut an dem Rayonchef von Down-Town aus, in dessen Bezirk in der letzten Nacht sich ein paar Konstabler mit den Ausständigen verbrüdert haben.

Und das ganze Marionettentheater des gewohnten Tages schnurrt ab vor Elihu Grant: der Küchenchef will das Menü bestätigt haben, der Hausmeister verlangt, daß in Zukunft nur noch der Haupteingang von Unitrustpalace geöffnet sein soll, da verdächtige Gestalten in der letzten Nacht im Park beobachtet worden sind; und endlich soll Elihu Grant entscheiden, ob der Ankauf der Pariser Inkunabelnsammlung nun betätigt werden solle oder nicht . . .

Elihu Grant lächelt stille, nickt zu allem, schweigt.

Und One kommt, der unerschütterliche, die Tüchtigkeit aus allen Poren schwitzende One, und die große Sintflut ergießt sich über den schweigenden alten Mann: letzte Depeschen aus New York, wo der Pöbel plündernd in der City erschienen ist . . . letzte Katastrophenkurse der nun ebenfalls von 260 Tarquanson in den Abgrund gerissenen »Bibby-Works« . . . Kanonendonner von amerikanischem Frachtdampfer angeblich bei den Pescadores-Inseln gehört . . . Hilfeschreie von allen Ecken der Wirtschaft . . .

»Weiter, One . . . du wirst das ja wohl alles erledigen . . .«

Die Weizenanlieferungen für die Depots . . . die Tagesberichte der Außenstationen vor allem, die Streikstatistik von Bale, der Tagesbefehl für Hoogstraaten . . .

Elihu Grant malt, ehe One auch nur einen Buchstaben von diesem Tagesbefehl vorgelesen hat, seine Chiffre auf das Papier, zum erstenmal ergeht ein Tagesbefehl, den Elihu Grant nicht kennt.

»Wie gewöhnlich, One . . . alles wie immer . . . Höre, One, ich werde heute ausfahren.«

Das ist zuviel für One! Man hat in den letzten Wochen eine rätselhafte Katastrophe, einen vom religiösen Wahnsinn befallenen Mönch, ein farbiges Frauenzimmer gesehen in Unitrustpalace: noch nie aber hat ein sterblicher Mensch Elihu Grant ausfahren sehen . . .

»Einen angenehmen, kleinen Saloon in Down-Town, One, wo meine alten Leute vom Krater verkehren. Du kannst alles mit Two besprechen, du wirst mich begleiten, One.«

Mit der angenehmen Aussicht, das Ziel allen Hasses durch die verrückte Stadt zu begleiten, begibt sich One zu Two. Es nützt nichts, daß Two tobt, daß beide Herren felsenfest von dem Wahnsinn Elihu Grants überzeugt sind, es nützt zu nichts, daß Two, der nicht einmal für die Sicherheit von Unitrustpalace mehr bürgen kann, diese Fahrt in irgendeine Arbeiterkneipe bei den Kaianlagen als Selbstmord bezeichnet: der Chef des betreffenden Viertels wird zitiert, hundert Geheimagenten werden, um dort unten für ein paar 261 Stunden eine nicht allzu schlimme Gasse abzusperren, in Bewegung gesetzt.

Und ein paar Musterleute aus der alten Kratergarde werden aufgetrieben, an die Tische von »Jenkins' Saloon« gesetzt, gestielte Goldfischbassins voll Whisky werden hingestellt, das Lokal wird naturgetreu vollgeraucht: ein vollkommenes Theater ist aufgebaut für einen wahnsinnig gewordenen alten Cäsar . . .

Und an der Seite des Alten sitzt an diesem Nachmittag One, ist gelbgrün vor Angst, duckt sich wie ein Junge, der einen Schneeballwurf ins Genick erwartet, schielt nach den Fenstern der abgesperrten menschenleeren Straße, hinter denen doch Menschen mit Schießzeug in der Tasche wohnen können, zum Donnerwetter!

Nein, nicht doch: der Wagen saust unbehelligt Elevator-Street hinunter, saust in einem Tempo, das die Chauffeure kaum mehr verantworten können, fliegt durch Gassen, deren Fenster leer und dunkel sind wie die Augenhöhlen eines Totenschädels, hält in Robbins-Street vor »Jenkins' Saloon« . . . wie sollte One, der noch nicht Zwiesprache zu halten braucht mit dem großen Unbekannten . . . wie sollte One verstehen, daß ein Mann, der sein Werk vollendet hat, blind noch einmal durch die Gärten seiner Jugend geht?

Herausgehoben aus dem Wagen, hineingetragen, an den Tisch gesetzt!

Ja, da sitzt der alte Kesselheizer von der Grube »Father Sam«, weiß nicht, daß es Theaterkulissen und Statisten sind, die ihn umgeben: noch einmal das, was jenseits aller Kraftlinien und Maschinendiagramme liegt . . . noch einmal das Leben, noch einmal, meine Jungen, die Lieder aus den Tagen, als wir jung waren und an das Leben glaubten . . .

Dick Malone, von dem zuständigen Kommissariat als 262 würdig einer solchen Statistenrolle bezeichnet, hat sich inzwischen leise betrunken und glaubt Elihu Grant das berühmte Lied von »Mary Cut« schuldig zu sein . . . dieses Lied, bei dem ein argentinischer Zuhälter schamrot werden könnte. Dafür ist Tom Hoskyn vom Kabeldepot I nüchtern geblieben, Tommy Hoskyn fällt nicht aus der Rolle, Hoskyn beginnt die saubere, die formidable Geschichte von Mister Stone und Mister Lone zu erzählen, die gewettet hatten, wer von ihnen besser lügen könne, Herr . . .

