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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Die Klippe.

Die Burg und die Güter des jungen Peter waren nach dem plötzlichen Tode seines Vaters von habsüchtigen Anverwandten in Besitz genommen; ein alter Ritter hatte den Knaben Peter Berner ihren Nachstellungen entrissen und ihn in der abgelegenen Wohnung erziehen lassen. Jetzt war der Knabe erwachsen, und der Ritter hatte mehrere Ritter und eine Anzahl 109 von Knechten versammelt, um ihn wieder zu seinem Rechte zu verhelfen.

Peter Berner kam mit dem alten Ritter, der auch ein weitläuftiger Verwandter von ihm war, bei dem kleinen Heere an. Alle waren voller Muth, als sie ihren künftigen Herrn erblickten; sie leisteten ihm den Eid der Treue und beschlossen, die Burg sogleich zu belagern.

Der junge Peter hatte sich um keine Gelehrsamkeit bekümmert, er hatte immer unbesorgt von einem Tage zum andern hinübergelebt und sich ohne sonderlichen Nutzen tiefsinnige Lieder und weise Sprüche von seiner alten Wärterin vorsagen lassen. Oft hatte er sich in der Stille nach Krieg und Streit gesehnt, und nichts war ihm daher erwünschter, als sich plötzlich in ein Leben versetzt zu sehn, das bis dahin seine höchste Hoffnung gewesen war.

Er ließ sich also bewaffnen und Schwert und Schild reichen, sein alter Vetter schlug ihn zum Ritter, und nun war Peter eifrigst bemüht, mit seinen Verwandten in der Burg in nähere Bekanntschaft zu treten. Dazu ereignete sich bald eine Gelegenheit. Die Belagerten thaten einen Ausfall, und es entstand ein blutiges Gefecht. Peter verwunderte sich über seine eigne Tapferkeit, da er zum ersten Mal die Waffen führte, und alle Ritter prophezeieten, daß aus ihm ein sehr braver Kämpfer werden würde.

Die Anverwandtschaft, die sich der Burg bemächtigt hatte, hatte ihn sogleich bei seinem Erscheinen für ein unächtes, untergeschobenes Kind erklären lassen. Für und gegen diese genealogische Meinung wurde auf beiden Seiten heftig gestritten, und die 110 Untersuchung wurde mit solchem Feuer betrieben, daß mancher Ritter und Knecht für todt in der Abhandlung liegen blieb, ehe sie noch zu Ende gebracht war. Die in der Burg wollten anfangs gar nicht von ihrer Behauptung weichen, aber sie sahen sich doch am Ende genöthigt, Frieden zu schließen. Durch diesen Friedensschluß wurde Peter ein ächter und wahrer Sohn, und Derjenige wurde sogar für einen Nichtswürdigen von Allen erklärt, der seine Aechtheit je wieder bezweifeln würde. Der Gegenpart hatte seinen Irrthum so heftig eingesehn, daß er es gern mit unterschrieb, als die Uebrigen diesen Irrthum künftig bei Todesstrafe untersagten.

Peter war nun Herr von seiner Burg, die Verwandten gaben alle Ansprüche auf, und zogen sich in ihre eigenen Ländereien zurück; sie lebten seit dieser Zeit in einem sehr freundschaftlichen Umgange, ja sie würden ohne Zweifel auch Briefe gewechselt haben, wenn Peter die edle Kunst des Schreibens und Lesens inne gehabt hätte. Da er aber ein ungebildeter Naturmensch war, besuchten sie sich nur zuweilen, und schmausten mit einander.

Der junge Rittersmann übte sich in der Einsamkeit fleißig in den Waffen, so daß man ihn in kurzer Zeit für den tapfersten und gewandtesten im ganzen Lande hielt. Er hatte seine jugendliche Liebe und Adelheid bald vergessen, er brachte seine ganze Zeit entweder im Waffensaale, oder im Walde auf der Jagd zu.

Er hatte sich an einem Tage auf der Jagd von seinem Gefolge verirrt, und suchte eben nach dem Rückwege, als ihm plötzlich aus einem Busche ein 111 alter Mann entgegentrat. Der Alte ging ohne Umstände auf ihn zu und schloß ihn in seine Arme, worüber sich Peter sehr verwunderte. Kennest Du mich nicht? rief der Alte aus.

Nein, antwortete Peter.

Erinnerst Du Dich meiner nicht?

Nein.

Ich heiße Bernard.

Wenn auch, ich kenne Euch nicht.

Bernard erzählte nun dem Helden der Geschichte, was unsere Leser schon wissen, daß er Niemand anders sey, als ein weiser Mann und ein Zauberer, und daß er ihn schon in der Kindheit gekannt und beschützt habe. Peter hörte seine Erzählung geduldig an, und freute sich nachher, ihn kennen zu lernen.

