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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Eine gelehrte Disputation.

Es wird Jedermann schon errathen haben, daß der Knabe in der Wiege Niemand anders, als der Held unsrer Geschichte sey.

Der Unbekannte ging wieder zu ihm hinüber, und betrachtete den Knaben genau; er nahm eine sehr nachdenkliche Miene an, und schüttelte dann mit dem Kopfe. Die Alte war zugegen und that, als bemerkte sie es nicht.

Indem wurde an die Thüre geklopft, und die Sängerin ging hinab, um sie zu öffnen. Gleich darauf trat eine schöne Dame in's Zimmer, setzte sich ohne Umstände nieder, und Alle schwiegen still; die Dame schien müde, die Alte setzte die Wiege in Bewegung, und da der Unbekannte nichts Besseres zu thun wußte, fing er wieder an, den Knaben zu betrachten und mit dem Kopfe zu schütteln.

102 Indem hörte man eine Stimme, wie einen Vogel singen:

  Wer Fröhlichkeit liebt,
Ist selten betrübt.
Geht Lachen und Scherzen
Nur immer von Herzen,
So läßt sich das Leben
Mit Leichtigkeit weben.
Kein Knoten beschränkt es,
Kein Verwickeln beengt es,
Zu Ende kommt der Faden sacht
Und unvermerkt die Ruh der Nacht.

Welch ein triviales Lied! sagte der Unbekannte.

Sie sind alle nicht besser, die der abgeschmackte Vogel singt, antwortete die Alte.

Das Lied ist für einen Vogel gut genug, sagte die Dame.

Ich habe mir schon Mühe gegeben, ihm andre Lieder zu lehren, fing die Alte wieder an, aber er hat einen ungelehrigen Kopf.

Zum Exempel? fragte die Dame.

Die Alle fing ohne weitere Umstände an zu singen:

      Sagt, wer sind auf jenen Matten,
Wo so manche Blumen blüh'n,
Die verwandten stillen Schatten,
Die in holder Eintracht zieh'n?
Schmerz und Leben heißen beide,
Beide sind sich nah verwandt,
Manchmal grüßet sie die Freude
Und das Leben reicht die Hand.
Aber dann tritt Schmerz dazwischen,
Schnell entflieht dann zu den Büschen 103
Freude, sie verbirgt sich in den tiefsten Hain,
Schmerz und Leben bleiben stets allein.

Das ist melancholisch, sagte die Dame.

Aber doch ächte Poesie, sagte der Unbekannte mit einem Seufzer.

So weiß ich noch hundert Lieder, antwortete die Alte, und ich singe sie alle dem Kinde vor.

Wozu soll das nützen? fragte die Dame.

Wer ist der Knabe? fragte der Unbekannte.

Die Alte erzählte: Von dem Kinde kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir von einem unbekannten Rittersmann anvertraut worden ist. Es soll hier erzogen werden und aufwachsen. Man hat mir anbefohlen, es so viel als möglich schlafen zu lassen, denn das ist der einzige Weg, wie der Mensch so manchem Unglück, das ihm im Leben bevorsteht, aus dem Wege gehen kann. Ueber jeden Sterblichen sind viele Schicksale verhängt, und diejenigen Verhängnisse, die ihn nicht wachend treffen, fallen ihn im Schlafe an; darum kann ein Kind in Träumen so manches Unglück seines künftigen Lebens durch Angst und Thränen abverdienen, und darum singe ich ihm auch dergleichen Lieder vor, um ihn schon früh an die Abwechselungen des Lebens zu gewöhnen.

Ihr thut sehr Unrecht daran, sagte die Dame, denn dadurch wird das Gemüth des Kindes vielleicht so trübe und verwirrt, daß es eben dadurch eine Verwandtschaft zu allen Unglücksfällen bekömmt. Das Gemüth der Kinder ist ein Spiegel, in den schon durch die frühen Eindrücke das künftige Schicksal hineinwachsen kann, so daß ein solcher Mensch nachher Elend erleben muß, weil er in sich ein beständiges Unglück 104 wahrnimmt; alle schlimmen Zufälle treffen dann in ihm einen willfährigen Beherberger an, und so wird der Knabe künftig unglücklich, weil er jetzt Unglück träumt.

Diese Theorie ist mir ganz fremd, antwortete die Alte, aber so wird Euch die Erziehung hier neben an vielleicht um so besser gefallen. – Sie eröffneten eine Thür, und traten in ein anderes Zimmer; hier sahen sie ein Mädchen, das sie mit hellen blauen Augen aus der Wiege anlächelte. Dieses Kind, fing die Alte wieder an, ist jener jungen einfältigen Wärterin zur Erziehung anvertraut, sie läßt es schlafen, wenn es Lust hat, und aufwachen, wenn es aufwachen will, spielt mit ihm kindische, ja beinahe alberne Spiele, so daß man kein vernünftiges Wort zwischen ihnen wechseln hört. Zum Ueberfluß ist der Vogel dort vor dem Fenster noch als eine Art von Hofmeister hinzugethan, der dem Kinde unaufhörlich die trivialsten Lieder vorsingt, so daß aus dem Mädchen unmöglich eine gescheide Person herauswachsen kann, denn er singt beständig, wie sie lustig seyn soll und dergleichen.