»Behauptet also Lone, er hat einen Mann gesehen . . . der Mann ist den Niagara hochgeschwommen . . . den Niagara auf der kanadischen Seite . . . Wette also gewonnen, nicht wahr? Spuckt Stone aus, sagt ganz einfach: ›Ich war der Mann.‹ Lone geschlagen . . . gibt auf . . .«

Und Elihu Grant schnüffelt in der Luft, die er vor vierzig Jahren geatmet und die man für diese Stunde so täuschend nachgeahmt hat, tastet, ob die Gläser die vorschriftsmäßige Größe haben, ob One auch zu trinken hat . . . he, One, mein Junge, du verträgst nichts, mein Junge . . .

Und die Insassen von J. P. Jenkins' Saloon lachen vorschriftsmäßig, und die Detektive, die Elihu Grant nicht sieht, erwägen, ob Dick Malone, der nun wirklich vollkommen betrunken ist, nicht entfernt werden soll . . .

Aber da hat einer von den Statisten, wie beordert, das »Yankee-Doodle« angestimmt, und es wird wirklich, während in weitem Umkreise der Erdball nebst seinem Personal zum Teufel zu fahren sich anschickt, das Lied vom offiziellen amerikanischen Optimismus gesungen. Gebrüllt, gegrölt . . . Malone ist nun ganz und gar besoffen, hinaus mit Malone!

»A Yankee boy is trim an tall
And never over fat, Sir...
«

263 »Nun gewiß ein alter Kadaver, gut für den Schinderhafen. Damals aber auf ›Father Sam‹ ein Kerl, meine Jungen, ein fixer Kerl . . . brach euch einen Silberdollar mitten durch . . . weiß nicht, ob ihr euch erinnert . . .«

Nein, unter den Gästen von J. P. Jenkins' Saloon ist niemand mehr, der sich noch erinnern könnte . . .

Und wie Elihu Grant sie zu erzählen beginnt, die Heldentaten seiner Jugend, da ist es plötzlich Dick Malone, der ihn mit der Frage unterbricht, wieviel er, Elihu Grant, denn nun eigentlich ihnen allen zu zahlen gedenke für diese Sitzung hier . . . he, Cancer, du bist eine alte, abscheuliche Ratte, angenehm ist es nicht, neben dir zu sitzen . . . drei Dollar in der Stunde für jeden gewiß nicht zu viel . . .

Elihu Grant weiß Bescheid, schweigt. Die Detektive an dem anderen Tisch fassen Dick Malone am Kragen. Malone wird verbannt aus J. P. Jenkins' Saloon.

»Du hast ein ganz angenehmes Theater arrangiert, One, ich bin mit dir zufrieden.«

Elihu Grant läßt sich einpacken, in den Wagen setzen, davonfahren. One vermeidet es auf dieser Fahrt, dem Blick der toten blauen Augen zu begegnen. Und es ist zu bemerken, daß in der Nacht nach diesem Ereignis in J. P. Jenkins' Saloon, in der zweiten nach Elihu Grants Rückkehr, Biskra zum ersten Male aus ihrem Schlaf gerüttelt und zu Elihu Grant geführt wird.

Mondschein auf den Gängen, im Mondenlicht wie Bildsäulen die Wachen, im einsamen Zimmer, übergossen vom kalten, blauen Mondenschein, der fette, regungslose Mann, der in diesem Lichte eigentlich wie eine Leiche aussieht.

Herein kommt Biskra . . . bleibt zitternd stehen vor dem Alten.

264 »Nahe heran!«

Da sitzt sie zu seinen Füßen. Vergessen ist alles, versunken in dieser rätselhaften Weiberseele, die doch mehr sieht, als anderer Menschen Augen zu sehen vermögen: einmal hörte man auf einen strengen, gütigen Heiligen, das ist schon lange her . . . man weiß nicht mehr, wo er geblieben ist. Man lief durch die große Stadt und schaute der Menschen Jammer, man spielte in einem Garten, man fuhr in einem Himmelswagen über das Meer, saß in einer großen, fremden Stadt einmal schon dem alten Manne hier zu Füßen, erzählte von Icala . . .

Versunken schon und halb vergessen.

»Ganz nahe zu mir!«

Und nun ist es ein einziger Mensch in der ganzen großen Siedlung Unitrusttown, der weiß, was dem blinden Herrscher der Welt not tut in dieser Stunde, da er fertig ist mit seinem Erdenwerk. Einen einzigen Menschen gibt es, der es weiß – und die es weiß, ist ein braunes, von einem verschollenen Sklavenstamm gezeugtes halbes Kind.

An die gelähmten Füße, an den mächtigsten, geschlagensten Mann des Erdballes schmiegt sich eine kleine farbige Sklavin: »Sitzt du gut, alter Mann?«

Elihu Grant sitzt gut – der Neger Herkules weiß Bescheid in diesen Dingen: es ist dennoch merkwürdig gut, wenn solche Weiberhand den Arm hier zurechtrückt . . .

Und Elihu Grant schaut in den Mond, denkt weit zurück: Kessel auf »Father Sam« . . . vierzehn Stunden Schicht am Tag . . . ein forscher Kerl damals! Getreidecorner in Wallstreet, erstes Geld . . . business as usual! Der große Coup mit Ohio und Baltimore, Konkurrenz niedergeboxt, Konkurrenz 265 warf sich auf Subwayschienen . . . Unitrust gestartet . . . Lawson, Krater, Herr der Welt . . .

»Geld, Menschen, Kraft . . . alles gekannt, alles gehabt, alles zum Teufel geworfen! Aber das andere, du . . . was ich nicht gekannt habe, nicht weiß, nie besaß . . .«

Und nun geschieht es, das Entsetzliche. Nun sind es nicht mehr wie in New York die Sagen eines verschollenen Volkes, das Plaudern eines kaum zum Weibe erblühten Kindes: wie bei der ersten Begegnung in Biskras Zimmer kommen nun wieder die Hände, die kalten, weichen Hände, die auf schreckliche Weise Besitz ergreifen von diesem Weibe . . . weh, kleine Biskra, ein Leichnam ist's, der sich wärmt an deinem warmen Blut!

