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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Erziehung des Helden.

Ich will den Leser nicht sogleich in den Mittelpunct der Lebensbeschreibung versetzen, sondern ihm im Gegentheil das Vergnügen machen, den Helden schon in der Jugend kennen zu lernen. –

»Der losgelassene Sturmwind zog mit aller seiner Macht durch den Wald, und schwarze Wolken hingen schwer vom Himmel herunter; in einer abseits liegenden Burg brannte ein einsames Licht, und ein Wandersmann ging durch die Nacht auf der großen Straße fort.« –

Da ich voraussetzen kann, daß nur sehr wenige meiner Leser Spaß verstehn, so wird die Geschichte bei manchen Gelegenheiten überaus ernsthaft werden. Ich glaube, ein Verfasser kann nicht ernsthaft und feierlich genug schreiben, wenn er verlangt, gelesen zu werden; er darf ohne Bedenken die kläglichsten eingebildeten Leiden der Menschen auf eine lächerlich übertriebene Weise schildern, und er kann auf dankbare Thränen rechnen, so daß die meisten Romane ordentliche Anstalten sind, um die überflüssigen Thränen aus dem Menschen zu schaffen, daß aber dieselben reizbaren Geschöpfe sich nur sehr schwer zum Lachen verstehn.

Ich will hier nur einen ganz kurzen Dialog einführen:

A. O, gnädiger Herr, was haben Sie Alles versäumt! Die ganze Gesellschaft war so lustig, besonders war Herr C. witzig, und da Sie nun selbst ein lustiger Mann sind – 98

v. B. Lustig? Pfui, mein Herr, wie meinen Sie das? Lustig? Abscheulich! Ich ließe mich eben so gern einen Narren nennen.

A. Aber wenn Herr C. witzig ist, so steht Ihnen doch das Lachen so gut.

v. B. Höchst lächerlich! Sie irren sich, mein Herr. Ich versichere Sie, mein Herr, ich lache über Niemandes Spaß, als über meinen eigenen, oder wenn eine Dame scherzt, das kann ich Sie versichern.

C. Wie? sag' ich denn nie etwas, das sich der Mühe verlohnte, darüber zu lachen?

v. B. Pfui doch, Sie verstehn mich falsch, lächle ich doch sogar manchmal über Ihre Einfälle. Aber nichts ist für einen vornehmen Mann so unschicklich, als Lachen; es ist so ein pöbelhafter Ausdruck der Leidenschaft, jeder Mensch kann lachen. Vollends zu lachen, wenn eine geringere Person scherzt, oder wenn ein anderer vornehmer Mann nicht mit uns lacht; höchst abgeschmackt, daß einem das gefallen soll, was dem gemeinen Haufen gefällt! Wenn ich lache, lache ich immer ganz allein.

C. Vielleicht, weil Sie nur über Ihre eigenen witzigen Einfälle lachen.

D. Gehn Sie aber nie in die Komödie, gnädiger Herr?

v. B. O ja, aber ich lache nie.

D. Nie?

v. B. Bewahre! – Ich lache nie.

D. Warum aber gehen Sie hinein?

v. B. Eben um mich von den gemeinen Leuten zu unterscheiden und die Poeten zu ärgern; die Kerls werden so stolz, wenn ihre Einfälle in den Logen 99 Sensation machen. – Ich schwöre, – he he he! ich habe mich sehr oft quälen müssen, das Lachen zu unterdrücken – he he he! um sie nur nicht noch mehr aufzumuntern.

D. Sie sind gegen sich und gegen die Dichter zugleich grausam.

v. B. Im Anfange, das gesteh' ich, mußte ich mir Gewalt anthun, aber jetzt bin ich in der Uebung.

Diese Stelle steht eigentlich im Congreve, und ich möchte sie gern für meine Erfindung ausgeben, da sie für angesehene und gesetzte Leser eine so vortreffliche Vorschrift enthält, wie sie sich in Ansehung des Lachens zu verhalten haben. Jetzt aber lachen auch die jungen Leser und Leserinnen nicht mehr, und eben dadurch, daß man das Weinen und Gerührtseyn mehr ausbildet, wird man fast einseitig, und thut dem Lachen großen Eintrag. Da man nicht mehr unter uns lachen sieht, haben Einige daraus schließen wollen, man treffe auch nichts Lächerliches mehr an, nam deficiente causa etc. und das Lachen sey nur für Barbaren, es sey nichts als das Getöse, das der Marmor macht, indem er geschliffen wird, das aber mit der Politur in gleichem Grade abnimmt. Es läßt sich gegen diese Behauptung wenig einwenden, und also voraussehn, daß im künftigen goldenen Zeitalter nur die Thränen noch und der freie Wille, die Vernunft und dergleichen Privilegien seyn werden, die die Menschen vor den Thieren voraushaben, und das bisherige Monopol des Lachens wird dann vielleicht um ein Billiges diesen unterdrückten Erdbürgern zur unschuldigen Ergötzung überlassen. – Jener Wandrer also ging in der wüsten Nacht auf seiner Straße fort, wendete 100 sich aber bald feldeinwärts, da er das einsame Licht gewahr ward.

Als er näher kam, sah er ein kleines Haus vor sich liegen, und aus dem Zimmer herunter ertönte folgender Gesang:

    Schlafe, mein Kind,
    Regen und Wind
    Verrauschen geschwind.
        Tag und Nacht
    Wechselt mit Bedacht,
        Fröhlichkeit und Leid;
        Drum werde früh gescheid.
Manch Glück und Unglück wirst du tragen
Lerne dankbar seyn und klagen.
        Schlafe, mein Kind,
        Regen und Wind
Bestandlos wie Glück und wie Traurigkeit sind.

Wer hätte aus diesem moralischen Gesange nicht geschlossen, daß hier eine überaus philosophische Mutter oder Amme ein Kind in den Schlaf gesungen? Der Alte stand eine kleine Weile nachdenkend vor der Thür; dann entschloß er sich, anzupochen.

Die Thür eröffnete sich, und eine alte Frau führte ihn in ein Zimmer, in dem eine Wiege stand, in welcher ein gesunder Knabe schlief; die Alte war die Sängerin und setzte ungestört ihre Beschäftigung wieder fort. Der alte Wanderer trocknete seine Kleider am Feuer, dann wurde ihm stillschweigend ein Abendbrod aufgetragen und man wies ihm ein Lager an. Er verwunderte sich sonst über wenig in der Welt, aber diese Aufnahme kam ihm doch sonderbar vor.

Als die Sonne aufging, erwachte er. Die 101 Gegend war wüste und ohne Berge, so weit sein Auge reichte, nur kleine Wälder und Gebüsche standen einsam in der weiten Fläche; auf dem Dache des Hauses hörte er einen Vogel singen:

  Was gestern war, ist nun vorbei,
Die Luft bleibt mir lieblich und frei,
Was gestern war, weiß ich noch kaum,
Das Leben ist doch nur ein Traum,
Drum sing' ich, und bin ich nicht krank,
Ergötzt mich mein eigner Gesang.
Der Regen und Sturm ist vorbei,
Nun klingt wieder die Melodei.


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