Sie gingen nun mit einander. Peter betrachtete seinen Beschützer genau und war nicht ganz mit seiner Gestalt zufrieden. Der Alte hatte mehr Lächerliches als Ehrwürdiges in seinem Aeußern, und Peter konnte ihm daher unmöglich vielen Verstand, oder viele Macht zutrauen.

Als sie an einen freien Platz gekommen waren, setzte sich Bernard nieder, und bat den Ritter, ein Gleiches zu thun. Sie ergötzten sich erst eine Weile an der lieblichen Aussicht, dann sagte der Alte:

Ritter, Ihr müßt nicht glauben, daß ich mich Eurer ohne Noth so sehr annehme; tausend Gefahren stehn Euch bevor, und Ihr werdet ihnen ohne meine Beihülfe unterliegen. Ihr seyd unter einem ungünstigen Gestirn geboren, und es wird viel Kunst kosten, den unglücklichen Einfluß unschädlich zu machen. Bei nächster Gelegenheit will ich Euch mit Eurer 112 mächtigsten Beschützerin bekannt machen, gegen deren Gewalt die meinige nur unbedeutend ist.

Also giebt es doch Zauberer? fragte Peter.

Wer zweifelt daran? antwortete Bernard, und ich selbst bin ja eben der beste Beweis davon. Glaubt mir, ohne etwas Zauberei kann gar nichts aus Euch werden, ohne sie kommt Ihr gar nicht durch die Welt, folglich je früher Ihr Euch dazu bequemt, je besser ist es für Euch.

An mir soll's nicht fehlen, antwortete Peter.

Nun gut, fuhr Bernard fort, jetzt ist ein wichtiger Augenblick für Euch, Euer ganzes Leben steht jetzt still, und alle Gestirne machen Halt, um dann bald eine neue Epoche anzufangen. Alles Glück der Welt wird ein Mensch niemals in seinem Lebenslauf vereinigen können, und der ist schon selig zu preisen, dem so wie Euch die Wahl gelassen wird. Auf welche Art wünscht Ihr also glücklich zu seyn? Wollt Ihr Reichthum, Ehre, Glück gegen jeden Feind, Liebe? Nennt itzt was Ihr wollt, und es ist Euch gewährt; aber sammlet ja Eure Gedanken vorher.

Peter sah seinen Freund zweifelnd an, der ihm hier mehr Glück anbot, als die Lotterie ihm je gewähren kann, ja als kaum Herr S. für 1 thlr. 8 gr. in seinem Himmel auf Erden verspricht. Er dachte nach, ob ihn der Unbekannte nicht etwa für einen Narren hielte.

Wählt! rief Bernard, ehe der günstige Augenblick vorüberfährt.

Nun, weil es denn so seyn muß, sagte Peter, so gebt mir nur Glück gegen meine Feinde, und alles Uebrige mag zum Henker gehn.

113 Es ist Euch gewährt, sagte Bernard feierlich; aber Ihr müßt wissen, daß sich nun das übrige Glück zusammenzieht, um diesem Platz zu machen und Euer Unglück durch zu lassen. Ihr habt auch hier zu wählen; darum sagt mir ohne Bedenken, welche Sorte von Unglück ist Euch nunmehr gefällig?

Peter bedachte sich eine ganze Weile, denn es kam ihm ein wenig zu frech und unverschämt vor, sich selber sein Unglück aus dem unermeßlichen schwarzen Heere auszulesen. Er konnte keine Wahl treffen und keinen Entschluß fassen, so viel Mühe sich auch der Alte gab, ihm einzuhelfen. Von dem schlimmsten Elende mag ich gar nicht reden, rief Bernard endlich ungeduldig aus, aber wenn ich Euch als Freund rathen soll, so wählt unter den drei Uebeln: Schande, Unglück mit Euren Weibern, oder Kindischseyn im Alter.

Halt! sagte Peter, ich nehme das Unglück mit Weibern an, und zwar aus mehr als einer Ursache. Denn erstlich liegt in den Worten die Prophezeiung, daß ich mehrere Weiber haben werde, welches mir nicht unlieb ist, zweitens kann man mit diesen schwachen Geschöpfen noch immer am ersten fertig werden. Also, dabei bleibt es.