Da liegt sie regungslos zu seinen Füßen, kann sich nicht wehren, ist preisgegeben einer schrecklichen Macht, erhebt sich zitternd, wenn diese Hände sie freigeben, wird in ihr Zimmer gebracht, liegt in unsäglicher Erschöpfung da, als habe der andere wirklich ihr Leben getrunken, weint sich in Schlaf, liegt zitternd einen ganzen Tag in wütender Angst vor der Nacht. Wird wiederum, wenn der Mond so greulich scheint, aufgerüttelt, angekleidet, zu dem furchtbaren Oger gebracht, ist ebenso demütig wie in der letzten Nacht, wird leer getrunken von den Händen, fortgeschickt, gepflegt, geschmückt, von neuem gerufen . . .

Nimm dich in acht, Elihu Grant: nur ein Bild kann Sibylle immer sehen – sieht heute an einem Krankenbett den Todesengel stehen, sieht morgen den großen Jammer der Stadt Unitrusttown . . . Irre, die man in gestreiften Kitteln durch ihren Garten treibt, mit seiner großen Träne im Auge den müden Klepper, den man zum Metzger führt . . . nimm dich in acht, Elihu Grant, wenn je wieder, wie einmal 266 schon, dieses Weib den sieht, der den Mönch Joannes erschlagen ließ, den Mörder dessen, um den Biskra einst heulte, wie um ihre ersäuften Jungen die Hündin!

Es geschieht in der vierten dieser seltsamen Nächte, daß der Neger Herkules, der im Lakaienzimmer wacht, einen gellenden Schrei aus Weiberkehle hört. Auf die Tür, Herkules, zu deinem Herrn . . . im selben Augenblick ist auch schon Two zur Stelle: die beiden Männer finden Elihu Grant still und wieder mit jenem schrecklichen Lächeln in seinem Stuhle sitzen – zu seinen Füßen ausgestreckt, auf dem Rücken liegend und bretthart den Leib gespannt in einem rätselhaften, schrecklichen Krampf Biskra, mit weit geöffneten Augen, in denen ein unsäglicher, ein tierischer Haß zu lesen ist.

Die Männer tragen sie davon. Auch jetzt noch verharrt der kleine, schlanke Leib in diesem bösen Krampf, man erfährt, daß es eine lange, lange Weile noch so dauert, bis sie in den tiefen Schlaf völliger Erschöpfung versinkt.

Was sich hier abgespielt hat, ist nicht zu erfahren. Wohl bittet Two seinen Herrn fast kniefällig, nicht mehr allein zu bleiben mit Personen, für die man nun einmal die Verantwortung nicht übernehmen kann. Elihu Grants Augen begegnen ihm – nein, auch unser alter Two ist nicht der Mann, der diesen Blick erträgt; und daß Elihu Grant von dieser Nacht an bei seinen seltsamen Séancen die Tür von innen verriegeln läßt, daß Two insgeheim ein Guckloch in die Stahlwand bohren läßt, um seinen Herrn wenigstens etwas im Auge zu behalten – das alles ist der einzige Erfolg von Twos Vorstoß . . .

So seltsam sind diese ersten fünf Tage nach Elihu Grants Rückkehr, seltsam und widerspruchsvoll. Noch ist, wie gesagt, Hoogstraatens verhängnisvolles Frühstück nicht aufgetragen in 267 Bale, noch wird dort in den Kesselschächten nicht eine einzige Schraube gerührt, ohne daß Unitrustpalace darum weiß – ja, aber große, umwälzende Ereignisse haben ihre Schemen, mit gespenstischem Hufschlag galoppieren diese Schemen den wirklichen Ereignissen voraus, die ganze Welt hört den Galopp der unsichtbaren Rosse – es ist einfach nicht möglich, daß der eine Teil der Erde beben will, ohne daß schon vorher der andere dumpf das Schicksal der einen ahnt. –

In der Nacht zum fünften Tage, genau zweimal vierundzwanzig Stunden, ehe die Station Bale auf das Zeichen »W. A. B.« nicht mehr antwortet, stolpert Two, als er die Wachen auf den inneren Gängen revidiert, unmittelbar am Fuße der zu Elihu Grants Schlafzimmer führenden kleinen Wendeltreppe über einen großen, am Boden liegenden Gegenstand: Reginald Donohoe, alter Sergeant der Northumberland-Fusiliers, als zuverlässigster Mann Twos gerade mit diesem Posten hier betraut, liegt mit durchschnittener Kehle vor Elihu Grants Zimmer und ist so endgültig tot, daß er zur Aufklärung dieser Ungeheuerlichkeit nichts Wesentliches mehr beitragen kann.

Two läuft zu Featonby hinauf, der heute persönlich in der Zentrale wacht, zieht ihn leise hinunter, legt den Finger auf den Mund; beide Herren beraten sich ganz leise, schleppen schließlich allen kriminalistischen Regeln zum Trotz den Toten in die Zentrale hinauf, wo ihn wenigstens niemand sehen kann.

Besichtigt, durchsucht, alles erledigt, was in solchen Fällen zu tun ist.

»Ziehen wir ihn wenigstens aus dem Mondschein, Featonby.«

Und Two geht hinunter, geht von einem Posten zum andern, vernimmt einzeln die Leute, ohne daß sie vorerst merken, 268 was sich dort oben in dem engen Gange ereignet hat: es ergibt sich das Ungeheuerliche, daß kein einziger etwas gesehen, etwas gehört hat . . .

Und Two geht wieder hinauf zu Featonby: »Sind Sie noch stark genug, Featonby, für alle Fälle?« Und Two deutet mit dem Kopf nach den Sendern.

»Solange ihr im Hause stark genug seid . . .«

Daß der stärkste Mörser nichts nützt, wenn der Mann am Abzug von hinten totgeschlagen wird, ist eine Tatsache, und für Tatsachen hat Two weitgehendes Verständnis. Two hebt die Hand, läßt sie ganz müde und hoffnungslos wieder sinken, Two geht.

