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Die Siedlung Unitrusttown

Fritz Reck-Mallaczewen: Die Siedlung Unitrusttown - Kapitel 11
Quellenangabe
typediction
booktitleDie Siedlung Unitrusttown
authorFritz Reck-Malleczewen
year1925
firstpub1925
publisherUllstein
addressBerlin
titleDie Siedlung Unitrusttown
pages283
created20160814
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es gibt eine Stelle am südlichen Sternenhimmel, die die britischen Seeleute »sack of coal« nennen . . . »Kohlensack«, weil der Himmel dort ganz ohne Sterne ist. Die Kapwolken ringsum brennen, der Sirius weiß, was er der betrachtenden britischen Menschheit schuldig ist, Canopus dicht beim Pol ist eine sehr angenehme Bogenlampe von dreißig Kerzen Stärke, das berühmte Südliche Kreuz, obwohl es doch im Leben eines ausgewachsenen Mannsbildes immer die zweite große Enttäuschung ist, bemüht sich doch wenigstens, seinen Ruf zu wahren. Und der ganze südliche Sternenhimmel ist eine sehr angenehme Gartenillumination für die königlich britische Garnison in Simla oder Singapur

Der »Kohlensack« aber ist hoffnungslos schwarz und lichtlos . . . ein Loch in der Welt, aus dem das Schicksal über die Menschen kommt . . .

Unentladen hängt, während Elihu Grant verpackt und nach Europa zurücktransportiert wird, das große politische Gewitter über der Welt, unbeweglich liegt über dem Meere, das aus nicht recht ersichtlichen Gründen einmal das »Friedfertige« genannt worden ist, die große Ungewißheit. Man kann übrigens trotz der Nähe des Brandherdes nicht sagen, daß es in diesen kritischen Tagen in Bale wesentlich anders aussieht als in Unitrusttown: sieben Achtel der gesamten Mannschaft im Ausstande, sämtliche verfügbaren Ingenieure, um wenigstens ein Minimum an Energien bereit zu halten, an den Turbinen . . . vor dem großen Hauptgebäude in gutem Khaki mit 243 ziegelroten Gesichtern gut genährte angelsächsische Söldner, auf den Höhen täglich mindestens ein Meeting von schreienden Kulis . . . Demonstrationszüge schweigsamer Asiaten, die im Schweigen so unerbittlich hassen können . . . in der Zentrale oben der Chef der Station, Hoogstraaten.

Unser alter, ehrlicher Hoogstraaten mit der Vorliebe für gute Diners und pikante Historien, ein tüchtiger, ein kühner Kerl, der es in den ersten wildesten Wochen des Streiks hier fertiggebracht hat, eine Versammlung von viertausend rasenden Kulis zu demoralisieren, einfach zu sprengen durch sein dröhnendes Lachen . . . das Lachen eines Mannes, der unbesiegbar ist, weil er sich eine Niederlage überhaupt nicht vorstellen kann . . .

Ein jedes Mannsbild hat seine Achillesferse, ein tüchtiges hat sogar mindestens zwei, und wer überhaupt keine hat, mag sich begraben lassen!

Bei Gott, dieser Hoogstraaten wiegt mindestens drei Zentner, er ist seit Jahren schon außerstande, diese Erdenlast anders als durch die Sänfte transportieren zu lassen. Und nun hat der Streik draußen ihn schon seit ein paar Wochen eingeschlossen in diese verdammte Kommandozentrale mit ihren sonnendurchglühten Stahlwänden, er leidet unsäglich unter der Höllenglut, er haust seit Wochen schon in der Badewanne, die er neben dem Senderraum sich hat ausbauen lassen, er läßt sich alle halbe Stunde eine neue Eisbarre hineinwerfen, er diktiert, er diniert im Wasser, er läßt sich den Telephonhörer in die Wanne reichen. »Ist Sumida schon da?«

Ja, wenn Hoogstraaten in diesen Wochen nicht seinen alten Freund Sumida hätte . . . Sumida, der zwar als holländisch-japanischer Bastard ein wenig halfcast, aber doch ein 244 Prachtkerl ist, ein erprobter Gentleman: berühmt ehedem als Konstrukteur der Sprengbohrer, als Tiefbauchef der japanischen Station, als Kraterveteran aus den ersten kritischen Jahren, seit zehn Monaten nun als Elektriker en chef Hoogstraaten beigegeben, untrennbar mit ihm seit Jahren schon verbunden durch die nämliche gourmandise, durch eine von ihm vor Jahren angegebene Schneehuhnpastete . . . in ruhigeren Zeiten hat man die beiden Chefs der Station Bale vor einem Schaufenster mit allerlei Seegetier und Fischen beobachten können, in einem Streit, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte: »Du hast keine Zunge im Munde, du hast dort allenfalls ein unbrauchbares Stück Leder.«

Beide Herren hatten sich gerade über die Zubereitung von Seespinnen unterhalten.

