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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vier und zwanzigstes Kapitel.

Sonderbares Verhör.

Peter kam vom Gevatterschmause zurück, und brachte einige Gewissensbisse mit sich, da er nach langer Zeit zum erstenmale wieder in einer Kirche gewesen war. Die Kruzifixe und Gemälde hatten ihn melancholisch gemacht, und er beschloß, sich mit der ersten Gelegenheit zu bessern. Sollt' ich nicht auch einmal, sagte er, auf das Heil meiner Seele denken, da ich oft auf so erzdummes Zeug denken muß? Meine Seele, mein' ich, ist denn doch auch nicht gänzlich zu verachten, wenn sie gleich besser seyn könnte, es ist doch immer ein Stück von mir, das ich in Ehren halten muß, sie kann sich noch bessern, und mir selber nachher Ehre machen. Man muß sich auch nicht so unbesehen dem Teufel in die Hände liefern, denn sonst möchte am Ende die Waare für ihn zu gut seyn. Es giebt aber immer noch Menschen, die weit ruchloser sind, als ich, das kann mich beruhigen, und wenn die Christen sind, so gehöre ich auch mit darunter. Ich will eine Wallfahrt nach dem gelobten Lande vornehmen, mich von allen Sünden zu reinigen, und damit ist denn, mein' ich, dem Himmel mehr als genug geschehn; indessen soll es mir darauf nicht ankommen.

Er wollte vorher aber die Meinung seines getreuen bleiernen Kopfes vernehmen, ging deshalb nach dem Pavillon herauf, erinnerte sich aber, daß er den Schlüssel nicht bei sich habe, der dem eigensinnigen Rathe nur die Zunge öffne, so wie es auch bei vielen wirklichen Räthen der Fall ist, so daß ich ungewiß 213 bin, wer hier wohl dem andern nachahmen dürfte. Sogleich stieg er die Treppen wieder zurück, und suchte Magdalenen auf, die eben in der Küche bei'm Feuer stand.

Gieb mir doch, geliebte Gattin, sagte er mit sehr sanfter Stimme, den goldenen Schlüssel, den ich Dir anvertraute.

Da hab' ich jetzt Zeit, schrie die geliebte Gattin Magdalene, mich mit Deinem einfältigen Schlüssel abzugeben, der Hase würde indessen verbrennen.

Ich muß ihn aber jetzt haben.

Und ich sage, daß ich ihn Dir jetzt unmöglich geben kann!

Magdalene, Du wirst mich böse machen.

Sey so böse, als Du immer willst, ich kann doch den Braten nicht verderben lassen.

Es liegt mir nicht am Braten, rief Peter ungeduldig aus, ich will nach dem gelobten Lande ziehn, und dazu brauche ich nothwendig den goldenen Schlüssel.

Mir kann es recht seyn, antwortete Magdalene, indem sie sich noch immer bei'm Feuer beschäftigte; so zieh meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst.

Nun verlor der Ritter die Geduld; aus der ruhigen niederländischen Familien- und Küchenscene ward nun plötzlich ein historisches Gemälde voller großen Affekte, denn Peter gerieth in Wuth, Magdalene stemmte die Arme in die Seite, und der unschuldige Hase verbrannte wirklich.

Ich habe Deinen dummen Schlüssel gar nicht! sagte endlich Magdalene in der höchsten Ungeduld, und glaubte dadurch dem Zanke ein Ende zu machen.

Du hast ihn nicht? rief Peter aus.

214 Nein, sagte Magdalene, der Teufel weiß, wo er hingekommen ist; wer kann auf solche Lappalien so genau Acht geben, vielleicht hat ihn gar die Katze verschleppt.

O Magdalene! Wo sind meine goldenen Erwartungen geblieben? Ist dies das schöne häusliche Glück, das ich mit Dir zu genießen dachte?

Habe ich Dir denn aber nicht vorhergesagt, daß der Hase verbrennen würde?

Ach was Hase! schrie Peter mit den Zähnen knirschend, von meinen hohen idealischen Träumen ist hier die Rede, von meinem Schwung der Phantasie, von Allem, was dem menschlichen Herzen so unaussprechlich theuer ist.