Und Two läßt im geheimen die letzten Spuren von Reginald Donohoes Erdenwallen beseitigen, läßt Reginald Donohoe in der nächsten Nacht mit noch größerer Heimlichkeit im Park unter den exotischen Bäumen eingraben, die Elihu Grant einst in ganzen Schiffsladungen hat kommen lassen für seinen Lustgarten . . . Two geistert, Wut und Gram im Herzen, durch Unitrustpalace, erscheint wie ein Geist in der folgenden Nacht an Stellen, wo ihn keiner vermutet hatte, vernimmt noch einmal, untersucht, wühlt sich hinein in den Fall Reginald Donohoe, ohne auch nur das allerbescheidenste Resultat verzeichnen zu können.

Und aller Heimlichkeit zum Trotz weiß es am nächsten Tage schon der letzte Schreiber, was aus Reginald Donohoe geworden ist. Die alten Soldaten des großen europäischen Krieges wagen nicht mehr geradeaus zu sehen, wenn sie nachts in Unitrustpalace wachen – wagen es nicht, weil von hinten das unsichtbare Schicksal über sie kommen könnte. Von dieser Stunde an nimmt der Streik, der sich, von der Arbeitsverweigerung abgesehen, auf ein paar 269 Demonstrationszüge, ein paar exaltierte Brandreden beschränkt hat, ein anderes Gesicht . . . ..

In der Nacht vom sechsten zum siebenten dieser denkwürdigen Tage schweigt zum ersten Male seit einer Woche der Sturm. Man hat es kaum mehr ertragen können, dieses Heulen auf den Gängen, dieses Pochen unsichtbarer Finger an den Fensterscheiben – nun ist es die plötzliche, ungeheure Stille, unter der man schaudert. In der Nacht vom sechsten zum siebenten Tage wird Two aus dem kurzen, tiefen Schlaf vor seiner ersten Runde geweckt, fährt auf, sieht, daß das Zimmer in knallrotem Scheine liegt. Das ist nicht mehr jene Feuersäule, die einmal über dem Krater gestanden hat, als der Krater noch ein dampfendes Höllenloch war . . . Jene Feuersäule, in der, wie der alttestamentarische Gott, Elihu Grant in seiner Macht sich offenbarte: es sind die Anlagen bei den Kais, die dort brennen, die Proviantmagazine, die Getreidedepots . . .

In die Kleider gefahren, hinuntergesaust zur Brandstätte.

Two balgt sich ab mit dem Feuer, er verbeißt sich in diesen Kampf, es gelingt ihm, nachdem die Kabeldepots, die Holzlager, die großen Lastwagenremisen gen Himmel gefahren sind in einem sprudelnden Feuerstrom, wenigstens die Hauptanlagen am Südkai zu retten.

Erst dann, als er fertig ist mit dem Gröbsten, sieht er dieses großartige Bild: die Flammenfanale, die meilenweit die See röten, Unitrustpalace erleuchten, als stünde die Zwingburg selbst in Brand, den Feuerturm, der singend und rauschend über den Holzplätzen steht. Und dort hinter den Ketten von Twos Leuten, die den Platz absperren, steht der Pöbel – der Pöbel singt nicht, er heult nicht, er steht stur und starr . . . die Flammen, die nun die großen Kautschuklager 270 fressen, beleuchten einen riesigen, schweigenden Wall von Lemuren. Da spuckt Two aus in grimmiger Wut, bahnt sich brutal seinen Weg durch die Menge, prescht mit seinem Wagen mitten hinein, saust zurück nach Unitrustpalace, erscheint mit versengten Haaren, einer Brandschmarre auf der Stirn und mit verschmiertem Gesicht vor Elihu Grant.

Nein, es geht nicht mehr weiter so wie in den letzten sieben Tagen . . . es muß zum Donnerwetter doch etwas geben, womit man Elihu Grant aufwecken kann aus seiner verdammten Lethargie . . .

Und nun sagt Two das, was er Elihu Grant bisher verschwiegen, was sich vor zwei Tagen hier ereignet hat: daß der beste Mann ihm auf Elihu Grants Schwelle abgeschlachtet ist, daß er, der Polizeichef von Unitrusttown, auch nicht das bescheidenste Untersuchungsresultat hat verzeichnen können, daß vor drei Stunden der Pöbel, aller Bewachung zum Trotz, wertvolle Vorräte verbrannt hat, für die er, Two, ebenfalls die Verantwortung zu tragen hatte.

Er übertreibt geflissentlich seine eigne Schuld, er steht als unbrauchbarer Diener vor seinem Herrn . . . und nun zum Donnerwetter muß Elihu Grant endlich aufwachen und den unbrauchbaren Two zur Hölle schicken . . .

Stille, Schweigen . . .

Elihu Grant sieht vorbei an seinem alten Diener, es ist wieder jenes entsetzliche, fast hohnvolle Lächeln auf dem Gesicht – dieses Lächeln, das man zuerst nach jenem körperlichen Zusammenbruch bei der Rückkehr gesehen hat, und das One nicht hat ertragen können . . .

So sitzt Elihu Grant und lächelt.

Es ist sicher und ausgemacht, daß ein Gentleman auch in dieser Situation Form und Maß kennt. Und Two wirft 271 sich also nicht auf die Knie und führt keine lächerliche Szene aus einer alten Heldensage auf vor Elihu Grant; aber er erinnert daran, daß er schließlich durch einige Jahre einem treuen Herrn ein treuer Diener gewesen ist . . . auch die anderen alle, die in Unitrustpalace dienen . . . und nun treibt das Schiff steuerlos und fängt ganz verdammt zu rollen an, und gerade jetzt muß man es erleben, daß der große, alte Kapitän schläft . . .

Two kann, wie gesagt, nicht mehr, Two kann es nicht verhindern, daß er schließlich Elihu Grant anschreit . . .

»Es ist gut, ich bin immer zufrieden gewesen mit dir, Two.«

Two starrt ihn fassungslos an. Muß denn dieser verfluchte Mond, der die ganze Stadt verrückt macht seit zehn Tagen, gerade jetzt in dieses tote Gesicht scheinen?