Und an der Badewanne, die Hoogstraaten ausfüllt wie der Brotteig den Bäckertrog, sitzt nun der Doctor Sumida, und man muß gestehen, daß von all diesen fürchterlichen Diners auch nicht ein Zoll Fett an seinem Leibe sitzen geblieben ist.

Unangenehme Themen übrigens, die beide Herren zunächst zu verhandeln haben: diese rätselhafte und ganz fraglos auf Sabotage zurückzuführende Störung an sämtlichen Telephonen gestern . . . eine vollkommene Konfusion der Anschlüsse . . . die Zentrale hier war gestern in der angenehmen Lage, für Stunden abgeschnitten gewesen zu sein von dem Krater unten . . . Ja, ein unzweifelhafter Verrat, obwohl seit Wochen schon nur in besonderen Ausnahmefällen ein Farbiger das Hauptgebäude betreten darf.

»Laß sie aufhängen, laß alle aufhängen, Hoog.« Der Doctor Sumida ist für radikale Maßnahmen.

»Wen, zum Teufel . . . kannst du mir sagen, wen?« Und nun ist Hoogstraaten, der wirklich nicht weiß, wo dieser 245 verdammte Attentäter steckt . . . nun ist er in der Badewanne aufgesprungen, das Wasser läuft von seinem fettigen Leibe ab wie von der Ente der Juniregen, und wie er den Doctor Sumida anstarrt mit den hilflosen, wasserblauen Augen, da kann man eigentlich sehr genau sehen, wo an diesem prachtvollen Kerl die Achillesferse zu suchen ist . . .

Der Boy kommt mit einer neuen Eisbarre, außerdem hat der Doctor Sumida, der diese Achillesferse als alter Freund sehr genau kennt, allerlei Angenehmes zu berichten: Fünf große Meetings gestern nacht . . . scheinbar entscheidende Wendung der Lage . . . sämtliche Redner fordern zur Arbeitsaufnahme auf . . . Leute stehen heute Queue vor den Heuerbureaus . . .

Engelmusik für Hoogstraaten: »Weiße, Sum, oder Farbige?«

Der Doctor Sumida zuckt die Achseln: »Beides, Hoog . . . zweitausend mindestens.«

Der Kopf in der Badewanne dreht sich, die wässerigen Augen hinter den Fettbergen suchen die Sonnenreflexe auf den Schaltbrettern im Raum nebenan: »Haben sie gebändigt, Sum . . .«

»Zweifellos, Hoog.«

»Aber die Telephone gestern?«

»Alberei, Hoog, dummer Zufall . . . Störung, was weiß ich, glaube an keine Gespenster . . . in einer Stunde alles wieder in Ordnung.«

Der Schweiß perlt, der neuen Eisbarre zum Trotz, über Hoogstraatens Stirn, der Mann sinkt erschöpft zurück: »Zweitausend neue Leute . . . oh, Sum! Hast du gefrühstückt, Sum?«

246 Da Sumida noch nicht gefrühstückt hat, wird nach dem Boy geklingelt, die blauen Augen sehen den Freund glückselig an: »Zweitausend Mann . . . he, Sum, kennst du die Geschichte von dem Gouverneur von Kapstadt?«

Da Sumida die Geschichte von dem Gouverneur von Kapstadt nicht kennt, wird, nachdem der Boy seinen Auftrag bekommen hat, erzählt: »Britischer Gouverneur reist nach Kapstadt mit Sekretär, Koch und Zofe. Zofe erscheint nach drei Monaten beim Gouverneur, streckt die Hand aus: ›With child, Sir.‹ Gouverneur befiehlt ›Maul halten‹ und zahlt dreihundert Pfund Abfindung. Gut. Zofe geht zum Sekretär, hält die Hand auf: ›With child, Mister Scott.‹ Mister Scott zahlt fünfzig Pfund Abfindung und befiehlt ›Maul halten‹ . . .«

Jetzt gerade, kurz vor der Pointe, muß dieses verfluchte Telephon stören: Cliffax, der unten im Krater sitzt und sich beklagt, daß man die neu eingetretenen Leute ohne weiteres wieder in die Kesselschächte lasse.

Hoogstraaten sieht seinen Freund an: »Hast du Order gegeben?«

Natürlich hat Sumida an alles gedacht und alles geordnet, und Cliffax soll sich zum Teufel scheren, und Hoogstraaten kann, während der erste Gang aufgetragen wird, sich wieder dem Gouverneur von Kapstadt widmen: »Das Frühstück eines armen Mannes, Sum, lang' zu . . . was ich also sagen wollte, Sum: Geht die Zofe also zum Koch: ›Es ist in Ordnung, Tom, wir können heiraten.‹ Der Koch sagt zu . . . haha, sagt zu, Sum, das dumme Luder . . .«

Schon wieder so eine verfluchte Störung: der Schwede Eilif Silvan, der Dienst im Schalterraum nebenan hat, klopft, kommt herein, will wissen, ob er die Telephonmonteure 247 hereinlassen dürfe . . . ohne Genehmigung des Chefs darf kein Outsider die Zelle betreten . . . Eilif Silvan, mit karminroten Backen und weißen Haaren so skandinavisch, daß er schon beinahe als künstlicher Skandinavier angesprochen werden kann, sieht fragend auf die fette Blöße Hoogstraatens . . .

