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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein und dreißigstes Kapitel.

Exekution des Kopfes.

Es war nun die Zeit gekommen, daß Peters Sinn gänzlich geblendet ward, und daß er mit raschen, verdoppelten Schritten seinem Untergange zueilte. Er hatte Agnes, die Schwester des Ritters Anton von Friedheim, gesehn, und beschlossen, sie zu heirathen. Und ich glaube in der That, daß, wenn es nicht Verfasser und Leser überdrüßig würden und dem Blaubart endlich ein Ziel setzten, so wäre es dem Blaubart recht, wenn man einen großen Folioband von ihm schriebe, in welchem beständig wiederholt würde, daß er sich von Neuem verheirathet hätte.

Er ging zum Rathgeber, und fragte ihn wieder, ob er heirathen sollte: Nein, antwortete der Kopf; indeß war dem Ritter das schon etwas Altes, er kehrte sich daran nicht, sondern nannte dem Kopf den Namen Agnes, worauf der Bleierne winselte und sagte: Heirathe nicht in diese Familie, denn es ist Dein Untergang. Ein toller Bruder von ihr, Simon –

O, nun bin ich es endlich überdrüßig, rief Peter in der höchsten Wuth aus; darfst Du Dich unterstehn, von allen Menschen schlecht zu sprechen? Der Mann ist wohl klüger als Du, keine Spur von Tollheit ist an ihm, an der Du einen so großen 239 Ueberfluß hast. – Und wo hast Du Dich denn nun bis jetzt, mein Freund, vernünftig bewiesen? Was hast Du mir denn für vortrefflichen Rath gegeben? Lauter Narrenwesen ist es mit Dir, und ich will Dich jetzt auch endlich abdanken. Ist es wohl der Mühe werth, daß ich Dich so weit aus dem Mittelpunkt der Erde heraufgeholt habe? Fort mit Dir!

Er faßte den bleiernen Kopf, der sich vergeblich mit Händen und Füßen sträubte, und warf ihn gewaltig oben von der Burg herunter. Er fiel auf einen spitzigen Stein und sprang in mehrere Stücke; eine kleine Schlange schoß aus dem Kopfe hervor, lief eine kleine Strecke, und arbeitete sich dann mit großer Emsigkeit in den Boden hinein.

Es war, als wenn sie von der Hinrichtung des Kopfes der Unterwelt die schreckliche Nachricht überbracht hätte; denn kurz darauf sah man, daß die ganze Erde lebendig ward; sie that sich auf, und Wiesel und Mäuse, Insekten und andres Gewürme versammelten sich um den todten Kopf, und winselten und wehklagten laut. Dann wurde eine Bahre mit einem köstlichen Sarge aus der Erde gebracht, vier Hunde trugen die Leiche und trockneten sich die Thränen mit weißen Tüchern bei jedem Schritte; vorn ging der Pudel, der am Felsen der Fee Wache hielt, als Marschall mit einer Trauerfahne und einer Citrone in der Hand, dann kam unter einem kläglichen Gesange das Heer der unterirdischen Thiere, dann folgten in einer Trauerkutsche, die um und um mit Spinnweben behängt war, Bernard und die alte Fee, die Pferde waren mit Decken von Spinnweben behangen, dann folgten Prediger und Küster.

240 Die Leidtragenden stiegen aus, als man an Ort und Stelle gekommen war; man hielt dem Kopfe die Parentation, und das Heer der kleinen Thiere schloß einen Kreis um den Pudel, die Maulwürfe, Wiesel und Hamster zurückwiesen, die sich etwa zur heiligen Ceremonie drängen wollten. Es war kläglich, den Schmerz der Tiefbetrübten anzusehn, die Wehklagen der Fee, die Theilnahme des alten Bernard, den Jammer des Pudels.

Jetzt war er eingesenkt, und ein dumpfer Schmerz folgte auf den lauten. Ein prächtiges Grabmal ward dem verblichenen Verdienstvollen gesetzt, mit dieser Inschrift:

Steh, Wandersmann! Hierunter liegt die große Seele, die sich ganz dem Studium der Weisheit ergab, und nur den Kopf, als den edelsten Theil ihres Körpers, ausbildete.

Das Trauergefolge versank wieder in die Erde, und lange Zeit geschahen von Rathsbedürftigen Wallfahrten nach diesem Grabmale; nachher ward ein Rathhaus hingebaut, und über den Gebeinen des Verstorbenen steht der Rathskeller. Noch weht dort ein leiser, begeisterter Hauch und erinnert die Sterblichen an den großen Mann, den sie verloren haben.


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