»Es ist also gut, Two . . . sage Herkules, daß er die Braune hierher bringt.«

Two braucht es Herkules nicht erst zu bestellen, Herkules hat es wohl schon erraten, was sein Herr will: als Two fluchend die kleine Treppe hinabgeht, begegnet ihm Biskra. Biskra ist behangen mit Schmuck, wie Judith, als sie zu Holofernes sich begab . . . Ringe und Reifen, von einem alten, blinden Liebhaber geschenkt, schimmern und klirren auf dem braunen Fleisch. Two spuckt aus und geht vorüber.

Weiter, weiter: man ist nur ein grauhaariger Soldat, man fühlt sich, nachdem Elihu Grant hoffnungslos verloren ist, mit den andern zusammen verantwortlich für das Werk, an dem sie alle so viele Jahre gebaut haben.

Er geht in die Zentrale hinauf: »Ist Featonby schon da?«

Nein, Featonby ist noch im Krater, er wird jede Sekunde zurückerwartet, augenblicklich hat Marriot allein die Wache hier.

272 »All right, Marriot?«

Oh, Marriot ist bereit, Marriot wird nicht versagen, wenn es gilt, die Hölle aus den Sendern auf die dort unten loszulassen.

Und Two geht auf und ab auf den Stahldielen, unter denen dieses verdammte fremde Frauenzimmer nun seinen Herrn närrisch macht, bleibt stehen, starrt hinaus in den grünen Funkenregen, der von den brennenden Lagern kommt, wendet sich wieder an Marriot: »Vor dreißig Jahren, Marriot . . . damals während des großen Krieges in der Picardie . . . Tibbonham von den Coldstream-Grenadieren verschüttet mit achtzig Mann, Marriot! Konnten ihn nicht ausgraben, Marriot, hatten nur noch Kabelverbindung mit Tibbonham. Weißt du, was wir hörten, Marriot?«

Die Telephonscheibe leuchtet: Jackson, der die Sperre bei Pelham-Road kommandiert, meldet, daß Pelham-Road wie eine Wurst vollgestopft ist mit Menschen.

»Sind sie noch ruhig, Jackson?«

Ja, das ist es eben, daß diese ganze Menschenmasse in Pelham-Road in tiefem Schweigen und ganz langsam auf die Sperre zurückt . . . verwirren die Leute, wissen nicht, was sie tun sollen . . .

»Laß die Hölle auf sie los, Jackson, und verhilf ihnen zur Himmelfahrt!« Wütend hängt er ein.

Natürlich muß er selbst dorthin, er muß selbst nach dem Rechten sehen. In der Tür schon wendet er sich noch einmal an Marriot: »Laß dir also erzählen, mein Junge, was Tibbonham damals seinen Leuten sagte, als die Luft da unten dick wurde und sie zu jammern anfingen: ›Benehmt euch als Briten‹ . . . Die Tür hier, wird, fürchte ich, heute aufgehen, 273 Marriot, ihr werdet unerwünschten Besuch erhalten. Denke daran, was Tibbonham seinen Leuten sagte.«

Und Marriot reicht Two die Hand, die er einmal vor Jahren verkrüppelt hat in Elihu Grants Diensten, und Marriot hat ja auch ohne das Bescheid gewußt, was man zu tun hat; wenn das Ende kommt, das Ende ohne Furcht und ohne Hoffnung . . .

Und Two sitzt nun wieder in seinem Wagen, saust hinunter in die Stadt: der große, den ganzen Krater umspannende Zirkel von Elevator-Street . . . die Bogenlampen, die den Kreis umgaben mit einem schönen, schimmernden Diadem, liegen nun erloschen . . . die Leitungen sind unterbrochen seit dem Ausbruch des Brandes . . .

»Down-Town zuerst, Wilson!«

In ungeheuerlicher Fahrt saust der Wagen die vollkommen menschenleere Straße hinab. Noch alles in Ordnung hier . . . die Sperre am Hafen, die einzelnen Konstablerwachen, bei denen Two vorspricht.

»Bieg' links ein, Wilson.«

Mitten hinein in die Elendviertel . . . Bromley, St. James, Hamstown . . . keine angenehme Fahrt für einen Polizeichef, den jeder kennt, für den doch sicher hundert Kugeln gegossen sind, statt einer. Und Two schnüffelt unzufrieden in der Luft: er kennt doch diese Stadt, die unter seinen Augen gebaut ist, wie das Zifferblatt seiner Taschenuhr, kennt von jeder Spelunke, von jedem Hause beinahe die Kriminalgeschichte . . . was ist denn mit Unitrusttown eigentlich geschehen seit ein paar Stunden?

Es ist die Totenstille, die Two irritiert, die nämliche unheimliche Stille, die ihm bei den Gaffern auf der Brandstätte mißfallen hat. Hier in St. James, wo die Menschen eigentlich 274 mit einem Galgenstrick um den Hals geboren werden, hier wenigstens sollte man doch versuchen, ihn aufzuhalten, ihm einen Schuß nachzuschicken? Nichts von dem! Die Straße ist leer wie in einer Peststadt. Nur die Fenster sind aufgerissen, in jedem Fenster liegen Menschen, stieren hier, wo man kein Gegenüber hat und den Hafen übersehen kann, stumm ins Feuer hinunter.

Stumm, stumm . . . wenn sie doch wenigstens fluchen und ihn auspfeifen wollten! Er tröstet sich damit, daß man ihn nicht erkannt haben mag, er atmet auf, als er die Gespensterstraße hinter sich hat, läßt, um die bedrohte Stelle bei Pelham-Road zu erreichen, links einbiegen, geradeswegs nach Bromley hinein . . . hier, wo Chinesen, Afghanen, Sibiriaken zusammengepfercht sind in einem einzigen Ghetto, sollte er doch etwas lebhafter begrüßt werden . . .

Nichts davon! Wohl sind hier Menschen auf der Straße, man sieht Ordner an der Spitze der Züge, man erkennt auch diese verdammten mongolischen Totenkopfphysiognomien, die von verfluchten asiatischen Henkerkünsten wissen . . . Ja, aber es ist, als ob alle diese Menschen sich trappistisches Schweigen gelobt hätten für diesen Zug . . . Lautlos fließt ihr zäher Strom die Straße hinunter, lautlos teilt er sich vor dem Wagen . . . es ist Two, als ob er mitten durch Schemen, durch einen abscheulichen Brei von lebenden Menschen führe . . .