»Zum Teufel, Herr . . . scheren Sie sich sofort zur Hölle, Herr.« Eilif Silvan empfiehlt sich schnell, mit den besten Vorsätzen, sich dorthin zu begeben . . . da er Hoogstraaten bislang noch nie nackt gesehen hat, vergißt er beim Hinausgehen sowohl seinen Mund als auch die Tür zu schließen . . .

Hoogstraaten schielt nun doch nach dem Nebenraum, wo nun ein paar blaublusige Javaner sich an den Telephonen zu schaffen machen: »Wissen die Troglodyten Bescheid mit den Dingern, Sum?«

Sumida geht hinaus, befindet alles in bester Ordnung, gibt ein paar Weisungen und kommt zurück.

»Gut, dann schließe die Tür, Sum. Kommt also nach weiteren sechs Monaten der Koch zum Gouverneur: ›Alle drei hat sie uns betrogen, Sir . . . der Bengel ist schwarz.‹ Denk dir, Sum, alle drei sind sie hineingefallen . . . schwarz ist der Bengel . . . haha, schwarz, schwarzweiß gestreift meinetwegen. Nichts für ungut übrigens, Sum, wollte dir nicht zu nahetreten, da du ja selbst ein wenig weiß und farbig gestreift bist . . .«

Nein, der Sumida ist erhaben über solche Anspielungen. »Trinken wir, Hoog.«

Und wieder wird man gestört, und wieder kann man nicht ein Glas in Ruhe trinken, diesmal ist der wachthabende Offizier unten im Portal: zu viel Fremde im Haus . . . Monteure für die Leitungen . . . präsentieren schriftliche Weisung von 248 Sumida . . . Bestätigung erbeten, ob sie hereingelassen werden sollen . . .

»Weisung von dir, Sum?« Etwas unangenehm berührt ist Hoogstraaten nun doch.

Das ist zu viel für den Doctor Sumida: ja, die Monteure für die defekten Leitungen . . . der liebe Gott, zum Donnerwetter, werde doch wohl die Leitungen nicht in Ordnung bringen . . . der Doctor Sumida ist zwar vor Jahren schon Christ geworden, glaubt aber nicht, daß die höchste Instanz seiner neuen Religion die defekten Leitungen entwirren würde . . .

»Ist der Bengel also knallschwarz, und alle drei sind reingefallen . . . sieh bitte nach, was nebenan ist.«

Sumida öffnet diskret mit Rücksicht auf Hoogstraatens Blöße die Tür, man hört Eilif Silvans Stimme . . . eine kleine technische Meinungsdifferenz, nichts weiter.

»Zeit für den dritten Gang, Sum . . . klingle dem Boy, Sum.« Als der Doctor Sumida nach der Klingel geht, gibt es einen ganz merkwürdigen Skandal . . . unter ihnen, auf der Wendeltreppe offenbar. Und plötzlich ist der Skandal in den Schalterraum nebenan gekommen, und plötzlich hört man englisches Fluchen und dann ein Gebrüll, ein stierhaftes, wütendes Gebrüll: »Silvan . . . war das nicht Silvan, Sum?«

Und nun ist der feiste Mann mit einem einzigen verzweifelten Satze aus der Wanne auf seine dünnen Beinchen gesprungen, steht triefend in der Mitte des Raumes, lächerlich wie ein ungeheures und doch wieder rührendes Schlachtschwein, sieht ratlos seinen Freund an, der lächelnd an der Klingel steht.

»Ich denke, es ist Zeit für den dritten Gang, Hoog«, und der Doctor Sumida riegelt die Tür auf.

Die Leute, die hereinkommen, sind nicht die Boys 249 Hoogstraatens, es sind die Monteure, die nebenan mit Silvan fertig geworden sind . . . Javaner, Gorillas, Gibbons, Leute, die ebensogut mit den Füßen wie mit den Händen Telephonleitungen legen können . . . es ist durchaus nicht ihre Absicht, den dritten Gang für den Chef von Bale aufzutragen.

»Wir tun dir nichts zuleide, Hoog . . . es hat keinen Sinn, sich zu wehren, Hoog«, sagt der Doctor Sumida.

Der diensthabende Telegraphist von Unitrusttown, der um diese Stunde das aus den Buchstaben »W. A. B.« bestehende Rufzeichen für Bale gibt und die Tagesorder übermitteln will, bekommt zu seinem Erstaunen keine Antwort. –

Es gibt am südlichen Himmel eine vollkommen finstere, sternenlose, »sack of coal« genannte Stelle, aus der, wie gesagt, das Schicksal über die Menschen kommt. 250

 


 

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