Der Vogel saß vor dem Fenster, und sah mit klugen Augen in die Stube hinein; er war fast so groß, wie ein Pfau, und hatte ohngefähr dieselbe Gestalt.

Die ernsthafte Alte drohte ihm mit dem Finger, aber er schien es nicht zu achten, sondern schüttelte leichtsinnig mit dem Kopf, und schien von der Pädagogik der Erzieherin nichts zu halten. – Nun, mein Freund, sagte die Dame, und wandte sich gegen den Unbekannten, was sagen Sie zu dem Allen?

Daß es gewissermaßen ein Unglück ist, das Schicksal der Sterblichen vorher zu wissen, antwortete er mit einer feierlichen Stimme. Es bleibt mir das ernste 105 Nachdenken über alles Unglück zum traurigen Genuß, ohne jene Ueberraschung über die seltsame Art, wie sich das Elend manchmal wirft und bricht. Ohne Neugier haben wir eine unaufhörliche Begier, etwas Neues zu erschaffen, wir wissen Alles vorher, und wünschen nichts so sehnlich, als uns selbst einmal überraschen zu können.

Haben Sie das trübselige Handwerk noch nicht aufgegeben? fragte die Dame.

Nein, erwiederte der Unbekannte, gestern ist der Mann gestorben, der unter meiner Leitung Glück und Unglück erlebte. Und ich will nunmehr der Führer dieses Knaben werden, ihn beschützen, da ich vorhersehe, daß ihm viele Gefahren bevorstehn; ich will ihn mit Kühnheit begaben, und wenn er seinem Unglücke nicht entrinnen kann, so soll er's wenigstens auf eine seltsame Art endigen.

Halt ein! rief die Dame aus, du solltest doch nun schon aus der Erfahrung wissen, daß es um das Lenken des Schicksals eine mißliche Sache ist. Wie manchen guten Lebenslauf, der ohne Dich ohne Abenteuer und ohne Merkwürdigkeiten abgelaufen wäre, hast Du nicht schon verdorben? Du bildest Dir ein, Mannigfaltigkeit und Einheit zugleich hineinzubringen und hast von beiden keinen deutlichen Begriff. Deine Mannigfaltigkeit ist zu einfach und in Deiner Einheit steckt immer noch eine willkührliche Mannigfaltigkeit; für den vernünftigen Beschauer ist ein besserer Zusammenhang in dem unzusammenhängendsten Lebenslaufe.

Unbekannter. Almida, Du gehst mit meinen Arbeiten doch auch gar zu unbarmherzig um!

Almida. Nein, lieber Bernard, Du bist der 106 Vorläufer und Ankündiger aller schlechten Schriftsteller. Aber welcher ungeheure Unterschied! sie verderben nur schlechtes, höchstens gutes Papier, aber Du mit Deiner Wahrsagerkunst und dem bischen Zauberei ganz gesunde Lebensläufe und bekömmst weder Honorar, noch Autorexemplare dafür. Laß doch lieber das Leben ablaufen, wie es will.

Bernard. Ich kann's unmöglich mit ansehn, daß die Leute so in's weite Blaue hineinleben, und darum muß ich immer den Helden einer Geschichte vor Augen haben und ihn erziehn. Du solltest doch selbst an Deine sonstigen Schriftstellersünden denken.

Almida. Ich denke so sehr daran, daß ich nun das Gewerbe ganz aufgegeben habe; mich reut noch immer das gesunde Mädchen, der ich den einseitigen Geschmack am Mondschein beigebracht habe, noch mehr ihr Liebhaber, der sie schon vor drei Jahren geheirathet hätte, wenn er nicht ein zu großes Vergnügen am Unglücklichseyn gefunden hätte. – Ich will daher auch dies Mädchen hier, Adelheid, vor allen Abenteuern, vor glänzender Schönheit und vor einem übergroßen Verstande, der nur Mangel an Verstand voraussetzt, bewahren; sie soll auch keine seltsamen Zufälle erleben, sondern ohne sonderliches Glück und Unglück die Erde liebgewinnen und sie ohne zu großes Bedauern verlassen, wenn es nöthig ist.

Bernard. Es ließe sich aber so viel aus ihr machen –

Almida. Oder verderben! Das höchste Glück ist jenes stille Glück, das von Wenigen gekannt und genossen und von den Meisten verachtet wird.

Bernard. Ich gehöre auch zu den Meisten, 107 und ich will diesen Knaben hier, Peter, auf die wahre Art glücklich machen.

Almida. Welche nennst Du die wahre Art?

Bernard. Natürlich die meinige.

Almida. Wir werden nicht einig werden.

Bernard. Heute am wenigsten, weil Dir Deine jetzige Art zu denken selbst noch etwas Neues ist.

Sie verließen Beide das Haus und gingen ihre Straße.


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