Angenehme Aufgabe, mit diesen Gespenstern sich zu schlagen!

»Victoria-Street, auf die Wache zu!«

Die menschenleere Parallelstraße von Pelham-Road entlang kommt ein Mann gelaufen, ein einzelner Mann . . .

»Ramsden!«

Der Konstabler, ohne Helm, ohne Waffen, erkennt seinen Herrn, kommt näher.

275 »Was in Henkers Namen ist, Ramsden?«

Der Mann, vollkommen zerstört, winkt ihm, führt ihn die kleine Quergasse entlang die paar Schritte bis zur Ecke von Pelham-Road, bleibt ängstlich stehen im tiefen Häuserschatten. Pelham-Road vor ihnen ist voll der gleichen Schemen.

»Jackson . . . die andern . . . wo sind sie geblieben?«

»Vom Teufel geholt, Herr, alle vom Teufel geholt!«

»Habt euch nicht gewehrt, Ramsden?«

Der Mann läßt hoffnungslos die Hand sinken: »Weiber mit Kindern auf dem Arm an der Spitze, Herr . . . keiner von uns wollte schießen . . .«

Da weiß Two, daß er mit dem Satan selbst seinen letzten Kampf wird zu fechten haben, packt Ramsden fluchend in seinen Wagen, überläßt Jackson seinem Schicksal und steuert wieder Unitrustpalace an.

Es kostet eine kleine Odysseusfahrt, Unitrustpalace zu erreichen, die breiten, radienförmig auf den Park zuführenden Straßen sind nicht mehr passierbar.

»Whitefeld . . . Gordon . . . alle hierher.«

Er nimmt alle Wachen, die hier an den Parkeingängen nutzlos verzettelt stehen, zurück auf das Hauptgebäude, die Leute, vermischt schon mit den Überbleibseln von Jacksons aufgehobenem Kommando, folgen mit finsterem Gesicht.

In der Halle unten versucht er noch einmal das letzte, sagt kurz und bündig, was er zu sagen hat: Der Teufel draußen vor der Tür . . .Weiber an der Spitze . . . Selbsterhaltung, Soldatenpflicht . . .

Die Leute stehen stumm, untadelig in der Haltung, alte erprobte Kameraden von hundert Gefahren her . . . alles gut und schön, aber Weiber an der Spitze, Colonel?

276 Keiner äußert es, jeder denkt es. Und der alte Troupier Two, der ganz genau weiß, was er hier zu erwarten hat, beschließt, an seinen Platz zu gehn und zu tun, was an bescheidenen Pflichten noch zu tun ist.

In die Zentrale zuerst. Featonby ist nun da, im Krater wenigstens ist alles in Ordnung . . . oh, wir haben hier Energien genug in den Sendern, Two, um den Erdball zum Glühen zu bringen . . .

»Und dort unten, Featonby . . . keine Änderung dort unten?« Two deutet auf den Boden.

Featonby zuckt die Achseln.

»Und die Braune noch immer bei ihm?«

Der andere nickt. Two schlägt die Tür donnernd hinter sich zu, geht, so laut er es kann, die Treppe hinunter, geht zu One.

Da sitzen sie sich gegenüber, die sich eigentlich nicht leiden können, erledigen das, was hier noch zu erledigen ist, wenn es auch verdammt sinnlos aussieht in dieser Stunde: die Tagesbefehle für die Außenstationen auszufertigen, den letzten – es ist wirklich der letzte – Bericht von Hoogstraaten zu lesen, wonach in Bale gestern die Lage eine entscheidende Wendung zum Besseren erfahren und der Doctor Sumida zweitausend Leute eingestellt habe . . . die andere, nun ebenfalls volle zwölf Stunden alte Meldung, daß man auf Korea bislang unbehelligt sei, und daß dort alle Schächte liefen . . .

Überalterte Bagatellen, eigentlich sinnlos . . . Ja, was ist hier überhaupt noch sinnvoll, wo oben der wahnsinnige Cäsar sein eigenes Werk zerbricht?

Schüsse ganz weit, jenseits des Parkes. Das Telephon genommen, angefragt, ob die Leute sich wehren . . .

Ach nein, es sind ein paar Versprengte, die in die Luft 277 geschossen haben . . . ganz weit hört man verworrenes Brausen, den Tritt der großen Menschenbataillone. –

Was zum Teufel gibt es denn nun wieder? Es ist der Telegraphist Bengtson, der von oben anruft und meldet, daß auf das Rufzeichen »W. A. B.« die Station Bale keine Antwort gibt . . . seit dreißig Minuten knattert Bengtson es ganz vergebens hinaus . . .

One nimmt wütend den Hörer, sogar der zaghafte One schwingt sich zu einem Wutausbruch auf: Bengtson soll sich ein anderes Metier suchen, wenn er das seine nicht versteht, One ist kein Telegraphist, zum Donnerwetter, One hat andre Sorgen, One hängt ein.

Die Tür geht, es ist der kleine, verwachsene Groom, der den Laufdienst zwischen Ones Bureau und der Zentrale oben versieht . . . ein sorgfältig geschlossenes Kuvert, ein Papier darinnen, das in Ones Hand zittert . . . One ist sehr blaß geworden bei dieser Lektüre, One reicht es stumm zu Two hinüber: die Meldung von Washington, daß vor drei Stunden das Gewitter niedergegangen ist über dem Pazifik, daß man gegenwärtig bei den Galapagos verhandele mit soliden, siebenzölligen Kreuzerkanonen . . .