Ich hätte Euch, antwortete Bernard, zu dem Kindischseyn gerathen; ein Unglück, das so unbedeutend ist, daß es die meisten Menschen für Glück achten; indessen Ihr habt einmal gewählt, und dabei muß es also sein Bewenden haben. Ich mag Eure Wahl nicht zu sehr mißbilligen, um Euch den Handel nicht zu verleiden, aber ich wette, daß Euch diese Worte noch gereuen. Denn da alles übrige Unglück 114 Eures Lebens sich nun über Eure Weiber zusammenzieht, so werdet Ihr auch mehr zu leiden haben, als die gewöhnlichen Ehemänner, besonders da Ihr in dem irrigen Wahne steht, daß Ihr mit einem zarten, schwachen Geschlechte zu thun habt.

Ihr seyd ja ein Weiberfeind, sagte Peter.

Bernard antwortete: Nur allein Erfahrung spricht aus mir; lernt die Weiber nur früh kennen, damit Ihr nicht Euer ganzes Schicksal verwünscht. Lieber Ritter, nie lernt man sie zu Ende kennen, und je mehr Mißtrauen man in sie setzt, desto sicherer ist man. Doch genug, daß Ihr nun doch ein großer und merkwürdiger Mann werdet, ein Mann, der durch ganz Europa berühmt seyn wird, dessen Namen sogar die Kinder im Munde führen. Nur noch eins: Hütet Euch vor den Tollen; die Verständigen unter den Männern können Euch nicht schaden, aber ich glaube es an Euren Lineamenten wahrzunehmen, daß Ihr von einem Wahnsinnigen Alles zu befürchten habt.

Aus der Tollheit, rief Peter, mache ich mir gar nichts, denn einen wahnsinnigen Menschen verachte ich gleichsam, und ein solcher wird nie im Stande seyn, mir zu schaden; denn warum? er hat keinen Verstand.

Dies war die erste Gelegenheit, bei der sich eine gewisse Blödsinnigkeit im Peter zeigte, die ihn auch sein ganzes Leben hindurch nicht verließ. Bernard bemerkte diesen Zug in seinem Charakter mit Bedauern, denn er paßte so ganz und gar nicht in das Ideal, das er sich von seinem Helden gemacht hatte. Denn wie falsch der obige Ausspruch Peters sey, brauche ich wohl nicht erst auseinander zu setzen.

115 Sie gingen weiter, und Bernard führte seinen Freund auf wunderbaren Fußsteigen durch den Wald und über Felsen; sie stiegen inmerfort eine Anhöhe hinan, und endlich standen sie oben.

Eine einzige spitze Klippe war der Gipfel des Gebirges, und von hier sah man hinab in ein unermeßlich tiefes Felsenthal, durch das sich ein Waldstrom drängte und schäumte und wie geängstigt zwischen den Klippen ächzte. Es war schrecklich, den Blick die schroffe Felsenwand hinabgleiten zu lassen, und über die Felsenrücken hinweg, die wie kleine Hügel da standen, zum Strom tief hinab, der nur wie ein Silberfaden da lag, und von dem kein Ton in die Höhe und durch die stille Einsamkeit hinaufdrang. Peter sah sich wild in der Gegend um, und schaute hinunter, und stieg beherzt und ohne zu wanken auf den äußersten Stein der Klippe, und beugte sich nach dem Thal hinüber. Der Alte schrie laut auf, und warf sich vor Schwindel auf den Boden, da er die menschliche Gestalt so abgerissen hoch oben hängen sah. Peter mußte zu ihm kommen, und sie traten den Rückweg an.

Du gefällst mir gar nicht, fing der Alte nach einigem Stillschweigen an; ich habe Dich hieher gebracht, um zu sehen, wie sich Dein Geist bei'm Anblick der unermeßlichen Natur äußern würde. Der Schüchterne, der vor den schwindlichten Tiefen und vor der Allmacht der weitliegenden Welt zurückbebt, der zittert, da er die großen Glieder der Muttererde gewahr wird, ist nicht für den Ruhm gemacht. Aber wessen Auge hier glänzt, wessen Herz sich hier erhebt, und der sich und alle seine Kräfte zuerst hier kennen 116 lernt, der ist ein Mann; er wird seine Größe und seinen Ruhm ertragen können, doch muß er auch seine Menschlichkeit fühlen und mit Ehrfurcht vor der Hoheit der Welt dastehn, sich nicht vermessen und über seine eigne Kleinheit hinwegsehen; ein solcher, der nie schwindelt, ist frech, aber nicht muthig; für ihn ist es nichts Großes, die Gefahr zu verachten, da er sie durchaus nicht fürchten kann. – Nein, Ritter, Ihr werdet tapfer seyn, aber nie erhaben, Eure Feinde aus dem Felde schlagen, aber sie nie besiegen. Euer Verdienst und Euer Glück sind so unzertrennlich, daß kein Auge sie von einander sondern kann.


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