Nun seht den Narren, rief Magdalene dazwischen, verlangt da Dinge, die es in der Welt gar nicht giebt.

Sprich, Falsche, nahm Peter das Wort und faßte sie hart an, bist Du nicht in dem verbotenen Zimmer gewesen?

Nun ja, sagte die Gattin, wenn Du es nun doch durchaus wissen mußt.

Peter stand erstaunt. Ist es denn Keiner gegeben, sagte er, ohne Neugier zu leben? Keiner? Auch die können sie nicht lassen, die so einfältig sind, daß sie von sich selber nichts wissen; die aus den Winkeln herausgerissen werden und die dann eines Glücks genießen, auf das sie niemals rechnen konnten? O was soll ich dann von den Menschen denken! Sie stoßen Glück und Leben, Alles, was sie haben und wünschen, von sich, um eine nichtswürdige Leidenschaft zu befriedigen, den elendesten von allen Affekten, 215 einen Appetit, den der vernünftige Mensch gar nicht kennen sollte. Aber Alle, Alle haben sie das verfluchte Trachten, von dem verbotenen Baum zu essen, blos weil er ihnen verboten ist. So muß ich Alles, was lebt, für meinen Feind erkennen, nichts geht freundlich mit mir um; meine Liebe, Dein Leben war Dir nichts gegen die Wuth, dieses verbotene Zimmer zu sehn!

Aber welch' Lärmen um nichts! Es ist ja nichts einmal im Zimmer darin, als die leeren Wände; ist es der Mühe werth, deswegen in solche Wuth zu gerathen?

Es ist nicht dies, Dummkopf, sagte Peter mit unterdrücktem Grimme. Wo ist der Schlüssel?

Ich sage Dir ja, daß ich ihn nicht habe, schrie Magdalene, und fing an zu weinen.

Wo ist er?

Ich habe ihn weggeschickt.

Weggeschickt? – Bekenne mir Alles und schnell, denn sieh, dieser Degen soll sogleich Deine Brust durchbohren, wenn Du mir nicht Alles sagst.

Er machte bei diesen Worten so wüthende Gebehrden, daß Magdalene anfing zu zittern. Ich will Alles gestehen, sagte sie schluchzend. – Da ich das Zimmer so hübsch geräumig fand und gar nichts darin, da ich auch bemerkt hatte, daß Du so wenig, wie Jemand anders hineingeht, so nahm ich mir vor, es für mich selber zu bewohnen. Ich schickte deshalb den Schlüssel an Hans, daß er sich in das Schloß schleichen, die Stube aufschließen und dort bleiben sollte.

Wer ist der Hans?

216 Du willst auch Alles wissen: mein alter Liebster!

Peter trat einige Schritte zurück; dann rief er mit lauter Stimme aus: O, Asträa! so bist Du es denn nicht allein, die der Teufel von der Erde weggeholt hat, sondern auch die ländliche Unschuld? O, woran soll man nun noch glauben? Aus dem Regen bin ich in die Traufe gerathen, denn das hat doch noch keine von meinen vorigen Weibern gewagt. Verflucht sey das Landleben, verflucht sey alle ländliche Natürlichkeit! Zum Henker mit der Gurli, wenn es so um solche Charaktere steht!

Magdalene wurde von Neuem unwillig. Wozu soll das Gelärme? sagte sie beherzt. Bist Du der einzige Mensch, dem man gut seyn soll? Bist Du so schön, daß Du so etwas verlangen kannst? Den Hans habe ich eher gekannt, als Dich, und ist doch wohl noch ein Mensch, der solch eine kleine Stube und etwas Liebe von mir verdient.

Wir wollen nicht weiter streiten, sagte Peter. –

Ach! ich muß hier die Feder vor Rührung aus der Hand legen, denn am folgenden Morgen war auch sie, die Gute, nicht mehr. Zärtliche Schäfer und Schäferinnen weinten ihrem Andenken manche Thränen, und erzählten sich von ihr in den trauten Abendstunden; und ich kann es nicht unterlassen, auf den Blaubart immer böser zu werden. Ich hoffe, er soll seiner Strafe nicht entgehn. 217


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