Two steht auf, geht ans Fenster, starrt hinaus in die Mondnacht, trommelt auf den Scheiben, brummt vor sich hin einen alten Vers aus Londoner Kindertagen:

»Ho, Schäfchen kauft! Ho, Schäfchen kauft!
Hätt' goldne Pfunde ich zu Hauf,
Ich riefe nicht: Ho, Schäfchen kauft!«

Londoner Weihnachtsmarkt . . . unaktuelle Angelegenheit für den Augenblick, Two!

One steht neben ihm, lauscht in die Nacht hinaus auf 278 dieses seltsame, leise Brodeln der Menschenmassen dort hinter dem Park: »Werden sie bald kommen?«

»Nicht vor der Dämmerung, One.«

»Und was tun . . . hiermit?« . . . One zeigt auf die Depesche . . . Two zuckt die Achseln: Etwa zu Elihu Grant? Sich anstarren lassen? Two trommelt weiter sein Lied vom vergessenen Londoner Weihnachtsmarkt . . .

Schon wieder dieser verfluchte Bengtson, der keine Antwort aus Bale bekommt. »Fahren Sie gefälligst sofort und endgültig zur Hölle, Bengtson, mit Ihrem Signal!« . . . Ja, in dem Bestreben, für Bengtsons Höllenfahrt zu sorgen, übersehen sie, daß wieder einer die Tür aufgerissen hat – ein Mensch mit rotgoldener Livree, man müßte ihn doch erkennen, obwohl er, wie bei einem großen Schreck alle Farbigen, aschgrau im Gesicht und ganz und gar entstellt ist . . .

»Herkules . . . was ist?«

Herkules antwortet nicht, das Englisch versagt, es bleibt bei einer unzulänglichen Gebärde. Die beiden Herren wissen trotzdem, daß hier etwas ganz Ungeheuerliches geschehen sein muß, springen auf . . . zu dritt laufen sie hinauf zu Elihu Grants Zimmer.

O ja, man hat ja ein Guckloch bohren lassen in jene kleine Stahltür vor Elihu Grants Schlafzimmer – einer kann sich vor das Guckloch stellen und hineinschauen, wenn er auch die Tür nicht zu öffnen vermag: und vermöchte er es – was begriffe wohl ein One oder ein Featonby von dem, was in diesem Augenblick hier geschieht?

In dem Mondfleck vor Elihu Grants Sessel liegt eine Farbige namens Biskra in dem nämlichen furchtbaren Krampf, in dem vor vier Tagen Two sie auf ihr Bett getragen hat . . . liegt jetzt stille, hat das Haupt weit zurückgebogen in den 279 Nacken, hat die Augen weit aufgerissen . . . große, schreckliche, sehende Augen.

»Und weiter,« fragt drinnen ganz leise Elihu Grant, »was siehst du?«

»Über der Wüste roter Mond . . . ziehen farbige Männer durch den Sand. Farbige Männer haben sich gefaßt an den Schultern, ziehen einer hinter dem andern . . . Pauken klingen, farbige Krieger ziehen, ziehen und verschwinden . . . kennst du die Krieger, Mann?«

In den Mond starren Elihu Grants tote Augen, kennen die, die einst mit den kriegerischen Liedern ihrer Heimat vorüberzogen an den Fenstern von Unitrustpalace, in den Krater, in die Hölle: versunken in der Erde ein ganzes stolzes Volk . . . »Weiter, was sieht Biskra?«

»Sandfeld im Mondenlicht . . . Grube im Sand . . . tritt heran an die Grube, alter Mann, schütte Wein hinab und Blumen: sieh, steigen zwei aus der Grube . . . ein seidenhaariger Junger und ein Alter wie du . . . ohne Furcht wie du, ohne Hoffnung wie du . . . starben für dich, alter Mann . . . grüßen dich . . .«

Und wieder gleiten vor den toten Augen die Schemen durch den Mond: ein alter Mann mit Namen Lawson ist gestorben für sein Werk . . . hunderte solch seidenhaariger Silk-Jonnys sind gestorben ohne Hoffnung . . . für ein Loch, das man in die Erde grub: »Sei gegrüßt, Cäsar, deine Toten grüßen dich . . .«

Wer klopft an die Tür?

Elihu Grant fährt zusammen bei diesem Klopfen, er muß ein jaches Grausen von sich schütteln: ach nein, Lawson war nie so aufdringlich, Lawson liegt in trockener, guter Erde auf dem schattenlosen Friedhof von Unitrusttown, es ist nicht 280 Lawson, der da klopft: es sind die Lauscher, die Horcher, die draußen an der Tür rütteln . . . Sklaven, die nicht begreifen können, wie es ist, wenn ein alter Löwe stirbt!

»Weiter, Biskra . . .«

Oh, nun sind es lange, schreckliche Züge, die Biskra sieht: arme Narren mit gestreiften Sterbehemden und solche Chutbersons, die so schwer sich ins Sterben schickten und sterbend noch dem Gotte fluchten, der diesen Jammer geschehen ließ . . . arme, heimatlos Gewordene, die man vertrieb, um ein Loch zu graben für ein paar Milliarden Kilowatt . . . geschundene Lasttiere mit Tränen im Auge . . . aller Jammer dieser gepeinigten Erde, ja, alter Mann, aller geschändeten Kreatur großer Jammer . . .

Wieder klopfen sie da draußen, versuchen sich an der verriegelten Tür . . . Two, Featonby, die andern alle: mögen sie klopfen, die Kreaturen . . .

»Was sieht Biskra?«

»Hügel im Mond . . . drei Kreuze darauf . . .«

Plötzlich hat sich Elihu Grant aufgerichtet in seinem Stuhle, plötzlich erwacht er aus schwerem Traum. Und plötzlich klingt sie wie in alten Zeiten, diese Stimme . . . wie damals, als sie Schlachtruf war für Tausende, die in seinem Dienste starben: »Ich will ihn nicht, den Gekreuzigten, will den Verbrecher nicht . . . zur Hölle soll fahren, wer die Welt verwirrt . . .«

Ja, nun wird er wach; und nun erst hört er ihn, den Lärm unten im Park, das Laufen auf den Gängen, das verzweifelte Pochen seiner Leute, die um den Meister zittern, während der Meister schlief. Und nun ist es der alte, vertraute Ton, der die letzten Nebel zerreißt . . . das Schrillen der Glocke hier neben seinem Sessel, der kupferne Nerv, der ihn mit den 281 andern oben verbindet: »Marriot, mein Junge . . . bist du's? Was ist da draußen, Marriot?«

Biskra liegt starr im Mondenlicht, Biskra weiß nicht, daß Elihu Grant nun andere Stimmen schon hört. Aber er, der Alte . . . Ja, nun ist er wieder bei seinem Werk, seit langen Tagen zum ersten Male zittern die letzten Gedanken um den wankenden Bau: »Ruf' Featonby, mein Junge . . . ruf' die andern . . . ich will wissen, was ist . . .«

Laufen nun dort oben und Rufen, Schritte auf der Treppe und nun im Hörer Featonbys Stimme . . . Ja, nun endlich erfährt Elihu Grant, weswegen Bengtsons Funken seit mehr als einer Stunde vergebens ins Leere rufen, weswegen ratlose Diener auf seiner Schwelle sich drängen, was für ein nächtliches Heer dort unten heranmarschiert durch den dunkeln Park von Unitrustpalace . . . die Finger krampfen sich um den Hörer, den man nicht zerdrücken kann.

Das Weib da vor ihm weiß nichts davon . . . ganz andere Dinge sieht noch immer das Weib: »Leer ist das Kreuz . . . herabgestiegen der Gott . . . weint leise im Dunkeln um der Menschen Leid . . .«

»Soll Bengtson selbst . . .«

Wieder Laufen und Rufen. Bengtson kommt nun selbst an den Apparat, vor zehn Minuten hat Bengtson endlich Antwort aus Bale erhalten . . . Der Doctor Sumida hat sich dazu verstanden, einen ganz sachlichen Bericht zu geben über das, was mit Bale und mit Hoogstraaten geschehen ist . . .

Zuviel des Ungeheuerlichen auf einmal . . . unfaßbar! »Wiederholen, Bengtson . . .«

Was inzwischen zu Elihu Grants Füßen geschieht, sieht nur der Neger Herkules, der als einziger vor dem Guckloch geblieben ist: Siehe, das Weib, das eben noch wie eine Tote am 282 Boden lag, richtet sich langsam auf . . . noch immer starren die Augen ins Leere . . . es ist ein schreckliches, ein Medusenantlitz, das sich da erhebt vor Elihu Grant:

»Einer geht durch den Mond, hat sein Antlitz verhüllt . . . Biskras Auge sah ihn schon! Einer liegt vor dem leeren Kreuz, ruft nach dem verlorenen Gott . . . Biskras Ohr hörte schon seine Stimme! Einer würgte ihn, den Heiligen . . . schlug den Helden zu Tode . . . einer tat es, den Biskra sucht . . . ayasha . . . ah, du bist der Mann!«

Was hier nun geschieht, sieht nur Herkules, der an der Türe rüttelt . . . nein, auch den Schrei des Weibes hören die andern nicht. Elihu Grant hört und sieht nur, was mit seinem Werk geschah, Elihu Grant hält das Sprachrohr . . . ein zuverlässiger Mann steht am anderen Ende des Drahtes, hat in seiner Hand den großen Schalter, mit dem man die Fellachen fortradiert aus der Welt . . .

»Spreng' die Welt in die Luft, Marriot, wenn sie nicht schaffen will!« ruft Elihu Grant. Er sieht nicht die Rächerin vor seinem Stuhl, sieht nicht den Stahl im Mondlicht blitzen . . . es hat keinen Sinn, Herkules, an der Tür zu rütteln . . .

»Spreng' die Welt in die Luft . . .«

Das Messer sitzt fest in Biskras Hand, das Messer stößt zu, das Messer zerschneidet das Wort, zerschneidet ein satanisches Leben. Elihu Grant breitet die Arme weit aus, fällt vornüber, verröchelt.

Ein zuverlässiger Mann sitzt oben am anderen Ende des Drahtes, der Mann weiß nicht, was Elihu Grants Wort bedeutete, der Mann wartet vergeblich auf Auskunft.

Ein anderer Mann draußen, ein farbiger, treuer Mann rüttelt noch immer vergeblich an der Tür . . . einmal wird es gelingen, sie aufzubrechen, wenn es nun auch zu spät ist.

283 Das Weib, das das Messer führte, steht eine Weile starr. Der Krampf löst sich, das Messer entfällt der Hand, die Rächerin ist wieder ein Kind, das von der Rächerin nichts weiß . . .

Ein Mann ist zusammengebrochen, die Züge werden nun schon ganz ehern, der Mann liegt auf seinem Schild.

Es ist gut, wenn ein Mann zusammenbricht auf seinem Schild und hat getan, was er tun sollte.

Wie er auch war, so ist es gut.

Ich höre das Rütteln der Tür, ich höre das Brausen von vielen Stimmen, die schreien ihn nun heraus, ihren Haß und ihr Elend . . . ich höre die Stimmen der andern, derer, die als Briten sterben werden: es ist gleichgültig, was hier noch geschieht.

Ich sehe einen, der hing am Kreuze . . . nun will seine Stimme verklingen, nun hört niemand sie mehr.

Ich sehe einen, der kommt und schlummert noch in eines Weibes Schoß, und ihn zu bilden, ist meine Hand zu schwach. Und keiner kann ihn bilden, der heute atmet.

Ich weiß, daß ich von vielem Leid sprach und von karger Freude. Aber es war euer Leid und euer Jammer und eure geheime Not. Da war es gut.

Ich sehe die Erde zittern und die Feuerbrände und sehe viel Menschenwerk vergehen. Aber sieh, über der großen, vergehenden Stadt, von der ich erzählte, fliegen nun nicht mehr die Geier. Frischer Meereshauch geht, und große Heere wilder Schwäne sind es, die dort nun kreisen.

Ach wie lange schon hat man hier ihrer Flügel Gesang nicht gehört?

 


 

 << Kapitel 11 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.